Nnterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 151. Mittwoch, den 5. August. 1903 (Nachdruck verboten.) 81 Die Hcbcnbachcr. Noman von Anton v. Perfall. Lorenz hielt den Schneeblock, welcher ihn völlig dem Nlick der jungen Leute entzog, mitten im Rollen mit dem Bergstock auf. Der Junge hielt im Laufen inne, sprachlos auf das Wunder starrend. Da hob sich der schwarze Kopf des Achcnbachers über den Schneerand. Das Mädchen schrie laut auf und drückte sich ängstlich an den Jungen, welcher, wie zur Verteidigung� den Arm um ihr rotes Flanellröckchen legte. „Da gehst her, Flori!" rief Lorenz. Der Junge zögerte. „Wird's werd'n!" Der Bergstock wurde zornig erhoben. „I Hab' grad der Resl a bißl schieben g'holf'n. Das wird Wohl kein Unrecht sein," erwiderte Flori, ohne seinen Platz zu verlassen. Da stürmte schon Lorenz die Anhöhe hinauf. Der Junge erwartete ihn regungslos, während das Mädchen ihn mit ihrem Körper deckte und mit großen, ängstlichen Augen den zornigen Mann anblickte. „I Hab''n g'ruf'n, Herr Bürgermeister. Mich schlag'« S', wen's net recht war, Herr Bürgermeister." Diese Ansprache brachte Lorenz vollends in Wut. Er riß das Mädchen von seinem Buben los und schleuderte sie in den Schnee. Sie kollerte den steilen Abhang hinab. „Hab' i Dir net hundertmal g'sagt, Du hast nix z'thuan bei dene Leut?" brüllte er jetzt Flori an, drohend den Bergstock schwingend. Doch dieser blickte, ohne einen Versuch zu machen, einem Schlag auszuweichen, den Abhang hinab. Unwillkürlich wandte auch Lorenz sich. „Ja, wo is denn jetzt Hinkomma, die Dirn?" fragte er. Doch Flori flog schon hinab. Jetzt kniete er vor einem dunklen Gegenstande, neben einem verschneiten Baumstrunk. Er hob ihn auf. Alle Teufel, das Mädel! Na, heut is a Tag. Jetzt pressierte es auch ihm. Der Baumstrunk zeigte Blutspuren. Flori rieb die Stirn Nesels mit Schnee, und eben als er ankam, schlug sie die Augen auf. „Was war denn jetzt, Flori?" fragte sie erstaunt, ohne den Kopf in seinen Armen zu bewegen. „Thuat's weh, Reserl?" fragte Flori mitleidig. Sie lächelte und schüttelte leise den Kopf.„Jetzt nimma." Als sie aber das Antlitz des Bauern über sich erblickte, hob sie wie abwehrend die Hand.„Net wieder schlag'n Herr Bürgermeister." Lorenz schämte sich vor dem Kinde. Ter Anblick packte den rauhen Mann wider Willen...Hab' Di ja gar net g'schlag'n, ausg'rutscht bist und abakugelt. grad a bißl auf- g'schürft, desweg'n brauchst koan G'schrei z'inach'n z' Haus � und wenn's grad wieder auftrifft, daß Du den Flori nöti hast— no dann— dann— ruafst'n halt." Das Gesicht NeSls erhellte sich bei den letzten Worten des Achenbacher. Keine Spur von Schreck und Schmerz blieb zurück. Rasch sprang sie auf.„O, kein Sterbenswörtl sag' i.'s is mir ja nix, Herr Bürgermeister. Gar nix." Sie trocknete mit dem Röckchen das nasse Gesichtchen und lachte über die Blutspuren.«Gar nix is, grad der Schreck hat's gemacht." Da rief man vom Hofe herab wiederholt ihren Namen. „D' Muatter! O, i jag' nix! Koan Sterbenswörtl! Kann ja g'fall'n sein, net wahr, Herr Bürgermeister?" � Mit diesen Worten sprang sie seitwärts durch den tiefen Schnee, dem Hofe zu, doch ihre Bewegung schien unsicher, zweimal hielt sie sich an einem Obstbaume fest. , Flori und der Vater sahen ihr unverwandt nach. Ehe sie hinter dem Hügel verschwand, sah sie sich noch einmal um und schüttelte die erhobene kleine Hand.„Gar nix!" � Lorenz verwischte mit dem Stiefel die Blutspuren. „A brav's Mädel,'s Reserl t Das muaßt Du selb'r sag'n, Vater," meinte Flori. „Is auch," erwiderte der Achenbacher,„aber das ändert an der Sach nix. Du bist alt g'nua, daß D' weißt, wia ma steh« mit die Leut. und a bißl an Stolz muaß ma in Deine Jahr schon hab'n." Er schritt seinem Hofe zu, dessen breites Dach sich hinter dem Hügel erhob. Flori folgte seiner Spur. „Wenn's jetzt tot g'wcs'n wär, nacha war's aus mit unserm Stolz." Der Bater wandte sich um und warf seinem Sohn einen bösen Blick zu:„Schwätz net so dumm?" „Was g'schehet ein'm jetzt da?" fragte der Junge un- bekünnnert fort. ,.Käm' ma ins Zuchthaus?" „War no schöner!" meinte Lorenz.„A Unglücksfall war's halt, do mein Lebtag koan Mord. Dös hoaßt— Herrgott, fragt der Bua dumm." Sie hatten den Hof erreicht. Ein derber, wollhaariger Hund erdrosselte sich fast an der Kette vor Freudenspriingen. Ein Schwärm Spatzen erhob sich lärmend vom rauchenden. frischen Dung. Lorenz klopfte mit dem Bergstock die Stiefel ab vor der Hausthür, ebenso den Wettermantel, dann trat er ein. Ehe er die Thürklinke zur Linken drückte, atmete er schwer auf. Vor dem Ofentisch saß eine stattliche Frau strickend. Ihr rotblondes Haar war in einem dicken Zopf um den Kopf gelegt. Im grellen Schneelichte, das zum Fenster hinter ihr hcreinflutcte, fliinmerten die wirren losgelösten Härchen wie lauteres Gold, die blau karrierte Jacke ließ einen blüh- weißen, auffallend jugendlichen Nacken und zwei tadellos ge- formte Arme frei, während sie in ihrem knappen altmodische« Schnitte den kräftigen Körperbau zur vollen Geltung brachte. Die Achenbacherin! Auf der Ofenbank qualmte der Großvater, die Ellbogen auf den Schenkel gestützt, aus einer Holzpfeife. 