Mnttthaltungsblatl des'Vorwärts Nr. 152. Donnerstag, den 6. August. 1903 (Nachdruck verboten.) 41 Die Hchenbacber. •TBäfw Roman von Anton v. Perfall. Flori trat zu dem Alten. Seine kräftige, schon mann- liche Formen annehmende Gestalt, welche seiner kindlichen Gemütsart weit vorausgeeilt schien, überragte den Großvater um Haupteslänge. Dieser betastete die breiten Schultern, die kräftigen Arme mit sichtlichem Wohlgefallen.„Bist ja schon an Manns- bild, Flori," sagte er schmunzelnd,„da kannst mi schon ver- stehn. Der Lehner hat den Vater schwer kränkt. Er hat uns Uchenbachern a Recht g'nomma mit seiner Falschheit, das unser war seit Menschendenka, die Herrschaft in der G'meind. Das darfst nia vergess'n, nia vergeb'n, und kein Nachbarschaft soll sein zwisch'n uns und die Lehner für alle Zeit'». Versprichst ma das, Flori?" Der feierliche Ton, welchen der Großvater anschlug, verfehlte seine Wirkung nicht auf den Jüngling. Er wußte zeht, um was es sich handelte. Die Bürgermeisterwahl war schlecht für den Vater ausgefallen. Daher auch sein Zorn, welchen er an dem armen Mädel ausließ. Und an all dem war der Mann schuld, gegen welchen er von Jugend auf eine unwiderstehliche Abneigung gefühlt hatte. Zum ersteumale regte sich in ihm das Familiengefühl und mit ihm der Stolz. „Da thua i mir ganz leicht, Großvater. I kann ihn ja selb'r net leid'n, den Lehner, von ganz'n Herz'n net," er- widerte er. „Also nacha laß a das'nüberlmif'n und Umanandspiel'n mit sei'm Madel. Bist eh' z'alt, dazua," bemerkte Lorenz. Flori wurde feuerrot und warf den Kopf auf gegen den Vater. Eine auffallende Energie zeigte sich in dem jugend- lichcn Antlitz, das noch unberührt war von jeder Leidenschaft. „Was kann denn's Reserl für sein Vätern? I mein', Du hast Di grad selb'r überzeugt, wia guatherzig se is." „Was war denn grad?" fragte die Bäuerin mißtrauisch. Lorenz fuchtelte ärgerlich nnt den Armen umher.„Ah was, a Dummheit! Laß! I sag' Dir," wandte er sich heftig gegen den Sohn,„mach mi net heiß mit dem Madel. I leid's amal net, die Freundschaft, und wenn Du's net ein- siechst, nacha muaß i Dir halt drauf hclf'n." Der Großvater schüttelte bedenklich das weiße Haupt. „Nur langsam, Lorenz, nix überstürz'n. Mit die Jungen red'n am besten die Alt'n. Lass'n mir den Flori." Die Bäuerin lachte.„Was für G'schicht'n machst weg'n an armselig'» Dirndl! Als ob an dem was liegat. Zum Lach'n." Sie verließ plötzlich das Zimmer, die Thür heftig zu- schlagend. In diesem Augenblick erblickte Lorenz zwischen den unter der Schneelast sich beugenden Zweigen der Obstbäume eine Mannsgestalt. Sie ging über das weite Schneefeld, dem Lehncrhof zu. Als er das Fenster öffnete, erkannte er den neuen Bürgermeister. Sein Herz krampfte sich zusammen in Haß. Urban näherte sich dem Anstieg zu seinem Haus— da blieb er plötzlich stehen, bückte sich, stocherte mit dem Stock im Schnee. Er befand sich genau an der Stelle, wo Resl gelegen. Jetzt richtete er sich wieder auf und schritt suchend, den Schnee prüfend, umher. Er hatte offenbar des Achen- bachers Fährte erkannt. Dann ging er rasch seinem Hause zu, in die Spuren seines Kindes tretend. Der Schnee hatte ihm die ganze Geschichte erzählt, das Fehlende wird er schon herausbringen aus dem Mädel. Lorenz nickte trotzig mit dem Haupte, als er das Fenster schloß.„Auch recht!" Er mußte Arbeit haben, Zerstreuung, sonst fraß ihn der Groll auf. So ging er in den Stall. Den Vater und Flori hatte er ganz vergessen über dem Anblick, der ihm eben ge- worden. Der Alte wartete nur darauf, bis Lorenz das Zimmer verlassen, unterdes hielt er den Enkel fest an der Hand. „So, jetzt hör mir zu, Flori," begann er dann, mit ihm zur Ofenbank schlurfend.„Du mußt amal wissen, wie die Sach sich verhalt zwischen uns und dem Lehner. Nacha wirst selber wiss'n, was D' z'thuan hast." Er nahm Platz auf der Bank, in der zitternden Wärme des Ofens, neben ihm Flori, sein Enkelkind, an welchem er mit der ganzen Zärtlichkeit eines sonst liebeleeren Alters hing. Und er begann von Zeiten, welche den Jüngling neben ihm mit ehrfurchtsvoller Neugierde erfüllten, wo noch Bären hausten oben iin Gebirg und das ganze Land ringsum noch den Bauern gehörte, sonst keinem Menschen in der Welt, „Da hat's nur ein' Hof geb'n da herob'n, und ein' Achen- bacher, meinen Urgroßvater. Ein Mann, weit und breit be- rühmt vonweg'n sein Verstand und seiner Körperkraft. Wie die Oestreicher ins Land kommen sind und den Kurfürsten verjagt haben, ist er einer der ersten g'wes'n, der sich dem Auf- stand ang'schloss'n hat, bei Schärding hab'n s' ihn g'fang'n g'nomma, nachdem er dem Sendlinger Blutbad glücklich ent- gangen, und an Monat später hat er z' Münch'n den Tod' erlitt'n von Feindeshand, treu scinein Landesherrn. Dann is's große Unglück komma! Die Oestreicher haben sein Weib und seine zwei Buab'n vom Hof vertrieb'». Jahrelang san s' ohne Besitz g'wes'n, bis der Kurfürst wieder z'ruckkonima is und's alte Recht wieder golt'n hat. Dann hab'n s' friedsam z'sammg'wirtschaft auf'n Hof. Nix hat g'fehlt, bis g'heirat hab'n� nacha war's aus. D' Weiber hab'n den Fried'» g'sprengt,'s Teil'n is anganga, nur den Westerwald haben s' g'meinschaftli b'halt'n, weil ma an Wald, den der Herrgott hat z'sammwachs'n lassen, net verreiß'n soll wia alt's G'wand. 