Wnterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 150. Dienstag, den 4. August. 1903 (Nachdruck verboten.) 2� Die Hcbenbacbcr. Roman von Anton v. Perfall. Als Lenz endlich den Achenbacher erblickte, torkelte er in seinem Entsetzen über die Bank herab, gerade zu seinen Füßen: dieser stieß ihn rauh mit dem Bergstock zurück. „B'soffene hab'n heut da nix z'schaff'n, Posthalter," sprach er den Wirt rauh an.„Das könnst do schon wiss'n. Naus mit dem Kerl!" Da trat der Lehner vor, käseweiß, die blauen Augen spielten jetzt ins Griine. „Mein Bruader is, der Lenz. Schau Di a bißl um, Achenbachcr—" Der pflanzte seinen Bergstock vor ihm auf wie ein Schlachtschwert.„Das macht'n net nüchtern und Di schwerst zum Bürgermeister. Sollt ma wenigstens moana. Uebrigens is neun Uhr, und der Bezirksamtmann wart' schon oben auf die— Herrn." Er betonte das letzte Wort sarkasstsch, dann wandte er sich und ging die Treppe hinauf mit ganz Osterhofen. Der Lehner stand noch immer unbeweglich auf seinem Platz. „Hast ihn g'hört? Trittst no z'ruck? Hast Du's g'sehn, Deine Freund, wia s' ihm zug'stimmt hab'n?" drang man in ihn. Lehner starrte noch immer auf den Platz, wo sein Tod- feind gestanden. „Da habt's mi!" rief er dann plötzlich, die Arme aus- streckend,„und daß i Eure Interessen vertret', dafür steh' i Euch, so wahr i der Lehner bin! Jetzt kommt's!" Er sah um sich.„I mein','s langt." Das Leben des ganzen Thales hatte seit einem Jahr- hundert seine Spuren hinterlassen an den Wänden des holz- getäfelten Saales im ersten Stock. In diesem Räume drängten und schoben sich jetzt lautlos die eben noch so erregten Wähler wie in einer Kirche. Am großen Tische saß der Bezirksamtmann in voller Uniform, ihm zur Rechten der Bürgermeister Achenbacher/ starr, wie aus Erz gemeißelt. Daneben der Lehrer mit den Akten. Der Bezirksamtmann eröffnete die Wahl mit einer kurzen Ansprache. Vor ihm stand eine Zinnschüssel, welche den meisten vom Hochzcitsmahl her bekannt war. Sie pflegte gewöhnlich das„Morgenlüngerl" zu enthalten. Heute hatte sie eine höhere Bestimmung, die der Aufnahme der Wahl- zettel. Man nahte wie zum Opfer, den Hut in der Hand, darunter den Zettel, warf ihn in die Urne und setzte sich dann erwartungsvoll auf die ledergcpolsterte Bank, des Ausganges harrend. Urban Lehner trat vor. Bürgermeister Achenbacher saß gerade hinter der Urne. Die beiden Männer sahen sich einen Äugenblick fest in das Angesicht, und Urban konnte eine auf- steigende Röte nicht zurückdrängen. Dann schleuderte er mit energischem Schwünge den Zettel in die Urne, und gleichsam als Erwiderung darauf flog der des Achenbachers hinein. Die beiden waren die letzten. Der Bezirksamtmann wartete noch kurze Zeit, dann schloß er die Wahl— die gesetzliche Zeit war verflossen— entfaltete die Zettel und verlas die Namen, welche der Lehrer notierte. „Lorenz Achcnbacher," las er den ersten. Es war der oberste, den der Bürgermeister selbst hineingeworfen, und der freie, selbstbewußte Blick desselben über die ganze Versamm- lung leugnete auch nicht die Selbstwahl. Dann aber folgte ununterbrochen„Urban Lehner", bis wieder ein gedrängtes Häuflein„Achenbachcr" kam. Weiter wurde kein Name ver- lesen. Die Hoffnung der Osterhofener auf eine Zersplittemng der Gegenpartei war eine irrige. Der Amtmann nannte Urban Lehner als erwählten Bürgermeister von Seehanim für die nächste, am ersten Januar beginnende Periode. So sicher man auch allgemein dieses Resultat erwartet hatte, die Thatsache wirkte doch erdrückend selbst auf die Sieger. Diese Wahl bedeutete einen Umschwung aller Dinge, der ganzen Dorfpolitik, eine neue Zeit, und jeder fühlte, daß nur Verrat das Spiel gewonnen— die Ueberläuferei Lehners! Dieser selbst erschien verlegen, und als ihn der Vor- sitzende fragte, ob er entschlossen sei, die Wahl anzunehmen, antwortete er erst ausweichend, ob er es wohl leisten könne— und die Arbeit am Hof sei halt alles z'viel— aber wenn man halt meinet— Erst als der Amtmann auf ein klares Ja oder Nein drang, ließ er ein mattklingendes„Jawohl" vernehmen. Der Blick des Achenbacher drang ihm durch und durch. Dann folgte die Wahl des Ausschusses. Auch hier fiel der Achenbacher durch, der Sieg der Seehammer war ein voll- ständiger, der Sieg der Fremden über die Einheimischen, der Sieg der neuen über die alte Zeit. Der Achenbacher verließ mit seinem Anhang, ohne eine Spur von Erregung, den Saal. Der Lehner trat in einer plötzlichen Gefühlsaufwallung. welche sich aus den widersprechendsten Regungen ergab, auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Lorenz,'s thut mir leid, mei Will'n war's wirk- lich net—" Der Achenbachcr ergriff die Hand nicht. „Da braucht Dir nix z'leid z'thuan," erwiderte er.