Zlnterhaltlmgsblatt des Vorwärts; Nr. 170. Dlenstag, den 1. September. 1903 22] (Nachdruck verbaten.) Die Hebenbacher. Roman von Anton v. P e r f a l l. Burgl drängte das Blut zu Herzen. Sie gab sich den Anschein, die Frage überhört zu haben, und fuhr mit Lorenz zu sprechen fort. Doch der Alte, längst daran gewöhnt, nicht beachtet zu werden, begann wieder von neuem, in seiner vorgebückten Stellung, ohne mir aufzusehen. „Ich hör' ja net guat, aber an Schnall hat's scho auf amal thau!" Jetzt wurde Lorenz aufmerksam.„An Schnall in der Kammer drin?" l „Ach was, wird halt d' Bretterwand a bißl sich g'riihrt hab'n," meinte Burgl i„wenn er amal was hört, übertreibt er's ja glei." „Vielleicht hat's geistert," sagte Lorenz lachend. �.Is heut scho so a Nacht! Wia i da beim Nachbar vorbei bin mit mein Wag'l, thuat's da auf einmal an Schroa, z'nächst neben mir in der Finsrern, daß ma selb'r's Gruseln kemma is. 's Füchsl is grad aufg'stieg'n. Grad derweil i umschau, springt wer über d' Licht'n, die zum Fenster'rausg'fall'n is. No, der Geist war glei derkannt—" Lorenz sah auf die sich entfärbende Burgl und lachte hell auf.„I glaub' gar. Du fürchtst Di. Ah, des is guat! Weißt, wer der Geist war? Die Resl, die Lehnerresl!" Brirgl atmete erleichtert auf. „I Hab' glei an'n Flori denkt, Hab' a g'moant, i seh' sich was rühr'n unter d' Bäum. Drum Hab' i Di glei g'fragt, ob er dahoam is. Was nur g'habt hab'n muaß?'s war a ganz b'sondrer Schroa." Lorenz schüttelte nachdenklich den Kopf. „Des is schon die Rechte! Umanan streina in der Nacht, so a jungs Madel. Da kann ma si leicht was denk'n," be- merkte Burgl gehässig. „Das amal uet, was Du meinst," entgegnete Lorenz scharf.„D' Resl is a brav's Madel, da is nix drüb'r z'red'n." Burgl zuckte die Achseln und stand auf. „A Schnall war's," begann von neuem der Vater, welcher die ganze Zeit über nachgegrübelt,„grad als wenn— als wenn—" Er machte dje Bewegung des Zerreißens mit beiden Fäusten. „Hast denn Du davon nix g'hört?" fragte Lorenz die Bäuerin, welche sich mit dem Geschirr zu schaffen machte. „Ach was! I war ja in der Kuchl, hätt's ja hören müassen. Laß'n do red'n." „Hab a no g'rufen, wer da is, aber niemand hat g'antwort't," sagte der Alte von neuem, nach einer längeren Pause. Lorenz zündete sich gelassen seine Pfeife an. Burgl atmete auf. Da plötzlich stand er auf.„Muaß do nach- schaun" und schritt auf die Kammer zu. Burgl vertrat ihm den Weg mit einer auffallenden Heftigkeit. „Laß Di do net von dem Alt'n stimma. Nix is,� sag' i Dir." „No, nacha is halt nix. Vorsicht kann net schad'n bei dem G'sindl, was si heutzutag umanand'treibt." Jeder weitere Widerstand von feiten Burgks wäre ver- dächtig gewesen. „No, laß mi do z'erst a Licht ansteck'n drin." Sie eilte voraus in die Kammer. Lorenz trat unter die offene Thür. Burgl schleuderte hastig einen Pack Kleider auf die Seite, dann flammte das Licht auf in ihrer Hand. Sie war kreideweiß. „So, jetzt schau Di halt um." Ihr Auge folgte jeder seiner Bewegungen. Er unter- suchte das Schloß der auf den Gang führenden Thür, guckte hinter den Ofen, untersuchte die Fenster, welche wohl verschlossen waren, öffnete einen Schrank, plötzlich wandte er sich und warf einen Blick auf die Truhe. Burgl saß darauf. „Steh amal auf." Burgl bewegte sich nicht, aber das Licht schwankte be- denklich in ihrer Hand. „Aufstehn sollst," befahl jetzt energisch der Bauer. Sie erhob sich langsam, automatisch. Hätte Lorenz sie scharf angesehen, sie hätte ihm alles gestanden. Doch dieser blickte nur auf das Bündel alter Kleider, das auf der Truhe lag. „A was, is ja z'dumm! Zu so aner Zeit! Lass' ma's!" sagte Burgl. Dabei wandte sie sich rasch mit dem Lichte, um die Kammer zu verlassen. Da blitzte es auf dem Boden, dicht vor Lorenz' Füßen. Er bückte sich rasch. „Was hast denn no'rumz'krama?" fragte Burgl, doch der Atem stockte ihr. Lorenz drehte ein glänzendes Zwanzigmarkstiick zwischen den Fingern, bald dieses, bald fein Weib fragend anblickend. „Hast Dn das verlor'n?" fragte er, während sein Blick sich von neuem auf die Truhe richtete. Sie tappte, schwer atmend, nach ihren Taschen.„Wär' wohl inögli. Ja, ja, wird scho so sein." Da stand sie wie eine Bildsäule. Lorenz trat an die Truhe, warf mit einem Griff den Pack Kleider hinweg und beugte sich auf das geöffnete Schloß. Ein Fluch dröhnte durch den engen Raum, der schwere Deckel flog auf. Das Licht entglitt Burgks Händen und erlosch am Boden. Lorenz eilte wortlos hinaus in die Wohnstube, ergriff die Lampe und beleuchtete das Innere der Truhe. Die Wertpapiere waren unberührt, der Sack mit den Thalern ebenfalls. Das beruhigte ihn einigermaßen. Als er auch das Gold in der Holzschale erblickte, stutzte er. Zum Vergnügen sprengt man doch keine Kasse. Dann ergriff ex die Schale und ging damit in die Stube. „Siecht hast g'hört," schrie er dem Vater zu.