's wär alleweil no ganga, aber der Bruader voin neuen Hos hat nur a Madel g'habt, und die hat an armen Bursch'n aus dem Vinschgau g'heirat, ein' Lehner, und so is da drüb'n zum Lehner word'n, nach dem Vater sein Tod. Von da is kei' Haus'n mehr g'wes'n. Die Tiroler Falschheit is schon in dem Menschen g'steckt. Kaum is der Schwiegervater g'storb'n. is Prozessiere anganga mit uns Achenbacher. Ihm hat der Anteil seiner Frau nimmer g'langt, den ganz'n Wald hat er hab'n woll'n. Und kriegt hat er'n a. Mein Vater hat den Prozeß verlor'n, auf an falsch'» Eid hin, den der Lehner g'schwor'n hat. Mein Vater hat's Herz broch'n, er hat nimmer leb'n woll'n ohne den Wald, der seit Mensch'ndenk'n den Achen- bachern g'hört hat. Jung is er g'storb'n, i war no a Bua. Aber g'merkt Hab' i mir's, und mit mir is der feste Will'» aufg'wachs'n. den Wald wieder z'gwinna, und der Haß gegen den Lehner. Tag und Nacht Hab' i sinniert, und wann i auf- g'schaut Hab' zum Westerwald, hat nia's Herz bluat. Da hat unser Herrgott an Einseh'n g'habt, laßt ma a alte Urkund find'n unter dem G'raff'l all'n, das i schon hundertmal durchsuacht. I hab's net lesen könna, grad ein Wort„Wester- Wald". Daniit bin i aufs G'richt ganga. Da is haarklein g'stand'n, daß der Westerwald für alle Zeit unteilbar zum Achenbacher g'hören soll. Das Sieg'l von die alt'n Kloster- Herren is drunter druckt g'wesen, die unsre Lehensherren war'n.— Da hast es g'habt— zum Achenbacher g'hör'ni Zu unserm Hof und zu kein andern. Das war a Gaudi! Auffig'rennt bin i und jeden Bam Hab' i in d' Arm g'nomma. Kannst Dir denk'», wia i losganga bin. Dösmal is rasch'r ganga, hat nix g'fehlt.„Kein Erblasser kann rütteln an diesem Vertrag", hat der Landricht'r g'sagt. Der Wester- wald hat wieder sein' Herrn g'habt. Bist do a stolz auf den Prachtwald, wia der Staat selb'r kan hat weit und breit. Net, Flori?" Der Alte tastete nach der Hand des Jünglings und drückte sie erregt. Dieser saß mit geballten Fäusten, die klare Stirn in strengen Falten, die Wangen gerötet. Er hatte sichtlich den ganzen Streit mitgekämpft. „Und ob i'n gern Hab'!" erwiderte er.„Weißt, wenn i in der Holzarbeit bin und aufsteh' in der Fruah im Kobel, all's glänzt im Sonnalicht, d' Vögel so schön singa und d' Bam so guat riach'n, o� da is ma so wohl— so wohl!" Der Alte lächelte in glücklicher Erinnerung und nickte mit dem greisen Haupte. „Aber was is das all's, schau. Großvater," fuhr Flori in ganz verändertem Tone fort,„geg'n das G'fühl, das Du g'habt hab'n muaßt, so was zruckz'g'winna, derkämpf'n, sag'n könna, mir hab'n si's z'dank'n.". Des Alten Antlitz überflog Heller Freudenschein. Er Bdjelte verschmitzt.„Merkst taS. fühlst das, Flori? Na schau, nacha mach's wia i." „I? Was soll denn i— z'ruckg'winna, derkämpf'n?" „Das Recht, das heut der Lehner den Achenbachern g'nomma hat, das so heilt war als das vom Westerwald, die Herrschaft im Thal." „Aber, Großvater," erwiderte Flori in einem gewissen überlegenen Tone,„das is do kein Recht, die Bürgermeisterei. Die Leut könna ja wähl'n, wen s' woll'n." Ter Großvater rückte unruhig auf seinem Sitz und um- klammerte mit den Händen den Griff seines Stockes.„So hör' i's gern, Du red'st ja wia a Advokat, aber net wia a Bauerssohn, a Achenbacher red'n soll. Es giebt a Recht, das nirgends g'schrieb'n steht und do uns'rein heili sein muatz, weil's der Ursprung war von jed'n Recht. Das is„der Brauch", den wir festhal'n müass'n, wenn net all's z'samm- fall'n soll. A Brauch is' seit mehr als hundert Jahre, daß wir Achenbacher's erste Wort hab'n in der G'meind, kein andrer. Und das heilige Recht sollst Du z'ruckg'winna, wia i den Westerwald. Aber dazua g'hört, daß ma sein Herz an nix hängt als an den ein' Gedank'n:„runter muaß der Lehner von dem Platz, der ihm net g'hört". Und zu dem Gedanken, schau, Flori, paßt d' Freundschaft net mit der Resl, der Lehnertochter, wenn s' Dir a no so liab vorkimmt und so schön—" „Aber was Hab' i denn Unrechts mit der Resl, Groß- Vater? Daß i net grob bin damit, wia der Vater, mit so an Kind— wenn das dazua g'hört, Großvater—" Flori erhob sich von der Bank; der Alte hielt ihn fest. „Nix Unrechts, g'wiß net, grad a G'spiel, weiß Wohl, aber aus deni unschuldigen G'spiel könnt' bald a andres werd'n. Glaub mir, Flori, Hab' all's schon durchg'macht. A G'spiel, das Di all's andre vergess'n laßt, das den Achen- bacher in Dir auffrißt mit Haut und Haar. Dann is aus mit'n Z'ruckg'winna und Derkämpf'n, weit aus. Jetzt ver- stehst mi freili no net—" „Do schon, Großvater," fiel Flori rasch ein. „Do schon? Ja, wia das?" Der Alte erschrak. „Schau, Dir kann i's ja sag'n," sagte Flori, sich dicht an den Alten drängend, welcher begierig mit angehaltenem Atem seinen Worten lauschte und sich bemühte, mit den er- loschenen Augen in dem jungen Antlitz zu lesen.