Ilnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 182. Donnerstag, den 17. September. 1903 (Nachdruck verboteil) 1] Sin gewöbnUcber fall Erzählung von W. K o r o l e n k o. 1.» „In N. sein am 20. Kreisgcrichtssitzung, Näheres Brief."— Als ich dieses Telegramm des Redakteurs in einem Hotel zweiten Ranges bekam, sah ich zuerst nach dem Fahr- Plan und auf die Uhr. �Fch hoffte, daß ich den Nachtzug auf ber zehn Werst von der Stadt gelegenen Station nicht mehr erreichen würde. Im Kopf erwog ich schon eine geschäftlich lakonische Antwort: Telegramm verspätet. 20. unmöglich. Leider aber sagten Kursbuch und Uhr ganz etwas andres. Ich hatte, um mein geringes Gepäck in Ordnung zu bringen »md auf die Station zu fahren, noch gegen drei Stunden Zeit. Das tvar genug, übergenug. Es war eine warme Sommernacht, als mich gegen elf Uhr ein schläfriger Kutscher mit seinem schläfrigen Rößlein auf den Vorstadtbahnhof brachte, dessen Lichter schon aus der Ferne blinkten. Ich kam gerade zur rechten Zeit und konnte, schon auf dem Bahnsteig stehend, sehen, wie der beleuchtete Personenzug in immer langsamerem Tempo in die Station einlies. Ein hell erleuchteter Wagen, durch dessen Fenster eine(Gesellschaft an einem Tische zu sehen war, hielt direkt vor mir. Ich wollte bereits einsteigen, als ich instinktiv inne- hielt. Etwas sagte mir, daß diese Herren mit misgekrämpelten Aermeln und Karten in den Händen, zum Kreisgericht ge- hören, das sich zur Sitzung nach der Stadt N. begab... Ich dachte, daß ich noch genug vom Kreisgericht sehen würde und ging zu einem hinteren Wagen des Zuges. Bevor ich die Platiforin des Wagens erreichte, ertönte das erste, das zweite und dritte Glockenzeichen. Die Bremsen knarrten und stöhnten und der Zug war schon in Bewegung, als ich mit meinem tvenigen Gepäck in der Hand ein Eoupb zweiter Klasse betrat, in dem nur zwei Reisende saßen. Einer von den Polsterklappsitzen war zum Glück frei und ich machte es mir dort bequem. Ich versuchte, an nichts zu denken, um während der Nacht mein Gehirn von den„letzten Maßregeln der Administration" für die vom Brande Betroffenen zu befreien und es zur Aufnahme der Kreisgerichts-Eindrücke her- zurichten... Allein ich konnte nicht einschlafen... Der Zug war bereits in vollem Gange. Durch das offene Fenster strömte die frische Luft der mondhellen Nacht und ich vermochte einen Test des Weges zu erkennen: die Spitzen der Telegraphen- pfähle, Böschungen, dann und wann eine zitternde kleine Brücke, einen Bach— und all das flog vorüber, überflutet von silbernem Mondenlicht und dahingerissen wie von einem rasenden, sich überstürzenden Flusse... Und mit unwillkür- licher Wehmut dachte ich daran, daß ebenso schnell auch mein Leben verrauscht, von einer Brücke zur andre«, von Station zu Station, von Ort zu Ort, von einem Brand zu einem Kreisgericht... und daß man davon nichts in dem Zeitungs- berichte schreibeil kann, den die Redaktion von mir verlangt. So lag ich im Halbschlaf eine geraume Zeit. Inzwischen setzten meine Mitreisenden im(Soupä ihr Gespräch fort, das mir nun nach und nach zum Bewußtsein kam. „Ja, das ist alles dummes Zeug." sagte der eine von ihnen, der mir gegenüber saß und durchs Fenster schaute— „Dahin!" „Nein, sagen Sic das nicht," antwortete ihm der andre mit einem leisen Gähnen.(Ich konnte von ihm nur die in buntgestreiften Hosen steckenden Beine sehen.)—„Meines Erachtens ist es doch schrecklich... Der Tisch ist doch so zu sagen ein totes Ding und da begimit er plötzlich, einen Ver- stand zu offenbaren... Worte zu klopfen... oder z. B. das, was in der Zeitung steht..." „Nun, was ist denn in der Zeitung?... Ebenfalls Aberglauben...und wenn wirklich diese Gestalt zuni Vor- schein käme...mit Hörnern und einen: Schwanz... Feuer aus dem Munde sprühend... da kommt einem unwillkürlich eine Ballettscene in Erinnerung." Hierauf schwiegen beide eine Zeitlang und dann sagte der dem Fenster zunächst Sitzende:„Nein, in unsrer Zeit ist so etwas nicht schrecklich... Erinnern Sie sich bei Tolstoj in„Anna Karenina": Ein ganz gewöhnlicher Muschik, ein Handwerker sagt, während er Eisen schmiedet, etwas auf französisch... Freilich ist das ein wenig merkwürdig. Warum gerade französisch?... Ein Muschik... und plötzlich eine fremde Sprache... Dennoch ist nichts Besonderes dabei... aber unter den gegebenen Umständen flößt gerade diese Ver- wirrung des Natürlichen Schrecken ein. Oder z. B. da bei Dostojewski in den„Brüder Karamasow"... erinnern Sie sich?" „Was denn? Ich bin ja doch nicht Lehrer der Litteratur. ich bin Väterchen Pawel Semjonitsch, Matheniatiklehrer." „Ach ja, entschuldigen Sie... Ich will es Ihnen inS Gedächtnis rufen. Bei ihm spielt der Teufel, das heißt, wenn Sie wollen, so eine Art Hqllucination, auch eine Rolle... aber so zu sagen ohne alle diese Attribute. Das war, sagt er, irgend