Nnterhallimgsblatt des Vorwärts Nr. 180. Dienstag, den 13. September. 1903 (Nachdruck verboten.) 821 Die Hchenbacher. Roman von Anton v. Perfall. Einen Augenblick trat unheimliche Stille ein. „Ja!" tönte es dann dumpf aus Lenz' Munde. Burgl knickte zusammen. „J hab's Holz auslass'n im Schindlgrab'n." „Mörder, verruchta!" Ilrban drang aufs neue auf ihn ein. „Und uns möcht'st mit'neinziehn in die Schandthat?" „Ja. das Witt i, oder meinst, i trag' vielleicht die furcht- bare Last allein und lab Dir grad den G'winn? Hast Du des verdient um mi oder die Burgl? Jeder sein Teil! I den größeru weg'n meiner, die That! Ihr den andern— er langt a no— den Will'n! den g'heimen Wunsch, den aus- z'führ'n Ihr grad z'feig ward's." „A Wort weis' ma nach, nur a Wort, das Dir's Recht gibt für so an Anklag, sonst derwürg' i Di wia giftige Schlang!" tobte Urban. „?lls wenn's dazua a Wort brauchet, a Blick net langet. a einfach's Schweig'n? Was habt's Euch denn g'sagt damals, wia er d' Burgl niderg'schlag'n hat, ohne a Wort z'red'n? Sterb'n muaß er. habt'S g'sagt. Was hast denn mir g'sagt. wia i auf den Bluatfleck beut' Hab' auf der Mauer? Tot ihn, hast g'sagt! Was hat denn das g'heißen damals, wia i von der Wildbahn heimkemma bin.„Wenn i's w ii b t'. daß mein Bruader a Mörder word'n is an ihm, war' all's vorbei!" Wenn i's wüßt'! Das hat g'heiß'n: Thua's, aber red nix!" Urban trafen die Worte wie Peitschenhiebe. Ohn- mächtiges Lachen trat an die Stelle der Wut, er berührte Lenz nicht mehr. „'s Bluat vom Achenbacher hat uns z'samm'g'schweißt," fuhr Lenz fort,„und des is a furchtbare Löt'n! Drum wehr Di net,'s war' do umsonst. Bon uns zwei hat keiner mehr fein' freien Will'n!" Da erwachte in Urban noch einmal inächtig der Trieb. diesen Unhold abzuschütteln. Er stürzte sich auf ihn und riß ihn zu Boden. Ein un- artikulierter, wahnsinniger Laut gellte durch die Stube. Burgl sah gelähmt an allen Gliedern den wahnsinnigen Kampf der Brüder, der sich bald in tiefe Schatten tauchte, bald dämonisch aufleuchtete im grellen Mondlicht. Da tönte eine Stimme wie aus weiter Ferne. Sie rief Burgls Namen, lang gezogen, weinerlich. Und ehe sie die beiden Kämpfer vernommen, ehe Burgl sie warnen konnte, trat der alte Achenbacher, niit einem groben Hemde bekleidet. in die Stube. Das Augenlicht war ihm längst gänzlich erloschen. Der gelle Schrei der Brüder hatte ihn wohl aufgeschreckt, seine Taubheit überwindend. „Wer is da? In Gottes Namen, wer is da?" fragte er, auf seinen Stock gestiitzt, weit vorgebeugt, das erloschene Antlitz dem Mondlicht zugewendet. Die Kämpfenden sprangen erschreckt auf. Lenz war mit einem Sprunge aus dem Fenster. „I bin's Vater, die Burgl!" schrie die entschte Bäuerin ihm zu. während Urban scheu vor dem tappend vorwärts schreitenden Greise auswich. „Und wer is bei Dir?'s war die Stiimnc von an Mann!" Er tastete mit seinem Stock umher. Du hast Di verhört, es is niemand da als i."� „I spür's aber, daß einer da is, Burgl, ganz in meiner Näh. Da— da!" Er schritt gerade auf Urban zu, der, wie gebannt von diesen weit geöffneten lichtlosen Augen, die im Mondlicht wie zwei Sterne glänzten, langsam zurückwich. Plötzlich erfaßte ihn eine zitternde Hand am Aermel, der Stock berührte seine Brust, erhitzter Atem flog dem Alten ins Gesicht. „Ter Flori? Ned do! Red do!" Die knöchernen Finger des Greises tappten die regungs- lose Gestalt entlang, sie näherten sich dem Antlitz Urbans, sie berührten den Bart, zitterten über die Züge. „Das is der Flori net! Das is— das is— Urban Lehner!" rief er plötzlich mit dröhnender Stimme. Ein Zittern befiel die Greisengestalt, dann senkte er nur ermattet das greise Haupt und trat den Rückweg an, eine Be- wegung des Schanderns mit den Händen machend: vor dem Christus in der Ecke, vor welchem das ewige Licht nicht mehr brannte, blieb er noch einmal stehen, das Haupt zu ihm er- hoben, dann entschwand er den Blicken des stummen Paares. Burgl faßte sich zuerst. „Geh, Urban, geh! Du siehst ja selb'r, es darf net sein, all's hat sich verschwor'» gegen uns." „Wenn i Di aber net laß, allen Stimma zum Trotz, von auß'n und von inna. Wenn i Di net lass'n kann, eh' mein Leb'n." Er wollte sie umfassen, aber sie stieß ihn von sich, dann schwand ihr das Bewußtsein. Lenz hätte sich den dringenden Brief an Flori sparen können:„Wenn Dir an der Reöl no was liegt, komm vor Sonntag." Burgl lag schwer krank in heftigem Fieber und schwätzte so tolles Zeug, daß der Arzt bedenklich den Kopf schüttelte. Bei dem Mangel geeigneter weiblicher Pflege auf dem Hof bat er sich von Urban die Resl aus zu dem Samariterdienst. Nachbarn müßten sich doch in solcher Lage gegenseitig aus- helfen. Doch Urban weigerte sich entschieden, seinen Willen zu thun. DaS Mädel sei viel zu schwach und unerfahren zu dem Geschäft, und er möchte die Verantwortung nicht übernehmen: außerdem sei's der Bäuerin wohl selber nicht erwünscht, die einmal, leider Gott, mit seiner Tochter