Interhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 178. Freitag, den 11. September. 1903 (Nochdruck verboten.) 301 Die �ZcKenbacKer. Noman von Anton v. P e r f a l l. Vll. Der Unfall im Schindlgraben, dessen Opfer der Achen- bacher geworden war, batte nichts Auffallendes an sich, Aehn- liches ereignete sich fast jedes Jahr bei der Holzarbeit. In den mannigfaltigsten Gestalten lauert der Tod in den Bergen. Mit der Natur in ständiger Wechselbeziehung, mit ihrem ewigen Werden und Vergehen, nimmt man ihn iricht so tragisch wie in den Städten. Der Achenbacher lag wohlgebettet in seiner Grabstatt, dicht an der Mauer der Osterhofener Kirche. Man betete für ihn als den Wohlthäter der Kirche, besprengte jeden Sonntag sein Grab mit Weihwasser. DaS Gerücht seiner lebten Bestimmung betreffs Floris und der Lehner-Nesl ging wie ein Lauffeuer durch die Ge- meinde. Die einen lobten dieselbe als wahrhaft christliches Werk, die andren sahen darin eine bedenkliche Schwäche, wie sie den Menschen oft anwandelt,„eh's dahingeht", auch wenn er noch in voller Lebenskraft steht. Nur wenige Scharfsichtige glaubten den Beweggrund in einer ganz andren Richtung ge- funden zu haben, die mehr init dem Leben als mit dem Tode zu thun hatte. Das Verhalten Burgks und Urbans nach dem landwirtschaftlichen Feste war nicht unbeachtet und nicht ohne Deutung geblieben. „Er hat amal a End mach'n woll'n mit der alt'n G'schicht bis über's Grab'naus, und," sehte man hinzu,„'s war wirkli höchste Zeit." Forschte man nach dem Urheber des Gerüchtes, siiefz man immer wieder auf— Lenz! Mit dem war eine ausfallende Veränderung vorgegangen seit dem Tode des Achenbachers, die vor allem Urban stark beunruhigte und den natürlichen Verdacht desselben. Lenz sei der Veranlasser des Unglücksfalles im Schindlgraben, zür Ge- wisiheit machte. Vorbei war es mit seinem Galgenhumor, mit seiner immer beweglichen Gaunerpsiffigkeit, seiner Frechheit, mit der er sonst allem trotzte. Er schlich im Hause umher, scheu, wie das böse Gewissen. Urban hütete sich, den Tod des Achenbachers nur zu berühren, geschweige daß er eine Frage wagte an Lmz über seinen Aufenthalt in der kritischen Zeit, eine Frage, die doch sehr nahe lag. Der Name Burgl kam nie mehr über seine Lippen, keine Anspielung mehr über die gewissen drei Jahre Floris. Urban war ihm ja dankbar dafür, er selbst hütete sich, nur daran zu denken: der Schatten des Achenbachers drängte sich zwischen ihn und dieses Weib, aber ausfallen mußte ihm doch dieses hartnäckige Schweigen über eine.Sache, die noch vor kurzem so schwer wog sür diesen Menschen, so schwer, daß er dafür—" Da hielt er innc in'seinen Gedanken. „Das is nct wahr, net für mi, für sich hat cr's gethan, um seine Rache zu kühl'n, wenn er's wirkli'than hat. I bin ganz außer Spiel! Lenz schien nur itoch einen Lebeitszweck zu haben, in dem er ganz aufging, die Verehrung Resls, die einen hündischen, dem Mädchen selbst peinlichen Charakter annahm. Es war, als ob er Hilfe, Rettung suchte bei ihrem reinen Wesen. Flori hatten die Ereignisse der letzten Zeit zmn Manne. gereift, die energische Achcnbachcrnatur brach durch. Der tragische Tod des Vaters vollendete diese Umwandlung. Auch in ihm regte sich der Verdacht, daß nicht ein böses Ungefähr allein die Schuld daran trage, aber beim Mangel jeden Anhaltspunktes widerstrebte es seiner Natur, den grauen- haften Verdacht weiter zu Pflegen, Lenz, auf den er allein fallen konnte, damit zu belasten. Außerdem führten ihn der- artige Gedanken zu einem Punkt, vor welchem er zurück- schauderte. Sein ganzes Wesen erfüllte jetzt nur noch das Trachten, den letzten Willen des Vaters zu erfüllen. DaS war seine heiligste Pflicht, abgesehen von seinem persönlichen Glück. So trat er offen vor feine Mutter und Resls Vater, als der Verlobte des Mädchens, und keines von beiden wagte nur den geringsten.Einwand. Obwohl noch unter Vormundschaft stehend, welche Burgl vergeblich Urban zuwenden wollte— die Behörde weigerte sich, ihn anzuerkennen, auf Grund seiner schlechten Verhält- nisse—, nahm er doch zu Burgks Erstaunen mit überraschender Ilmsicht die Zügel der Hosherrschaft in die Hand. Die Gefahr, welche über den Lehnerhof schwebte, wurde beseitigt und damit das Versprechen Lorenz' erfüllt. Wie jetzt die Verhältnisse lagen, war ein ständiger Verkehr von Hans zu Haus unvermeidlich. Urban und Burgl traten sich näher wie je, doch nur zu ihrer eignen Oual. Es lag etwas zwischen ihnen, das sie nie zu berühren wagten, außerdem fühlten sie sich förmlich um- stellt von Spähern und Lauschern, von Flori, von Resl, von Lenz selbst, dessen höhnisches Lächeln zu jeder Zeit, wenn er sie zusammentraf, sie am meisten fürchteten. Sie wollten ja nichts mehr von einander, hatten längst gebrochen mit allen Wünschen und Hoffnungen, redeten