5lcin Wort fiel. Die Stricknadeln klapperten ohne Unterlaß weiter, nur die grauen Augen der Frau ruhten forschend ans Lorenz, welcher den Wettermantel auszog und auf die Stange vor dem Ofen hängte. Lorenz machte sich länger als nötig zu schaffen, plötzlich wandte er sich. „Warum red'st denn gar nix?" fragte er mit mühsam unterdrückter Erregung. „I mein' alleweil, an Dir wär's, z'red'n," erwiderte die Bäuerin. „Natürli, weil i Euch was Neu's sag'." Das Geklapper der Stricknadeln hörte auf. „Das Alte wär, daß Di wieder g'wählt hab'n," sagte die Bäuerin regungslos. „Das wär das Alte, ganz richti," brummte der Vater auf der Ofenbank. „Das meint er a, der Lorenz— gelt, Lorenz?" „Oder was— der Lehner is?" Lorenz schlug sich mit der flachen Hand auf die Schenkel und lachte grell auf.„No, was schaugst denn so döst? Is das was Neu's für Euch?". Der Alte starrte mit offenem Munde auf seinen Sohn. Die Bäuerin hatte das Strickzeug weggelegt und strich sich mit der Hand um den Hals, als würge sie etwas. Lorenz beobachtete scharf sein Weib. Sie schwieg ihm zu lange, und der Blick über die Tischplatte hinweg schien ihm bedenklich in die Weite zu schweifen. „Endlich!" fuhr sie fort,„samt der Kramerstochter, saint dem LuniP'n von Bruadcrn, und i Hab' ma weiter an Hauf'n einbild't auf die Bürgermeisterin— und jetzt is die armselige G'sellin da drüb'n. Aber in der Ordnung is." Sie schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Dunkle Röte stieg den weißen Hals hinauf bis unter die Haarkrone.„Ganz in der Ordnung. Wenn ma so an alt's Recht net halt'« kann, g'hört's ei'm a net." Lorenz schwoll die Zornader.„Also i bin schuld, i? Hätt's am End mach'n soll'n, wia der andre, mein ganze Freundschaft verrat'«, bei den Seehaniniern betteln gehn um die Stimma? Na, liaber so den Kampf aufnehma mit dem Volk und sein säubern Bürgermeister. Das steht an Achen» bacher besser an. Aber dazua g'hört vor all'm, daß ma in sei'm eignen Haus kein Widerstand find'." „Find'st denn?" fragte der Alte. »Na,'s langt grad/' erwiderte Lorenz.»Der Flori treibt si' den ganz'n Tag mit der Res! drüb'n umanand. grad Hab' i s' wieder d'erwischt. und der da"— er zeigte auf die Bäuerin—„is a net recht ernst, mein' i alleweil, mn der Feindschaft—" „SKctliii?" Vurgl erhob sich und trat auf Lorenz zu. „Wia Du Di auskennst! Wenn i Dir aber sag', daß i'n hast, den Heimduck'r, wia ma nur an Mensch'n hass'n kann. Dast i recht wohl weist, warum er die ganze Sach eing'fädelt hat! Nur um m i z'kränk'n! Is mir nacha a net ernst?" Die grauen Augen blitzten leidenschaftlich auf, die hoch- gehende Brust verriet die höchste Erregung. Lorenz weidete sich an diesem Anblick. In seiner völligen Unkenntnis der weiblichen Seele erblickte er darin die klare Widerlegung seiner Befürchtungen. „Ja. wenn's so steht, Burgl, wenn Du zu mir haltst, dann is's Spiel g'wonna, eh's angeht." Er streckte ihr jäh die Hand hin. Sie ergriff sie ohne Wänne.„Dast da no ein Ver- sichcrung brauchst!" sagte sie spöttisch. „Und ch'r soll der Achenbach durch die Stub'n lauf'n, als dast anders g'halt'u wird zwisch'n uns und die Lehner." Der Alte hatte sich von der Ofenbank erhoben und stand, auf seinen Knotenstock gestützt, mit seinen halberblindeten Augen das spärliche Licht suchend, vor den beiden. Es war das eine von ihm oft gebrauchte Redensart. Von Jugend auf kämpfte er mit dem wilden Vergwasser, welches sein Eigentum durchströmte und demselben den Name» gegeben hatte. Ein zäher Kampf! Bald rist er ihm ein Stück Wiesenland hinweg oder verschüttete ein andres mit Kies und Geröll in unbändigem Ungestüm, bald weigerte er sich in träger Ruhe, seine Schneidemühle zu treiben. So führte er ihn auch ständig im Munde, bald als Gleichnis, bald als Drohung und Beschwörung.„Und wenn er do durchlaufat?" Es war Floris Stimme, der lachend, einen gewaltigen Ranken Brot in der Hand, unter der Thür stand. Lorenz wandte sich zornig um.„Was schleichst denn alleweil daher wia't Unglück?" „Ter Flori?" fragte der Alte, welcher nur den Ton der Stimme vernommen.„Der kommt ja grad recht. Da geh her, Flori." (Fortsetzung folgt.), (Nachdruck verboten.) k�inclerspiele in alter �eit. Noch ist, so viel ich weist, keine Geschichte des Kinderspiels geschrieben; fleistigc Forscher und tiefsinnige Gelehrte haben sich ja auch dahinter gemacht, allerlei Kinderreime gesammelt und da und dorr nach den Spielgcrätschaften der Kinder geforscht, um zu ent- decken, dast diese, soweit sie nicht der Kunst und Technik zum Opfer gefallen, eigentlich überall und zu allen Zeiten die gleichen gc- blieben sind. Das Kind spielt mit allem, was ihm in die Hände kommt, mit Steinen und Blumen und mit einem Stückchen Holz, das es sorgsam umkleidet und Pflegt und hätschelt, wie wenn's eine ganz kunstvolle Puppe wäre. Ja twchl, eine Puppe— die finden wir schon in den prähistorischen Gräbern, ebenso wie Pferdchcn aus Holz oder Messing. und ebenso wie die primitivsten Musikinstrumente, die freilich auch manchmal schon schönen silbernen Schmuck aufweisen. Und wer kennt es nicht noch aus seiner Jugend, das„Steckenpferd", mit dem er mutig durch Haus, Hof und Garten ritt? Aber das alles waren ja nur Spiele für die Stube und für oic lange Winterszeit, in der höchstens die Eisbahn, der Schnee und die Schlitten ins Freie lockten. Kam einmal der Frühling, so griff man auch nach anderm Spielzeug. Da waren die Schusser, für deren Herstellung aus Glas schon eine Stuttgarter Handschrift des 15. Jahrhunderts ein Rezept angiebt mit dem Bemerken:„Das sind die gelben Kugelin, weil da die Schüler mit spielen, und sind gar wohlfeil". Im Jahre 1426 erlaubte der Rat zu Nördlingen das Paarlaufen. Kegeln, Radtrciben, die Schnellkügclchen, das Topfspiel und Hafcnschlagen, das Schiehen mit Blasrohr und Armbrrist, das allerdings auch mancherlei Unglück anrichtete, die Wind- oder Dreh- mühle. Blinde Kuh, Drachensteigen, Stelzenlaufen, das Ballspiel. und namentlich auch das Krciseltreiben übte man schon vor etlichen Jahrhunderten ebenso wie heute. Und daneben spielte man, wo sich eine fröhliche Kinderschar traf, allerlei Schclmenspiele„Gcrad' und Ungerad'", Platzwechseln,„Schneider, leih' mir Deine Schcer'", „Lachen verhalten", Knöcheln, Fingerziehcn, Häkeln usw., raufte wohl auch manchmal ernsthast miteinander, damit die Frau Mutter etwas zu flicken hatte und der Herr Vater das spanische Rohr, das damals eine noch größere pädagogische Rolle spielte als heute, nicht ganz unbenutzt lassen mußte.„Wenn ich bei Euch wäre", schrieb Goethes Mutter an ihre Enkelkinder in Weimar,»lernte ich Euch allerlei Spiele als Vögel verlaufen. Tuchdiebes. Potzschimber, Potz- schamber und noch vieles andre".„Kochen" und„Verkaufen" spielte bei den kleinen Mädchen auch im Freien eine große Rolle. Schon Geiler von Kaisersberg berichtet:„Da die Kind Gefatterlin mit einander, da machen sie Safstan, und das ist gefärbte Würz, das ist Süßwurz, das ist Ingwer, und ist alles aus einem Ziegel gerieben. und ist Ziegelmehl, und machen Häslin und kochen, und wenn es Nacht wird, so ist es alles nit und stoßen es um". Das war's ja auch hier, beim Spiel im Freien: das selbstgefertigte Spielzeug machte dem Kinde am meisten Freude. Thomas Platter erzählt, daß er schon im Alter von 5 bis 6 Jahren, wo er nur ein Häufchen Sand oder Grund auf der Gaste gewußt,„tiefe Löcher gegraben und mit Steinen hohe Thüren, Häuser und Mauern gebaut hat". Felix Platter aber baute sich aus Holz oder Rinde kleine Schiffe, setzte diese in den Brunnentrog, und seine Phantasie erzählte ihm allerlei Wundcrfahrtcn, die diese über Flüste und über Meere trugen. Mancherlei Vorteile genosten bei ihren Spielen die Landkinder vor den Stadtkindern. Die Natur bot ihnen in reicher Fülle alles nur mögliche Spielgerät. Erst blies man die aus Weidenstöcken an- gefertigte Flöte, dann kam das Birken- und Birnenlaub, auf dem man blasen lernte.«Tann kamen," wie der Historiker Heinrich Leo aus seiner Kindheit erzählt,„die Haferstcngel, die wir mit einer Rispe aufrissen, und so bescheidenere Pfeifchen zu Wege brachten; dann war der Weizen reif, und wir flochten schöne Strohbändcr. dann Körbchen und Stühlchcn von Binsen oder von Wegebreit- stengeln. Dazwischen war die Erdbeer-, Hcidelbeer- und Prcißclbeer- Zcit, zu der wir halbe Tage lang im Walde herumgezogen, uns satt aßen, und: kleinen, aus abgeschälter Rinde junger Eichenstämme mit Dorne, zusammengesteckten Mästchen auch den Eltern Beeren nach Hause trugen. Im Herbst kam dann die prächtige Brombecr- ernte, und dann wurden, wenn die Hollunderbccrcn reiften, Sprenkel gestellt. Zu allen Zeiten wurden die Köhler besucht, um ihre Meiler und Hütten ward stundenlang gespielt; mit den Streu und Wald- gras suchenden Weibern ward im Walde umhergetrieben und für sie gegen die Jägerburschc Schildwach gestanden, dabei auch zur Zeit der Ernte weidlich vor d- n Buchenschnitter gefurchtet; denn wenn der einen zuerst erblickte. iußte man ja sterben; auch vor den kleinen Waldmännerchen mii oen grauen Zipfelmützen und vor den an- rückenden Jägerburschen ward gezittert. Ter Hirt ward oft bei seinen Umtrieben durch den Wald begleitet. Kurz, es war ein so reiches Kinderleben, wie es die Knaben wohlhabender Familien in der Stadt niemals gewinnen können." Es darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden, daß alle diese Spiele, wie auch die heute manchmal ganz unverständlich klingenden Spielrcime ihren Ursprung zunächst in der Naturreligion der Deutschen haben. Sie entstammen also selbst der Kindheit unsres Volkes, Spielleutc haben sie aus der heidnischen Vorzeit übernommen und in allerlei Wandlungen durch die Jahrhunderte hindurch fort- gepflanzt. Reigen waren eine Lieblingsuntcrhaltung im Frühling, wie im Sommer und im Herbst, und man freute sich ihrer bei jeder festlichen Gelegenheit, und diejenigen Reigen, die die Kinder heute noch tanzen, enthalten noch dann und wann eine Erinnerung an die Tiermasken, die man einst bei solchen Festspielen zu tragen pflegte. Eine Erinnerung an die Zeit, wo man mit oder in einer Blumen- kette tanzte, ist auch der Rosenkranz, der heute noch bei den Kinder- rcigen eine Rolle spielt. Aus dem Löwenzahn flocht man die Ketten, die man heute noch von den Kindern hergestellt sieht, und bei dem Chorreigcn damit sangen diese: Ringeldanz, roscnkranz: De ketel hang do füre, de jungsern sünt so düre, gesellen sünt so goden kop dat se up de stratcn lopt. Moder gif mi'n klökschen das hang ik an min rökschen. Und as dat rökschen klar wer, do sät das klökschen kling. Das ist der Reigen des„Rosenkranz". Merkwürdig ist ein Reigen:„Die Königstochter im Turm", merkwürdig in ihren Begleit- reimen sind auch die stark an altgcrmanische Bräuche erinnernden Paarspiele„Frau Rosen" und die„Brücke", von denen das eine mit der Frage beginnt:„Wonebcn want Fru Rosen?", während das andre mit dem Ruf beginnt:„Hal up de brüchl" und ein drittes Spiel der„Herren von Lünefeld oder Ninive", direkt an die ger- manische Brautwerbung erinnernd, mit dem Verse beginnt: Da kommen zwei Herren aus Lünefeld Juchheisasa filadi(Pilatus). Was wollen zwei Herren aus Lünefeld? Juchheisasa filadi. Sie wollen die älteste Tochter frein— usw. Zuletzt bleibt dann nur noch die Mutter übrig: Was wollen sie mit der Mutter thun? Juchheisasa filadi I Sie wollen sie in ein Kloster sperrn Juchheisasa filadi. Diese arme Mutter entwischt freilich bei solchen Aussichten, und dat Spiel endigt damit, dast man sie hascht. Alle dieser Lieder, die natürlich von den entsprechenden Spiel- Vorgängen begleitet ivaren, sind zweifellos Bruchstücke aus Chorreigen des germanischen Altertums, die jedenfalls bei Frühlings« ansang gesungen und getanzt wurden. Die spinnende Königstochter. die sieben Jahre im Turm oder im Kloster zubringt, ist niemand anders als die spinnende Erdgöttin Holda, die von den Winterriesen in siebenmonatlicher Gefangenschaft gehalten und dann von dem Frühling, dem Bortänzer, befreit wird aus ihrer Winterburg. Auch mit der„Frau Rose" ist sie identisch, die in dem Kindcrbrunnen sitzt, aus dem nach der alten Volksmcinung die Kinder geholt werden. Aus der Vorstellung des germanischen Heidentums, wonach die Toten eine Brücke ins Jenseits führt, ist zweifellos das Brückenspiel her- borgegangen. Nach der Wahl kommen sie in den Himmel oder in die Hölle, d. h. entweder nach Walhall oder zur Todesgöttin Hol. Der Kampf, in den am Ende der Dinge die Bewohner Walhalls mit den feindlichen Mächten der Unterwelt geraten, wird durch das den Schluß des Brückenspiels bildende Hin- und Herzerren der Kinder veranschaulicht. Es erübrigt sich vielleicht noch, mit einigen Sätzen auf die mit den einzelnen Festen zusammenhängenden Kinderspiele zu sprechen zu kommen. Schon das Neujahr brachte allerlei Kurzweil, an dem tollen Treiben der Fastnacht nahmen die Kinder gebührenden, manch- mal auch etwas ungebührlichen Anteil, auch etliche Schulfeste brachten mancherlei Ergötzung. Beim„Todanstreiben" zu Beginn des Frühlings trugen die Kinder eine Puppe umher, die sie nachher feierlich verbrannten, an Ostern und Pfingsten boten Eier und Gebäck allerlei Unterhaltung, und insonderheit brachte der Monat Mai der Lust und Freude genug. Der Tag der Sonnenwende, der Johannis- tag, war ein hohes Fest für die Kinder. Unter Absingen gewisser Lieder sammelte man das Holz zum Freudcnfeuer, und wenn dieses dann des Nachts hell aufloderte, tanzten Knaben und Mädchen um dasselbe und sprangen wohl auch darüber. In Nürnberg freilich mutzte im Jahre 1622 ein ehrsamer Rat diese SontUvendfeier der Kinder verbieten, und es mag ja wohl sein, daß es bei solchen Feiern nicht immer ganz kindlich zuging. Bis zum Martinstag gab es für die Kinder der Lustbarkeiten noch viele. Der Pelzwärtel kam in gräulicher Gestalt zu den bösen und guten Kindern, und Weihnachten ist das größte Freudenfest, wie heute, so auch damals.— Th. Ebner. Kleines■pciullcton. nr. Die Witwe.„Trude! Maxe!" Frau Lemke trat, ein Wäsche- stück ausschüttelnd, aus der Waschküche und rief's in mahnendem Tone ihren Kindern zu, die fich in Gemeinschaft mit andren beim Spiel vergnügten und vom Hof auf die Stratze, v/>n der Straße auf den Hof galoppierten. Seufzend blickte die Mutter den Davon- eilenden nach i sie waren nicht zu halten, und der dreijährige Max mit seinen komischen Pluderhosen geberdete sich am tollsten. Eine Nachbarin mit einein Säugling auf dem Arme saß in der Nachmittagssonne auf dein Hauklotz; jetzt trat sie au die Thür der Waschküche:„Jaja. Sie ha'm ooch Ihre Sorje mit die Kinder.'" Frau Lemke stand schon wieder am Waschfatz und bürstete, daß die Seifenblasen spritzten; sie nickte mit bochgezogenen Augenbrauen zustimmend zur Nachbarin hinüber:„Ick kann Ihn' sagen!" Plötzlich hielt sie mit dem Bürsten ein und hob mit einem furchtsamen Ausdruck im Gesicht horchend den Kopf:„Kommt da nich die Elektrische?" Ein sausender, rollender Ton drang von der Stratze herein. „Ihr Kleener is ja hier", sagte die Nachbarin. Ein wilder Blondkopf steckte den Kopf zur Thür herein:„Mutter! Wir ha'm Zeck gespielt!" Dabei hüpfte er bald auf dem einen, bald auf dem andern Bein. „Is jut, mein Söhnekcn". Die Mutter wischte ihm das erhitzte Geficht mit der Schürze ab.„Aber jeh' nich zu weit uff de Stratze, Hörste. Nich zu wild sind. Hübsch artig!" Sie tätschelte ihm die Wangen.„So, nu spiele weiter, Mäxekcn. Mutter mutz arbeeten.— Trude I" rief sie der sechsjährigen Tochter zu, datz Du mir ja uff Maxen aufpaßt!" Die Kinder sprangen davon. „Hübscher Junge," meinte die Nachbarin. „Hat ja ooch'n hübschen Vater jehabt," lachte die Waschfrau. Aber sie wurde gleich wieder ernst und seufzte:„Man hat's nich leicht, Frau Klugen. Als mein Mann starb, lag der Kleene noch in de Windeln. Se könn'n sich denken! Früher ha'k's nick, nötig jehabt, Tag for Tag an'S Waschfatz zu steh'n und an's Plättbrett. Jeden Nachmittag, so um die Zeit jetzt, bin'k mit de Kinder in'n Park jejangen, Hab' hübsch füll uff de Bank jesessen und blas'n biSken jestrickt. Wenn mein Mann von Arbeit kam, holte er mir da ab. Heute? Ach Jott I Sowat kenne ick nich mehr. Höchstens Sonntags mal. Und da is meistens ooch noch allerhand in die Wirt- schaft zu kramen und zu flicken und zu machen." Frau Lemke schlug ein Wäschestück heftig auf dem Rande des Waschfasses aus.„Wat hilft's! Man mutz zuftieden sind, det man't Leben hat." »Jeht Ihr Geschäft denn?" erkundigte sich Frau Kluge. „Na, Milljonär kann man ja nich bei wer'n. Aber durchjebracht ha'k uns bis jetzt noch innner so einijerniatzen. Lange fchlasen derf man ja bei det Jeschäft nich. Und meine Arme fühl' ick abends, daruff könn'n Se sich verlassen I Woche for Woche zwee Waschtage! Und die übrije Zeit ans Plättbrett!" „Det hielt ick nich aus!" beteuerte kopfschüttelnd die Nachbarin. Die andre lachte:„Dacht' ick ooch erst. Aber wenn Se müssen, jeht'S schon. Ick brauch blotz meine Kinder anzusehn, denn laß ick nich locker. Wenn de Knochen ooch steif wer'n dabei." Sie versuchte den Oberkörper aufzurichten.„Ick kann mir kaum noch jrade kriejen. Es is, als ob ick'n Stock in'n Rücken habe." „Mutter! Wir spiel'n Versteck jetzt!" Max tanzte, mit Händen und Beinen zappelnd, herein, schotz aber gleich wieder jauchzend hinaus.„Anschlag for mir!" „Jott! Der Junge!" Frau Lemke schüttelte ärgerlich lachend den Kopf.„Seit der die Hosen anhat, rs keen Auskommen mehr mit'n._ Aber wat soll man machen." Sie streifte mit einein Blick die Fenster ihrer Kellerwohnung, wo ein blasses Lehrmädchen sich mit dem Plätteisen mühte.„Soll ick die Kinder da insperrcn?" „Nee!" Die Nachbarin verneinte heftig.„Denn kann man jleich bei de Apotheke abonnieren." Sie wiegte ihr Kleines in den Armen hin und her.„Eh' man so'n Würmkeir jrotz hat-- 1" „Ja I Wenn man se blotz jrotz kriegt I Na, ick wer's ja woll noch so lange aushalten. Sie haben doch wenigstens Jhr'n Mann, der for Alles sorit. Könn'n die Kinder'n biskc» halten und uff- passen. Ick bin schon zufrieden, wenn se nich wie de Flickpuppen rumlofen und alle Tage satt wer'n." Auf dem Hofe entstand ein Höllenlärm. Die Kinder rieten auf ein neues Spiel und jauchzten wild durcheinander. Endlich einigten sie sich auf einen Wettlauf. Durch den Hausflur ging die Bahn, über die Stratze bis zum gegenüberliegenden Hause. Trude zählte: „Eins, zwei— drei!" Die Kinder stürmten los, Max wie ein Wilder voran. Von der Stratze drang näherkommend wieder der sausende, rollende Ton... Ein scharfes Klingeln, ein Poltern und ruckendes Schleifen... der Fahrer hatte jäh gebremst... ein entsetzter, vielstimmiger Schrei... Trude flog in den Hof:„Mutter, der Maxe!" Die Wäscherin stürzte schon schreiend an ihr vorbei hinaus auf die Stratze, wo man den Kleinen eben hervorzog:„Maxe! Maxe l" Frau Kluge blieb, die Augen abgewandt, auf dem Trottoir stehen. „Det kommt davon," schrie der Hauswirt ihr aus seinem Parterrefcnstcr zu,„wenn de Weiber nich uff ihre Jähren uff- passen I" Zitternd drückte die Angeredete ihren Säugling an die Brust. Dann wandte sie ihr bleiches, bebendes Gesicht dem Sprecher zu: „Sie woll'n wohl nich pünttlich Ihre Miete ha'm, was?"— k. Die Schärfe des Geruchs. Ucber das„Wunder des Geruchs" veröffentlicht der englische Forscher Dr. MePherson eine interessante Plauderei. Wenn man den Jäger» beim Rebhühnerschietzen zusieht, schreibt er. so ist man überrasch! über die wunderbaren Fähigkeiten der Jagdhunde. Ohne ihre außerordentliche Fähigkeit, den lebenden und den geschossenen Vogel zu riechen, würde diese Jagd in der Regel nur wenig Resultate haben. Mit welch unverdrossenen! Eifer suchen die Poinlcr, bis sie auf eine verborgene Kette kommen, und mit wie wunderbarer Genauigkeit spüren die Retriever den ver- wundeteil Vogel auf! Dieser feine Geruch ist gewiß zum Teil „Instinkt"; aber Uebung und vor allem Erblichkeit thun das Ihrige. lieber den Geruchssinn ist indessen noch ivenig bekannt. Durch Uebung können Droguenhändler die verschiedenen Gerüche mit erstaunlicher Schärfe wahrnehmen. Nelkenöl kann bei einem Teil zu 88 000 Teilen Wasser von geübten Männern noch gespürt werden, während Frauen im Durchschnitt den Geruch nur in der Lösung von 1: 60 000 Teilen Wasser noch wahrnehmen können. Männer sind im stände gewesen, den modrigen Geruch von Blausäure in einer Lösung von 1 Teil in 2 Millionen Teilen Wasser wahrzunehmen; dabei war kein chemischer Nachweis mehr möglich. Auch Insekten haben einen sehr scharfen Geruchssinn. Wenn ein Weibchen von der Mottenart Saturnia Carpini in einer Schachtel eingeschlossen wird, so können Männchen derselben Species sie auf eine englische Meile durch all die vielfach dustende Luft des Waldes hindurch ausfindig machen. Am höchsten steht jedoch der Geruch der Hunde. Der verstorbene Dr. G. I. Romanes berichtet, datz er einen Terrier hatte, der in_bcn Menschenmengen des Londoner Parkes seinen Herrn doch ausfindig machte, wenn er sich mit Umwegen vor dem Hunde verborgen hatte. Das Tier ging zu dem Platz, wo es ihn zuletzt gesehen hatte, und dann nahm es den Geruch wahr und spürte seinen Weg mit allen Windungen auf. Aus sorgfältigen Experimenten geht jedoch hervor, datz ein fein- spürender Hund den Spuren eines Mannes folgen wird, der seines Herrn Stiesel trägt und die Spuren seines Herrn verkennt, wenn dieser ftemde Sttefel an hat. Wenn steifes braunes Papier an die Sohlen und Seiten der gewöhnlichen Jagdstiefel geleimt wird, so folgt der Hund nicht den Spuren seines Meisters, wohl aber wieder, wenn das Papier be- schädigt ist und der Sttefel den Boden berührt. Dr. RomaneS ging SV Meter weit in seinen gewöhnlichen Sttefeln, 100 in Strümpfen und wieder 100 in bloßen Fützen. Seine Hündin folgte mit voller Geschwindigkeit nur deni ersten Teil der Fährte. Ebenso geschah es, als er seine Stiefel mit Anissamenöl eingeschmiert hatte, welcher scharfe Geruch den andren also nicht zerstört hatte. RomaneS meinte daher, datz der Hund den besonderen Geruch des Schuh» leders zusammen mit den Ausdünstungen des Fußes erkenne. und nicht den besonderen Geruch der Füße oder des Körpers. Hunde riechen oft genug auf 200 Meter eine Person. Möpse, die ein verstecktes Biskuitbröckchen entdecken sollen, und Terrier, die sich in einer Höhlung, in der Ratten find, befinden, geben Beispiele von einer solchen weittragenden GernchSkraft. Wie unendlich fein müssen also die Teilchen sein, die von den. Gegen- stand ausströmen, den die Hunde riechen I Ein Zehntel Körnchen von Moschus kann jahrelang ein Zimmer durchduften und doch kann nicht der geringste Gewichtsverlust am Ende dieser Zeit festgestellt werden. Die Geruchsnerven sind vor allem auch beim Halb-Wilden außerordentlich scharf. Die Eingeborenen von Peru können in der dunkelsten Nacht und dem dicksten Walde einen Weißen, einen Neger und einen ihrer Stammesgenossen am Geruch erkennen.— Aus der Vorzeit. — Die alte st en Menschenspuren an nordischen Küsten. Man schreibt der„Frankfurter Zeitung" aus Göttingen: Ueber nordische Küstenfunde hat Professor Dr. Verworn folgende Mitteilungen gemacht: In den nordischen Ländern beginnen die frühesten Spuren vom Austreten des Menschen erst in einer viel späteren Zeit, als in Mitteleuropa. Während hier der Mensch höchst wahrscheinlich schon zur Tertiär-, sicher zur Diluvialzeit lebte, finden wir seine Spuren im Norden erst lange nach dem Abschmelzen des Diluvialeises. Die ältesten Reste sind die be- kannteil„Muschelhaufen"(Kjökkenmöddingerj, die zeitlich in die Uebergangsperiode von der paläolitischen zur neolitischen Kultur fallen. Sie enthalten sehr primitive Feuersteinwerkzeuge, die nur geschlagen, nicht geschliffen sind, daneben aber bereits zahlreiche Reste von Keramik. Während diese Muschelhaufen durch die enorme» Mengen von Muschelschalen charakterisiert sind, die sich als Abfälle der Nahrung angehäuft haben, fehlen bei einer andren Gruppe von Funden diese Muschelschalen vollständig. Letztere Funde werden, da sie sich ausschließlich an den Küsten finden, schlechthin als„Küsten- funde" bezeichnet. Der Inhalt der Küstenfunde an Kulturresten ist, abgesehen von dem Fehlen der Muschelschalen, im wesentlichen derselbe wie der Inhalt der Muschelhaufen. Die Ansiedler an der Küste scheinen sich von den andren lediglich durch die ihnen zur Verfügung stehende Nahrung unterschieden zu haben, indem die Leute der Küstenfunde vorwiegend von Fischnahrung lebten, wie die zahlreichen Fischreste zeigen. Im vorigen Herbst hatte Prof. Verworn Gelegenheit, in der Nähe von Malmö in Schweden bei Limhamn mit Prof. Retzius und Dr. Wallengren zusammen einen Küstenfnndplatz zu besuchen, der insofern Interesse verdient, als in ihm bisher nur immer die allerprimittvsten Formen von Feuersteinwerkzeugcn gefunden worden sind und niemals eine Spur von Keramik. Der Fundort ist ein Strandwall aus Sand und Feuersteinen, der heute in einiger Ent- fcrnung vom Strande liegt. Dieser Wall wird jetzt allmählich abgetragen und an seinen Abstichen findet man eine große Menge einfachster Feuersteinwerkzeuge, vor allem Massen von prismatischen Feuersteiuspänen, von abgesplitterten Scherben und roh zu- geschlagenen Feuersteinäxte». Dazwischen fand Professor Verworn Fischwirbel, Spuren von Holz und einen Zahn von einem Wieder- käuer. Der sehr primitive Typus der Feuersteinwerkzeuge und vor allem der gänzliche Mangel an keramischen Resten deuten darauf hin, daß es sich hier um eine Fundstelle handelt, deren Alter min- bestens in die Zeit der ältesten Muschelhaufen, vermutlich aber in eine noch frühere Zeit hinabreicht und die somit zu den ältesten Fundstellen von Menschenspuren im Norden gehört.— Geologisches. is. Der Vulkan K i r u n g a. Eines der interessantesten Gebiete Jnnerafrikas ist die Gegend des Kiwu-Sees mit seinen thätigen Vulkanen, die als allgemeine Bezeichnung den Namen Kirunga-Gebirge tragen. Zum erstenmal wurde diese Landschaft von den Englandern Speck und Grant besucht, während später deutsche Forscher eine ganz hervorragende Rolle in der Erforschung gespielt haben. 1893 weilte Dr. Stuhlmann dort, 1894 bestieg Graf Götzen als erster den Kirunga- Vulkan. Nach den Untersuchungen einiger englischer Expeditionen folgten dann die gemischten Grenzkommissionen Deutschlands und des Kongostaats. Jetzt bringt der Brüsseler„Mouvement Göographique" neue Nach- richten über den Zustand der dortigen Vulkane aus der Feder des belgischen Kommandanten Daelman, der mit der Begründung einer Statton des Kongostaates in dieser Gegend betraut gewesen ist. Nach seinen Mitteilungen raucht der Kirunga fortgesetzt wie der Schornstein eines großen Dampfers. Der Krater ist so groß, daß man 1'/« Stunden braucht, um ihn zu un, gehen. An einzelnen Abenden war der Gipfel von einem lebhaften Feuerschein er- hellt. Auch hatte der belgische Kommandant Gelegenheit, Erdbeben in der Umgebung des Vulkans zu beobachten, die vermutlich von letzterem ausgingen. Der Weg, der am Fuß des Kirunga vorübergeht, ist mit Asche bedeckt. In einer eigent- lichen Eruption hat sich der Berg jedoch seit längerer Zeit nicht be- funden, wenigstens kann sich kein Eingeborener einer solchen er- innern. Das Labafeld, das sich gegen Norden ausdehnt, hat über 39 Kilometer Länge und 29— 25 Kilometer Breite. Daelman über- schritt es auf der Skjse vom Kiwu- nach dem Albert Eduard-See. An einigen Stellen erhoben sich auf dem Lavastrom Schlackenhiigel von 19—15 Meter Höhe, die durch einen Druck von unten her entstanden zu sein schienen, eine als„parasitäre Vulkane" bekannte Erscheinung. Die Lavamasse ist von großen Spalten durchfurcht, die Gleffchcrspalten nicht unähnlich sind und>/z— 1 Meter Breite erreichen. Daelman schreibt ihre Entstehung den Erdbeben zu. An andren Punkten traf er auf wemg umfangreiche, aber tiefe Verantwortl. Redakteur: Julius Kaliski in Berlin.— Druck und Verlag: Löcher, die mit einer leichten Schicht Lava von solcher Glätte bedeckt waren, daß der Forscher beim Ausgleiten beinahe ein Bein gebrochen hätte: die ihn begleitenden Schwarzen erlitten ans diesem gefähr- lichen Boden fast sämtlich durch Hinstürzen kleine Verletzungen. Die Karawane irrte hier ztvei Tage umher und litt furchtbar unter Hunger und Durst. Die Abhänge des Kirunga sind von dichten Wäldern mit dunklem Laub bedeckt. Daelman erwähnt aus« gezeichnete Himbeeren, die er in einem dieser Wälder gefunden hat. Die Schwarzen schienen diese Frucht nicht zu kennen und ver- schmähten sie trotz ihres Durstes, bis sie sich davon über« zeugt hatten, daß ihr Führer gefahrlos davon gegessen hatte. Die Karte wird durch die Reise Daelmans insofern eine Berichtigung erfahren, als der Rutschuru-Fluß, der stärkste südliche Zufluß des Albert Eduard-Sees, nicht am Fuße der Vulkanberge entspringt, sondern in einem östlich gelegenen Sumpf und zunächst nach Süden fließt, später nach Westen und schließlich nach Norden. An der großen Swaße, die den Süden des Albert Eduard-Sees mit dem Posten von Rutschuru verbindet, fanden sich drei Ströme heißen Wassers, die sich in jenen Fluß ergossen, die Temperatur betrug zwischen 59—68 Grad Celsius. Man traf auch auf einige Sümpfe und Moraste, deren Wasser durch Schwefelgehalt eine gelbliche Färbung besaß.— Humoristisches. — Praktisch. Fremder:„Wofür steht die Weckeruhr im Hühnerstall?" Bauer:„Schau'n Sie, der Hahn wird halt schon a biffel alt und damit er morgens pünktlich die Leute weckt, muß er selbst geweckt werden!"— — Die verunglückten Touristen. Führer Wastl zum Führer Sepp:„Hörst Du nicht, wie da droben auf der Totenspitze jammervoll um Hilfe geschrien wird?" Sepp:„Jawohl, ich höre es ganz deutlich, da niuß wieder ein großes Unglück geschehen sein." Wastl:„ES wird von den Touristen herrühren, die heute ftüh da hinauf aufgebrochen sind." Sepp:„Ja. es kann nicht anders sein. Jetzt schreien sie noch viel kläglicher. Rasch hinauf, solange noch Rettung möglich ist." (Die Führer steigen auf. Nach einer Weile):„Da oben sind sie I Siehst Du sie? Gleich rechts auf dem Fclsvorsprung. Wie sie mit den Armen schwenken." Wastl:„Ja. zwei oder drei liegen am Boden, das werden die Verunglückten sein." Sepp:„Sie scheinen uns bemerkt zu haben. Holla I— hoooh I Siehst Du, sie erwidern unsre Signale." Wastl:„Ihre Stimmen klingen schon ganz heiser voin Schreien." Sepp:„Ja, so markerschütternd habe ich noch niemand rufen hören." Wastl:„Schnell, schnell, sie erlahinen schon und sinken ebenfalls zu Boden." (Die Führer verdoppeln ihre Anstrengungen und gelangen nach einer Stunde auf die Totcnspitze, Ivo sie eine Gesellschaft von fünf Herren treffen, welche in der fidelsten Laune am Boden ausgestreckt liegen und die mitgebrachten Wnrstvorräte verzehren.) Wastl:„Ja, Kruzittirken, Ihr seid ja munter und fidel? Und wir haben geglaubt. Euch sei ein Unglück zugestoßen. Weshalb schriet Ihr denn so mörderisch um Hilfe?" Einer von den Touristen:„Aber erlooben Sie, mci Gutester, mir ham Sie doch bloß gejodelt."— („Meggendorfer Blätter.") Notizen. — Die erste Neuaufführung desLessing-Theatersin dieser Spielzeit ist Otto L u d w i g s„H a n n s Frei", das einzige Lust- spiel des Dichters.— — Die Märchendichtung„Heilfried" von Bodo Wild« berg(Heino v. Dickinson) ist zur Aufführung im Dresdener Schauspielhaus angenommen worden.— — Fritz Lienhardt hat eine Trilogie„Die Wart- bürg" geschrieben.— — Mascagni arbeitet an vier neuen Opern.— — Die am Sonntag geschlossene Sommerausstellung der Berliner Secession hat einen Ueberschuß von rund 12 999 M. ergeben.— — Eine große national-amerikanische Kunst« g a l e r i e auf Bundeskosten wird in Washington geplant.— — Die griechische archäologische Gesellschaft will den alten Markt(Agora) von Athen aufdecken. Man hofft auf be- deutende künstlerische Funde.— — Das schönste Stück unter den Funden von Antikythera, eine männliche Jünglingsgestalt aus Bronze, wurde bisher für ein Werk des Lhsippos oder SkopaS gehalten. Nach einein Vortrage des Bonner Professors L ö s ch ck e ist die Statue wahrscheinlich der Paris des korinthischen Meisters Euphranor.— — Die philosophische Fakultät der Universität Wien stellt folgende Preisaufgabe:„Die griechischen Sklavennamen sollen aus der gesamten Ueberlieferung des Altertums(Litteratur, Papyri, Inschriften) gesammelt und nach ihrer Bedeutung und nach ihrem Verhältnis zu den Namen der Freien untersucht werden." Der Preis beträgt 59 Dukaten.— Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW