Anlerhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 159. Sonntag, den 16. August. 1903 (Nachdruck verboten.) 111 Die Hcbcnbachcr. Roman von Anton v. Perfall. Lorenz hatte unter diesen Umständen roenig Glück mit der Opposition. Schon sein trotziger Vorschlag, nicht aus der Osterhofener Kirche zu weichen, welcher damals auf dem Heim- weg von der Wahl allgemein angenommen wurde, zeigte sich nicht lebensfähig. Wollte man wirklich eine Beschwerdeschrift einreichen in der Sache, so hielt man es für unklug, die Behörde durch offenen Widerstand zu reizen. Der Umstand, das; bis jetzt ja nicht die Pfarrei, wie der Achenbacher gefürchtet, sondern nur der sonntägliche Gottesdienst verlegt wurde, gab den Wankelmütigen willkommene Gelegenheit, von ihrem Beschlüsse abzustehen. Den ersten Sonntag nach der Verkündigung dO Ordinariatsbeschlusses betete wirklich der Achenbacher zur Gottesdienstzeit den Rosenkranz vor einer ziemlich ansehnlichen Zuhörerschaft, doch bereits den zweiten Sonntag war sie be- denklich zusammengeschmolzen, und den dritten war er allein mit seiner Frau in der öden, kalten Kirche. Doch Lorenz liest sich nicht irre machen. Für ihn war jeder Neubau im Nachbardorfe nur ein neues Unkraut, das sich üppig erhob auf dem überhitzten Boden. Seehamm war ihm mehr wie je das Symbol des Veränderlichen. Schwankenden, das seinem Bauerngemüt verächtlich war, gegenüber dem Starren, gleichsam Ewigen seines Besitzes. Ein lärmendes Lager, das eines Tages abgebrochen wird, sein Hof eine feste Burg, trotzend dem Ansturm der Zeiten. Die sogenannten Erfolge des Nachbarn entlockten ihm nur ein mitleidiges Lächeln, sah er doch, wie sein Hof von Tag zu Tag mehr herunterkam. Ter Bauer immer auswärts in Geschäften, seine Frau immer kränklich; abgesehen davon, dast sie keine Wirtschafterin war. blieb noch der saubere Lenz, der sich von der Arbeit drückte, wo er konnte, entweder im lustigen Seehamm herumzechte oder auf geheimen Wegen ging, um seinen schlechten Finanzen etwas aufzuhelfen. Es war rein eine Schande, diese Wirtschaft, nicht zum Anschauen für den Achenbacher. Dieses verlotterte Vieh, diese lieder- liche Feldarbeit! Der Achenbacher versäumte es bei keiner Gelegenheit, auf den Verfall des Nachbarhofes Burgk aufmerksam zu machen, deren versteckte Hinweise auf die augenblicklichen Er- folge Lehners ihn am meisten kränkten. Doch erreichte er damit viel weniger, als er vermutete. Burgk glaubte den letzten und tiefsten Beweggrund der Aufopferung Urbans für das Gemeinwesen, selbst mit Hintansetzung seines eignen Vor- teiles, seines rastlosen Strebens sehr wohl zu kennen. Er hatte eS ihr ja damals deutlich genug gesagt. Zu zeigen, was in ihm steckte, ihr es zu zeigen, der Burgk, war fein einziges Bestreben. Allerdings auch ihren Neid zu wecken, ihre Reue. Aber am Ende gleichviel— sie war das treibende Element, und das schmeichelte ihr, reizte sie. Sie fühlte sich unwillkürlich als seine Mitarbeiterin, empfand seine Erfolge als ihre Erfolge, und damit Hand in Hand ging ein warmes Interesse— mehr ein Parteinehmen für alle seine Pläne. So stand sie, ohne nur im geringsten mit ihm zu verkehren, doch in geheimer Gedankenbeziehung mit ihm. Diese energische Entwicklung Seehamms unter ihren Augen, deren Schattenseiten sie nicht beurteilen konnte, zwang dem thatkräftigen Weibe Achtung ab. Das war die vorwärts stürmende Jugend gegenüber dem absterbenden Alter. Jene vertrat der Lehner, dieses der Achenbacher. Der Wirtschaft- liche Niedergang deS Nachbars erregte mehr ihr Bedauern, nichts weniger als Schadenfreude. Einst zur Zeit der Heuernte konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Es war ein längst ersehnter Sommertag nach langer Regenzeit. Alle Hände waren thätig, die verlorene Zeit herein zu bringen, das Heu zu wenden, einzuführen. Nur auf dem gemähten Anger Urbans rührte sich keine Hand, und schon drohte wieder schlechtes Wetter. Sie war nebenan mit Lorenz und dem ganzen Gesinde in regster Arbeit begriffen. Der Anblick des verlassenen Feldes ging ihr nicht aus dem Kopf.„Jeder richtigen Bäuerin must das Herz bluten," redete sie sich ein,„'s is ja grad weg'n der gut'n Sach, des da verderb'n must." Sie hätte am liebsten selbst aufgearbeitet. „Das kann ma aber do kaum mehr mitanschaun," sagte sie nach einer Arbeitspause zu Lorenz,„wia die's beste Sach z' Grund gehn lass'n." Doch der zuckte die Achseln.