„Einbroch'n hab'ns, die Truha aufg'sprengt! DaS war der Schnall—> und Du—" Er sah sich nach Burgk um. Sie saß in der dunkelsten Ecke völlig apathisch. „Du hast nix g'hört in der Kuchl? Das is aber sonderbar. Aber jetzt laßt's mi nur zähl'n—" Er leerte die Schüssel auf den Tisch.„Zwölfhundert Mark miiassen's sein." Er zählte hastig.„Vierhundert fehl'n," rief er dann.„Am helllichten Tag!'s Haus voller Leut! A eiserne Truha! Ja, Herrgott!" „Dank'n sollst linsern Herrgott, net fluach'n," begann jetzt der Großvater, der hinzugetreten war.„Hätt' ja all's nehma könna—" Lorenz hatte in seinem Zorn gar nicht daran gedacht. Er stutzte. „Recht hast schon! Das is aber sonderbar!'s Gold wenigstens! Grad vierhundert Mark!" „Das is do sehr einfach," sagte jetzt Burgl in einem zu- versichtlichen Tone.„Der Mensch hat den Vater frag'n hören, wer da is. Da hat er schnell an Griff g'macht und is durch—" Und is durch—" wiederholte Lorenz nachdenklich. Plötzlich erhellte sich sein Ailtlitz.„Wann hast denn Du den Schnall g'hört?" fragte er den Alten. „Kurz, eh' Du kemma bist." „Hallo!" rief Lorenz, von einem Gedanken erfaßt.„Jetzt weiß i, was der Schroa bedeut', den i g'hört Hab'." „DaS war ja d' Resl, sagst." „War's scho, aber ohne Grund schreit ma net so— und der Grund is der Lump, der Einbrech'r. Sie hat'n g'sehn — vielleicht hat er ihr droht— vielleicht Hab' i'u selb'r g'sehn zwisch'n die Bäum'— z'samm'hänga thuat die Sach!'s beste wird sein, ich frag' grad'raus, und zwar heut no— glei!" Damit stand er auf. Burgl rang um Fassung, um einen Ausweg, wenigstens für den Augenblick. Wenn er jetzt Resl fragte, war alles verloren. Sie zweifelte nicht, daß Lenz den Schrei verursacht hatte. „Das wär' no schöner! Glei so a G'schrei macha und d' Leut verdächtigen!".». � „D' Leut verdächtigen? Welche Leut denn?" fragt« Lorenz erstaunt. Burgl hatte eine Unvorficht'gkeit begangen. Diese Ein- ficht verwirrte sie noch mehr. „No, wennst a ganz Verhör anstell'n willst da drüb'n, 8* Nachtzeit! Da müass'n s' ja z'letzt glaub'n—" „Was müass'n s' glaub'n?" Lorenz trat dicht vor sein Weib. Sie mußte antworten.„No, daß Du an Verdacht hast—" „I glaub'. Du bist verrückt! I an Verdacht! Auf d' Resl vielleicht? So was Dumm's! Oder auf'n Lehner? Da müaßt i mi do schäma als Bauer." Plötzlich zuckte er zusammen und fuhr mit der Hand nach der Stirn.„Herr- gott, jetzt hast mi auf was bracht— der Lenz!" Er stieß das Wort mit einer solchen Kraft heraus, daß Burgl zusammenschauerte. „Der Lenz! Ja, dem seha't's gleich!" Da ermannte sich Burgl. Das Bewußtsein, daß sie selbst ihren Mann auf die Spur geführt, versetzte sie in jähen Zorn gegen sich selbst. „Net wahr is, daß ihm gleich sieht. Er mag a leicht- fertiger Mensch fem, a Wilderer weg'n meiner, aber koan Diab net. Nur der Haß kann Dir so was eingeb'n." „Der Haß? Du hast ma's eingeb'n und bringst's a nimmer'raus." Lorenz deutete die Erregung Burgls auf feine Weise.„Freili, i weiß scho," ftihr er fort,„daß Dir grad so auskemma is, daß Dir net paßt, wenn der Diab da drüb'n ausfindi g'macht wird, beim Herrn Bürgermeister. Und am End paßt's ma selb'r net, weil's do amal a Bauern- haus is. Auf d' Verwandtschaft pfeifat i. Aber da hilft alles nix. da giebt's kei Bedenka, bei so was! Is er's, wird er packt, da hilft ihm kei Herrgott net." „No, so geh halt'nüb'r und sag's ihm ins G'sicht," sagte Burgl in einer Anwandlung verzweifelten Mutes. Am Ende zog sie es noch vor, daß er von Lenz die Wahrheit erfuhr, als aus ihrem eignen Munde. „Da werd' i mi hüt'n!" entgegnete Lorenz.„Wenn i amal so a Fährt'n Hab', überstolper' i's nimma. Jetzt schlaf' i erst drüb'r. Schau, Burgl," setzte er dann in völlig ge- lassenem Tone hinzu,„i bin mit die besten Vorsatz heim- komma, aber's mag halt net,'s soll kei Ruah sein im Achen- bacherhof." „Ja, so scheint's wirkli," sagte Burgl, mit einer Be- wegung völliger Erschöpfung sich auf die Bank setzend. Dann ging sie schleppenden Ganges, den schmerzenden Kopf haltend, in die Schlafkammer. Lorenz sah ihr kopfschüttelnd nach. Mit einem schweren Seufzer stand er dann auf und begab sich in die Kammer. Er untersuchte sorgfältig das geöffnete Schloß und fand die Spuren des Beiles. Dieses stand in der Ecke neben der Truhe, und er konnte sich genau erinnern, wo es am Morgen noch stand. Am Boden waren Unschlitttropfen. Wie war der Dieb ungesehen herein gekommen? Die Hausthür war doch verschlossen, in der Küche war— Burgl! Man sprengt einen solchen Deckel nicht ohne�großen Lärm. Der taube Vater hat ihn auch g'hört, den„Schnall", aber Burgl nicht, die sonst hörte wie ein Luchs. „'s Schmalz wird halt so prasselt hab'n.