Hlnterhaltungsblatt des Honvarts Nr. 153. Freitag, den 14. August. 1903 (Nachdruck verboten.) � Die Hebenbacher. Roman von Anton v. P e r f a l l. Da kollerte das Gebetbuch Nesls die Stufen hinab, ihre Hand haschte vergebens nach dem Strick— der Turm— das kleine Fensler— die Schneeberge draußen— alles drehte sich im Kreis und die Glocken fingen von neuem zu singen an und zu summen, da lag sie schon in Floris Armen. „Dein Schatz, Dein Schutz für immer, fürs ganze Leb'n. Das is die Liab, Reserl, von der in all'n Büach'ln steht, in jedem Liad, die a G'walt hat wia der König und do so fromm is wia a Lamm, bei der man net sag'n kann, wo koinmst her, wo willst hin." Resl lauschte regungslos der süßm Offenbarung, die so mächtigen Wiederhall fand in ihrer>scele. „Und fürs ganze Leb'n, sagst?" fragte sie in weicher Hingabe. „Was denn? Fürs ganze Leb'n und no drüb'r'naus,— weit drüb'r'naus." Flori verlor sich ganz in das Beschauen des entzückten lieben Antlitzes. Gar verführerisch winkte der rote Mund, und ein heftiges Verlangen stieg in ihin auf, aber seine Arme zitterten, eine heiße Glut stieg ihm in das Gesicht, und nimmer hätte er es gewagt, den Mund zu küssen. Ein häßliches Gelächter weckte ihn aus seiner Ver- zückung. Abergläubisches Entsetzen packte beide. Höhnte ein böser Geist über die Entweihung des heiligen Ortes? „Saubre zwei Turmvögel!" ertönte die Stimme des Lenz. Dicht lintcr Flori erschien das bleiche Gesicht des Burschen, aus dem alles Schlimme blickte, Haß, Neid und Wut über den Anblick, der ihm wurde. „Das ist wohl schon lang Euer sündhaft's Nest? Und heut' feiert's den Abschied? Na wart's, der soll Euch teu'r z' stehn kommen! Werd'n halt no bet'n z'guat'r Letzt, hat Dein' Muattcr g'mcint. Ja, des war der rechte Rosenkranz uild init so all Bürschl—" Flori ließ Resl los und wandte sich drohend gegen Lenz. „Nimin Di in acht!" Sein ganzes Wesen erschien so kraftcrfüllt, aus seinen Augeil lelichtete es so gefährlich auf, daß Lenz in seiner, jedeni Angriff von oben gegenüber äußerst ungiinftigen Stellung weitere Aufreizungen nicht geraten erschienen. „Na, wollt's vielleicht, daß der Pfarrer auf Eure Schlich kommt? Der wird Euch a kaum einsegna do herob'n," be- merkte er. Flori packte diesem Schleicher gegenüber ein trotziger Freimut. Er hätte eS am liebsten zuni Turmfenster hinaus- gerufen, was sich eben hier vollzogen. „Wir kennen keine Schlich, wir zwei," begann er, daß der Turm dröhnte, von seiner Stimnie durchschallt.„Zum erst'nmal in unserm Leb'n hab'n wir uns hier g'sproch'n, und was, sollst a wiss'il." Vergebens zerrte Resl, in Thräncn aufgelöst, au seiner Joppe. „Daß wir uns liab hab'n, daß wir nimma lass'n von anand's ganze Leb'n! Und das kannst überall d' erzähl',,! Mein' Vater, Dein' Vater, dem Pfarrer, der ganzen K'meind'—" Auf Lenz' Antlitz versteinerte sich das höhnische Lachen allmählich zu einem häßlichei, Grinsen. „Jetzt mach Platz, Du Nachteule, Du schiache, und kreisch's umanand, was g'hörst halt." Flori reichte Resl die Hand und stieg herab, an dem sich feig beiseite drängenden Lenz worbei. Resl beugte der Schmerz, die Angst vor dem Kommenden. Als sie an Lenz vorüberging, warf sie ihm einen flehenden Blick zu. „Lenz, sei guat! I that' Tir's net vergess'n," sagte sie, einen Augenblick stehen bleibend. .„Wenn i Dein Helf'r machet, net wahr?" „Warst Du's net alleweil, selbst um Dein Leb'n?" Meinte Resl. „Um mein Leb'n!" Lenz machte eine wegwerfende Be° wegung.