„Wird halt Wichtigeres z' thun hab'n, der Herr Bürgermeister, als Heu einfahr'n. Bauernarbeit, das ist ja gar kein' Arbeit mehr heutigentags.. Grad guat für den Lenz, wird er si denk'n. No, wer weist, für was's guat is! Das Fleckl verdient's, dast es in a richtige Hand käm'." Burgk verstand sehr wohl diese Anspielung, Lorenz machte in letzterer Zeit wiederholt solche, und inimer empörte sie sich in ihrem Innern über dieses förmliche Lauern auf den Ruin Urbans. Als sie spät abends Lenz betrunken heimkehren sah', paßte sie ihm heimlich den Weg ab und stellte ihn derb zur Rede über seine Nachlässigkeit. Doch er lachte unverschämt. „Ja schau, schöne Bäuerin, i bin ja grad der Lenz,'S fünfte Rad am Hof," sagte er lallend, in frecher Weise BurglS Kinn streichend, welche ihm dafür einen derben Schlag auf die Finger versetzte.„Red do mit'n Urban, red do. Grad a Wort, nacha laßt er die ganze Putzscheer da drent' fahr'n und arbeit' wia a Knecht. G'hört ja do Dein, der ganze Bürgermeister auf und nieder. Da feit Dir gar nix, schöne Bäuerin, na, gar nix." Der seit Resls Abreise völlig verkommene Mensch nickte ihr pfiffig zu, und mit Burgls Schelten war es zu Ende. Mit schwerem Herzen und brennendem Gesichte kehrte sie auf den Hof zurück. Der Sommer war für die Seehammer noch nie so ge- winnbringend gewesen. Dast die alten Stammgäste,„die grad zun; Spar'n'rauskomma sind", wegblieben, war gar kein Schaden, dafür kamen die„schönen" Lenk, die net fragen, was's kost', und wenn's auch z' teuer ist, komma's nächste Jahr andre, es giebt ja genug! Der Herbst aber sollte erst die neue Aera verkünden, die wie ein Wunder gekommen war über das Thal. Eine ganze Festwoche wurde geplant. Eröffnung der Lokalbahn und damit verbunden eine landwirtschaftliche Aus- stellung, großartiges Scheibenschießen, Gründung des neuen Verschönerungs- und Fremdenvcreins, kurz, in diesem Thal nie dagewesene, unerhörte Dinge, die schon Monate vrrher alle Hände in Bewegung setzten, einen neuen Lebensstrom durch das bisher so stille Gemeinwesen trieben. Urban lebte nur noch in diesem großen Werke. Es war erstaunlich, wie in diesem ungeschultcn, sonst wenig energischen Manne sich Kräfte und Fähigkeiten entwickelten, die ihm niemand zugetraut hätte. Es gelang ihm nicht nur, die oberste Behörde für das Unternehmen zu interessieren, sondern etwas noch viel Unglaublicheres— die Osterhosener selbst zu gewinnen. Zuerst zögerten sie mit einem fragenden Blick auf den Achenbacher. Als er ihnen aber begreiflich niachte, dast ihr Fernbleiben das Fest nicht hindere, da der Zuzug der ganzen Umgegend dasselbe schon sichere, andrerseits ihnen der Sieg über alle nicht entgehen könne, als er den einen auf dieses Prachtstück im Stalle aufmerksam machte, den? der erste Preis sicher sei, den andren, dast er gende dem ansässigen Bauernstand endlich einmal Gelegenheit bieten wolle, all dem ein- gewanderten Volke sich in seinem ganzen Glänze zu zeige??,� da trat einer nach dem andren zu ihm über. Warum kam der Achenbacher nicht daraus? Seine Schuld! Dieser Gedanke dämmerte allmählich auf in den Köpfen, ob nicht doch dieses Regiment sich überlebt habe. Besonders bei den Jungen, welche den Ktrchenstrcit wenig beachtet hatten. Dast bei Lorenz der Neid die größte Rolle spielte, war nicht zi? verkennen. Urban liest auch bei ihm nichts unversucht, seinen Hast iiberwindend, und vielleicht wäre er durchgedrungen— der Stolz des Achenbachers war der Stall, und es entging ihin nicht der.Kampf, den er in der Brust des Nachbarn heraufbeschworen— aber Burgk verdarb alles durch ihre viel M leidenschaftliche Parteinahme. Da war eS ein fiir allemal aus. Es hätte dazu gar nicht mehr der bekannren Drohung des Vaters mit dem Achenbach bedurft, welche dieser bei der Gelegenheit nicht vergaß. „Wenn Du gehn magst, geh! I wend' Dir nir ein. Aber von die Achenbacher rührt si kein Sttkkl aus'm Stall." war der letzte Spruch des Lorenz. Flori war seit einer Woche auf der dem Hof zugehörigen Farrnalm beschäftigt. Der Vater wollte ihm die Versuchung ersparen, es entgingen ihm nicht die sehnsüchtigen Blicke des jungen Menschen auf die sich vor Seehamm erhebende, im Sonnenschein so verführerisch blitzende Budcustadt. Dazu kam noch eine unvorsichtige Aeußerung Floris,„ob man's mit dem Kranzl net probier'n soll auf der Ausstellung". Die Verbannung auf die Farrnalm war die unausbleibliche Folge. Der Platz war sonst der Lieblingsaufenthalt Floris. Er war dort aufgezogen worden, nach einer alten Tradition der Familie. Die Kraft dieses llrbodens stak in seinen Sehnen und Muskeln, kreiste in seinem gesunden Vlute, und die freie Ausficht über die gewaltige Bergwelt verlieh wohl schon dem tiefblauen Kinderauge diesen großen freien Blick, der für den Bergbewohner so charakteristisch ist. Von hier stammte'ein weiches und eindrucksvolles Gemüt, das sich nimmer entwickelt hätte in dem rauhen väterlichen Hause, von hier stammten seine unbewußten Ideale. Dieser große Friede inmitten einer kraftvollen Natur, diese massigen, kühn aufstrebenden Formen neben blumigen, sanft gewellten Weiden, diese zonngen Hochgewitter, brüllenden