— Und der- schrock'n is, daß ihr d' Kerz'n aus der Hand g'fall'n is. Is aber a zum Derschrcck'n? Daß s' nix g'merkt hat— is ja do auf der Truhe g'sess'n— daß der Deckel net g'sperrt is?— Wenn's auf die Kleider sitzt, die drauf g'leg'n san!— Das heißt, drauf g'legen san's net, drauf g'worf'n hat sie's, eh's Licht g'macht hat." Er saß auf der Truhe, den Kopf in die Hand vergraben, und grübelte. Plötzlich stand er mit einer abweisenden Bc- wegung auf. „Aber was hast denn? Wo willst denn eigentlich'naus? So was denk'n is no schlecht'r als stehl'n. Pfui Teuft!" Er nahm das Licht und ging zur Ruhe— die er nicht fand. « Eine feste Ucberzeugung blieb als Rest der nächtlichen Betrachtungen des Achenbachers. Er mußte allein die Fährte des Diebes verfolgen, auf die Unterstützung Burgls durfte er nicht rechnen, um so weniger, je mehr er überzeugt war, ans der richtigen Fährte zu sein. Sie kann nun einmal nicht vergessen, was der Lehner ihr war. Die Weiber sind nun einmal so, weiter ging er nicht in seinen Gedanken. Es galt nun vor allem, Resl zu sprechen, und zwar allein, bevor sie von irgend einer Seite gewarnt war. Eine schwierige Sache bei der Lage der Dinge. Es entging ihm nicht, daß Burgl ihn scharf beobachtete, auf eine Aeußerung seinerseits ängstlich wartete. Das bs- unruhigte ihn von neuem. „J Hab' mir's überlegt." sagte er zu ihr,„i will ganz stad gehn in der z'widern Sach und vor der Hand keine Anzeig mach'n, vielleicht klärt sie sich do no auf." (Fortsetzung folgt.). kleines feinUeton. ck. Die Empfindungen eines Ertrinkenden analysiert der amerikanische Art Dr. James A. Lewson auf Grund seiner eignen Erfahrungen in einer Art, die zu den Vorstellungen, die man sich gewöhnlich darüber macht, in einem starken Gegensatz steht. Er machte den Untergang des amerikanischen Dampfers.Bokbara". der auf der Fahrt von Shanghai nach Colombo in einen Teifun geriet, mit. Nachdem den ganzen Nachmittag schwere Seen fortgesetzt über das Schiff gegangen waren, fuhr es llirz vor Mitternacht mit einem heftigen Krach aus ein Riff, und in noch nicht einer Minute lag die „Bothara" auf dem Grunde der Strohe von Formosa..Der schreck- liche Krach', schreibt der Arzt,.machte mir sofort den großen Ernst der Lage klar, ich zog die Nettungsgürtel herunter, warf meinen Gefährten zwei zu, band den dritten um und stürzte nach oben, um die Brücke oder die Takelage zu er- reichen. Es war keine Zeit zu psychologischen Studien übrig; trotzdem kann ich nie vergeffen, wie alle Passagiere wie gelähmt schienen. Die Stewards stiehen verzweifelte Schreie aus und ver» sperrten den Saloneingang zum Deck, und nur durch Gewalt konnte ich ihnen nachdrängen, gerade noch zur Zeit, da die erste schwere See sogleich die Kajütskappe niederfallen lieh. Auf Deck ging ich sofort zur Brücke und erstieg die Stufen, als ein völliger Waffer- berg von oben und von unten zu kommen schien und niich mit dem Kopf gegen die Brücke stieh und mir eine vier oder fünf Zoll lange Schnittwunde an der Schädelhaut beibrachte. Ich erinnere mich, daß ich dann versuchte, mich durch die Reling der oberen Brücke durchzukämpfen. Das Schiff ging augenscheinlich schnell uitter, und ich wurde mitgezogen. Ich machte klar unter Waffer und schwamm so- gleich, um die Oberfläche zu erreichen, wie ich glaubte, augenscheinlich aber nur, um weiter unterzugehen. Die Folge dieser Bemühung war eine Abnahme des Atems, und nach zehn bis fünfzehn Sekunden konnte die Ein- atmung nicht länger zurückgehalten werden und ein furchtbarer Druck auf der Brust begann sich zu entwickeln. Infolge der großen Schmerzen in der Brust beim Ein- und Ausatmen fühlte ich mich wie in einem Schraubstock, der allmählich festgeschraubt wurde, bis ich ein Gefühl hatte, als ob das Brustbein und die Wirbelsäule brechen mühten. Das.Schlucken' wurde häufiger und dann erlosch die Hoffnung. Obgleich ich kein Land gesehen hatte, wußte ich sicher, daß es nahe war, und ich hatte gehofft, wieder an die Ober- fläche zu kommen. Der Druck schien nach diesen, mehr« maligen schnellen.Schlucken' unerttäglich, aber allmählich, als die Kohlensäure im Blut anwuchs, wurde der Schmerz ge- linder. Gleichzeitig kamen die Awmngsansttengungen mit dem begleitenden Wasferschlucken in längeren Zwischenräumen. Dabei schien ich in einem augenehmen Traum zu sein, hatte aber genug Willenskrast. um an Freunde zu Hause