„Mach, daß D' abi kimmst. Ma wart' scho lanA auf Di," setzte er dann verdrossen hinzu. Doch kaum war das Paar hinter der Krümmung der Stiege nach abwärts ver- schwunden, rief es oben:„Pst! Pst! Resl!! Geh durch d' Sakristei. Nacha g'wahr'n s' Di net. Hast halt Not'n g'suacht." Vor der Kirche hatte sich ganz Osterhofen um die beiden Achenbacher gesammelt. Ihre stille Würde stach vorteilhast ab gegen die lauten Freudenkundgebungeii der Gegenpartei. Es wurde beschlossen, eine Beschwerdeschrift einzureichen, in welcher man sich verpflichten wollte, alle irgendwie ge» forderten Veränderuilgen vorzunehmen und damit dei, vor- geblichen Hauptgrund der Verlegung des Gottesdienstes nach Seehamm aufzuheben. Lorenz vor allem erklärte sich zu jedem Geldopfer bereit. Der Westerwald solle unentgeltlich alles Bauholz liefern, und mit Bargeld, wenn's fehle, fei er auch zu findeil. Seine Opferwilligkeit wirkte, keiner wollte zurückstehen, je nach seinen Verhältilissen. Die altersgraue Kirche, mit welcher sie sich verwachsen fühlten, erstand in neuem Glänze vor ihren Äugen. Nur der alte Achenbacher sah auch darin keine Rettung. „Nützt Euch all's nix," sagte er imnier wieder.„Es handelt si net um die Kirch'n, um was anders handelt sie's. Um uns'r gailz's Denk'n und Sein, das nimma paßt in die neue Zeit. Z' End is mit'n Bauern, zur Last san ma der neuen Welt mit un'sre alt'n G'setz und Brauch! O ja,'s wird schon wieder komm'» die Zeit, wo man ihn gern z'ruck- hol'n möcht', wo man ihn suach'n wird mit der Latern, aber finden werdeil s' ihn nimma in dem G'wurl auf einand, in dem er si' verlor'» hat, und macha kann ma all's heutzutag,—• Graf'n und Barona, die höchst'n Herrn, grad kein Bauern net. Der miiaß wachs'n wia d'„Ficht'n", langsam, Ringl um Ringl, auf an Platz, aus dem er seine Nahrung saug'». in dem er seine Wurzel einkrall'n kann, alle Stürm' zum Trotz." Der Großvater hatte schon seit Jahren seine Stimme nicht hören lassen. Eine wunderbare Kraft schien über ihn gekommen. und andächtig hörte man ihm zu. Urban Lehner sah sich aus diesem Kreis völlig aus- geschlossen: trotz seiner neuen Würde trafen ihn von allen Seiten verächtliche Blicke. Er allem galt für schuldig. Der Pfarrer war erst seit zwei Jahren in der Gemeinde, von dem konnte man keine besondere Teilnahme für die Osterhofener verlangen. Solange ein Achenbacher an der Spitze stand, hätte es der Bischof selber nicht gewagt, eine solche entscheidende Verordnung zu erlassen. Die anfdringliche, taktlose Huldigung, welche die jungen Lelite dem Lehner vor der Kirche bereiteten, war diesem höchst peinlich, er floh förmlich auf seinen Hof und übersah darüber ganz die Abwesenheit Resls. Auch Flori kam infolge der erwähnten Besprechung gerade noch zeitig genug, lim den Großvater heimzuführen. Doch derselbe bedurfte kaum seiner mehr, ein neues Leben schien aufzuflackern in dem Greis, als wolle dieser morsche Leib gewaltsam sich auflehnen gegen alles, was Verwesung heißt lind Absterben. „Merkst D' jetzt, um was's sich handelt?" redete er in Flori hinein.„Willst jetzt no a G'nieinschafl hab'n mit dena Leut, die ihr'n eigna Stamm verrat'il Tag für Tag! Jessas, wenn i jung wär'! Weil» i jung war'!" „Ja, wenn Du no jling wärst." sagte Flori, dem das Herz inl Leibe lachte, trotz aller Ereignisse des heutigen Tages. „dann thät' i Dir a schöne G'schicht erzähl'»." „Was für a G'schicht denn?" fragte der Alte. „Voll zwei Turmschwalben und an Falken, der drauf g'stoß'n is." erwidert� Flori lachend. Ter Großvater blieb stehen und schiittelte daS Haupt. „Mei, Flori, bist Du a Kindskopf! A glückliche Zeit, d' Jugend! I d'erzähl ihm, lvia a ganzer Stand abstirbt, der a Jahrhundert lang in Ehr'n b'stand'n, und er von zwei Turmschwalben und an Falk'n!"— Zwei Tage darauf spannte der Lehner seinen Schlitten ein. Ein großer Holzkoffer wurde aufgeladen, dann stieg Resl auf, ganz eingepackt in einen wollenen Shawl, ein roteS. Bündel in der Hand.- Me Lehnerin weinte zum Herzzerbrechen, und fort ging eS. die Straße ins Land hinauf Flori war gerade auf dem Weg in den Westerwald zur Volzarbeit. Von der Höhe aus sah er alles, und einmal war es ihm, als ob Resl gerade herauf sähe zu ihm. Er sandte einen Juchschrei nach, doch der mißklang kläglich, der gewohnte Laut blieb ihm in der Kehle stecken.