Hlnterhaltungsblatt des Horwürls Nr. 168. Freitag, den 28. August. 1903 (Nachdruck verboten.) 20� Die)ZcKenbacber. Roman von Anton v. Perfall. Flori folgte gespannt dem erhabenen Schauspiel. Jetzt umbrandete sie schon die Kapelle— noch ein zarter feuriger Rand— dann erlischt auch der— doch nicht ganz— ein feuriger Punkt trotzt der Nacht— oder ist's ein Stern? Nein, in unendlicher Klarheit steht das Firmament über der jetzt schwarzen Wand. Er sendete einen zuckenden Strahlen- kegel in Floris festgebanntes Auge— Resls brennende Kerze! Er glaubte das zuckende Flänimchen zu erkennen, und mitten hinein in den Strahlenkegel beugte sich das mild lächelnde Antlitz der Gnadenmntter. Und als das Sternenheer heraufzog über die schwarzen Schneiden, in erhabener Gröhe, da flammte noch immer der kleine rote Stern in der Ferleskunt. V. Im Lehnerhof hatte sich ein böses Gespenst eingenistet— die Geldnot! An die Stelle des einzig möglichen Abwehr- Nüttels, einer streng geregelten Wirtschaft bei äujzerster Spar- samkeit, traten zweifelhafte finanzielle Operationen, ent- nervendes Wenden und Drehen zwischen scheinbaren Deckungen und sicheren neuen Schulden. Der Ratgeber und Vermittler ivar Lenz. Je schlechter die Verhältnisse wurden, desto größeren Einfluß gewann er auf Urban, welcher sich ganz unverdient im Unglück sah und infolgedessen nach alter Art der ganzen Menschheit grollte. Die verworfene Schlauheit des Menschen, seine wohl- feilen Grundsätze schmeichelten jetzt dem Ohr des Bürger- meislers. Dabei verfehlte Lenz nie, auf den Nachbarn hin- zuweisen, der in seinem eignen Fett schwamm, während er sich für die ganze Gemeinde aufopferte, auf den Westerwald, aus welchem Lorenz den Winter über einen ganzen Lager- platz voll kostbareil Holzes heninterbrachte. „Ja, die Achenbachcr, die verstchn's! Alleweil ehrlich und fürnehm, und dabei stehlcn's em'm's Weisse aus den Augen'raus. Und wia sie's einz'teil'n wissen. Der Groß- Vater stiehlt den Westerwald Dein' Vater vor der Nas'n weg, der Lorenz Dir die Burgl, jetzt kommt der Flori dran, und der hat a schon sein' Raub in den Krallen, Dein einzigs Kiild, d' Resl!" Das wirkte, das entzündete eine gefährliche Flamme in Urbans Brust. „Der Westerwald, der is verlor'n, das geb' i Dir zua," erwiderte er darauf.„Die Burgl—" da zögerte er schon und ein innerer Kampf zeichnete sich auf seiner gefalteten Stirn,„no, die Burgl— is a verlor'n für mi—" „Wer sagt Dir denn das?" flüsterte dann der Lenz. >,Weg'n zwei offne Aug'n? Die können in an Tag zua sein!" „A was, dumm's G'schwätz!" Urban wich dann deni zusammengekniffenen lauernden Blick des Bruders aus. „So a Mann, wia der Lorenz! Verlor'n is— fort damit! Aber der Flori, der soll ma nur kemma! Eher d'erschlag' i die Dirn! Da geb' i Dir mein Wort drauf." Lenz zuckte höhnisch lachend mit den Achseln.„A G'red, weiter nix! Du bist keiner vom Dreinschlag'n! Ja, wenn's mir so ganga wär'! Z'erst der Wald, nacha mein Schatz! I stand' für nir, für gar nir." „Da häst was davon g'habt!'s Zuchthaus halt," meinte Urban. „Wenn i's so dumm anpackt Hütt', freili!" „Wia häst es denn nacha anpackt?" fragte Urban. „Sio, man Hütt' halt eines Tags ein' g'fund'n drauß'n im Wald, auf'n Berg." „Erschoss'n?" „Warum denn grab erschoss'n? Giebt ja allerhand Un- glück im Berg, d'rfall'n, d'rschlag'n wer'n von ail Stein, d'rtrink'nl Allerhand halt, wia's grad auftrifft." Urban lachte dann über die müßigen Gedanken, mit denen es ihm selber nicht ernst war. Ein Wechsel war fällig im Betrag von vierhundert Mark, die Exekution drohte. „Nimm's aus der Gemeindekassa! Weg'n den paar Woch'n," riet Lenz. Er hatte ja am Ende recht, was lag denn daran? In einem Monat konnte Urban Kälber verkaufen, und dann er- setzte er die Summe wieder. „Jeder thut's im gleichen Fall," zischelte Lenz weiter, „man wird sie do net den G'richtsvollzieher über'n Hals kemma lass'n." So entnahm Urban der Kasse die Summe. Als aber ein Monat vorüber war, verkaufte er die Kälber nicht. Zwei waren zu Grunde gegangen, die übrigen, später gefallen, als er erwartet, noch zu geringwertig. Aber das Geld mußte in die Kasse zurück, jeden Tag konnte Revision verlangt »Verden, abgesehen davon, daß große gemeindliche Ausgaben bevorstanden. „Was jetzt, Lenz?" Doch der war nicht verlegen.„Nacha nimmt ma's halt z'leihn." „Bei an guat Freund wahrscheinli? Weil i so viel Hab'!" erwiderte ganz verzweifelt Urban. „Aber a guate Freundin hast, die Du nur anz'reden brauchst— die Burgl!" flüsterte Lenz ihm ein. Urban wies ihn derb ab.