Ilnterhaltungsblalt des Horwärts Nr. 176. Mittwoch, den 9. September. 1903 (Nachdruck verboten.) 28] Die Hchenbachcr. Roman von Anton v. Perfall. „Lorenz! Lorenz!" begann der Alte, ihn am Arm packend und mit feinen erloschenen Augen in den Zügen des Sohnes forschend: „Sag, daß net wahr is! Daß D' grad an Spaß hast mach'n woll'n mit der Burgk." Ekel packte Lorenz,„'s is aber wahr," schrie er den Alten an.„Ter Flori kriagt d' Resl, und kein Mensch hat da mehr drein z'red'n." Das runzelige Antlitz verzerrte sich, der zahnlose Mund blieb offen stehen. „Nimm Di in acht, Lorenz!" Er hob drohend den Finger.„Daß kein andrer drein redt!" „Sag glei, der Achenbach," bemerkte Lorenz,„daß Di net furchst, unfern Herrgott zum Diener z'mach'u von Dein' Haß. Der will ja nix wiss'n davon, der freut si ja grad über so an Ausgang." „Nacha is Dein Herrgott an andrer Herrgott als der mein'," erwiderte der Greis im Tone fester Ueberzeugung; „der mein' dreht und wendt si net, dein sein Will'n steht fest, und was sein Will'n is, das hat er uns Achenbachcr deutli zeigt mit der Gnad', die er ausgoss'n hat über unser Haus, mit dem Fluch, den er g'schlcudert hat auf die Lehner. Jetzt thua, was D' magst, i, i halt's nüt dem da." Er deutete auf den in dem ewigen Lichte seine schmerz- verzerrten Glieder badenden Christus. „I bin z' alt, mi an an neuen Herrn z'gwöhna." Sich vor dem Bilde bekreuzigend, wankte er aus der Stube. * Es war ein herrlicher Sonntag, der auf diesen für Flori so bedeutungsvollen Samstag folgte. Lorenz zog es vor, den Tag in der Holzhütte des Schindl- grab'n zuzubringen. In einer Woche denkt Burgl und der Alte vielleicht doch anders über die Sache, während jetzt mir neuer Streit zu erwarten war. Flori hatte er bis jetzt in die Ereignisse des vergangenen Tages noch nicht eingeweiht; verschiedene Gründe be- stimmten ihn. Er hatte das Bewußtsein, manches Unrecht in seinem Leben mit der That von gestern ausgelöscht, vor allem aber für die Zukunft gesorgt zu haben. Es war ja das einzig Richtige— nur die Leidenschaft konnte das Auge so trüben— durch eine Heirat wieder zu vereinigen, was nie hätte getrennt werden sollen. Ja selbst von dem Standpunkte aus, den er früher einnahm. Was konnte er sich denn Besseres wünschen, als daß der Name Lehner völlig verschwand auf der Höh? Name und Hof, und das mußte die Zukunft ja bringen. Wie nach einem schweren, aber gelungenen Tagewerke saß er selbstzufrieden vor der Hütte, auf den goldig herab- blitzenden Segen des Westerwaldes blickend, den wirren, dickten Haufen tadelloser Sägeprügel, welche auf einem Lichtschlag oberhalb des Grabens bereit lagen. Im der Nacht hatte es geregnet, das„Föllern" mußte vortrefflich gehen auf dem glatten Boden. Morgen sollte damit begonnen werden. Eine voreilige Gesellschaft von etwa vierzig Stück schwerer Sögehölzer war bereits oben in das Gefäll des Grabens gerutscht und hatte sich, wohl auf irgend ein Hindernis stoßend, verkeilt, einen förmlichen Wall bildend, der erst entfernt werden mußte, ehe man oben mit dem „Föllern", dem Loslassen der Stämme, beginnen konnte. Flori äußerte als praktischer Arbeiter seine Bedeiiltni, indem er die verstauten Stämme sich genau ansah. � Man müsse mit der äußersten Vorsicht bei Wegschaffung derselben vorgehen, es sei„den Tropf'n net z'trauen" und kein Platz zum Ausweichen an der Stelle.„Am besten wär's, wenn's von selber's Gehn anfinga!" Lorenz hingegen, der sich heute wieder als junger, jede Gefahr verachtender, durch seine Gewandtheit berühmter Holzer von ehedem fühlte, fand an der Arbeit gar nichts Bedenkliches. Er sah genau, wo man's anzupacken habe. „Den obern Prügel, der fast grad in d' Höh steht, a bißl nach rechts drahn mit'n Griesbeil, und das ganze G'raffl geht durch. Grad da, grad' nüb'r braucht's a biß! aussäubern." Er wies auf eine Stelle des Grabens, wo von den Seitenwänden abgerutschtes Gestein und Sand die Schleuse verengte. „ftönnt'n si leicht no amal verrenna, wenn der große Schub kommt, nacha gibt's Scherb'n." „Und wenn's ob'n auslaßt," meinte Flori, von neuem einen besorgten Blick aufwärts richtend,„dann gibt's kan Ausweichen net." „Das gibt's net," erwiderte Lorenz;„weil i gestern nach- g'schaut Hab', von selb'r können s' net los werd'n." Während sie so hin und her sprachen, raschelte und knickte es plötzlich im Hochwald, und als sich Flori wandte, erblickte er zwischen den grauen Stämmen, aufwärts sich bewegend, bunte Farben, ein Frauenzimmer!. „Jessas, die Resl!" sagte er dann plötzlich, von seinem Sitz aufspringend.