„Vor einer halb'n Stund' da is d' Reserl—" er stockte,„no, ausg'ruscht is halt und den Hang runterg'fall'n, an ein'r Wurz'n hat si sich den Kopf ang'stoß'n, nimma g'rührt und bluat hat s' a. Wia s' da in mein Arm g'leg'n is, wia a Eng'l mit g'schloss'ne Aug'n, da Hab' i nia denkt, wenn s' jetzt stirbt, nacha wird's nimma Somma für mi. llnd wia s' dann d' Aug'n auf- g'schlag'n hat und mi ang'lacht—„Was war denn jetzt, Flori?" hat s' g'sagt— da— no da war's ma halt grad wia im Fruahjahr, d' Sonn' hat auf amal g'schiena und— so wahr i leb', d' Vögel Hab' i singa hör'n— und an ein' Achenbachcr und ein' Lehner Hab' i längs nimma Zeit g'habt z'denk'n. Is das am End schon das g'fährliche Spiel?" Ten Alten befiel die höchste Unruhe, er schiittelte das Haupt und rang michsam nach Atem.„Na, no net, um aller Heiligen will'n, no net! Das is grad so an Einbildung aus die Büacheln, die ös Buab'n verschluckt's. Jessas. Jessas!" Er hob flehend die Hände gegen den Himmel.„A Lehnerin und mein Enkelkind? Dös wirst ja do net woll'n. Die Schand! Das Unglück! So a sündhafte Eh'." „Eh'?" Flori lachte kindisch, dann aber schoß ihm das Blut Plötzlich ins Gesicht.„Braucht man denn glei z'heirat'n, wenn ma ein's gern hat? Daran Hab' i freili no net denkt." Der nachdenkliche Ton, in welchem er diese letzten Worte sprach, ließen den Alten sein unvorsichtiges Vorgehen be- reuen. Er kicherte gezwungen:„Freili, weiß i ja, Flori, bist ja viel z'hcll,'s hat mi nur so packt. Aber, laß lauf'n die Tirn, laß!— Kannst ja g'nua hab'n nach der Auswahl, und d' Vögel singa und d' Sonn scheint a, bal Di an andres saubres Mädel anschaut." Er lachte vor sich hin.„Wirst schon drauf komm«. Jetzt geh, Flori, geh, hab'n grad a ®'spaß g'habt mit anand." Er drängte ihn mit ängstlicher Gebcrde von sich hinweg. Der junge Mann entfernte sich in tiefem Nachdenken über das absonderliche, stets wechselnde Wesen des Großvaters. Lorenz konnte seine Unruhe nicht verwinden. Die Dummheit mit der Resl ging ihm nicht aus dem Kopfe. Wenn sie nun doch schwätzte, hat er es mit dem Vater zu thun. Daran war ihm am Ende wenig gelegen, wenn es nur nicht gerade heute gewesen wäre, bei seinem Heimgang von der � Wahl. Die Leute werden sagen, daß er es aus Gift gechan hat über den für ihn ungünstigen Ausgang. Er ging wiederholt in den Heustadl hinauf, von wo aus man einen freien Ausblick hatte zum Nachbarn. Doch da rührte sich nichts, in völligem Schweigen lag der Hof. Das beruhigte ihn.„Recht hat der Flori, brav is d' Resl." Es herrschte eine drückende Stimmung im Hause den ganzen Tag über, wie in dem Lager einer geschlagenen Armee. Das Mittagessen wurde schweigend eingenommen. Flori hatte ausnahmsweise keinen Appetit und machte ein finsteres Gesicht, das mau an ihn nicht gewohnt war. Fiel draußen ein Schneeballen mit lautem Geräusch vom Dache, zuckte er erschreckt zusammen, und als ihn die Mutter fragte, woher denn die Blutflecken kämen auf seinem frisch gewaschenen Hemde, wurde er feuerrot, rieb sich die Hand wund und fand keine Ausrede. Die Bäuerin würgte an jedem Löffel, strich und be- wunderte, nach ihrer Gewohnbeit, ihre vollen, nackten Arme und warf sonderbare, kalte Blicke auf ihren Mann, der, den Kopf in die Hände gestützt, vor sich hin sinnierte. Ein Jnchschrci ertönte draußen. Die vcnvorrene Strophe eines G'sang's. Lorenz fuhr aus seinem Nachdenken auf und blickte hinaus. Der Lenz kam kreuz und guer über den Anger herauf und schwenkte den Hut wie zum Trotz gegen den Hof. „Der paßt dazu, der Lump, zum neuen Bürgermeister." sagte der Bauer, die Fäuste ballend. „Na, das is wieder z'viel g'sagt," bemerkte Burgk. „und mit'n Schimpf'n machst das net bess'r, da lach'n s' Di grad aus." Dabei umspielte ihre eignen Lippen ein spöttisches Lächeln. Da verließ Lorenz wortlos, in verhaltenem Grimm, die Stube. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Die Qrft-Xbairpcm. Mehr und mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, baß man aus volkswirtschaftlichen Gründen die Gefahren der Hochwasser nicht nur durch Dämme und Deiche zu bekämpfen hat, sondern daß man auch durch Anlage genügend großer Thalspcrren den weite Länderstrccken verheerenden Ueberschwemmungen baldmöglichst ein gründliches Ende machen muß. Für die Errichumg von Thalspcrren komint dann noch der Gesichtspunkt in Betracht, daß man die nebenbei gewonnene Wasserkraft auszunutzen vermag und so billige Betriebskräfte erlangt. Wie schon der Name„Thalsperre" besagt, errichtet man zur Anffangung und regelbaren Ablasiung des Wassers in den Thälern gebirgiger Gegenden Sperrmauern, die das Wasser im oberen Flußlauf sammeln. Dadurch erreicht man. daß bei der sonst eintretenden Hochwassergefahr der größte Teil des Wassers in dem Sperrthale gesammelt wird. Durch geeignete Bor- richtungen hat man dann die Möglichkeit, das angesammelte Wasser während der wasserarmen Jahreszeit in gewünschten Grenzen ab- fließen zu lassen. Man beseitigt also mit Hilfe dieser Bauwerke nicht nur die Hochwassergefahr, sondeni man ist auch in der Lage. den in Frage kommenden Flußlauf während der waflerarmen Zeit auf einer bestimmten Wasserhöhe zu erhalten. Dieser Vorteil kommt nicht nur der Landwirtschaft zu gute, sondern er ermöglicht auch die Beseitigung der sonst vielfach auftretenden ganzen oder teilweisen Lahmlegung der Schiffahrt auf vielen Flußläufen. Bei uns in Deutschland wird nun zur Zeit an der Herstellung einer gewaltigen Thalsperre gearbeitet, die nach ihrer glücklichen Vollendung die größte ihrer Art auf dem europäischen Festlande sein wird. Bei Gemünd in der Eiset wird nämlich ein Staubecken erbaut, das mit einem Fassungsraum von 45 500 000 Kubikmeter in der Lage sein wird, ein Niederschlagsgebiet von 375 Quadratkilometer zu regulieren. Da auf diesem Niederschlagsgebiet mit einer jähr- lichen Abflußmenge von etwa 160 Millionen Kubikmeter zu rechnen ist. so kann das durch die Sperrmauer zu schaffende Becken im Laufe jeden Jahres etwa dreimal gefüllt werden. Zum Bau dieser Thalsperre haben die Kreise Düren, Jülich, Schleiden, Heinsberg, Montjoie und die Stadt Aachen eine Gesell- chaft gebildet, tvelche das Werk nach den Plänen des auf dem Ge- iiete derartiger Anlagen als Autorität geltenden Prof. Jntze aus- uhren läßt. Dieses bedeutende Bauunternehmen hat die Aufgabe, >ie Hochfluten der Urft und der Stoer so zu sammeln, daß sie un- chädlich abgeführt werden können; außerdem soll dadurch das Niedrigwasser der Roer erhöht werden, was zu einer Belebung der Landwirtschaft beitrage» muß. Schließlich kommt in Betracht, daß die durch den Stau zu gewinnende Wafferkraft in elektrische Energie ür Kraft- und Beleuchtungszwecke umgewandelt werden soll. Für die Errichtung der Sperrmauer hat man das gekrümmte Urftthal gewählt, da man so leicht einen viele Kilometer langen Sperrraum gewinnt. Von der Stadt Gemünd liegt die Baustelle etiva sieben Kilometer— in der Lustlinie gemeffen— entfernt. Zur Ausführung der Bauarbeiten machte sich die Herstellung emer etwa 12 Kilometer langen Arbeitsbahn mit einem Kosten- aufwände von V« Million Mark erforderlich. Diese schmalspurige Anlage führt vom Bahnhof Gemünd am Berghang bis zur Arbeits- stelle mrd ruht vielfach auf hohen Viadukten, die aus Holz errichtet wurde». Zwischen den beiden Thalwänden ruht die Staumauer auf dem Untergrund aus Grauwackc, der von Devonschiefer durchsetzt ist. Der Thalboden, dessen Trockenlegung die Herstellung eines Fang- dammes und eines 140 Meter langen Stollens zur Ableitung des Wassers erforderlich machte, konnte meist schon nach Wegräumung der obersten, vier Meter starken Schicht als guter Gründungsboden erreicht werden. Der so bloßgelegte Felsen wurde dann mit flüssigem Cement so lange behandelt, bis alle Risse gedichtet waren. Die Sperrnrauer erhält eine Kronenbreite von 5,50 Meter, während das Bauwerk aus der Sohle mit einer Breite von 50.50 Meter beginnt und eine Höhe von 58 Meter erreicht. Die größte Stauhöhe beträgt 50,50 Meter. Um dem Druck des Wassers möglichst großen Widerstand zu leisten und um die Ausdehnungen des Materials bei Temperaturänderungen möglichst unschädlich zu machen, ist die Mauer nicht gerade, sondern mit einem Krümmungsabmesser von 200 Dieter zur Ausführung gekommen. In Kronenhvhe beträgt die Länge der Mauer 220 Meter. Zur Ausführung des Mauerwerks wird für den Kern der in der Nähe gebrochene Th'onschiefer benutzt. Die dem späteren Wasserbecken zugekehrte Stirn der Mauer ist auf einen Meter tief mit Grauwacke verkleidet, und die Abdeckplatten und Brüstungen werden aus Nieder- mendiger Basaltlava gebildet. Damit daS Mauerwerk recht große Elasticität und Dichtigkeit besitzt, wird Kalktraßmörtel verwendet, der gegen Portland-Cement noch den Vorzug größerer Billigkeit besitzt. Der zur Herstellung des Mörtelgemisches erforderliche Sand ivird von den Halden der Blei- Pochwerke von Mechernich geholt. Bei der Benutzung kleiner Bruch- steine zun: Kernmauerwerk mußte man natürlich mit einem großen Mörtclverbrauch rechnen. Doch es gelang, den Verbrauch an Mörtel durch die größere Vervollkommnung in der Arbeit im Lauf der Zeit von 42 auf 33 Prozent herabzusetzen. Die für ein solches Bauwerk so ungemein wichtige Wasserdichtheit wird durch einen Cement-Traßputz