Zlnterhaltungsbtatt des vorwärts Nr. 145. Dienstag, den 23. Juli. 1903 (Nachdruck verboten.) Mi Köle Mcdte. Nontcm von Jonas Sic. Die frühere leidenschaftliche Eifersucht auf Ahrahams Kiinstlerleben und alle die, die ihn in Anspruch nehmen konnten, regte sich wieder in Gjertrud, trat aber Plötzlich in ein blendendes Licht. Fürchtete sie im Grunde die Modelle, von denen er so offen sprach, so sehr? Nein, seine ganze Kunst, seinen weiteren Blick, seinen Geist wollte sie dem ihren unterordnen! Und doch— war es nicht ihr Licblingsgedanke, dajz er Künstler werden sollte, ein großerMaler?—• er mit seinem unbändigen Feuer, der ihre Phantasie cmszufiillen vermochte wie kein andrer? Was hatte ihr diese eifersüchtige Leidenschast gebracht! So wie sie beide sich gekannt hatten,„miteinander ver- wachsen waren", hatte er gesagt. Sie hatte ihm ihre Freund- schaft für das ganze Leben gelobt. Das gab ihr jeht ein Recht und eine Pflicht zugleich. „Sagtest Du: schreiben, Mutter? Ich will heute abend aufbleiben, dann kann der Brief an Abraham morgen früh mit der Post fortgehen." XXV. Abraham war direkt von Paris nach Hause gekommen. Er hatte schliestlich eine solche Sehnsucht nach dem Vater und Tante Sophie und allem daheim bekommen, daß er ein Bild nah, halbfertig auf der Staffelei zurückgelassen hatte. „Dil solltest mir es eigentlich bezahlen, Vater," scherzte er.„aber ich bin nicht so ein Geizhals wie Dil, ich last es ganz ruhig fahren. Wir sind ja jetzt furchtbar reich! Du siehst vortrefflich aus, Vater, ich will ja nicht gerade sagen, strotzend von Gesundheit; aber vom Standpunkt eines Malers aus. Du kannst Dir wohl denken, dast ich mich daran gewöhnt habe, die Gesichter darauf hin anzusehen. Ich must Dich wirtlich malen." „Das wäre kein übler Gedanke, aber es ist doch im Grunde sonderbar. Ich kann noch immer nicht so recht klug daraus werden, warum Du so plötzlich nach Hause gekommen bist, meine ich. Du hast einen Grund, mein Junge!" „Aber, liebster Vater, welch einen andren Grund als den angegebenen sollte ich wohl haben?" „Unsinn! Du bist gewissermaßen so aufgeräumt red- selig und so gut dabei, ich habe wirklich den Verdacht, dast Du mich in irgend einer Weise hinter's Licht führst! Ja, Du kannst Dir wohl denken, daß ich mich über Dein Kommen freue! Es ist nicht gerade allzu amüfant, hier so allein in dieser ewigen geschäftlichen Tretmühle zu geheil. Und, ich must ja gestehen, dast meine Laune infolgedessen auch nicht eben die rosigste gewesen ist. Aber jetzt, wo Du den ganzen Winter hier bleibst, wie Du ja sagst, da denke ich, soll es besser werden. Sag' einmal, Abraham, glaubst Du etwa, dast ich es nicht durchschaue? Tante Sophie hat Dir geschrieben, nicht lvahr? Obgleich ich es ihr doch so ausdrücklich verboteil habe," führ er plötzlich nervös auf. „Ich gebe Dir mein Ehrenwort darcmf, Vater, dast sie cS nicht gethan hat. Ihren Berichten nach warst Dil in der besten Laune. Sie hat mich hintergangen, denn Du bist elend — das bist Du!" „Sollte etwa Frau Bratt zufälligerweise?" kam e? forschend heraus. „Mein.Ehrenwort! Aber, da Du der Sache doch so gern auf den Grund kommen willst, so kann ich es Dir ja gern sagen Ich hatte nämlich so eine Idee— eine ganz alte übrigens. Du weißt, so etwas, wovon man sich nie frei machen kann. Ich mußte nach Hause und mir diese Gjertrud Bratt einmal ansehen; sie war ein höchst interessantes und ungeheuer schwieriges Porträt. Es hat mir stets wie eine Art Kraftprobe vorgeschwebt, ob es. mir gelingen würde, sie zu treffen oder nicht. Vor allen Dingen kommt es ja natürlich darauf an, sie dazu zu bringen,— früher weigerte sie sich auf das be- stimmteste." „Ich kann mich also darauf verlassen, daß es nicht meiner Gesundheit wegen geschah?" �.Es geschah weit eher meiner eignen Gesundheit wegen. Aber wie geht es Dir denn im Grunde, Vater? Thust Du wohl ein wenig für Dich?" „Ach,— schlechte Blutzirkulation, das Blut steigt mir immer so zu Kopf, und dann wird man ja auch ein wenig schwermütig."— „Das heißt mit andren Worten, Vater, dast Du nicht dazu gemacht bist, Dich hier ewig in demselben Kreislauf zll be- wegen und abzuplacken! Auch Du Haft eine Art von unregel- mästigem Künktlerblut in Dir. Nun erlauben Deine Mittel es Dir ja, zu leben und Dich zu amüsieren, wie Du loillst. Kannst Du Dich nicht ein wenig frei machen und mit mir kommen? Wir bauen uns ein hübsches Haus oben in Deinen Wäldern, so wie ich es mir wünfche, nicht so wie Du es haben willst," scherzte er.„So ein ordentliches altes Balkengebäude mit der Aussicht auf irgend einen großen, schäumenden Gieß- bach und weit hinab über ein Gewässer. Ich sehne mich mehr und mehr danach, zu Hause zli leben und zu malen. Und Tu rückst ein wenig Geld heraus und legst einen Garten an und all fo etwas, was Dir Freude macht. Wir hausen jeder auf einer Seite des Hauses."