Stürme, in Feuerblitzen drohenden, aufleuchtenden Stein- wände, jagenden Wolkenmassen nach heitersonnigeu Tagen und feierlichen Abendröten, alle diese wechselvollen Kontraste wirkten auf das junge Herz, auf die junge Phantasie. Jede Regung seines Innern stand in Wechselbeziehung zur Natur. Lachen war ihm Sonnenschein, Zorn ein Gewitter. Jede Freude beschwor in ihm das Bild der grünenden Alm mit dem sich tummelnden gefleckten Jungvieh herauf, jeder Ver- druß einen kalten, regnerischen Nebeltag. Heuer aber war das alles anders! Diese schweigsame Einsamkeit drückte auf ihn. Nichts sprach mehr mit ihm, der Fels nicht, die Weide nicht, das Vieh nicht, selbst Kranzl blickte ihn stumm und starr an. Nicht einmal seine Stimnic weckte ein Echo. Das Feuer unter dem Kupferkessel erzählte keine Geschichten mehr, und die alte Hütte mit dem sonst so heimlichen Stiibchen gähnte so leer,„als wenn's grad jemand 'nausg'trag'n hätt'n". Er gab das Singen und Rufen bald auf und das Ins- feuerblicken. Er arbeitete wie ein„Feind", um über die Zeit hinwegzukommen, sein inneres Drängen heraus aus dem engen Almkessel, wer weiß wohin, zu beschwichtigen. Des Abends aber stieg er auf die„Platte", einen West- vorragenden Felskopf, welcher weite Aussicht bot über das Land. Da atmete sich's leichter, das unbefriedigte Drängen, das er nicht zu deuten wußte, ließ nach, die Reisen sprangen, die seine Brust förmlich einengten. Da lag die ganze Welt vor ihm. Der Achenbacherhof war nur ein winziger Fleck in dieser Weite, und das ganze Besitztum, auf das der Vater so stolz war, dessen Grenzen ein Blick umfaßte, wie verlor es sich in dieser ungemessenen Weite. Der stolze Westerwald, um den ein halbes Jahr- hundert gekämpft wurde, der so viel Haß heraufbeschworen, wie drängte er sich zu einem kleinen, grünen Hügel zu- sammen, über den hinaus ein ganzes Meer wogte von Wäldern bis an den dunstumhüllten Horizont, dazwischen blitzten unzählige Dörfer und Orte, Flüsse und Seen. Welcher Reichtum, welche Mannigfaltigkeit! Und das ist noch gar nichts, was man da sieht, das geht immer fort, über Berg und Thal, zuletzt übers Meer und auf der andren Seite wieder zurück, dabei wandte er sich gegen das weste Gipfel- meer der Alpen, über all die Schneiden und Thäler; und in einem davon mußte die Nesl sein. Das war dann das Ende seiner Weltfahrt, lieber Meere und Wüsten und Gletscher flog er in wenig Minuten, ein enges Thal, ein kleines Häusl am Bach hielt ihn dann stundenlang auf, bis die Sterne heraufwandelten, die Nacht heraufschlich aus den Thälern zu Ken verglimmenden Gipfeln. lFortsetzung folgt.)f (Nachdruck verboten.) Reklame. Von AntonTschechow. In seinem Privatcomptoir sitzt auf einem hohen Schreibstuhl der Theehändlcr Jcrschalow, ein noch nicht alter, modisch, aber ein wenig nachlässig gelleidetcr Herr, dem man es ansieht, daß er„etwas hastig" lebt. Aus dem Magazin kommt ein Lehrling und meldet: „Herr Geinim ist dal" „So? Ich lasse bitten. Aber er möchte seine Gummischuhe draußen ausziehen." Eine Minute später tritt ein alter, kahlköpfiger Mann ein mit rötlich schimmerndem, abgescheuertem Paletot, einem erfrorenen Gesicht und jenem Alpdruck der Schwäche und der Ungewißheit in den Zügen, wie man ihn gewöhnlich bei Leuten findet, die, wenn auch wenig, so doch beständig trinken. „Ah, Ihr Dienerl" sagt Jerschakow, ohne sich umzuwenden� „Was giebt's Neues, Herr Geinim?" „Hier bringe ich die bestellte Arbeit." antwortete Geinim. „Alles fertig. „So schnell?" „In drei Tagen, Sachar Semenitsch, kann man, wenn'S darauf ankommt, einen ganzen Roman schreiben. Für so'ne Reklame genügt schon eine Stunde." „Nur? Aber Geld fordert Ihr immer, als wenn Ihr Wunder was für große Mühe hättet!... Na, zeigen Sie mal Ihr Mach». werk her!" Geinim zieht einige zerknitterte, mit Bleistift beschriebene Blätter aus der Tasche und nähert sich dem Schreibtisch. „Ich habe es erst im Unreinen, in groben Umrissen. sagte er. „Ich möchte es Ihnen vorlesen. Sie können mir dann ja sagen, wenn Sie einen Fehler finden. Kein Wunder, wenn man sich mal irrt. Sachar Semenitsch.. glauben Sie's? Für drei Geschäfte gleich- zeitig Reklamen schreiben— dabei würde sich selbst ein Shakespeare irren!" Geinim setzte seine Brille auf. legt die Stirn in Falten und be- ginnt mit trauriger Stimme, halb deklamierend, zu lesen: „Saison 1902/1903. S. C. Jerschakow, Lieferant chinesischer Theesorten fiir alle Städte des europäischen und asiatischen Rußlands, sowie des Auslandes. Die Firma bestcht seit 1804." „Diese Einleitung, verstehen Sie, kommt im Cirkular zwischen Verzierungen und Wappen zu stehen.. Ich habe mal für einen Kauf- mann'ne Reklame gemacht, und der nahm dazu einfach die Wappen verschiedener Städte. Das können Sie ja auch machen, und zwar