sie sich ein, aber so förmlich unter Aussicht und Herrschaft der eignen Kinder zu stehen, war doch ein erbärmliches Los. In dieser Stimmung raubten sie sich die einzige Möglich- keit der Rettung vor sich selbst, die opferwülige Hingabe an das Glück ihrer Kinder, welches ihnen vielleicht Ersatz hätte bieten können sür das verlorene eigne, ein schuldfreies Wieder- aufleben ihrer Liebe in den jungen Herzen. Das war alles gut, so lange Flori anwesend war. Als aber das Frühjahr kam und der junge Mann einrücken mußte, um seiner Dienstpflicht zu genügen, zeigten sich rasch die Früchte dieser Selbsttäuschung. Unwillkürlich veränderte sich der Charakter des gegen- scitigen Verkehrs, er wurde sorgloser. Zwei scharfe Augen fehlten. Der Schatten des Toten verflüchtigte sich immer mehr, er störte nicht mehr das Erwachen und Hegen alter Erinne- rungen. Die Leidenschaft, die sich vor ihm verkrochen, wagte sich wieder hervor, neu gekräftigt, von einer schwere» Fessel befreit. Burgl war jetzt Wiüve. Das alte Rechten mit dem Leben begann wieder in ihrem Innern. Warum versagte es gerade ihr alles? Warum sollte sie niemals genießen, nur opfern?, Sie hatte ein Leben der Entsagung geführt seit nahezu zwanzig Jahren, hatte ihrem Manne Treue gehalten ohne eine Funken Liebe zu ihm. Ja, das hatte sie! Daß schon die geheimen Gedanken an Urban, diese kleinen, an sich unbedeutenden Vorfälle, die Ereignisse am Festtage, die rmglückliche Geschichte mit den vierhundert Mark, die sie ihm leihen wollte, ihr Gewissen so beunruhigten, war nur ein Beweis, wie genau sie es damit nahm, lieber das Grab hinaus hatte sie doch keine Ver» pflichtung. In der letzten Verfügung des Achenbachers betreffs Floris sah sie bald nur noch die letzte Gcwaltthat ihres Mannes an ihr, an ihrer Zukunft. Er dachte keinen Augenblick an Versöhnung mit dem Nachbar, an Frieden, er wußte sehr wohl, daß er mit nichts Urban tödlicher treffen konnte, als mit eben dieser Verfügung. Haß hatte sie eingegeben, nicht Liebe. Boshafte Eifersucht, welche ein Herz, das man selbst nie besessen, um dessen Besitz man sich selbst nie bemüht, auch keinem andern gönnt. Resl fühlte die schwüle Gewitterluft, die sie umgab, Die Liebe, welche sie so ganz beherrschte, machte sie scharf-! sichtig, und sie kam hinter Dinge, die ihr ganzes Innere auf» wühlten. Zum Glück war ihr ein sachkundiger Wächter im Hause erstanden— Lenz! Die Rache für seine That war� längst im Vollzuge in seinem Innern, für ihn die gualvollste. Die Einsicht, daß er eher ein Narr war als ein Mörder. Für wen hatte er denn das Entsetzliche gethan? � Für sich, um sein Mütchen zu kühlen, an dem Achenbacher sich zu rächen? Dann hatte er sich gewaltig verrechnet. Der liegt jetzt ganz friedlich drüb'n auf'n Kirchhof, und ihn selbst treibt's - ■'ii.-ii.iMh»..'-mW «n trnci den ewigen Juden. Nicht einmal der augenblickliche Genutz ward ihm wirklich zu teil, den er in seinen wüsten Träumen unzähligemale vorausgenossen.„Jetzt bist in meiner Hand, setzt muatzt sterb'n!" Der Achcnbacher war ja aus der Welt gegangen, ohne zu wissen, datz ihn die Strafe ereilt für seine Sünden an Lenz. Das gehört aber notwendig dazu. Was bleibt denn sonst für den Rächer? Ein verstümmelter Leichnani, in der Brust die Qual und die ewige Verdammnis. Ten Preis aber der That, den einzigen Vorteil zieht der Ilrban ein. Für ihn hat cr's gethan, für ihn, der sich keinen Augenblick besonnen hatte, ihn vor die Thür zu setzen, au einen Wink vom Achenbacher. Für die Burgl, die ihn stets mit hochmütiger Gering- schätzung behandelte, ihn überhaupt nur beachtete als Bruder llrbans, während er ans der andern Seite dem einzigen Wesen auf der Welt, das er liebte, das wenigstens in früheren Tagen Zuneigung für ihn hegte, damit sein Glück raubte, seine Zu- kunft— der Resl! War das nicht die Narrheit aller Narr- heiten! So nahm er die Partei des jungen Paares. ES war ihm, als ob dadurch die Centnerlast der Schiüd, die ihn zn Boden drückte, sich erleichtere, das Bild des blutüberströmten Achenbachcrs ihn weniger verfolge. Den letzten Willen des Toten mit aller Kraft zu er- füllen, zu wachen über jede Gefahr, die seiner Vollstreckung drohte, das war die einzig mögliche Sühne. Dabei erwirbt er sich noch die Dankbarkeit ReslS, lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Cbawe Rubi«» Erzählung von Alexander Slvientochowski. (Schluß.) Ehawes Träume in dieser Nacht würde ich mich umsonst be- mühen zu beschreiben. To träumt ein Glücklicher, der in der Lotterie gewonnen hat, oder ein Bettler, der einen Sack Gold gc- funden hat. „Wo treibst Du Dich mm", zeterte Sbmchc am nächsten Tag, „hast keinen Mann, keine Kinder, daß Tu spazieren gehst, was hast Du verdient?" Chaive schwieg, um ihr Kapital nicht zu verraten. Seit drei Jahren dachte ihr Man» an