Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 146. Mittwoch, den 29. Juli. 1903 (Nachdruck verboten.) ßöfc Rächte. Roman von Jonas L i e. „Abraham! Abraham!" Johnston stand mitten in der Nacht mit dem Licht in der Hand oben bei ihm. „Aber Vater, was hast Du nur? Du strahlst über daS ganze Gesicht, als hättest Du wenigstens Hunderttausend ge- Wonnen! Hast Du ein Telegramm bekommen?" „Freilich bin ich froh, mein Junge. Hilf Du nun Deinem Vater!" Abraham richtete sich im Bette auf. „Es giebt Dinge," sagte er, den Sohn ernsthaft ansehend, „die einen so schwer bedrücken können, daß man den Verstand dariiber verliert: es übersteigt die menschlichen Kräfte, das zu tragen. Siehst Du, ich glaube nicht, daß ich ein Schurke oder ein Meineidiger bin wegen der Konkordia, die damals strandete. Aber wenn ich meine Gemütsruhe wieder finden soll, so muß ich mich von allem trennen, was ich durch das bei der Affaire verdiente Geld gewonnen habe." Das also war der Grund— gemütskrank. Eine furchtbare Angst überkam Abraham, dies konnte sich ja steigern bis zum— Er nahm sich gewaltsam zusammen: es handelte sich darum, die Fassung nicht zu verlieren, die Sache ruhig mit dem Vater zu überlegen. „Es ist ein großer Jammer Deinetwegen, Abraham. Du hättest als reicher, unabhängiger Mann leben können, aber— Du findest gewiß, daß es sehr hart ist?" � „Wie willst Du das nur anfangen, Vater? Du?annst Dich doch nicht so auf einmal an den Pranger stellen?" „Ick habe mich manche schlaflose Nacht mit dem Gedanken abgequält," kam es schwer heraus.„Ich schenke das Ver- mögen sofort weg, für wohlthätige Zwecke. Aber, Du findest wohl, daß es entsetzlich ist, Abraham, — wahnsinnig?— nur wegen einer solchen firen Idee,— einer solchen Grille wegen,— sein ganzes Hab und Gut zu verlieren!" „Bist Du verrückt, Vater? Meinetwegen?—— Ich werde mir schon trotzdem ein Atelier hier in der Heimat ein- richten, darüber beunruhige Dich nur nicht. Nein, nein, schenke und testiere Du Dich nur wieder froh und glücklich! Und noch eins, Vater, sprich nur nicht mit Tante Sophie darüber, che Du das Ganze ins Werk gesetzt hast!" Johnston fiel halb in einen Stuhl nieder.„Ich weiß wirklich nicht, ob ich je wieder ganz gesund werden kann, Abraham, aber so froh und leicht ist Deinem Vater sein ganzes Leben lang nicht zu Mut gewesen. Nun werde iclp schon schlafen, denke ich, Du mußt so gut sein und mich hinunter- begleiten, niir ist ein wenig schwindlig. Wenn Du wüßtest, welch eure Marterstätte das Bett für mich gewesen ist." Abraham lag die Nacht über da, mit sich selbst redend. Wahrlich, das Leben hat den Vater zu hart angefaßt. Er hat es nicht aushalten können, in all diesem Ans und Nieder zu stehen, das er hat durchmachen müssen.— Erst an dem Konkurs des Eisenwerks getragen,— und dann,— in den sechs, sieben Jahren sich ein Vermögen zusammenraffen,— im praktischen Regenmantel dastehen wie so ein Bratt.— Man hatte sich fast daran gewöhnt, sich wie so ein kleiner Krösus zu betrachten, stets die besten Plätze, Schlafwagen, feine Hotels.— Ach was, weg damit! Nun muß man dafür sorgen, daß etwaS Tüchtiges aus Abraham Johnston wird! XXVII. Der Direktor und der Rechtsanwalt Gaarder kamen zusammen die Straße herunter, von Johnston her: sie waren von ihm aufgefordert, sein Testament als Zeugen zu unter- schreiben, laut dessen er sofort für allgemein wohlthätige Zwecke in Stadt und Distrikt alles das hingab, was seine Waldungen einbrachten, nur mit dem Vorbehalt, daß er selber die Be- stimmung über die Verwendung hatte, und nach seinem Tode den Rest von allem, was er besaß, mit Ausnahme des Hauses und einiger Objekte bis zum Werte von zwanzigtaujend Kronen. „Ein sonderbarer Kerl!" sagte der Direktor warm und bebend: er befand sich in großer Erregung:»es giebt nichts, wozu ich ihn nicht fähig hielte." „Ja, wirklich eine ganz überwältigende Begebenheit," rief Gaarder aus, ebenfalls in Bewegung,„man braucht Zeit, um sich mit dem Gedanken vertraut zu machen. Sein ganzes Vermögen!" „Ja, von dem Geldmann bleibt jetzt nicht viel übrig," meinte der Direktor, er stand auf dem Hügel füll und schaute sinnend über Johnstons Grundstück und die Brücke hinab, „nur ein Kohlengeschäft, das gut gehandhabt und geleitet werden muß." „Man kann wohl sagen, er verzichtet damit so ohne weiteres auf die überlegene Stellung als großer Grund- besitzer im Distrikt!" rief Gaarder ganz erregt aus. „Für mich ist er gleichsam wieder übersehbar geworden, und," bekannte der Direktor frisch von der Leber weg,„weit sympathischer als dieser Potentat, der anfing, wieder mit der alten Eisenwerksglorie gleich einer schweren Wolke über der Stadt und dem Distrikt zu hängen. Man ahnte nicht, was für unberechenbare Willensäußerungen und Einfliisse davon ausgehen konnten. Er fing schließlich an. in Bezug auf Einfluß so eine Art Hainpelmann zu werden, an dem die Herren, die weltlicher gesinnt waren als er, wie an einem Faden zogen!" „Eine großartige That!" „Ja freilich!" „Wird Aufsehen erregen,— ein lettchtendes Beispiel werden." „Ja, allerdings,— auf die Weise kann er dadurch auch eine nicht geringe äußere Befriedigung haben,"— meinte der Direktor. „Der Grund?-- Das Motiv dazu? meinen Sie, Herr Direktor!— Ja, man muß Johnston eigentlich kennen, um zu begreifen, daß es noch eine so ideal idyllische Begeisterung für das allgemeine Wohl geben kann!" „Er gehört zu den Menschen, die leicht das Opfer irgend einer firen Idee werden,"— erwiderte der Direktor ein wenig hart,—„so zerstreut, leicht zu beeinflussen,—— aber bewundern muß man es trotzdem!" „Ja, so etwas, wenn es zufällig einmal in dieser Welt geschieht, kann nicht verfehlen, einen ganz hinzureißen,"— rief Gaarder begeistert ans,—„ich muß sagen, ich.---" „Nun ja,— es ist ganz selbstverständlich, daß man in den eignen Augen ein wenig groß dasteht.— und aus andren macht dieser Johnston sich nichts.——— Aber für Abraham,"— sagte er, die Lippe ein wenig in die Höhe ziehend—„muß es jetzt doch eine große Enttäuschung sein, so plötzlich aus dem Sohn des reichen Mannes ein armer Künstler zu werden, der von seinem Pinsel leben,— sich wegen einer Bestellung bücken und sich mühsam durchschlagen muß."-- „Sonderbar," grübelte Gaarder,—„er war so darauf erpicht, das Dokument in Ordnung zu bringen."— „Wollen Sie die große, überraschende Stadtneuigkeit hören, Kämnierer?" rief er dem sich Nahenden entgegen:—> „es kann erst morgen in die Zeitung konimen." „Adieu,— adieu. Gaarder!— ich muß auf die Spar- bank," verabschiedete sich der Direktor hastig.— Er schritt schnell bergan: in ihm brauste und wogte es,. seit er bei Johnston gewesen war. Ach, er spie vor sich hin. da ist, weiß Gott, eine Ueber- legenheit bei diesem Johnston, bei der man ganz fromm werden kann! Nie im Leben Hab' ich etwas Aehnliches ge- sehen, er übergab seine Wälder so seelenfroh, wie ein andrer gewesen sein würde, wenn er sie in Empfang genommen hätte. Weil es nun einmal seiner feinen Natur zusagt, Gutes mtt dem Vermögen zu thun. Er hat keine Freude an dem Besitz, nach dem wir andren so hitzig streben, daß uns der Schweiß von der Sttrne tropft, lebt auS freier Wahl wieder ein be- scheidenes, arbeitsames Leben. In meinem ganzen Leben hat mir nichts so imponiert, ja. vor dem muß man wirklich den Hut abnehmen, und ich will der erste sein! Ja. sobald die Tausende realisiert werden, will er sie abliefern. Wird wohl ein Krankenhaus hier in der Stadt, oder vielleicht eine Stiftung für alte, abgedankte Dienstboten oder Seeleute?— Ja, das wird etwas andres als Harrestads Faxen!— Und landeinwärts,— er sprach von einer Unter- stützung für künstlerisch begabte Bauernknaben— ein Armenhaus— Schulstuben,-- er hat Ideen nach allen Rich- tungen hin. Und dann jedesmal ein Stück von seinem Vermögen herausgerückt! Das, was es ihm möglich machte, obenauf HU schwimmen in der Welt. Das heißt, es kommt jedesmal in die Zeitungen. Er bekommt eigentlich außerordentlich viel für die Eitelkeit, wenn diese menschliche Eigenschaft in ihm stecken sollte, als uneigen- nütziger Wohlthäter gepriesen zu werden. Hol mich der Kuckucks er ersteht in funkelnagelneuem Glanz! Er wird so viel wiegen wie nie zuvor. Versuche es jetzt jemand, ein Wort gegen ihn zu sagen! Er,— er wird jetzt nur zum Heiligen erhöht!— Hm,— die Rechenkunst.--- Wie er sich auch dreht und wendet, stets weiß er sich den ersten Platz im Zimmer zu sichern.-- Klug,— tief, erreicht das, was sein Ehrgeiz sich zum Ziel gesetzt hat,— erkauft es üch mit feinen Waldungen. Was macht man sich daraus, etwas zu besitzen, wenn man doch den ganzen Tag kommandieren kann. So eine Art Papst in der Kutte.— Zum Teufel auch! Er schlug mit dem Stock heftig auf die Treppe des Bankgebäudes. XXVIII. Am Tage, nachdem so durch diese Testamentsgeschichte in doppelter Beziehung eine Erleichterung zu Hause ein- getreten war— sowohl in Bezug auf die Gemüter als das Vermögen— flatterte Abraham Johnstons dichter, dicker Reisemantel den Strom entlang, die Landstraße hinauf nach dem Sägewerk zu. Er wollte Fräulein Bratt für den Brief danken. Es war etwas Pandurenartiges oder Zuavenmäßiges in diesen Augen und dem bleichen, gebräunten� markierten Gesicht. Er war in Wirklichkeit sehr gespannt und außerordent- lich fleptisch in Bezug auf Gjertrud, was ihm jetzt in diesem jungen Mädchen entgegentreten würde, das ihn vor einigen Jahren so bezaubert und erfüllt hatte, daß er in seiner Ekstase direkt darauf losgegangen war, mit der Absicht, sich fürs ganze Leben zu binden. Im Grunde ganz sonderbar, daß er seine Illusion noch so lange hatte bewahren können. Aber es geht wohl mit einer Frau, die uns abweist, wie mit einem Porträt, bei dem man die Aehnlichkeit nicht herausbringen kann:— es reizt unsre Phantasie stets von neuem.