„Des war der Flori net," wird sie sich'dacht haben. Das war genau die Geschichte von den zivc' Turm- schwalben, wie er sich's ausdacht hat am Heimweg von der Kirche. Tie eine verschwindet am Horizont, ein kleiner, schwarzer Punkt, die andre schaut ihr nach mit wehem Herzen. Lange stand er. Immer kleiner wurde das Gefährt— ein kleiner, schwarzer Punkt— dann nichts mehr. Aber das is das End' no net von der G'schicht, die er si' ausdenkt hat. Das laut' ganz anders, und mit dem Gedanken stieg ein quell- klarer, kraftiger Jubelruf hinauf zum Himmel, voll jugcnd- licher Hoffnung, voll männlicher Zuversicht. III. Seehamm war aus seinem Winterschlaf erwacht. Es schien wirklich ein neuer Geist dort zu wehen, der Alv eines alten, nicht mehr zeitgemäßen Regimentes war von ihm ge- nommen. Die Unternehmungslust trieb, nicht mehr ein- gedämmt durch fortschrittfeindliche Elemente, die üppigsb.n Blüten. An allen Ecken und Enden erhoben sich Neubauten. Wirtschaftskonzessionen, welche der frühere Gemeiuderat be- harrlich verweigerte, wurden jetzt mit offenen Händen aus- geteilt. Die Blicke aller Spekulanten der Hauptstadt richteten sich auf das aufstrebende Dorf, als einen vortrefflichen An- griffspunkt ihrer kühnen Pläne. Die Vodenwerte stiegen zu unerhörter Höhe. Bereits lag der Entwurf einer Lokalbahn von feiten einer Aktiengesellschaft vor, welche Seehamm dem großen Schienennetz des Landes anschließen sollte. Artikel über den bisher noch viel zu wenig bekannten Luftkurort Seehamm, die Heilkraft der Seebäder erschienen in den Blättern. Und das alles war mehr oder minder, wenn er auch mehr geschoben wurde als selber schob, das Werk des neuen Bürger- Meisters Urban Lehner! Man sollte es nicht glauben, was aus so einem Bauern werden kann, wenn ihm das Licht der Intelligenz aufgesteckt wird, aus so einem Bauernnest, wenn die'egensvollen Strahlen städtischen Fortschrittes einmal darüber herein- brechen! Der Lehner faßte auch sein Amt in ganz auderm Geiste auf als sein Vorgänger, der von seincni Hofe ans wie ein kleiner Despot regiert hatte. Immer war er unterwegs, bald in der Stadt, um irgend ein Interesse des Ortes zu fördern, bald da, bald dort. Sein Einspännerl war in jedem Gasthof der Umgegend bekannt. Schon sein Aeußeres entsprach ganz anders der Vertretung eines Plahes, der endlich einmal in dem Landesverkehr die Stellung einnehmen sollte, die ihm schon lange gebührte. Er ging jetzt städtisch gekleidet, beinahe wie der Bezirks- amtmann selber, nicht im nächstbesten Arbcitsgewand, wie der Achenbacher. Und den feinen Umgang, den er hatte mit den höchsten Herren, und dabei doch wieder„a g'mein's Wes'n" mit dem einfachsten Arbeiter, kurz, halt einer, wie er schon längst hcrg'hört hätt'. (Fortsetzung folgt. � (Nachdruck verboten.) Vorn JMiedcirhcui zur J�ordlee. Als der Schreiber dieser Zeilen sich zum erstenmal nach den Niederlanden ivandte, benutzte er von Köln aus zur Fahrt einen so- genannten„Holländer". So heißen im Bolkömunde des Ilnterrheins die Dampfer, die vorzugsweise den Güterverkehr zwischen den Niederlanden und den wichtigeren Rhcinstädten vermitteln. Da sie auf Personenbeförderung eigentlich nicht eingerichtet sind, fährt man auf ihnen zu wesentlich billigeren Sätzen. Bon den deutschen Dainpfern unterscheiden sie sich durch ihre schlankere Bauart, während sie an Schnelligkeit der Fahrt den Salon- und Lustschifsen nahe kommen. Der Dampfer führte in der Hauptsache eine Ladung Obst, so daß nicht nur der Laderaum, sondern auch Hinter- und Vorderdeck mit aufeinander gestapelten und duftenden Körben hoch bedeckt waren. Holland ist nämlich Durchgangeland für deutsches nach England verfrachtetes Obst, das hier