schlecht harmoniere! Das brächt' die Kranke erst recht aus einander. Er selber wolle schon sorgen dafür, daß ihr nix fehle. Urban fürchtete die Ficberphantasien Burgls.. Der Arzt mußte solchen Argumenten weichen, Resl erfuhr nichts von seiner Forderung. Es war Samstag. Sonntagabend kam der Flori in den Erntc-Urlaub: da löste sich für sie alles in Licht und Sonnen- schein. Das finstere, von wühlender Leidenschaft verzerrte Ge- ficht des Vaters fiel ihr nicht auf, auch die souderbarcn Reden des Lenz, ans welchen immer wieder die Warnung vor einer Gefahr klang, verstand sie nicht. Der Egoismus, welcher in jeder, auch der reinsten Menschenbrust wohnt, ließ ihr auch die Krankheit Burgls, von der sie wohl gehört, nicht so schlimm erscheinen. WaS soll denn die starke, kerngesunde Frau, gegen die sie ein zerbrechliches Ding war, so Plötzlich anpacken? Und dann kam morgen der Flori! Der Anblick muß ja die Mutter wieder gesund machen! Sie hatte den ganzen Tag zu nähen und zu Putzen, ihren Sonntagsstaat auf den Glanz herzurichten, uni sich doch auch sehen lassen zu können neben ihrem wunder- schönen Cheveau-legcr. Wenn er nur grad in der Früh komm'n wär', und dann mit einand' in Gottesdienst. Das hätt' a G'schau geb'n und a G'wischbcr!'s war ja recht sündhaft, so was zu denk'n, und die rechte Andacht g'wiß net, aber am End muaß der liabe Herrgott do selber sein' Freud hab'n an zwei so glückliche Menschenkinder! Hat ja der heilige Michael am Altarbild selb'r an glänzenden Harnisch an und an groß'n Federbusch auf'n Helm, wia er den schiach'n Drach'n um- bringt, der ganz verblend't is von sein' Glanz. Urban ging in den Achenbacherhof. Es war seine Vcr- pflichtung, hinzugehen, was auch der Alte sagen und denken wollte. Was lag ihm noch daran! Sein Entschluß war gefaßt. In seinem Hof war kein Bleiben mehr für ihn. Nie wird er sich mehr frei machen können von dein Bann des Lenz, wenn er sich auch noch setze dagegen wehrte, sich selber jede Mitschuld leugnete. Und der wird sich den Vorteil nicht entgehen lassen und den Herrn spielen auf dem Hof, da wählte lieber er das Los, das der Achenbacher dem Bruder zugedacht— die Verbannung. Fort! Uebers Meer! Was lag ihm noch an der Heimat? Und die Burgl? Hat s' net selb'r vom Fliehn g'sproch'n? Die kann mitkomma, nachkomma— die muaß ja nachkomma, weil'» nimm« lass'n kann von ihm. Urban trat, innerlich gefestigt, vor das Krankenbett BurglS. Um so Mülir erschrak er über den Anblick der Frau. Diese feuchten, unruhig flackernden Augen, diese dunkelroten Flecke auf den eingefallenen Wangen weissagten nichts Gutes. Sie erkannte ihn wenigstens, sprach ganz vernünftig, nur zu vernünftig. Sie habe die Krankheit schon lange in sich verspürt, schon seit dem Tode ihres Mannes. So ein Schreck lasse immer etwas zurück. Das Schlimme sei nur, daß es gerade jetzt sein müsse, zur Erntezeit und der Flori fort. Diese völlig klaren, nüchternen. Auseinandersetzungen. ohne die leiseste Anspielung auf die jüngsten Ereignisse, auf ihn selbst, waren Urban unheimlich. War das Absicht oder hatte sich eine Lücke gebildet in ihrem Gedächtnis, hatte das Fieber sein Bild aus ihrem Herzen gebrannt? Doch nur zu bald wurde ihm Aufklärung! Burgl veränderte plötzlich den Ton. Eine heftige Unruhe packte sie, die Vorstellungskreise verwirrten sich. Doch er achtete nicht darauf. Sie rief wieder seinen Namen, bald voll Sehnsucht, voll freudigen Erkennens, bald angstgequält, bei ihm Schutz suchend. Sie drängte sich an ihn, sie umklammerte seine Hände, Bilder quälten sie, Gestalten haschten nach ihr. „Lorenz! Was willst denn von mir? I Hab' Dir ja Nix gethan. Der Lenz war's ja. Nein! Nein! I laß mi net— Urban! Urban! Hilf mir, um Gottes Erbarmen! Heb's do auf, das Goldstück!" Ihre verzerrten, schreckerfüllten Züge verklärten sich dann wieder, die zusammengekrümmten Finger liefen sanft über fein Haar. Dann folgte völlige Erschöpfung, ein unruhiger Schlaf. Er saß dabei wie ein Verdammter, den Blick unverwandt gerichtet auf dieses glühende, zuckende Gesicht, diese ge- schlossenen Lider, unter denen die Bilder des Grauens rollten, auf diese ewig beweglichen Lippen, die sich bald einzogen wie im Krämpfe, bald weit offen standen in lähmendem Ent- setzen. Er merkte darüber nicht die Veränderung, die um ihn vorgegangen. Die tiefe Dämmerung, die sich herabsenkte aur die Kammer, obwohl es kaum fünf Uhr war, den stoßweisen Wind, der das Haus erschütterte, in den Bäumen und Sträuchern sein pfeifendes Spiel trieb. Erst als die beiden Fensterflügel klirrend aufsprangen und der weiße Vorbang bis zum Bett herüberflatterte, erwachte er aus seinem Brüten. (Schluß folgt.) (Nachdruck verboten.) In fimftöre. Reise-Aufzeichnungen von Wilhelm Holzamer. Es ist eine endlos lange Fahrt von Paris nach Brest, besonders wenn man nicht Schlafwagen erster Klasse, sondern dritter Klasse im vollgefüllten Vnim de Plaisir zu bedeutend reducierten Preisen fährt. Da muß alles Plaisier werden: daß man aufeinander- gepfercht ist wie die Schafe, daß der Wagen schollert und schaukelt, daß man vor lauter Reisegepäck nicht weiß, wohin man die Füße setzen soll, daß die Bänke hart und unbequem sind, daß alle Fenster offen sind und der Gegeuzug einem in Ohren und Zähne fährt und all' die andren schönen Sachen, die einem schaudern machen würden, wenn man vorher an sie dächte, und die man doch erttägt, da sie über einen kommen. In der That ist uns der Humor nicht aus- gegangen. Wir haben uns unterhalten und gescherzt, einander bei- gestanden und das Unangenehme auf die leichte Achsel einander ge- hoben, wir haben unsre Bagage zurecht gerückt und unsre Futterage ausgekramt, wir haben zusammen bewundert— die schönen Wälder und Felder, die Schlöffer und Städte und Dörfer, an denen wir vorbeifuhren und die schönen Sterne, die in die klare Nacht blickten; — wir haben zusammen geschimpft, über Militär und Steuern, über die Ausschlachtungen, die die Reichen an den Kleinen verüben: Mötro und das schreckliche Unglück, und wir haben Mittel ersonnen Kapital und Ratschläge gegeben, und die einzigen und unbedingten Lösungen klipp und klar dargelegt, wie das alles anders gemacht werden könnte, gemacht werden müßte, wie die Akttonäre gezwungen sein würden, mit weniger Gewinn zufrieden zu sein und den Fahrgästen eine höhere Sicherheit garantiert wäre. Und noch andre große Lebens- Staats-, Verkehrs-, Handels- und Gcwerbefragen haben wir endgültig gelöst, und kein Parlament wird es uns gleich thun, am aller- wenigsten das französische.... Dann haben wir gesungen: Ob lü. !ü l— und wie I„Visus Pouxoule" und„Voila le bon fromage!" Oh la lä— mir klingen noch die Ohren! Da war eine Schusters- frau, in der habe ich eine Primadonna entdeckt, ileu Dien! Mit so einem Organ kann man die ganze Welt ausschreien. Lhre Stimnie ist noch schlimmer als die meine— und l*r habe ich schon das Schlimmste zugetraut gehabt. Aber wir waren grtte Freunde, trotz aller Stimmgewaltigkeiten. und haben sehr doucement eine Flasche Rotwein zusammen getrunken. Und schließlich haben wir geschlafen. Der Franzose liebt die Musik. Auch das Schlafen ging nicht ohne Musik ab. Schließlich hat einer Reveille gepfiffen. Da umwehte uns vom Aermelmeer her schon Seelust. Wir waren in der Heimat von Pierre Lotts PScheurs d'JSlande angekommen. Seebrise und ein herzhaftes Morgenniesen. Aber das„Thalatta\" mußte ich mir noch aufsparen. Brest ist ganz hinten in Frankreich— Finistore-Ende— ewig weit— und ich sinke wieder in ein Schlümmerchen. Hoch über Morlaix bin ich aufgewacht. Hoch über Morlaix! denn der Zug fährt über den Ricsenviadutt, der höher als die Kirch- türme dieser Stadt ist. In zwei hohen Bogenetagen spannt er sich über Stadt und Fluß. Wir blicken in die engen, netten Straßen, wir entdecken im Vorbeifahren ein paar der schönen, alten Häuser— und wir sehen die Menschen unter uns klein wie die Katzen. In Morlaix ist eine große Tabakmanufakttlr, wo fast MOV Arbeiter beschäftigt werden. Und unter anderem ist die Stadt berühmt, daß in ihr die lichtbringende schwarze Kunst des Johann Gutenbcrg ihre erste Stätte in der Bretagne fand. Allerdings hat sie hier nicht viel Licht bringen köimen. Das macht, daß sie sich in einem Kloster der Schwestern des heiligen Franziskus Heimat gesucht hatte. Davon ist sie stets schwarz geblieben; aber des Lichtes mußte sie entbehren. Und ent- behrts bis auf den heutigen Tag. Sanft träumt der Eloru in die Rade de Brest. Kein Eilen, kein Schwellen, zur Mündung zu gelangen: ein breites, stilles Wasser, das der See schon gehört, ehe es in sie eingeflossen, das schon See geworden, da es noch Fluß ist. Nun fährt der Meerwind über es her, nun schweben die weißen Möwen darüber, seine Wellen kräuseln und es ist alles so friedlich und traumhaft, so unbekümmert um das Große, das über dem leisen Wasser schon waltet und dem es sich ergeben, ehe es wußte, daß eS das thun müßte. Und der Fluß trügt noch die Sagen und Träume der alten Stadt Landernau zu Meere, die er eben noch gespiegelt, die Giebel und Türme der alten Bauten, das bunte Gewinkel und Gewürfcl— und die Brücke mit den alten, grauen Häusern, die auf ihr stehen. Es sind sanfte Träume, die der freundliche Eloru in sachtem Raunen zu Meere trägt, daß sie verloren und vergessen in dem Unendlichen, das alles verschlingt und darin nichts Zeitliches gilt. Gott sei Dank, hinter mir liegt Brest, das zugige, schmutzige Brest. Schön aufgebaut, wenn man's vom Meere aussieht, innen die richttgc Festung, und der richtige Marinehafen. Militär. Militär. Militär. Ein Gemeinwesen, das den Eindruck macht, für sich selbst gar nicht zu existieren, unentwickelt, im militärischen und Festungs- charakter festgelegt. Sticht Raum für sich, enge Straßen, winkelige, zusammengeklebte Viertel, alles im Baun von Wällen und Kanonen— von Wällen und Kanonen alles starrend, weit in das Land hinaus. und der Hafen erfüllt von eisernen Kolossen, den grauen Kriegs- schiffen, die das Meer bedrohen und beherrschen. ' Die Heide färbt sich braun. Erika blüht und die stacheligen Ginster,„ttandss" genannt. Sie geben als Häcksel Futter für den Winter und Brennmaterial. In hohen Hecken grenzen sie die Felder, die Weiden, die Gehöfte. Sie sind widerstandsfähig, das drückt ihre Farbe so deutlich wie ihre Form aus. Widerstandsfähig muß hier alles sein, die Kühe, die Pferde— eine schöne reine Rasse— die Schafe, die Pflanzen, die Mauern und Häuser und— die Menschen, lieber diese Gegenden fuhren heftige Stürme und beständig drohen sie ihnen. Das giebt dem Charatter des Landes etwas Hartes, Verivittertes, Erprobtes. Diesen strengen Ernst, dieses Einsame und Verschlossene, das harte Arbeit den Men- schen giebt, die zugleich auch stets gefaßt sind, jede Frucht ihres schweren Mühens einzubüßen, lieber diesem Land droht beständig das Unwetter. Hinter ihm lauern die Gefahren des Meeres, düster ist sein Gepräge, eine düstere, verbissen-starre Melancholie. (Schluß folgt.) kleines feuilleton. dt. Bei den astronomischen Instrumenten a»S China. D i e Freunde der Treptow-Stern warte hielten am Sonntag eine Sitzung ab, nicht im fteundlichen Treptow, am Riesenfernrohr, dem jetzt schon sieben Jahre alten und trotzdem in seiner Eigenart noch unüberttoffenen inodcrnen Instrument der Himmelsforschung, sondern vor der Orangerie im Park von Sanssouci bei Potsdam, wo die alten, aus China überführten Instrumente auf- gestellt sind. Direktor Archenhold erläuterte dieselben sowie ihren besonderen Wert in eingehendem Vortrage. Im ganzen haben fünf Instrumente dort Aufftellung ge- funden, von denen das älteste ein aus dem 13. Jahr- hundert stammendes Universalinstrument ist, das sämtliche Bestimmungsstücke bei der Stellung eines Sternes mit großer Ge- nauigkeit zu messen gestattet. Gewiß sind unsre modernen Jnstru- mente diesem alten überlegen, schon weil sie mit Fernrohren ver- banden sind, als auch weil die Anwendung des Mikroskops die genaue Ablesung einer Viel weiter getriebenen Teilung der Kreise f>estattet. Aber erwähnen wollen wir doch, daß in Europa die In- trumente des großen dänischen Astronomen Tycho de Brahe(1546— 1601) bor der Erfindung des Fernrohres die genauesten waren, die alle ihre Vorgänger in den Schatten stellten, und daß die mit ihrer Hilfe angestellten sorgfältigen Beobachtungen Tychos so genau waren, daß Kepler aus ihnen die wahren Gesetze der Planetenbewegung, die Keplerschen Gesetze, ableiten konnte. Nun, und diese berühmten Instrumente Tychos, deren Abhandenkommen als ein unersetzlicher Verlust nicht gerade für die fortschreitende astronomische Wissenschast, aber für die allgemeine Kulturgeschichte betrachtet wird, waren nicht genauer, als dieses mindestens um volle 360 Jahre ältere chinesische Instrument. In der astronomischen Meßkunst waren die Chinesen den Europäern um mehr als drei Jahrhunderte voraus. Wir Iverden uns daher nicht mehr wundern, daß der Erbauer jenes alten Instrumentes Kuo shou fing z. B. die Neigung der Mondbahn gegen die Ekliptik genauer bestimmt hat. als der bedeutendste Astronom des griechischen Altertums, Hipparch, dessen Angaben in Europa von Tycho zuerst in Zweifel gezogen wurden. Nicht ganz so alt sind die andren vier Instrumente, die sämtlich aus dem Jahre 1673 stammen. Zu jener Zeit überzeugte der Jesuiten- Pater Verbiest den chinesischen Kaiser, daß zur Verbesserung des Kalenders, dessen Ueberwachuug einen wichtigen Teil der chinesischen Staatsverwaltung bildet, neue umfassende Beobachtungen notwendig seien, zu deren Durchführung die vorhandenen Instrumente nicht aus- reichten. Er erbaute damals sechs neue Instrumente, von denen vier jetzt in Potsdam stehen. Das erste derselben ist ein mächtiger um die Himmclsaxe drehbarer Himmels- globus mit einstellbarer Axe, auf dem die Sterne bis zur sechsten Größe eingezeichnet sind. Die Linien, durch die sie zu Sternbildern verbunden sind, sind natürlich andre als bei uns, so daß das nähere Stadium dieses Globus für die nähere Kenntnis der chinesischen Astronomie, aus der uns noch manches dunkel ist, recht wertvolle Aufschlüsse verspricht. An einer Stelle befindet sich neben einer Gruppe von sechs Sternen der chinesische Ausdruck für D u n st. Sollten den Chinesen bereits einige Nebelflecke bekannt ge- Wesen sein? Allerdings ist der große Orionnebel auf dem Globus nicht angedeutet. Die von uns zum Sternbild der Cassiopeja zusammengezogenen Sterne bilden auf dem Globus zwei Sternbilder, bei deren einem ein in den Karten nicht verzeichneter Stern steht. Er ist auf dem Globus als„Gast" bezeichnet, dem gewöhnlichen chinesischen Ausdnick für Kometen. Doch ist er nicht als Komet, sondern als gewöhnlicher Stern dargestellt. Vielleicht handelt es sich um den Ivv Jahre zuvor neu aufgetauchten Tychonischen Stern, der nach kurzem, hellem Glänze bald abblaßte und im Jahre 1574, nachdem cr l'/zJahre sichtbar gewesen, wieder gänzlich erlosch; in diesem Falle wäre er auch den chinesischen Astronomen auf- gefallen, was bei der großen Sorgfalt, mit der alle Borgänge an, Himmel in China registriert werden, an sich ja durchaus wahr- scheinlich ist. Die Einteilung der Kreise auf dem Globus ist so fein, daß noch die Minuten— eine Minute ist der 66. Teil eines Grades, der wiederum der 360. Teil des ganzen Kreises ist— genau abgelesen werden können. Um so merkwürdiger ist. daß der Kreis, auf Ivclchem sich der Himmelspol in 26 666 Jahren einmal um die Ekliptik bewegt, mit einem erheblichen Fehler eingezeichnet ist. Die andern Instrumente, deren Einteilung eben so genau ist, sind ein festliegender Horzizontalkreis, auf dem ein horizontal liegender Zeiger beweglich ist, um den Horizontalabstand eines Sternes von einem bestimmten Punkt, das sogenannte Azimut, zu messen, weiter eine sogenannte Armillarsphäre, die aus einem festen durch den Pol gehenden Meridiankreis besteht, in welchem ein Stundenkreis drehbar ist. Das Instrument gestattet die Abweichung eines Sternes vom Aequator sowie vom Meridian, Deklinatton und Rektascension, abzulesen. DaS letzte ist ein Sextant, der dazu diente, den Abstand zlveier nicht allzu weit von einander abstehender Sterne zu bestimmen. Daß d,ese Instrumente VerbiestS, die ebenfalls keine Fernrohre haben, genauer sind, als das zuerst genannte, 466 Jahre ältere von Knoshouking, kann man nicht gerade be- hauptcn; zeigte jenes die astronomische Meßkunst der Chinesen, der aleichzeittgcn europäischen weit überlegen, so beweisen die letzteren, daß man in China in dieser Beziehung nicht weiter gekommen war, während in Europa zu Anfang des 17. Jahrhunderts daS Fernrohr erstmden wurde, durch welches die asttonomische Meßkunst einen noch heute weiter wirkenden Anstoß von den weitreichendsten Folgen erhielt. Kulturhistorisch sind die alten Instrumente natürlich von größtem Interesse. In dieser Beziehung ist auch wichttg, was der Bildgießer P i l tz i n g, der mit der Instandsetzung der Instrumente beauftragt war. über die Bronzearbeit an denselben ausführte oder vielmehr ausführen ließ, da er durch Krankheiten an, Erscheinen gehindert war. Die Arbeit ist eine solche, wie sie heute in Europa nicht mehr gemacht und nicht bezahlt wird. Bewunderung erregt die Sorgfalt und die zähe Ausdauer der mit primittven Mtteln hergestellten Arbeit. Der Schweiß Hunderter, vielleicht Tausender von Menschen hastet an diesen Instrumenten. DieOrnamente und feinen Verzierungen sind aus der zähen Bronze frei mit der Hand herauSgemeißelt, also nicht mit- gegossen und nachciseliert, wie wir es machen. Ebenso sind die glatten Teile mit einer peinlichen Accuratesse gearbeitet und sogar noch poliert gewesen. Die Verbindung der einzelnen Gußstücke untereinander ,st im Schweißverfahren hergestellt, daß wir in unsrer Gießerei kaum noch kennen. Die zu verbindenden Teile werden zusammengelegt und dann durch flüssiges Metall, welches auf die Verbindungsstelle geleitet wird, zusammen- geschmolzen. Da diese Arbeit höchst unsicher und auch zu kostspielig ist, so stellen wir die Verbindung der einzelnen Bronze- griffe durch ineinander greifende Zapfen, welche verdübelt und ver- schraubt werden, her. Der Guß der Jnsttumente ist im Wachs- ausschinelzungs-Verfahren hergestellt und vorzüglich gelungen. Was die Pattna anbettifst, so ist dieselbe, wie bei allen chinesischen Bronzen, eine ganz vorzügliche, trotzdem gerade diese Bronze Zink, Blei. Antimon und Eisen enthält, Metalle, die nach unsrer Meinung und Erfahrung einen guten Patina-Ansatz verhindern und deshalb hier für öffentliche Denkmäler streng verpönt sind. Daß trotz dieser Bei- Mischungen die chinesischen Bronzen ein so schönes Aussehen erhalten, liegt wohl einerseits an der sorgfältigen Behandlung der Oberfläche des Gusses, andererseits aber auch an klimattschen Einwirkungen. Erklärungen über die chinesischen Namen und Inschriften an den Instrumenten gab Dr. Müller, Affistent am Museum für Völkerkunde, der längere Zeit in China gelebt hat und des Chine- fischen vollkon, men mächtig ist. Uebrigens ist er ein warmer Freund der Chinesen, an denen er fast iwr lobenswerte Eigenschaften kennen und schätzen gelernt hat. In Bezug auf die Ornamenttk führte er aus, daß die Mottve nicht chinesischen, sondern indischen Ursprungs sind, die von den Chinesen nur verarbeitet und sttlisiert sind. Auch eine starke europäische Beeinflussung hat die chinesische Ornamentik in der Mongolenzeit erfahren, die überhaicht nicht so dunkel war, wie meist angenommen wird; vielmehr stellt sich der Mongolenzug immer mehr als ein Ereignis von den weittragendsten Folgen heraus. Die Erläuterungen konnten sich bei dem herrlichen Wetter un- mittelbar an die Besichtigung der Instrumente im Freien anschließen, so daß außer den Mitgliedern des Vereins noch ein zahlreiches Publikum angelockt wurde.— Theater. Deutsches Theater.