-- Sie that dir wahrlich einen großen Dienst damals, indem sie dich nicht band.-- Ein braves, grundrechtschaffenes, nobles Mädchen;— und das will wahrlich viel sagen, wo es sich um Amor handelt;— und unbändig schwarz,— ich erinnere mich noch, daß ich damals meinte, es käme aus den tiefsten Tiefen der Seele heraus.--- Herrlich reiner Schnee!— rief er,— mit ein wenig kalter Nachmittagsonne darauf.— Die Bergabhänge großartig weiß, schimmernd im Reifschmuck, die Nadelbäume ge- beugt unter der Schneelast. Das ganze Thal wie Schnee- wittchen, das schlafend ruht, einen Sonnenstrahl über dem Gesicht.-- An der Seite der Landstraße lag der Strom gefroren und weiß mit der offenen, schwarzen Rinne in der Mitte und den Spuren der alten Löschplätze am Ufer, wo die Holländer seiner Zeit lagen und Balken einnahmen.-- Und nun kam er zum Sägewerk mit all den kleinen Arbeiterwohnungen, die halb verdeckt von Schneeschanzen am Abhang des Hügels lagen, und zum Strom und den Brettern und Balkenstapeln:— es sauste und brauste.-- Es giebt doch nichts, was man so voll und ganz ver- steht wie das eigne Heimatland!— er stand da und schaute einer Bretterladung zu, die vorüber glitt;— was weiß ich nicht zum Beispiel alles davon im Vergleich zu einem ähnlichen Anblick im Auslande,— von dem Walde, dem Holzfällen, dem Einschiffen.-- Nur eins dieser berggewohnten, behenden, muskulösen Pferde, oder unsre Kühe.-- Setz' die auf eine weite, öde Ebene in Norddeutschland oder in Frankreich, statt in all dies wechselnde, hügelige Terrain hier,— und sie werden sich zu Tode langweilen und den Appetit verlieren,— ihre Augen sind an andre Abwechselung gewöhnt als die der schwer- fälligen Kühe, die sie da im Auslände haben, und die so lange im Stalle stehen, daß ihnen die Klcmen zu lang wachsen,—- sie geben ganze Bütten voll Milch und haben Tuberkeln.—— Ein Hahn, eine Ziege, eine Katze hier bei uns, das sind ganz andre Temperamente,— gar nicht zu reden von einem Ge» birgsfloh,— der beißt so heftig wie zwanzig seiner italienischen Brüder.—— (Fortsetzung folgt.)] (Nachdruck verboten.) raurcndrtel-Sckundcn» Durch die Zeitungen ging unlängst die Meldung, der französische Automobilklub habe ein Preisausschreiben zwecks Erlangung eines besseren Zeitmessers erlassen. Um Geschwindigkeiten wie die des Automobils mit 150 Kilometern in der Stunde, d y. also 45 Meter in der Sekunde oder einem Meter in V« Sekunde zu messen, ge» nügen Uhr und Chronometer längst nicht mehr. Der Laie kann sich von derartigen„Größen" überhaupt kaum eine Vorstellung machen. Wir führen zwar„Augenblick" und „Moment" ewig im Munde; aber sie sind uns zu Begriffen ge- worden, die der eine so, der andre so deutet. Die Wissenschast macht freilich vor so vagen Begriffen keineswegs Halt: sie mißt den Augenblick und hat experimentell festgestellt, daß ein„Augenblick" in der eigentlichsten Bedeutung des Wortes durchschnittlich 4/io Sekunden währt. Um das zu berechnen, wird am oberen Augenlid der Ver- suchsperson ein Stückchen Papier befestigt, und die Bewegung dann durch photographische Ausiiahme bestimmt. Das Augenlid bewegt sich diesem Experiment zufolge zunächst sehr schnell abwärts, macht dann für kurze Zeit Halt, ehe es sich ganz schließt, und geht endlich in langsamcrem Tempo wieder aufwärts. Die Dauer der Abwärts- bewegung beträgt im Durchschnitt 87 Tausendstel« Sekunden, die Pause 16 Hundertstel- Sekunden, die Aufwärtsbcwegung schließlich 17 Hunderfftel-Sekunden; der ganze„Augenblick" währt also durch- schnittlich 4/10 Sekunden. Unsre Sinne können natürlich so kurze Fristen überhaupt nicht wahrnehmen. Photographiert man mit Blitzlicht(Magnesium), so erscheint auf dem Bilde die Pupille weit geöffnet, genau wie im Dunklen. Mit andern Worten: unser Auge fand während der Dauer des Blitzes nicht Zeit genug, auf den starken Lichtrciz(durch Ver- engernng der Pupille) zu reagieren. Und doch ist solch Magnesium- blitz ein schneckenhaft träger Geselle im Vergleich zum elektrischen Funken. Ein einfaches Experiment zeigt uns das. Auf einer schwarzen Scheibe, die durch einen Motor in schnellste Rotation versetzt werden kann, wird ein lveißer Papierstreifen befestigt. Wird die Scheibe nun in Bewegung gesetzt, so hat unser Auge bei gewöhnlicher Be- leuchtung nur den Eindruck eines verwaschenen Graus, der Resultante von Schwarz und Weiß, und dasselbe Grau erscheint auch noch bei der Belichtung durch den Magnesiumblitz. Belichtet man dagegen die rotierende Scheibe durch den elektrischen Funken, so nimmt das Auge, je nach der langsameren oder schnelleren Aufeinanderfolge der Funken, drei und mehr weiße Streifen auf schwarzem Grunde wahr, und die Scheibe selbst scheint auf kurze Zeit stillzustehen. Kein Wunder, denn der elektrische Funke hat eine Zeitdauer von nur einer Hunderttaus endstel-Sekunde. Auf elektrischer Basis sind denn auch alle unsre Instrumente konstruiert, mit denen wir kleinste Zeiten messen. Das geistreichste aller dieser Instrumente ist wohl die sogenannte, von dem Neuenburger Ingenieur Hipp konstruierte Millisekunden- Uhr, das„Chronoskop". Sie wird mit Hilfe einer Stimm- gabel reguliert, die in der Sekunde genau 1000 Schwingungen macht. Das Chronoskop hat zwei Zifferblätter, die je 100 Teilstriche auf- weisen. Der Zeiger des größeren(unteren) Zifferblattes vollendet seinen Umlauf in zehn Sekunden, jeder Teilstrich entspricht demnach Vw Sekunde; der Zeiger des kleineren(oberen) Zifferblattes in V,o Sekunde, jeder Teilstrich bedeutet hier also eine Tausendstel-Sekunde. Das Geniale der Konstruktion liegt nun darin, daß durch einen Elekttomagneten momentan dieser oder jener Zeiger aus- beziehungs- weise wieder eingeschaltet werden kann, während das Uhrwerk ständig weiter läuft. Aus der Differenz der zu Anfang und zu Ende der Messung abgelesenen Zahlen läßt sich dann die Zeitdauer des beobachteten Vorgangs auf Tausendstel-Sekunden genau be- stimmen. Das Chronoskop gestattet so beispielshalber die Zeitdauer eines Entschlusses ziffernmäßig festzustellen. Bei dieser Messung wird folgendermaßen verfahren: Der Experimentator giebt durch das beim Schließen eines elektrischen Stromes entstehende Geräusch ein Zeichen; sobald das„Versuchs« objekt" das Geräusch hört, schließt es seinerseits einen zweiten Strom. Der physiologische Vorgang tst bei diesem, von Dr. Spieß, dem ein- stigen Direktor der Berliner„Urania", angestellten Versuche kurz folgender: Der Schall muß mit dem Gehör wahrgenommen, im Gehirn regisiriert, auf den Nervenbahnen, den tierischen Telegraphen- drähten, dann schließlich das Bewußtsein der Wahrnehmung zu den die Sttomschließung besorgenden Fingern geleitet werden. Dabei schaltet der erste Strom die Zeiger in das bereits laufende Uhrwerk ein, der zweite sie wieder aus. Die Differenz ergab bei diesem Experiment 133 Tauseirdstel-Sekunden. Basiert Hipps Millisekunden-Uhr auf dem Schließen von Sttömen, so hat Boulengs einen Apparat konstruiert, der mit dem Unter« brechen elektrischer Ströme arbeitet. Er hat iich für die B e r e ch« nung ballistischer Zeiten als besonders brauchbar erwiesen und wird sllr militärische Zwecke vielfach benutzt, da er eine genaue Berechnung der Geschwindigkeit fliegender Ge- schösse ermöglicht. Boulenges Instrument zeigt auf einem Stativ zwei Elektromagneten, durch die je ein schwacher Strom geschickt wird, so daß sie gerade noch im stände sind, einen längeren und einen lürzeren Eisenstab zu trage». Der kürzere Stab setzt beim Herabfallen ein Messer in Thätigkeit, das in den vorbei- aleitenden längeren, mit einem Zinkmantel versehenen Stab eine Marke schlägt. Aus der Entfenuing dieser Marke vom Endpunkt des Stabes wird die Fallhöhe und damit tabellarisch die Zeitdauer des Vorganges bestimmt. Die Anordnung des praktischen Experiments ist herbei folgende: quer über die Geschützmündung ist ein Draht gespannt, durch den der zum Festhalten des längeren Stabes nötige Strom fließt. Die Scheibe, auf die das Geschütz gerichtet wird, ist mit Staniolstrcifen belegt, durch die der zum Ziagen des kürzeren Stabes erforderliche Strom geht. Wird jetzt das Geschütz abgefeuert, so zerreißt die Kugel den Draht und unter- bricht damit den ersten Strom: der längere Stab beginnt zu fallen. In dem Augenblick, da das Geschoß in die Scheibe schlägt, unter- bricht es(durch Zerstörung des Staniols) den zweiten Strom: der kurze Stab fällt, schlägt das Messer heraus, und dieses markiert den Fall an dem längeren Stabe. Aber solche kurzfristigen Zeitbruchteile kann man nicht nur genau mesien, man kann sie auch dem Auge sichtbar machen. Und diesem Zweck dient ein von P o u i l l e t konstruierter Apparat. Pouillet bedient sich kurzer, aber starker Ströme, die die Nadeleines Galvanometers ablenken. Aus der Galvanometernadel ist ein durch ein Glühlämpchen beleuchteter Spiegel angebracht; der Reflex des Lichtes fällt in Streifen auf eine große Skala. So kann man die Taufendstel-Sekunden bequem ablesen. Auch in der neueren Mo m entPhotographie hat man ein ausgezeichnetes Mittel. Vorgänge, die sich in Bruchteilen von Sekunden abspielen, in ihren für das bloße Auge längst nicht wahr- nehmbaren Einzelheiten festzuhalten. Daher sind denn die Kinematographen, Mutoskope u. s. f. in gewissem Sinne gleichfalls Meßapparate. Man ist heute im stände, photographische Platten von solcher Empfindlichkeit herzustellen, daß zu ihrer Belichtung nur eine Tausend st el-Sekunde genügt. Leider vermag die Praxis aber diesen Vorteil noch nicht völlig auszunützen; immerhin ist es schon gelungen, bis zu 200 Aufnahmen in einer Sekunde zu machen. Die ersten Momentaufnahmen dieser Art verdanken wir A n s ch ü tz. Er verwandte als Momentverschluß ein Wachstuch- rouleaux mit einem minimalen Spalt, der, an der Platte vorüber- gleitend, eine der Zeit nach momentane Beleuchtung gestattet, und photographicrte mit mehreren, neben einander ausgestellten Apparaten. Zu eigentlicher Vervollkommnung entwickelte sich jedoch das photographische Verfahren erst durch E d i s o n S Erfindung der sogenannten„Film s", so zu sagen einer endlosen photographischen Platte. In dem Edinsonschen„Kinematographen*(zu deutsch etwa: Be- Ivegungszeichner) werden die auf dem Film photographisch fixierten Momentaufnahmen kontinuierlich bei der Reproduktion abgewickelt und dabei mit einem Glühlämpchen beleuchtet. Das Edinsonsche ReProduktionsverfahren wurde dann wiederum durch die Brüder Lumisre(Paris) verbessert und zwar durch eine sinnreiche mechanische Vorrichtung, die den Film ruckweise weiterbewegt, wo- durch die Dauer der Belichtung jedes Bildes verlängert wird. Sah man in dem Kinematographen zunächst nur eine hübsche Spielerei, so hat sich dieses Metzinstrument doch sehr bald eine hohe wissen- schaftliche Bedeutung gesichert. Vor allem gelang es damit, komplizierte physiologische Bewegungen, wie Gehen, Laufen, Fliegen usw. in die ein- zelnen Komponenten zu zerlegen und dem Auge sichtbar zu machen. WaS die genialen Brüder W. und E. Weber einst mathematisch-theoretisch berechneten, hat der Kinematograph als richtig erwiesen, z. B. daß wir beim gewöhnlichen Gehen zuerst mit der Ferse den Boden be- rühren, und dann, die Zehenspitzen voran, die gekrümmte Fußsohle folgen lassen usw. Ucbrigens würde sich der Apparat sehr wohl auch als Zeitmesser verwerten lassen, wenn es sich um Berechnung hoher Geschwindigkeiten auf kurze Strecken— beim Wettrennen etwa um den Lauf durchs Ziel— handelt. Die Zahl der auf- genommenen Bilder pro Sekunde ist bekannt; läßt man den Apparat in der Aufnahmegeschwindigkeit reproducieren, so ergiebt die Differenz zwischen den. Ersten und dem Erscheinen deö Zweiten den Zeitabstand, der sich leicht berechnen läßt. A. H e i l b o r n. Kleines feuilleton. dg Eine Störung. Doktor Markwald warf dem Stuben- mädchen Hut und Ucberzieher zu. Vor dem hohen Korridorspiegel blieb er stehen, rückte an der Krawatte und fuhr noch einmal ordnend mit der Hand durch das Haar. Er sah verärgert aus; aber die Falten auf seiner Stirn glätteten sich, als hinter ihm die Flügelthür aufging und ein paar helle Mädchenstimmen riefen: »Papa I Papa!" Zwei Backfische kamen herausgestürmt, niedliche Mädchen von dreizehn, vierzehn Jahren in rosa Batistkleidern. Sie hingen sich in seine Arme und jubelten:„Na endlich, Papa.. Es ist gleich zehn Uhr. Wir haben schon auf Dich gewartet. Nun komm aber schnell, Großmama ist auch gekommen. Wir haben doch schon angefangen zu esien, Papa.* Sie hingen sich in seine Arme und zogen ihn nach dem Border« zimmer. Er folgte ihnen scheinbar widerstrebend und ihrem stürmischen Drängen wehrend, aber dabei strahlte sein Gesicht vor Glück. In dem großen Erkerzimmer brannte die Hängelanstie. Der Abendtisch war gedeckt, nicht gerade verschwenderisch, aber doch gut und reichlich. Die beiden Damen ließen das Besteck sinken, als der Vater mit den Kindern auf der Schwelle erschien. Frau Doktor Markwald rief:„Na, endlich I Was gab es denn nun eigentlich wieder?* und die Großmama meinte zärtlich besorgt:„Daß Du so lange aufgehalten wurdest. Deine Eier sind ganz kalt geworden, mein armer Junge!" Sie nannte ihn noch immer mein Junge, ob- gleich er dicht an die Vierzig war. „War es wirklich so gefährlich?* fragte Frau Doktor, indem sie dem Gatten Butter und Brot präsentierte. Er ließ sich in den bequemen Armstuhl gleiten, den die Kinder ihm schon zurecht rückten, und stieß ein Knurren aus. Es hörte sich genau so an, wie ein höchst respektloidriges:„Die Gans l" „Ach so,* sagte Frau Doktor Marlwald und lächelte Verständnis- voll:„Ihre Zufälle I* »Ja Zufälle." Der Doktor brach los:„Um aus der Haut zu fahren ist es l Gar nichts, rein gar nichts I Hat sich aufgeregt— um's Dienstmädchen wahrscheinlich oder um einen neuen Hut.— Worüber regt sich das nicht auf?'ne kalte Douche wär's beste. Aber nein, der Doktor muß kommen, was verschreiben, das sieht nach was aus vor dem Herrn Gemahl I* Er war wütend. „Es ist unerhört I* sagte Großmama entrüstet,»und darum läßt sie Dich vom Abendbrot wegholen!" „Das macht Frau Hartwig immer so I" fiel Frau Doktor Mark- wald ein,„sie macht es auch bei den Kindern so. Wenn ihr Mädel zu viel Konfekt genascht hat, muß Erich noch nach Mitternacht kommen, um schließlich— Brechwein zu verschreiben. Ja, die ver- steht's, dem Dottor zuzusetzen." „Die würde ich doch aber an Deiner Stelle gar nicht mehr be- handeln," sagte Großmama. „Würde ich nicht?" Er lachte kurz auf:„Und der Ausfall? Meine beste Pattentin? Nein, da heißt es schon sttll sein und sich fügen." „Sie giebt ihm doch immer zweihundert Mark im Jahr. Mutterchen," belehrte Frau Doktor die Schwiegermama.„Das zählt doch und noch dazu in diesem Viertel, wo die reichen Patienten so rar sind und sonst fast nur Kasscnkranke kommen. Und Hausarzt beim Fabrikbesitzer Hartwig, das ist auch'ne Enrpfehlung." „Aber wild werden kann mau doch," fiel der Doktor nach einer Pause ein,„sich so reinweg zum Spielball von Weiberlaunen machen lassen zu müssen; es ist unerhört!" „Na, nun ärgere Dich nur nicht länger," beruhigte Großmama. „jetzt sind wir ja wieder gemütlich zusammen. Sieh mal, hier ist so schöner Lachsschinken." Sie hielt ihm das Brett hin und er langte zu. Er hatte seine gute Laune wieder. „Jetzt wird ja auch keine Störung mehr kommen," sagte Frau Doktor.„Schwerkranke hat Erich momentan nicht. Wenn also nichts Besonderes vorkommt..." „Es wird schon nicht," sagte der Doktor und schob den Teller zurück;„wir werden nachher musizieren." „Ei ja, Papal" Die Mädchen Latschten in die Hände.«Und vorlesen?* »Und vorlesen!" Er nickte ihnen zu. »Es soll recht nett werden", meinte Frau Doktor und erhob sich. „Na— was? Da kommt wohl doch noch wer?" Sie horchte auf, draußen an der Flurthür schlug die Glocke an, laut und schrill, als würde sie in größter Angst gezogen. Gleich darauf hörte man das Mädchen die Thür öffnen und mit jemand unterhandeln. „Paßt auf, mit unserm netten Abend ist es wieder nichts I" klagte Großmama. „Dann Hilst es auch nichts," sagte der Doktor:„Der Arzt ge- hört der Pflicht, und wenn ein Unglück vorliegt.. Nun, was giebt es denn?" Er wandte sich dem Mädchen zu, das in der Thür er- schien. Sie sagte:„Hier ist die Tochter vom Tischler Metz, Herr Dottor, und sie sagt, ob Herr Dottor denn nicht noch mal rüber kommen wollen, und. „Vater hustet so, Herr Doktor," ein schmales Mädchen drängte sich schluchzend an der Dienerin vorbei,„und Vater hat gar leme Lust nich, und nun meint Mutter, wenn er man nich stirbt, und. „Ach Gott bewahre, es stirbt sich nicht so leicht!" Doktor Markwald war vorgetteten.„Was ist denn los? Er hustet ja doch immer und die Atemnot ist seine Krankheit. Ich hab's Euch ja gleich gesagt, gebt ihn in's Krankenhaus, Ihr habt ihn ja doch fm aus der Kasse." „Aber das will doch Vater nun nich, und er sagt, er will doch nich wech von uns. sonst stirbt er noch eher... und... und... Mutter sagt, der Herr Dottor möchte doch kommen, und mal sehen." Die Kleine schluchzte. »Ist ja gar nicht nöttg. Legt ihm den Kopf hoch, daß er im Bett sitzt, ich bin um S Uhr da gewesen und komme morgen früh, jetzt ist es nicht nöttg, ich Hab' auch noch'ne Konferenz.* Seine Stimme klang unmuttg. „Aber Mutter memt, Vater wär' viel ruhiger, wenn der Herr Dottor kommen thäten." Die Kleine schluchzte stärker. „Vater wird auch so ruhig. Ihr müßt Geduld haben, immer Geduld; bei Krankheiten muß man Geduld haben. Denkst Du, Kind, ich kann zu jedem Kranken laufen, der mal unruhig wird? Da müßte ich viel Zeit haben. Na, nun lauf nur. lauf, sag' Muttern, ich käme morgen früh," Er schob das Mädchen zur Thür hinaus uud wandte sich tvieder zu seinen Damen, Er war ärgerlich:»Ist nämlich die reine Laune von dem Mann, ist brustkrank, hat Asthma... aber nichts zu machen dagegen, wird sich noch lange damit quälen können, Soll ich vielleicht jedesmal hin- laufen, ihn beruhigen, wenn er seine Anfälle kriegt?" „Nein", sagte Frau Doktor,„das kannst Du nicht, das wäre ja nun überhaupt noch schöner, wenn auch die Kafsenkranken anfangen dürften, den Arzt mit ihren Launen zu plagen,"— Physiologisches. LZ. Ueber leben de Körperteile. Der Tod tritt in vielen Fällen nicht gleichzeitig für alle Teile eines Organismus ein, sondern viele der verschiedenen Gewebe eines Tieres setzen ihre Thätig- keit noch fort, nachdem daS Wesen als Ganzes schon längst als tot zu betrachten gewesen ist. Diese Thatsache trit� besonders bei einigen niederen Tieren hervor. Es können Zellen aus den 5nemcn einer Muschel oder aus der Luftröhre eines toten Frosches herausgenommen werden, die dem mit einem Mikroskop bewaffneten Auge durch Be- wegung der auf ihnen sitzenden feinen Härchen noch lange ihre Lebens- thätigkeit verraten. Wenn solche aus einem Körper herausge- nommene Zellen mit einer nährenden Lösung versorgt werden, so können sie noch viel länger am Leben erhalten werde», Zellen aus dem Gehirn eines Frosches bleiben unter solcher Behandlung über eine Woche lebendig, was sich durch ihre Gestaltsänderungen unter dem Einfluß eines aus sie ausgeübten äußeren Reizes kundgiebt. Das Herz vieler Tiere fährt nach seiner Herausnahme aus dem Körper noch lange zu schlagen fort. Das Froschherz schlägt stundenlang, das einer Schildkröte oder Schlange noch mehrere Tage oder vielleicht eine ganze Woche, nachdem das betreffende Tier getötet war. Diese inter- cssanten Fragen hat jüngst Professor Hering im„Centralblatt für Physiologie" in einem lichtvollen Aufsatz behandelt.— Geographisches. k. I m W ü st e n s a n d begrabene Städte, Ueber eine auf Veranlassung der indischen Regierung untmwmmene Forschungsreise erstattet Aurel Stein in einem soeben in London erschienenen Werke„The Sand-bnried Ruins of Khotan" ausführlichen Bericht, Das Ziel der in den Jahren I90<) und 1901 ausgeführten Expedition war, die Ruinen der geheimnisvollen Städte des kleinen Königreiches Khotan und, wenn möglich, unter dem Sand weitere Ueberreste der alten Völkerschaften zu entdecken, die einst ein Bindeglied zwischen dem Osten und dem Westen bildeten. Seit dem Jahre 1399 hatten die Eingeborenen von Taklamakan Raritäten aus der Wüste in die Stadt gebracht und sie an die Weißen verkauft, die Berichte darüber ver- öffentlichten und die Gegenstände in Museen brachten. Es waren Reste von Blattgold, Bruchstücke von Schnitzereien, alte Münzen. Fetzen von prächtigen Teppichen, vergilbte,»och lesbare Manuskripte usw. Die Sachverständigen waren am meisten über die Manuskripte er- freut, denn unter ihnen befanden sich solche in Sanskrit, und zwar die ältesten damals bekannten indischen Manuskripte, Stein wurde durch die Aussicht auf solche Funde angeregt, den Teil von Chincsisch-Turkestan, in dem die Eingeborenen ihre Entdeckungen gemacht hatten, zu durch- forschen. Die indische Regierung gab ihm eine Unterstützung, und so war er im stände, Ende Mai 1999 von Srinagar aufzubrechen. Das Land, das er zu durchforschen beabsichtigte, war von Sven Hedin einige Jahre vorher als zugänglich bezeichnet worden. Es war gleich- sam„der Streifen Gras" am Saum der großen Wüste, eine schmale Oase auf dem Wege von China zum Oxus-Thal. Einst war es, unter chinesischer Herrschaft, ein volkreiches Königtum gewesen, voll von hindostanischen Buddhisten und fremdländischen Künstlern aus den griechischen Städten Kleinasiens. Pilger waren aus Indien und China hingeströmt i eifrig wurden hier Gebete gemurmelt und kleine Glocken geläutet.- Aber vor zwölf Jahrhunderten bcgmin der Sand seine zerstörende Thätigkeit, toenn auch nur sehr allmählich, so daß .Kirchen und Heiligtümer ihren Ruhm verloren und die Kloster ver? fielen. Dann kam ein allmählicher Auszug, die Leute zogen mit ihren Wertsachen fort und überließen ihre Hänser dem heißen Staube. Zuletzt kanr ein Einfall der Mohammedaner, und so hörte das König- reich auf, etwas anderes zu bedeuten, als eine Erinnerung und eine Art zufälligen Schutz für Reisende, die noch diesen Weg benutzten, Stein hatte eine abenteuerliche Reise bis zu dem Schauplatz seiner Arbeiten. Er mußte Felsen erklimmen und zerklüftete Hügel hinab- klettern, in dem bedrückenden Schweigen der weiten Flächen. Die Reise nahm fünf Monate in Anspruch: er erreichte erst im November das alte Königreich, und die ersten Tage vergingen mit den Vor- bereitungcn zum Zuge in die Sandwüste. Während er sich zur Ab- reise rüstete, sah er das Ausgraben und Waschen von Nephrit. Er sah auch de» Platz von syotkan, der ehemaligen Hauptstadt von Khotan. die jetzt der Schauplatz für primitive Goldwäscherei ist. Das Gold, das aus dem Schlamm des Flusses ausgewaschen wird, ist das alte Blattgold, das einst von den Frommen auf die Bilder des Buddha in den Tempeln von Iotkan gelegt wurde. Die Stadt selbst ist verschwunden, da sie größtenteils aus wenig dauerhaften Lehm- Ziegeln gebaut war, aber sie zeigt noch manche Erinnerungen aus der Zeit, da sie groß und mächtig war. Außerhalb der Mauern ist ein niedriger Wall, kaum fünf Fuß hoch, wo einige zerbrochene Ziegel über den Rand hervorragen; es sind die letzten Reste eines großen, Lerautioortl. Ncdakleur: Julius Kaliski in Berlin.— prächtigen und sehr schönen Tempels deS Buddha, der zur Zeit des römischen Kaiserreiches gegründet wurde. Die alten Graubärte der Gegend sagen, daß auf dem Wall einmal ein Heiliger, der hier Rast hielt, saß. und kein Schatzgräber ist so kühn, dort nach Blattgold oder Dokumenten auf Birkenrinde zu suchen. Stein verließ syotkan und drang durch die Sandwüsten nach Dandan-Uilie vor. Dort stieß er auf einen verschütteten Tempel, der gleichsam durch das reine trockene Schutzmittel des Sandes einbalsamiert ist. Die Wände waren bemalt mit Grün, Scharlach und Purpur. Die Fresken waren mit leuchtenden und hellen Farben gemalt, als wenn ein geschickter Künstler sie gemalt hätte. Die Darstellungen bezogen sich auf den buddhistischen Kultus. Einige stellten Buddha dar, wie er seinen Schülern predigte. Auf dem Fußboden dieses Tempels fand Stein das erste Manuskript, einen gelben, vermoderten Zettel, der drei Linien von Brahmi-Schrift zeigte. In einer andern Ruinenstadt, Niya, machte er seinen großen Fund, denn hier, in den Trümmern einer Stadt, die noch die vertrockneten Reste eines Obstgartens zeigte, entdeckte er im Sande einen Haufen sorgfältig aufgestapelter Doku- mente. Es waren sehr verschiedenartige: offizielle und andere Be- richte. Rechnungen, Staatsbricfe, religiöse Litteratur, kanonische Schriften, einige chinesisch, andre in Sanskrit, noch andre in der alten Khotan-Sprache, die jetzt keine menschliche Zunge mehr spricht. Sie lagen sorgfältig von irgend einem längst gestorbenen Priester in Packen geordnet, anscheinend so unversehrt und leserlich wie am Tage. als sie hier vor zwölfhundert Jahren niedergelegt wurden. Sie waren auch versiegelt» und auf die Siegel waren griechische Figuren geprägt in reinster klassischer Form: eine Athene, ein EroS, ein Herkules, di- das Wachs stempelten, neben den Stempeln in chinesischen Schrift- zngen. Stein verließ Niya und grub dann noch einen großen Tempel in Natoak aus. dessen Seitenhalle mit riesigen Bildschnitzereien von Buddha und Bodhasittva geschmückt tvar. Sie waren in dem seltsamen gemischten graeco-buddhistischen Stil ausgeführt und zeigten noch Spuren des Blattgoldes, das sie einst bedeckte. Dir Photographien von diesem Bildwerk sind von eigenartiger Schönheit; sie zeigen eine große Gestelt in Bewegung, fast atmend unter ihrer Stcintoga, rein griechisch in ihrer lebendigen Schönheit, und dicht daneben eine groteske, steife indische Gestalt, die schrecklich ist in ihrem rohen ge- heimnisvollen Ausdruck und ein Grauen durch die blicklosen. Augen hervorruft.— Humoristisches. — Der Schuldige. Mutter:„Aber Fritzl, jetzt hast Du schon wieder die Hose zerrissen." Fritzl:„Gelt, Mama, bei dem Schneider lassen wir nichts mehr arbeiten."— — Durchschaut. Mann(von seiner Alpenreise erzählend): „Da kannst Du Dir die Wucht denken, mit der ich den Abhang hinuntersaustc; unterlvegs stand eine Sennerin, die hätte ich noch beinahe mit in die Tiefe gezogen." Frau seifersüchtigs:„Natürlich, darauf hattest Du's ja doch nur abgesehen. Du Don Juan.— — Schreckliche Folge.„Was für ein großes Laster die Trunksucht ist, sieht man so recht deutlich an meinem Freunde Brcier. Nüchtern ist er der anständigste Mensch, den man sich denken kann, sobald er aber eins über den Durst getrunken hat, fängt er an zu— dichten." s.Meggcndorfer Blätter.") Notizen. — Arthur Pserhofer hat eine vieraltigc Sittcnkomödie „Der Ehehafen" vollendet. Das Stück wird im Hamburger Deutschen Schan spielhause zum erstenmal in Scene gehen.— — Werke von T o I st o j sind bis jetzt im ganzen in 4ö fremde Sprachen und Dialekte übersetzt worden.— — Die„Wald spiele" der Freien Studenten- s ch a f t(Fnikenschaft), die heute Mittwoch im Forst der Neuen Genieinschaft in Schlachtensee stattfinden, tragen, wie auf vielfache Anfragen bemerkt sei, einen durchaus privaten Charakter. weshalb sämtliche Karten, als Einladungen auf den Namen ausgestellt werden. Zur Aufführung gelangen die Dramen:„Hirtenliebe" und .Walter von der Vogelweide". Ferner die Dichtung„Brautseele". sämtlich von Peter Hille. Der Beginn ist aus 5>/z Uhr festgesetzt. Karten sind in den Buchhandlungen von Lazarus, Friedrich- straße 99. Junker. Potsdamerstr. 11, beim Pförtner der Universität und auf der Geschäftsstelle der Finkenschast, Dorotheenstr. 97 I zu haben.— — Die Sonrmerausstellung der Berliner S e c e s s i o n wird am Sonntag, den 2. August, abends geschlossen.— — Der B ü r g e r a u s s ch u ß der Stadt Freibnrg i. Br. hat den Ankauf inehrerer hervorragender o st asiatischer Kun st werke für die städtischen Sammlungen beschlossen. Es handelt sich um zwei buddhistische Heiligenbilder des Japaners Mincho, von denen das eine 25 999, das andre 12 999 Fr. kostet. um eine japanische Statue aus dem achten Jahrhundert, die aus Holz geschnitzt ist(2759 Fr.), eine chinesische Bronzeschale(3919 Fr.), eine chinesische Deckelvase(3245 Fr.) und eine chinesische Bronzevase mit Henkelringen(858 Fr).— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei und Verlagsanftalt Paul Singer& Co., Berlin SW