zu köstlichen»jarns" und Marmeladen verarbeitet wird, um so eines der beliebtesten und billigsten VolksnahningSmittel England» zu bilde». Das herrliche und romantische Bild, welches zwischen Mainz und Koblenz die Ufer des Rheins mit ihren zahlreichen und»er- fallenden Burgen, ihren waldbedeckten und zerklüfteten Höhen, ihren behäbigen Städten und rebenumkränzten Dörfern bieten, verliert sich hinter Bonn, sobald man Rolandseck und das Siebengebirge passiert hat, völlig. Kaum daß von Bonn bis Köln ein vereinzelter Hügel sich aus der Niederung emporhebt. Hinter Köln aber werden die Ufer des Stromes gänzlich flach, um sich auf holländischem Gebiet selbst unter das Niveau des Meeres zu senken. Eine Nheinfahrt von Köln bis Rotterdam bietet daher landschaftlich kaum etwas Bemerkensloertes. Trotzdem ist sie für den aufmerksamen Beschauer nicht ohne Interesse. Allmählich ändert sich mit der Beschaffenheit des Bodens auch der Charakter der Landwirtschast. Immer mehr tritt der Garten- und schließlich der Getreidebau zurück, unr zuletzt der Vieh- zucht vorwiegend Platz zu machen. Während in den Gegenden des Feld- und Gartenbaues räumlich ausgedehnte Dörfer enge bei- einander liegen, beginnen sie nach und nach sich auf größere Strecke» zii verteilen. Die Hoffiedcliing, die ja der ganzen norddeutschen Tiefebene charakteristisch ist, tritt hervor: das HofhauS mit fckiarf abgeschrägteui Dach, dahinter die Ställe für das Vieh, die Unter- kunftsräume für Wagen und Gerät, die Vorratsspeichcr u. s. f. DaS Ganze ist»reist im Viereck gebaut und häufig von einem wassergcsiillten Gräber« und dicken HeckengeHegen oder dicht gcpflanztcn Bäumen umgeben. Hecken pflegen neben Wassergräben auch die einzelnen Weidearcale abzutrennen. Es scheint fast, als gehe diese Sitte, Haus und Hof mit Hecken�zu umschließen, in sehr alte Zeiten zurück. So weiß schon Cäsar von den Bewohnern dieser Gegenden zu berichten, daß sie junge Bäume einkerbten und um- bogen, um durch die seitwärts schießenden Aeste und dazwischen ge- pflanzte Dorn- und Brombeersträllcher undurchsichtige und„niaiier- gleiche" Hecken zu erzielen. Die Weide ist durchweg von dem saftigen Rasen des Marschlandes bedeckt. Doch fördert die natürliche Feuchtig- keit des Bodens, die durch den Wassergehalt der Luft bei der Nähe des Meeres noch gesteigert wird, und daS häufig an die Oberfläche tretende Grundwasser leicht 5krankheitcn unter dem Vieh, insbesondre die Maul- und Klauenseuche. Ist in einem Distrikt die Krankheit stark verbreitet, so sieht man allenthalben Tafeln angebracht, die von denr Ausbruch der Seuche Kunde geben, während es in solchen Fällen Grundsatz der Hausfrauen wird, alle im Haufe verwandte Milch nur abgelocht zum Genuß zu geben. Von den mannigfach abiocchselndeir Bildern, wie sie selbst eine Fahrt auf dem Unterrhein begleiten, mögen nur die dort häufig begegneten holländischeir Flößer hervorgehoben sein. Am Oberrhein beginnen sie ihre Fahrt. Denn vor allem ist es das Holz des Schwarzwaldes, das auf diese Weise den Rhein herabgcschwemmt wird, unr auf den Rotterdamer Wersten vcr- ziminert zu werden. Zwanzig bis dreißig meist mittelstarke Fichten- oder Tannenstämme sind neben einander befestigt, während je nach der Länge der Borde eine, zwei und selbst drei solcher Koppelnngen, in der Länge verbunden, das Floß ausmachen. Nur au wenigen Stellen pflegt dasselbe mit Bohlen bedeckt zu sein; sonst hat das Stromwasser freien Zutritt durch die Spalten und Ritzen der Baumlage, ein Umstand, der jede Bewegung auf der an und für sich glatten Rinde der mit den Wellen schwankenden Stämme gefährlich macht und eine Vertrautheit von Jugcnd auf nrit den, nassen Element vor- aussetzt. Je nach der Größe besitzt das Floß ti— 10 Mann Besatzung, die in rohen Bretterverschlägen bei Wind und Wetter„auf Deck" kampieren. An den beiden in der Stromrichtung liegende» Enden trägt es primitive, meist aus einem besonders langen Stamm bestehende und gleichzeitig als Ruder dienende Steuer, die von je drei bis vier Mann unter eintönigen Rufen bedient iverden, um das Abtreiben des Flosses aus der Strominitte zu verhindern. Von den Ortschaften, die auf der Thalfahrt besonders ins Auge fallen, seien nur Zons und Arnheim genannt. Zons ist bemcrkens- wert durch seine Befestigungen, die aus dem Anfange des 15. Jahr- Hunderts stammen und heute noch wohl erhalten sind. Die alte, aus Quadern gefügte Ringmauer tritt nahe an das Flußbett heran. Mit Zinnen bedeckt und von Schießscharten durchbrochen, wird sie von einer Anzahl runder und viereckiger Türme und Warten über- ragt und umzieht so den ganzen Ort, der als die letzte im mittel- alterlichen Stil umwallte und befestigte Stadt ein historisches Interesse beanspruchen darf. Arnheim dagegen ist der Typus der modernen holländischen Stadt. Sic liegt malerisch am Ufer des Leck, der hier freilich seine tiefgrünen Wasser nicht mehr so majestätisch daher- rollt, wie vor der Abzweigung der Dssel und vor allein des Waal. In dem durchweg hellen und lebhaften Ansttich der vielfach landhauSmäßigen und baumbeschatteten Häuser mit ihren blendcndroten Ziegeln und grünen Fensterläden bietet die Stadt, an einem sonnenhellen Tage vom Schiffe aus ge- sehen, ein" lebendiges und farbenvolles Bild der sprichwörtlich ge- wordenen holländischen Reinlichkeit. Es nrag hier bemerkt sein, daß nicht allerorten in Holland und nicht zu allen Tagen, insbesondere nicht an Markttagen, die Sauberkeit der Straßen nrit der der Häuser in Einklang steht. Für den villenartigen Teil Arnhcims freilich ist dieser Vorbehalt kaum angebracht. Ist die Stadt doch der beliebte Ruhesitz der„Suiker- Lords", der Zuckerbarone, die es als Pflanzer inr ostindischen Archipel oder als Zucker» Händler im Stile der aus Multatulis Max Havelaer bekannten �.Drogstoppels von der Lmiriergracht' zu allen Kommoditäten des Reichtums gebracht habem Dagegen gilt jene Einschränkung gewiß für den in der Nähe des Flusses gelegenen Teil ArnheimS, inner- halb dessen sich ein reger Speditionshandel abspielt. Jedem, der eine holländische Stadt betritt, muß sofort eine be- sondere Eigentümlichkeit des Landes auffallen. Es sind dies die Grachten und Vliete, die Kanäle, die fast alle niederländischen Städte und mehr oder minder das ganze Land gitterartig durchziehen. Die Berbinduug zu den Häuserzeilen auf beiden Seiten wird durch Brücken hergestellt. Rieist sind sie von hohen Baumreihen flankiert und verleihen der Stadt ein malerisches Bild. Trotzdem wird der Fremde, zumal wenn er einige Zeit in den Binnenstädten gelebt hat, ihrer nur mit gemischten Gefühlen gedenken. Mancher Unrat aus den Häusern findet in sie seinen Weg, ebenso Markt- abfülle und diese um so leichter, als der Markt sich vielfach auf Brücken abspielt, die mit offenen Hallen überdeckt sind. Daher wird mancherorts das Bedürfnis empfunden, die faulenden Znthatcn all- wöchentlich aus dem nahezu stagnierenden Wasser zu entfernen. Zu dem Zwecke fischt man den Wasserboden jeden Sonnabend mit eisernen, an langen Stangen befindlichen Netzen ab, um die herauf- gebrachten Substanzen, Körper und Gegenstände in einen offenen Nachen zu entleeren. So notwendig das sein mag, mit ebenso ekelerregenden und mcphitischen Ausdünstungen zumal in den Sommermonaten ist es verknüpft, bor denen mancher regelmäßig in das offene Land zu flüchten Pflegt. Aber auch dies ist, wie gesagt, durchweg von Blieten durchzogen, deren Gelvässer, weil unterhalb des Meeres« fpiegelö liegend, bistveilen völlig zum Stehen gekommen find und alsdann gleichfalls nicht allzu lieblich duften. Das ist ja auch der Grund, weshalb es in Holland unzählige Windmühlen giebt, wie man sie auf allen billigen„Delst'fachcii der Berliner Bazare als das auffallendste 5lennzeichen der holländischen Landschaft abgebildet sehen kann. Um nämlich die Stagnation des Wassers zu verhindern, muß dasselbe in künstlichem Fluß und Bewegung gehalten werden. An manchen Stellen erreicht man dies durch Dampfmaschinen, in der weitaus größten Mehrzahl der Fälle jedoch durch Wind- mühlen. In der Nähe von Lehden konnte man zur Zeit im Gesichts- kreise ihrer nicht weniger als etliche fünfzig zählen. Holland ist das klassische Land der Alleen. Die bekannteste wohl führt vom Haag nach Schevcningen. Trotz ihrer Breite ist sie der ganzen Länge nach von üppigen Bauinkronen völlig überschattet und zu beiden Seiten von dichtem Buschwerk umsäumt, weshalb der Nationalstolz der Holländer kaum mit Unrecht sie den Sehens- Würdigkeiten der Welt beigesellt. Gleichfalls herrliche Baumgänge finden sich auf dein Wege von Lehden nach dem Fischer- dorf Katwhk. Neben den Alleen ftihren häufig Vliete her, die mit ihren ruhenden und algenbedcckten Gewässern, zur Seite wcitgestreckte Weiden, dem holländischen Flachland jenen Reiz des Melancholisch-Einförmigen verleihen, der uns die Landschaftsbilder der holländischen Naturalisten noch heute schätzen und lieben läßt. Entgegen dem schwermütigen Charakter ihres Landes find die Holländer ein kräftiger und froher Menschenschlag, dessen unverwüst- lichcr Lebenslust ein gut Teil sinnlichheitercr Derbheit beigemischt ist. Das zeigt sich nirgends deutlicher als bei den öffentlichen Lust- barkeiten, wo sich die konventionelle» Unterschiede, die in Holland an und für sich bei weitem nicht so stark hervortreten wie in Nord» deutschland oder gar in England, noch mehr verwischen. Zumal in den Binnenstädtcn, wo keine Zucker- und Kaffcebaronc das Regiment führen, kann man finde», wie sich die Holländerinnen aller Stände noch die Hand zu Tanz und Reigen geben.' Auf dem Lande gehen diese Volksfeste ganz im Stile unsrer westdeutschen Kirmessen mit Karussells und Buden vor sich. Anläßlich ihrer sucht die holländische Dorfschöne ihren ganzen Schmuck hervor, dessen Hauptstück auch hier in dem Kopfzierat besteht, breiten Goldplattcn, die das Haar an den unteren Seiten des Hinterkopfes limfaffen und den Stolz der Holländerin ausmachen. Man muß es den holländischen Land- mädchen lassen, daß sie derben Scherzen und Annäherungen nicht ab- geneigt sind, wobei freilich der Waghalsige gut thut. die Eifersucht der männlichen Schönen, die durchweg eine leicht bewegliche und harte Faust führen, in Rechnung zu ziehen. Ein besonderes Interesse beansprucht die holländische Fischer- und Strandbevölkerung. Wenn man sich dem Meere nähert, „riecht" man dasselbe schon weit ins Land hinein. Gleichfalls schon tief im Lande vernimmt man das regelmäßige, unterirdisch fort- gepflanzte Getöse der auf den flachen Strand aufschlagenden Wellen. Erreicht man schließlich die letzte der kaum mit spärlichem Gras bewachsenen und zerklüfteten Dünenrcihen, so fällt der Blick plötzlich hinaus auf die Nordsee in ihrer gewaltigen und furchtbaren Majestät. Ueberwältigend ist das Bild bei stürmischer See. Haushoch türmen sich die gepeitschten und schäumenden Wogcnkämme, die unabsehbar heranrollen, um vor den Füßen des Beschauers in Staub und Gischt zu zerstieben. Im Kampf mit diesem Element wächst die Bevölkerung der Dünen auf. Daher ist sie in ihrem Aeußeni ein in, gewöhnlich harter und rauher Menschenschlag. Denn Härte und Mut gehören dazu, um die Heringskutter— schwer gezinimerte Holzschiffe mit einfachem Takelwerk und gleichem Vorder- und Hinterteil— auf die See hinauszulenken. Oft. wenn die Flottille sich verspätet oder Sturm- anzeichcn sich bemerkbar machen, sieht man die Frauen des Fischer- dorses sich vor ihren sauberen Häuschen oder auf den Dünen in Gruppen versaimneln, um auf das Meer hinauszuspähen. Denn häufig genug kehren Kutter von ihrer gefährlichen Ausfahrt nicht wieder zurück, ohne daß selbst die nächsten Gefährten wissen, wo das Meer sie verschlungen hat.— Dr. H. Laufenberg. kleines feiiületon. — d. Der Morgen. Tack, tack. Rrrrr.. rattert mein Wecker. Schnell fahre ich in die Höhe, starre müde nach dem Zifferblatt. Natürlich schon hohe Zeit. Beneidenswerte Menschen, denen der Zwang des Frühaufsiehens kein Unbehagen, sondern eine Freude ist. Mich findet die Nacht munter, der schönste Morgenschimmcr dagegen würde mich ungezwungen nie wach treffen. Und doch bin ich lange nicht der erste. Während ich in der Waschschüssel plätschere, geht schon das morgendliche Konzert los. Rechts im Seitenflügel des Hofes kündet eine mißtönende Fabrikbimmcl mit emsigem Schwung den Ansang der Arbeit. Gleichzeitig wird es auch in der Schule links lebendig. Aus einem Klassenzimmer zirpt das Stimmen einer Geige. Auf dem Hofe hallen taktgemäße Knabentritte. Das Leben ist erwacht, und knarrt, hämmert, pocht, flucht. fiedelt, singt, dampft, zischt, faucht und kommandiert sein immer un- gleiches, disharmonisches Potpourri herunter. Da ist die fette Stimme des Gesanglehrers mit ihrem gesucht salbungsvollen Accent:„Fangen wir an mit dem so wunderschönen und tief empfunden Liede: „Allein Gott in der Höh' sei Ehr. Einige kurze Vortaktc, dann setzen helle Stimmen ein. Vor dem Fabrikthor hat der Herr Chef soeben höchstselbst zwei Arbeiter gestellt, die fünf Minuten zu spät gekommen sind: „Sie scheinen es gar nicht mehr nötig zu haben! Wenn Sie noch einmal zu spät kommen, fliegen Sie rauS— heute lobet das fünfzig Pfennige." ..... darum daß min und nimmermehr Uns rühren kann kein Schade. versichert der Kindersang, und weiter: „Ein Wohlgefallen Gott an uns hat.." „Ihr Esel und Kamele." wettert der Turnlehrer,.könnt' Ihr denn nischt begreifen? Wenn Ihr die nächste Schwenkung lvieder versaut, holt Euch der Satan, Achtung!.. In Sekticnen rechts marschiert auf, marsch!.." „Drum ist groß Fried ohn Unterlaß.." Aus der Fabrik hallt der Widerstreit erregter Stimmen. Jetzt rennt ein Mädel mit fliegenden Röcken zum Thor hinaus. Hinter ihr drein der Wcrlsührer:„Augenblicklich kommen Sic zurückl" Ein Schluchzen der Wut zittert durch die Antwort:„Ree. lieber verhungern, als bei Euch, Ivo der Chef seinen feinen Meistern Hilst, arme Weiber noch unglücklicher zu machen!" Wie der Wind ist sie davon. Der Meister sieht ihr grinsend nach. Pah, seine Sorge!.. „All Fehd' hat nun ein Ende" verhallt der Gesang. Und mit dem ruhigen Stampfen der Maschinen, dem Surren der Riemen, dem Rauch, Dunst und dem vielen Schmutz geht der Tag seinen Weg.— — Die Kritik der Straße. Der„Frankfurter Zeitung' wird unterm 11. August aus Würz bürg geschrieben: Seit drei Jahren wird hier an" einer Kanalisattons- Anlage gebaut, die schon oft den Unmut und den Spott der Bürgerschaft herausgefordert; denn das ungenügende Funktionieren der Anlage steht im umgekehrten Verhältnis zu den genügend hohen Kosten, die sie schon verursacht hat. Der Unmut hpt sich nun gestern sehr unverblümt geäußert. An der Arbeitsstelle steht eine Tafel mit der Aufschrist: Gesperrt Der Magistrat. Ein Unzufriedener machte durch Zettel mit der gleichen Schrift Zusätze, so daß gestern früh die Aufschrift der Tafel lautete: Ein- Gesperrt gehört\ Der M a g i st r a t. ie. Katzen- nnd Schlangensurcht. Es ist schwer zu sagen, ob eS sich dabei um eine allgemeine Thatsache handelt, aber es hat doch den Anschein, daß sich im Verhältnis zu den.Katzen das männliche und weibliche Geschlecht grundsätzlich unterscheidet. Die Katzenliev- haberei der Frauen liegt klar zu Tage und ist unzählige Male ins Lächerliche gezogen worden, und anderseits hat man viele Beweise dafür, daß die Männer teils einen Haß gegen die Katzeusippe. teils «ine gewisse Furcht vor ihnen haben. Nach einem Aufsatz im„Medical Record" sollte man darauf schliefen, das; die Engländer ganz be- sonders oft mit einer Katzenfurcht behaftet sind, denn man hat für diese Eigenschaft dort sogar einen sehr wissenschaftlich klingenden Namen„Aelurophobie" vorgeschlagen. Die Katzenfurcht wird als ein seltsamer nervöser Zustand geschildert, in den manche Leute beim Anblick oder angeblich sogar bei der unbemerkt gebliebenen Gegenwart einer Katze verfallen. Dies Gefühl soll keine Beziehung zur eigentlichen Furcht haben, weil auch einige Personen, an deren Tapferkeit niemand zweifelt, diese sonderbare Eigenschaft besitzen, z. B. auch Lord Roberts, der vielgenannte Höchstkommandiercnde im Boerenkrieg. Das Gefühl ist das eines Ekels und soll verwandt sein mit der bei der weißen Rasse durchgängig vorhandenen Ab- ueigung gegen Schlangen. Bei sehr cnipfindlichcn Naturen erstreckt sich die Schlangenfurcht auch auf Geschöpfe oder sogar Gegenstände, die einer Schlange ähneln oder eine solche darstellen sollen. Diese Leute schrecken beispielsweise zusammen und fahren zurück, wenn ihnen ein großer lebender Aal vor die Füße geworfen wird. Trotz- dem sie sehr Wohl wissen, daß dieses Tier vollkommen harmlos und auch in der That keine Schlange ist, so würden sie es doch unter keinen Umständen berühren oder essen. Wer noch an der allgemeinen Verbreitung dieser Empfindungen zweifeln sollte, darf sich nur an die Anwendung des Begriffs der Schlange im Sprachgebrauch er- inncrn. Der Vergleich eines Menschen, seines Blickes, seiner Be- wcgungen mit Schlangenartigem soll immer etwas Abschreckendes oder Widerwärtiges ausdrücken. Nun kann man wohl sagen, daß die Katzen, so loeit es bei der großen Verschiedenheit der Körpergestaltung möglich ist, etwas Schlangenähnliches besitzen. Viele von uns nehmen das nicht lvahr, weil ihre Augen für die Beobachtung ihrer Umgebung überhaupt nicht genügend geschärft sind, oder weil sie nicht mit einer besonderen Empfindlichkeit behaftet sind. Wenn man jedoch eine Katze genauer betrachtet, wie sie sich schleichend bewegt, wie sie in der Sonne liegt, wie sie sich krümmt, um ihre gewöhnliche Stellung beim Schlafen zu gewinnen, wenn man überhaupt apf ihr verstohlenes Wesen und auf die Windungen ihres kleinen glatten Körpers sieht, so mutz man zugeben, daß ein Vergleich mit den Eigenschaften einer Schlange nicht weit hergeholt zu werden braucht. Ist die Katze nun außerdem noch auffällig gestreift, so giebt es Augenblicke, in denen die Aehnlichkeit noch deutlicher wird. Viele Leute mögen das nur ganz vorübergehend einmal wahrnehmen, andere aber sind sich dessen dauernd bewußt und fühlen gegen jede Katze eine unüberwindliche Abneigung, die sie sich nicht erklären können, die aber vermutlich mit der Schlangcnfurcht zusammenhängt. In Deutschland und nament- lich auf dem Lande dürfte diese seltsame Art von Nervosität keines- falls häufig zu finden sein, und in den Städten spielen die Katzen keine so hervorragende Nolle. Wenn aber auf eine persönliche Meinungsäußerung Wert gelegt wird, so bekennt sich auch der Verfasser dieser Zeilen zu einem Stück von jener Empfindlichkeit, in- dem er von Jugend auf gegen alle Katzen einen so unüberwindlichen Haß gehegt hat, der bis zum Verfolgungstricb gesteigert ist, wie eine herzliche Zuneigung zu allen anderen Haustieren, und da er sonst gar keine nervöse Veranlagung besitzt, so hält er es für wahrscheinlich, das; es vielen anderen gesunden Menschen, namentlich des männ- lichen Geschlechts, mit den Katzen ebenso ergeht.— Anthropologisches. rc. lieber d i e Bedeutung der Gesichtsweich- teilefürdieRassenanatomie sprach in der dritten Sitzung des 34. Deutschen Anthropologenkongresses Dr. F. B i r k n c r l