— „Ist es nicht sonderbar, Abraham, seit Du heute morgen gekommen bist, fühle ich mich weit frischer und leichter. Es ist gern möglich, dast ich nur der Zerstreuung bedarf,— andrer Interessen als derjenigen, die ich gar nicht habe."— „Du hast zu viel Glück gehabt, Vater,— es geht Dir akkurat wie jemand, der mit zu viel Essen vollgepfropft wird." „Wir wollen zusammen ausreisen, Abraham, und uns nach einem Platz umsehen, wo wir bauen können. In drei bis vier Tagen kann ich foweit fertig sein." „Nicht ein wenig früher?" „Vielleicht in— zwei bis drei Tagen.--- jCks ist wirklich wahr, ich lebe hier wie in einem Kellerloch. Und da ist es wohl eigentlich ganz natürlich, dast man melancholisch und schwer- mutig wird, und dast einem das Blut zu Kopf steigt. Ich habe in der letzten Zeit fortwährend diesen Blutandrang gehabt.— Und jetzt ist es wie weggeblasen— auch die Gedanken!" „Englisch Salz, Vater!" „Ja, es ist sonderbar, wie doch alles vom Körper abhängt. Wem: ich nun zum Beispiel nachdenke, worüber ich mir im Grunde so viel Sorgen mache, dast ich die Schwind- sucht bekommen könnte."— „Aber, lieber Vater, hast Du eigentlich irgend welchen Grund, Dir—? Du sitzt ja auf einem grünen Zweig!" „Wenn man keine Sorgen hat, dann macht man sich welche— so in schlaflosen Nächten. �— Man liegt da und grübelt, ob man nicht im Grunde ein Schurke ist,— ob man sein Vermögen nicht wie ein Spitzbube erworben hat, man fährt zur Hölle,— man brät sich schließlich,— in Ermangelung von wirklichen Sorgen." „Du hast zu viel Glück gehabt, Vater." „Das ist es! Man ist zu schwach, um das Glück ertragen zu können. Jetzt, wo ich das Ganze überschaue, ist es mir, als sei ich hier allein umhergegangen, tappend wie in einem schweren.Traum. Freilich werden wir etwas misfindig machen. was uns interessiert.— Bauen wollen wir. Du! Jetzt, wo Du ein großer Maler bist, mußt Du ja eine Residenz haben, Jrmge, eine recht romantische." „Und dann achten wir ein wenig auf Deine Gesundheit, Vater. Ich denke. Du gehst im Sommer in ein Bad; ich habe gar nichts dagegen, mich etwas umzusehen und Dich zu be- gleiten. Mir ist es auch ganz gut. mich ein wenig abzuwaschen in kaltem Bkisfer hier oben im Norden;— diese italienische Wärme verweichlicht sehr." „Kein übler Vorschlag das!— Es wäre Dir gewist ganz zuträglich, wenn Du Dich ein wenig abhärtetest, Abraham." Er fast bis spät in den Abend hinein mit dem Sohn zusammen. „Ist es nicht, als wenn der Vorhang aufgerollt würde und ein ganzes, heiteres Jahr vor uns läge,— voller Dinge, an denen ich Freude haben könnte!-- Man hat Lebenskraft in sich und versäumt es, sie zu benützen,— und dann wird man melancholisch.-- Soll ich schon wieder diese Medizin nehmen. Sophie?" „Der Doktor,— Du weißt, Johnston;— es ist, damit das Blut--" „Ach nein, ich danke bestens;— das Blut ist auf dem besten Wege der Besserung,— das fühle ich.-- Allein der Anblick so einer Pillenschachtel erinnert einen an all dies Raßliche, Verdrießliche,-- hui Danke, Sophie,— behalt die Pillen nur für Dich.— Nein, es fällt mir wirklich nicht ein.— � Aber Abraham soll ein wenig extra guten Rheinwein haben, und ich will auch so viel davon nippen, daß ich fühle, was eigentlich eine gemütliche Stimmung ist.— Das ist lange,— sehr lange her, Abraham!" XXVI. Abraham ist ein vorzügliches Opiat für mich, er mit seinen Interessen. Ihn glücklich zu sehen. Aber man ist nun einmal nicht Abraham, man ist sein Vater, der gearbeitet und Geld zusammengetragen hat, um ihn mit Glanz zu umgeben, und der dafür verantwortlich ist. Man kann sich natürlich glücklich machen, diese Einbildungen abstreifen und sich in gute Laune versetzen. Aber den Eid habe ich nun einmal abgelegt— und klebt irgend etwas Un- rechtes daran? Das ist und bleibt die Sache für mich, ich mag es nun vergessen oder nicht. Ja, ja, da haben wir es! Erwache ich nicht wieder mitten in dieser Ewigkeits-Grübelei? In der vorigen Nacht schlief ich so prächtig, nach Abrahams Heimkehr, schlug die Augen auf und glaubte, es sei wie gewöhnlich erst halb zwei Uhr nachts,— und dann war es acht Uhr und der Tag schien hell durch das Rouleaux!— ich stürzte mich gleich ins Geschäft, frisch wie in Fisch, um einen Tag für die Reise mit Abraham zu gewinnen.-- Ich fühlte mich gestern den ganzen Tag hindurch so leicht.-- Und nun,— hier bin ich wieder,— mitten drin in diesem Dunklen, Häßlichen.— Man bleibt stets in alle Ewigkeit dabei stehen,— daß der Mensch allein ist— allein— und alles andre schließlich nur Lärm und Geräusch um uns her ist.