habe ich mir für Sie folgende Verzierungen ausgedacht: ein Löwe, der eine Lyra zwischen den Zähnen hält... Jetzt weiter: Zwei Worte an unsre Käufer. Werte Herren! Weder ein politisches Ereignis der letzten Jahre noch der kalte Jndifferen- tismus, welcher alle Schichten unsrer Gesellschaft mehr und mehr durchdringt, noch das Austrocknen der Wolga, auf welches erst kürzlich der bessere Teil unsrer Presse hingewiesen hat— nichts vermag unsre Stellung zu erschüttern. Das langjährige Bestehen unsrer Firma und die Sympathien, welche zu erringen uns ge- lungen ist, versetzen uns in die Lage, auf unsrem Posten aus- zuharren, unentwegt festzuhalten sowohl an unsren Verbindungen mit den Besitzern von Theeplantagcn als auch an der sorg- faltigsten, promptesten Effektuierung der uns erteilten Aufträge. Man kennt unsren Wahlspruch: Gewissenhast, billig, schnell!" „Gut! Sehr gut!" unterbricht ihn Jerschakow und rutscht auf seinem Stuhl hin und her.„Ich hätte gar nicht gedacht, daß Sie so was fertig bekommen können! Sehr geschickt gemacht! Nur, Ver- ehrtester.. hier muß man ein bischen schattieren, so in mystisches Dunkel hüllen, so.. verstehen Sic? Irgend einen Hokuspokus machen.. Wir wollen mal hier schreiben:„Die Firma hat soeben einen größeren Posten Frühjahrsthee, Saison 1903, la Auslese, er- halten..." Ja? find gleich hinterher sagen wir, daß dieser eben eingetroffene Posten schon drei Jahre in unsrem Speicher lagert, aber nichtsdestoweniger noch so frisch ist, als ob er erst vorige Woche aus China eingetroffen wäre." „Ich verstehe... Das Publikum wird den Widerspruch nicht bemerken. In der Einleitung schreiben wir, der Thee ist eben erst eingetroffen, und zum Schluß sagen wir folgendermaßen:„Da wir einen großen Vorrat Thee noch zu den früheren Zollsätzen liegen haben, so sind wir in der angenehmen Lage, ohne Schaden für unsre eignen Interessen zum alten Preise zu verkaufen..." usw. Na, und dann auf der andren Seite kommt der Preiscourant. Zunächst wieder Wappen und Zierleisten... Darunter mit dickem Druck:„Preis- courant auserlesener, aromatischer Futschau-, Kjachta- und schwarzer Theesorten, l. Frühjahrslese, bezogen aus den neucrworbenen Plan- tagen..." Darunter:„Wir möchten die Aufmerksamkeit von Fein- schmeckern ganz besonders auf die schwarzen Theesorten lenken, von denen sich besondrer Beliebtheit erfreut:„Das chinesische Emblem" oder„Der Neid der Konkurrenz"— 3,50 Rubel. Von Rosenblüten- theesorten empfehlen wir namentlich die„Bogdichanskirose"— 2 Rubel, und„Das Auge der Chinesin"— 1,80 Rubel"... Zum Schluß heißt es dann vom Rabatt und vom Abzug:„Der größte Teil unsrer Konkurrenten wirft zur Anlockung von Kunden seinen ASder w Gestalt von Abzügen anS. Wir protestieren auf da» aller- energischste gegen solch ein unlauteres Verfahren. Wir gewähren unsrer Kundschaft keinerlei Abzüge. Tagegen erhält jeder, der bei uns für SO Rubel oder mehr kauft, eine der folgenden fünf Sachen nach freier Wahl: eine Theckanne ans Britanniametall, 100 Visiten- karten, einen Plan von Moskau, eine Thcebüchse mir einer nackten Chinesin darauf, das Buch„Der erstaunte Bräutigam oder die Braut im Kleiderschrank", Erzählung von Jgriw Weselschak." Nach diesem Vortrag und den entsprechenden Korrekturen schreibt Gcinim die Reklame schnell ins Reine und giebt sie Jerschakow. Dann tritt Schweigen ein. Beide fühlen sich unbehaglich, als wenn fie etwas Schlechtes gethan hätten. „Wollen Sie das Honorar gleich oder später bezahlen?" fragt .Gcinim. „Wie Sie wollen. Meinetwegen gleich." erwidert Jerschakow nachlässig.„Gehen Sie ins Magazin und nehmen Sie, was Ihnen gefällt, im Wert von ö*/» Rubel." „Ich möchte lieber um Geld bitten, Sachar Semenitsch." „Ich pflege nicht mit Geld zu bezahlen. Ich bezahle stets mit Thee oder Zucker: Sie, den Hausknecht usw. Man bekämpft auf diese Weise die Trunksucht..." „Sachar Semenitsch, wie können Sie meine Arbeit mit der eines Hausknechts vergleichen? Das hier ist doch geistige Arbeit?!" „Auch'ne Arbeit! Seht sich hin, schreibt— und fertig! Kleinigkeit! Keinen Rubel wert!" „Wie Sie über geistige Arbeit urteilen!" sagt Geinim beleidigt. „Sie verstehen nicht, das; ich vielleicht beim Verfassen dieser Reklame seelisch litt. Man schreibt und fiihlt, daß man ganz Rußland betrügt. Geben Sie mir lieber Geld, Sachar Semenitsch!" „Nu Hab' ich's aber satt! Seien Sie doch nicht so aufdringlich!" „Na. meinetwegen! Dann nehme ich also Zucker. Ihre Kommis werden ihn mir für 8 Kopeken das Pfund schon wieder abkaufen. Ich verliere auf die Weise zwar 40 Kopeken— aber was ist dabei zu machen? Adieu!" Geinim nähert sich der Thür, bleibt aber noch einmal stehen und sagt mit einem schweren Seufzer: „Ich betrüge Rußland! Ganz Rußland! Ich betrüge das Vaterland des lieben Brots wegen! Schrecklich!"— Kleines feirilleton. oo. Ein Wiedersehe».„Herrjeses, is denn das nicht de Wendelern?" Die laute Stimme klang durch den ganzen Omnibus. Mit vollen Segeln wie eine aufgetakelte Fregatte rauschte die große Dicke durch den schmale» Mittelgang, geradenwegs auf die kleine Frau zu, die zusammengekauert in der hintersten Ecke saß:„Nu. ich seh' mir doch immer det Jesichte an und denke, die kennste. nee, aber die Wendelern! Lange nich jesehn." Mit einem gönnerhaften Lächeln nickte sie der Kleinen zu. Die schreckte aus ihrer Versunkenheit auf, und über ihr mageres Gesicht flog es wie ein Blitz des ErkcnnenS:„Ach je, Frau Wolfen." Die große Dicke nahm Platz. Mit protziger Um- ftändlichkeit breitete fle das kornblumenblaue weißbedruckte Satin« kleid um sich her, zupfte an dem vollgestopften Pompadour und wirtschaftete soviel mit den in weißseidenen Halbhandschuhen steckenden Fetthänden, daß alle Brillanten an ihren dicken Fingern in der Sonne funkelten. „Nee, aber die Wendelern!" Sie wiederholte es noch einmal: „Wie ick mir freue, det ick Ihnen mal wieder sehe. Na, Se wissen ja, ick Hab' immer so'n Anteil an Ihnen genommen— Hab' Ihne» doch manchet Ende Wurscht geschenkt, wem: Ihr Oller alles ver- drunke» hatte.— Wissen Se, Sie seh'n aber mächtig'runter- gekommen aus ins Gesichte. Sie war'n woll wieder krank?" Durch die schmächtige Gestalt der Kleinen ging ein Zucken, sie errötete unter den forschenden Blicken, die sich von allen Seiten auf sie richteten. Erst nach einer Weile konnte sie antivorten:„Nur'ne Erkältung, Frau Wolf,'s war nich so schlimm,'s nimmt mir bloß allens jleich immer so mit, weil ich keine Kräfte nich habe seit de Operation damals, und demi der olle Husten"— er kam ihr auch jetzt und schnitt ihr die Rede ab. Die Dicke nickte bedächtig:„Det is aber auch'n böser Husten. Hör'n Se mal, kriejen Se man nich de Schwindsucht. Sie husten janz so, als hätten Se se schon— ach, die wer'n Se auch schon noch kriejen, die kriecht man gewöhnlich nach sone Operation." „Na so schlimm wird's woll»ich wer'n." Die Kleine wollte mit einem Lächeln abwehren, es war ihr aber doch wohl nicht nach Lächeln zu Mut. Ihre spitzen Finger trommelten nervös gegen den Essenkorb, den sie auf dem Schoß hielt. Sie sagte:„Das is über- Haupt nu heil, Frau Wolfen, das mit die Krankheit meine ich, wo ich nach die Klinik mußte, und vorchtes Jahr haben wir'n kleenen Jungen jehabt. Se sollten bloß mal sehen, was das für'n dicker Bengel is!"— Ihr schmales Gesicht strahlte vor Glück und Mutterftolz. Die Wolfen schlug die Hände zusammen und schrie auf: ,'n kleenen Jungen? Nu seh' bloß Eener! Sie hatten woll an Ihre drei Jähren noch nicht jenug. Se wußten ja kaum, wieSe die großfuttern sollten!— Na wir haben's Jeschäst nu uffjejeben. wir leben als feine Leute." Es war ihr offenbar Bedürfnis, auch einmal von sich zu erzählen. Sie blähte sich wie ein Pfauhahn:„Sieben Zimmer haben wa in de Jneisenaustraße, da is't teuer und'ne Stütze halt' ick mir ooch." Die„Stütze" war ihr offenbar das höchste und imponierendste. Dann sprang st« rasch zum alten Thema zurück: „Nee, wie ick mir wirklich fteue, dett ick Ihnen wiedersehe nach drei Jahre. Ick hatt' Ihnen immer so jern gehabt. Wendelern. Säuft denn Ihr Oller noch so ville wie damals? Dett is nämlich jar nich zu sagen, wat der Kerl die Frau mit sein Sauftn znjesetzt hat!" Der Zusatz wurde mcht mehr bloS zu der Kleinen, sondern zum übrigen Publikum gesprochen. Ein verhaltenes Kichern lief durch den ganzen Wagen. Die Kleine fuhr jedoch auf und jetzt glühte ihr ganzes Gesicht:„DaS is ja aber gar- nich wahr, Frau Wolfen, wie können Se denn det sagen? Un det war blos in die Zeit, wo ick krank war und in de Klinik lag, und wenn'n Mann keene Frau nich hat und se is krank, dann jewöhnt er sich bald so wat an und jeht in de Kneipen, weil zu Hause keene Ordnung nich is. Mein Mann iS n sehr guter Mann und arbeit' sehr fleißig, det war blos damals, wo ick aus't Krankenhaus kam, det er sich nich so gleich wieder zurechte fand und noch nianchmal 'n kleenen Spitz hatte— den haben andre auch schon gehabt." Das Letzte klang etwas anzüglich, die Dicke schien es aber nicht zu ver- stehen. Sie schrie vor Lachen:„Nee, nu verteidigt se'n noch, wat Sie vor ne jute Frau sind! Mit de Mamsell aus de Destille is er jeloofen und hat's Jeld verbracht, wie Sie in de Charits lagen. Ree, Wendelern, wat haben Sie mir immer leid gethan!"— Sie schlug einen sentimentalen Ton an—„und wenn denn Ihre Kleene kam und wollte vor'n Sechser Schmalz und den noch uff Pump. damit Se wat hatten zu de Salzkartoffeln,«nd wie ihre Kinder rnmjelofen find, keene Schuhe und Strümp?, und der Kerl fitzt der- weile bei det Frauenzimmer und—" „Und wenn er das jethan hat, denn war's in meine Krankheit, und nachher noch eh' er sich wieder jewöhnt hat, und mein Mann is'n sehr jnter Mann und sorgt sehr jut für seine Frau und de Kinder, dett Hab' ich Ihnen schon einmal jesagt." Die Kleine sprach in einem Ton' der die Dicke doch aufmerken ließ. Sie sagte sehr erstaunt:„Na wat is denn?" und als keine Antwort kam nach einer Pause:„denn arbeet er wohl wieder?" „Jewiß arbeit er, der hat immer gearbeitet— zwanzig Mark hat er de Woche und is noch Portier dazu— der is n sehr guter Mann, wenn man andern ihre so gut sind I" „Na, Wendelern, wat meinen«e denn damit?" Die Dicke warf den Kops zurück, und sah die Kleine herausfordernd an, fie bekam aber keine Antwort. Die Kleine wirbelte ihren Fahrschein und blickte gar nicht auf, ihre Lippen zitterten jedoch. „Ick inuß Ihnen immer wieder ansehen", sagte die Dicke endlich:„Nee, Wendelern, wat Sie in die drei Jahre alt ge- worden find!" „Na, Sie wer'n ja Ivoll auch nich jünger geworden sein." Der Kleinen war offenbar die Geduld gerissen. Mit funkelnden Augen fuhr sie auf:„Bei Ihnen sieht nran auch schon de jrauen Haare an de Stirn, und wenn mein Mann mal'n Schwips jehabt hat, denn haben se Ihren jedesmal de Treppen rauftragen müssen, wenn er aus'm Kriejerverein jekommen is. und in de Hasenheide hat er auch jesessen und hat poussiert mit de Harfenmädchen. So wat kann ich auch sagen, Frau Wolfen. Adje, Frau Wolfen!" Mit einem Aufatmen. als hätte sie sich etwas vom Herzen gesprochen,»ahm fie ihren Korb und stieg aus. Stille im Wagen, dann ein Lachen, eine Stimme rief:„Das war recht!"„Na, det Sie man nich recht haben!" Die Dicke fuhr aus ihrer Versteinerung auf:„Wat— wat soll den» det heißen?" Sie machte eine Bewegung als wollte sie der Kleinen nach.„Ihnen wer' ick verklagen I Sie kommen vorn Staatsanwalt... Sic... Sie... I Aber det hat man davon,"— sie nahm urplötzlick wieder einen seittimcntalen Ton an und sah von einem der Fahrgäste zum andern:„det hat man davon, wenn feine Leute ihr weichmütigeS Herz an so'n ollet Pöbel verschenken."— — Die Erdnuß. Einem Artikel von Ed. Payen im„Economiste Franeais" entnimmt die Zeitschrift„Der Tropcnpflanzcr" u. a. folgendes: Die Erdnuß findet seit einem halben Jahrhundert eine so ausgedehnte Verwendung, daß ihre Kultur in manchen Ländern eine außerordentliche Entwicklung erreicht hat und sie dort das wichtigste Element im ökonomischen Leben des Landes bildet. Dies trifft besonders für die französische Besitzung Senegal zu, welche heute mit Indien und den Vereinigten Staaten die Versorgung der Welt mit diesem Produkt teilt. Die Erdnutz bildet nicht allein den Gegenstand eines sehr lebhaften Handels, sondern ihr verdankt auch eine ausgedehnte Industrie ihre Entstehung, deren bedeutendste Centren Bordeaux und Marseille sind. Die Erdnuß ist eine einjährige Krautpflanze, die auch im Süden Europas, in Spanien und Italien, und im Norden Afrikas(Algerien und Egypten) gedeiht. Sie ist aber in der Hauptsache eine Pflanze .der tropischen Gegenden, weil die Spät- und Frühfröste ihr sehr schädlich sind. Die Temperatur muß zur Zeit der Aussaat wenigstens 13 Grad Celsius sein. In Senegal wird die Erdnuß im Juli gesät und vom November bis Februar geerntet. Die Erträge aus guten Böden, die von Schwarzen kultiviert werden, sind durchschnittlich 1500 bis 1300 Kilogramm per Hektar. Gegenwärtig sind es über 20 000 Hektar, die ähnliche Erträge liefern. Tie Erdnuß gelangt vom Senegal nach Bordeaux und Marseille, wo sich fast alle großen Häuser, die den Erdnußhandcl betreiben, befinden. Hier wird die Erdnutz verarbeitet. In Deutschland ist es Mannheim und in Holland Rotterdam, wo man die Erdnuß der technischen Verarbeitung unterzieht. Bevor die Erdnutz in Ocl und Oelluchen verwandelt wird, muß zuerst der Samen gereinigt, ge-, schält, gewürfelt werden, um die Hülsen vom Samen zu trennen. Nachher wird zum ersten Mal kalt gepreßt. Man erhält das extra- feine Oel. Der gewonnene Kuchen wird von neuem zermahlen und die Masse zum zweiten Mal kalt gepreßt. Der jetzt verbleibende Kuchen wird noch einmal zermahlen, von den dem Teig anhaftenden, von den Pretzsäcken herrührenden Pflanzenfasern durch Sieben befreit und nun zum dritten Mal schon warm gepreßt. Der Oelrcichtum der Erdnuß wechselt je nach der Herkunft und der Qualität der Ernte; er steigt und fällt mit der Wärme und Feuchtigkeit des Bodens. Günstige Bedingungen finden sich am allerhäufigsten in Senegal zu- sammen. Daher enthält auch die Sencgaler Erdnuß, nicht enthülst, 32 Proz. Oel, wovon 21 Proz. erste Presse, 6 Proz. zweite und 5 Proz. dritte Presse sind. Die hellsten Oele kommen von La Plata, Congo und Mozambique, ihnen folgen die Oele von Spanien und Rufisque(Senegal). Die ostafrikanischen Erdnüsse, alsdann die von Gambicn bis Sierra Leone. ebenso die von Indien geben'ein dunkleres Oel. Das Erdnußöl ent- hält mehr Margarin als das Olivenöl; es besitzt die gleiche Lcucht- kraft. Das Erdnußöl von der ersten Presse wird dem Olivenöl in einer Proportion von 50 bis 75 Proz. beigemengt. Das Erdnußöl wird vielfach bei der Margarinefabrikation verwendet. Die Margarine enthält 20— 30 Proz. senegalisches Erdnußöl. Dasselbe, und zwar aus dritter Pressung, findet große Verwendung in der Seifen- fabrikation, da es leicht verseift. Allein kann es aber dazu nicht ge- braucht werden, da die Seife zu weich wäre. Es wird ihm Olivenöl beigemengt, um die weißen und Marmor-Seifen zu erhalten. Der Erdnußkuchen, der 40— 50 Proz. stickstoffhaltige Nährstoffe, 5 bis 10 Prozent Aschen und 32 bis 33 Proz. stickstofffreie Extraktstoffe ent- hält, bildet ein gutes Kraftfuttermittel. Es wird ihm allerdings eine gewisse Fadigkeit nachgesagt; dem wird durch Salzgaben abgeholfen. In größerem Umfange wird aber der Kuchen als Dünger verwendet, und zwar für Wiesen, Weinberge. 1901 verkaufte Marseille für 8 380 000 Frank Oelkuchen. Die Abnehmer sind England, Rußland und in erster Linie Deutschland. Die Erdnuß wird in Europa, besonders in Spanien, zur Ver- fälschung von Chokolade verwendet. Zu diesem Zwecke werden etwa 20 Proz. Oel ausgepreßt und die Masse alsdann dem Kakaotcig beigemischt. In den Vereinigten Staaten werden Bonbons, Kuchen daraus gemacht. Die Hülse kann schließlich an Stelle von Heu dem Vieh verfüttert werden, als Streu dienen oder als Brennmaterial Verwendung finden.— Völkerkunde. '— D i e Frage nach der Herkunft des Feuers muß naturgemäß sich jedem Volke aufdrängen; daher auch die vielen Sagen über des Feuers Ursprung, zu denen jetzt der englische Missionar H. C o l e eine neue, jene der Wagogo in Deutsch- O st a f r i k a hinzugefügt. Auch hier wird das Feuer vom Himmel geholt; sonst aber zeigt die Sage viele eigentümliche Züge. Der wesentliche Inhalt ist der folgende: Ursprünglich gab es kein Feuer auf der Erde, darum stieg ein Mann in den Himmel, es dort zu suchen. Im ersten Himmel traf er nur halbseitige Menschen, über die er lachte; im zweiten Himmel gingen die Menschen auf dem Llopfe, und da lachte er wieder über sie. Immer noch fand er kein Feuer, und so stieg er in den dritten Himmel, wo die Menschen auf den Knien rutschten, und auch diese belachte er. Feuer aber, so berichteten ihm diese, würde er in Mulungus(Gottes) Hause finden, das im vierten Himmel liege. Zu Mulungu gelangt trug er diesem feine Bitte nach Feuer vor und erhielt die Zusage, morgen solle er das Feuer finden können. Am nächsten Tage führte ihn der Gott in ein Gemach, in welchem eine Anzahl schöner bedeckter Gefäße standen; abseits aber standen zwei unscheinbare gleichfalls bedeckte Töpfe. Unter all diesen Gefäßen sollte der Suchende wählen, und er n'hm eins der schönen, in dem er aber nur Asche und Kohlen, aber k,iu Feuer fand.„Warum hast Du auf dem Wege hierher." sprach unn Mulungu,„über meine Kinder gelacht? Giebt es in Deinem Lande nichts Lächerliches? Geh nach Hausei" Ein zweiter und ein dritter Mann stiegen dann fcuersuchend in den Himmel und machten die gleichen Erfahrungen. Da schickte man ein Weib ab, die es schlauer ansing und bei der Begegnung mit den verunstalteten Ge- schöpfen diese lobte, sie besang und vor ihnen tanzte. Bei Mulungu angelangt, zeigte auch dieser dem Weibe die Gefäße; die schönen sind zu gut für mich, sagte die Schlaue, und wählte einen häßlichen Topf, in dem sie das längst gesuchte Feuer fand. Mit diesem eilte sie auf die Erde hinab, wo nun große Freude war. Jedermann entnahm dem Topfe Feuer und sagte, die Weiber sind doch schlauer als die Männer.—(„Globus".) Aus dem TierlcfcM. — Gin interessanter Eichelhäher. Hugo Otto schreibt in der illustrierten Wochenschrift„North us"(Verlag von Chr. Adolfs, Altona-Ottensen): Krüppel in der freien Tierwelt der Natur sind wohl äußerst seltene Erscheinungen, trotzdem kommen sie vor. Mißgeburten bei Hasen beispielsweise sind gar keine so seltenen Thatsachen. So wurde noch im vorigen Jahre ein Junghasc mit acht Läufen gefunden. Meistens gehen solche Geschöpfe aus naheliegenden Gründen bald ein, wenn sie nicht schon als Totgeburten zur Welt kommen. Am seltesten sind wohl Mißgestalten in der Vogelwelt. Um so mehr sehe ich mich daher veranlaßt, einen solchen interessanten Fall aus der Vogelwelt, den ich persönlich kennen lernte, hier einem größeren Leserkreise mitzuteilen. Bei uns Förster- jungen hörte in früher Jugend die Welt hinter unserm Walde auf. Bis zu unfern sauern Lern- und Lehrjahren sind wir echte Wald« menschen gewesen. Oft hat uns nur der Hunger nach Hause getrieben. Die schönen Frühlings- und Sommertage wurden ohne Zlusnahme fast ganz im Grünen zugebracht. Bei unsren Streifzügen vermieden wir möglichst die Wege. Je dichter der Busch, desto größer unsre Lust. Wir kannten fast jedes Vogelnest in der nähern und weitern Umgebung des Forsthauses und wußten fast genau die Orte anzu- geben, wo einzelne Vogclarten besonders gern nisteten. So suchten wir auch eines Tages eine etwa dreißigjährige Kieferndickung nach Tauben- und Hähernestern ab, und von letzteren fanden wir auch zwei Stück. In einem der Neste lagen vier, im andern fünf fast flügge Jungen. Unter den Insassen des letzteren befand sich ein merkwürdiger Kerl. Obwohl er sich körperlich ebenso gut wie die andern Häher im Neste entwickelt hatte, so besaß er doch zu unserm Erstaunen, damals„Ergötzen", nur ein Auge. Vom andern Auge fehlte jede Spur. Auch war keine Stelle sichtbar, wo es gesessen haben konnte. Nur war die Partie des Kopfes, die das eine Auge trug, merkwürdig gut entwickelt, die andre aber arg zurückgeblieben. Dieses einseitige Wachstum hatte dann die ursprüngliche Lage des einen Auges so verändert, daß es jetzt höher gerückt lag und mehr schräg nach oben als seitwärts sehen konnte. Ucberhaupt waren die ganzen Knochenverhältnisse des Kopfes sehr verschoben. Die Schnabel- ränder paßten nicht aufeinander. Die Schnabelspitzen deckten sich nicht. Der Unterschnabel bildete mit dem Oberschnabel bei ge- schlossener Lage zwei Spitzen, so daß ein deutlich sichtbarer Winkel vorhanden war. Damals habe ich beide Nester voll Junge mit zum Forsthaus genommen und sie in eine große Kiste, die vorn durch Drahtgeflecht abgeschlossen war, eingesetzt und die Jungen groß- gefüttert. Da saß nun auch mein einäugiger Eichelhäher, mein „Ziska", wie ich ihn wegen seiner Einäugigkeit nannte, mehrere Monate und war so munter und beweglich wie alle seine Kameraden. Leider habe ich ihn später mit all den andern Markolfs, wie hier z» Lande die Häher heißen, einem Vogelliebhaber verkauft, der an dem bunten Federspiel der Tiere, ihrer Beweglichkeit und ihrem Nachahmungsvermögen einen ganz besonderen Gefallen gefunden hatte. Mein„Ziska" ist mir damals aus den Augen gekommen, und ich habe nie etwas über sein späteres Schicksal in Erfahrung bringen können. Heutigen Tages, wo neben dem Natursinn und der Freude an allen Erdcngcschöpfen auch der wissenschaftliche Forschungs- geist in dem damaligen Försterjungen erwacht ist, würde ihm wohl ein solch merkwürdiger Vogel für vieles Geld nicht feil sein.— Humoristisches. — Scharfblick. Weiber st im me(in die Wirtsstube hereinrufend):„Ob D' herkommst. Tropf, elendiger I" Ein Gast:„Sie, Herr Wirt, wem ruft denn Ihre Frau Nach- barin da?" D e r W i r t:„I' wcrd' amal zum Fenster'nausschau'n. Wenn nix kommt— war ihr D a ck l g'meint, und wenn wer kommt— i h r M a n n!"— — Ein sparsamer Gelehrter.„Der Arzt rät mir, täglich vor dem Schlafengehen einen halben Apfel zu essen. Was macke ich nun mit der andern Hülste? Bis zum nächsten Tag wird sie schlecht.... Das einfachste dürfte sein: ich heirate I"— — Genau. Lehrling:„Entschuldigen Sie, Herr Prinzipal, ich muß eine Stunde fortgehen und mir den Weisheitszahn ziehen lassen— ich Hab' so viel Schmerzen!" Prinzipal:„Was Ihnen nicht einfällt! Ich Hab' Sie mit dem Weisheitszahn engagiert— und der bleibt drinnen!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Die erste Aufführung von Gerhart Hauptmanns „Webern" in Oe st reich findet am 30. August in Pardubitz statt, und zwar in czechi scher Sprache.— —„Die Eumeniden", eine Oper von F i l i p p o Guglielmi(Text von Salvatori), werden im Theater des Westens ihre Uraufführung erleben.— — Arthur Kampfs schönes Gemälde„Zwei Schwestern" ist in den Besitz der R a v e n ö s ch e n Gemäldegalerie über- gegangen. Das Bild sollte ursprünglich für die N a t i o n a l- galerie angekauft iverden. Der Köster wollte aber nicht.—_ — Gegen die Münchener„Jugend" haben magyarische Chauvinisten wegen eines Bildes, das vermeintlich ihr Land verspottet, eine Agitation eingeleitet, um das Blatt überall aus Ungarn zu verdrängen. Die Ungarische Export- und P a k e t- A k t i e n g e s e l l s ch a f t, die im ganzen Bereich der ungarischen Staatsbahnen mit dem Zeitungsvertrieb betraut ist, hat bereits der„Jugend" die Verbreitung in Ungarn aufgekündigt.— — Die ägyptische Abteilung des Berliner Museums hat wieder eins der Brettchen mit Darstellungen aus dem täglichen Leben erworben, die man im alten Aegypten vielfach den Toten ins Grab mitgab. Es stellt die verschiedenen Thättg- leiten beim Ziegelstreichen in sieben Figuren dar.— — Knochenreste diluvialer Menschen, u. a. ein fast vollkommen erhaltener Schädel, wurden neuerdings in dem kroatischen Orte Krapina ausgegraben.— Verantwortl. Nedakteur: Carl Leid in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.