„Wia's jetzt herschaut, is für unser ein' koan G'schäft, Bürgermeister z'sein. Da heißt's den Bauern ausziehn, und bei die Achen- bachern sitzt das G'wand all's z'fcst. Du hast eh' net z'viel am Leib, da is glei g'wechselt. Und jetzt wünsch' i Dir Glück, Lehner." Er eilte die Stiege hinab, ohne eine Antwort abzuwarten. die ohnehin ausblieb, so verdutzt war der Lehner über diese schmachvolle Abfertigung vor allen Leuten. „Das g'schieht Dir grad recht. Wenn'st heut schon ansangst. kann's guat wcrd'n! Dazu hab'n wir Di grad g'wählt, daß D' mit dem Protzen Freundschaft ansangst!" wurde es um ihn laut. „Nur schön langsam! Ihr sollt mit mir z'fricd'n sein!" Es lag in dem Tone dieser Worte mehr verhaltene Wut, mehr Rachedurst als in den schlimmsten Drohungen. In der Wirtsstube feierte man bereits den Sieg. Heller Jubel tönte den abziehenden Osterhofencrn nach, welche sich keinen Augenblick in der Wirtschaft aufhielten. Jetzt regte sich zum erstenmale der Stolz, die Genug- thuung über die Ehre, die ihm zu teil geworden, in Lehners Brust. Nach einer Reihe von Mißgeschick endlich einmal ein Sonnenstrahl! Was die stolze Achenbacherin dazu sagen wird, wenn der Lenz ihr die Nachricht bringt? Sie hatte ja nur g'heirat und ihn verlasi'n, um Bürgermeisterin z'werd'n.— Fuchti wird s' werden, kreuzfuchti— z'erst! Und dann— dann wird s' vielleicht denken, warum is cr's denn net schon früher word'n? Dann wär' alles anders kommen, der schwache Lorenz wär' nimmer mein Mann word'n und die Kramertochter, die bleiche Cens, nimmer dem Lehner seine Frau. Und am End wird sie sich noch freu'n, daß e r's word'n is, den s' so viel gern g'habt und do verlass'n hat? Und die Cens. die wird weina und voll Angst sein weg'n der Feindschaft mit'n Achen- bacher! Dafür is eb'n a Kramertochter! Das alles dachte er den kurzen Weg über die Treppe hinab. In der Gaststube wurde er stürmisch empfangen, aber der Veranstalter der Ovation war der betrunkene Lenz. Die Menge, die ihm zubrüllte, bestand aus halbwüchsigen Burschen, aus Gesellen und Arbeitern, kein einziger Standesgenosse war zu sehen. Nur sein Schwiegervater kam ihm entgegen, ein kleiner, dicker Mann mit einem echten ängstlichen Krämer- gesicht, und reichte ihm in ausgelassener Fröhlichkeit die von der ständigen Beschäftigung mit Kaffee und Tabak gelb ge- wordene Hand. Er hatte nicht einmal das Bürgerrecht und war infolgedessen bei der Wahl nicht beteiligt. „Die Ehr! die Ehr! Meine Cens Frau Bürgermeister! O, die Ehr!" meckerte er in einem fort.„Nur alles in Frieden, Lehner, das wär halt die Hauptsach. Wir G'schäfts- leut brauchen den Frieden, und die Herren Osterhofener sind jo so noble Leut." — 598 Widerwille packte Urban, der alte Bauernstolz erwachte in ihm.„Friede!" darum war es ihm gerade zu thutt, aber er mußte sich bezwingen. Er wolle ja nichts als Rache an seinem Todfeinde, dem Achenbacher, und dazu war das Volk schon recht. Er ließ den geschwätzigen Mann stehen und trat ein Er trank aus jedem Glase, drückte jede Hand. Was war er denn in Osterhofen? Ein ruinierter Bauer, und hier der ge feierte Volksmann, auf den man seine Hoffnung setzte. Der Achenbacher stampfte unterdessen ohne Aufenthalt an der Spitze seiner Ortsgenossen durch den tiefen Schnee nach Kaufe. Solang der Weg durch das Dorf ging, schwieg er be harrlich, als er aber am letzten Hause vorüber war, blieb er mitten im Schneetreiben stehen. „Jetzt red's, Leut!" begann der Achenbacher, sich auf den Bergstock stützend.„Wollt Ihr mit mir durch dick und dünn gehn, oder wollt's nachgeb'n? Blech' i für Euch der Achenbacher oder bleib' i's net? Grad wiss'u muaß i's. Sie werd'n nix unversucht lass'n, uns zu benachteiligen. Unser Heiligstes werden s' anpacken, und von oben wird ihnen no g'holf'n werd'n dazua.'s is amal so, man fürcht das G'sindel und will's g'winna. Der Bauer is ja alleweil a sicherer Mann. — Also, was wollt's?" „Z'sammhalt'n woll'n wir! Unser Recht woll'n wir, und Du sollst es wahr'n, wia's alle Achenbacher g'wahrt hab'n." Der Mann, welcher diese Worte sprach, war vom Alter 'gebeugt— sein weißes Haar flatterte im Schneesturm unter dem breitrandigen Hut— der Fönmooser von Osterhofen. Die Autorität des Achenbachers war durch seinen Aus> spruch von neuem gesichert. Alle übrigen stimmten ein. Lorenz war sichtlich befriedigt, aber er wollte gleich jetzt sehen, wie weit die Leute gesonnen wären, mit ihm zu gehen. Durch den treibenden Schnee erblickte man den massiven Vau der Osterhofener Kirche, die verschneiten Kreuze auf dem Kirchhofe. Er wies mit dem Bergstocke darauf. „Das erste wird sein, daß s' die Pfarrei nach Seehamm verleg'n.'s is schon lang im Werk, die saubre Sach, nur i bin alleweil no im Weg g'stand'n. Wcnn's so weit komma sollt— i suach mein Herrgott da, wo ihn die Achenbacher von eh' g'suacht hab'n, und werd'n a find'n ohne Pfarrer. Koan Schritt thua i in d' Seehammer 5lirch. Wollt J*"''� a so halt'n?" Diese Frage wurde nicht so rasch beantwortet, auch der Fönmooser schüttelte das graue Haupt. „Ah, das kann ja do net sein. So an alt's Recht," meinte er zagend. „All's kann sein heutigentags," erwiderte Lorenz,„und wann a Recht z'alt is, macht ma a neu's. Drum frag' i Euch." «Ja, wenn d' Weiber net wär'n/' meinte ein andrer. „Und wia is denn nacha mit der Seelsorg, wenn oans am Sterbbett liegt und er kommt net, der Pfarrer?" ein andrer.