eine» Schlafrock, ohne den er seine Hau»- Herrnwürde nicht gut wahren konnte, und ebenso lange sprach er von der Reparatur des Hauses. Es war zu gefährlich. „Tu bist eine Dame", fuhr er fort,„kaufst Stör für Dich. Wer soll die Hälfte nehmen?" „Ich verkauf sie", antlvortete Ehalve kurz und ging zum Haus hinaus. Wohin? Sie war ja schon überall gewesen, aber als sie die Ereignisse des gestrigen Tages in Gedanken noch einmal durchging, fiel ihr Franek und dann weiter der Postmeister ein. Herr Chron- stkiewilsch gab seiner Frau das Wirschafrsgcld allerdings als Kredit und hatte nicht die Gewohnheit, seine Schulden zu bezahlen. Aber manchmal, wenn er was hatte, namentlich aber, wenn eine Bäuerin ihren Manu beim Militär Geld schickte, zahlte er auch bar. Das Abenteuer mit Franc? machte Chawe zwar etwas ängstlich, aber schließlich war der Franek in Gegenwart von Herr Chronstkiewitsch nicht der Franek vom Wege nach Pulaw. Sie ging hin. Das Postamt von Kazimierz lag auf einem hohen Berge, wahr- scheinlich damit die Rosse des Herrn Chronstkiewicz, die die Extrapost führten, im Galopp von Haufe wegfahren konnten, um die Passagiere wenigstens eine Minute lang glaube» zu lassen, sie seien nicht so phlegmatisch, als sie aussahen. Chawe war noch am Fuße des Berges, als sie schon die grollende Stimme des Herrn Postmeisters hörte. In einem solchen Augenblick mit einem halben Stör auf der Bildfläche erscheinen, war vielleicht nicht sehr geraten, aber andrer- seits war es doch interessant zn wissen, um was es sich dort oben eigentlich handelte. Nach kurzem Bedenken schlug Chawe sich ins Gebüsch und kletterte, so unjichrbar geworden, den Berg hinauf. Mit jedem Schritte wurde ihr das ganze Abenteuer deutlicher. „In Fesseln werd' ich Dich schlagen lassen", schrie Chron- stkiewitsch, wo sind die beiden Briefe, Räuber? Warum ist der auf- geschnitten? Wo warst Tu bis zum Morgen? Glaubst Du, elender Hundelerl, ich werd' für Dich die Verantwortung tragen? Im Kriminal wirst Du faulen und die Welt nicht sehen, Hund Tu..." Dann hörte man einige Schläge fallen, ein entsetzliches Brüllen und dann kollerte ein Körper zwischen die Büsche und auf die in ihnen schreitende Chaive. Das war Franek, der vor dem Postineister davonlief. Die Jüdin schrie auf und eilte, einem natürlichen Im-. pulse folgend, dem anderen entgegen. „Der Dieb", schrie Chronstkiewitsch keuchend und bei ihrem Anblick stehen blechend,„ich werd' ihm noch was einbrocken". „Was hat er gestohlen?" fragte Chawe ängstlich. „Die Post. Tie Briefe hat er aufgeschnitten, vernichtet oder verloren. Ich schenk' ihm das nicht, ich schenk' eS ihm nicht", schrie Chronstliewitsch, mit seinem Stock auf den Boden schlagend.„Jcndrzej, geh' zur Stadt und bring mir ein Buch Papier. Ich schreibe gleich den Rapport." Während Jendrzej um das Papier lief und sein Herr sich in die Kauzlei einschloß, um ordentlich nachzudenken, ging Chawe in die Küche. Die Frau Postmeisterin war durch den Vorfall sehr er- schreckt und konnte anfangs von nichts miderm sprechen, aber all- mählich ließ sie sich auf den Stör bringen. „Ich würde ihn kaufen", sagte sie,„wenn Fercio mir Geld gäbe. Aber ich weiß nicht. Dieser Spitzbube hat die Post bestohlen, viel- leicht war dort auch was für uns. Großer Verlust...." „Er hat gestohlen und kommt ins Kriminal", tröstete Chawe. „Es ist unangenehm, natürlich, aber was sind die Herrschaften daran schuld?" „Wieviel Pfund sind hier?" „Fünfundzwanzig oder mehr. Ich verkaus's billig." Plötzlich öffnete sich die Thür und Herr Chronstkiewitsch stürzte hinein. „Hast Du Zeit, Chawe?" schrie er. „Wozu?" „Herr Kopf aus Ilsciouz hat geschrieben, ich soll ihm gleich einen Brief schicken, wenn er lommt. Dieser Hundsfott ist erst heute mit der Post wiedergekommen, ich Hab' ihn rausgeschmissc»..Könntest Du nickt den Brief zu Kopf tragen, er wird Dir was geben." „Wenn der Herr Postmeister will, gehe ich gleich", sagte Chawe, und warf den Stör auf den Küchentisch. Offenbar hatte das Schicksal in dem Buch ihrer Bestimmungen eine neue Seite aufgeschlagen. Gestern hatte Chawe noch von Franeks Glück geträumt, heute ging sie selbst mit einem Brief nach Uscionz. Freilich halte Franek von diesem Uscionz, wo man die Leute mit Kascha entlohnte, nur sehr verächtlich gesprochen, aber erstens war Kascha für Chawe durchaus nichts Verächtliches, und zweitens wer garantiert dafür, daß der Postmeister, wenn er sie heute nach Uscionz schickte, morgen nicht einen Brief nach Polanowska für sie haben würde, wo man einen Rubel bekommt. Franek war nicht mehr Briefträger, das war sicher, jetzt mußte sie sich in Herrn Chron- stliewitschs Gunst festsetzen..... Als sie in ihren Gedanken so weit gekommen war, lachte Chawe laut aus. ivie von einer plötzlichen, großen Idee erleichtert. Welcher Art diese Idee war, werden