|£s ist eine Krankheit, sich so schwindelnd allein zu fühlen, und das mach' einen so bang! Die Wahrheit ist, daß wir mit dem ganzen Dasein zusammengehören: so fühlt man auch, wenn man gesund ist, »nd da wird man sicher. Aber ich, ich bin krank. Das heißt, ich habe Gewissens- bisse auf eine Art und Weise, der ich nicht entrinnen kann. Sobald die Sache aufgeklärt ist, würde ich gesund, könnte ich mit Abraham in den Wald, ins Bad reisen. Aber das Gefühl, daß ich mir nie so recht klar darüber werde, ob ich etwas in mir habe, was nagt,— wenn ich das mit mir nehmen soll, dann—— Es ist nicht unmöglich, daß die Uhr zu schnell gegangen ist,— alte verschlissene Uhrwerke, die von neueingesetzten Federn getrieben werden.-- Zwischen zwanzig, vielleicht nur fünfzehn oder zehn Minuten nach elf, und ein Viertel vor.-- Dann wäre es doch eine völlige Unmöglichkeit, sich Skrupel zu machen.— Ach ja, man glaubt das, was man wünscht.-- Aber, dann kommt es nicht auf die Einbildung an.--- Er lag da und starrte den goldenen Zeiger und die Zahl an,— wie lange konnte der sich verzögert haben?-- setzte er mit niedrigcrem und niedrigerem Ausgangspunkt an.— Und dann begann der Wirbel von Berechnungen, ob er hätte nach Hause fahren können, und ob das Telegramm Zeit gehabt haben würde, dort zu liegen oder nicht-- bis er plötzlich in Schweiß gebadet aus dem Bette sprang und anfing, sich Gesicht und Stirn mit dem Handtuch zu kühlen. Er stand da und starrte auf das Bett.-- Unmöglich, sich wieder auf die Folterbank zu legen.-- jEs war wohl das beste, sich anzukleiden und den Versuch zu machen, in den Kleidern zu schlafen,— das war doch eine kleine Abwechslung.— Und dann an Abraham zu denken.— Ein Buch nehmen.-- Er setzte sich hin und las beim Schein des Lichtes.— Nein---- Es kann leicht sein, daß ich in Bezug auf diese Sache der unschuldigste Mensch unter der Sonne bin, kann leicht sein. Und mein gesunder Verstand, wenn ich wohl bin, würde mir das auch wohl sagen. Er sagte es mir so klar an dem Tage, als Abraham nach Hause kam. Aber trotzdem bringt mich die Sache noch zum Wahnsinn. Ich kann es nicht ertragen, und wenn mir alle Schätze der Welt geboten würden, so wollte ich nicht noch einmal schwören, daß ich nicht ganz unschuldig bin. Wie kann ich das wissen? Ich sehe nicht so weit. Dies ist für mich das Entweder— oder! Könnte ich mich alles dessen entäußern, was ich direkt und indirekt dadurch gewonnen habe, meines ganzen Ver- mögens, so würde ich wieder nackt und frei und fröhlich da- stehen, ich würde jubeln, jubeln! Aber man thut es nur nicht, denn ich bin ja so„über- glücklich"! Ja, je mehr ich verdiene, desto mehr bedrückt es mich. Wie oft ich nun wohl bis zu diesem Punkt gelangt bin! Es ist gleichsam eine Station, bei der ich stets ende. Aber mein Fleisch und Blut will nicht, es ist zu unnatürlich, man hängt zu sehr daran fest.-- Hat ja den Familiensinn.— Der sitzt zu tief in mir eingewurzelt.-- Es wegtestieren? Die ganze Geschichte schon zu Leb- zeiten verschenken? Gott weiß, wie leicht und wie froh mir ums Herz sein würde! Ja, ich bin fest überzeugt, daß manches Vermögen aus dem Grunde forttestiert ist, um etwas zu sühnen. Wenn ich gleich Ernst daraus machte? Sonst könnte ich armer, schwacher, thörichter Mensch es bereuen! rief er aus. (Fortsetzung folgt. X (Nachdruck verboten.) Vornehme Giftmischer. Für den Hervorragendsten Vertreter der unumschränkten Mon- archie von Gottes Gnaden gilt nach wie vor König Ludwig XIV- von Frankreich. Jene deutschen Fürsten des 17. und 18. Jahr- Hunderts, die sich den Sonnenkönig zum Vorbilde nahmen, werden zwar selbst von den wohlgesinnten Historikern unsrcs Landes, was gewiß viel sagen will, nicht eben als Muster aufgestellt. Aber die Regierung dessen, den die deutschen Landesväter der guten, alten Zeit nachäfften, wird von der landläufigen Geschichtschreibung seiner Heimat wie Deutschlands unentwegt für die Glanzzeit der französischen Geschichte ausgegeben. Man muß den Blick ganz an der Oberfläche, an etlichen auffälligen Erhebungen der Oberfläche! haften lassen, um den Glanz zu entdecken. Glänzende Siege— gewiß; aber schon ein Zeitgenosse hat die Kehrseite gezeigt durch das treffende Wort:„Man starb vor Hunger beim Schall des Tedeums". Ein glänzender Hof und ein glänzender Adel— aber die Masse des Volks in Lumpen und halb vertiert. Und wenn man absehen will von der Thatsache, daß der Glanz der oberen Zehntausend die Not der Millionen nur übel verhüllte, dieser Glanz selber war wieder bloß ein dünner Firniß, der abgekratzt werden muß, um die wahren Züge der französischen vornehmen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts zum Vorschein zu bringen. Wer diese Herrschaften nur daraufhin be- trachtet, wie sie sich nach außen hin gaben, der sieht die Schauspieler bloß auf der Bühne, nicht hinter den Coulissen. Auf offener Bühne sieht die französische Adelsgesellschaft der Zeit Ludwigs XIV. gewiß höchst civilisiert aus, da ist alles edle Sitte, guter Ton, gemessener Anstand. Aber je mehr die urkundliche Geschichtsforschung den Blick eröffnet in Regionen, wl die vornehmen Schauspieler ohne Schminke und Kostüme, ohne das gezierte Thun des Hofparketts