„A kritische Säch des—" „Also auf deutsch, ös wollt's unfern alten Osterhofener Herrgott, der seit vielen hundert Jahr'n ober'n Altar hängt, verlass'n, bald's die Seehammer woll'n?" Diese Wendung Achenbachers wirkte. „Recht hat er! Das darf net sein! Na, das darf net sein. Unfern Toten z'liab net, unfern Kindern z'liab net. Abg'macht! Lorenz, kiimmer Di net, wir bleib'n bei uns'rer Kirchen, und unser Herrgott selb'r muaß uns recht geb'n." Jetzt wilßte Lorenz, daß seine Macht die alte geblieben, jetzt konnte er den Bürgermeister schon verschmerzen. Die Männer gingen über den Kirchhof. Jeder suchte seine Gräber auf, las die halb erloschenen Namen, die alten Jahreszahlen, als ob er das Bewußtsein seines Rechtes stärken wollte in dem drohenden Streite. Ailck Lorenz stand lange mit entblößtem Haupte vor dem moosbedeckten Grabstein der Achenbacher an der Kirchenwand und murmelte ein Gebet. Dann trennten sich die Wege. Der Achenbacherhof lag auf einsamer Höhe, die ganze Landschaft beherrschend. Lorenz hatte noch einen mühsamen Weg über tiefverschneite Felder Jetzt, allein, übermannte ihn von neuem der Zorn über den Sieg des Lehner. Was wird sein alter Vater dazu sagen? Er hatte ihn schon längst darauf vorbereitet, aber er lachte ihn einfach aus. Der verschuldete Lehner Bürgermeister an Stelle eines Achen- iachers! Der Gedanke hatte keinen Raum mehr in dem alten.Gehirn, lind sein Weib erst! Da stieg ihm die Röte ins Gesicht. Cr wußte sehr wohl. warum ihn die schöne achtzehnjährige Burgl dem bildsaubern. um fünfzehn Jahre jüngeren Lehner vorgezogen oder, besser gesagt, warum ihr Vater, der Stillerbauer, ihn vorzog, weil er wohlhabend geworden durch den gewonnenen Prozeß, der Lehner verschuldet. Weil er der Achenbacher war, der Herr Bürgermeister, der Erste im ganzen Thal. Er wußte auch, daß gerade der letzte Umstand den hartnäckigen Widerstand des schönen Mädels gebrochen. Was kümmerte sich die um die hundert Tagwerk Wald, die Ehrfurcht hatte sie nachgiebig gemacht— und jetzt— So a Weib is ja nur um den Nam' z'thuan, von der Sach versteht's ja nix, daß er do no derselbe is, dasselbe An- sehn hat, mehr vielleicht.— Und jetzt is der andre Bürger- meister— grad um so viel Jahr z'spät. Wenn ihr der Ge- danke käm'— wenn's ihn jetzt anders anschaun thät'— gar im still'n a Freud hätt' drüber! Aber das is ja a Unsinn! Hass'n wird's ihn, no mehr als'n so schon haßt.— Ja. sie haßt ihn. seltsam, aber esi is so. Bei jeder Gelegenheit kommt's zum Vorschein, gar. seitdem er vor zwölf Jahr'n, zwei Jahr nach ihrer Hochzeit, die Kramertochter g'heirat hat— und da denkt er an so was! »A Narr bist, a recht'r Narr!" murmelte er vor sich hin, gebeugten Hauptes. Er mußte bei dem Lehner-Anwesen vorüber. Laute Stimmen ließen ihn aufblicken. Ein Schneeblock rollte die Anhöhe hinab, gerade auf ihn zu, eine grüne Furche in dem Weiß der Schneedecke ziehend. Hinterher lief ein halbwüchsiger kräftiger Junge mit erhitztem Antlitz, an der Hand ein Mädchen mit sich ziehend, dessen aufgelöstes, üppiges Blondhaar um ein feines Gesichtchen, von der flaumigen Frische eines Pfirsichs, flog. (Fortsetzung folgt.). Oer erste Spiritist. In Zeiten tiefgehender socialer Umwälzungen und der sie be» gleitenden geistigen Kämpfe begegnet man in der Menschheits» aeschichte stets gewissen Gedankenrichtungen, die eine unmittel- bare Beziehung zwischen der diesseitigen Welt und dem lieber» sinnlichen herzustellen trachten. Nicht nur die herrschenden Klassen, die sich in ihrer Machtstellung bedroht fühlen, auch jene llntcr- schichten deS Volkes, die vor der neuen Wirtschaftsweise rettungslos versinken, suchen vielfach in der Anlehnung an die vermeintliche Wirksamkeit überirdischer Mächte die Stärke und vor allem die Hilfe, die das haltlos gewordene eigne Selbst nicht mehr zu gewähren vermag. Je nach den Zeitverhältnissen, in denen sie austreten, nehmen der» artige Strömungen naturgemäß verschiedene Formen an. So kannte die untergehende römische Welt die Besessenen, die Teufelsbeschwörer, deren Amt die katholische Kirche bis zur Stunde konserviert hat, sowie die mystischen Verzückungen der Gnostikcr und Neuplatoniker. Das Mittelalter, zumal in seiner zweiten Hälfte, besaß seine Schwarz- künstler und den„Satansdienst" der Hexen. Die Gegenwart dagegen kultiviert