wir später errate», inzwischen müssen wir Kopf die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er die Jüdin für die Uebcrbringung des Briefes ordentlich belohnte. Er ließ ihr ein halbes Maß Erbsen geben, einen Liter Mehl, ein Dutzend Mohr- rüben und als wirklicher Schönheitskenner glätrcte er noch mit Wohl- gefallen ihr Kinn und sagte: „Ich werde Herrn Cbronstkiewitsch sagen, daß er mir die Briefe immer durch Dich schicken soll." Chalrc verbeugte sich demütig und ging. Und auch heute war es ihr und ihren Kindern bcschieden, ein gutes Nachtmahl zn essen. Sie kam schon mit der Quittung zurück und Chronstkiewitsch hatte seinen Bericht noch immer nicht zu Ende gebracht. Ter Rap- port an die vorgesetzte Behörde, daß der Briefträger zwei rekom- mandicrte Briefe verloren habe, war rasch geschrieben, aber über den andren, den er an seinen Feind, den Bürgermeister, wegen Franeks Verhaftung schreiben muhte, grübelte er seit einer Stunde. Er stellte die Wort um, strich aus, schrieb um und stellte endlich einen Akt zusammen, der seiner Würde und der Wichtigkeit des Ereignisses ganz entsprach. „Franek Hab' ich davongejagt", sagte er stolz zu Chawe. die Feder am Tisch abwischend,„wenn Du ordentlich dienen würdest, könntest Du seine Stelle bekommen". Tie Jüdin dankte mit einer stummen Verbeugung. In diesem Augenblick kam das Dienstmädchen. „Wird der gnädige Herr den Stör kalt essen?" fragte sie. „Ach richtig", rief Chronstkiewitsch.„wieviel bekommst Du denn für diesen Stör?" „Nicht der Rede wert", sagte Chawe. „Komin' heute abends um die Briese", sagte der Postmeister. Er ging. So wurde Chawe Rubin an diesem Tage formell Austragen» von einfachen und rekommandierten Briefen in Stadt und Umgegend, Botenlohn nach Belieben. Die Nachricht verbreitete sich in Kazimierz sehr rasch und kam gleichzeitig mit dem Rapport zum Herrn Bürger- meister. «Hast Du gehört", rief die Frau Bürgermeisterin, in die Kanzlei ihres Mannes stürzend,„Chronstkiewitsch hat Franc! davongejagt und diese Chawe aufgenommen". „Ich lese eben seinen Rapport über Franeks Diebstahl. Er perlangt seine Verhaftung." „Wenn Tu das thust, halte ich Dich für einen Tölpcl. Weißt Tu nicht mehr, wie Chronstkiewitsch Dich beim Notar beleidigt hat? Und Du glaubst ihm, daß Franek die Post bestohlen hat? Und noch gar diese elende Jüdin, die es gestern gewagt hat, mir ein Stück Störe zu bringen, das eine Kassiererin nicht wollte? Uebrigens mach' was Du willst, ich Hab' Franek als Hausmeister schon aufgenommen." „Aber wenn er wirklich ein Dieb ist", antwortete der Bürger« meister. „Bei uns wird er's nicht scink" Die Folge war: Franek wurde nicht arretiert, sondem zur Würde eines Magistratsdieners erhoben. Franc! gehörte nie zu den Leuten, die andren aus dem Wege gehen, und umso weniger ließ er sich verdrängen, wenn ein so mäch- tiger Arm, wie der dcS Bürgermeisters, oder richtiger der Bürger- Meisterin ihn stützte. Da er außerdem um einige diskrete Augelegen- heiten des Postmeisters wußte, war er überzeugt, daß Chronstkiewitsch ihn nicht sehr hartnackig verfolgen würde. Er beschloß also, nicht nur dem Sturm zu trotzen, sondern sich noch obendrein an der Jüdin zu rächen, die seine Stelle bekommen hatte, und die er außerdem vcr- dächtigte, jene Briefdurchsuchung im Wirtshaus verraten zu haben.— „Hol' der Teufel den Dienst", sagte er zu seinem jtollcgcn, den zweiten Magistratsdiener,„der Mensch ist nicht heute gebacken, er wird Arbeit finden und findet sie. Aber daß so eine elende Jüdin den Menschen das Brot fortnimmt, das ist eine Schande für die Menschen und eine Beleidigung für Gott". „Wird er sie denn behalten." „Er wird. Für einen Unterrock geht er ins Wasier und für einen Juden ins Feuer. Und glaubt Ihr, es wird nichts für ihn dabei herauskommen? In meine Tasche Hab' nur ich allein die Hand gesteckt und was ich verdient Hab', war meins, aber sie wird die Seele mit ihm teilen müsien. Er sagt, ich Hab' ihm die Post bestohlcn, weil er mich los werden wollte, weil ich ein ehrlicher, braver Mensch war, der das Scinige in Ordnung gehalten hat." „Weiß man schon." „Ach, diese Juden, diese Juden I In der Weichsel sollte man das Gesindel ertränken." „Richtig." „Unsereincm wird das Brot zu Stein und ihnen legt der Sand sich selbst zu Lehm. Wo man geht, tritt einem so ein Jude auf die Füße." „Ist wahr." „Ich werd's dem Weibsbild nicht schenken, ich wcrd' sie zurück- treiben." Unterdessen trug Chawe ihre Briefe aus, ohne dabei ihren Handel aufzugeben und ihre täglichen Einnahmen bcliefeu sich manch- mal bis auf einen halben Rubel. Trotzdem sie nach keinen Brief nach PolanowSka getragen hatte, wo man nach Franc! einen Rubel Boten- lohn bekam, so war doch die Korrespondenz in diesem Jahre so zahl- reich und die Güte der Adressaten, deren Gunst sie sich zu gewinnen verstand, so groß, daß Kascha, Erbsen, Kartoffeln, Mehl, alte Klei- dungsstücke und auch harte Groschen reichlich in das Rubinsche Haus flössen. Den besten Beweis dieses neuen Wohlstandes bildeten die fettigen Gesichter der Kinder, die zweimal täglich gekochtes Essen bekamen und ein kleines Söckchen, das Chawe unter der Jacke auf der Brust trug. In diesem Säckchen lagen zehn ersparte Rubel, ein Angeld für die nächste Fcicrtagsgardcrobe der sechs Rubin. Chawe hatte sogar beschlossen, ihrem Manne einen neuen Schlafrock zu machen, was wirklich schon der allerdcutlichste Beweis ihres. Reich- tums war. Gleichzeitig damit vcrfi.l Francis Glück. Eines TagcS fehlten im Büffett des Herrn Bürgermeisters zwei silberne Löffel. Die Frau Bürgermeisterin hätte ihren Verdacht vielleicht nach einer andren Seite gelenkt, aber der Herr Bürgermeister hatte einen wahrhaft polizistischen Widerwillen gegen den neuen Magistrcktsdicuer und jagte ihn auf der Stelle davon. Franc! beteuert umsonst seine Un- schuld, der gestrenge Herr Bürgermeister blieb bei seinen: Beschluß. «Diese Jüdin ist an allem schuld", sagte der frühere Brief- träger zu seinem Kollegen.„So lange sie sich nicht rcingcmischt hat, hielt mich jeder für einen anständigen Menschen." Mit dieser gerechtfertigten Klage verschwand er hinter der gast- lichen Thür des'Wirthauses, wo er merkwürdigerweise seit dem Ver- schwinden der Löffel einen bedeutenden Kredit besaß. Er trank erst einige Gläschen zur Beruhigung und begann dann, der Schankwirtin Sure herzlich sein Leid zu klagen. Schließlich schimpfte er auch auf Chawe. „Was ist sie schuld?" verteidigte die Schankwirtin die neue Brief- trägerin.„Sie hat Euch nicht verdrängt." „Warum hat sie sich mit dem Stör auf die Fuhre gesetzt, he—?" stotterte Franek.„Ich Hab' mich bekreuzigt, sie sprang rauf. Gleich zog uns kein Pferd mehr, sondern ein Bock. Ich werd' sie erwürgen... Und wenn ich sie nicht erwürge, kann sie vor Hunger krepieren." „Gar nichts wird ihr geschehen", sagte Sure streng,„sie kann jetzt Gänse essen. Eben war sie hier, heut' hat sie einen Brief nach Polanowska getragen." „Nach Polanowska", schrie Franek, die Augen aufreißend. Das ist mein Rubel, ich werd' meinem Herrn den Brief hintragen. Nach Polanowska I" Wie wahnsinnig lief er zum Wirtshaus hinaus. An diesem Tage sollte Chawe wirklich einen rekommandierten Brief nach Polanowska tragen. Aus Hochachtung für den Gutshof, wo man die Boten so großmütig bezahlte, beschloß sie, sich umzu- ziehen. Gerade, als Franek aus dem Wirtshaus stolperte, ging sie nach Hause, um sich feiertäglich zu putzen. Sorgfältig gewaschen, in einem neuen Rock und in Schuhen, eine saubere, weiße Haube auf dem Kopf, darüber ein blaues Tuch, sah sie so schön aus, daß man wirklich ihre Arbeitsamkeit vergessen durfte, um an ihre Reize zu denken. Mit sich selbst zufrieden, und in der Hoffnung auf einen überaus reichlichen Verdienst, küßte sie die Kinder und ging. Der Weg nach Polanowska war von der einen Seite von be- wachsencn Hügeln eingefaßt, auf der andren floß die Weichsel. Un- gefähr in der Mitte geht der Weg in die Höhe und führt durch einen kleinen Hohlweg. Als Chawe ihn einschlagen wollte, sah sie einen Menschen neben der Landstraße liegen. Die alte Uniform, die Mütze und Katspuren erinnerten an Franek. Vielleicht ist er's, dachte sie, aber am hellerlichten Tage wird er mich nicht überfallen. Nach einigen weiteren Schritten zweifelte sie nicht mehr, es war wirklich ihr Vorgänger im Amt. Sie wollte rasch an dem Schlafenden vor- über, aber er hatte sie offenbar schon bemerkt, denn er stand auf und ging ihr entgegen. Chawe trampfte sich das Herz zusammen, doch sie beschloß, nicht zu fliehen. „Wohin", ftagte Franc! mit heiserer Stimme. „Nach Polanowska". sagte sie zitternd. „Wozu?" „Mit einem Brief." „Gieb ihn Herl" „Na, warum," schrie die Jüdin,„ist er für Dich?" „Giebl" brüllte Franek, sie mn Halse packend. Chawe sträubte sich, er drückte sie fester, endlich schlug er sie einige Mal wütend in die Schläfen, sodaß sie umfiel. Da begann er, in ihren Kleidern zu wühlen und fand auf der Brust den Brief und .... das Säckchen. Zweifellos hatte Franek ursprünglich weder an Mord, noch an Diebstahl gedacht. Gegen seine eigentliche Absicht wurde er zum Mörder und Dieb, da er in der Aufregung zu stark schlug und das Säckchen stahl. Denn es war eigentlich nur ein Racheakt. Jetzt riß er den Brief an sich und lief nach Polanowska. Erst als der Herren- sitz schon in Sicht war, fiel ihm ein, daß die Sache nicht ganz un- gefährlich sei. Er kehrte um und verschwand im Gebüsch. Unterdessen mußte die halb tote, halb ohnmächtige Chawe lange auf Hilfe warten. Erst eine Stunde später merkte der Fleischer, der gerade nach Kajimierz fuhr. Lebenszeichen an ihr; er nahm sie auf seinen Wagen. Man