„Was führt die wohl auffi zu uns?" „A Botschaft halt!" meinte schmunzelnd Lorenz, welchem der Zweck dieses Besuches keinen Augenblick zweifelhaft war. Resl hatte ein gar seltsames Benehmen. Als sie in die Nähe gekommen war, blieb sie bald zögernd stehen, bald lief sie wieder eine Strecke. Sie war im besten Sonntagsstaat; ein brennrotes Sträußl steckte auf dem grünen Hut. Aber erhitzt war sie, außer Atem. Plötzlich eilte sie dicht an Flori vorbei, ohne ihn nur an» zusehen, auf den Ächenbacher zu, fiel vor ihm auf die 5knie, ergriff laut schluchzend seine Rechte und bedeckte sie mit Küssen und Thränen. Und der Vater ließ das alles geschehen, dann hob er das Mädchen schmunzelnd auf, hielt sie mit beiden Armen vor sich hin und sah ihr fest in das dunkelrote, thränenfeuchte Antlitz. „Bist jetzt z'fried'n mit unsrer liab'n Frau von der FerleSkunt?" fragte er. Da lächelte sie gar liebsam und warf einen verschämten, hold verschleierten Blick auf Flori, dem das alles ein Rätsel war. „Ja, weißt denn Du no gar nix?" fragte sie erstaunt. „Flori!" Ihre Stimme erstickte die Thränen.„Flori!" Es war ein Jubelschrei, der keine weitere Deutung brauchte. Sic lag schluchzend vor Seligkeit an seiner Brust. Noch einmal richtete der junge Mann einen fragenden Blick auf den Vater. „IS denn wirkli wahr?" Lorenz nickte stumm. Da sanken sie beide vor ihm auf die Knie, und er legte segnend die Hände auf das jugendliche Paar. „Unser Herrgott segne Euren Bund und laß an neu'n, g'sunden Stamm draus entstehn, der nix mehr weiß von dem alten Haß und der alten Feindschaft. Amen!" Etwas Priesterliches lag in dem Tone der dunklen Stimme. „So, und jetzt plautscht's Euch aus," sagte er dann in völlig verändertem Tone, als ob er sich seiner weichen Stimmung schämte, alle weiteren Dankbarkeitsergüsse der jungen Leute zurückweisend. Er trat in die Hütte. � Lenz hatte schon vor Tagcsgrauen das Haus verlassen. Er ging dem Westerwald zu. Für alle Fälle steckte er das Abschraubgewehr, das ihm schon gute Dienste geleistet, unter seine Joppe. Sonst stand ihm der Sinn nicht nach Wald und Weidwerk. Jetzt galt es nicht mehr allein, Vergeltung zu üben an seinem Todfeind, dem Achenbacher, fondern seine ganze Existenz zu verteidigen, sein Heim, aus welchem ihn dieser zu guter Letzt vertreiben wollte, wie einen räudigen Hund. Da wehrt sich z'letzt jeder! Die letzten Bedenken schwanden. Jetzt galt's nur noch,„wia anpack'n?" Bei seiner völligen Ratlosigkeit blieb ihm nichts übrig, als vorerst den Bau des alten Fuchses, die Holzhütte im Schindlgraben, scharf zu beobachten, seinen Aus- und Eingang, wie man*# auf der Wildbahn treibt. Er umging vorsichtig die Hütte, schlich den Hochwald hinauf und suchte sich einen geeigneten Beobachtungs- Posten auf. Bläulicher Rauch lag über dem Dach, der Bau war be- zogen. Dann kam richtig der Achenbacher heraus, mit Flori im besten Einvernehmen. Sie deuteten auf die im Graben eingekeilten Hälzer hinauf. Lenz lag dicht dabei. Er hatte bis jetzt nicht darauf ge- achtet in seinem Beobachtungseifer. Jetzt fiel auch sein Blick darauf. Er vergaß darüber ganz die beiden unten, so interessierte ihn das Gewirr von Stämmen, die sich mitten im Sturze durch ein Zusammenfügen, wie es keine Menschenhand ver- mocht hätte, zu einem schwebenden Gerüst vereinigten. Sein Fuß stützte sich sogar auf einen Sägprügel, welchen der Prall über die Kante des Grabens geschleudert, so daß er pendelnd schwebte, dem leisesten Druck seines Fußes nach- gebend, während er mit dem unteren Ende schon in den Haufen ragte. Lenz' Auge bohrte sich, von einem Gedanken erfaßt, in das Gitterwerk der Stämme. Er studierte seine Konstruktion. Plötzlich bemerkte er, wie der Stamm unter seinen Füßen ferne Bewegung als Hebel auch den andren mitteilte; ein leises Zittern und Rücken ging durch den Haufen. Da zog er den Fuß rasch zurück. „Das gäbat an Rumpler!" sagte er vor sich hin.