ein Herr, oder besser ein russischer Gentleman von einer bestimmten Art, nicht mehr jung, schon mit grauen Haaren und spitz zugeschnittenem Bart... Die Wäsche, die lange Krawatte, in Form einer Schärpe, alles, sagte er, war so wie bei etwas geckenhaften Gentlemans, nur die Wäsche war etwas schmutzig und die Krawatte fadenscheinig. Kurz„ein recht nobles Aussehen bei einem schtvachen Geldbeutel"." „Nun, was ist das für ein Teufel? Einfach ein Henimstreicher," sagte der Mathematiker lachend. „Ja eben, das ist es, ein ganz gewöhnlicher Herum- streicher und gerade ist es dies Alltägliche, das den Schrecken einflößt. Eben darum, weil alles bis auf das kleinste Detail .gewöhnlich ist. Die Krawatte, das Hemd, der Rock. Du schaust, o dit mein Gott, wir alle... wir alle sind doch un» gefähr so." „Nun das, das ist Philosophie," sagte wieder der Mathe- matiker. Eine Zeitlang herrschte Schweigen. Der Zug fuhr mit gleichmäßigen Stößen dahin. Der Herr, dem man die Philo- sophie zum Vorwurf gemacht hatte, lehnte sich zum Fenster hinaus und blies den Rauch in die Luft. Ich konnte jetzt sein vom Mond beleuchtetes Gesicht sehen. Breit, mit groben Zügen, im großen und ganzen ohne individuelle Prägung. Auffallend waren nur die tiefen, nachdenklichen Augen und die Stimme. Es lebte darin gleichsam ein Gedanke, der wie em Splitter im Fleische schmerzte, und nach Lösung verlangte. Es war, als lausche dieser Mensch selbst seiner Rede und der Tiefe seines Fühlens. „Ja," sagte er nach kurzem Schweige»,„ich trat, wissen Sie, auf einer Station an die Lokomotive, der Maschinist ist ein Bekannter von mir... ein chronisch schläfriges Subjekt, muß ich Ihnen sagen, mit geschwollenen Augen." „Ja?" fragte der andre gleichgültig. „Ganz gewiß! Jetzt stellen Sie sich, so zu sagen, das Bild vor. Wir alle schlafen ein. Der Zug ist in vollem Gange lind ihn führt ein Mann, in dessen Händen alles ruht und dieser Mann ist vollständig unzurechnungsfähig." Sein Nachbar wurde auf seinem Platze unruhig und sagte mit deutlichen Zeichen einer Angst:„Ja,... wenn Sie das so auffassen. Wirklich! Hol's der Teufel! Das ist eine Situation!" „Da sehen Sie's Und doch ist es so einfach und ge- wöhnlich. In Petersburg oder irgendwo sitzt ein Mensch in einem Bureau und vor ihm liegen Tabellen. In einer bestimmten Tabelle stehen so und so viele Maschinisten. Ge- halt so viel. Für die durchfahrenen Werste so viel, je nach Strecke und Leistung. Es ist, so zu sagen, eine nützliche, einträgliche Ziffer. Das Gehalt dagegen ist eine variable, un- beständige Größe. Nimmt man weniger Maschinisten, ist auch das Gehalt geringer... Sie verstehen! So zn sagen, eine einfache Mathematik, ein freies Spiel der Zahlen, em Strich in den Tabellen. Was giebt's einfacheres? Und da- durch jagen über Felder und durch Thäler genau solche Züge, in genau solchen Mondnächten und von der Lokomotive schauen nach vorwärts halbverschlafene, geschwollene Augen. Viel- leicht eine Minute... Nur eine natürliche Wirkung des Schlafes... und schon schwebt über uns, was das Geheimnis- vollste und Rätselhafteste auf der Welt ist. Nur ein Stoß, ein Krachen— und alles kopfüber... ein Stöhnen... ein Schrei..." „Nch loffen Sie doch bei Gott, dies Gekrächz," sagte der andre und setzte sich, indem er sich vom Kissen erhob auf die Bank. „Aber nein, ich habe es doch nur so zur Beleuchtung meines Gedankens.. sagte der erster? im Tone unwill- kürlichen Verdrusses.„Ach spreche doch nicht von physischer Angst... wenn Gott will, kommen wir glücklich ans Ziel... nur zu unsrer Unterhaltung war das: Auch hier ist doch alles ganz gewöhnlich. Schließlich ist es nur ein Strich auf dem Papier, den irgend ein Herr in Petersburg gemacht hat... und der Herr ist ein ganz gewöhnlicher Herr: das Röckchen und die Krawatte und das anständige Aussehen... Seine Kinderchen liebt er und der Frau macht er selbstverständlich Geschenke..." Er verstummte. Der Herr in den buntgestreiften Hosen saugte nervös an einer Cigarette und sagte:„Pfui! Haben Sie mir einen Schrecken eingejagt, Pawel Semjonitsch, bei Gott! Denn wirklich, weiß der Teufel, da schläft diese Canaille ein und es passiert etwas... Viecher sind diese Eisenbahnkerls! Nun, jetzt kann man nicht mehr schlafen. Wollen wir von etwas anderm... Sind Sie schon lange in Tichodol?" Pawel Semjonitsch warf den Cigarettenstummel fort und antwortete:„Ja in Tichodol. Wissen Sie, das ist so ein elendes Nest... Das ist da wie in einer Grube. Ein Lehrer, ein Amtsrichter, ein Steuereinnehmer... Bist du einmal dahinein geraten, dann bist du vollständig vergessen und aus der Zahl der Lebenden gestrichen... Der Franzose Lampi blieb da so lange, bis er seine volle Pension erhielt und seine Enkel in demselben Gymnasium untergebracht hatte..." „Ja, ich erinnere mich," sagte Jlja Petrowitsch.