„Eher laß i mei' Zung 'rausschneid'n, als daß i die drum anred'." „B'halt halt Dei' Zung, laß mir's Anred'n. A net?" Urban schlug es rundweg ab. „Was nacha?" meinte Lenz.„Willst ins Zuchthaus kemma weg'n Unterschlagung?" Urban blieb bei seiner Weigerung. Zwei Tage versuchte er alles Erdenkliche. Nicht einmal eine Kuh war anzubringen um billigen Preis, und ain Sonnabend war Gemeinderats- sitzung betreffs Wegbrniten. Lenz umschlich ihn, immerfort die stumme Frage auf den Lippen. Es war der Tag, an welchem Res! die Wallfahrt nach der Ferleskunt antrat. Lenz war mißtrauisch, er fürchtete die Nachbarschaft der Farrnalm. Auch wallfahrtete man nicht zu dieser Zeit zur Ferleskunt. Seine spitzigen Bemerkungen wies das Mädchen auf eine Weise zurück, welche ihn in seinem Verdachte nur bestärkte. So war seine Eifersucht auf Flori von neuem rege, und in dieser Stinimung schien ihm eine Annäherung Urbans an Burgl in einer sonderbaren Jdeenverbindung doppelt er- wünscht. Er beobachtete mit Wohlbehagen die Verzweiflung Urbans. Den anderil Tag'war Samstag, der Tag der Gemeinde- ratösitzung. Urban aß keinen Bissen beim Abendbrot. Er wartete sichtlich, daß Lenz die Sprache auf die Angelegenheit bringe. Doch dieser that nichts dergleichen. Endlich brach Urban los.„Du thuast, als ob's Di gar net anging, die ganze Sach." „Was für a Sach?" fragte Lenz pfiffig. „No, mit die vierhundert Mark—" „Ja, hast Du'S denn no net? llnd morgen is Samstag? No, vielleicht geht's Dir'naus. Werd'n net glei Kassasturz halt'n," meinte Lenz. „Aber wann's'n do halt'n?" „Dann bist der Lackierte, des is g'wiß." „IS des all's, was Du mir z'sag'n hast?" „Wannst net hörst auf mi." Urban wand sich förmlich auf der Bank, der Schweiß stand ihm auf der Stirn. „Wär' ja do scho z'spät." „No net! Der Achenbacher is nach M... g'fahr'n, vor Nachtwerd'n kommt er net hoam und die Burgl is allei. Soll i? Aber glei muaß sein." Er war schon auf dem Sprung.„Soll i? In fünf Minuten hast' die vierhundert Markt. Sie schlagt mir's net ab." „Da kennst den Achenbacher schlecht, daß der sein Weib zum Geld laßt, erwiderte Urban wankend. „Und Du kennst bis Burgl schlecht, daß sie Dir n«h ftjelf'n weiß. Also soll i? Wenn Du Di lang b'sinnst— morgen wird's Di vielleicht reuen." Urban zerrte an seinem Halstuch und ging erregt durch die Stube. „So geh," sagte er Plötzlich.„Sag ihr aber net., Doch Lenz war schon verschwunden. Urban wußte selbst nicht, wie er hinausgekommen. Er eilte ihm nach, wollte ihn zuritcknisen, doch Lenz war nicht mehr zu sehen. Burgl war eben mit dem Abendbrot beschäftigt, das Schmalz brodelte in der Pfanne. Da stand plötzlich Lenz vor ihr. Sie verschüttete fast den ganzen Inhalt vor Schreck. „Was führt denn Di her? G'wiß nir Guat's?" „Wia ma's nimmt. Bäuerin. An Mensch'n aus der Not helf'n, ist das nix Guat's?" erwiderte Lenz. „Des kommt grad auf den Mensch'n an, dem ma helf'n soll," meinte Burgl mit einem bezeichnenden Blick auf Lenz. „Ganz richti, Bäuerin, ganz mei Anschauung." „Also, was willst? Red! Den Bauern wirst net ab- wart'n woll'n." Diese Bemerkung mahnte Lenz zur Eile.„Der Urban schickt mi—" Burgl zuckte sichtlich zusammen, gab sich aber alle Mühe, sich zu fassen! die Glut des Feuers, welche ihr Gesicht beschien, kam ihr dabei sehr zu statten. „Und was will der Urban von mir?" fragte sie, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. „Wia's halt so geht— in aner Patsch is er— vierhundert Mark braucht er morg'n." „Und um die kommt der Urban zu mir? Des glaub' i net, des sieht ihm net gleich." „Kommt ihm ja hart g'nua an. Hat a g'wart' bis zum letzten Augenblick. Aber er muß's hab'n, weißt ja, wia d' Lcut sam Da meint er halt. Du thätst ihm helf'n." „Könnt' ja net amal! Woher nehmet i vierhundert Mark?" „Von Dein' Mann! Wird mehr im Haus sein." „Dann müaßt i's grad stehl'n— und das kann der Urban do net verlanga." „Stehl'n? Des is do net g'stohl'n. In aner Woch hast as wieder und die Sach is glatt. Kein Mensch weiß net davon." „Könnt's a net amal stehl'n, dafür hat der Bauer schon g'sorgt." Lenz kratzte sich hinter dem Ohre.