ihr innerstes Wesen zeigen, um so weniger bleibt von der vielgepriesenen Civilisation übrig, um so mehr erscheint dieser zierliche Adel als eine wilde Horde bösartiger Bestien, die ihren tierischen Instinkten freien Lauf lassen. wo sie es für zweckmäßig halten und sich unbeobachtet glauben. Ein soeben in deutscher Uebersetzung erschienenes Werk des französischen Gelehrten Frantz Funck-Brentano") öffnet an der Hand eines umfassenden und unanfechtbaren Aktenmaterials in die ange- deuteten Mysterien der französischen Sittengeschichte des 17. Jahr- Hunderts einen tiefen Einblick, der geradezu verblüffend wirkt. Man überzeugt sich mit Staunen, daß diese ganze feine und feingebildete Gesellschaft— mindestens fast der ganze weibliche Teil— an die Möglichkeit des Zauberns steif und fest geglaubt hat und zu vermeinten Hexen und Hexenmeistern hingelaufen ist, nicht allein, um sich wahr- sagen zu lassen, sondern auch, um durch Ableiern sinnloser Be- fchtvörungsformeln und Einhandeln widerwärtiger Licbestränke oder -Pulver Wirkungen zu erzielen, für die kein gewöhnliches Mittel langte. Das zeigt den französischen Adel von der intellektuellen Seite: in den hirnverbranntesten Wahnvorstellungen barbarischer Völker befangen. Von der moralischen nimmt er sich noch lieblicher aus. Von der Fabrikation von Licbestränkcn ist nur ein kleiner Schritt zum Brauen ganz anders höllischer Mixturen, nämlich zum Giftmischen. Den Schritt hatten die französischen Hexen der Zeit gemacht; denn in den Kreisen ihrer zahlreichen und zahlungsfähigen Kundschaft aus dem Adel bestand damals eine riesige Nachfrage nach geeigneten Mitteln, um Konkurrenten im Kampf um Liebe und Gunst, um Macht und Reichtum geräuschlos und ohne Aufsehen aus dem Wege zu räumen. Unter der Kundschaft der Giftmischer ist kein Name, der allge- gemeiner bekannt wäre, als der von Frau de Montespan. Jedermann hat von ihr gehört als einer der Hauptmaitreflen des Sonnenkönigs. Bildschön und liebreizend, klug und gebildet, hatte die adlige Abenteuerin ihre Vorgängerin La Balliere im betveglichen Herzen Ludwigs XIV. ausgestochen und sich seitdem dreizehn Jahre, von 1667— 1679, wenn auch nicht unangefochten durch gelegentliche •) Frantz Funck-Brentano, Die Giftmord« Tragödie nach den Archiven der Bastille. Deutsch von Rina Koblich. Mit 8 Illustrationen. Verlag von Albert Langen, München 1963. Geheftet 4 M. — 579— Seitensprünge teS königlichen Liebhabers, behauptet. In dieser Zeit war sie die wahre Königin von Frankreich. Die nominelle bewohnte in der zweiten Etage des Versailler Schlosses 11 Zimmer. Frau de Montespan in der ersten 20. Die acht Kinder, die sie Ludwig gebar, wurden zu königlichen Prinzen und Prinzessinnen legitimiert, und sie erreichte für sich, wie für andre, was sie nur wollte. Von den Reich- tümcrn, die Ludwig seiner Herzenskönigin in den Schoß warf, mag die Thatsache eine Vorstellung geben, daß sie es sich leisten konnte, an einem Tage 700 000 Thaler im Spiel zu verlieren. Kurz, es fehlte ihr zur Königin nichts als der Titel—, bis sie eines Tages in Frl. de Fontanges eine Nachfolgerin bekam. Sie machte mit vornehmem An- stand gute Miene zum bösen Spiel, wurde übrigens sürstlich ab- gefunden, mit einer jährlichen Rente von 600 000 Franken, und ver- legte sich schließlich auf das Bctschwesternwm. Im Rufe exemplarischer Frömmigkeit ist sie 1707 gestorben. Das wäreil so ungefähr die Grundzüge der herkömmlichen MonteSpan-Biographie. Wenn man's so hört, möcht s leidlich scheinen: leidlich wenigstens ini Vergleich mit dem, was nun das Funck-Brentano'sche Buch aus dem Staub der Archive über die Ge- Heimgeschichte der Beziehungen zwischen Madame de Montespan und Ludwig ans Tageslicht gezogen hat. Es sind Dinge, die wie ein Märchen aus 1001 Nacht anmuten, aber wirklich geschehen sind und zur Zeit ihres Geschehens etwas ganz Gewöhnliches waren. Die Montespan ist nicht ohne Kampf von ihrem Platz gewichen, sondern hat alles Menschenmögliche oder vielmehr Menschenunmögliche versucht, um sich zu behaupten und schließlich wenigstens sich zu rächen. Von An- Heginn ihres Verhältnisses zu Ludwig hat sie es mit der Zauberei versucht und im Laufe der Jahre alle Stadien durchlaufen, so daß sie dazir dienen kann, die Hauptseitcn der ganzen Sache zu illustrieren. Schon im Jahre 1667 suchte sie den Zauberer Lesage und dessen Helfershelfer, deil Abbe Mariette, Priester von Saint- Severin, in der Rue de la Tannerie auf. Da sprach, während Lesage den kirchlichcil Hhmmis„Veni Creator Spiritus" sang, Mariette im priesterlichen Ornat an einem Altar die Beschwörungs- fornieln und la-s das Evangelium über dem Haupte der Montespan, die vor ihm kuieend Beschwörungsformeln gegen la Vallisre, die bisherige Maitresic des Königs, hersagte und die Verstoßung der Königin zu ihren eignen Gunsten herbeizaubern wollte. Ein