„Jetzt brauchat er grad in der Rinn z'stehn." Er blickte rasch hinunter. Die beiden Achenbacher waren hinter der Hütte verschwunden. Er setzte noch einmal leise den Baum zu seinen Füßen in Bewegung. „Aber heut is Sonntag, und morg'n räuma's ab. Ja, wenn's so leicht gang'! Das wär' was Bessres als der durch- g'sägte Steg. Der Holzstoß is ganga und hat'n mitg'nomma! Da gäbat's weiter kein Red'n mehr." Er legte sich auf den Rücken und hing seinen Ge- danken nach. Der Urban handelte do eigentli erbärmli an ihm! Was hat er ihm net Dienst erwiestn grad die letzte Zeit! Jetzt setzt er'n kaltblütig auf d' Straß'n, weil's der Achenbacher so will! Und er, er will ihm dafür a no zur Burgl verhelf'n, sein G'wissen mit an Mord b'schwer'n für den säubern Bruaderu. Was kann's ihm denn verschlag'», wenn der Flori die Res! nimmt? Was will er denn von ihr? So a arm- selig'r Loder, in dena Jahr'n, bluatsverwandt! Das Madl wär' so glückli— der Flori is ja gar kan so unebner Mensch, wenn er kan Achenbacher wär'! Aber er dürft's ja gar net mitanschaun das Glück— er müßt ja fort— auf imma! So verlangt's der g'hässige Mensch. Und was hat er ihm je gcthan? Nix, gar nix, als daß er sich hat bluatig schlagen lass'n von ihm und wia an Hund b'handeln. Damals bei der Wahl, mit'n Füaß'n hat er ihn tret'n vor alle Leut, und dann auf der Alm— dann die G'schicht mit die vierhundert Mark. Grad glänzt hat er vor Freud, daß's jetzt ins Zuchthaus geht mit'n Lenz! Und jetzt will er'n auf die Straß'n werf'n und a Almos'n nach, wia an Bettler! Na, so hab'n ma net g'rechnet. Achenbacher! (Fortsetzung folgt. X (Nachdruck verboten.) Chawc RuMm Erzählung von Alexander Swientochowski.' Shmches Urgroßvater, der den Namen eines Edelsteins hatte besitzen und dies Zauberwort seinen ttindern vererben wollen, hatte sich Rubin genannt. Aber dieser Umstand half weder ihm, noch seinen Nachkommen. Symche war ein Rubin, aber in das vollendetste Elend gefaßt. Ihm fehlte wirklich nichts, was nur immer ein armer Teufel brauchen kann, um ganz zu Grunde zu gehen. Als„EHussit" saß er fortwährend im Bethaus; überzeugt, daß er aus„sehr guter Familie" sei, behandelte er sich als Berühmtheit, die die Welt unter- stützen müsse und nicht sterben lasten werde; seit einer Reihe von Jahren endlich brustkrank, war er zu jeder Handarbeit unfähig. Der Tod des Vaters gab ihm schließlich den letzten Stoß. Er erhielt nämlich als Erbgut das Viertel eines Hauses in Kazimierz an der Weichsel; dieses Haus war eine zerfallende Hütte, deren unteres Fensterbrett bereits unter den Rand der kotigen Gasse gesunken war und die der Stadtkassicrcr selbst als„als der Demolierung bedürftig" von allen Abgaben befreit hatte. Nichts dejtoweniger war Symche auf sein Erbteil, da» ihm den Tite!»Hausherr" eintrug, nicht wenig stolz. Er nahm in die Zimmer, die sein ganzes Besitztum repräsen- tierten, zwei Mieter auf und seit der Zeit zankte er sich mit ihnen oder versprach Reparaturen„für den Frühling", oder er saß auf der Bank vor der Thür und sonnte sich, wobei er mitunter drei Hühner mit gekochten Kartoffelschalen fütterte. Das Bethaus begann er zu vernachlässigen. Krankheit, Hunger, Familienstolz und endlich das Bewußtsein seiner Hausherrnwürde brachten den armen Juden in einen Zustand vollkommener Unfähigkeit. Wenn der Müßiggang ihn quälte, ging er auf den Marktplatz und sprach mit den Vorübergehen- den über die zahlreichen Käufer seines Besitztums, das niemand haben wollte. Da auch seine Mieter nicht zahlten, zerbrachen sich die Leute die Köpfe darüber, wovon Symche mit seinen vier Kindern lebte. Die Lösung dieses Rätsels bewerkstelligte aber Chawe Rubin, seine Frau. Ein Künstler, der im stände ist, beschädigte Bilder aufzufrischen, hätte die dreißigjährige Chawe wahrscheinlich schön gefunden. Und wirklich konnte jeder noch die regelmäßigen Züge ihres Gesichts er- kennen, eine graziöse Nase, ein feuriges, schwarzes Auge, ein kleines. modelliertes Ohr und ein gewinnendes Lächeln, aber all' das war durch so viel Elendszeichen entstellt, daß ich es vorziehe, mehr von Chalves Arbeitsamkeit, als von ihren Reizen zu sprechen. Denn Chawe war fleißig, so fleißig, wie nur immer eine Jüdin sein kann, wenn sie ihren Mann und ihre vier Kinder von Handelsgeschäften erhält, ii? denen drei Rubel das ganze Umsatzkapital bilden. Wäre Chawe als Katholikin zur Welt gekommen, so hätte sie wahrscheinlich täglich ein Paar polnische Gulden') verdienen und im Ueberfluß leben können; als Jüdin gab es für sie zu viel Arten von„diesem Handel" und sie mußte sich ausschließlich mit dem Zwischenhandel bei unbedingt notwendigen Lebensartikeln begnügen, was ihr in gewöhnlichen Zeit- läuften einen täglichen Reingewinn von 20 bis 25 Groschen') gab. Und das nur bei sehr großen Anstrengungen. Sie mußte des Morgens in die Kolonie laufen, die drei Wirrst') hinter der Stadt lag, die Milch beim Pächter holen und sie in den Häusern aus- tragen; sie mußte in den Nachbardörfern herumlaufen und Butter und Käse für die Beamtenfrauen einkaufen; sie mutzte in die Meierei in der. Nähe der Stadt Petroleum liefern usw. In der Kleinstadt. wo jeder alles im Hause hat oder leicht erreichen