zu denken. Ehe ich schließlich das Bewußtsein verlor, hatten die Brustschmerzen völlig ausgehört. und die Empfindung war thatsächlich angenehm. Wie lange ich im Wasser zugebracht habe, kann ich nicht sagen, aber ich denke etwa zwei Minuten. Ich wurde unter Wasser sehr gehindert durch die vorhergehende Anstrengung, auf Deck zu kommen, und dann durch den betäubenden Schlag auf den Kopf, so daß beim Untergehen fast nur noch zurückbleibende Lust in den Lungen war. Beim Versuch der Einadnung wurde der Mund sogleich mit Wasser gefüllt, und da der Kehldeckel den Kehlkopf schloß, begann sogleich das Schlucken. Ich glaube, daß der Kehl- decket nur während der kurzen Ausatnumg nach jedem Versuch der Einatmung nicht geschlossen war. Als das Bewußttein zurückkehrte, befand ich mich an der Ober- fläche des Wassers und konnte etwa zwölf gute Einatmungen machen. Ein flüchttges Aufblitzen zeigte mir das Land in etwa 400 Meter Entfernung, und ich benutzte zuerst einen Ballen Seide und dann ein langes Brett, um zum Ufer zu kommen. Diese und der Rettungsgürtel waren von großem Nutzen, daß mein Körper in der stürmischen See nicht auf das Riff geworfen wurde. Trotzdem waren Füße, Knie und Lenden arg zerschunden. Beim Landen hinter einem schützenden Felsen brauchte kein tüchtiges Erbrechen lünstlich erzeugt zu werden. Jedenfalls glaube ich nicht, daß viel Waffer die Luftröhre heruntergekommen ist.'— Theater. Lessing-Theater:„Geschwister Lemke'. Volksstück in vier Akten von Richard Skowronnek und Leo W a l t h e r Stein.— Eine Compagnie-Arbeit. Was diese Dichterfirma liefert, ist ein Berliner.Volksstück' nach altem Muster. Manches Echte hinsichtlich des altberliner Spießbürger- und Weißbierstuben-Milieus mit all seiner Plattheit und gemütlichen Behäbigkeit ver- mag bei verwandten Seelen ausgelassene Heiterkeit zu er- regen, wenn's auch nichts Neues ist. Das Ganze mutet doch an wie eine dramatisierte Borstadt- oder Gartenlaubengeschichte. Zwei Putzmacherschwestern haben ihren einzigen Bruder studieren lassen. Nun, da er das Llssesior-Examen glücklich bestanden hat. tritt zwischen beiden Parteien eine bitterböse Entfremdung ein. Denn Alfred besaß schon eine Braut, mit der er sich ohne Wissen der opferwilligen Schwester» heimlich verlobt hatte. Obendrein ist's eine Adlige, wenn auch.von Habenichts". Die Blaublütler sind natürlich sehr hochnäsig. Nur ihre beiden Kinder, nämlich des Assessors Braut und deren Bruder, ein Jnfanterie-Lieutenant, schlagen aus der Art. Sie lassen sich zum Bürgertum hinab. Gerda erzwingt sich ihren Assesior, und der Bruder erobert das Herz der jüngsten von den beiden Putzmamsells. Ja. noch mehr: er quittiert ihr zu Liebe seine Militärkarriere und asfociiert sich mit einem Socialdemokraten zu einem Fabrikgeschäft. Selbsttedend sorgen die Autoren, daß da- bei die politischen Anschauungen des blaublütigen Lieutenants a. D., jetzigen Fabrikbesitzers, und des nach üblicher Schablone gezimnterten Socialdemokraten nicht in die Brüche gehen. Jener liest die.Kreuz- Zeitung", dieser den.Vorwärts". Der Achtstundentag, die Beteili- gung der Arbeiter am Reingewinn und andre Dinge ergeben sich nebstbei von selber. In dein Zukunftsstaate der beiden durch kein Wissen und durch wenig Witz und Geist beschwerten .Dichter" giebt's keine Gegensätze mehr. Alles ist eitel Wonne— und die Spießerei von anno Tobak bleibt Trumpf. Der Soci heiratet die andre Putzmacherin und wird dadurch sogar der Schwager des Herrn Lieutenants. So vollzieht sich denn hier unter den Händen seichter Dramcnmacher ein Reinigungsprozeß, an welchem alle braven Philister gewiß ihre Augenblicksfreude haben, bei dem aber die Musen und Grazien Reißaus nehmen. Ob dies.Volksstllck" nun gerade in das Lessing-Theater paßt, ist freilich eine andre Frage. Gespielt wurde im ganzen gut. Karl Waldow, Albert Patry, Meta Jäger, Elise Sauer, Vera Witt und Franz Schönfeld verhalfen den«Lemkes" zu einem Schein- erfolge.— e. k. Freie Volksbbühne(Metropol- Theater):»Klein E h o l f", Schauspiel in drei Aufzügen von Henrik Ibsen.