auf der Innenseite der Grau- wacken-Verkleidung und durch einen Schutzanstrich zu erreichen ge° sucht. Um das trotzdem in das Mauerwerk noch eindringende Wasier aufzufangen und gefahrlos für den Bestand des Mauerwerkes abzuführen, sind in Abständen von ca. 2'/« Meter je ein Paar Drain-Thonröhren eingebettet, welche die Feuchtigkeit in zwei größere Röhrenleitungeu, welche die Staumauer der Länge nach durchlaufen, abführen; von hier gelangt daS Sickerwasser dann in den für die Bedienung der Anlage vorgesehenen Stollen. Durch diese Röhrenanlage zur Drainage wird nicht nur verhindert, daß später das durchsickernde Wasser an der äußeren Seite der Mauer herunterläuft, sondern man erreicht dadurch auch noch eine schnellere Austrocknung des gewaltigen Mauerwerks. Zum Schutze der Sperrmauer weist die Beckenseite eine unter 45 Grad ausgeführte Schütwng aus Erde mit Abpflasterung auf, die sich bis zu einer Höhe von 34 Meter über der Fundamentsohle erstreckt. Innerhalb dieser Schüttung sind zwei durch die Sperr- mauer geführte Durchlässe gewölbt ausgeführt. In den so er- baltenen Entlastungsstollen liegen Rohrleitungen, die Regulier- schieber haben, welche von lotrecht hochgeführten Schächten aus bedient werden können. Diese Bedienungsschächte werden in der Höhe der Mauerkrone mit dem eigentlichen Staubauwerk durch Brücken verbunden. Der zur Ableitung des Wassers von der Baustelle erbaute Stollen bleibt auch nach Fertigstellung des gesamten Bauwerkes erhalten, da er später ebenfalls zur Entlastung dienen kann und außerdem zur Trockenlegung des Thales bei etwa notwendig werdenden Ausbesserungen der Sperrmauer eine der wichtigsten Auf- gaben zu erfüllen hat. Damit nicht ein höherer Aufstau des Wassers als bis zu 1,5 Meter unter der Mauerkrone eintreten kann, ist am Thalhange nördlich der Sperrmauer ein Abfluß vorgesehen. Zu diesem Zweck ist hier in einer Länge von 90 Meter ein Hochwasierüberfall in Kaskadenausführung angeordnet. Die Stufen der Kaskade sind 1,5 Meter hoch und im Felsen des Berghanges hergestellt; zum Schutze gegen das Eindringen des Wassers in das Gestein und zur Verhütung der Verwitterung ist hier der Felsen mit einer 50 Centi- meter starken Betonschicht versehen. Für den Materialtransport hat man neben der erwähnten Arbcitsbahn noch maschinelle Hilfsvorrichtungen herangezogen. So werden die zur Herstellung der Mauer benötigten Baumaterialien mit Hilfe von drei Hebetürmen gefördert. Auf der Krone der Mauer sind Geleise, die natürlich mit dem Fortschreiten der'Arbeiten ent- sprechend höher gelegt werden, vorgesehen, ans welchen die be- nöttgten Arbcitsmaterialien und Werkzeuge transportiert und so schnell und zweckmäßig verteilt werden. Der erforderliche Mörtel wird in elektrisch betriebenen Trommeln gemischt und mit Hilfe eines Brems- berges vom nördlichen Thalabhang auf die jeweilig erreichte Mauerkrone heruntergelassen. Die am Bau der Urft-Thalsperre beschäftigten Arbeiter und Beamten wohnen zum Teil in Gemünd und iverden mit der Arbeits- bahn zur Baustelle befördert. Der größte Teil der Arbeiter wohnt dicht an der Arbeitsstelle in Baracken. Die größte Zahl der beim Baue dieses Bauwerkes und seiner ErgänzungSanlagen thättg ge- wesenen Arbeiter betrug etwa 500. Für die in Aussicht genommene Gewinnung der elektrischen Energie wird ein 2800 Meter langer Stollen von 0,14 Quadrat- meter lichtem Querschnitt hergestellt. Dieser Teil der Arbeiten hat größere Schwierigkeiten gezeitigt, als man angenommen hatte. Daher dürften auch seine Kosten den veranschlagten Preis von 1 Million Mark übersteigen. Die Kosten der Urft-Thalsperre, die in ihrer gesamten Anlage zu Ende diese? Jahres fertig gestellt werden soll, sind mit 5 Millionen Mark veranschlagt; von dieser Summe entfallen vier Fünftel auf die Herstellung der Sperrmauer. Diese interessante Anlage kann schon hente als ein glücklicher Beweis für die Billigkeit des durch den Thalsperrenbau zu erzielenden Effektes betrachtet iverden, da der Preis für ein Kubikmeter auf- gestauten Wassers nur etwa 9 Pf. beträgt, während z. B. bei der nur 3,5 Millionen Kubikmeter Wasser faffenden Bever-Thalsperre die Kosten pro Kubikmeter noch 27 Pf. ausmachen. Es wäre daher sehr zu wünschen, wenn die vorbildliche Anlage der großen Sperrmauer für das Urft-Thal zu ähnlichen Kulturbauten in allen in Bettacht kommenden Gegenden führen würde.— _ P. M. G r e m p e. Kleines feuilleton. — Nach der Flut. Einem Feuilleton der„B r c s l a u c r Morgen-Zeitung" entnehmen wir das Folgende: Nun sind die traurigen Tage des Hochwaffers vorüber; die trüben Fluten sind in ihr Bett zurückgekehrt. Nur hier und da steht noch die faulende Masse im Straßengraben, in einem Wasserloche oder auf einem tief- gelegenen Acker. Ja, das Waffer ist weg, aber Schmutz und Ver- Wüstung sind geblieben. Und jetzt, nachdem sich die Flut verlaufen. kann man erst den Schaden übersehen, den sie uns bereitet hat. Schon vom Fenster des Eisenbahnwagens aus sieht man. wie ver- ändert die Gegend erscheint. Vor wenigen Wochen prangte alles im herrlichsten Grün; jetzt ist die Grundfarbe schwarz oder schmutzig- grau. Verläßt man den Zug und schlägt den Weg ins lieber- schwemmungsgebiet ein. so empfängt einen der ekle Geruch des zurück- gebliebenen Wassers, das mau tteffend mit dem Ausdruck»Jauche" bezeichnet, des Schlammes und der verfaulten Pflanzen und verwesten Tiere. Wo ist die vielgepriesene gute, reine Landlust hin? Wie sehen die Felder aus, die heuer so viel des Segens versprachen? Wo daS Wasser stromlos blieb, steht das Getreide noch ziemlich aufrecht und wird, soweit es Roggen ist, noch irgendwie zu verwerten sein. wenn auch vielleicht nur geschroten, als Viehfutter. Wo aber das Wasser strömend zog, liegt das Getreide wie gewalzt am Boden. Hier herrscht die Fäulnis, hier ist nichts mehr zu holen. Weizen und Hafer hatten, als das Unglück hereinbrach, noch keine ausgebildeten Körner; diese beiden Getreidearten liefern, ebenso wie die Gerste» keinen Ertrag. Gänzlich verfault sind Kartoffeln, Gemüse jeder Art, Rübe», Klee, kurz, alle die Gewächse, die mehrere Tage völlig unter Wasser standen; hier ist alles schwarz. Wiesen, die kurz vor der Ueberschwemmung gemäht worden waren und nicht versandet worden sind, werden vielleicht einen üppigen zweiten Graswuchs bringen. Verschlammte Wiesen und Becker aber liefern nicht nur dieses Jahr keinen Ertrag mehr, sondern auch die Herbstbestellung wird eine sehr verspätete und ungenügende sein. Ueberhaupt wird es fleißiger Arbeit vieler Jahre bedürfen, ehe die vielen Tausende von Hektaren versandeter Aecker und Wiesen Schlesiens wieder so kulturfähig sein werden, wie sie vor dem bösen Juli 1903 waren. Was hier am Nationalvermögen verloren gegangen, ist ganz enorm. Je mehr wir uns dem Dorfe nähern, desto ärger wird die Mückenplage; in ganzen Schwärmen begleiten uns diese Blutsauger. Hier hilft nur Rauch und immer wieder Rauch. Früher habe ich immer die Nichtraucher ob ihrer Standhaftigkcit gegenüber dem „Teufelskraut", wie man den Tabak in geharnischten Verboten gegen das Tabattauchen nannte, beneidet. Jetzt freue ich mich, daß ich rauchen kann, denn hier muß ich rauchen. Also, wie gesagt, hier läuft alles mit Cigarre und Pfeife herum, und da der Tabak, soweit man von solchem reden kann, über die Maßen schlecht ist, so können ihn die Mücken thatsächlich nicht vertragen. Nun sind wir im Dorfe, sehen wir, wie das Wasser allenthalben seinen Haß gegen das Gcbild von Menschenhand bewiesen hat. Ich möchte daS Wasser geradezu den besten Baurevisor nennen; mit einer Gründlichkeit, wie sie kein menschlicher Bausachverständiger besitzt, hat es Gebäude, Zäune, Brücken, Wege auf ihren Bauzustand unter- sucht, und keine einzige schadhafte Stelle ist ihm entgangen. Jetzt gicbt es zu erneuern I In meinem Dorfe, das ungefähr 00 bewohnte Häuser zählt, sind bis jetzt 7, die mehr oder weniger eingefallen sind, gesperrt. Hier ist ein Giebel eingefallen, dort klafft eine Wand aus- einander, Fenster und Thüren hänge» schief. Außen und innen sieht man die sckmrfe Linie, die den höchsten Wasserstand an jedem Gebäude anzeigt. Wir ttetcn in ein Haus; uns empfängt ein geradezu scheuß- licher Gestank von Wasser, Schlamm, Fäulnis und— Karbol. Alle Wände, innen und außen, sind nämlich zwecks Desinfektion mit 5prozeiit. Karbolseifenwasscr abgerieben worden. Jetzt wird alles mit heißem Sodawasser gescheuert; dann wird die Arbeit des Maurers folgen, der Wände und Decken frisch kalken wird. Noch nach Monaten lvird der üble Geruch in den Stuben zu finden sein. trotz des eifrigsten Lüftens. Und wie sehen die Möbel ausl Die Fourniere sind losgesprungen und ringeln sich spiralförmig zu- sammen; die Farbe ist auIgebeizt. Thören und Schubladen sind ver- quollen und lassen sich nicht öffnen. In den Sophas sind die Sprung- federn verrostet, die Farben des Uebcrznges sind unansehnlich ge- worden. Die Rückwände der Schränke sind gesprungen, angeleimte Holztcile sind losgefallen. Kurz, es sind gar nicht mehr die schönen Möbel, es ist nicht viel mehr als Gerumpel, das übrig geblieben ist. Da hat sich die Frau als Mädchen im Elternhause abgearbeitet, um sich ihre Ausstattung zu verdienen; sie war ihr Stolz, wenn sie Gäste in die Stuben führte; jetzt steht sie vor den Ruinen und weint, tvcil sie nicht fortziehen kann aus diesem traurigen Orte. Wir gehen die Torfstrasie weiter. Hier und da ist ein Stück Zaun verschwunden, dort eine Brücke. Drüben am Zaun hängt ein hölzernes Grabkreuz� das Wasser hat es dahin getragen.