„Der Puppenspieler". Studie in einem Aufzuge von Arthur Schnitzler.„Trug- b i l d". Schauspiel in vier Aufzügen von Georges Roden- b a ch.— Es war kein glücklicher Premierenabend. Eingeleitet wurde er durch eine neue Schnitzlerschc Kleinigkeit. Interessant zeigte sich der stärkste und erfolgreichste aller jung-östreichischen Dramatiker bisher ja immer. Diesmal täuschte er aber alle hochgespannten Er- Wartungen. Gewiß, er schlägt wieder ein interessantes Thema an. Aber nur gebrochene Töne zittern, einer nach dem andren, leise herauf und ersterben, noch bevor sie sich zu einem vollen Accorda vereinen. In einer Porstadt Wiens begiebt sich die kleine Geschichte. Zwei Künstlcrmenschen sehen wir da. Der eine ist ein verkommener Schriftsteller, der sich als Genie geriert. Aus nichtschöpferischcr Unkrast wurde er Puppenspieler, das heißt, er hat den egoistischen Dünkel, ein solcher zu sein. Er glaubt mit Menschen spielen zu können, wie man Puppen an Fäden zieht. Nach elfjähriger Trennung führt ihn der Zufall mit seinem Jugendfreunde, einem Oboe- virtuosen zusammen. Der ist glücklicher Gatte und Familienvater. Beide tauschen Erinnerungen an frühere Zeit und hierbei gefällt sich nun der Schriftsteller in dem eitlen Glauben, als sei er es ge- wesen, der dem Freunde zur Frau verholfen hätte, um diesen irr seinem schüchternen Wesen umzuwandeln. Er, Merklin, zog die Fäden, Jagisch war die Puppe. Daß es aber anders war, daß nämlich Anna zuerst den Dichter geliebt, sich aber von ihm weg und dann ihrem nunmehrigen Gatten zugewendet hatte, das wußte Merklin nicht. Jetzt erfährt er's von beiden— so war eigentlich er selber die Puppe. Nicht gerade tief schürfte der Dichter. Die> spottende Ironie blieb er uns schuldig. Das Stückchen ist nichts mehr und nichts weniger als ein dialogisiertes Wiener Feuilleton mit einigen immerhin geistreich aufgesetzten Lichterchen. Albert Bassermann schuf als Merklin ein kleines Kabinettstück. Leopold Jwold(Jagisch) und Irene T r i e s ch(Anna)I wurden ihrem Part mit Glück gerecht. Schüchterner Beifall ver- suchte lauteren Widerspruch, wie es schien, vergeblich zu bekämpfen. Die zweite Novität fiel glatt durch. Georges Rodenbach, ein ver- storbener Landsmann und Vorläufer Maeterlincks, hat einmal eine viel gelesene Novelle„DaS tote Brügge" geschrieben. Aus ihr formte er das Drama„Trugbild". Diese Dramatisierung war keine glückliche Idee. Was in der epischen Dichtung fein und lyrisch ist, verpufft, zum Bühneneffekt vergröbert, im Licht der Rampe. Ein Mann trauert um seine jung verstorbene Gattin. Er liebte sie unaus- sprechlich, sein ganzes Selbst lebt seit fünf Jahren im steten Ge-. denken an die Tote. Was sie hinterließ ward ihm heilig: die Bilder von ihr, die Kleider, der Schmuck, ein abgeschnittener Zopf von ihren Haaren. Da trifft er eines Tages, als er am Kanal von Brügge spazieren geht, ein seltsames Weib. Das berückt ihm wie ein Wunder das Herz, denn diese Lebende gleicht der Verstorbenen so ganz und gar. Ihm ist gleich, ob jene auch nur eine Dirne ist. Er liebt sie ja nicht— dennoch verfällt er ihr, der Toten zuliebe. Als er die Dirne aber in den Kleidern der Verstorbenen vor sich sieht, da verblaßt das Idealbild, das er sich vorgestellt. Voll Ekel und Haß jagt er die Dirne fort. Dennoch treibt ihn geheimnisvolle Macht oft in ihres Hauses Nähe. Mehr und mehr entschwindet seinem Gedächtnis das Bild der toten Frau. Die Dirne hat seine Sinne gefangen genommen. Ihr ergiebt er sich schließlich ganz und gar. Als sie aber das Bildnis der Verstorbenen höhnt, als sie sogar den Zopf aus der Schatulle reißt und sich ihn kokett um den Hals legt, da packt ihn dey Wahnsinn und et itnirgt daS Weib zu Tode. ES ist wahr: manche echt poetische Stimmung kommt in dem Drama auf. Aber sie wird stets durch einen gemeinen Auftritt der Phryne grausam vernichtet. Romantischer Geisterspuk im dritten Akt, an Astartes Geistererscheinen in Byrons„Manfred" gemahnend, wechselt mit banalem Kokottenwitz und die Schlutzseene ist gruselig effektvoll. Vielleicht wäre dem Drama eine höhere Wirkung beschieden gewesen, wenn die Darstellung auf einwandfreier künstlerischer Höhe gestanden hätte. An Stelle Oskar Sauers wünschte man doch lieber Basiermann als Hugo gesehen zu haben. Dagegen schuf Irene Driesch als Jane eine Leistung, die zuweilen einfach blendend faseinierte. Die scenische Ausstattung, besonders das Bild im dritten Aufzuge: Brügge bei Nebel zeigend, war sehr gut. Schade um soviel Aufwand an Mühe und Kosten!— e. k. ek. Residenz-Theater.„Das beste Mittel" (lle bon moyen). Schwank in drei Akten von Alexander B i s s o n, in völlig freier Bearbeitung von Benno Jacobson.— Wenn man den fröhlichen Lachern glaubt, so müstte diese neue Bissonsche Talentgabe besonders gut sein. Dennoch ist sie nicht besser und nicht schlechter als die meisten andren, die wir kennen. Der Schwank baut sich auf dem alten Thema der Eifersucht auf. Wann und wo gäbe es einen Mann, der nicht eifersüchtig ist, wenn er liebt, besonders wenn er eine schöne Frau besitzt und wenn man sich— im Seebade befindet? Da giebt's Gäste und Passanten. Diese letzteren sind aber die gefährlichsten für junge Frauen. Der Flirt ist eine hübsche Beigabe, wenn er harmlos, eine kitzliche Sache, wenn er ins Gegenteil umschlägt. Aber blinde Eifersucht schafft doch die größte Pein, zumal dann, wenn sie einen Stich ins Pathologische bekommt. So begabte Männlein und Weiblein wissen davon gar oft ein bitterböses Lied zu singen. Das beste aller Rezepte, die Eifersucht zu bekämpfen, ist nun, meint Vision, daß die bedrohte Partei mit den gleichen Waffen ficht. Haust du meinen Juden, so hau ich deinen Juden. Ob das Mittel neu und immer probat ist, mag bezweifelt werden. Kommt der Angreifer wie der Angegriffene aus diesem Wettkampfe mit heiler Haut und fleckenloser Tugend davon, um so besser für beide. Bei Vision ist dies selbstverständlich der Fall. Erst hat der Mann die Frau mit seiner Eifersucht ge- plagt. Endlich dreht die Frau den Spieß um. Der Gatte soll ein für allemal kuriert werden. Als er dahinter kommt, treibt er seinerseits das gleiche Spiel— und nun wird die holde Gattin eifersüchtig, wie nur ein Weib es sein kann. Um diese Angelpunkte hat der Autor eine überreiche Fülle von paprizierten Situationen und larmoyanten Albernheiten gehäuft. Es geht toll her. Aber zum Schlusie reichen sich die Eifersüchtigen versöhnt die Hände. Alle Störenfriede sind zum Hause hinausgetrieben— die Tugend setzt sich zu Tisch und der Autor reibt sich als geriebener Jongleur über das lachende Völkchen denkfauler genußsüchtiger Sensationslüstlinge spötterselig die beiden Hände. Gespielt wurde gut und flott.— Freie Volksbühne(Lessing-Theater):„Nathan der Weis e". Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen von Gott- hold Ephraim Lessing.— Es war ein voller ehrlicher Beifall, der die Aufführung des herrlichen Lessingschen Gedichts letzt- hin begleitete. Und dies mit Recht. Der Regisseur des Stückes, Dr. Ernst Welisch, hatte vorzugsweise auf die größtmöglichste Aus- schöpfung des geistigen Gehalts im festgefügten Rahmen einer im einzelnen und ganzen fein abgerundeten Vorführung sein Hauptaugen- merk gelenkt. Alle Darsteller waren sichtlich bestrebt, ihre ganze Kunst an die Dichtung zu geben. Erfreulich wirkte die unserm Sprachgefühl mehr nahegebrachte natürliche Auffassung und Wiedergabe der Rollen. Gu st a v Kode r hielt sich von der Sonnenthalschen streng klassischen Gestaltung des Nathan fern. Dennoch trat der edle Charakter des Weisen überall in die Erscheinung. Mit dem Glanz- stück, der Geschichte von den drei Ringen, erzielte der Künstler eine tiefe Wirkung, wie der einmütige Applaus am Schluß der Scene bewies. Ter Tempelherr von Hermann I o h 11 war eine temperamentvolle Leistung. Gleich frisch und lieblich gab Vera Witt die Recha, und der Daja verlieh Margarete Alb recht einige resolute realistische Züge. Schöne gewinnende Männlichkeit zeigte Albert Patrys Sultan Saladin. Vorzügliche Charakter- chargen boten Karl W a l d o w als Klosterbruder und Julius D e p p e als Patriarch. Ihnen schlössen sich M a r i a E r n st(Sittah) und Emil Höf er(Derwisch) würdig an. Summa: eine schöne Aufführung voll Kraft und Weihe.— e. k. Musik. Da?„Theater des Westens" ist den Berlinern nicht nur durch seine wechselnden Schicksale, sondern auch dadurch an das Herz geivachsen, daß es versucht hat, zu dem engherzigen alten Opernhaus eine Ergänzung zu geben. Naturgemäß tritt dabei die leichtere, die Spieloper in den Vordergrund, also daS, was die Franzosen die „Komische Oper" nennen. So hat Direktor H o f p a u r mehrere Jahre lang im Ganzen und manchmal im Einzelnen Gutes gethan. Es herrschte eine einigermaßen künstlerische Gesamthaltung: es wurde zum Teil nicht übel gesungen: jedenfalls fehlte es aber an der einen großen Jndividualkraft, die dabei nötig wäre. Nun hat ein bereits auch in Berlin bewährter und beliebter Mann, Intendant Alois P r a s ch, die Direktion übernommen und hat anscheinend von vorn herein versucht, die Sache von einem höheren Standpunkt aus anzu- Berantwortl. Redakteur! Julius Kaliski in Berlin.— Druck und Verlag: fassen. Schon daß er d e n Komponisten, der unter allen Jüngeren für die Zukunft das Meiste verspricht, Hans Pfitzner, als ersten Kapellmeister engagierte, statt daß dessen Kraft weiterhin brach lag, war ein günstiges Vorzeichen. Auch die Eröffnungsvorstellung, Sonn- abend, den 12. d. M., war eine gute Wahl. Friedrich S m e t a n a, der berühmteste Komponist der Czechen(1824— 1884), ein Tonmeister, der etwas von Mozartschem Geiste besaß, ist uns auch auf den Opernbühnen bekannt durch seine„Verkaufte Braut" und durch seinen„Kuß": nur daß wir für derlei feine Werke bessere Aufführungen wünschen dürfen. Nun wurde sein„D a l i b o r" (aus dem Jahre 1368)) wieder aufgenommen. Das Dramabuch von Josef Wenzig, deutsch von Max K a l b e ck, verdient gerade noch, daß wir es so und nicht„Textbuch" nennen. Es besitzt die Vorzüge eines ehrenwerten litterarischen Wollens und eines musikalischen Grundzuges, sonst aber so gut wie nichts. Unter dem böhmischen König Wladislaw im 15. Jahrhundert geschieht es, daß Zdenko, ein Held des Kampfes und der Geige, nach einem Streit mit einem Burggrafen von diesem enthauptet wird. Sein Freund Dalibor nimmt volle Rache, wird aber gefangen und von des ge- töteten Grafen Schwester Milada vor dem Minig belangt. Doch diese wird von seinem hoheitsvollen Sinn umgestimmt und beschließt, ihn zu befreien. Unterstützt von einem dem Dalibor ergebenen Waisen- mädchen Jufta iinS» noch mehr von der Ungeschicklichkeit eines typischen Opern-Kerkermeisters Benesch sucht sie, als Knabe verkleidet, Zutritt zu dem Gefangenen. Allein die Flucht wird verhindert, die Verständigung mit den von außen zum Angriff Harrenden versagt; Beim schließlichen Losschlagen wird Milada tödlich verwundet, und Dalibor würde kein Opernheld sein, wenn er sich nicht über ihrer Leiche erstäche. Die Musik Smetanas zum„Dalibor" ist groß im Kleinen, stark in der breiten Schilderung der Situationen, durchgehend fein und vornehm geführt, ohne mächtige Einfälle, ohne Stürme der Steigerung, einförmig, und dies noch besonders durch ihre monotonen Taktschritte. Ein Dirigent, der scharfkantig zu zeichnen, tief zu wühlen, in alle Mannigfaltigkeiten hinein zu unterscheiden strebt, wird bei einer solchen Oper nicht viel aus sich geben können. Möglich, daß Herr Pfitzner bei einem andersartigen Werk sich als ein solcher Dirigent zeigt: wahrscheinlich ist es nicht. Er bewährt sich diesmal als ein verläßlicher und weit über den besseren Durchschnitt stehender Führer, ganz konzentriert auf seine Aufgabe, ohne irgend eine Regung, die aufs Publikum Bezug hätte, ohne Eitelkeit, Koketterie und „Nervosität". Daß er das Bühnenbild stört durch die Wucht, mit der er jeglichen Einsatz aus seinem ganzen Körper heraus markiert, ist eine ganz andere Sache und heißt uns vielmehr wünschen, daß der Orchesterraum günstiger gebaut sei. Dieser liegt an sich schon tief, ist jetzt etwas erweitert und beherbergt einige Streicher mehr als früher; allein der Dirigentensitz ist für das Publikum zu hoch, und die Tiese des Orchesters genügt noch immer nicht zur nötigen Zurück- Haltung des Schalles. Die Anbringung eines— womöglich beweglichen— Schalldeckels würde noch ziveckmäßiger sein als ein An- spruch an den.Kapellmeister, im Fortissimo weniger lärmen zu lassen. Daß Pfitzner dazu neigt, ist lange nicht das Wichtigste an seiner Dirigierweise. Diese zeichnet sich vielmehr vor allem aus durch höchste Solidität, durch Großzügigkeit des Vortrages und durch einen auffallenden Zug einer ausgleichenden künstlerischen Vornehmheit, speciell mit einer runden Linienführung in den Stärkenuancen. Die Schärfe der Accente und die Beweglichkeit des Zeitmaßes im Einzelnen treten dahinter, nach dieser einen Dirigierleistung zu urteilen, sehr zurück und lassen sie nach unsrem Geschmack etwas weich erscheinen. Dazu kommt noch, daß anscheinend hier wie auf fast allen Opern- bühnen ein Vortragsmeister fehlt, eine Bühnenergänzung des Orchesterdirigenten. Dieser allein reicht schwerlich aus, um den Sängern einen tiefgreifenden dramatischen Vortragston beizubringen. zumal wenn er vorwiegend auf zarte Ausgleichung bedacht ist. Wie weit nun alle diese Umstände und wie weit die Einzelkräfte an der jetzigen Gesamthaltung beteiligt sind, läßt sich nicht leicht sagen. Die letzteren sind diesmal nur ein kleiner Teil des engagierten Personals, und bis zu einem Urteil über Praschs Gesamtarmee müssen wir erst noch mehrere neue Aufführungen hören. Einstweilen mag der Gedanke an die Schwierigkeiten des neuen Unternehmens milde stimmen. Auf- fallend ist eine unschöne Vokalisierung mehrerer Sänger und Sängerinnen. Ties und eine Dürftigkeit in den tieferen Stimmlagen störten. B. bei der Darstellerin der Milada, R o x y King, die jedoch im übrigen alles Zeug hat, eine der besten„Hochdramatischen" zu werden. Neben ihr hatte E m m y F r i tz schon durch die Passivität ihrer Rolle, der Jutta, einen schweren Stand: doch sei mit einem näheren Urteil noch gewartet. Tagegen verriet sich der Heldentenoc Paul Bleiben in der Titelrolle sofort als minderwertig: seine Stimme ist im Piano nicht übel, sonst aber mindestens unreif. Ein andrer Tenor, Theodor Jäger als Dalibors Knappe und noch mehr die Barytone Eugen Ott als ein Befehlshaber und I u a n Lucia als König sind ebenfalls geringe Kräfte: letzterer leistet in der Aussprache ganz besonders Unschönes. Der Baß Emil Stamm er als Kerkermeister war wohl der beste von allen. Die Regie führte uns um keinen Schritt in irgend Ivelche Fort» schritte hinein. Daß sie sich Mühe gab, die Gruppen verständig zu beleben, verdient nichtsdestoweniger eine Betonung.— sz. V-ovärts Buchdruckern««d VeriagSanstalt Paul Imger& Co., Berlin SW