„Au weh— no ja— nacha muaß er halt dran glaub'n, der arme Teufel!" „An was glaub'n?" Burgl stutzte. „An allerhand— schlimme Sach'n— wird Dir nacha do hübsch leid thuan—" „No, was wird denn nacha sein? Daß der G'richts- Vollzieher kommt, das wär' ja's erstemal net. Freili für an Bürgermeister..." „Langt net, der G'richtsvollzieher." „Na, ins Zuchthaus kommt ma do net weg'n Schuld'n." „Kommt grad auf die Schuld'n an! Wenn sich's um fremde Gelder handelt, die da sein müass'n! Könnten ja da sein— soll'n a da sein, aber Pech halt, Pech! Grad'raus — i soll's ja net sag'n— aber Dir! Aus der G'meindkassa hat er's g'nomma— grad auf a paar Woch'n— hat's ja müass'n, wär' der Jud komma sonst. Und morg'n is Sitzung! Wenn s' nachschaun, is er verlor'n. Jetzt weißt all's, fürs Zuchthaus wird er Dir do no z'guat sein, der Urban." (Fortsetzung folgt.) (Nachdrurk verboten.) Landraub in Irland, Den Krebsschaden der ländlichen Verhältnisse Irlands bildet das System der sogenannten Mittelpächter. Die Besitzer des Bodens sind durchweg englische Adlige und Kapitalisten, die ihren Wohnsitz in England haben und das Land an Generalpächter der- geben. Diese überlasten es in kleineren Komplexen wieder Unter- Pächtern, die es zuletzt parzellenweise in Pacht vertreiben. Die Oberen handeln dabei meist nach dem menschenfreundlichen Grund- satze, den unter ihnen Stehenden möglichst die Kehle zuzuschnüren. Die Folge ist die absolute Armut der Landbevölkerung und eine weitestgehende Zerstückelung der Grundstücke; diese wird noch durch den Umstand gefördert, daß auch Pachtrcchte im Erbgauge geteilt werden können. Zum nicht geringen Teile war es gerade dieser Uebelstand, dem 1847 das Gesetz Lord Russells entsprang, wonach Grundstücke mit einem Ertrage von weniger als 2'/e Schilling den Morgen vom Staate expropriiert und in geschlossenen Besitzungen von 25—30 Morgen verkauft oder verpachtet werden sollten. Noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war an eine regelmäßige Frucht» folge in der Feldbestellung nur bei größeren Landwirten, und besonders in den Landstrichen, die der englischen Küste gegenüber liegen, zu denken. Sonst wurden mehrere Jahre Kartoffeln gebaut, dann mehrere Jahre Hafer, bis der Boden sich erschöpft hatte; dann blieb er eine Zeitlang in völliger Nuhe, um sich zur Wiederholung der gleichen Tortur vorzubereiten. Es ist noch nicht lange her, daß die ichlechten Pflüge mehrere Pferde oder drei bis vier Menschen Vorspann erforderten, da die Karren statt der Räder auf Schleifen gingen und das Geschirr von Stroh war; war auch nicht einmal Strohgeschirr vorhanden, so spannte man die Pferde mit dem Schwanz an den Pflug. Vielerorten gab es nicht einmal Scheunen; man drosch das Korn auf der Straße. Die Wohnungen der Pächter waren durchweg so miserabel, daß selbst die wohlhabendsten keine Herd» steuer zu zahlen brauchten. Die Hütten des kleinen Mannes baute man häufig nur aus Torf oder Lehm, den man dem Bangrunde selber entnahm, so daß die Wohnung nefer lag als ihre Umgebung und alles Wasser, ganz abgesehen von dem, das durch das undichte Dach sickerte, hier zusainmenfloß. Daher fand sich in der Mitte des Fußbodens häufig ein Lock gegraben, um das Wasser bester ausschöpfen zu können. Als Lichtöffnung diente in den meisten Fällen die Thür oder ein primitives Loch in der Wand, das man mit einem Bündel Stroh verstopfte. Diese Zustände, die noch fiir die Mitte des letzten Jahr- Hunderts typisch waren, haben seitdem nur wenig nennenswerte Besserungen erfahren. Wohl haben sich die steuerpflichtigen Einkommen und die Kapitalien der Sparkassen seit 1350 prozentual nicht un- wesentlich vermehrt, doch damit hat sich vor allem der Wohlstand der Städte gehoben. Aus der andren Seite aber ist die Bevölkerung bis zum Schluß des Jahrhunderts um eine weitere Million Köpfe zurückgegangen. 1803 kam bereits auf 45 Einwohner ein Armer, während das Verhältnis 1861 noch 1: 114 angegeben wurde. So dauert also die wirffchastliche Ohnmacht Irlands bis zur Stunde fort, weil die das Land besitzenden Lords und Kapitalisten im eng- tischen Oberhause nach wie vor ein williges und selbstinteressiertes Werkzeug besitzen, um ihre hohen Profitraten, die Frucht jahrhundertelanger, blutigster Raub- und Gcwaltthaten als geheiligtes Eigentum gesetzlich zu schützen. Die Vergewaltigungen begannen, als Heinrich H. sich um 1154 vom Papst Hadrian IV. mit Irland„belehnen" ließ. Handelte es sich für den König zunächst um einen Anspruch auf die Insel, so für den Papst um die Einführung des Kirchenzehnten und vor allem des von jedem Hause zu zahlenden Peterspfennigs, Steuern, deren Leistung die Iren bisher verweigert hatten. Man hat die Echtheit der päpstlichen Belehnungsbulle bestritten. Mit Unrecht. Nicht nur hat der Nachfolger Hadrians IV., Alexander HI., sich mit der Maß- nähme seines Vorgängers ausdrücklich einverstanden erklärt, noch Gregor XIII. hat 1570 die früher an England ausgelieferten Iren aus Grund eben jener päpstliche» Lehnsansprüche durch eine besondere Bulle im Kampfe gegen die inzwischen zu„Ketzern" gewordenen Engländer zu unterstützen versucht. Heinrich II. war es nicht gelungen, Irland auch nur dem größeren Teile nach zu