„Hier ruht im Herrn usw.", steht darauf zu lesen. Mehrere andre hölzerne Grabdenkmäler sind ganz verschwunden. Einige Grabhügel sind ganz hinuntergesunken. Neugierig bin ich, ob man noch lange ge- statten wird, daß die Friedhöfe mitten im Dorfe liegen. So lange die Körper zum Verwesen in die Erde gelegt werden, sollte der dazu bestimmte Ort, in Ucbcrschwemmungsgegenden wenigstens, ein großes Stück vom Dorfe entfernt liegen— zum Heile der Brunnen. Ikeberhaupt die Brunnen I Das ist jetzt einer der wundesten Punkte. Man hat sie ausgepumpt, man hat Kalk hineingeschüttet, wieder ausgepumpt, aber das Master stnikt nach wie vor. Es wird noch lange dauern, ehe wir wieder gutes Wasser haben werden.— Geographisches. — Die antarktische Eismauer. Schon die älteren Reisenden, die das südliche Polargebiet besuchten, Cook, Dstlrville, Wilkes und namentlich Roß, haben gefunden, daß dort vielerorts hohe, senkrechte Eismauern dem Vordringen der Schiffe gegen den Südpol ein Ziel setzen. Selbst von den Mastkörben aus konnten jene Seefahrer nur ganz ausnahmsweise über die obere Kante jener Eis- mauern hinwegsehen. Man vermutete, daß sich hinter jenen Mauern ausgedehnte, horizontale oder schwach nach Süden aufsteigende Eisfelder befänden, war aber bezüglich der wahren Natur derselben völlig im un- klaren und wußte nicht, ob sie dicke Meereisdecken oder aber Landeis- gletschersind, die ihre Stirnen eine Strecke weit inS Meer hinein vorschieben. Die größte und am weitesten südlich gelegene von diesen Eismauern ist die zu Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts von Rotz entdeckte, die sich beim Kap Crozier dort an die Küste des Victoria- landcs anschlietzt, wo diesem die zwei mächtigen, von Rotz nach seinen Schiffen„Mounts Ercbus" und„Terror" genannten Vulkane— von denen einer noch thätig ist— entragen. Rotz segelte damals die Eis- mauer entlang nach Osten, konnte aber nirgends eine Bresche ent- decken, die seinen Schiffen ein weiteres Vordringen nach Süden ge- stattet hätte. Vor einigen Jahren ist auch Borchgrevink bis zu diefer Eismauer vorgedrungen; genaueres über ihre Beschaffenheit und über die Natur des hinter derselben liegenden Gebiete? hat er aber ebensowenig wie Rotz ermitteln können. Weit erfolgreicher war in dieser Hinsicht die neueste englische Expedition unter Scott, die in der„Discovery" zu Ende des Jahres 1SV1 nach der Antarktis abging. Den Wegen von Rotz und Borchgrevink folgend, erreichte Scott das Kap Crozier nnd fuhr von hier aus den EiLwall entlang tOOO Kilometer weit nach Osten, entdeckte dort das neue König Edward-Land nnd kehrte dann zur Victoria-Küste zurück. Es gelang ihm, an einer Stelle an der Eiskante anzulegen, das Eis selbst zu betreten und eine kurze Strecke weit über dasselbe nach Süden vorzildringen, sowie auch durch einen Auf- stieg mit dem Fesselballon einen weiteren Ucberblick zu gewinnen. Scott wollte in der Nähe des Kap Crozier überwintern. Auf der Suche»ach einem passenden Hafen entdeckte er, daß die beiden be- rühmten Vulkankegel Erebus und Terror nicht dem Bictorialande selbst, sondern einer Insel angehören, die diesem vorgelagert und durch einen schmalen Meeresarni von demselben getrennt ist. In den letzteren fuhr er ein, und hier ließ er die„Discovery" einfrieren. Im Südherbst und im Südfrühling 1902 unternahmen dann Scott und seine Gefährten von dieser Stelle ans eine Reihe von Ausflügen mit den Hundeschlitten. Der bedeutendste von diesen war nach Süden gerichtet, währte 94 Tage und erstreckte sich bis 82 Grad 17 Minuten südlicher Breite. Die„Discovery" konnte nn Südsommer 1902/3 aus dem Eise, das sich im Winter 1902 gebildet hatte, nicht befreit werden und sitzt vermutlich jetzt noch darin fest. Es ging inzwischen eine Hilfs- expeditionim„Morning" nach dem Süden ab, fand die„Discovery" auf, verproviantierte sie und kehrte dann nach Neuseeland zurück. Scotts Berichte, die dieses Schiff mitgebracht hat und die jetzt von derLon- doner Geographischen Gesellschaft veröffentlicht worden find, geben eine ziemlich gute Vorstellung von der Natur der großen Eismauer und der hinter ihr liegenden Gletschermasse. Die Eismauer ist der obere. über dem Meeresspiegel gelegene Teil des Randes einer, Hunderte von Metern mächtigen und bei tausend Kilo- meter breiten Eisplatte, die sich. südlich von einer, gegen Nord konkaven, zwischen 77 und 79 Grad südlicher Breite gelegenen Linie, zwischen dem Victoria- und Edward-Lande ausbreitet. Die Mauer ist bald nur 10, bald bis 90 Meter hoch. Das Meer ist vor der Mtte der Eismauer bei 600 Meter tief und wird gegen die Länder, die sie im Osten und Westen berühren, seichter. Eine vertikale Bewegung des an der Eismauer verankerten Schiffes wurde_ nicht beobachtet, woraus zu schließen ist, daß die Eismasse, � deren Rand die Mauer bildet, nicht am Meeres- grmide festsitzt, sondern schwimmt und, geradeso wie das Berantworll. Redakteur: Julius Kaliski in Berlin.