— Der Verein„Freie Volksbühne" hat sein neues Spieljahr wieder begonnen. Daß gleich die erste seiner Veranstaltungen einem einst viel umstrittenen Werke des modernsttn und größten Dramatikers galt, ist ein verheißungsvolles Zeichen. Man darf vielleicht auch damit die gewiß in vieler Hinsicht berechtigte Hoffnung verknüpfen, daß auch bei allen folgenden Darbietungen der Hauptdruck auf wirklich musterhafte Aufführungen durch er- lesene künstlerische Darsteller gelegt werde. Es handelt sich darum, nicht bloß im Rahmen üblicher Leistungen zu verbleiben, die an diesem oder jenem öffentlichen Theater auch gang und gäbe sind, sondern in erster Linie höchste Vorbildlichkeit zu erstteben, sowohl für die Vereinsmitglieder, als für die Mitwirkenden. Es gilt, die Werke der Dichter in deren intimsten Intentionen auszubreiten, damit die Zuschauer in die Sphäre reinster und reichster Kunst er- hoben werden. Der letzteren Dank und Anerkennung wird den sich in den Dienst des Vereins stellenden Schauspielern um so rückhalt- loser zu teil werden, als diese das Beste und von jedweder „Routine" befreite Tiefste und Verinnerlichste zu geben bemüht sind. Eine von so besonderen Strebungen ausgehende und mächtige Ver- einigung wie die„Freie Volksbühne" darf an ihre Aufführungen und deren Vermittler die höchsten Erivartunaen stellen. Ob diese bei der Vorstellung von„Klein Eyolf" erfüllt wurden, das möchte indessen doch nicht in allen Teilen bejaht werden. Als Ganzes bettachtet verdient die Darstellung das Lob möglichster Abrundung. Es blieb aber-noch ein guter Rest ungethan. Vor allem vermißte man die völlige Ausschöpfung des dichterischen und ethischen Gehalts, der, wie in den meisten Jbsenschen Dramen, so auch hier, gegen den Schluß hin zu weihe- vollster Vermenschlichung hinandrängt. Joseph Klein als Alfred AllmerS bot gewiß so manches Vortreffliche, er schlug besonders beini Verluste des Kindes warme weiche Ge- fühlstöne an. Ein gleiches geschah auch, wenn er mit Asta bei- sammen war. Ebenjo rang er sich Rita gegenüber zur gebotenen Härte durch. Aber da, wo beide sich im Beginn einer neuen, ihren Herzen verwandten Lebensaufgabe wieder zusammenfinden, da versagte doch seine Kunst, da wurde seine Sprechweise wie sein Spiel konventionell und versank in Kraftlosigkeit. Aber auch die „Rita" der Helene 3t o s n e r hatte hier nicht viel besseres zu geben. Die ganze Leidenschaftlichkeit, die nur sich selber keimt, beißenden Hohn und Spott, all das vermochte sie auszuströmen und diese Frauengestalt von ihrer ursprünglichen, unsympathischsten Seite zu zeigen. Aber man vergegenwärtige sich nur, wie hoch die beiden Charattere zu steigen haben, wenn uns die Absicht des Dichters durch die Darsteller deutlich werden soll. Diese Wandlung, welche bei Ibsen das erlösende Moment be- deutet, blieben Allmers und Rita uns schuldig. Dennoch verschaffte es Genuß, einer Darstellerin begegnet zu sein, die über ungewöhnliche Mttel gebietet und großen Aufgaben ge- wachsen erscheint. Eine einheitliche Leistung bemerkte man dagegen bei Elsa Kardätz, einer nnsres Wissens bisher in Berlin noch fremden Kiinstlerin. Ihrer Asta war das eigen, als was sie der Dichter hingestellt, und man darf der Vereinsleitung für die Belanntschast mit dieser Darstellerin dankbar sein. Ebenfalls zum erstenmal lemte man in Margarete P i x eine neue Kraft kennen. Sie vermochte die„Ratten- mamscll", in welcher ich doch ttotz mancher entgegengesetzten Meinung das symbolische Element für das Echuldbewußttv erden Ritas und Allmers zu erkennen vermeine, sehr wirksam zu geben. Hermann Schmelzers Ingenieur Borgheim zeigte sympathische Züge, ohne merlliche Eigenheiten. Recht hübsch führte der kleine Kurt Müller als Eyols seinen Part. Das Stück übte an- scheinend eine tiefe Wirkung aus.— e. k. ek. Thalia-Theater:«Der Hochtourist". Schwank mit Gesang in drei Alten von Kurt Kraatz und Max Real.— Ein echter Berliner und ein echtes Münchner Kindl, ttotz seines englisch-amerikanischen Familiennamens, haben hier in gemeinsamer Compagniearbeit ein höchst amüsantes Stück geschaffen, das einige Dauer verheißt und obendrein wirklich deutsch genannt werden kann. Die bayrische Alpentouristerei giebt die wirksame Folie ab. In Wahrheit handelt es sich aber um gar keinen wirklichen Berg- lraxler. Herr Mylius, der Direktor einer Berliner Aktiengesellschaft, ist zwar oft bis in die Alpen gekommen, hat jedoch nie eine Hochtour unternommen. Trotzdem gilt er in den Augen seiner ehrgeizigen Frau als einer der kühnsten Touristen. Denn er war so klug, stets in Briefen solche fingierten Kletterpartten begeistert zu schildern. Diese Briefe giebt nun seine Frau als Buch heraus. Das hat mancherlei im Gefolge. Mylius wird bald in alpinen Fachkreisen als bedeutender Bergbezwinger und Schriftsteller gefeiert. Aber die Geschichte hat einen bedenklichen Haken. Mylius hat nämlich alle seine Schildenmgen dem Buche eines Alpenschriftstellers entnommen. Dieser Umstand bringt für ihn eine Masse von tragikomischen Ver- Hängnissen herauf und die Autoren haben in der Erfindung und Gestaltting derselben alle Minen ihrer grotesken Laune springen lassen. Berliner Witz und bajuvarischer