unterwerfen. Die Kriege des englischen Königtums in Frankreich sowie die darauf folgenden Bürgerkriege in England selbst brachten die Eroberung völlig ins Stocken. Erst Heinrich VII. nahm dieselbe wieder auf. Wichtiger jedoch als der Fortgang der Eroberung war zunächst, daß unter dem treibenden Einfluß von Heinrichs VII. Statthalter Edward Pohning sick im Dezember 1494 ein zu Drcg» heda versammeltes Parlament für die„Poynings Acte" erklärte. Danach konnte das irländische Parlament fürder nur noch auf königlichen Befehl zusammentteten und lediglich Gegenstände beraten, die der englische Kronrat zuvor genehmigt hatte. Galt dies auch vorläufig nur für die englische Herrschaft und damit für den kleineren Teil der Insel, so war damit doch zur Vernichtung der Selbstverwaltung Irlands in derselben Weise der Grund gelegt, wie die Belehnung Heinrichs II. dies der politischen Selbständigkeit gegen- über gethan hatte. In, 16. Jahrhundert treten in England mit dem Aufion, men der Manufakturen und der Schafzucht jene unter dem Namen der Einhegungen bekannten Diebstähle der Adligen am Gemeindeland hervor, die viele bis dahin blühende und mit Dörfern besäte Striche in verlassene Weiden verwandelten. In Schottland suchte man später diese Entwicklung zu fördern, indem man die Würde und die Stellung der Clanhäuptlinge in ein feudalistisches Rechts- und Lehnsverhältnis umdeutete, wodurch der dorttge Adel mit einem Schlage Besitzer der Ländereien wurde, die in Wirklichkeit der ganzen Clan» §enossenschaft' gehörten. Aehnlick verfuhr man zunächst in rland. Es fiel Heinrich VlU. nicht schwer, von den Clanhäuptern das Anerkenntnis zu erlangen, daß die Lände» reien der Clane königliches Lehnsland seien. Der Profit, den die irischen Volkshäupter auf diese Weise machten, war groß genug, um ihnen selbst die Umwandlung des bisher von den eng« tischen Machthaber» geführten Titels„Herr von Irland" m„König von Irland" angezeigt erscheinen zu lassen; tn diesem Ginne be- schloß das irische Parlament 1542, um den päpstlichen Lehns- ansprächen auf die Insel die Spitze abzubrechen. Aber die große Masse des Volke? konnte einer Neuregelung der Länderverhältnisse nicht ruhig zusehen, die nicht nur alle historischen Ansprüche an das seit Vätergedenken benutzte Gemeindeland mit einem Zuge aus- löschte, die vielmehr durch die Wegnahme der Weide jeder auf Vieh- Haltung angewiesenen Kleinwirtschaft das Rückgrat brechen mußte. So kam es zu blutigen Revolten, die grauiam niedergeworfen wurden. Schon unter Eduard HI. hatte man versucht, englische Kolonisten nach Irland zu verpflanzen. Jetzt griff man diesen Plan wieder auf zum erstenmal in der aus- gesprochenen Absicht, die irische Bevölkerung systematisch auszutreiben. So wurden zunächst die Territorien von Leix, Offaly und Ossory, insgesamt 600 000 Morgen, konfisziert und 1547 einem gewissen Francis Bryan und andren Unternehmern unter der Bedingung überwiesen, die Eingesessenen von Haus und Hof zu verjagen und das Land an englische Pächter zu vergeben, ein Raub, der mit der größten Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit ausgeführt ward. Wie wenig aber im Grunde genomrnen die ganze Reformation mit religiösen, und wie viel sie mit wirtschaftlichen Motiven zu thun hat, beweist der Umstand, daß unter der Herrschast der katholischen Maria die Austreibungen in Irland ihren Fortgang nahmen, daß gerade nach ihr und ihrem Gemahl Philipp II. von Spanien die gestohlenen Länder einen neuen Namen erhielten, den sie als Kinas county und Queens county �Grafschaft des Königs und Grafschaft der Königin) bis zur Stunde bewahrt haben. Unter denr Regiment der.guten" Königin Elisabeth nahmen die Austreibungen immer größeren Umfang an. Die all- gemeine Verzweiflung kam denn auch während ihrer Regierungszeit in drei ftlrchtbaren Aufständen zum Ausbruch, die sich jahrelang hin- zogen und das Land mit schrecklichen Verwüstungen erfüllten. Kein Geringerer als der bekannte Dichter Edmond Spencer hat uns eine Beschreibung des Znstandes hinterlassen, in dem am Ende des zweiten Aufftandes die davon am meisten betroffene Grafschaft Munster sich befand. Die mitgeteilten Einzelheiten spotten jeder Beschreibung. Aber weit entfernt, darüber ein Grauen zu empfinden. rät der Dichter der Fairy Queen derartige Zerstörungen, Ber- Wüstungen und Grausamkeiten als sehr wirksame Mittel an, von denen er wünscht, daß man sie auf die ganze Insel anwende; ein Zeichen, welche tiefe Wurzeln der Nationalhaß zwischen den beiden Völkern damals bereits geschlagen hatte. So ist es nicht verwunderlich, wenn am Ende jenes Aufstandes wieder eine Million Morgen Landes vom englischen Parlament konfisziert und immense Gebiete an Abenteurer vergeben werden, unter denen wir häufig genug bekannte Namen finden; wir sehen unter ihnen noch neben dem bereits genannten Spencer einen Walter Raleigh, den berühmten Gründer der englischen Kolonien in Nordamerika. Noch blutiger als die zweite war jedoch die dritte Revolte, die erst mit der Regierung Elisabeths ihr Ende nahm und die ganze Insel erschöpft und entvölkert zurückließ. Und jetzt erst unter Jakob I. wurde es endlich möglich, ganz Irland unter britische Verwaltung und Rechtsprechung zu stellen. Daneben wurde die gesamte Gras- schaft Ulster konfisziert und an Korporationen und Pächter vergeben, die man diesmal jedoch zwang, sich in geschlossenen Gruppen anzu- siedeln, um sie so vor der schließlichcn Verschmelzung mit dem irischen Element zu bewahren. Aber schon unter Jakobs 1. Nachfolger, Karl I., der unter Berufung auf die Poynings-Acte jedwedes Gesetz in Irland unter die Füße trat, wagte daS irische Parlament 1641 wieder zu erklären, Irland sei ein fteies Land, das sich des gleichen gemeinen Rechtes wie England von rechtswegen er- freuen sollte. Das englische Oberhaus antwortete darauf mit einer Kriegserklärung auf Tod und Leben gegen die irländische Raffe. So kam es zu dem furchtbarsten aller irischen Landaufstände, dem des Rovy O'Moore und des Felim O'Neill. Unterstützt von Owen O'Neill, der auf dem Kontinent die Kriegskunst und die Taktik erlernt, gelang es jenen beiden Führern zum erstenmal, die Iren in Regimenter und Hcereskörper zu organisieren. Die von den brutalen Rechtsverletzungen Karls I. gleichfalls betroffenen englischen Kolonisten schlössen sich ihnen an und bald hatten die Aufständischen, begünstigt durch den gleichzeitigen Ausbruch der englischen Revolution, das volle Uebergewicht auf der Insel, das sie Jahre hindurch behaupteten. Schon schwebten Verhandlungen zwischen ihnen und Karl I., als dieser in die Hände des englischen Parlamentes fiel und Cromwell mit einem Teile des Revolutionsheeres nach Irland übersetzte. Dieser vernichtete die Hauptmacht der Iren in den blutigen Maffakres von Droghcda und Wexford. Tausende von Jrländern flüchteten auf den Kontinent. Das englische Parlament ober verordnete durch die.Befriedungsakte" vom Jahre 1652, daß alle Iren sich in die eine Grafschaft Connaught zurückzuziehen und die übrigen drei Grafschaften der Insel: Leicefter, Ulster und Munster, völlig zu räumen hätten; wer.nach dem 1. Mai des Jahres 1654 noch jenseits des Grenzstromes, des Shannon, betroffen wurde, sollte mit dem Tode bestraft werden. Und das war keine leere Drohung. Im Sommer des Jahres 1653 wurde die Ordonnanz ausgeführt und das Land der konfiszierten drei Provinzen an Engländer verteilt. Wenn trotzdem noch Iren in diesen Gegenden verblieben, so geschah dies deshalb, weil die eng- lischen Pächter und Kolonisten Arbeitskräfte brauchten und entgegen dem Wortlaut des Gesetzes gezwungen waren, Iren zu benutzen. sollte das Land nicht brach liegen. Nur einen winzigen Teil des Geraubten erhielten die JrlZnder nach der Restauration der Stuarts durch die Vesicdelungsacte zurück. Die Folgezeit ist für Irland auf lange hinaus eine Zeit völligster Rechtlosigkeit. Wenn schließlich die kommerzielle Gleichheit mit England, wenn Erleichterungen in dem ganz auf den Nutzen der anglikanischen Hochkirche zugeschnittenen Zehntenwesen gewährt wurden, wenn dem katholischen Element schließlich das Wahlrecht und die Wählbarkeit zu öffentlichen Aemtern und zum Parlament unter dem Zwange der Not zugestanden werden mußten, so kosteten diese Errungenschaften Irland doch zuguterletzt seine beste Waffe, das eigne Parlament, das sich durch englisches Gold zum politischen Selbstmord treiben ließ. Nach wie vor aber besteht das größte Un- recht, der Landraub, im vollen Umfange fort, während man es ver- steht, mittels eines wucherischen Pacht; ystems dem Volke das Mark aus den Knochen zu holen.— Dr. H. Laufenberg. kleines feiuüetou. rn. Undankbar. Seit drei Tager scheuerte und putzte Mutter Brandes keuchend in der vielzimmerigen Wohnung herum, die sie seit Wochen für die verreisten Herrschaften gehütet hatte. Mutter Brandes selber nämlich wohnte im Portierkeller als Aftermieterin, in einem engen Stübchen nach dem Hof hinaus. Außer von einer geringen Altersrente erhielt sie sich mittels kleiner Gelegenhcits- arbeiten, die sie meistens nur einige Stunden täglich in Anspruch nahmen. Mutter Brandes hatte ihre Sechzig auf dem Rücken. Ein an- haltendes Arbeiten brachte sie nur ausnahmsweise fertig. Und zwang sie sich gelegentlich dazu, weil irgend eine Extra-Ausgabe besondere Einnahme forderte, dann hatte sie oft tagelang an den Folgen der Ueberanstrengung zu leiden. Deshalb war's ihr wie gerufen gekommen, als die Frau Doktor aus der zweiten Etage ihr auf einige Wochen einen Posten anbot, der nicht allzuviel von ihr verlangte. Für die Dauer der Badereise nämlich sollte die alte Frau die große Wohnung bewachen.„Nur. daß jemand da ist. Frau Brandes, verstehen Sie wohl?" hatte Frau Doktor gesagt. „Schlafen können Sie in der Mädchenkammer; denn meine Köchin reist in die Heimat und das Hausmädchen begleitet uns. Ein richtiger Ruheposten also, Frau Brandes. Wenn Sie Langeweile haben, putzen Sie vielleicht'n bißchen, wischen Staub und der- gleichen. Es sind auch noch einige Kleinigkeiten zu waschen da. Anstrengen brauchen Sie sich nicht. Zeit genug haben Sie ja. Ueber die Vcrgütigung einigen wir uns schon, wenn ich wieder- komme. Und ein schönes Geschenk bringe ich Ihnen mit, darauf verlassen Sie sich!" Mutter Brandes hütete die Wohnung, als ob es ihre eigne wäre. Und weil sie zu den Frauen gehörte, die nicht still sitzen können, fand sie fortwährend Gelegenheit zu gemächlicher Thätigkeit. An jedem Morgen durchwanderte sie die lange Reihe der Zimmer mit dem Staubbesen, entfernte jedes Fleckchen von den Möbeln, Vasen und Nippsachen und begoß die Blumen und Blattpflanze», welche das Erkerzimmer und den Balkon schmückten. Das gefiel ihr ganz gut. Und es kam wie ein Bedauern über sie, als eine Mitteilung ihr die Rückkehr der Herrschaft meldete. Zugleich aber packte sie ein gewisser Ehrgeiz, die Wohnung im besten Stande zu übergeben. Und Mutter Brandes begann eine gründliche Reinigung der Wohnung: sie bürstete, klopfte, scheuerte und wedelte mit dem Staubbesen drei Tage lang. Die Gnädige lachte über das ganze Gesicht, als sie sich in den blitzsauberen Zimmern umsah.„Das haben.Sie ausgezeichnet ge- macht, Mutter Brandes. Wirklich! Da spare ich mir eine Scheuer- frau. Ich hatte schon ordentlich Angst vor dem großen Reinemachen." Sie ging aus einer Stube in die andre und ließ die prüfenden Blicke umhergleiten. Mutter Brandes steckte lächelnd ein Lob nach dem andern ein. Schließlich warf sich die Gnädige in einen Sessel: „Ah, wieder daheim! Wenn Sie wüßten, Frau Brandes, was das Reisen für eine Strapaze ist! Schauderhaft. Ich Hab' Sie oft be- neidet— wollen Sie glauben?" „Ach Gott, gnädige Frau." Mutter Brandes ruckte mit der Hand und lächelte ungläubig.„Unsereiner ist froh, wenn er'n paar Groschen verdient und braucht sich dabei nich'n Arm auszureißen." „Gewiß. Freilich." Die Gnädige griff in die Tasche.„Ich will Ihnen auch gleich.,. Nicht wahr: schwer haben Sie's nicht gehabt, Frau Brandes?" Sie suchte überlegend im Portemonnaie. Mutter Brandes hatte sich, die Hände im Schoß, auf den äußersten Rand eines Stuhles niedergelassen.«Die letzten Tage liegen mir doch in'n Gliedern," meinte sie. „Naja. Ich verlang's ja auch nicht umsonst. Wissen Sie was: ich werde Ihnen zehn Mark geben." Ueber das Gesicht der alten Frau flog's wie em gelinder Schreck. Sie fuhr mit den zitternden Händen über die Schürze: „Das is doch woll'n bißchen wenig, Frau Doktor. Fuffzehn wär' woll das Allerwenigste." „Wie?" Die Gnädige riß die Augen auf. �„Zehn Mark ist Ihnen nicht genug?" Sie lachte ärgerlich.„Ich hätt's ja gar nicht nötig gehabt, jemand hier in die Wohnung zu setzen. Ich Hütt' einfach zuschließen können. Ich bitte Sie: fünfzehn Mark! Rur, weil Sie hier waren!" „Ich Hab' doch auch alles in Stand gehalten, Frau Doktor, — 672— Und könnt' den ganzen Monat nu' nichts andres annehmen. Meine Miete unten muh ich doch auch bezahlen, wenn ich auch nich da war." „Naja. Da unten. Sie sollten mir doch dankbar sein, dah ich Sie hier heraufgelassen habe aus Ihrem Schusterkeller. Das muh für Sie doch fast gewesen sein, wie eine Badereise. Hier in unsrer herrlichen, großen Wohnung ganz allein zu wirtschaften! Ist Ihnen denn das nicht wie ein Wunder vorgekommen? Sie müssen sich ja richtig wie'ne Herrschaft gefühlt haben l" „Ach Gott, Frau Doktern!" Mutter Brandes sah an ihrem geflickten Rock nieder.„Das paßt nich zusammen. Und denn: meine Mehlsupp... Und Kartoffeln und Hering. Höchstens mal 'n Viertel Gehacktes. Nee, nee— Herrschaft?" Sie schüttelt« merkwürdig lächelnd den Kopf. Die gnädige Frau griff mit plötzlichem Entschluß ins Porte- mon.iaie:„Also, Frau Brandes! Ich werde Ihnen zwölf Mark geben! Dann sagen Sie aber nichts mehr! Und richtig: ein Ge- schenk sollen Sie auch noch haben, trotzdem es mir beinah' leid thun könnte.