ander- mal sollten Beschwörungen, deren das Trio sich im königlichen Schloß erfrechte, den Tod der Balliere und die Ehre, das königliche Lager zu teilen, für die Montespan herbeiführen. Da sie es bald darauf zu diesem Ziel ihrer Wünsche brachte, wurde der Glaube der Montespan an die Kraft der Zauberei felsenfest. Um dieselbe Zeit knüpfte sie bereits Beziehungen an zu der Voisin, der allerberüchtigstcn unter den Pariser Hexen. Diese Vettel betrieb außer dem Wahrsagen und Zaubern auch das Geschäft einer Hebamme, hauptsächlich aber in dem Sinne, daß sie Kinder abtrieb. Sie hat später gestanden, die Körper von niehr als 2300 zu ftüh geborenen Kindern verbrannt oder vergraben zu haben. Dies war noch ihre harmloseste Vcschäftigniig. Ihr einträglichstes Geschäft, womit sie jährlich 30—100 000 Frank verdiente, war das Wahrsagen, der Verkauf von Liebestränken und von tödlichen Giften, sowie schließlich die Veranstaltung„schwarzer Messen", wozu sie mit einem Pfaffen, des Namens Guibourg, zusammen- wirkte. Frau von Montespan holte sich anfangs bloß Liebes- pulver bci ihr, um ein Erkalten der königlichen Zuneigimg zu ver« hindern. Sie bekamen Ludwig ziemlich schlecht. Kein Wunder: Staub von getrockneten Maulwürfen, Blut von Fledermäusen und noch appetitlichere Sachen vertragen bloß ganz gute Mägen. Im Jahre 1673, als die Montespan zuin erstenmal Grund zu ernstlicher Eifersucht hatte, ging sie einen Schritt weiter— nun gleich bis zum schwersten Verbrechen. Sie ließ nämlich ans ihrem Leibe durch den Abbe Guibourg in vierzehntägigen oder dreiwöchigen Pausen drei»schwarze Messen" lesen. Die Einzelheiten dieser Prozedur sind ganz unsagbar. Rur so viel kann hier mitgeteilt werden, daß der Geistliche ivährcnd des Lesens der Messe und in Gegenwart der Auftraggeberin ein Kind abzuschlachten hatte. Dann ward folgende Beschwörungsformel gesprochen:„Astarot, Asmodeus, ihr Fürsten der Liebe, ich beschwöre euch, das Opfer, welches ich euch von diesem Kinde darbringe, anzunehinen für die Dinge, welche ich von euch erbitte, und die da sind: daß die Freundschaft deS Königs, des Herrn Dauphin mir erhalten bleibe, daß ich geehrt werde von den Prinzen und Prinzessinnen des Hofes, daß niir nichts abgeschlagen werden möge, was ich vom König erbitte, sei es für meine Verwandten oder für meine Diener." Guibourg bekam dafür 300 Frank bar und das Versprechen einer fetten Pftünde. In den nächsten Jahren wurden bloß Liebespulvcr bcimtzt. Im Jahre 1676 begann Frau de Ludres Stern am Versailler Himmel auszugehen. In der Angst, verdrängt zu werden, griff Frau de Montespan tvieder zu dein letzten Mittel der»schwarzen Messe". Diesmal war die Hcxennreisterin Voisin selbst dabei. Sie hatte auch das Opfer beschafft; das war trotz der großen Konkurrenz nicht schwer: Uneheliche waren genug zu kaufen; Guibourg schlachtete übrigens auch die eignen Kinder, die er von seiner Maitresse hatte. Frau de Montespan gewann die königliche Gunst noch einmal wieder und schob es natürlich auf die Zauberkünste, die sie also wenigstens in Gestalt von Licbcspulvern weiter betrieb. Ein paar Jahre später aber ging es definitiv mit ihrer Herrlichkeit zu Ende: das achtzehnjährige Fräulein de Fontanges verdrängte ihr Bild ans LudlvigS Herzen. Frau de Montespan schnob Rache. Sie setzte den Zauber- künsten diesmal lein geringeres Ziel, als Ludwig selber und außer- dem natürlich die gluckliche Nebenbuhlerin mittels Gift aus dem Wege zu räumen. Anfangs erschrak selbst die verwegene Voisin. Aber in einer Zusammenkunst von fünf berühmten Hexenmeistern ward die Sache dann doch beschlossen. Frau von Montespan bot freilich auch anderthalb Millionen. Dem König sollte eine vergiftete Bittschrift überreicht werden. Dem Fräulein de Fontanges ward ein Paar vergiftete Handschuhe zugedacht. Die Voisin machte persönlich den Versuch, Ludwig die Bittschrift zu überreichen. Es fügte sich aber nicht. Den 0. März 1679 kehrte sie unverrichteter Sache von St. Gcrmain nach Paris zurück. Am 13. wollte sie einen zweiten Versuch machen: am 12. aber ward sie ver- hastet. Die Polizei war ihrer weiwerzweigten Thättgkeit auf die Spur gekommen, fteilich ohne im mindesten zu argwöhnen, in welches Wespennest sie gegriffen, oder gar, daß Personen vom Range der Montespan in die Giftmischerei der Voisin, ihrer Kollegen und Kollegiimen verwickelt sein könnten. Aber jeder Tag brachte neue Enthüllimgen. Die Zahl der Verhasteten und erst der Verdächttgen schwoll ins Ungeheuere. Der König hatte anfangs, nichtsahnend, welch schauerliche Enthüllung ihm bevorstand, prompte Justiz ohne Rückficht auf Stand und Geschlecht anbefohlen. Der Mann, der an der Spitze des dazu eingesetzten Special- Gerichtshofes, der sogenannten „Brennenden Kammer", stand, der Polizeirichter la Reynie, bedurste des Anspornens nicht. Er ging mit rücksichtslosem Eifer vor, und bald waren 