kann, ist der Zwischen- Handel im Kauf beschränkt und kann sich nur bei bescheidenen An- sorderungcn aufrecht erhalten. So war denn auch Chawe von Morgengrauen bis zur Nacht auf den Beinen, um ihre 25 Groschen zusammenzubringen. Den Schmerzenspunkt und den verzauberten Kreis ihrer Armut bildete das kleine llmsatzkapital, das größere Hau- delsgeschäfte nicht zuließ. Hätte sie 50 Rubel zur Verfügung gehabt. sie hätte sicherlich schon nach einigen Jahren am Schall b es Seiden- kleider getragen und die Kazimirsker Aristokratie hätte sie artig ge- grüßt. Aber Chawe besaß eben nur drei Rubel Umsatzkapital. Er- Weilern ließ sich dies Kapital nur durch eine Reihe von kühnen und glücklichen Operationen und die beiden wichtigsten. Eigenschaften hierzu, Mut und Ehrgeiz, fehlten ihr nicht. Sie träumte fortwährend von Wohlstand und Risiko. Einmal hatte sie sogar schon fast in � einem Dorf ein Angeld auf zehn Töpfe Honig gegeben, aber dann hatte die Furcht, ihr ganzes Bargeld zu verlieren, sie doch zurück- gehalten. Als sie aber späterhin erfuhr, daß einer ihrer Bekannten jenen Honig gekauft und vier Rubel daran verdient hatte, weinte sie sehr und beschloß, sich bei der nächsten Gelegenheit zu einem gewich-. tigen Schritt aufzuraffen. Eines Tages ging sie an die Weichsel, um einige Aale zu kaufen. Als sie näher kam, bemerkte sie unter den Fischern eine gewisse Be- wegung, deren Anlaß drei frisch gefangene Störe bildeten. Sofort kam Chawe ein toller Gedanke: Kaufen? Mit zitternder Stimme fragte sie nach dem Preis. „Im Ganzen fünf Groschen das Pfund", antwortete einer der Fischer,„es werden einhundertundfünfzig Pfund sein". Chawe begann leidenschaftlich zu handeln. „Was ist da zu reden", antwortete der Fischer.„Stör haben wir seit einem Monat nicht gefangen, Ihr werdet ihn zu einem Gulden verkaufen". Chawe war von der Aussicht auf Gewinn so betäubt, daß sie den Preis annahm, und„unterdessen" drei Rubel gab. Den Rest hoffte sie aus einem sofortigen Verkauf zu erlangen. Während sie vor Aufregung glühend, mit den Fischen zur Stadt ging, überzählte sie in Gedanken alle Häuser, wo sie für ihre Ware Absatz finden konnte. Der Adjunkt, der Schreiber, der llnterschreiber, der Notar» der Bürgermeister, der Kassierer, der Gerber.... fünfzehn Groschen das Pfund, zwanzig, ein Gulden, vielleicht sogar.... Bei diesen Gedanken glänzten Chawcs Augen in altem Glanz und um die Lippen spielte ein reizvolles Lächeln. Sie schob die Haube zurecht und lief so rasch, daß die Fischer mit den Stören ihr kaum folgen konnten. Und wenn niemand kaufte? Eiichunderundfünfzig Pfund Fisch in Kazimierz allein unter- briHen, wo an gewöhnlichen Tagen kaum dreißig Personen sich solch einen Luxus gestatten konnten.... Sie blieb erschrocken stehen. Der Atem stockte ihr plötzlich, aber sie erholte sich sofort wieder und lief weiter. „Geht in meine Hütte", sagte sie zu den Fischern, ihnen einen Fisch entreißend,„und wartet ein bißchen, ich geh' nur Geld wechseln". ') 15 Kopeken— 1 alter polnischer Gulden. ') V. Kopeke= 1 alter polnischer Groschen. ■) 1 Wierst ca. 1 km. Und ohne die Antwort abzuwarten, lief sie durch die enge Straße an das andere Ende der Stadt. Chawe war eine viel zu erfahrene Person, um nicht zu wissen, daß sie die Würdenträger der<Äadt der Reihe nach besuchen müsse, wenn sie alle Fische verkaufen wollte. lind so lief sie denn auch, trotzdem die Wohnungen der andren Damen am Wege lagen, an das entgegengesetzte Ende der Stadt, zu der rau Adjunktin. Die Spekulation war ganz richtig. Die Frau djunktin kaufte nach verhältnismäßig kurzen Verhandlungen den ganzen Stör für drei Rubel, d. h. ungefähr elf Groschen per Pfund. Trunken von der Hoffnung auf großen Gewinn, aber auch über den Ausgang des Fischhandels nicht wenig beunruhigt, lief Chawe unter den widersprechendsten Gefühlen nach Hause. Na was. dachte sie laufend, einmal billiger, einmal teurer! Sie nahm einen ganzen, gab gleich Geld, ich könnte die beiden andren verschenken und hätte meine drei Rubel. „Meine drei Rubel", rief sie laut, das Papier in der Tasche zusammenknüllend.„Fünf Gulden kommen ihnen noch, die werd' ich zahlen; sind zwei Störe nicht fünf Gulden wert?" Aus der Ferne sah Chawe schon ihren Mann mit den Fischern vor dem Hause verhandeln, wobei er mit einem Stock nach den Stören stieß, die die Mnder ängstlich ansahen. „Fische, was für Fische", sagte er verächtlich.„Wer ißt das— ein Hungriger. Und wer bezahlt das— ein Tummer. Hat sie Euch kein Angeld gegeben?" „Das hat sie", sagte einer der armen Kerle,«aber den Rest bringt sie nicht". „Gewalt! Sie kommt nicht? Hab' ich kein Haus, bin ich kein Hausherr, ist mein Besitztum nicht fünf Groschen wert?" Symche bemerkte jetzt seine näherkommende Frau und fuhr noch stolzer fort:„Auf meinem Besitz ist keine Hypothek, so werden noch zwei Störe Platz haben. Ich handle nicht mit solchen Dummheiten, ich habe gesagt, ich habe ein Haus. Symche ist Hausherr." Chawe beruhigte ihren Mann mit ein paar scharfen Worten und wandte sick an die Fischer. „Drei Gulden Hab' ich zu zahlen." „Fünf", riefen die Fischer. „Was einen Rubel und einen Gulden das Stück?" Ein Streit begann. Aus Princip und in der Hoffnung, gleich beim ersten Stör schon zu verdienen, wollte Chawe zloei Groschen abhandeln, aber vergebens. Die Fischer zogen mit ihrem Gelde ab und Chawe setzte sich auf die Bank bor dem Hause und wischte sich mit der Schürze den Schweiß vom Gesicht, ohne sich um das weinerliche Geschrei der Kinder zu kümmern, die sie von vier Seiten zupsten. Endlich zog sie zwei Birnen aus der Tasche, zerbiß sie in vier Teile und füllte vier offene Münder. „Symche", rief sie ihrem Manne zu, der, die Hände auf dem Rücken, die bcmosten Schindeln seines Besitztums betrachtete,„trag' die Störe ins Zimmer". „Ist ihnen hier auch nicht kalt", antwortete er phlegmatisch und schleppte sich hustend zur Stadt. Chawe zitterte vor Wut und in ihre Augen traten zwei große Thränen. Sie haßte ihren Mann wegen seiner Faulheit und Krank- heit, so weit sie im Joch ihrer schweren Arbeit hassen konnte. Wäre Symche gesund gewesen, sie hätte eine gewisse Anhänglichkeit für ihn gehabt, hätte er aus religiösen Motiven gefaulcnzt, sie hätte geduldig die ganze Last allein getragen. Aber Symche ging als„Chussit" und auch infolge seiner Krankheit jeder Beschäftigung aus dem Wege. Ein kranker und dabei sich noch vermehrender Parasit— kann es für eine arme Frau etwas Schrecklicheres geben? Chaive schwieg noch immer, vollauf mit den Stören beschäftigt, die sie rasch loswerden mußte, da ihnen die Julihitze schaden konnte. Ohne auf das Kindergeschrei zu achten, lief sie in eines der Nach- barhäuser, zu ihrer Kundin, der Frau Kassiererin, die sie richtig im Gärtchen traf. „Ach, ach. gnädige Frau, was ich für die gnädige Frau Hab'. Keinem Menschen noch Hab' ich ein Wörtchen gesagt..., Einen frischen, schönen, sehr schönen Stör." „Stör", sagte d-x Frau Kassiererin,„das ist gar kein Fisch. Voriges Jahr Hab' ich zivairzig Pfund einmariniert und mußte die Hälfte rauswerfcn. Nicht einmal die Kinder wollten's essen". „Was die Frau Kassiererin sagt, was die Frau.Kassiererin sagt!.., Der selige Notar hatte Stör lieber, als gebackene Schwämme.... Und die Frau Adjunktin fragt immer:'„Chawe, Chawe, wann habt Ihr Stör für mich?" „Na schließlich, wenn er billig ist." „Für die gnädige Frau einen Gulden das Pfund." „Geht weiter, Chawe, für das Geld Hab' ich Lachs." „Kostet mich selbst fünfundzwanzig Groschen, ich muß was ver- dienen." „Fünfzehn Groschen geb' ich und nehme dreißig Pfund." „Was mach' ich mit dem Rest. Frau Kassiererin, so ein schmackhafter Fisch, daß man es fast bedauert, wenn man ihn aufißt. Na, ich lauf' zu der Frau Bürgermeisterin, vielleicht nimmt sie ihn zur Hälfte." Untcrdeß aber hatte die Frau Bürgenneisterin in Erfahrung gebracht, daß Chawe im Drange der Geschäfte die Rangordnung nicht ganz strikt eingehalten und sich erst bei der Frau Kassiererin gemeldet hatte. Das Resultat war. daß die Frau Bürgermeisterin die Jüdin zur Thür hinauswarf. »Die Spitzbübin," schrie sie die Thür zuschlagend,„die will mich mit dem traktieren, was einer Kassiererin nicht mehr mag. Da» vergeh' ich Dir nicht." Chawe hatte keine Zeit, sich über diesen Empfang lange zu grämen und lief Wetter. Aber der Gott des Handels hatte offenbar beschlossen, sie schwer für ihren Wagemut zu strafen, denn sie brachte weder einen ganzen, noch einen halben Stör an. In dem einen Haus fehlten die Herrschaften, in dem andern das Geld, und Chaive kam tiefbetrübt nach Hause, nachdem sie die ganze Stadt durch- stöbert hatte. Was thun? Für eine arme Händlerin, der niemand zwei Störe abkaufen will, ist diese Frage nicht weniger schrecklich, als für den Handelsherrn, dessen beladenes Schiff mitten auf dem Meere leck wird. In einer solchen Stunde der Gefahr ist immer der erste Ge- danke: das Kapital retten. Nachdein sie die Fischer bezahlt hatte, fehlten Chawe zu der eingelegten Summe noch fünf Gulden. Sie nahm rasch ein Beil, hieb einen Stör in zwei Hälften und trug die eine davon zu der Frau Kassiererin. Wenn