Humor vereinigen sich hier zu zündender Wirkung; die Situationskomik giebt sich ungezwungen und die findigen Schwankdichter wissen ihrem Haupthelden immer neue Verlegenheiten, dem Publikum immer neue Ergötzlichkeiten zu be- reiten. Schließlich aber endigt alles gut und glücklich. Schriftsteller Lindcnberg wird der Schwiegersohn des Herrn MyliuS, seines Plagia- lors, und auch des letzteren andre Tochter, die Studentin Alice, wird, nach einer unseligen Liebelei mit dem Sohne des alten Bergführers, Dr. Mertens Braut. Die Spannung läßt nicht locker, bis der Vor- hang sich senkt. Die Jnsceniernng des Stückes ist gelungen, die Besetzung durchweg vortrefflich. Besonders anzuerkennen ist, daß sämtliche Dialektrollen von bodenständigen Darstellern vertreten werden. Max Hofpauer fügte seinen zahlreichen Glanzrollen eine neue als„Rainthaler" hin- zu. Victor Bausenwein war ein wackerer„Sepp", I o s e p h i n e D o r a ein fesches„Regerl", in Schnadahüpfeln, Couplets und Hochlandsliedern kehlfertig und eigen. Herbert Paulmüller gab eine gute Figur als Vater Mertens. Fritz Helmerding war ein brillanter Baron und Helene Brahms als Frau Mylius, Marie Manci und Gertrud Wehling als deren Töchter konnten kaum noch besser sein. Guido Thiel scher aber ttug doch als Direktor Mylius den Löwenanteil des durch- schlagenden Erfolges davon. Es gab Kränze und Blumen in Hülle und Fülle.— I. Deutsch-amerikanisches Theater,„lleber'n großen Teich". Heitere Bilder mit Gesang aus dem Leben der Deutsch-Amerikaner in fünf Abteilungen von Adolf Philipp.— Das Metropol-Theater hat einen Konkurrenten bekommen und Hugo Baruch u. Co., die bekannte Firma für Ausstattungsstücke, einen neuen Kunden. Wer»das fesche Madl mit dem strammen Wadl" liebt und Gefallen an Gruppenscenen mit Gesang und Tanz hat, bekommt jetzt in Berlin zweimal serviert: Unter den Linden und in der Köpnickerstraße. In den, kleinen, intimen Theater Wolzogcns, das einer feinen, auserlesenen Kunst dienen sollte, werden jetzt billige deutsch-amerikanische Späße verramscht; Bierbaums „Lustiger Ehemann" ist pleite, und«Molly der kleine Nigger" hat das Geschäft übernommen. Die fiinf Bilder des Stückes schildern ein halbes Dutzend Jahre aus dem Leben der Deutsch-Amerikaner. Mit der Ankunft aus der Einwanderungsinsel beginnt's. Alles Zwischendeck-Passagiere: Ein Paar echte Berliner Kinder, Louis Strumkohl und Mine Brand. machen mit faulen Witzen ihrer Vaterstadt Ehre. Der biedere Schwabe Jeremias Hitzköpfele, mit seiner besseren Hälfte und 'einen zehn Kindem, repräsentiert den deutschen Fleiß. Hein Lehmkuhl, ein Vierländer aus der Hamburger Gegend, die deutsche Treue und Ehrlichkeit. Hulda Knorpel, die sächsische„Näh- mamsell mit dem. doppelten Steppsfich", versucht auf ihre Weise ihr Glück in der Neuen Welt zu machen. Natürlich fehlen in dem Stück auch nicht die Liebe und die Hartherzigkeit. In dem Brauereibesitzer Karl Woermann wird uns der hartherzige Vater vorgestellt. Den Sohn verstößt er, weil er ihm ein Dienstniädchen als Schwiegcr- tochter ins Haus bringen will; die Tochter wirst er einem her- gelaufenen Baron an den Hals, der ihm in kürzester Zeit das stattliche Vermögen bis auf den letzten Pfennig ver- pulvert, Wechsel fälscht, die Frau sitzen läßt ic. Zum Schluß kommt dann natürlich eine umfassende Versöhnung. Couplets belehren uns noch einmal darüber, was die einzelnen Personen deS Stückes gewollt und was sie erreicht haben. Gruppenbild. Feenhafte Beleuchtung. Musik: Schnedderengteng. Ende gut, alles gut. Das Stück gefiel. Mit den, Beifall wurde nicht gekargt. Ge- spielt wurde gut. Allen voran marschierte Adolf Philipp, der Direktor des Theaters und der Verfasser des Stückes; er gab den Vierländer Hein Lehmkuhl. Neben ihm mögen noch GreteGalluS (Mine Brand), Martha Glück(Hulda Knorpel) und HanS L ü p s ch ü tz(Louis Strumkohl) genannt sein,— Musik. Es scheint nachgerade genug der Klagen über Niedrigkeit der neuen Operetten in Text und Musik zu sein. Und doch muß man leider immer wieder auf diese traurige Sache zurückkommen. Am Sonnabend haben wir abermals Grund dazu bekommen. Die Sommerspielzeit unsres Central-Theaters im Raum des „Reuen Königlichen Opern- Theaters"(Kroll) benützt schon seit zwei Jahren die bequeme Gelegenheit, den anspruchS- loseren Sommergästen vorzuführen, was im Winter gerade für Untcrhaltungs-Theater passen würde. Schade um die Künstler jener Truppe! Sie würden an einer großen Aufgabe leicht emporwachsen, und sie halten sich auch bei un- würdigen Aufgaben im ganzen gut. So auch diesmal bei der Erstaufführung eines Importes aus Wien, von dem man hoffentlich keine voreiligen Schlüsse auf die gelviß weit höhere Produktiouskrast jener Musikstadt zieht.„Der liebe Schatz", Operette in drei Akten von A, Landesberg und Leo Stern, Musik von Heinrich Reinhardt, ist nicht einmal eine erzählenswerte Posse. Hauff, die Adoptivtochter einer alten Koketten, wird von einem Tenor und einem Baryton sowie von einem hosenrolligen Gymnasiasten, der bei seinen Liebeserklärungen noch mit einer Uebelkeit vom Rauchen kämpfen mutz, angeschwärmt. Unter Bermittelung eines Gesundbeters aus Amerika, der sich als ihr Vater erklärt, ivimmclt sie zu Gunsten des ersten die zwei andern Liebhaber ab, nachdem die verschiedentlichen Operettenepisoden erledigt sind. Die Musik macht manchmal sozusagen gigantische Anläufe, und zwar auch dadurch, daß sie den Sing- stimmen weite Umfänge zumutet. In der That freilich ist sie ein Zeugnis gründlicher Studien auf dem Gebiete der Geschichte der Operette— aber nicht im Sinne eines Fortführens einer Entwicklung. Ferner bekommen wir in dem Refrain des „Liedes vom Zeiserl" das alte„Verlassen, verlassen' zu kosten. Die Schmachtfetzigkeit des Komponisten ließ ihn nicht einmal eine zu frischer charakteristischer Betonung geradezu herausfordernde Rolle („Greif zu I" usw,) anders als weinerlich behandeln. In den Duetten und Terzetten ist nicht einmal so viel geleistet, wie selbst schon minder bedeutende Operetten erreicht hatten. Einige Spuren Geschick- lichkeit in der Führung des Finales seien gern anerkennend ver- zeichnet. Daß wir wieder keine Namen der Mitwirkenden von der Bühne nennen, möge als Zeichen unsrer Achtung vor deren gesamten Leistungen gelten. Als neu erschienen uns die Namen des Regisseurs Berthold Glesinger und des Dirigenten Siegfried Moritz, Sie»machten ihre Sache gut; letzterer gab sich viel Mühe, gerade das Weinerliche des Stückes getreu heraus- zubringen, Das also unter dem äußeren Namen uusres großen künstlerischen Weltinstitutes, der königlichen Oper! Was im Innern dieses Institutes vorzugehen scheint, das sollte uns einmal ein Kundiger künden, Oder sind gar die uilgünstigen Raumverhältnisse schuld an der Weise, wie dort die zahlreichen tüchtigen Kräfte mißbraucht Iverden? Allerdings sind jene Verhältnisse in der That bedauerlich. In einer Zeit, die an öffentlichen Bauten wahrlich wenig leistet, könnten wir an Stelle der zwei Kästen, die drinnen und draußen für die Oper da sind, doch wohl bald ein ordentliches Operntheater bekommen. Der Littmannsche Entwurf eines Doppeltheaters für Stuttgart sollte in Berlin zum Vau eines neuen Opernhauses nach dem neuen Typus der Vereinigung zweier Räume anregen. Wir brauchen einen großen, aber auch wirklich geräumigen für die„große" Oper und einen intimen für die„Spieloper". Einstweilen müssen wir über noch eine Operettenanffiihrung be- richten, die jedoch erst stattfinden wird. In einigen Wochen soll die Enthüllung des Wagner-Denkmals samt den und den Veranstaltungen vor sich gehen. Seit einem Jahre wird die Welt mit de» Diners, Ehrenernennungen usw., die das Komitee betreibt, in Atem ge- halten; zahlreiche Personen der Wagner-Gemeinde haben sich verleiten lassen, die Angelegenheit durch Proteste u. dgl. wichtig zu machen, und bor kurzem zogen sich verschiedentliche ernstere Leute, die eingcfangen ivaren, zurück. Natürlich gellten die Undank-Rufe. Nun würde das Byzantinische und das Persönliche in der Angelegenheit allein genügen, um diese verächtlich zu machen. Doch nicht nur dies? und keineswegs soll jeder Protest zugleich eine Beschuldigung unlauteren Vorgehens sein. Aber das unsagbar. Lärmartige der Sache und ihr ekeliger Gegensatz gegen das, was Wagner an Künstlernot durchzumachen hatte, verdienen vor allem, daß jeder künstlerisch Interessierte ein solches Treiben sich selber überläßt. Und damit auch für uns genug l � sz. Aus dem Tierleben. — Ueber das Wandern des Hummers und der Krabbe plaudert C. Siebertz in der Wochenschrift„NerthuS": Um zu erforschen, ob Hummer und Krabbe von Natur zum Wandern geneigt sind, wie die Sardinen, die im vergangenen Jahre aus- blieben, hat die Kommission der Fischereien von Northumberland von April bis Juni einige Hundert dieser Krustentiere genommen, etikettiert und wieder ins Meer gesetzt. Dreizehn derselben wurden später in einer Entfernung von 8—1600 Meter vom Einsetzpunkte und zwar in einer Maximaltiefe von 16 Meter wieder angetroffen. Einen Weg von 3 Kilometer hatten nachweislich nur 2 Tiere zurückgelegt, die dazu einen Zeitraum von 1 Monat gebrauchten und stets der Küste gefolgt waren. Die Hummer sind also wenig wanderlustig, und man kann ruhig die Iveiblichen, mit