„Ich habe mich da, wie Sie sehen, herausgerissen. Wirklich, dies Nest, weiß der Teufel, nicht mal einen Klub hat es." „Einen Klub giebt es jetzt schon, aber trotzdem ist die Stadt elend und schmutzig... Ich lebe allerdings ganz draußen vor der Stadt. Das kam so, erstens sind da die Wohnungen billiger und zweitens ist man gleich in der freien Luft. Es ist zwar vom Gymnasium sehr weit, aber das hat auch seine gute Seite— Bewegung. Nun, auch die Wohnung ist sehr bequem. Erinnern Sie sich vielleicht, Jlja Petrowitsch, an das Haus von Budnikow?" „Gewiß, gewiß, ich erinnere mich," entgegnete Jlja Petrowitsch. scheinbar zufrieden, daß das Gespräch in ein ruhigeres Fahrwasser gelenkt war.„Auch Simeon Nikolaje- witsch kannte ich. Ein gebildeter Mann von blühender Ge- sundheit." l Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) Der Schutzpatron der Ordnungeretter, Es ist seit manchem Jahre bekannt, daß der ordnungsliebende Teil der Völker Europas die Verteidigung der heiligsten Güter unter dem Patronat eines besonderen Schutzengels betreibt. Auch soviel darf als feststehend gelten, daß einem der drei Erzengel die Prote- gierung der Ordnungsretter als Specialressort zugewiesen wird. Frag- lich kann nur sein, welcher von den dreien die erhebende Aufgabe der Umsturzbekämpfung auf sich genommen hat, ob Raphael, Gabriel oder Michael der Schutzengel der heiligsten Güter ist. Gemeinhin wird Michael als Ordnungsschutzpatron in Anspruch genommen. Dafür scheint ja auch jene Stelle der Apokalypse zu sprechen, wo der streit- bare Michael den„großen Drachen, die alte Schlange, die da heißt der Teufel und Satanas", zum Himmel hinauswirft. Nichtsdestoweniger ist diese Ansicht ein Irrtum. Soeben ist darüber Klarheit geschaffen worden durch die aktenmäßige Veröffentlichung einer Offenbarung, die zwar schon vor bald hundert Jahren ergangen ist, aber bisher im Staub eines französischen Familienarchivs unter allerhand gleich- gültigen Sachen begraben lag. Daraus hat nun Herr Dom Dribourg das unschätzbare Dokument hervorgeholt, und sein Kollege von der archäologischen Gesellschaft des Departements Tarn et Garonne, Herr Oberstlicutenant Forel, hat sich den Dank aller Wahrheitsfreunde verdient, indem er im laufenden Hefte der Zeitschrift jener anti- guarischen Vereinigung die„Gesichte Tomas Martins im Jahre 1816" zur Kenntnis der Nachwelt brachte.*) *) Des apparötions de Thomas Martin en 1816. Par M. le lieutenant-colonel Forel, membre de la Sociötö arch�ologique. BnlJ�iu archeologique de la Socidte aroheologiqua de Tarn et GtutÄue. Montaubau, 1903. pag. 177 ff. Das Jahr 1816 war ein geeigneter Augenblick, da» Frankreich dieses Zeitpunktes eine geeignete Lokalität für contrerevolutionäre Offenbarungen. Man erinnere sich, daß der russische Zar Alexander I. vatermörderlichen Angedenkens soeben die heilige Allinanz gestiftet hatte, und daß der regierende Franzosenkönig Ludwig VXlII. Mitglied des ftommen Fürftenvereins zur Bekämpfung des Umsturz- drachens geworden war. Der allerchristlichste König konnte die Unter- stützung seiner mehr oder weniger christlichen Kollegen von Gottes Gnaden gut gebrauchen, sintemal er überhaupt bloß ein König von Auslands Gnaden war. 1814 hatte die Armee der verbündeten Russen, Preußen, Oestreicher und Engländer dem besiegten Frankreich die Wiederherstellung des durch die große Revolution verjagten Bour- bonentums aufgezwungen. Die Bourbonen und ihre Verbannungs- genossen aus dem Adel und der Geistlichkeit gingen als Leute, die nichts gelernt und nichts vergessen, alsbald mit Feuereifer an die Restaurierung der verschwundenen feudal-klerikalen Herrlichkeit aus vorrevolutionärer Zeit. So machten sie sich vor Ablauf eines Jahres beim französischen Volkc dermaßen beliebt, daß Napoleon bei seiner Rückkehr von Elba 1315 als das kleinere Uebel überall mit Freuden empfangen wurde. Die Bourbonen zogen zum zweitenmal mit ihrem ganzen Anhang ins Exil. Diesmal aber nur auf hundert Tage. Dann hielten sie unter dem Schutz der preußisch-englischen Bajonette. die bei Waterloo dem napoleonischen Kaisertum den Rest gegeben hatten, von neuem ihren Einzug in Paris. Es läßt sich leicht denken, daß die Boiwbonen nach solchen Er- fahrungen alle Chöre spielen ließen, um den Umsturz dauernd zur Ruhe zu bringen. Blaue Bohnen und kaltes Eisen spielten dabei die Rolle der ersten Geige. Zwar die Regierung ließ offiziell bloß wenige Generale erschießen, die 1814 das Bourbonenkönigtum im Stich ge- lassen hatten. Die Hauptsache besorgte die gern gesehene Lynchjustiz frommer Katholiken und eifriger Royalisten aus dem Volke. Der „weiße Schrecken" tobte widerstandslos, besonders in den südlichen Provinzen. In und um Nimes z. B. fielen die königstreuen Katho- liken über die republikanischer Gesinnung verdächtigten Protestanten her, um sie in großen Mengen zu plündern und niederzumetzeln. Die Leiter dieser planmäßigen Massenmorde warer wohlbekannt, aber vor jeder Verantwortung sicher: ein Abgeordneter, der die Sache in der Kammer zur Sprache bringen wollte, ward durch das Wutgebrüll seiner Kollegen und den Ordnungsruf des Präsidenten daran ver- hindert. In der Sache war Svstcm. Zu Avignon ward der Marschall Brune als ehemaliger Republikaner vom Pöbel erschossen. Die Be- Hörden erkannten auf Selbstinord, und die Thäter gingen straflos aus. Dagegen wurden am 27. Juli 1816 n. Paris drei arme Teufel guillotiniert, nachdem ihnen zuvor die rechte Hand abgehauen worden war. Diese Strafe des Vatermordes traf sie deshalb, weil sie sich durch einen Lockspitzel einen unsinniger Plan hatten einblasen lassen» die Tuilerien in die Luft zu sprengen. Das kann nicht überraschen. wenn man bedenkt, daß alle Garantien der persönlichen Freiheit zu Gunsten einer grenzenlosen Polizeiwillkür abgeschafft waren, und daß schon auf bloßen auftührerischen Ausrufen barbarische Strafen standen. Es loaren gesegnete Zeiten für die Frommen im Lande. Der Prozessionen, wie aller andren Kundgebungen rechtgläubigen KirchentumS war kein Ende. Nichts, was in chren Kräften stand. unterließ die allmächtig herrschende Klerisei, um des Umsturzdrachens Herr zu werden. Da kam also eine Offenbarung, die jedermann kundthat, daß die regierenden Ordnungspolitiker mit ihren gottseligen Mitteln auf dem rechten Wege seien, außerordentlich gelegen. Einem einfachen Bäuerlein aus der Nachbarschaft von Chartres ward sie in diesem Jahre des Heils 1816 zu teil. Tomas Martin hieß der Aus- erwählte. Bis dahin— bis zu seinem vierunddreitzigsten Jahre— war weiter nichts von ihm zu melden gewesen, als daß er im Dorfe Gaillardon, vier Meiler von Chartres sein Gütchen bebaute und für einen ehrlichen Mann galt, der das Pulver nicht erfunden hatte. Am 15. Januar 1816 aber passierte ihm das Wunderbare, das ihn über Millionen seiner Mitbauern hinaushob. Er war gerade bei der prosaischen Beschäftigung, aus seinem Kleeland Mist auszubreiten. Da bemerkte er plötzlich vor sich einen Fremdling von hohem, schlankem Wuchs und blassem Antlitz mit hohem Hut und in langem, braunem Ueberrock.„Martin," redete der Fremde ihn an,„benachrichttgen Sie den König, daß seine Person und die Fürsten in Gefahr sind, daß man schlimme Pläne gegen die Regierung hat, und daß mehrere umstürzlerische Schriften in den verschiedenen Teilen seiner Staaten cirkulieren." Martin verspürte zunächst keinen Appetit zu dem schwierigen Auftrag und gab in seiner Antwort dem Unbekannten anheim, die Mission selber auszuführen.„Weder ich, noch andre sollen mst dem Könige sprechen." erwiderte der Fremde,„Gott will es nicht. Sie allein sollen ihn aufsuchen, wie ich Ihnen es befehle." Sprachs und verschwand vor den Augen Martins, dem die Haare zu Berge standen, wie die Gestalt drei oder vier Fuß hoch von der Erde emporschwebte und sodann in die Luft zerfloß. Das war nicht das einzige Wunder dieses TageS; denn, als Marttn nun wieder zu arbeiten begann, vollendete er mit zauber- hafter Schnelligkeit in einer Viertelstunde, wozu er sonst einen halben Tag gebrauchte. Ganz außer sich kehrte er nach Hause zurück, ohne aber an die Ausführung des ihm gewordenen Aufttags entfernt zu denken. Jndeß er ward gemahnt. Zwischen dem 13. und 24. Januar erschien ihm die geheimnisvolle Persönlichkeit bei vier Ge- legenheiten, lvarf ihm mit Strenge seine Trägheit vor und erneuerte VW. w' den Befehl. Krank vor Aufregung begiebt Martin sich schließlich zum Pfarrer Laperruque von Gaillardon, offenbart ihm alles und bittet um seinen geistlichen Rat. Der Pfarrer selber weiß sich keinen Rat. Er giebt Martin einen Empfehlungsbrief an den Bischof in Versailles. der den Bauer einer langen Befragung unterzieht, ohne ein Fehl an ihm zu entdecken. Er entläßt Martin mit der Mahnung, im Falle neuer Gesichte cm den Pfarrer darüber zu berichten. Zwischen dem 21. Januar und dem 5. Mörz 1816 hatte Martin drei neue Jnter- Views mit dem großen Unbekannten, bei deren letztem Martin be- nachrichtigt wird, daß er am folgende Tage vor der obersten Behörde des Departements erscheinen müsse. In der That erhält der Pfarrer von Gaillardon am 6. März vom Herrn de Breteuil, dem Departe- mentspräfekten, den Befehl, Martin vorzuführen. Nach fünfviertel- stündigcm Verhör unter vier Augen war Herr de Breteuil schier außer sich vor Erstaunen über das wunderbare Begebnis und teilte dem Abbe Laperruque seine Entschließung dahin mit:„Ich wurde nicht müde, ihn anzuhören. Der Polizeiminister soll Ihren Mann sehen. Ich werde ihn unter Führung einer Person hinschicken, die ihn nicht aus den Augen verlieren soll." (Schluß folgt.) kleines feuilleton. td. Der Inseratenteil. Eigentlich ist er das interessanteste von der ganzen bürgerlichen Zeitung. Wer ihn richtig zu lesen weiß, liest viel daraus. Gewiß, er besteht nur aus Annoncen, aber was die Annoncen nicht erzählen! Das Leben selbst spricht aus ihnen, das Leben in all seinen Höhen und Tiefen, in seinen Harmonien und Dissonanzen. Jede Annonce für sich bedeutet eine Geschichte, und nun erst alle nebeneinander. Da sind zunächst die Heiratsanzeigen. Von der„heiligen Ehe" schwärmt der Philister. Jawohl— heilige Ehe! Heilige Ehe auf Liebe gegründet, während der„beliebte Weg durch die Zeitung" doch„nicht mehr ungewöhnlich" ist. Man trifft übrigens gute Gesellschaft auf diesem Wege, sehr viel „Kavaliere", auch solche mit„altadligem Namen". Sie sind sogar in der Ueberzahl, es ist unglaublich, wieviel Kavaliere Sehnsucht nach eineni„gemütlichen Heini" und einer„glücklichen Ehe" haben. Was man so„unter Kavalieren„glückliche Ehe" nennt. Geld gehört natürlich dazu, viel Geld. Wo die„Auserwählte" Geld hat, darf sie sogar„auch bürgerlicher Herkunst" sein. Für eine Mitgift mit fünf, sechs Nullen thur«in wirklicher Kavalier eben alles. Die Andern wissen übrigens auch was sie wollen. Der höhere Beamte sieh: so gut„auf einiges Vennögcn", wie.der„vor- nehme" Kaufmann, der sich auch„gern in ein Geschäft einheiratet." Handwerksmeister lieben. Ersparnisse", wenn es auch nur„einige" find und eine„gute Wirtschaft" dabei ist. Man kann sich auch sonst orientieren, was auf dem Heirats- markt als„prima Ware" gilt. Die„Frau und das Mädchen ohne Anhang" sind sehr begehrt, die Frau die„mit verdient" desgleichen. Witwen werden„auch" genommen. Nebenbei bemerkt, sind es nicht bloß die Männer, die beim Heiraten ein Geschäft»lachen wollen, auch unsre Damen verstehen zu rechnen, der gebildete Herr mit dem guten Einkommen und„der bessere Mann in sicherer Lebensstellung" sind ihnen sehr begehrte Artikel, auch den Beamten nehmen sie gern, bei dem weiß man wenigstens, daß man— versorgt ist. „Ja, Geld allein macht nicht glücklich, man muß auch welches haben," sagen diese Berliner und daß sie wieder einmal recht haben, lehrt uns eine andre Rubrik des Inseraten- teils, der„Geldverkehr". Was wird da nicht geboten uild gesucht. Da fleht der Mann, der beim Eheschluß vielleicht mehr„aus Herz und häusliches Gemüt" als auf Mitgift und Vermögen sah, um Hilfe für die kranke Frau. Da bittet das arme Mädchen um ein Darlehen, da ruft der arbeitslose Familienvater„Edeldenkende" um Beistand an. In tausend Seufzern ruft die Not, verschuldete und unverschuldete, nach Halt und Stütze. Wird man sie ihr geben? Geld ist da I Oh, Geld die Menge! In Tausenden und Zehn- taufenden wird es verliehen. An die. die da Not leiden? Oh nein! Gegen Sicherheit nur und gute Zinsen. Ja, man wird doch sein guteS Geld nicht etwa ohne Sicherheit fortgeben? Und wer keine Sicherheit hat, was thut der? Oh, es giebt noch Hilfe. Noch melden die Pfandhäuser alle Tage, daß sie .jede Wertsache" hoch beleihen. Noch künden die Althändler in langen Annoncen, daß sie Betten, Wäsche, Kleidungsstücke ohne Prahlerei mit den allerhöchsten Preisen bezahlen. Es bedarf nur einer Postkarte, und sie kommen sogar„per Rad" um dein letztes Hab und Gut für einen— Bettel abzuhandeln. Und neben aller Not des Lebens Lust. In großen Inseraten locken Spiel und Tanz, Theater, Vergnügen, Putz und Tand. Ave Herrlichkeit der Welt ist da, man braucht sich nur zu bücken, um sie aufzunehmen. Wenn man es nur immer könnte. Viele können eS nicht und thun es doch. Und so erzählen andre Annoncen von den Auktionen des Gerichtsvollziehers, von vernichteten Existenzen. Der Philister weist entrüstet auf den Arbeitsmarkt..Seht hier her," sagt er,„es giebt ja so viel Arbeit." „Oh ja, es giebt Arbeit, Arbeit die Menge! In dumpfen Fabriksälen und finsteren Arbeitsstuben, in engen Comptoiren und larmvollen Bazaren. Arbeit mit bieler Mühe und wenig Lohn. Und daneben all die lockende Lust, und daneben jene kleinen Inserate, in denen sich reiche, lebensfrohe Herren lebensfrohe Freundinnen suchen— spätere Heirat nicht ausgeschlossen. Die„spätere Heirat" kommt gewöhnlich nie... aber die Tragödie des Lebens lauert dahinter... Das sind die Romane des Inseratenteils, die Romane, die das Leben selber schreibt.— en. Tie Eisendahn nach Mekka und Medina. Es wird nicht mehr lange dauern, so werden auch die großen jährlichen Pilgerfahrten der Mohamedaner nach ihren Heiligtümern in Mekka und Medina mit der Eisenbahn stattfinden. Das wird übrigens ein großer Segen sein, weil die Gefahr der Verbreitung ansteckender Krankheiten, die in jedem Jahr durch das Zusammenströmen vieler Tausender von meist mit den einfachsten Grundsätzen der Hygiene nicht vertrauten Mohammedanern entsteht, durch die Beförderung der Pilger mit der Eisenbahn um einiges vermindert werden dürfte. Die Engländer planen schon seit einer Reihe von Jahren den Bau einer Bahnlinie von Suez über Medina bis zum nördlichen Persischen Meerbusen, also quer durch die ganze Arabische Halbinsel; der Sultan hat jedoch seine Zustimmung zu diesem Projekt hartnäckig versagt. Der Grund zu dieser Weigerung ist wahrscheinlich der Wunsch, die Bahn nach den mohamedanischen Heiligtümern in türkischem Besitz zu wissen. Daher sind in der ganzen muselmanischen Welt Beiträge zum Bau einer Eisenbahn von Damascus nach Mekka gesammelt worden; sie sollen jetzt eine genügende Höhe erreicht haben. Die Arbeiten sind bc- reits an Unternehmer vergeben und werden angeblich bald in Angriff genommen werden. Tie Linie wird der großen Karawanenstraße folgen, die seit den ältesten Zeiten den Handelsverkehr zwischen der Hauptstadt Syriens und den beiden heiligen Städten Arabiens der- mittclt. Die Strecke von Damascus nach Muzerib(120 Kilometer) war schon unabhängig von den jetzigen Plänen in Angriff genommen und wird vermutlich noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. Von Muzerib soll die Linie nach dem Nordende des Toten Meeres der- laufen, dann weiter nach Maan, an der Südgrcnze von Palästina. bis wohin die vorbereitenden Studien für den Eisenbahnbau gelangt sind. Von Maan ist eine Zweigbahn nach Akaba am gleichnamigen Meerbusen des Roten Meeres in Aussicht genommen. Für die Ausführung dieser ersten Arbeiten sind bisher über 160 000 türkische Pfund ausgegeben worden. Mit dem Mittelmeer wird die neue Bahn durch die Linie Damascus— Beirut verbunden werden, vielleicht auch noch durch einen weiteren Zweig in der Höhe des Sees von Tiberias.— Aus der Pflanzenwelt. — Ein neues Ackerunkraut. F. Ludwig schreibt im „Prometheus": Die aus Südeuropa stammende Pflanze Silene didiotonia, das gabelästige Leimkraut, taucht in den deutschen Floren zuerst als verwildert Mitte der achtziger Jahre auf, so 1386 bei Brünn, Wien, Köpenick, 1890 bei Prüft(Westpreußen). Der Jahresbericht der Kommission für die Flora von Deutschland meldet aber erst für die Jahre 1392— 1895 eine weitere Verbreitung(be- sonders durch den Kleesamen). Sie scheint eines der lästigsten Un- kräuter der Kleefelder zu werden, wenn nicht bald Maßregeln zur Ausrottung getroffen werden. Durch den fremdländischen Bezug des Samens für Klee und Getreide werden auch andre Unkräuter ein- geführt, auf die man ein wachsames Auge haben muß. So findet sich die durch widerlichen Gestank ausgezeichnete Doldenpflanze Likörs radians, die„Doppclkugel", welche vordem nur in Südeuropa und bei Podiebrad in Böhmen vorkam, jetzt auf Acckern bei Zürich, Münsingen in Württemberg und seit diesem Jahr zwischen der Saat bei Greiz. Der widerliche Gestank dieser Pflanze, welcher rasch die Kleider durchdringt und auch von den Händen erst nach mehrmaligem Abwaschen schlvindet, wird merkwürdigerweise in den Floren nicht erwähnt. Er wird mir aber durch Herrn Professor Paul Ascherson bestätigt. Letzterer schrieb mir:„Daß die Art inten- siven Wanzengeruch hat. habe ich selbst in Varna wahrgenommen, wo ich 1887 zwei Stunden auf den Zug warten muhte. Ich packte wenige Exemplare in mein Pflanzcnpapier, warf sie nachher aber weg, weil ich vor den rumänischen Zollbeamten und ihren Reblaus- Velleitäten gewarnt wurde. Der Geruch blieb aber; die Zöllner schnüffelten, konnten aber nichts beanstanden."—• Geologisches. — Erdachsen-Schwankungen. Auf der jüngst zu Kopenhagen abgehaltenen Versammlung der Internationalen Erd- Messung beschäftigte man sich auch mit dem Problem der Erdachsen- Schlvankungen. Die bisherigen Ergebnisse der Forschungen auf diesem Gebiet lagen der Kopenhagener Versammlung im ersten Band der von Th. Albrecht in Potsdam herausgegebenen Resultate des Jnter- nationalen Breitendienstes vor. Aus dem reichen Inhalt dieses Werkes teilt die„Vossifche Zeitung" folgendes mit: Für die Bahn, welche der jeweilige Nordpol auf der Erdoberfläche um einen als fest angenommenen mittleren Pol beschreibt, hat fich für die Jahre 1900 bis 1902 eine ziemlich unregelmäßige Spirallinie ergeben, deren größter Ausschlag etwa in den Juli des Jahres 1902 fällt. Dabei finden diese Schlvankungen der Erdachse im Erdkörper in solcher Weise statt, das; durch jene Polbewegungen auf der Oberfläche unfrcs Planeten sowohl wie die geographischen Breiten als auch die geographi- scheu Längen aller Beobachtungsstationen veränderlich werden und in jedem Augenblick einer bestimmten kleinen Korrektion bedürfen, um sie auf einen bestimmten Zeitpunkt zu bringen und miteinander ver- gleichbar zu machen. Die fortlaufende Ermittlung dieser Korrcktiouen der geographischen Koordinaten ist gerade die Hauptaufgabe jenes internationaler, Brcitendienstes, der soeben kur� beschrieben worden ist. Unwillkürlich drängt sich hierbei die Frage auf, lvoher solche Schwankungen der Erdachse kommen mögen. In früheren, den so- genannten geologischen Zeitaltern der Erde. Ivo noch die Erstarrungen der Erdkruste und die Gestaltungen ihrer Oberfläche durch vulkanische und neptunische Kräfte vor sich gingen, traten zweifellos gewaltige Verlagerungen der Erdachse und im Zusammenhange mit solchen Ver- schiebungen der geographischen Pole auch enorme Klimaändcrungen auf. Dies« Sturm- und Drangperiode unsrer Erde ist seit langer Zeit überwunden, und wir haben eS jetzt glücklicherweise nur noch mit kleinen periodisch hin- und hergehenden Schlvankungen der Erd- achse zu thun, welche klimatisch ohne Einfluß sind und nur noch bei genaurcn astronomischen und geographischen Ortsbestimmungen in Frage kommen. Diese kleinen periodischen Schwankungen der Erdachse lverden hauptsächlich durch geologische und insbesondere durch meteorologische Vorgänge veranlaßt, die eine zumeist mit den Jahres- zeiten zusammenhängende verschiedene Belastung der Erdoberfläche mit sich bringen, ohne daß ein bestimmter gesetzmäßiger Verlauf sich erkennen läßt. Allein die oft sehr großen Lufdruckoerschiebungen, welche auf lvciten Erdgebieten durch die häufig starken Barometer- änderungen sich kundgeben, genügen, wie genaue Rechnungen zeigen, um durch verschiedene Belastung der Erdoberfläche einen Ausschlag der HauptträgheitSachse unsres Planeten hervorzurufen. Dazu kommen noch Luftverschiebungen mit den Jahreszeiten zwischen der nördlichen und südlichen Halbkugel der Erde sowie gewaltige Meeresströmungen, um solche Ausschläge der momentanen Drehachse unsrer Planeten um ihre mittlere Lage zu verstärken. Da hauptsächlich meteorologische Ursachen den Erdachsenschwankungcn zu Grunde liegen, kann natürlich von einem streng gleichmäßigen Verlaufe jener wichtigen Vorgänge nicht die Rede sein; dieselben müssen vielmehr noch für lange Zeit andauernd verfolgt werden, um auf Grund fort- laufender Beobachtungen vielleicht allmählich zu einer zuverlässigen theoretischen Vorausberechnung zu gelangen.— Technisches. ck. Die Diamantschleiferei in Amsterdam. Die seit langem schon in Amsterdam betriebene Diamantschleiferci ist heute eine der wichtigsten Industrien der Stadt. Tausend« von Diamanten werden jährlich von Südafrika dorthin gesandt, um ge- schliffen und poliert zu werden. Im 15. Jahrhundert wurde die Diamantenfchleiferei als Industrie in Anisterdau, begründet, und seitdem ist sie ständig, wenn auch mit wechselndem Erfolge dort be- trieben worden. Jetzt sind in Amsterdam 60 Firmen als Diamant- schleifereien und Polierwerkstätten eingetragen. Die Fabriken liegen in verschiedenen Stadtteilen, einig? in engen, belebten, malerischen Hinterstratzen, andre an den Ufern eines breiten, schönen 5lanals. Einige große Firmen führen in ihren Fabriken alle drei Verfahren durch, denen ein ungeschliffene, Diamant unterworfen ist, ehe er zum Juwelier kommt; andre beschäftigen sich nur mit der zarten und schwierigen Arbeit des DiamantcnpolierenS. Ein Diamant mutz gespalten, geschliffen und poliert werden; das letzte Verfahren dauert am längsten und ist am schwierigsten, da es unter der Leitung der geschicktesten Arbeiter ganz von Maschinen gemacht wird. In einer großen Amsterdamer Fabrik, die B. H. How in„The Worlds Work" schildert, sind 300 bis SSV Männer und etioa 20 Frauen beschäftigt. Letztere haben einen besonderen Arbcitsraum und sind mit dem Schleifen der Diamanten beschäftigt. In einem Jahr werden in dieser Fabrik allein 400 000 Diamanten geschliffen und poliert; davon kommen 90 Proz. aus Südafrika, hauptsächlich von der De Beers-Mine in Kimberley. Das Diamantspalten ist schnell gemacht; deshalb sind nur 12 Leute damit beschäftigt, die aber sehr geschickt sein müssen. Es ist Handarbeit ohne Hilfe einer Maschine; sie besteht darin, daß der rohe ungeschliffene Diamant, der Fehler oder Sprünge hat, in mehrere fehlerlose Steine gespalten wird. Beim Spalten wird vermittelst eines andren, als Messer gebrauchten Diamanten ein großer Druck auf die schwachen Stellen ausgeübt, nachdem beide Diamanten in birnsörmigen Nahmen befestigt worden sind. Diese hält der Arbeiter fest in der Hand und verfährt dann nach dem Sprichwort, daß„nur ein Diamant einen Diamanten schneiden kann". Das Schleifen wird auch mit der Hand gemacht, und zwar von Frauen. Nur bei sehr großen Steinen bedient man sich dazu einer Maschine, und diese Arbeit wird dann einem Mann anvertraut, der allein in einer besonderen Werkstätte thront. Die geschickten Amsterdamerinncn schleifen jährlich Tausende von Diamanten. Sie sitzen an mehreren kleine» Tischen und runden die Steine, d. h. sie schleifen jede harte Ecke ab und bereiten die Steine zum Polieren vor. Das Schleifen und Runden der Steine wird auch wie das Spalten mit einem andren Diamanten gemacht, der in der geschickten Hand der Frauen zu einem scharfen, kräftigen Messer wird. Der Diamant, der geschliffen werden soll, wird in der linken Hand gehalten, nachdem er auch fest in einen Holzrahmen gespannt worden ist. Einige Diamanten sind so klein�däß sie sehr Verantworti. Redakteur: Julius KoltSti in Berlin.— Druck und Verlag: sorgfältig gehandhabt werden müssen, damit keiner verloren geht, und da jede? Mädchen für di« ihr gegebenen Diamanten verantwort« lich ist, fehlt es nicht an der erforderlichen Sorgfalt. Bei einer täglichen Arbeitszeit von acht Stunden verdienen die Frauen 8 bis 20 Gulden(14 bis 35 M.) wöchentlich. Wenn die Diamanten durch scharfen Druck auf jede Stelle der Oberfläche genügend gerundet sind, so werden sie poliert. In der Fabrik sind in zehn großen Räumen 300 Mann mit dieser Arbeit beschäftigt. Bei dem Polieren bekommen die Diamanten die genügende Anzahl„Seiten", wie der technische Ausdruck heißt. Die Diamanten werden in zwei Klassen geteilt, Brillanten und Rosen; die Zugehörigkeit zu einer der beiden Klassen hängt von der Anzahl der Seiten ab. Ein Brillant hat 58 Seiten, eine Rose 24. Nachdem jeder Stein in einen kleinen Zinkrahmcn verlötet ist, werden die Drehscheiben in Berührung mit dem rohen, abgerundeten Diamant gebracht. Die Rahmen werden in einen größeren gebracht, der gleichzeitig vier hält, nnd die Diamanten, ehe sie an die Räder gebracht werden, in ein Gemisch aus Oel und Diamantenstaub getaucht. Einige Räder drehen sich bis 200ymal in der Minute, nnd bei jeder Drehung wird ein Teil des Diamanten sehr stark poliert. Dann wird der Diamant herausgenommen und loiedcr verlötet, damit eine andre Seite gleichfalls poliert wird. Bei jedem Brillanten muß das Herausnehmen und Polieren wenigstens 20mal vorgenommen werden, bei jeder Rose 0mal. Der Brillant bekommt muh zwei zugespitzte Enden, die Rosen- diamanten ein spitzes und ein flaches. Erst nach dieser Arbeit sind die Steine gebrauchsfertig für den Juivelier.— Humoristisches. — I m Orient-Expreß. Er st er Reisender(sich vorstellend):„Mutzke, Agent der Unfallversicherung„Pro- videntia" in AscherSleben." Zweiter Reisender:„Meierstein, Sargfabrikant on ATOS." Erster Reisender:„Ha. da schawn S', Herr Nachbar k Fliegen mer jetzt n i t in die Luft, da mach' i's Geschäft. Und fliegen mer in die Luft, da machen halt Sie's Geschäft. Leben muß der Mensch!"— — Aen gstlich. Medizinalrat(vor einer Reise zu seinem Stellvertreter, einem jungen Arzt):„Meine beiden b e st e n Patienten sind Kommerzienrat Goldstein und Staatsrat Schwenker, lassen Sie mir die ja nicht st erbe nl"— („Lustige Blätter.") Notizen. — August Strindberg hat ein neues Buch„Märchen" geschrieben.— — Die beiden größten dänischen Verlagsgesell- schaften„Gyldcndalske Boghandel" und„Nordiske Forlag" be- schloffen die Z u s a m in e n s ch m e l z u n g z u einer Aktien- gesell schaft. Unter den Direktoren befinden sich der Schrift- steller Peter Nausen nnd der bisherige Direktor des„Nordiske Forlag". Emst Boyesen.— — R o st a n d s Lustspiel„Die Romantischen" Ivird, in der Fuldaschen Uebcrsctznng, demnächst im Schauspielhause gegeben werden.— —„Die eiserne Krön e", ein fünfaktigeS Schauspiel von F e d o r v. Z o b e l t i tz, ist voin Lessing-Theater zur Auf- fiihmng erworben worden.— —„Lucifer" von Otto Erich Hartleben wird noch im Laufe dieser Spielzeit im Deutschen Theater zu Hannover in Scene gehen.— — Paul Lindaus neues Stück wird im Hamburger Schauspielhause die Erstaufführung erleben.— — Masse n ets Oper„ M a n o n" wird die erste Novität dieser Saison im Opernhaus« sein.— —„Der Herr Kapellmeister', eine komische Oper von Ferdinand Paör, wird im Oktober am Stadt-Theater zu Magdeburg zum erstenmal aufgefiihrt.— — Der Maler Louis Corinth übernimmt am l. Oktober ein Lehramt an den Charlottenburger StudienatelierS für Malerei und Plastik.— — Mit dem ersten Zeichen der Furcht bei Kindern beschäftigt sich Dr. Hirschlaff in einem soeben erschienenen Werk. Es finden sich darin folgende Stellen: Darwin und Preyer stehen auf dem Standpunkte, daß die Furcht den Kindern angeboren oder ererbt sei und daß infolgedessen schon Furchtäußerungen in den ersten Lebenstagen zu beobachten sind. So bemerkte Darwin, daß ein Knabe im Alter von zwei Jahren beim Besuche eines Zoologischen Gartens Furcht zeigte beim Anblicke großer eingesperrter Tiere. Preyer konstatierte, daß sein Kind bereits von der siebenten Woche an bei jedem Geräusch zusammenfuhr. Die Furcht vor dem Meere, vor dem Unbekannten, vor dem Fallen und vor allem vor den Tieren hält auch Preyer für erblich, weil sie auftritt, bevor das 5iind in dieser Beziehung Erfahrungen gesammelt hat. Interessant ist auch eine Tabelle, die uns Aufschluß giebt darüber, in welchem Alter das Maximum dieser Furcht liegt. Bei Knaben liegt es zwischen dem 4. und 7., bei Mädchen zwischen dem 15. und 18. Lebensjahre. Die Furcht vor Gewittern scheint besonders beim weiblichen Ge» schlechte entwickelt zu sein.— Vorwärts Buchdruckerei und Berlagsanswlt Paul Singer& Co., Berlin 8W