neben dem Gesundbeten und der wahrsagenden niesten Frau, die ihre Kundschaft sogar auf dem Wege des Zeitungsinserats anwirbt, spiritistische Cirkel, Journale und Erscheinungslehren. So verschieden jedoch der heutige Spiritismus sich im Vergleich zu den geheimen„Wissenschaften" früherer Jahrhunderte zu geben bemüht, er ist deshalb keine neue Erscheinung. Schon das aus- gehende Mittelalter und die erste Reformationszeit hat in dein lassischen Lande des Aberglaubens und der Zauberei, in England. ein Auftreten gesehen. Und damals bereits haben seine Adepten die Wahrnehmung machen müssen, daß die Geister von allen Eigen« 'chaften die des Betrügers anscheinend am besten zu vennitteln der- 'tehen. Gewiß liegt etlvas Eigenartiges in dem Eifer, um nicht zu ägcn, in der Witt, mit der am Ende des Mittelalters das Studium der sogenannten schwarzen Künste betrieben ward. Während die Haeresie das Bestehende auf dem Wege der Kritik weiterzubilden trachtete, suchte der Occultismus die natürliche Entwicklungs- reihe bewußt zu überspringen und unmittelbar zu den letzten Ursachen der Erscheinungen vorzudringen. So mag gerade die Schwarzkunst für viele damals das revolutionäre Denken in seiner höchsten Form dargestellt haben, weshalb wir ihr denn auch eine Reihe der wichtigsten Entdeckungen und selbst neue Wissenschaftsgebiete, wie das der Chemie, verdanken, ohne die wir uns die Gegenwart nicht vor- zustellen vennögen. Diesen Gesichtspunkt wird man im Auge be» halten müssen, gegenüber dem Aberglauben, der Leichtgläubigkeit und dem Charlatanismus, womit man die gelehrtesten Persönlich» leiten jener Zeit vielfach behaftet sieht. Unter diesen ist die Figur des Engländers Dr. Dee nicht die an, wenigsten interesiante. Geboren zu London im Jahre 1527, widmete er sich mit größtem Eifer den humanistischen und mathematischen Studien und gelangte auf den Universitäten Englands und des Kontinents bald zu Ruf und Ansehen. Den Geschmack an den Geheimwissenschasten soll er bereits gefunden haben, als er noch Student zu Löwen war. Sonderbar genug ist dabei freilich, daß eine seiner ersten Schriften eine Verteidigung Roger Bacons vor dem Vorwurf der Zauberei darstellt. Unter der Königin Maria stand er in enger Korrespondenz mit der Prinzessin und späteren Königin Elisabeth, die ihm ihre Hinneigung und ihre Vorliebe für abergläubische Dinge zu verdanken scheint. Noch nach ihrer Thronbesteigung nahm sie Dees Dienste in Anspruch, um vermeintlichen gegen ihre Person gerichteten Zaubereien entgegen zu wirken. Die besondere Art der Schwarzkunst, die Dr. Dee betrieb, bestand in der„Theurgie", der Geisterbannung, wonach man vermöge einer guten Sinnesrichtung, durch Reinheit des Lebens und der Person und ähnliche Bedingungen zur sichtbaren Verbindung mit guten Geistern gelangen und ihres Rates und ihrer Hilfe teilhast werden könne. Notwendig war dabei, den Geist in einen Stein oder Glas, die eigens zu dem Zweck präpariert sein mußten, einzusperren. Nun scheint damals die Meinung unter den Schwarzkünstlern bereits allgemein gewesen zu sein, daß zur Beobachtung dieses Steines oder Glases ein besonderer Gehilfe notwendig sei, der allein init den Geistern umgehe, um zu wiederholen, was er sehe oder höre. Gleichzeitig vernehmen wir von jenen Zuständen der Verzückung, der.Trance", die den Gehilfen des Geistesbanners, den„skrher", in die nächste Beziehung zum spiritistischen Medium bringen. Im britischen Museum zu London ist ein Manuskript von Dr. Dees Hand erhalten, daS über seine ersten Konferenzen mit der Geisterwelt Aufschluß giebt. Sein derzeitiger Gehilfe war ein gewisser Barnabas Saul, dem offenbar mit der erforderlichen Schwindel- phantastik auch das Talent abging, ein brauchbares und ergiebiges Medium zu fein, lieber ihn findet"sich nur eine einzige Notiz, wonach er„von einen» Geisterwesen in sonderbarer Weise um Mitternacht beunruhigt" worden wäre. Bald darauf mußte er eingestehen, „daß er von Geistern weder mehr etwas sah noch hörte". Sein Nachfolger Edward Kelly wußte mit seinem leicht- und aber- gläubischen Patron besser zu fahren. Kelly war ein bestrafter Falsch- münzer, dem diese Sorte Goldmacherkunst beide Ohren gekostet hatte. Seincin Ruf als Alchymist und Geisterbeschwörcr scheint da-Z jedoch, wie seine Verbindung mit dem sonst durchaus ehrenwerten Dee beweist, weiter keinen Abbruch gethan zu haben. Bald genug lvuße er sich in das Verttauen des letzteren völlig einzuschleichen. zumal dadurch, daß er die vorgeblichen Besucher des magischen Glases als Wesen der Hölle und damit die Glaubwürdigkeit seiner eignen Aussagen zu diskreditteren sich den Anschein gab. Eine sonderbare Wendung nahmen aber die spirittstischcn Konferenzen Dees, als 1683 der polnische Prinz Albert Lasky den englischen Hof besuchte. Der letztere wurde ein häufiger Gast in DeeS HauS, wo er in die Geheimnisse des Geisterverkehrs eingeweiht ward. Es ist schwer zu sagen, ob Kelly sich nicht zu sonderbaren und ehrgeizigen Plänen verstiegen, die von Lasky oder einigen der deutschen Prinzen ms Werk gesetzt werden sollten. Wenigstens begann er auf die Einbildunßs- kraft des Polen durch die Enthüllungen von Dee's magischem Steine zu wirken. Von diesen» Aiigenblicke ab sprachen die Geister kaun» noch von etwas andrem als von Revolutionen und niächttgen Er- schütteruli en, die in Kürze in Europa vor sich gehen sollten. So werden s.e eines Tages von einem Geiste beehrt, der»»ach Kelly's Visionen in der Gestalt eines Landjunkers auftritt, in Wirklichkeit aber der Engel Murifti ist. In geheiinnisvoller Weise spricht er von der Schlcchttgkeit der Welt, von der herannahenden allgemeinen Umwälzung und Regeneration und von dem Buch eines neuen Gesetzes, das danach wird gegeben werden. Der Vollbringer alles dessen aber ist Albert Lasky. Ein andrer Geist zeigt sich u. a. in der Gestalt eines jungen Mädchens mit Namen Gattiah und macht noch bestimmtere Mitteilungen über die zukünftigen Aussichten des polnischen Gastes.„Sein Name steht in dem Buch des Lebens; er wird König sein über zwei König- reiche, über Polen und ein andres, das er nach Recht als se»n eigen sucht; er Ivird den Z»lstand der gesamten Welt ändern, denn niemand kann obsiegen über jenen, den die Hand Gottes bewaffnet hat." Im Stile dieser verrückten Prophezeiungen verlaufen mehr oder minder alle auf den Polen bezüglichen Konferenzen. Aber nicht nur den Zustand der Verzückung schemt Kelly»neisterlich darzu- stellen verstanden zu haben— wo wir ihn von dem Aussehen der Geister sprechen höre»», geschieht es ebenfalls ganz nach der Art unsrer Spiritistei», denen er die.Wissenschaft" der Transfiguration und der Materialisation geradezu vorwegnimmt. So schwebt bei einer Gelegenheit„ein hübsches Mädchen von 7—9 Jahren durch die Luft, mit glänzendem und wallenden, Haar, in ein Seidcngewand mit langer Schleppe gekleidet, das seine Farbe bald ii» grün, bald in rot ändert". Also dieselbe Art„Wunder", mit der unsre Spiritisten in ihren öffentlichen Sitzungcn sich und das Publikum amüsieren. Und wenn Kellys Geister noch nicht wie ihre Epigonen in der Gegenwart Blumensträuße zu„apportieren" verstehen, so wußten sie dock» Bittschriften, die der gutgläubige und harmlose Dr. Dee für Selbstinörderinnei» überreicht, spurlos verschwinden zu lassen. Doch mit diesem Humbug nicht genug, veranlaßt Kelly seinen Pattoi», dem Prinzen init Weib und Kind nach Polen zu folgen. Aber offenbar bitter enttäuscht über die Größe und die Ausdehnung von dessen Macht und Reichtümern, waren sie gezwungen, anderwärts ihr Heil zu suchen und trieben fich eine Reihe von Jahren in deuffchen, östreichischen und polnischen Landen manchmal unter harten Entbehrungen umher. Nachdein auch eine'„göttliche" Sendung DeeS an den Kaiser Rudolf, der diesen als Philosophen von Ruf ztvar mit Achtung einpfing, ihn sonst jedoch als schwärnierischen Träumer behandelte, ihre Lage um nichts gebessert hatte,_ so daß die Geister nunmehr selbst Dees UnWürdigkeit auszusprechen begänne»,, versuchte Kelly es mit den» letzten Hand- streich gegen seinen Patton. Mrs. Jane Dee war von gleichem Alter wie Kelly»»nd daher viel jünger als ihr Gatte. Kelly hatte oft Ab- neigung gegen seine eigne Frau erkennen lassen, doch scheint er von andren Gefühlen gegen das Weib seines Pattons erfüllt gewesen zu sein. Natürlich»varen es die Geister, die nach Gottes Willen er« klärten, daß beide in Weibergemeinschast leben sollten. Dee und nicht zun, geringsten der redliche Kelly bezeugten den ticfften Ab- scheu. Aber das Gebot wurde wiederholt und die Widerspenstigen belehrt, Sünde sei ein relatives Ding»»nd nichts schlimmes, sobald sie Gottes Wille sei. Die beiden Frauen z»» überze»igen und zu gewinnen, scheint keine besonderen Schwierigkeiten ge- boten zu haben. So notiert denn Dee in seinem Reisejoilrnal: „Daß am Som»tag, den 3. Mai Ani»o 1687 snach dem neuen Ka« lender) Ich, John Dee, Edward Kelly und»insre beiden Frauen unter Gottes Hilfe einen Verttag schloffen und ui»terschricben auf unlösliche und unverletzliche Verbindung, Liebe und Freundschaft zlvischen uns vieren, so daß alles»»»»ter uns gemeinsam sei, wie Gott durch wiederholte Kundgebungen zu thun uns bestimmt hat." Als dies vor sich ging, befanden sich die beiden Parteien in der Nähe Prags, wo Kaiser Rudolf Hof hielt. Kelly gelang es. diesen letzteren von seinen alchyn, istischen Künsten zu über« zeugen; er wurde in den Ritterstand erhoben. Dee da« gegen kehrte allein und verlassen nach England zurück, Ivo ihn seine ftühere Gönnerin, die Königin Elisabeth zwar mit Wohlwollen empfing, wo er jedoch jede Spur von Respett verloren hatte. In tiefer Armut soll er(1603) zu Mortlake gestorben sein. Zuvor aber hatte er sein Reisejournal und seine Geisterkonferenzen publiziert. Nach einer Randhemerkung, die sich auf einem der im britischen Museum erhaltenen ersten Drucke befindet, erwog die Regierung, ob die Veröffentlichung untersagt werden solle. Bevor sie sich jedoch schlüssig inachen koni»te, war die gesamte Auflage bereits vergriffen, ein Zeichen, wie groß gerade unter den Gebildeten jener Zeit die Anhängerschaft Dr. Dees gewesen ist.— Dr. H. L a u f e n b e r g. kleines feiiLUeton. — Schwarzwälder Steckbriefe im 18. Jahrhundert. Man schreibt der„Frankfurter Zeitung" aus Freiburg i. Br.: Als ich kürzlich die Originale alter Prozeß- und Kriminal-Akten durch- stöberte, fand ich einen interessanten Beitrag zur Geschichte des Steck- briefs und zur Geschichte des Kanzleistils. Da ist zuerst vom 11. Juli 1788 ein Schreiben der„dienstergebcnen St. Blas. Kanzler. geheimen und Hofräthe" an„den Hochcdelgebornen und Hoch- gelehrten Herrn Würtenberger, Hochfürstl. St. Blas. Hofrath und Obervogtcn der Reichsgrasschaft Bonndorf, Unseren Hochgeehrten Herrn, Bonndorf"". Dieses Schreiben lautet: „Der durch diesen Expressen einbcrichtete allein anschein nach vorgegangene leidige und abscheuliche Mord der Franz. Schmidin hat uns sehr bestürzt, wo einmal nach denen erhobenen lnckiciis allerdings nicht zu zweifeln ist, daß des ehelichen Herrn Forst- meisters Sohn Egidi der boßhafte Thäter sehn dürste. Nun ist zwar in ansehung der Begräbniß gar lein Anstand zu ncmmen, daß die er« mordete nach kristkathol. Gebrauch beerdigt werde. Weilen aber der Egidi M. sich flüchtig gemacht, so ist dessen ungeachtet alles an- zuwenden, daß derselbe, wo Er immer in diesseitigen Gebieten ge- troffen werden sollte, handfest gemacht und dem betr. Amt einge- liefert werde. Damit man aber auch zugleich der Gott geheiligten Justiz ein genügen leiste, so hat Unser hochgeehrter Herr durch er- lassende Steckbriefe an die Nachbarschaft die betrefende obrigkeiten zu ersuchen, daß man auf den gen. M. gut Spähe halten, auf be- trettungsfall solchen arretiren und gegen Erstattung aller Unkosten ausliefern möge. Wie aber hierzu dessen genaricr Beschrieb er- forderlich, so ist solcher auch beizulegen, doch aber der M. nicht als der Sohl» de? Herrn Forstmeisters, sondern nur als ein Jäger- P u s ch zu benainssen.— Wir verbleiben mit besonderer Consi- ckeration Unseres Jnsbcsonders Hochgeehrten u. s. w." Am folgenden Tage beginnt nun der Steckbricfbettieb von Bonn- darf aus, und da ist es unterhaltsam, zu beachten, in tvelch ver- schiedener Gangart sich der Kanzleischimmel angesichts der Ober- Vögte und Vögte bewegt. In dem Steckbrief an die Hochfürstlichcn O/Amtmänner und O/Vögte in Löffingen, Neustadt u. s. w. wird gesagt: „Weil bereits gemuthmaßet werden will, daß der Jäger- b u r s ch M. abseiten der kurzhin ermordeten Sch. boshafte Thäter sehn dürfte, dieser nemliche M. hingegen, welcher von»nittlerer Statur, braunem Haar, auch dergleichen Augen und erhöhter Stirn, etwas aufgeworfenen Lefzen, anbey mageren und braunen auch langlichtcn angesichts und bcyläufig 23 bis 24 Jahre alt ist, sich ohne Gewehr flüchtig gemacht, anbey aber der Gottgeheiligtcn Justiz das immermögliche Genügen zu leisten ist: als man hat da das an« gelegenste und zugleich frcundnachbarlichst Ansuchen dahir machen sollen und wollen, womit auf den vorbeschriebenen Jägerburschen gute Spähe gehalten, solcher auch auf den Betrettungsfall arretiert und gegen Kostenerstattung an diesortiges O/Amt gütigst ausge- liefert werden möchte. Und wie man auch in aller Ergebenheit das Schuldvollste Reciprocum beobachten wird, so wird auch zugleich der- sichert, datz man in Vollester und allgeziemender Hochachtung be- harret Eines u. s. w." Während hier der Kanzleischimmel in sehr hoher Schule geritten wird, bewegt er sich etwas natürlicher zu„sämtlichen Herrschaftlichen Vögten im O/Amt, an jeden Vogt insbesondere". In dem Steck- brief an die Vögte wird nach Beschreibung des Thäters gesagt, weil „dieser sich flüchtig gemacht haben solle und nun alles anzu- wenden, dah derselbe, wo er immer angetroffen werden sollte, handfest gemacht und dem Amt eingeliefert wird, so werdet Ihr also in der Stille all Obachtung halten und auch in der ncmlichen Stille und Behutsamkeit den dortigen patroullircnten Soldaten hiervon be- nachrichtigen". Diese„Stille und Behutsamkeit" wird gewünscht, damit„dem an sich wenig nutzenden Gassengeschrey möglichster Maatzen ausge- wichen werde".