— Lydia I" sie rief's der im Nebenzimmer trällernden Tochter zu.„Bringe doch das Geschenk für Frau Brandes." Sie drückte der alten Frau das Geld in die Hand:„Hier!— Wenn Sie wüßten, was so eine Badereise kostet! Mit jedem Groschen muß ich jetzt knausern." „Hier, Frau Brandes. Ist das nicht reizend?" Lydia über- reichte ihr eine kleine Porzellanfigur: einen braunen Jungen, der die Flöte blies. Ueber Mutter Brandes' Gesicht zuckte es. Sie nahm wie mechanisch die Nippessache und entfernte sich. „Nicht mal„Danke schön!" sagt sie." grollte Lydia. „Ja!" Die Frau Doktor sah der Herausgehenden mit strengen Augen nach.„So ist diese Art Leute I Man thut ihnen wer weiß wie viel Gutes. Aber Dankbarkeit kennen sie nicht. Alles nehmen sie als selbstverständlich hin!"—■_. ' en. Die Verwertung des Uraninms. Von den Uraniumerzen ist in den letzten Jahren oft die Rede gewesen, weil sie das Material geliefert haben, aus dem die wichtigsten strahlenden Elemente, namentlich auch das Radium selbst, zu Tage gefördert wurden. Bisher wurden Verbindungen des Uraniums fast ausschließlich als Farbstoffe beim Malen auf Porzellan, bei der Photographie und bei der Glasfabrikation verwandt. Neuerdings hat man auch den Versuch gemacht, das Metall selbst in die Eisen- und Aluminium- Industrie einzuführen, da es die Härte und Elasticität des Stahls, auch die Härte des Aluminiums steigert. Diese neue Verwendung ist jedoch noch nicht erheblich genug, um eine vermehrte Nachfrage nach Uranium herbeizuführen. Auf der ganzen Erde werden jetzt jähr- lich nur etwa 300 Tonnen Uraniumerze verbraucht, die wiederum nur zu 3— 13 Proz. aus reinem Uranium bestehen. In Europa ist es hauptsächlich Böhmen, in Amerika der Staat Colorado, die das nötige Uranium liefern. Die Hauptabnehmer sind Deutschland, Frankreich und England. Auch aus den Vereinigten Staaten wird fast der ganze Ertrag nach Europa ausgeführt. Das Uranium ist ein hartes, schweres Metall, das ziemlich gut hämmerbar ist. Es gleicht in seinen meisten Eigenschaften dem Nickel und dem Eisen und hat die Farbe des ersteren. Bei gewöhnlicher Temperatur wird es durch Luft oder Waffcr nicht angegriffen, geht dagegen bei Rot- glut an seiner Oberfläche eine Verbindung mit Sauerstoff ein.— Psychologisches. — D i e„vorgerückte Zeit" bei der Recht- sprechung. Der„Frankfurter Zeitung" wird geschrieben: Die vorgerückte Zeit spielt, bei den Gerichten häufig eine große Rolle. Die Nervosität der Richter steigert sich im Verhältnis zur Dauer der Sitzungen, und Parteien, Angeklagte und Zeugen bilden dann, wenn auch nicht immer, das unschuldige Objekt des richterlichen Un- niuts. Angeklagte, die auf Grund längerer Prayis hierfür einen scharfen Blick besitzen, machen sich die Gemütsverfassung ihrer Richter zu Nutzen und suchen die Verhandlung möglichst abzukürzen, indem sie auf Vernehmung von Zeugen verzichten oder aber, wenn sie bemerken, daß ihre Richter nicht harmlos genug sind, um ihren Räubergeschichten Glauben zu schenken, ein reumütiges Geständnis ablegen. Erfahrungsgemäß kommen derartige Angeklagte auch am billigsten weg. Wehe aber, wenn sie die Geduld ihrer Richter, die sich vielleicht nach dem Mittagessen und einem darauffolgenden Schläfchen sehnen, auf eine gar zu lange Probe stellen, dann kommt es unter Umständen auf ein Jährchen mehr oder weniger nicht an. Vor Jahren fungierte ein Landgerichtsrat als Vorsitzender an der Strafkammer des Landgerichts zu T., den man als besonders nervös veranlagten Richter bezeichnen konnte. Zogen sich die Sitzungen über 1 Uhr mittags hinaus, so wurde dieser Herr ungeduldig, was man an seinen Bewegungen beobachten konnte. Er suchte dann stets die Angeklagten zum Verzicht auf die Vernehmung von weiteren Zeugen, nachdem vorher schon einige vernommen waren, zu be- wegen. Ließ sich der Angeklagte auf diesen richterlichen Zuspruch nicht ein, so äußerte sich der Vorsitzende gewöhnlich in einem Anflug von Kölner Dialekt:„Schweigen Sie. die Sache scheint mir jetzt jenügend aufgeklärt!" Bei derselben Strafkammer, wo dieser Herr den Vorsitz führte, pflegten die Berufungen der wegen Land- streicherei und Bettelei verurteilten Personen zu ihrem Nachteile am Schluß der Sitzung zur Verhandlung zu gelangen. Sie wurde» bei einem sehr summarischen Verfahren in der Regel verworfen, wobei sich dieser Vorsitzende einmal zu einem Beisitzer scherzhafter» weise äußerte:„Wir wollen die Berufung wegen v o-r» gerückter Zeit verwerfen!"— Meteorologisches. — Gewitter Bei heiterem Himmel. Im meteoro- logischen Tagebuch des Schiffes„Moravian"(Kapitän A. Simpson) findet sich folgende Beschreibung eines Gewitters am 30. Dezember 1902, ungefähr in Sicht des Kap Verde-Leuchtfeuers im Norden. Um Vz2 Uhr nachts kamen warme, staubbeladene Windstöße von der afrikanischen Küste her. Blitze, zuerst fern am nordöstlichen Horizont, wurden bald fast kontinuierlich mit lautem Donner. Alle Sterne waren sichtbar, bloß hohe Wolken, kein Cumulus am Himmel. Für mehr als eine volle Stunde war der Himmel wie ein Feuermeer von Blitzen und das Tauwerk, die Mastspitzen, Enden der Raaen zc. wurden leuchtend. Alle Stage sahen aus, als hätten sie Glühlampen in 3—4 Fuß Entfernung, und die Masffpitzen und Raaen hatten helle Lichter an den Enden. Die Schiffsoffiziere und Passa- giere wurden alarmiext, um das merkwürdige Schauspiel zu betrachten. Das Merkwürdigste war das sonderbare Geräusch, welches dabei (wie fast immer bei starkem St. Elmsfeuer) vernehmbar wurde. Es war genau so wie das von dem Lichtbogen einer Bogen- lampe, oder als wenn einige tausend Cikaden ihren Sitz in dem Takelwerk aufgeschlagen hätten, oder wie das Knistern und Krachen brennenden Grases oder brennender Zweige. Dieses Geräusch ivar nicht lokal, sondern kam von überall her auf dem Schiffe. Der Wind war stetig Nordost oder Ostnordost, eine leichte Brise. Man dachte, daß schwere Wolken sich entladen müßten oder ein Tornado losbrechen würde. Der Ozongeruch in der Atmosphäre wurde zu Zeiten sehr stark.—(„Prometheus.") Technisches. — Beleuchtung durch Glocken vonPris menglas. Im Innern der Brenn- und Schmelzöfen wird durch die Verbrennung nicht nur eine hohe Menge Wärme, sondern auch Licht erzeugt, das aber für Bcleuchtungszwecke bisher so gut wie gar nicht nutzbar ge« macht worden ist. Man braucht vielmehr eine besondere Beleuchtung durch Gas, Petroleum oder elektrische Energie. Glimmer- und Glas- scheiden, die vor Oeffnungen in den Ofenwänden gesetzt werden, haben sich als Beleuchtungsvorrichtung nicht bewährt, weil sie die Lichtstrahlen in geschlossenen Bündeln austreten und nur auf einen Fleck wirken lassen. Ersetzt man aber, einer neuen Erfindung gemäß, die Scheiben durch kugel- oder kegelförmige Glocken aus Glas, die an ihrer Außen- fläche mit Prismenringen bekannter Art besetzt sind, dann kann man das Licht auf größere Flächen verteilen. Die Prismenflächen sind in die Glocken gleich bei der Fabrikation eingepreßt oder später ein- geschliffen. Die brechenden Flächen werden so gestellt, daß die Licht- strahlen eine vorher bestimmte Richtung annehmen. Auf diese Weise läßt sich der ganze Jnnenraum des Gebäudes, ivorin die Oefen stehen, genügend erleuchten. Die Vorrichtung ist von besonderem Wert fürZiegel- öfen, deren Befeuerung durch Heizlöcher in der Decke der Oefen erfolgt. Anstatt der Heizdeckel werden die Glasglocken aufgelegt. Diese geben ein ausreichendes Licht fiir die von der Ofendecke aus vorzunehmenden Schürarbeiten ab. Durch die Glocken hindurch kann man zugleich das Feuer und die Vorgänge im Ofen beobachten. In ähnlicher Weise lassen sich diejenigen Arbeitsräume der Gasanstalten, in welchen die Desttllation stattfindet, und die Kesselhäuser beleuchten. Damit wird nicht nur die Bedienung der Oefen und Apparate er- leichtert, sondern auch der llnfallgefahr vorgebeugt. Freilich be- dürfen die Glocken sorgfälttger Beobachtung und Reinigung, denn es läßt sich nicht verhüten, daß sie sich mit der Zeit mit Ruß und Staub versetzen.—(„Kölnische Zeitung".) Httiitoristisches. — Der Ausgleich. Ueber eine heitere Gerichtsverhandlung berichtet das„Wiener Extrablatt" aus Wien. Der Richter der Josephstadt kündigt eine Pause an, da tritt rasch eine kugelrunde, resolute Frau vor und fragt:„Was is denn mit mir, Euer Gnaden?" Richter:„Wer sind Sie?" Die Frau:„I bin die Haslauer Kathi, Kräutlerin Am Hof." Richter:„Ah jah! Sie waren von der Frau Rosalie Gschwendt geklagt? Wegen einer Ohrfeige am Markt?" Die Frau:„Dös stimmt. Euer Gnaden!" Richter:„Die Frau Gschwendt war ja schon hier und hat angegeben, sie hat sich mit Ihnen ausgeglichen?" Die Frau:„So, so? Ausgeglichen? Na ja... sie hat mir heut' um a Dreie in der Fruah am Markt aani geben... dös is der Ausgleich!" Richter:„Das Verfahren wurde eingestellt!" Frau Haslauer:„Was g'schieht jetzt mit mir, Euer Gnaden?"„ Richter:„Nichts! Sie können nach Hause gehen, aber Sie dürfen jetzt nicht vielleicht die Frau Gschwendt klagen l" Frau Haslauer:„A beilei(die Hand auss Herz legend)... mir san ja ganz ausglichen I"—__ Di« nächste Nummer des UnterhaltungsblatteS erschemt am Sonntag, den 30. August. verantwortl. Redakteur' Juli«« Kaliski in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& fio., Berlin SW.