442 Personen, größtenteils aus der allerbesten Gesell« schaft, unter Anklage gestellt. Zahlreiche Fälle von„schwarzen Messen" waren dabei, vor allem aber handelte es sich um Gift- morde, teils versuchte, teils ausgeführte. Das neu entdeckte Gift Arsenik war das beliebteste Mittel, um in der Welt vorwärts zu kommen. Ein Ungeheuer. das an moralischem Wahnsinn gelitten haben muß, die Marquise von Brinvilliers, hatte es durch ihre erfolgreiche Mordthätigkeit zuerst in Mode gebracht: ihre erbauliche Kriminalgeschichte mag man bei Funck- Brentano nachlesen. Seitdem hatten sich die Zauberer und Hexen allgemein auf den Vertrieb dieses damals sogenannten„Erbschafts- Pulvers" verlegt und reißenden Absatz gefunden. Das Ergebnis war nun der Rattenkönig von Prozessen. Dem König und seinen Mi- nistern wurde immer schwüler, als immer tollere Sachen heraus- kamen. Die ganze gute Gesellschaft war moralisch entrüstet über den dreisten Polizeirichter, dem nichts heilig war. Der Gerichts- Hof selber besaß nicht den Mut, vornehme Angeklagte wirk- lich zu verurteilen: sie kamen mit Landesverweisung davon. Die Herzogin von Bouillon gar, die des versuchten Gattenmordes überführt war, konnte sich ungestraft die größten Frechheiten gegen die Richter herausnehmen. Bald begann Ludwig XIV. selber der Justiz in den Arm zu fallen. Vornehme Verbrecher wurden recht- zcittg verständigt und in Sicherheit gebracht. Es kam der Augenblick, wo Ludwig erftihr, was seine Geliebte getrieben hatte. Wie ihm dabei zu Mite geworden sein muß, bedarf keiner Ausmalung. Um alles in der Welt wollte der König nicht auf diese Weise in die Sache verwickelt werden. Sein immer lauter kundgegebener Wille war also, daß alle Akten, die irgendwie auf die Montespan Bezug hätten, den Richtern vorenthalten werden sollten, um den riesigen Skandal einer solchen Enthüllung zu vermeiden. La Reynie wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, daß die Gerechtig- keit derart verfälscht werde. Aber da der Wille des Königs im damaligen Frankreich Gesetz war, konnte La Reynie nichts machen. So war schließlich das Ende vom Liede, daß der ganze Skandal auf dem Wege der Kabinettsjusttz aus der Welt geschafft wurde. Die„Brennende Kammer" ward 1682 aufgehoben, nachdem man zur Belustigung des Pöbels zwei Leute, die bloß Mit- wisser gelvesen waren, als Sündenböcke hatte hinrichten lassen. Die Voisin übrigens war schon 1680 hingerichtet worden. Sämtliche übrigen Verhafteten, Zauberer, Hexen und Mitwisser, wurden durch königlichen Geheimbefehl ohne Urteil auf Lebenszeit gefangen gesetzt. ES waren Leute darunter, denen weiter nichts zur Last fiel, als daß sie etwas von der Sache wußten. Diese Unglücklichen wurden eben kaltblütig unschädlich gemacht. Die aristokrattschen Verbrecher dagegen gingen durchweg straflos aus. Sie waren eben Stützen der Gesellschaft und des Thrones.— Dr. A. C o n r a d y. kleines feiiMeton. k. Ungalante Sprichwörter. Es ist eine bemerkenswerte That- fache, schreibt die„Modern Society", daß gerade in den Ländern, wo man den Frauen am meisten Galanterie bezeigt, in Frankreich, Italien und Spanien, die beißendsten Sprichwörter gegen sie geprägt sind. Vielleicht das schlimmste, was überhaupt von Frauen gesagt ist, hat der Franzose erfunden:„Eine Frau aus Gold ist eben so viel wert, wie ein Mann aus Stroh". Daun heißt es auch nicht sehr liebenswürdig:„Eine schöne Frau, ein schwacher Verstand". Ge- linder verfährt man schon in den Sprichwörtern:„Frauen, Wind und Glück wechseln stets", oder„Schwiegermutter und Schwiegertochter sind ein Sturm- und Hagelwetter". Die Italiener sind sehr klug in ihren Misogynen Sprichwörtern. So ist z. B. viel Weitsichtigkeit in dem Sprichwort:„Ein Mädchen heiraten und ein Pferd kaufen soll man von seinem Nachbar". Oder es heißt:„Eine Frau, die gern am Fenster steht, ist wie eine Traube an der Landstraße", und„Me" Schererei in seinem Leben haben will, muß sich ein Schiff ow ein Weib nehmend Aber eine unzweideutige Bosheit liegt in folgenden beiden Aussprüchen:„Wenn ein Mann eine Frau und einen Centesimo verliert, so wird er den Centesimo vermissen", und„Die Natur hat die Frauen und die Kirche zu deren eigenen Schaden schön gemacht". Wie Frauen sein sollten, ist schwer zu sagen. Die Frauen des „duftenden Paradieses" bei den Türken bestehen nur aus Moschus und Rosenduftessenzi aber selbst dort ist es fraglich, ob die Männer nicht irgend etwas ausfindig machen, worüber sie brummen können. Der Schotte legt ein Bekenntnis nieder in dem Sprichwort:„Mädchen sollten sanft und bescheiden sein, schnell zum Hören, langsam zum Reden". Im selben Sinne heiszt es:„Traurig ist die Frau, die keine Zunge hat; aber wohl dem Mann, der sie bekommen hat". Doch die Schotten urteilen noch nicht so streng über Frauen wie viele andere Nationen. Sie erkennen zwar,„dah Mädchen und Gläser spröde Ware sind", daß es„Besser ist. halb gehängt als unglücklich geheiratet zu sein"; aber sie sagen wenigstens nicht so viel über die Falschheit der Frauen. Die Spanier sind am sarkastischsten in ihren Sprich- Wörtern:„Es ist wahr, es giebt viele gute Frauen; aber sie sind alle schon unter der Erde".—„Eine Frau soll nur dreimal im Leben das Haus verlassen: wenn sie getauft, verheiratet und begraben wird". —„Wer einen Aal beim Schwanz und eine Frau beim Wort nimmt, kann wohl sagen, daß er nichts hat." Besonders die Witwen kommen schlecht weg.„Eine Witwe mit drei Kindern heiraten heißt vier Diebe heiraten", oder:„Eine muntere Witwe muß entweder verheiratet, begraben oder in ein Kloster gesperrt werden".— Völkerkunde. — Die Heiligkeit des Ganges ist von dem gesamten Hindu- tum. nicht nur von den Anwohnern des Flusses anerkannt; in allen Gerichtshöfen Indiens leistet der Hindu den Schwur auf das Ganges- Wasser, wie der Mohammedaner auf den Koran. Weil außerdem die Verwendung des heiligen Wassers bei verschiedenen heiligen Ceremonien, wenn nicht gerade vorgeschrieben, so doch dringend empfohlen ist, wird ein schwunghafter Handel mit GangeSwasser über ganz Indien betrieben. Wochen und Monate sind oft die Träger unterwegs, die den kostbaren Stoff in ihre Heimat bringen. Eines Abends— schreibt Richard Garbe in seiner unter dem Titel„Bei- träge zur indischen Kulturgeschichte" jüngst veröffentlichten Samm- lung von Aufsätzen(Berlin, Gebr. Paetel),— stieß ich eine Stunde vor Benares auf ein Pilgerlager, das etwa vierzig Brahmanen aus Reva in Ccntralindien aufgeschlagen hatte», einfache Leute mit ländlichen Sitten und einer bei Brahmanen seltenen Bescheidenheit und Freundlichkeit des Wesens. Sie waren nach Benares, der heiligen Stadt, wo der Ganges schmutziger ist als irgendwo sonst, ge- kommen, um von dort Gangeswasser in feinster Qualität, echten Bcnares-Ausbruch, zu holen; wenn sie mit geringwertigerem Ganges- Wasser hätten vorlieb nehmen wollen, so würde ihnen der Fluß in etwa der Hälfte des Weges erreichbar gewesen sein. Jeder Pilger trug in üblicher Weise eine Tragbahre mit zwei kugelförmigen vcr- schlossenen Körben, und in jedem Korbe befanden sich nach Angabe der Leute einige zwanzig Flaschchen, so daß sie mit der reichen Ausbeute von im ganzen mehr als sechszehnhundert Flaschen in ihre Heimat zurückkehrten. Ueber jeder Tragbahre war ein roter Baldachin ange- bracht mit mehreren gleichfarbigen Fähnchen und einigen Glocken, die bei der Bewegung erklangen. Als die Pilger es sich zur Ruhe bequem machten, stellten sie diese Utensilien in einem Quadrat zusammen. Meine Aufforderung aber, einen Korb zu öffnen— ich wollte gern die Form und Größe der Flaschen kennen lernen— lehnten sie ab mit der freundlichsten Miene und der in Indien üblichen Bittgebärde, das heißt unter Vorstreckung der beiden zusammengelegten Hände; sie dürften, sagten sie, das Heiligtum meinen Blicken nicht aussetzen— als ob ich nicht täglich in Benares so viel GangeSwasser sehen konnte, als ich wollte!— Medizinisches. — Kochsalz und Nierenkrankheiten. Der„K ö l n i- schen Zeitung" wird geschrieben: Bei den mit Eiweiß- auSscheidungen und Wassersucht verbundenen Nierenleiden, wozu vor allein die Brightsche Krankheit gehört, hat in der Neuzeit ausichließ- liche Milchdiät einen besonderen Ruf, wogegen der Genuß von Fleisch in solchen Krankheitsfällen auf Grund von Erfahrungen be- sonders bei den französischen Aerzten höchst verpönt ist. Worauf die günstige Wirkung der Milch, die nachteilige deS Fleische? beruht, wußte man nicht, doch will neuerdings ein Pariser Arzt, Dr. Widal, den Grund dafür entdeckt haben. Kochsalz ist im gewöhnlichen Leben ein kaum ins Gewicht fallender Speisezusatz, vorausgesetzt, daß die ehrsame Hausfrau aus allzu großer Verliebtheit nicht die Suppe versalzt; in der Arzneiknnde aber hat das gewöhnliche Salz schon seit langem einen großen Namen. Einspritzungen von Chlornatrium-, d. h. Kochsalz- losungen in die Blutbahn erwiesen sich in manchen Fällen als lebens- rettend, wo alle andren Mittel versagten, und die Heilwirkungen der Kochsalzquellen sind schon von alters her bekannt. Ueberhaupt spielt das Salz im tierischen Organismus eine hervorragende Rolle, wie schon daraus hervorgeht, daß Hunde, deren Nahrung man eine Zeit- lang jeden, auch von Natur in dieser befindlichen Salzgehalt ent- zieht, durchweg nach fünf bis sechs Wochen verenden. Ander- seits hat Dr. Widal gefunden, daß Salz in der mit Albu- minurie verbundenen Nierenentzündung wie ein wahres Gift wirkt. Er behandelte einen Nierenkranken, bei dem sich jedesmal wassersüchtige Anschwellungen und Eiweißausscheidungen einstellten, wenn er andre Nahrung als Milch nahm. Besonders bedenklich wurden diese Erscheinungen einmal nach dem Genuß von Fleisch, wichen dann aber wieder in vier Tagen bei Milchdiät. Als jedoch nunmehr Dr. Widal der Milch des Kranken 10 Gramm Kochsalz zusetzte, wurden die Erscheinungen folgenden Tages gerade so schlimm wie nach dem Genüsse von Fleisch, und als man darauf Fleisch ohne Salz gab, verschwanden sie ebenso wie vorher nach ungesalzener Milch. Danach wäre die Besserung oder Ver- schlimmerung in dem Befinden von Kranken der gedachten Art nicht auf die Wahl der Nahrungsmittel an sich, sondern auf deren geringeren oder größeren Salzgehalt zurückzuführen.— Aus dem Tierleben. — Das Wiesel als Vogelfeind. Unter den vielen Feinden, denen unsre nützlichen Vögel, insbesondere jene, die auf dem Boden, in Hecken ec. brüten, ausgesetzt sind, steht das Wiesel obenan. Wer schon Gelegenheit hatte, schreibt Rebholz in der „Dresdner landwirtschaftlichen Presse", diesen flinken und blut- dürstigen Strauchritter bei seinen Räubereien zu beobachten, und da- bei sah, wie der mordlustige kleine Kerl alles, von der Spitzmaus bis zum Hasen, vom Zaunkönig bis zum Fasan— mit blinder Wut anfällt und tötet, der kann sich einen Begriff davon machen, welch enormen Schaden das Wiesel namentlich unter den Vögeln und deren Brut anrichtet. Daß es auch die Mäuse im Felde vermindert, soll nicht beswitten werden, doch ist in sogenannten Mäusejahren, Ivo die Mäuse zu Hnnderttausenden erscheinen und sich täglich um Tausende und Abertausende vermehren, die Mithilfe des Wiesels an der Bekämpfung zwar erwünscht, aber in ihrer Wirkung ziemlich belanglos. Hier kann nur. wie es auch im letzten Winter geschah, gründliche Nässe helfen. Die Zahl der Wiesel, die Gärten und Felder durchsweifen, wird zimreist unter- schätzt, da man die kleinen scheuen Tierchen nur selten sieht. Wie häufig sie aber sind, mag aus der Thatsache hervorgehen, daß in zwei kleinen Kastenfallen, die in der Nähe der Höchster Farbwerke am Eisenbahndamm aufgestellt waren, im Laufe des letzten Herbstes gegen 40 Wiesel gefangen wurden. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn keine Lerchen-, keine Wachtel-, keine Hühncrbrut mehr aufkommt; denn wenn nicht schon der brütende Vogel von dem Wiesel aus dem Neste geraubt wird, so fallen ihm die Jimgen um so sicherer zum Opfer. In Anbetracht des großen Schadens, den das Wiesel namentlich unter den insektenftessenden Vögelchen an- richtet, haben sich in manchen Gegenden die Bezirks- bezw. Kreis- Verwaltungen veranlaßt gesehen, ftir die Vertilgung deS Wiesels eine Prämie bis zu einer Mark das Stück gegen Ablieferung des Schwanzes des getöteten Tieres zu bezahlen.— Humoristisches. — Unterschied.„Wieviel Kinder haben Sie, Herr Rentier „Ich habe vier Söhne und einen Lieutenant."— — Lebensweisheit.„Ja. Modele, in die jungen Jahr. sell isch ma gar dumm! Wann i als Junger so g'scheidt gewesen war als wia jetzt— Teifel, sell war schv langweilig g'wesen."— — Mahnung zur Mäßigkeit.„Herr Kramer. iS Wöhr, daß der Schnaps schädli is?" „O na! Aber holt mäßig muaßt'n trinka, nöt in der ganz'n Stadt rumsaufa. WoS Du brauchst, kannst all's von mir hab'n.— („Simplicisfimus".) Notizen. — Das Lessing-Theater eröffnet am 1. August seine Schauspiel-Saison mit Sudermanns„Johannisfeuer".— — Die Direktion des Wiener Hofburg-Theaters hat Octave Mirbeaus dreiaktiges Schauspiel„Geschäft i st Geschäft" in Max Schönaus Uebersetzung zur Aufführung in der nächsten Saison angenommen.— — Die Morwitz-Oper veranstaltet am Schluß dieses Monats die Erstaufführung der lyrischen Oper„Fedora" von Umberto Giordano. Der Text ist von Arturo Colautti nach dem gleichnamigen Drania Sardous gearbeitet und von Ludwig Hartmann verdeutscht.— — Johann M o st giebt seine Memoiren in Heften heraus. Der Preis betrögt 1 M. pro Heft. Adresse: Redaktion der„Freiheit". 34SS, dritte Avenue, New Dork City.— — In Kopenhagen tritt am 4. August die internatio» nale Erdmessungs-Konferenz zusammen, auf der alle an der Erdmessimg beteiligten Staaten vertreten sein werden.— — Bei der Oeffnung eines antiken Grabes in Rom fand man das Skelett einer Frau mit einem vorzüglich gearbeiteten vollständigen Gebiß aus Gold.— t. Die Erdbebenzonen der Erde. Der erfahrene Erdbebcnforscher de MontessuS hat gefunden, daß ein Gürtel von 1b Graden auf einem großen Kreis, der die pacifischen Küsten von Amerika und Asien berührt, S4 000 durch Erderschütterungen bekannte Oertlichkeitcn einschließt. Es giebt nur noch eine Zone auf der Erde, die eine ähnliche und noch größere Bedeutung für die Verteilung der Erdbeben besitzt, nämlich eine Zone von gleicher Brette auf einem großen Kreis, der durch das MitteUändische Meer, den Kaukasus, den Himalaya, Indien, Neuseeland und die Antillen ver- läuft. Er umschließt 84 000 Schüttergebiete. Außerhalb dieser Zonen liegen verhältnismäßig nur wenige Ursprungsorte von Erdbeben.— Bero,. Redakteur: Julius tkaltstt in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Verlin 8W