— Druck und Verlag: Schiff, von der Flut gehoben wird, bei Ebbe aber sich senkt. Di« Oberfläche der Eisplakte ist im ganzen horizontal, im Norden wellen» förmig, im Westen aber flach. Eine deutliche Randkluft trennt die ganze Eismasse von dem Victoria-Lande. Dieje hatte an einer Stelle, weit im Süden, eine Breite von l'/z Kilometer nnd war hier mit Eistrümmern erfüllt. Aus diesen Entdeckungen ist zu entnehmen, daß sich zwischen dem Victoria- und dem Edward-Lande eine unter der Meeresfläche liegende Senkung ausdehnt und daß diese Depression von einer aus dem Meere schioimmenden, stellenweise, wo die Tiefe geringer ist, wohl auch unmittelbar dem Meeresgrunde anfruhenden Eisplatte eingenommen wird, die sich— wie jene große Randkluft zeigt— anders als das dem Lande aufsitzende Eis bewegt. Der Schneezuwachs an ihrer Oberseite überwiegt die Abschmelzung an ihrer Unterseite, was zu einer der Be- ivegung unsrer Alpengletscher ähnlichen Bewegung der ganzen Eismasie von Süden nach Norden führt. In dem Matze, wie die Eismasse von Süden her anrückt, brechen im Norden kleinere und größere Teile von ihr ab, um dann, in Gestalt jener großen, tafel- förmigen Eisberge, die bis in ziemlich niedere Breiten hinab an- ! getrosten werden, davon zu schwimmen. In kalten und ivcniger türmischen Perioden wird die Linie, der entlang diese Abbrechung tattfindet, weiter nach Norden vorrücken, i» wärmeren und stürmt- scheren Perioden aber nach Süden zurückweichen und so in Bezug auf die Lage ähnliche Schwankungen zeigen wie die Stirnen unirer Alpengletscher. Immer aber wird das Ende, der Rand der ganzen EiSmasse, eine Bruchfläche sein, deren oberer Teil in Gestalt einer Eismauer über die Oberfläche des Meeres emporragt.— t„Kölnische Zeitung".) Technisches. SS. Eine großartige Elektricitäts Übertragung ist jüngst von St. Moritz(St. Maurice) nach Lausanne ausgeführt worden. Die Leitung ist eingerichtet für die Vermittelung von 5000 Pferdestärken ans eine Entfernung von etwa 56 Kilometern und bietet in einer Hinsicht für die Technik eine vollständige Neuheit. Sonst wird nämlich für die Uebertragung starker elektrischer Ströme auf großen Abstand immer Wechselstrom oder sogenannter Drei- Phasenstrom benutzt, während in diesem Fall hochgespannte direkte Ströme zur Anwendung kommen. Die Wahl dieies Systems hat eine größere Einfachheit der Anlagen ennöglicht, ohne ihre Wirksamkeit abzuschwächen. Auf dem langen Wege geht nur 6 Proz. des in die Leitung geschickten Stromes verloren. Die Spannung beträgt bis 22 300 Volt, die Stromstärke 150 Ampöres. Die Maschine zur Elektricitätscrzeugung im Kraftwerk von St. Moritz der Ort ist� etwa 20 Kilometer oberhalb der Rhonemündung in den Genfer See gelegen— sind zu 150 Amperes und 2000 Volt bemessen und werden in Reihen verbunden. Die hohe Spannung macht ganz besondere Vorsichts- matzregeln bei der Isolierung nicht nur der Maschinenentwicklung, sondern ancb der Maschine telbst notwendig. Bei der erstcren ge- schieht die Isolation ans gewöhnliche Weise, außerdem aber sind alle aktiven Teile der Maschine von ihrer Umgebung durch den glimmer- artigen Stoff Micanit geschieden. Außerdem sind die Maschinen von der Erde durch schwere Isolatoren aus Porzellan getrennt, worin die unteren Enden der Grundplatten eingelassen sind.— Humoristisches. — Beseitigte Gefahr. Meyer:„Denke Dir, Laura, die Regierung spendet 10 Millionen für Schlesien, einen schönen Schreck Hab' ich bekommen!" Frau:„Wieso Schreck?" Meyer:„Na, ich hätte doch selber um einHaar zwanzig Mark hingeschickt!"— — Verschnappt. Dichter(zum Dienstmädchen, welches bei den kranken Kindern wachen soll):„Was, Sie lesen in meinen Gedichten?... Aber, Anna, Siesollendochwach bleiben!"— — So etwas kommt vor. K o m m i s:„Da ist ein Bauer, der möchte gern den schwarzen Rock, der mit 30 M. ausgezeichnet ist, für 18 M. 50 Pf. haben." Prinzipal:„Unverschämter, frecher Kerl!... Geben Sie ' n ihm!"—(„Luftige Blätter.") Notizen. — Die Erstaufführimg von Siegfried Wagners neuer Oper„Der Kobold"- wird in der ersten Hälfte der neuen Saison im Leipziger Stadttheater stattfinden.— — Im Prager Ratio iral-Theater beginnt am 17. August ein für dreizehn Vorstellungen berechneter Zyklus von Opern d e r böhmischen Komponisten Smetana, Dworzak, Fibich, Kovarowitsch und Rebdal.— — Die Maler Heinrich L e f l e r', Präsident des Hagcnbundes. und Rudolf Bacher, Mitglied der Secession, wurden zu Pro- fefforen an der Wiener Akademie der bildenden Künste ernannt.— — Das rote Tuch. In der„Leipziger Zeitung" schließt die Besprechimg einer Schrift, die in N o w a iv e s- N e u e n d o r f er- schieneii ist, mit den Worte»:„Die Bezeichnung Nowawes auf dem Titelblatt ist hoffentlich nicht polnischen Ursprungs, sonst müßten wir uns auch hiergegen verwahren."— Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanftalt Paul Sinaer sc Co., Berlin SW