schickte keine Boten aus und es kamen keine Aerztc zusammen, nur vier Kinder suchten mit verzweifeltem Ge- schrei die Mutter aufzuwecken und ein hustender Mann mühte sich um sein Weib. Endlich drang die Nachricht bis zur Großmutter Wloftowiccka, die sofort mit einem Feldscheer kam. Die Blutegel, die man an den wunden Kopf setzte, schienen die Kranke ein wenig zu erleichtern, aber das Fieber ließ nicht nach, Chawe phantasierte, sie stieß jemand zurück, sie packte sich an die Brust und rief nach einem Säckchen. Ter vollständige Geldmangel erschwerte die Behandlung der Patientin. Man holte zwar von der Frau Kassiererin das Geld für den halben Stör, aber das reichte kaum für Kartoffeln für die Kinder und hielt höchstens den Tod der Mutter auf. Nach zlveiiägigen Qualen starb Chawe endlich, ohne vor ihrem Tode zu sagen, daß Franc! ihre zehn Rubel genommen hatte und ohne der Großmutter Wlostowiecka ihre drei wiederzugeben.— Kleines feirilleton. gz. Seit wann ist das Wanden« der Zugvögel bekannt? Man sollte meine», daß eine so auffällige Erscheinung, wie die Abreise und die Ankunft der Zugvögel schon immer so bekannt gewesen wäre, wie das Springen der Knospen im Frühjahre ui«d das Abfallen des Landes im Heröst. Allein dem ist nicht so. Wie Konrad Fischer in einem interessanten Artikel in der„Naturwissenschaftlichen Wochenschrift" zeigt, erklärten sich noch vor hundert Jahren manche Natur- kundige das Verschlvinden der meisten Vögel im Winter aus eine ganz andre Weise. Die alten Germanen waren zwar ein Natur- voll, das mit den Vorgängen in der Natur innig verttaut war, aber es fehlte doch die eigentliche Naturerkenntnis. Man grübelte nicht darüber nach, woher etwas kam und wohin es ging. Nun muß man außerdem bedenken, daß der Zug der Vögel doch recht geräuschlos vor sich geht. Die meisten Vögel ziehen bei Nächst oder sie ziehen in solcher Höhe, daß man die Wandernden nicht be- merken kann. Außerdem wanden« nicht alle zu derselben Zeist Wurde aber ein Zug von Wandervögeln wirklich bemerkt, so hielt man das für ei» Zusammentreffen von Vögel««, wie man es zum Beispiel an den Krähen, Staren und Goldammern auch außer der Zugzeit beobachten kann. Die deutschen Minnesänger im 12. und 13. Jahrhundert beschäftigten sich in ihren Gesäugen viel mit den Vögel««, aber es ist nie eine Andeutung darüber enthalten, daß diese im Frühjahr wiederkommen. Man glaubte damals und im ganzen Mittel- alter, daß alle Vögel währei«d des Winters bei uns blieben und in Kälte und Schnee ein trauriges Dasein führten. Erst vom 16. Jahrhundert an, als die griechische Wisjenschast und Kunst in Europa ihre Auferstehung erlebten, drang mit der Lektüre des Aristoteles etwas mehr Naturwissenschaft in die Kreise der Ge- bildeten ein. Aristoteles wußte, daß die Kraniche wanderten. Der Zug der Kraniche ist ja auch sehr leicht zu beobachten. Er wußte es ferner von der Gabelweihe, der Ringeltaube und der Schivalbe, doch sollten von den letzteren beiden nur diejenigen Individuen wandern. die in der Nähe der wärmeren Gegenden wohitten. Alle andren sollten den Winter in Höhlen in erstarrtem Zustai«de zubringen. So finden wir denn auch bei Schriftstellern des 1«. Jahrhunderts die Kenntnis, daß die Kraniche wanden«. Die Wachteln und die Störche werden auch bereits als Zugvögel genaintt. Dock, glaubte man damals noch von der Lerche, dem Star, der Drossel, dem Kuckuck, den bekanntesten Wandervögeln, daß sie im Winter i» Höhlen oder gar im Wasser, und ztvar im federlosen Zustande zubrächten. Im 17. Jahrhundert endlich wird das Wandern vieler Vögel mehr bekannt. In einem Liede a«ls dem 16. Jahrhundert heißt es: Es kommt die Lerche, es kommt der Storch. In einem andren aus dem Jahre 1683 steht: Die Vögel kommen nisten aus fremden Ländern her. Im 18. Jahrhundert wurde dann der Begriff der Zugvögel Allgemeingut deS Volkes. Mau lernte nach und nach alle Vögel' kennen, die im Winter in fremde Länder ziehen. Döbels Praktika für Forstleute vom Jahre 1783 kennzeichnet bereits alle Wandervögel als solche. Aber in der groben Encyclopädie von Krünitz vom Jahre 1805 wird doch über den Verbleib der Nachtigall und der Schwalbe im Winter noch gestritten und Jos. Heinr. Helmuth sagt noch in seiner ersten dreibändigen Naturgeschichte aus dem Jahre 1808:„Andre Vögel verstecken sich gegen den Winter teils unter der Erde, teils in hohlen Bäumen, teils in Sümpfen und leben daselbst so lange in Erstarrung, bis sie durch die wärmeren Tage aus derselben erweckt werden. Dahin gehören die Schwalben und einige Singvögel." Es wird da behauptet, noch niemals wären Schwalben von Reisenden in südlichen Ländern gesehen worden. Ausserdem hätten Fischergesellcn eine große Anzahl Schwalben mit Netzen aus dem Schlamm gezogen, und die,- welche man in die warme Stube gebracht, seien wieder zum Lebe» gekommen. Bald nach dieser Zeit zweifelte allerdings niemand niehr an dem Wandern der Schwalbe. Im letzten Jahrhundert ist der Winteraufenthalt der Wandervögel, ihr Treiben in fremden Ländern, die genaue Zeit ihrer Abreise und ihrer Ankrurst, ihre Wanderstraße, kurzum es ist jetzt so ziemlich alles erforscht worden, was die Zugvögel und ihr Wandern betrifft.— k. Ein Riesrnturm, dem gegenüber der Eifelhtrm unbedeutend erscheinen soll, wird die Weltausstellung von St. Louis zieren. Die bekannte Vorliebe der Amerikaner für das Riesenhafte wird, wie ein englisches Blatt berichtet, durch einen großen Turm befriedigt werben, dessen Bau schon begonnen ist und dessen Vollendung man iu- 7— h. ling erwartet. Die Größe des Plans hat selbst in Amerika V—-' rascht. Das Bauwerk von St. Louis übertrifft nicht alle.» ourcp seine Größe alle andren Türme. Die 1050 Fuß hohe Stahlsäule mit einem Umfang von 505 Fuß an der Basis wird von einem Ans- satz gekrönt, der die Ausstellung einer drahtlosen Telegraphenstation enthält. Darüber soll die größte Flaggenstange mit der größten Fahne der Welt errichtet werden. Oben befindet sich auch eine Sternwarte zur Beobachtiliig des Himmels, die gleichzeitig 7000 Besucher fassen kann. Im Innern werden Aufzüge, die durch komprimierte Luft getrieben werden, die Verbindung mit dem obersten Teil des Turmes her- stellen und außen wird ein großer Wagen von der Basis nach oben gehen, dessen 114 Seitenräder über eine Reihe von Spiralbahn- geleisen, die an den äußeren Wänden der Sänle befestigt sind, gehen. Das merkwürdigste aber wird die Wirkung des Krystalllichtes sein, nach dem der Bau„Krystallpalast-Turm" genannt wird. Inner- halb der Säule werden Millionen geschliffener Krhstalle an Drähten oben vom Turm hängen und die ganze innere Oberfläche der Sänle mit einem Netzwerk wiederspiegelnder Flächen überspinnen, auf die sich eine Flut verschiedenfarbigen elektrischen Lichts ergießen wird. Diese Krystalle sind in ständiger Bewegung.— Kulturgeschichtliches. — Den Tanz in der Renaissance behandelt Oskar Bie in einem Anfsatz der„Neuen Deutschen Rundschau". Er führt u. a. darin folgendes aus: Sobald in der Welt der italienischen Renaissance Feststimmung angesagt ist, disciplinieren sich die Körper, stilisiert sich die Bewegung, wird das Stehen, daß Grüßen eine feierliche Sccne. Die Künste des Gefallens entwickeln sich.-Die leichte Sinnlichkeit, die vielgepriesene vaghezza.(Anmut) bestimmt die Erscheinung. Mezzo dcntro, mezzo fuori— halb drin, halb draußen steckt das Taschentuch. Wohlerzogenheit und Natürlichkeit finden ihre Mitte, ein Hauch von Kultur und wieder ein Hauch von Offenherzigkeit weht die Tracht und das Benehmen an. Die vagttseea versteckt das Taschentuch nicht ganz, wie sie mitunter den letzten Knopf vergißt, den halben Hand- schuh lockert. Der Kavalier sitzt, indem er die Linke und die Rechte gleichmäßig auf die Armlehne ausstreckt, aber die rechte Hand hängt vom Gelenk ab lose herunter, er hält darin das Taschentuch, den Handschuh, eine Blume. Er sitzt nicht zu weit nach hinten, die Füße gut nebeneinander. Man rückt nicht beliebig mit den Stühlen. Man holt sie nicht und stellt sie vor die Honoratioren. Die Hono- ratioren haben das Recht auf die schönsten Damen. Wenn größere Tänze gemacht Ivcrden, z. B. der beliebte Furioso mit vielleicht neun Paaren, so hütet man sich, die Damen nicht gleich nach der Schön- heit aufzustellen, damit nicht ein Fürst mit einer häßlichen zusammen- gerate. Die Tanzbücher enthalten Sttche, wie man zu gehen und zu stehen hat. Es giebt keine Legerität im Zimmer. Man tanzt im Ornat, die Dame in ihrem Festkleid, der Herr mit Hut, Degen und Mantel. Es ist unmöglich, den Mantel abzulegen, auch bei den ver- gnllgteren Tänzen. Höchstens darf man ihn aufwickeln, was nach vorgeschriebenen Tempi geschieht. Bei den Gagliardenschritten liegt die Linke am Degen, der etwas nach hinten gedreht ist, die Rechte ist nur leicht bewegt. Die Dame hebt die Schleppe niemals beim Rückwärtsgehen, außer wenn es sehr eng ist, sie schiebt sie geschickt mit dem Reiftock, indem sie aus der wiegenden Bewegung jene ideale Haltung des koketten Wichttgscheinens entwickelt, die man pavoueMaucko, sich pfauend. sich schön brüstend, nannte. So psvonofjgmudo mit der Taille zieht sie sich rückwärts zum Stuhl zurück, griitzt die Dame rechts, setzt sich, geschickt die Schleppe seit- wärt« schiebend, nicht zu weit nach hinten, damit sich der Rock nicht Verantwortl. Redakteur: Julius Kaliski in Berlin.— Druck und Bcrlag: hebt— nicht einmal die Schuhe sollen»u sehen sein. Dann erst grüßt sie nach links.— Aus dem Tierreiche. — Die D o r n e ch s e. Der Wochenschrift„Nerthus" wird aus Jerusalem geschrieben: Die von den Arabern„Hardun" genannte Dornechse ist in Palästina sehr häufig aus FelSgestein und altem Mauer- werk anzutteffen. Sie ist ungemein rasch in ihren Bewegungen, weshalb man ihrer namentlich im Sommer sehr schwer habhaft wird. Beim Springen streckt sie Kopf und Schwanz in die Höhe und giebt sich dadurch da? Ansehen eines mutigen, kampfesfrohen Geschöpfes; im übrigen ist sie ein harmloses Tier, das sich durch Wegfangcn von größeren Kerbtieren nützlich macht. Bevor die Echse auf ihrer Flucht in ihrem Versteck ver- schwindet, lvird in ähnlicher Stellung nochmals die drohende Gefahr in Ruhe betrachtet. In Jaffa erzählten mir die Kinder der Templer- Schule, daß sie hin und wieder bei bevorstehender Abstrafung durch sogenannte„Tatzen" die Innenfläche der Hand mit dem Blute eines HardunS bestreichen, wodurch die Hautfläche eine lederartige Ver- Härtung erfahre, was die Wirkung der Schläge abschwäche. Iln- willkürlich mußte ich der Sicgftiedsage gedenken, laut welcher der Held Siegfried sich badete im Blute des erschlagenen Drachen und sich also hieb- und stichfest machte.— Aus dem Gebiete der Chemie. bt. Umwandlung ch e m i s H e r Elemente. Unsrc Zeit ist überreich an raschen, naturwissenichaftlicheu Entdeckungen, durch die unsre Anschauungen über den Zusammenhang der Welt in be- ständigem Fluß gehalten werden. So hat es z. V. langer Zeit be- dürft, ehe die Versuche der Alchymisten, Gold zu machen, von der Wissenschast in die Rumpclkammer verwiesen wurde. Gold gehört zu den chemischen Grundstoffen oder Elementen, deren die moderne Chemie einige siebzig zählt, die sich mit einander zu Körpern von den verschiedensten Eigenschaften verbinden, in denen man den Grundstoff in leiner Weise erkennt— man denke z. B. nur daran, daß das flüssige, fencrfeindliche Wasser aus zwei gasförmigen Elementen besteht,' deren eines, der Wasser- stoff, brennbar ist, während das andre, der Sauerstoff, die Ver- brennmlg rmterhält, oder man vergcgcnlvärtige sich, daß in der ge- wöhnlichen Thonerde das silberglänzende Aluminium als einer der sie bildenden Grundstoffe vorhanden ist. Bewirkt also ein Grundstoff durch sein Zusammentreten mit andren die merkwürdigsten Ver- änderungcn in den Eigenschaften der Körper, so ist er für sich allein nach den Lehren der modernen Chemie überhairpt keiner Veränderung sähig, ohne Hinzutreten andrer Elemente bleibt er stets, Ivas er ist. Diese festgewurzelte, geradezu zum Dogma gewordene An- schauung soll jetzt erschüttert werden. Anlaß dazu geben die merk- würdigen Strahlungserscheinungen, die in den letzten sieben Jahren eutdectt wurden und zu denen beständig noch neue hinzutreten. Von den Stoffen Uran. Thor, dem erst vor kurzem nachgewiesenen Radium gehen Strahlungen aus, die»ach der Vermutung einiger Chemiker von einer stofflichen Verwandlung der Elemente begleitet sind. Allerdmgs handelte es sich zunächst nur um eine nicht gerade sehr wahrscheinliche Vermutung, die darauf gestützt wurde, daß in allen natürlichen radiumhaltigcn Mineralien sich auch das Gas Helium vorfindet. Man sprach daher die Meinung aus, daß über- Haupt die Radiumatome in einer beständigen von der Strahlung heglciteten Umwandlung in Helium begriffen seien, wobei dieses sich bildende Gas nur schwer aus den Mineralien enttveiche. Jetzt kommt aus England die Nachricht, daß der berühmte Chemiker R a m s a y im Verein mit S o d d y auch bei künstlichen Radium- Präparaten in ihren gasförmigen Emanationen, daS sind zugleich mit der Strahlung ausgesandte Gase, Helium erkannt und nach- gewiesen habe. DaS Helium scheint also ein steter Begleiter der Radiumstrahlung zu sein. Daß freilich das strahlende Radium sich durch die Sttahlung in das nicht strahlende Helium verwandelt, ist damit noch keineswegs bewiesen: immerhin läßt sich die Möglichkeit nicht ohne weiteres von der Hand iveisen.— Notizen. — Ferdinand Hei gl, der Verfasser der„Spaziergänge eines Atheisten", ist in München, 63 Jahre alt, gestorben.— —„König Drosselbart", eine volkstümliche Oper von Max B u r k h a r d t, ist vom Kölner Stadttheater zur Aufführung angenommen worden.— — In Petersburg gelangt demnächst eine neue Oper von D a w y d o w zur ersten Aufführung; sie heißt„Die versunkene Glocke", ihr Text ist dem Drania von Gerhart Hauptmann cnt- nommen.— — Bei Keller u. Reiner wird Sonntag eine Sascha Schneider-Ausstellung eröffnet.— — Der Verein von Freunden der Treptow» Sternwarte veranstaltet Sonntag einen Ausflug nach Potsdam zur Besichtigung der chinesischen astronomischen Instrumente. Direktor Archenhold wird über„die Bedeutung und prakttsche Verwendung der Instrumente", und Herr Wilhelm Piltzing über„die Herstellung des chinesischen Bronzegusses" sprechen."— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 13. September. Vorwärts Buchdruckerci und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin S�T