— Musik. Vor zwanzig Jahren hat das Schauspiel„F e o d o r a" des gewandten Theatermannes Sardou in weiten Kreisen Effekt gemacht. Man möchte glauben, es sei schon viel länger her, so sehr hat sich seit damals der dramatische Geschmack gewandelt. In der Oper reicht die moderne Wandlung des Geschmacks weiter zurück, und trotzdem tauchte erst vor kurzem jenes Stück als Opern- text eines Komponisten der Gegenwart auf. Umberto Gior- d a n o. geb. 1863, seit zehn Jahren durch Opern bekannt, die in der beqeumen Klassifikation des..Neuitalienischen" untergebracht werden, kam mit seiner„Feodora" zum ersten Mal in Mailand 1393 heraus. Jetzt hat zu einer Erstauf- führung für Berlin(ich weih nicht, ob mich für Deutschland) die Morwitz-Oper im„Berliner Theater" das Ihrige gethan, und zwar am vergangenen Sonnabend. Der grotze, äuhere Erfolg täuschte keineswegs über den inneren hinweg: es galt wirklich eine Bereicherung der Musik. „Lyrische Oper" nennt Giordano sein Werk. Dieser Untertitel ist einer von den vielen, mit denen neuerdings teils besondere Ab- arten der Gattung Oper versucht, teils vielleicht auch Entschul- digungen wegen eines Mangels an dramatischer Vollkommenheit ge- geben werden sollen. Tschaikoffsky hat seinen, in Berlin gern ge- spielten„Eugen Onegin" als„Lyrische Scencn" bezeichnet. So meint es nun Giordano nicht. Ihm ist es nicht um eine Reihe von Wildclrnj mit emcr jeweils darauf Ainzjrnhriertcni,'Kedartiigen Musik>zij tun. Erfolgt getreu dem Verlauf seines, noch dazu nicht eigentlich lyri- schen Stückes und rundet kaum jemals eine sogenannte„Nummer" ab. Allein er sucht die seelischen Zustände, insbesondere die Stimmungen, mehr noch als die dramatische Entwicklung musikalisch auszusprechen. Das ist aber nun wieder nicht Sardou, für den ja gerade die äußeren Geschehnisse und Situationen die Hauptsache sind. -Dagegen kommen die künstlichen Gegensätze, mit denen Sardous Vir- tuosität spielt, dem Komponisten reichlich zu gute. Feodoras Bräu- tigam ist von Loris Jpanoff ermordet worden. Das scheint ein nihilistisches Attentat zu sein, und die Spürereien der Polizei ver- einigen sich mit der Rache Feodoras. Allmählich beginnt sie den, den sie ausliefern will, zu lieben, und wie er ihr beweist, daß er die That nur zur Sühne einer Untreue in der Liebe begangen, nimmt sie ihn an sich. Allein bereits hat eine Denunziation von ihr seine Mutter und seinen Bruder ums Leben gebracht, und sie nimmt Sardousches Gift mit gleichzeitiger Hirtenmusik usw. Dazwischen stehen nun ver- schiedentliche Figuren und Interessen der gesellschaftlichen Kreise, in denen das Ganze spielt; und in dem Neben- und Jneinanderwirken dieser Kräfte entfaltet sich Giordanos beste Kunst. Trotzdem ist er mit Ensemblescenen sehr sparsam; die alten Begriffe Duett usw. sind kaum mehr anzuwenden. Allein das Jneinanderspielen beispielsweise von gemein- vornehmem Gesellschaftston und von höchster Jnnenerregung der abgesondert mit einander sprechenden Hauptpersonen ist musikalisch vorzüglich wiedergegeben. Im 2. Akt trägt rückwärts em Salonkomponist seine Sachen auf dem Klavier vor, und vorne agiert Feodora in Uebereinstimmung mit dieser Klaviermusik ihre Erforschung des Mörders. Das Zusammentreffen des einen und des andern packt, und es würde mehr als dies thun, wenn der Komponist nicht im Dienst einer Tertmache stünde. Können wir davon absehen, so folgen wir dem vielseitigen Wechselspiel der Musik gern, auch um ihrer verhältnismäßigen Schlichtheit willen, und trotz der manchmal etwas gewöhnlichen Mittel, die sie anwendet. Bis zu gewaltigen Schöpfungen als Zeichen der hauptsächlichen dramatischen Wendungen versteigt sie sich nun eben nicht. Dafür versteht sie es auf interessante Weisen, die Klangfarben des Orchesters mit reichlicher Abwechslung in den Dienst des Ausdrucks von Ge- fühlen und Stimmungen zu stellen. Die„P r e v o st i": das war wohl der zugkräftigste Klang, der dem Abend sein Publikum brachte. Sie bleibt, und zwar hoffentlich auf lange, ein wirklicher Stern unsrer Opernbühnen. Gerade bei diesem Werke kommt ein Hauptvorzug von ihr zur vollen Geltung: der Reichtum an Klangfarben für den stimmlichen Ausdruck der jeweiligen Situation. Im übrigen kennen wir sie ja und kennen auch die ständigen Leistungen der Morwitz-Oper. Diesmal waren' Verantwortl. Redakteur: Julius Kaliski m Berlin. sie bedeutend besser, als an den gewöhnlichen Abendeti; ein Zeichen. daß man schon um der Künstler willen mehr wagen mutz, als die Rücksicht auf ein kritisches Publikum manchmal raten läßt. Dazu, daß Mittleres an Großem groß wird, trägt man gerne durch Nachsicht bei. Weniger versöhnlich stimmte ein andrer Gast, der Tenor Adolf Gröbke. Gutes Stimmmaterial und eine Spur von Be- mühung, über Gewöhnliches hinauszugehen; aber solche Zwangs- töne in den hohen Lagen, wie bei dem genannten Sänger, sind auf die Dauer schwer erträglich.' sz. Aus dem Tierleben. so Sinneswahrnehmungen der Fische. Die meisten Fische suchen ihre Nahrung mit den Augen und machen sichtlich einen guten Gebrauch von ihrer Sehkraft, obgleich sie begrenzt ist. Sie vermögen einen Menschen aus einer Entfernung von etwa 5 Meter wahrzunehmen, ihn aber erst aus einem Abstand von höchstens 3 oder 4 Fuß deutlich zu sehen. Innerhalb dieser Grenze jedoch sind sie scharftichtig genug, wie sich an ihrem Gebahren bei der Annäherung verschiedener Gegenstände erkennen läßt. Sie scheinen auch eine Art von Farbensinn zu besitzen und dazu fähig zu sein, Wärter an ihrer Kleidung zu erkennen, obgleich sich für das Vorhandensein dieses Sinnes noch kein befriedigender Beweis hat erbringen lassen. Ein Mangel der Gebrauchsfähigkeit ihrer Augen liegt sicher darin, daß sie nicht nach allen Richtungen gleich gut sehen können. Bateson hat durch viele Experimente an 34 Fischarten ermittelt, daß einige Fische nicht dazu im stände find, Futter wahrzunehmen, das auf den Boden des ihnen angewiesenen Behälters gelegt wird. Die Fische, welche sich auf ihre Äugen ge- niigend verlassen können, scheinen von andren SinneSkrästen wenig Gebrauch zu machen, während andre ihr Futter auch durch den Ge- ruch, den Geschmack oder den Tastsinn zu prüfen scheinen, bevor sie es annehmen. Von etwa einem Dutzend Fischarten, die in der Nacht auf den Fraß ausgehen, wie die Rochen, die Mcer-Aale und die Seezungen ist es wahrscheinlich, daß sie ihr Futter nach dem Geruch suchen. Wenn der Saft von einem Tintenfisch ins Wasser gegossen wird, nehmen die mit den Augen jagenden Raubfische davon keine Notiz, während andre sich dadurch sogar zur Tageszeit aus ihrem Versteck hervorlocken lassen und eine Zeit lang mit ihren Tastorganen nach der vermeintlichen Beute umhersuchen. Besonders deutlich zeigt sich der Unterschied in der Begabung, wenn die betreffenden Sinnes- organe künstlich außer Thätigkeit gesetzt werden. Einige Fischarten verhalten sich im geblendeten Zustand beim Futterfuchen ganz ebenso wie im Besitze ihrer Augen, während andre durch deren Ver- lust sehr beeinträchtigt werden. Andrerseits können bestimmte Arten ihr Futter nur aus ganz geringer Entfernung erkennen, wenn sie ihrer Geruchsnervcn beraubt worden sind. Gelegentlich können Fische an Stelle des verlorenen Organs ihre Augen allmählich gebrauchen lernen, wie Bateson durch Versuche mit einer Seequappe nachgewiesen hat. Er ging von der Vorstellung aus, daß dieser Fisch Würmer und andre Nahrungsmittel, ivcnn sie ins Wasser geworfen wurdcn, nicht zu sehen vermochte. Wenn ein solcher Fisch jedoch monatelang in einem seichten Behälter gelebt hatte und täglich von einer Person, die sich über das Gefäß neigte, gefüttert war, so kam er schließlich, wenn er Hunger verspürte, von selbst an die Ober- fläche, streckte seinen Kopf aus dem Wasser hervor und schnappte nach einem vorgehaltenen Finger. Daß manche Fische aus der Hand ftessen lernen, ist bekannt genug, aber merkwürdigerweise scheint ein so erzogener Fisch nicht den im Wasser schwimmenden Wurm zn er- kennen, sondern nur die Gegenwart der Person, die ihn füttert. Da die Seequappe von Natur aus nur des Nachts ftißt, so muß man annehmen, daß sie ihr Futter nicht sieht, sondern durch andre Sinne wahrnimmt. Da dieser Fisch aber daran gewöhnt werden kann, von einem Menschen auch bei Tageslicht Futter zu nehmen, so muß man wohl den Schluß ziehen, dah er den Gebrauch feiner Augen allmählich lernt. Andre Fifche benutzen dazu den Tastsinn, in- dem sie mit besonders empfindlichen Organen ftir diesem Zweck begabt sind. Das ist namentlich der Fall bei allen blinden Fischen, wie sie fich entweder in Höhlen oder in größeren Tiefen des Meeres finden, wo sie in völliger Dunkelheit leben, wenn sie nicht die Fähigkett besitzen, selbst zu leuchten. Für sie kann auch der Geruchssinn eine Unterstützung sein, aber Versuche haben gezeigt, daß sie ihre Beute im wesentlichen durch Tastorgane ermitteln. Sicher ist, daß manche Fischarten auch eine Geschmacksempfindung besitzen und viel- leicht sogar bis zu gewissem Grade Feinfchmecker sind, indem sie Sinnesorgane haben, die den Geschmacksbechern andrer Wirbelttere gleichen und nicht nur im Munde sitzen, sondern sogar über andre Teile des Körpers verteilt sind.— Humoristisches. — Erkenntnis.„DöS siecht ma glei, daß unser' Religion die besser' is. Unserne Pfarrer fan foast und kugelrund, aber de lutherische» san zaunrackerdürr."—(„ Simplicissimus.") — Schulhumor. Der gestrenge Direktor des Gymnasiums zu X. wohnt dem Unterricht im Griechischen in der Untertertia bei. Es kommt das Wort„Thanatos"(Tod) vor, aber kein Schüler kennt es. Der Direktor greift ein: „Na, weiß denn keiner, was mich erreicht, wenn ich sterbe?" Alles schweigt. Da meldet sich der letzte in der letzten Bank. „Nun, mein Sohn?" „Die Nemesis."— — Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Eo., Berlin 8W