sie sofort den ganzen Betrag einheimste, hatte sie zwei Rubel Rein- verdienst, selbst wenn der übrige Teil der Fische verderben sollte. Oh! süße Hoffnung, oh! seltener Tag des Glücks. Zwei Rubel Verdienst für ein paar Sttmden Lauferei. Wohlhabendere Leute als Chawe würden sich unter solchen Um- stäuben dem Fischhandel zuwenden. Aber an diesem Tage sollte sich die Erde unter ihren Füßen fast in Wasser verwandeln. Die Frau Kassiererin erklärte erst, sie würde nicht ftinfzehn, sondern nur zehn Groschen pro Pfund zahlen und dann wollls sie das Geld nicht heute, sondern erst morgen hergeben. Somit hatte Chawe ihre drei Rubel nicht in der Tasche, und hatte noch keinen Groschen Bargeld verdient, trotzdem ein großer Teil des Tages bereits verflossen war. Dieser Gedanke betäubte sie erst förmlich, aber dann kam sie mit einem sonderbar energischen Gesichtsausdruck nach Hause. Es war ein Uhr mittags. Symche zerpflückte gerade rote Rübenblätter vor der Thür und warf sie den Hühnern vor. Die Kinder hockten, zu einem dichten Häuflein zusammengedrängt, an der Wand und kanten unreife Erbsenschalen, von denen der Vater ihnen eine Handvoll aus der Stadt mitgebracht hatte. Als sie die Mutter erblickten, begannen sie erbärinlich zu heulen. Chawe hob das Jüngste auf und küßte es. Dann ging sie in die Stube. „Kauf' ihnen ein Psimd Brot", sagte sie zu ihrer Mieterin und Hausgenosfin und legte vier Groschen auf den Tisch,„ich muß weiterlaufen." Kleines femUeton* dg. Tischgespräch. Es war ein sehr unpassendes Thema für diesen Kreis, man sah der kleinen Malerin aber auch die Bosheit förmlich aus den Augen funkeln. Und dieser Erich Wulkow— dieser grüne Junge, der noch kaum zwei Jahre auf der Universität war, nickte ihr natürlich Beifall zu. Die Gesichter der Damen ver- längcrten sich, der Geheimrat und der Rektor nahmen eine würde- volle Miene an. nur die junge Frau Rechtsanlvalt kicherte in ihr Taschentuch. „Ja ich weiß wirklich nicht, meine Herrschaften, wie man darüber lachen oder sich entrüsten kann!" sagte die Malerin scheinbar sehr erstaunt. „Nein, ich muß nämlich auch gestehen, ich..." „Aber, Herr Wulkow I" Die Geheimrätin schnitt dem Studenten entrüstet das Wort ab.„Aber, Herr Wulkow, ich finde wirklich, das ist keine Unterhaltung für Damengesellschaft." „Man muß doch bedenken, wo man sich befindet I" warf der Reftor salbungsvoll ein. „ES giebt ja Damen, die sich nicht dran stoßen! Ich meine aber doch in unsren Kreisen..." Die Rettorin vollendete den Satz nicht, allein der Blick, den sie der Malerin zuwarf, war vernichtend.'Die Kleine schien das Vernichtende jedoch nicht zu empfinden. Sie zuckte die Achseln:„Nun, ich verstehe trotzdem nicht, warum man unter denkenden Menschen die Frage nicht diskutieren soll. Es ist doch eine Frage, die uns Frauen sehr viel angeht." „Nein, erlauben Sie mein liebes Fräulein"— die Geheimrätin sagte das„liebes Fräulein" mit der Herablassung einer Königin— „erlauben Sie, die fteie Liebe geht uns gar nichts an. Das mag was fiir die unteren Kreise sein, einer Dame aus guter Familie wird kein Herr so etwas anzubieten wagen." „Ganz ausgeschlossen!" bestätigte der Geheimrat im Brustton der Ueberzeugung. „Das wäre ja auch wohl unerhört! Da würde ja überhaupt keine Dame drauf eingehen!" warf die Rektorin ein. «Dann wär' sie auch schön dumm!" lachte die junge Frau Rechtsanwalt.„Nein, hören Sie, Fräulein, wenn man einen lieben soll, muß er auch die Gewähr bieten, daß er zeitlebens für einen sorgt— sonst— nich in die Hand." Sie zog die Arme an und spreizte alle zehn Finger. „Bravo l" rief die Geheimrätin. „Das heißt also nach Ihrer Meinung, man soll sich so teuer wie möglich— verkaufen!" Die Augen der kleinen Malerin sprühten Funken. „Aber Fräulein!" Die ganze Gesellschaft schrie auf. „Was find denn das fiir Ausdrücke, Fräulein!" Die Geheim» rätin geriet fast außer sich.„Sich verlausen, wenn man eine Eh» «ingeht? Das ist doch einfach die Ehe— und an der hält man eben fest, wenn man aus guter Familie ist/' „Und was heißt denn nun eigentlich aus guter Familie sein?" fragte mitten in den Wirrwarr hmein Erich Wulkow. Der Schalk zuckte ihm um die Mundwinkel. Die Entrüstung wuchs.„So etwas zu fragen I" „Ich meine, das weiß wohl jeder Mensch I" „Na, hören Sie, Herr Wulkow! Wer aus guter Familie ist?" „Wir hier sind aus guter Familie!" rief die Frau Rechts- antvalt. „Wenn es auch mancher zu bergessen scheint." Die Stimme der Rektorin klang messerscharf. Die Frau Rechtsanwalt beugte sich vor und sah Erich Wulkow herausfordernd an:„Wer aus guter Familie ist? Die Frage ist doch in jedem Fall leicht zu beantworten. Oder halten Sie vielleicht'ne Bäckcrtochter für„aus guter Familie?" „Na erlauben Sie mal..." Die Rektorin schnellte in die Höhe, allein der Geheimrat schnitt ihr daS Wort ab:„Nein, ich sollte auch meinen, da kann man höchstens sagen:„von anständigen Eltern." „Aber erlauben Sie," die Stimme der Rektorin schnappte über, „erlauben Sie... ich bin... auch eine Bäckertochter." Sie sank erschöpft in die Sopha-Ecke. „Ah, ah, ich... Entschuldigen Sie." Der Geheinirat war völlig konsterniert, der Rektor warf seiner Frau einen zornigen Blick zu und sagte mit scharfer Betonung:„Er war aber Hofbäcker, Amalie, und ist als Rentier und Hausbesitzer gestorben, das sage gefälligst auch!" „Na also l" rief die Frau Rechtsanwalt,„das ist doch denn ganz etwas Andres!" „Und... und... ich habe auch noch hinzufügen wollen: Bäcker... und Bäcker ist ein Unterschied." Der Geheimrat suchte sich zu entschuldigen.„Ueberhaupt sind die Anwesende» aus- geschlossen," kam Erich Wulkow ihm zu Hilfe, und die Malerin fügte rasch hinzu:„Ich denke, wir beantworten die Frage dahin: wer gut erzogen und ein guter Mensch ist, der ist aus guter Familie." „Sehr richtig," nickte der Student. Allein der Geheimrat schüttelte den Kopf:„So einfach ist die Sache nun doch nicht, Fräulein." „Wir haben auch gut erzogene Arbeiter," rief die Frau Rechts- anwalt,„und mein Dienstmädel ist sehr gut, aber darum ist sie doch noch lange nicht aus guter Familie." „Es bestehen da sehr feine Unterschiede," bestätigte der Rektor, „die Familie muß eine Stellung in der Gesellschaft haben,'n Offizier, ein Beamter, ein Bankier, das ist„gute Familie". „Auch wenn der Bankier betrogen hat und der Offizier in Schulden steckt?" fragte die Malerin ironisch. „Gott, das sind doch aber Ausnahmen." Die Rektorin schnellte wieder in die Höhe:„Sic komme» imnier mit den Ausnahmen, Fräulein. Und„gute Familie" bleiben sie darum doch." „Und dann möchte ich vor allen Dingen noch eins betonen." Die Geheimrätin trommelte auf der Tischplatte und sah die Malerin giftig an: Sie haben das Thema angeschlagen, Fräulein, und darum spreche ich auch davon. Wenn... wenn... wir Ihre ... hm, freie Liebe bekämen, dann hätten wir überhaupt keine „gute Familie" mehr."— lc. Indische Heilige. In eine seltsame Welt läßt ein soeben in London erschienenes Buch„llltro Mystics, Ascetics and Saints ot India" von I. Campbell Oman einen Blick thun. Er schildert die heiligen Büßer und Wunderthäter in Indien, und namentlich auch über die Triebfedern ihrer Handlungen giebt er einige überraschende Aufschlüsse. Der religiöse Schwärmer glaubt, daß er sich den schreck- lichsten Kasteiungen unterwerfen muß, wenn er eine besondere Gnade zu erhalten wünscht. In dieser Beziehung geben die Orientalen Be- weise von einer fast wunderbaren Entschlossenheit und Ausdauer. Fast unglaublich klingen die Schilderungen von Selbstquälereien, denen sich Fanatiker und Fakire unteriverfen; man sieht ihre Prozeduren in Abbildungen, die dem Buche beigegeben sind. Ein Mann hängt mit dem Kopf, der mit Ketten belastet ist, nach unten, ein andrer sitzt in fast unmöglicher Stellung mit ge- kreuzten Beinen und verdrehten Füßen, sodaß die Fußiohleu auf dem Bauch ruhen. Ein bitter nimmt eine ähnliche Stellung ein, mit seinen schrecklich verdrehten Beinen hält er sich auf den Kniegelenken im Gleichgewicht. Aber wenn auch religiöse Inbrunst das treibende Motiv sein kann, so ist in vielen Fällen doch der Zweck dieser Oualen die Habgier. Ein Mann erleidet das Märtyrertum, um Geld genug zur Erhaltung von 1 000 Brah- minen zu sammeln: ein andrer will sich wohl auch seinen Gott geneigt machen, damit er Kraft genug gewinnt, einen gegnerischen Glauben zu vernichten. In Indien giebt es viele Klöster, Tempel und religiöse Anstalten. Der reiche Hindu giebt sein überflüssiges Geld zur Errichtung solcher Gebäude aus. Sowohl pekuniäre wie religiöse Erwägungen führen ihn dazu. Merkwürdig ist der feste Tarif, d die geistigen Borteile für die frommen Stifter festsetzt. Er ist ei genau geregeltes Geschäft: Wer den Bau eines Tempels für Hari.ns Auge faßt, dem werden die Sünden von hundert friiheren Äeburten erlassen. Der Gründer eines Teuchels für Vishuu s chert sich seine Rettung und die von acht Generationen über seinen Großvater hinaus. Wer einen TsR�cl für Hari bauen läßt, trägt 10 000 vergangene und zukünftige Generationen zum Berantwortl. Redakteur: Julius tlaliski in Berlin.— Haufe Vishnus. Beim Beginn des Baues einem Tempels für Krishna werden die Sünden von sieben Geburten vernichtet und die Vorfahre» aus der Hölle gerettet usw. Ebenso bringen Bittsteller, die wegen einer günstigen Antwort auf ihre Bitten der Gottheit dankbar sind, dem Teuchel Dankopfer oder statten ihn mit Geld oder Land zu allgemeinen Zwecken aus. Dazu kommen die Opfer ängstlicher Seelen zur Abwendung von Unheil. So entstehen durch religiösen Eifer Habgier, Nächstenliebe, Aberglaube und aus Trägheit immer neue Tempel und Klöster und durch ihre Vermehrung Ivird wieder das Heer der Bettler größer. Manche Klöster sind so reich geworden, daß die britische Regierung darauf aufmerksam geworden ist. In der Regel sind sie harmlos, aber einigen sind auch Räubereien und Morde nachgewiesen.— Medizinisches. — Starrkrampf infolge eines VogelbiffeS. Wir lesen in der Wiener„Zeit": Das Institut des Bakteriologen Prof. Robert Koch publiziert einen merkwürdigen Fall von Starr- krampf, einer sehr schmerzhaften und äußerst gefährlichen Erkrankung. Eine Frau wurde von einem Pfau in die Stirn gebissen, wobei sie das Tier mit seinen Krallen auch am Kopf verletzte. Vier Tage später trat bei ihr eine linksseitige Gesichtslähmung und nach weiteren vier Tagen ein heftiger Starrkrampf der Muskeln des Kopfes, des Nackens und einzelner Rumpfmuskeln auf. Infolge dessen konnte die Kranke keine feste Nahrung zu sich nehmen, da sie den Mund nicht öffnen konnte und außerdem durch Krampf der Schlinginuskulatur Schlingkrämpfe bekam. Sie lvurde in das Kochsche Institut gebracht, wo sie vom Assistenten Dr. Schütze be- handelt lvurde. Man führte ihr durch eine vordere Zahnlücke ein Äöhrchen ein, durch welches sie flüssige Nahrung nahm. Gleichzeitig wurde sie mit Einspritzungen des Behringschen Tetanusserums be- handelt, tiachdem die Wunden am Kopfe vorher ausgebrannt worden waren. Die Frau wurde von ihrem Leiden vollkommen geheilt. In der Stirnwunde wurde die Spitze des Schnabels des Pfaues vorgefunden. Es ist nun interessant, daß Meerschweinchen, denen man ein Partikelchen dieser Spitze unter die Haut brachte, an schiverem Starrkrampf erkrankten. Außerdem wurden mit der Schnabelspitze Züchtungsversuche vorgenommen und reine Kulturen des Erregers des Starrkrampfes söaoiUns Tetani) erzielt. ES stellte sich dann heraus, daß sich in dem Hofe, in welchem der Pfau ge- halten wird, ein Schutthaufen befindet, welcher die Tetanusbacillen enthält. Der Pfau pflegte in diesem Schutthaufen herumzugraben und übertrug dadurch mittels seines Schnabels und seiner Krallen die gefährlichen Bacillen auf die Frau.— Humoristisches. — Praktische Auslegung. Junge:„Vater, nun be- kommen wir doch bald keine Zeugnisie mehr in der Schule?" Vater:„Wieso denn, Karl?" Junge:„Nun, in den Zeitungen steht doch jetzt schon immer: Los von der Ceusur!"— — Schreckliche Verwünschung. Cohn(im Streite mit einem Konkurrenten):„In Central-Aftika sollste mit Winter- pelzen handeln müssen!"— — Boshaft. Freund:„Ihre Frau ist eine begeisterte Anhängerin der Leichenverbrennung, wie ich aus ihrer Unterhaltung gehört habe."' Junger Ehemann(seufzend):„Ja, ja, heute mittag hat sie erst wieder eine prachtvolle Gänseleiche verbrennen lassen!"— („Meggendorfer Blätter".) Notizen. — Paul Lindau hat soeben ein neues Schauspiel vollendet. Das Stück wird seine Erstaufführung im D e u t s ch e n S ch a u- spielhause zu Hamburg erleben.— „Der Kampf ums Rosenrote", ein vicraktiges Schauspiel von Ernst Hardt, gelangt noch vor Weihnachten im Deutschen Theater zu Hannover zur Erstaufführung. — D e Croisets Schäferspiel in Versen„Cherubin" er- zielte bei der Erstaufführung im Brüsseler„Theatre royal du P a r c" einen starken Erfolg.— — In Frankfurt a. M. lvird in diesem Winter Cäsar Franks Kompositton„Die Seligkeiten" durch den Rühlschen Gesangverein zum erstenmal in Deutschland zu Gehör gebracht werden.— — Eine Fischereikarte der Faröcr und ihrer Um- gebung Ivird demnächst von der Regierung herausgegeben werden.— o. D i e Erforschung Finnlands. Die geologische Kommission von Finnland hat im Laufe dieses Sommers mehrere wissenschaftliche Expeditionen ausgesandt. Die erste hat den äußersten Norden aufgenommen und besonders die Kupferlager untersucht, die sich in dem Gebiet zwischen Kussamo, Kuolafarvi und Simo befinden. Eine andre Expedition erforschte die Gegend von Pelis-Jarvi. Eine Expeditton, die zur Erforschung der Halbinsel Käinn ausgesandt wurde, hat die ganze Halbinsel bereist und ist jetzt zurückgekehrt.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW