Anlerhaltungsblatt des vorwärts Nr. 187. Donnerstag, den 24. September. 1903 (Nachdruck verboten.) Bin gewöhnlicher fall Erzählung von W. Korolenko. 6. „Jetzt mus; ich Ihnen noch von jemand erzählen, der aber von ganz andrer, ich kann sagen, in vielfacher Beziehung von entgegengesetzter Art war... In unsrer Stadt lebte ein gewisser Ragow, ein junger Mann, eine Waise. Sein Vater war ein Bösewicht, wie sie früher herumliefen... Verfolgt von der neuen Zeit wie ein Wolf von den Jägern, war er, so zu sagen, ein verspäteter Typus. Er ha! sich nicht an- gepaßt... Seine Art war bmtal, die Zeiten waren feiner geworden. Er kannte nur die Wolfsmanier. Das duldete man aber nicht mehr. So fristete er die letzten Jahre seines Lebens unter allerhand Verfolgungen, Elend und Trunksucht. Es war eine verkommene, düstere, verbitterte Natur. Er wußte, daß neben ihm Menschen ihre Geschäfte genau so betrieben wie er und doch in allen Ehren starben... so zu sagen, in Anerkennung ihrer Redlichkeit... und er für dasselbe zer- lnmpt, hungrig und gehetzt ist. Und das ist, wissen Sie, ein Quell von seelischem Gift, daß es einem wahrhaftig um die Menschheit angst werden kann. Und plötzlich bekommt so ein Individuum eine Familie, eine Frau und einen Sohn. „Die Frau war so ein harmloses Wesen, verschüchtert, gehetzt, vernichtet im vollsten Sinne des Wortes. Wenn es sich aber um den Sohn handelte.öffnete sich in dieser verödeten Seele eine Thür... gleichsam eine Beste, die in der von Feinden besetzten Stadt unerobert geblieben. Und daraus drang plötzlich eine ganze Streitmacht von Frauenheldenmut, daß der alte Wüterich und Trunkenbold das Feld räumen mußte. Auf diese Weise, Gott allein weiß es, was es ihr kostete, gelang es ihr, dem Sohn eine Erziehung angedeihen zu lassen. Als ich nach Tichodol als Lehrer kam, fand ich diesen jungen Via nn in den obersten Gymnasialklassen. Es war ein schüchterner, bescheidener Llnabe von stillem Betragen, nur in den Augen flackerte etwas Merkwürdiges, Unterdrücktes, das eine gewisse Befürchtung erregen konnte. So eine Art Glanz, ein unruhiges, inneres Feuer. Mager, ein feingeschnittenes, blasses Gesicht und ein Büschel trotziger Haare über der steilen Stirn. Er lernte vorzüglich, verkehrte wenig mit den Kameraden, den Vater, glaube, ich, haßte er, die Mutter der- götterte er fast krankhaft... Jetzt... entschuldigen Sie... ich muß selbst einige Worte hinzufügen... sonst wird vieles von dem Folgenden unverständlich bleiben... Es waren damals die ersten Jahre meiner Lehrerschaft... und ich durch- lebte eine besondere Stimmung. Alles war frisch in mir, meinen Beruf sah ich von einem erhabenen Standpunkt an, so zu sagen, ideal. Meine Kollegen stellte ich mir wie eine heilige Streittnacht vor... Das Gymnasium ward mir fast zum Tempel.. und die Jugend fühlt es doch und schätzt es...und sie stürzt zu diesem Feuer mit all ihren Fragen und Wüiächen... Das ist öiich die lebendige' Seele unsres Be- r�M... Was nützt es viel, wenn er mit einer Seele zu dir kommt, zugeknöpft wie eine Uniform? Nein, ich als Lehrer brauche ihn viel mehr mit all seinen Verirrungen... Man muß sich seiner Wünsche und Zweifel... der Wahrheit redlich annehmen. Mau nmß gegenseitig zu einander Vertrauen haben, dann hast du sie in der Hand. Liebe, Achtung, fast leidenschaftliche Vergötterung und... eine Verbindung für das ganze Leben, gleichviel welche Meinungsverschiedenheiten sich da später einstellen." Der Erzähler schwieg einen Augenblick und fuhr dann leise fort:„Das hatt' ich einst einmal... das heißt, es war im Anfang... Einigen Knaben meiner Klasse, darunter auch diesem Rogow, näherte ich mich sehr... Lieh ihnen meine Bücher. Sie kamen zu mir herauf. Nun, dort beim Samowarchen, einfach gemütlich, verstehen Sie, lesen wir alle etwas... Mitunter schneidest du auch ein neues Journal auf... Debatten, Urteile, Diskussionen. Ich hörte zu— und mischte mich in der Regel nicht ein, wie es da bei ihnen gärt, wie sie sich da verrennen, dann klärst du sie auf— behutsam, um, wissen Sie, sie durch meine Autorität nicht zu entmutigen... und auf einmal ist da ein Gedanke geboren, der schon nicht dir gehört... so kommt schon einer von ihnen an dich heran, immer näher und näher und sucht schon dich zu belehren... Krabbelt so an dir herum und mitunter ganz scharf... da siehst du, man muß sich hüten, muß besser be- waffnet sein. Man muß sich selbst etwas auffrischen. „Nicht lange aber ging es so bei uns. Einmal rief mich der Direktor zu sich, behufs einer vertraulichen Rücksprache... Nun, Sie wissen doch, diese Einflüsse„außerhalb der Klasse" erfreuen sich keines besonderen Schutzes. Und nun gar die Journale! Der Direktor, wissen Sie, ein feinfühliger Herr, deutete das nur an und gab sich nachher den Anschein, als wüßte er selbst absolut nichts davon... Ich wurde zuerst sehr erregt, wollte mich gar nicht fügen und berief mich auf eine höhere Auffassung meiner Pflichten... dann aber... sehe ich, daß nichts zu machen ist. Vor allem handelte es sich nicht um mich allein. Es hatte auch auf die Knaben seine Wirkung... Es war für mich so schwer, vor allem so be- schämend... Das war das Schlimmste... Was konnte ich ihnen denn sagen? Womit sich entschuldigen, wie es ihnen klar machen? Ich leistete einem Befehle, der offenbar un- sinnig ist, Folge, das war alles! Das war der erste Schlag in meinem Leben, und ich merkte damals nicht, daß dieser Schlag... wenn Sie wollen... ein tödlicher war... „Ich fügte mich und hörte mit meinen Abenden auf. Nun, die Jugend aber, wissen Sie, fügt sich nicht so leicht in solchen Fällen und versteht nicht alles davon. Einmal abends kam Rogow mit einem Kameraden zu mir herein. Die Ge- stchter erregt, die Augen flackern und sehen, wissen Sie. so ganz sonderbar drein... Nun, ich habe diese?lrt des Uni- ganges abgelehnt—„Nein, sagte ich, meine Herren, wir unterlassen es lieber." Ich sehe, daß beide Knaben leiden- schaftlich aufflammten... Dieser Rogow begann etwas zu sprechen, aber ein Krampf schnürte ihm die Kehle zu und die Augen bekamen plötzlich einen bösen Ausdruck... Allein, ich wußte mich zu rechtfertigen. Ich hatte wirklich Angst um sie, besonders um Rogow und seine Mutter. Denn wären diese heimlichen Zusammenkünfte entdeckt worden, dann wäre seine ganze Laufbahn und dieser ganze Heldemnut seiner Mutter zunichte geworden. So gab ich damals nach... zum erstenmal. „Ich bemühte mich aber, es in den Stunden nachzuholen. Meine Abende wurden frei... und langweilig! Ich hatte mich schon an meinen jungen Kreis gewöhnt und da wurde es leer. Nun, da vertiefte ich mich in die Bücher. Ich arbeitete wie ein Stier und stellte mir dabei immer im Geiste vor: Das niuß sie interessieren, das wird neu sein und das wird ihrem Verlangen entsprechen... Ich lese und wühle in den Büchern herum, sammle alles Interessante, alles, was beleben konnte, hinaus iiber die Wände des Schulzinuners und die Trockeicheit der Lehrbücher... Und immer mit lebendigen Gedanken an meine früheren jungen Gäste... Und ich glaube, mitunter kam etwas dabei heraus... Ich entsinne mich, daß manchmal die ganze Klasse zusammenrückte, verstummte und die Köpfe heiß wurden... aber auch das war vorüber... Der Direktor begann, den Stunden beizuwohnen, kam herein, setzte sich, hörte zu,' schwieg... Sie wissen doch selbst, wie es gemacht wird. Scheinbar nichts, aber ich und die Klasse fühlen, daß das schon keine Stunde mehr ist, sondern eben ein Verhör. Dann die Fragen: Woher ist das eigentlich? Aus welchem Lehrbuche? In welchem Maße entspricht das dem Programm? Ich will mich nicht weiter darüber auslassen... So, mit einem Worte, erlosch allmählich das Feuer... Die Klasse wurde eben eine Klasse. Die lebendigen Geister rückten in die Ferne, wie in einen Nebel... Die geistige Berührung entschwand. Censuren... Dispositionen... Aufzählung der stilistischen Schönheiten eines lebendigen Werkes... im gegebenen Werke zwölf Schönheiten... die erste Schönheit, die zweite Schön- heit und so weiter... Ganz den Forderungen des Programms entsprechend... Auch so eine Art Buchführung wie bei Budnikow. „Wie dem auch war. Dieser junge Mann absolvierte da? Gymnasium und bezog in der Residenz die Universität. So ohne weiteres allerdings gelang es ihm nicht, sich im- matrikulieren zu lassen. Das war schon die Zeit der geheimm Zeugnisse.-.*) Vielleicht spielten dabei auch meine Vor- lesungen eine Rolle. Kurzum, ein Jahr ist ihm verloren ge- gangen. Der Mutter schrieb er zwar, daß er auf die Universität gegangen und sogar ein Stipendium oeziehe, in Wirklichkeit aber schlug er sich unter großen Entbehrungen durch und wurde verbittert... Dann jedoch erreichte er, was er wollte und faßte ein festes Ziel ins Auge. Da ereilte ihn das Unglück. Die Mutter starb. Sie verfiel immer mehr... seitdem der Sohn fort war. Der leitende Stern verschwand, so zu sagen, aus seinem Leben, und damit die Widerstandskrast. Sie ist so, wissen Sie, schnell dahingegangen, sogar mit einem ge- wissen Vergnügen.„Mich, sagte sie, braucht jetzt Wanja nicht mehr, ich habe ihn, Gott sei Dank, auf den Weg gebracht, jetzt kann er selbst gehen." Sie sagte:„In deine Hände befehl' ich.. und starb. Und bald darauf fand man mich den ehrenwerten Vater tot in einem Graben... So blieb mein Rogow eine Doppelwaise. „Nun, da hat die Alte wirklich gefehlt, sie hat's zu eilig gehabt. Vielleicht gerade jetzt hatte sie der Sohn am nötigsten. Zwar hat er sehr gut gelernt, sogar leidenschaftlich, so zu sagen, ohne sich umzuschauen, als jagte er nach etwas. Als er aber die Nachricht von dem Tode der Mutter bekam, da mußte, wissen Sie, mit einem Male etwas in seiner Seele ge- rissen sein... Vielleicht war sie für ihn der einzige Traum feines Lebens: Ich werde mein Examen machen, selbständig werden und die zertretene Gerechtigkeit wieder zu Ehren bringen. Die Mutter wird endlich erfahren, daß es noch einen Gott, noch eine Liebe und Dankbarkeit giebt... Am Abend ihres Lebens, wissen Sie, soll sie dieser Strahl erwärmen... Nur ein Jahr, einen Monat, eine Woche... auch nur einen Augenblick, aber damit sie es sähe, damit ihr Herz freudig aufflamme... damit es auftaue unter dem Strahl dieser Gerechtigkeit. Und plötzlich statt alles dessen... das Grab... Ein Sturz... und damit fertig. Und keine Dankbarkeit braucht man mehr, nichts kann man zurückrufen, nichts ändern... Das ist doch, wissen Sie, eine Schickung, und um sie ohne Bruch zu ertragen, muß man Kraft haben... muß man glauben an einen Sinn in dem Ganzen des Lebens... abgesehen... von diesen:... Zufall. „Nun, er hielt es nicht aus, er hatte halt keine Stütze... Als diese einzige unter ihm zusammenbrach, so fiel auch er.' Es riß gleichsam etwas in seiner Seele und dann machte wahrscheinlich auch die Vererbung, die durch verschiedene.Ein- flüsse bisher zurückgehalten war, ihre Rechte geltend... Kurz, er kam vom Wege ab, verfiel in einen Taumel und fing an, diesen stechenden Schmerz mit Wein zu betäuben... Und dann ging's mit ihm bergab. Die Examina gab er auf— er meinte, für wen brauche ich denn jetzt diese Zeugnisse. Und da geriet er in alle möglichen Strömungen, die ihn wie ein herrenloses Boot mitrissen. Weiß Gott, auf welche Weise kam er wieder in unsre Stadt. Vielleicht glaubte er, am Grabe der Mutter festen Fuß fassen zu können... Was hat aber ein Grab für einen Nutzen?... Wenn ein Sinn darin wäre... dann wäre es etwas andres... Da erhielt er vom Gerichte die Erlaubnis, einfache Gerichtssachen erledigen zu dürfen. Er betrat den Weg seines Vaters. Er fing an, ein liederliches Leben zu führen, verbrachte die Zeit in den Schenken mit Lumpengesindel zusammen und übernahm Ge- richtssachen von heikelster Art. Kurz und gut, er wurde zu einem frechen, trunksüchtigen Wüterich, zu einem enkant ierrible unsrer ganzen kleinen Stadt und aller friedlichen Bürger. Und der Teufel weiß woher, offenbarte sich plötzlich in diesem schüchternen, jungen Mann eine Frechheit und zu- gleich ein diabolischer Witz, daß ihn alle in der Stadt fürchteten.., (Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) I�Iaccaroni und Konfortcn, Wie die Hausnudeln bereitet werden, ist wohl jedem bekannt. Und wer es nicht weiß, der braucht sich die Sache nur einmal in Mutters Küche anzusehen. Aber die Fabrikatton der Studeln ist eine große Industrie geworden. Eine Hausfrau, die einen Blick in eine große Teigwarenfabrik '1 In jüngster Zeit werden neben den offiziellen Zeugnissen Noch geheime Gutachten über die zur Universität gehenden Gym- nasiasten, ihre politische Gesinnung usw. betreffend, von den Gymnasialdireltoren an die Unwerfitätsrcktoren gesandt. thim würde, die sich mit nichts andrem als mit der Herstellung von Maccaroni, Band- oder Fa