Eiertrauben beladenen Tiere ins Meer setzen, ohne befürchten zu müssen, daß sie sich verziehen und die Nachbarschaft mit ihrem Nachwuchs bereichern, Wie ist es nun bei den Krabben? Williamson hat uns eine analoge, sehr ausgedehnte Erhebung über die Biologie der eßbaren Krabbe zugängig gemacht. Diese Ltrabbenart ist auch an den fran- zösischen Küsten sehr geschätzt, Ihr Fang wird dort mit einer solchen Aktivität betrieben, daß im Kanal de la Manche und auf der Westküste von England und Schottland die Zahl derselben von Jahr zu Jahr derart abgenommen hat, daß es sich als notwendig erwies, gesetzliche Schutzmaßregeln gegen das allmähliche Ver- schwinden der Tiere zu schaffen. Im Sinne der Aufklärung und um diese Reglements auf eine gesunde Basis zu stellen, übernahm zur Zeit ein Komitee der schottischen Fischereien das Wissenschaft« liche Studium genannter Krabbeuart, dessen Ergebnis ich in Kürze folgen lasse: Die Tiere legen ihre Eier im November, Dezember und Januar-und bewahren dieselben unter dem Hinterleibe ange- heftet 7—8 Monate lang. Das Ausschlüpfen der Larven tritt im Juli und August in der Nähe der Küste ein. Große Tiere tragen nicht weniger als 3 Millionen. Die Zahl der männlichen Tiere ist ungefähr gleich derjenigen der weiblichen; auf 100 Weibchen kommen durchschnittlich 98 Männchen. Mit voller Gewißheit hat sich die Thatsache der jährlichen Wanderungen ergeben. Eine große Zahl Krabben wurde in den verschiedenen Monaten des Jahres genommen, mit einer Nickel-Etikette versehen und wieder ins Meer gesetzt. Einige der Tiere wurden an ganz andern Stellen wieder aufgefischt, wie die zur Feststellung des Ergebnisses vor- her nach der Karte besonders gemerkten Punkte der Eiusetz- stellen ergaben. Mit Ablauf der Monate März- April verlassen die Krabben die Tiefen und wandern den Ufern zu, wo sie bis Juli in Tiefen von höchstens 14 Meter angetroffen werden. Im August und September wenden sie sich wieder seeeinwärts und gewinnen 3—0 Kilometer von der Küste entfernt die tieferen Stellen (36 Meter), 4vo sie während des ganzen Winters bleiben. Es hat den Anschein, als wenn nicht der Temperaturwechsel, sondern die Suche nach reicheren Rahruugsplatzen die Ursache der jährlichen Wände- rungen sei. Während des Ziehens legen viele Krabben in kurzer Zelt verhältnismäßig weite Strecken zurück(bis zu 4 Kilometer in zwei Tagen). Die mit einer Nickel- Etikette versehene, am weitesten ge- zogene Krabbe ist auf der andern Seite des Golfs von Förth wieder- gefunden worden(29 Kilometer in sieben Monaten).— Humoristisches. — Schwierig. An den Seiten einer staatlichen Landstraße sind Obstbäume gepflanzt. Das Obst wird alljährlich versteigert und der Sttaßcnwärter hat seiner vorgesetzten Behörde über die Versteigerung Bericht zu erstatten. Eines Tages geht der inspizierende Beamte mit dem Straßenwärter und bemerkt verschiedene Zwetschgen- bäume.„Aber, mein Lieber," sagt er,„Sie haben ja auch Zwetschgen. Dabei berichten Sie immer nur über Aepfel und Birnen?" „Die Zwetschgen habe ich alleweile zu die Birnen gerechnet," sagt der Straßenwärter. „Aber warum in drei Teufelsuamen?" „Ja, Zwetschgen, das sagenSie wohl so hin, aber schreiben Sie es mal!"— — Einkehr.„Jetzt Hab i schon ä Dctektivbureau, an Cigarren- laden, a photographifches G'schäst, a Kunsthandlung gchabt und jetzt Hab i a Rennroß; wenn jetzt i mit dem Viech a nix auffteck, kann i mi einsalzen lassen oder i mutz rein dös thun, was i in der Jugend gelernt Hab."—(„Simplicissimus".) Notizen. — Felix Dörmann hat ein neues Stück„Die Mama" vollendet i die Erstaufführung wird im Kleinen Theater vor sich gehen.— —„Die Raben" von Henry Becques wird die erste Novität des Kleinen Theaters in dieser Saison sein.— — Die Direktion der Philharmonischen Konzerte beabsichtigt das Aufführungsrecht dernachgelassenenOrchester« Werke Hugo Wolsfs zu erwerben; die Kompositionen fallen dann im zweiten Cyklus der diesjährigen Konzerte aufgeführt werden.— — Die Uebungen der S i n g a k a d e m i e beginnen heute wieder; vorbereitet wird„Paradies und Peri".— — Ein Theaterzettel aus dem Jahre 1743. der als Kuriosum im Stadtmuseum in Braunschweig aufbewahrt wird, enthält nachstehende wörtliche Schlußbemerkuug:„B. B. Bekwemlichkeit des PublikumSS ist angeorden tas die erste Reihe sich hinterlegt, die zweude Reihe knieth, die drüdde sützt, die vührde steht, so könncns Alle sehen. Das Lachen ist Verboten, weilS ein Drauerspiel isst."— Verantwortl. Redakteur: JuliuS Kaliski in Berlin,— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und VcrlagSanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW.