Wnttthaltimgsblatt des Vorwärts Nr. 193. Freitag, den 2. Oktober. 1903 (Nachdruck verboten.) LZ Kleinbürger. Roman von Elisabeth Kuylenstjerna. Fran Lesers einziger Trost Mar, ihre Jeremiade mit einem Selbstlob abzuschließen. Sie that im Grunde alles, was sie konnte, für die Ihren, ermüdete aber auch nie, darauf ihre Vortrefflichkeit loben zu hören, und oft ergriff sie selbst die Initiative zu diesen Lobpreisungen. „Ja, liebe Mutter, ich kann es auch nicht ändern," sagte Mario Luise bescheiden,„und das wissen»vir ja, daß Du thust, was in Deinen Kräften steht." „Ja, Herr Gott, wer so ruhig dabei bleiben könnte, aber ich weiß, wie es steht. Die Butter ist zu Ende, der Zucker ist zu Ende, der 5iaffee reicht nur noch zu morgen früh und dann haben wir nichts zu Mittag." „Ich bekomme ja hellte abend für die Arbeit bezahlt, so lauge, denke ich, lvird uns der Kaunnann ivohl Kredit geben." Marie Luise hielt einen Augenblick innc. „Ja,»vir werden ihn tvohl darum bitten müssen." Die Mutter ging eilig trippelnd aus dem Zimmer, den Kopf, wie unter einer schlvercn Last, vornübcrgcneigt. Sie hätten nur sehen sollen, wie großartig es in ihrem Elternhause hergegangen tvar und was für vornehme Familien dort verkehrt hatten! Dann suchte sie sich vorzustellen, was ihr Großvater, der General, sagen würde, tvenn er seine kleine „Lullt", wie er sie zu nennen Pflegte, hier wie eine Magd arbeiten sähe... Marie Luise ließ das Rad von neuem kreisen, und ihre Füße traten»nt verzweifelter Ausdauer den schweren Maschinenreifen. Rücken und Schultern schmerzten, aber sie durfte nicht daran denken. Die Arbeit mußte fertig werden, damit Mutter Geld bekäme. Morgen war Sonntag, da wollte sie dann tüchtig ausruhen. O, welche Wonne, nicht halbwach, mit vor Müdigkeit schmerzendem Kopfe, aus dein Bette fahren lind an die Arbeit gehen zu müssen! Nur einmal nach Herzenslust schönen Träumen nachhängen dürfen! Träume f Ja, sie hatte auch ihre Träume, die kleine Marie Luise, so arm war sie doch nicht, daß sie nicht mit der vollen Glut eines jungen Herzens lieben konnte... - Die Frühlingssonne schien in das Zimmer; sie hatte den Weg gefunden über den engen, dunklen Hof, und gleichsam triumphicreild über ihren Sieg, sandte sie nun einen breiten, warmen Strahl bis in den dunkelsten Winkel, wo der Mutter alte, braungestrichene Kominode stand. Sie spielte, dreist und neugierig mit den dürftigen Toilettegegenständen, tanzte dann über den ausgetretenen Fußboden hin und machte dabei auf die vielen Wurmlöcher aufmerksam. Die kleine Weckuhr über dein Sora tickte»nverdrossen, und tveiin sie auch hinter der Zeit etwas zurückblieb, kam sie doch allmählich so weit, den langen Vormittag auf ihrem Zifferblatt mit drei kurzen, leisen Schlägen zu beschließen. Frau Lejer war ununterbrochen durch Haushaltsarbeiten in Anspruch genommen gewesen, und jetzt kam sie herein, um zu decken. Sven war der erste, der nach Hause kam; er hatte es eilig und setzte sich sogleich an den Tisch. Unmittelbar darauf kani Dora, warm und rot, mit zerzaustem Haar herein- gestürmt. „Ich bin furchtbar hungrig!" rief sie, ehe sie Jacke und Hut abgelegt hatte. Herr Lejer wurde aus seinem Arbeitszimmer herbei- gerufen, Günther fand sich jetzt ebenfalls ein. und die be- scheidene Mahlzeit begann. Dies war eigentlich die einzige Zeit am Tage, da man zu vertraulicher Aussprache kam. Ge- danken miteinander austauschte und zuweilen sogar scherzte. „Ja, morgen vollendet Bruder Magnus sein sechzigstes Jahr!" sagte der Doktor, indem er die Hand nach der Kartoffel- schüssel, welche den Hauptteil der Mahlzeit bildete, ausstreckte. „Da werden sie wohl eine großartige Feier haben!" fiel Frau Lejer ein.„Wir, die nächsten Verwandten, können ja nachher in der Zeiftmg davon lesen. Ja, ich kann nur nicht versteheil, wie Menschen so gedankenlos ihr Geld für Gesell- schaften und Vergnügungen ausgeben mögen, wo es doch so viel Armut in der Welt giebt. Ich versichere, daß wir ein paar Monate von dem leben könnten, was dies Fest kostet." „O, wie herrlich, dabei sein zu können!" rief Dora aus. „Es ist so schrecklich, daß man nie etwas mitmachen kann, wenn inan arm ist." „Ach, was solltell wir da wohl anfangen," warf Sven jetzt ein, indem er den Brotkorb einer gründlichen Plünderung unterzog,„stehen und dumme Gesichter machen, pfui, ich danke!" „Ja, mein lieber Günther, denke nur, wenn Du einmal ein ebenso angesehener Mann werden könntest wie Dein Onkel," sagte der Doktor und nickte seinem Sohne zu.„Aber das wirst Du wohl nicht werden. Du hast nicht sein kauf- inännisches Genie. Er ist ein brillanter Geschäftsmann, da? läßt sich nicht leugnen. Großhändler Lejers Name hat gliteil Klang." „Meine liebe Schwägerin weiß das auch," sagte Frau Lejer.„Sie wühlt in Spitzen und Seide und versucht die Leute vergessen zu machen, daß sie eine geborene Pettersson ist." Günther legte Messer lind Gabel beiseite. llm seine hartgeformtcn Lippen legte sich ein Zug von Energie. „Ja, es ist nicht leicht, sich durchzuschlagen," sagte er mit frühreifem, bitterem Ernst.„Doch bin ich erst so weit, daß ich das Abiturientenexamcu bestanden habe, wird's schon gehen. Ich dachte dann zu versuchen, ob ich nicht im Sommer irgendwo eine Stelle als Hauslehrer bekomnieu könnte, un- möglich wäre es ja nicht." „Hm, danach suchen aber auch viele!" erwiderte der Doktor nicht gerade ermutigend. „Wenn Du Dich an den Rektor wenden könntest!" schlug die Mutter vor.„Er war früher ein sehr liebenswürdiger junger Mann. Ich habe auf manchem Ball mit ihm getanzt. Ach Gott, wenn man früher und jetzt mit einander vergleicht, dieser Unterschied— na, Dora, Du, sei nicht so unbescheiden, Kind!" Dora errötete, als sie so auf frischer That ertappt wurde, lnid legte schleunigst ein Wurststück zurück. Marie Luise aß sehr wenig, sie hatte nicht mehr den frischen Jugendappetit; sie war auch so müde, daß sie sich nur wenig an der Unterhaltung beteiligte. Die langen, ein- samen Vormittagsstunden nahmen ihre Kräfte so in Anspruch, daß sie sich in den Erholnngsstunden wie gelähmt an Leib und Seele fühlte. Jetzt stand man auf vom Tisch, Sven eilte davon in seinen Laden, der Doktor verschwand in seinem Zimmer und Frau Lejer hatte mit Aufwaschen in der Küche zu thun. Günther ging, um Privatstunden zu geben— er hatte zwei Schüler, welche des Nachmittags einige Stunden bei ihm arbeiten mußten— Marie Luise nähte, und Dora half ihr. „Wenn es doch gutes Wetter werden wollte morgen; dann könnten wir Hedwins fragen, ob sie nicht Lust hätten, nach- mittags mit uns nach Haga zu fahren!" sagte Marie Luise, während sie mit ihren geschickten, schmalen Fingern einen Sanni einbog. „Ja, das wäre riesig nett, obgleich... wir sind da so oft gewesen, und dann..." „Und dann?" „Ist da so viel Sonntagspublikum." „lind was schadet das, wir können darum doch vergnügt miteinander sein, und übrigens— haben wir selbst denn Zeit, alltags unserm Vergnügen nachzugehen, was meinst Du?" „Nein, das ist's ja gerade, was mich so verdrießt. Es wäre zehnmal besser, zu der Arbeiterklasse zu gehören, als ein solches Mittelding zu sein. Es giebt kein Wort auf Erden, das ich so verabscheue wie verschämte Arme, solche armen Geschöpfe, die sich scheinbar standesgemäß halten müssen, denen von Zeit zu Zeit ein wenig geholfen wird, damit sie nicht zu sehr gegen die Verwandten abstechen, die im übrigen aber keinen einzigen Anhalt haben. Ich könnte manchmal rasend werden auf die Lehrerinnen und sie ins Gesicht schlagen, wenn sie mit ihren Ermahnungen kommen, daß„Dora wenig siens wohl hätte gut lernen müssen" oder„Du weißt ja, Dora, daß Du fleißig sein mußt". Und dann wenden sich die Mitschülerinnen um nnd gucken mich an, die Freischülerin, einige nicken freundlich, andre sehen Seniert aus, manche rümpfen die Nase, o, o, ich möchte beißen, hreien und um mich schlagen in solchem Augenblick, so außer nur bin ich." „Aber, liebe Dora, Armut ist doch keine Schande. Du nimmst alles gleich so heftig," sagte Marie Luise mit ihrer fügsamen, weichen Stimme, die einen scharfen Kontrast zu Doras aufgeregten Worten bildete, deren Ton um die Wette mit ihren heißen Gefühlen kämpfte.„Außerdem hast Du auch nur noch ein halbes Jahr nach!" fügte sie tröstend hinzu. „Na, und dann? Dann soll ich hier vielleicht sitzen wie Du und nähen und nähen, das halte ich nicht aus, nein, das kann und will ich nicht." Sie schleuderte das halbfertige Hemd von sich auf einen Stuhl und warf sich schluchzend auf das Sofa. „Aber liebe, kleine Dora," sagte Marie Luise ruhig,„Du bist wirklich nächstens zu groß für solche Ausbrüche. Und dann will ich Dir sagen, daß Du Dich nicht um die Zukunft zu sorgen brauchst. Du bekommst vielleicht einen guten Comptoirplatz oder eine Stellung als Gouvernante, wer weiß?" Dora richtete sich halbwegs auf, sie stützte das thränen- überströmte Gesicht in die Hände und lächelte plötzlich. „Ja, darin hast Du recht; wer weiß, vielleicht werde ich mich reich verheiraten." „Aber, Dora, Tu bist wirklich zu jung, um an solche Dinge zu denken." „Daran habe ich lange gedacht. Liebste. Ich finde, es wäre riesig fein, einen alten Grafen einzufangen. Er müßte bald sterben natürlich, damit ich den Alten los bin." „Schweig nun, Dora, und nähe lieber statt dessen ein wenig M' ermahnte Marie Luise strenge. Mit einem Seufzer der Erleichterung legte Marie Luise endlich nach einiger Zeit ihre Arbeit in ein Paket zusammen, griff in größter Eile nach Mantel und Hut und eilte die wohl- bekannten Straßen bis zu der großen Leinenfabrik entlang. „Ei, das ist schön, daß Sie die Hemden schon fertig haben, Fräulein!" begrüßte die Direktrice sie beim Eintreten.„Sie möchten natürlich gern gleich bezahlt haben, Fräulein, das wird sich aber wohl schwer machen lassen, denn ich wollte eben gerade schließen." „Beste Frau Eriksson," bat Marie Luise schüchtern,„ich hatte so fest darauf gerechnet, das Geld gleich zu bekommen." Die kleine, korpulente Frau sah sie mitleidig lächelnd an. „Ja so, ja, es ist ja Sonntag morgen, und am Montag bin ich nicht hier. Wieviel haben Sie zu fordern, Fräulein?" „Einundzwanzig Kronen." Marie Luise holte tief Atem. „Sind Sie sicher, daß Sie richtig gerechnet haben, Fräulein?" Frau Eriksson trat an das Pult und schlug langsam das große Anschreibebuch auf, worauf sie zu rechnen begann. Marie Luise stand daneben, nervös, blaß und abgearbeitet. Ihre Gedanken bewegten sich in ununbrochenem Kreis- lauf um diese kleine Summe. Hatte sie sich verrechnet, würde es nicht für die Ausgaben ausreichen, für die sie es bestimmt hatte. Nein, es mußte stimmen: ein Dutzend ä eine Krone fünfundsiebzig Oere. Wenn Frau Eriksson sich nur beeilen wollte: die Läden würden bald geschlossen werden. „Ja, es stimmt!" lautete es schließlich, und gewohnheits- mäßig kratzten die fetten, weißen Finger in dem Kassenfach. „Bitte, hier ist auch noch mehr Arbeit. Es ist sehr eilig." Marie Luise stürmte nach einem hastigen Adieu wieder die Treppen hinunter. Sie ging in einen Handschuhladen und kaufte ein Paar weiße ssanks de Sndde für Dora; sie wußte, daß sich diese längst ein Paar solcher gewünscht hatte, dann machte sie noch einige Einkäufe für den Haushalt und erstand schließlich noch eine Düte Bonbons für die eventuelle Ausfahrt morgen. Als sie nach Hause kam, trat Dora ihr gleich mit der Be- stellung entgegen: „Nils Hedwin ist hier gewesen und hat gefragt, ob wir morgen nachmittag mit ihnen nach Haga wollten, und ich habe ja gesagt. Er läßt Dich grüßen." „Tanke; hier habe ich etwas für Dich, kleine Tora." l Fortsetzung folgt.). (Nochdruck verboten.) Rom nach dem SUndenfall: niederländifche Lesart. Unbequeme Thatsachen pflegt der Klerikalismus, seit und soweit er nicht mehr den Arm der Staatsgewalt gegen seine Widersacher in Bewegung setzen kann, durch ausgiebiges Schimpfen aus der Welt zu schaffen. Kaum hat also die„Neue Welt" unter dem Titel „Rom nach dem Sündenfall" einige benierkenswerte Thatsachen aus der römischen Kirchengeschichte des 4. Jahrhunderts mitgeteilt, da inacht sich alsbald ein klerikaler Klopffechter an die erhebende Arbeit, die bösartige Ketzerei in der Hanptarena der Centrumspresse durch seine Anzahl eleganter Lufthiebe abzuthun. Nach jenem be» währten Rezept geht der Schimpfartiklcr der„Germania" um die geschichtlichen Thatsachen, die den wesentlichen Inhalt der an- gefeindeten Notiz bilden, herum, wie die Katze um den heißen Brei: er erwähnt sie überhaupt gar nicht, geschweige, daß er versucht, den Beweis ihrer Unrichtigkeit zu stihren. Das wäre freilich auch ein schweres Stück, wo zwei notorische Heilige Hauptgewährsmänner sind. In begreiflichem Aerger über diesen fatalen Umstand schimpft daher unser guter Mann, wie nur klerikale Vertreter der christlichen Liebe schimpfen können: als Angriffspunkt sucht er sich die einleitenden Sätze der Notiz aus. Darm hat er glücklich einen geschichtlichen Hinweis ent- deckt, der ihm anfechtbar erscheint. Er entrüstet sich darüber, daß Kaiser Konstantin für einen gewissenlosen Realpolitiker erklärt wird, der innerlich mit dem Christentum gar nichts zu schaffen hatte,' sondern nur aus politischer Berechnung die Kirche patronisierte. Das ist nun keineswegs eine rein subjektive Meinung, fondern das allgemein anerkannte und durch eine Fülle von Ouellenzeugnissen vor jeder ernstlichen Bestreitung sichergestellte Endergebnis der gesamten neueren Forschung über Konstantin. Wenn also der klerikale Retter Konstantins seinen Helden absolut mit dem Beinamen des Großen zieren will, so muß man dies groteske Unterfangen von der komischen Seite nehmen und dem an» entwegteü Verehrer des biederen Casaren zugeben, daß sein Heros groß war— nämlich im Morden; nicht in manchem Verbrecher« album wird sich ein Massenmörder finden, der, nicht zu reden von unzähligen gewöhnlichen Sterblichen, im Laufe der Zeit Schwiegcr- vater, Schwager, Neffen, Sohn um die Ecke gebracht hat, wie das der Fall des klerikalen Musterchristen Konstantin ist. Nach alledem wäre es thöricht, wenn man den Geschichts» sachverständigen der„Germania" in historischen Dingen ernst nehmen wollte: er ipricht davon, wie der Blinde von den Farben. Eins aber ist immerhin an dem spaßigen Ausbruch blinder Wut be- merkenswert: nämlich, was hauptsächlich den klerikalen Zorn erregt hat. Der teuflische„Pferdefuß", um im Jargon des Centrums- kämpen zu reden, kommt an der Stelle der Notiz in der„Neuen Welt" zum Vorschein, wo davon die Rede ist, daß die Kirche sich seit Konstantins Zeiten überall als instrumsntrrm regni, als Herrschaftswerkzeug, bethätigt habe. Der gute Mann übersieht ganz, daß wir diesen Pferdefuß mit keinem geringeren, als dem verstorbenen Papst Leo gemein haben, der nicht müde wurde, die Kirche als unfehlbare Panacee gegen den Umsturz in empfehlende Erinnerung zu bringen. Und wahr ist, daß die katholische Kirche allemal für die Herrschenden gegen Freiheitsbewegungen Partei genommen hat: mit Ausnahme jenes mittel- alterlichen Zwischenspiels, als die Päpste selbst in Umsturz machten, als sie siir die Zwecke ihrer selbstsüchtigen Weltherrschafts- bestrebungen des öfteren das Volk gegen die Fürsten ausspielten. Einen schlagenden Beweis, wie sich die katholische Kirche seitdeni als Herrschaftswerkzeug bethätigt hat, stellt gleich die erste bürgerliche Freiheitsbewegung der Sieuzeit dar: der Aufstand der Niederländer gegen die spanische Herrschaft. Die landläufige liberale Geschichtsschreibung sieht die Ursache dieser großen Erhebung in der heiligen Inquisition. Das erscheint dem amerikanischen Geschichtsschreiber Motley, der im übrigen große Verdienste um die Erforschung der älteren niederländischen Geschichte hat, so selbstverständlich, daß er es«fast kindisch" sindet,„weiter oder tiefer zu schauen". Wer sich aber trotzdem die Mühe nimmt, weiter und tiefer zu schauen und zwar mit Hilfe der eindringenden Untersnchungsmethode, die durch die materialistische Geschichts- auffassnng an die Hand gegeben wird, der gelangt zu der Gewißheit, daß die hergebrachte Vorstellung von der Ur- fache der niederländischen Revolution ganz an der Oberfläche haftet. Wenn nian den Dingen auf den Grund geht, so erscheint nicht die heilige Inquisition als ursprünglicher Antrieb, sondern der spanische Absolutismus, nicht religiöser Fanatismus, sondern Hunds- gemeine Geldgier. Die Rolle der katholischen Kirche wird dadurch freilich ganz und gar nicht ehrwürdiger. Denn die Sache steht dann nicht mehr so, daß sich der spanische Absolutismus in den Dienst der römischen Ketzerrichterei gestellt hat; vielmehr ist die katholische Kirche unter dem Deckmantel der Religion als Hand- langcrin der skrupellosesten Raubpolitik in den Niederlanden thätig gewesen. Man weiß, wie die Inquisition in den Niederlanden civilisatorisch thätig gewesen ist. Tausende und Abertausende von Ketzern hat sie schon zu Karls V. Zeiten, besonders aber seit der Thronbesteigung Philipps ll._ vom Leben gun Tode gebracht. Unter Leitung solcher gräßlichen Mord- iuben, wie des letzerbrennenden Spaßvogels Titelmans, war «s schon lange gelungen, in den Niederlanden die Hölle auf Erden zur Erscheinung zu bringen. Die Höhe aber ward doch erst im Jahre 15S8 erreicht. Da erließ nämlich am 16. Februar das heilige Officium ein Urteil, das sämtliche Einwohner der Nieder- lande, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, mit Ausnahme weniger ausdrücklich namhaft gemachter Personen, als Ketzer oder Begünstiger der Ketzerei zum Tode verurteilte. Eine Proklamation König Philipps vom 26. Februar desselben Jahres bestätigte dieS Jnquisitionsdekret und befahl seine augenblickliche und rücksichtslose Ausführung. Was war mit dieser in der ganzen Weltgeschichte einzig dastehenden Verurteilung eines ganzen Volkes bezweckt? Es ist klar, daß an eine buchstäbliche Wahrmachung des schauerlichen Verdiktes nicht gedacht war; denn Philipp II. und seine Staatsmänner waren keine Blutsäufer, sondern zielbewußte Politiker und in ihrer Art ganz verschmitzt. Der Hinter- gcdanke, den man dabei hatte, als dermaßen das Damoklesschwert über jedes niederländische Haupt gehängt wurde, ist schon von den gleichzeitigen niederländischen Schriftstellern richtig erkannt worden. Sämtlicher Besitz der wegen Ketzerei Hingerichteten fiel an den Staat. Wenn nun das ganze niederländische Volk auf eine große Proskripftonsliste gesetzt wurde, so konnte jederzeit jeder, bei dem etwas zu holen war, von Jnquisitionswegen schleunigst hingerichtet, sein ganzer Besitz konfisciert werden. Auf diese Weise war dann, wenn die Prozedur systematisch betrieben wurde, eine ständige und reichliche Einnahmequelle zu erschließen. „Den König erfüllte die Hoffnung, durch die Giiterkonfiskationcn ein zweites Indien aufgetrieben zu haben," schreibt schon ein gleich- zeitiger Historiker. Philipp konnte ein solches zweites Indien gut brauchen; denn der Goldzufluß aus Westindien und Amerika hatte erheblich nachgelassen, seit die allmählich gesammelten Schätze von Mexiko und Peru ausgeraubt waren und das Gold nun mühsam gegraben werden mußte. Da inmitten des Goldfiebers nichts ge- schehen war, um Spanien ökonomisch zu entwickeln, so sah sich Philipp in den sechziger Jahren des Jahrhunderts bereits einem jährlichen Deficit von S 000 000 Dukaten gegenüber. Die spanische Staatskunst suchte verzweifelt nach Mtteln, dies Loch zu stopfen. In den industriell so hoch entwickelten spanischen Niederlanden hoffte man die neue Goldgrube entdeckt zu haben. Und darum erschien Herzog Alba im Herbst 1567 als neuer Statthalter in Brüssel: er hatte seinem königlichen Herrn das Versprechen gegeben, einen Gold- ström von Ellentiefe aus den Niederlanden nach Spanien zu leiten und zwar vermittelst der Konfiskationen. Die Holländer haben also den im Frühling 1563 unter Albas Leitung ins Leben getretenen „Rat der Unruhen" mit zweifachem Recht Blutrat getauft: dies Standgericht vergoß Ströme von Blut, und es ließ die Niederlande finanziell bluten. Die Ausrottung der Ketzer war bloß Mittel zu dem edlen Zwecke, Geld in möglichst großen Mengen zusammenzu- raffen. Mba macht daraus in seiner Korrespondenz mit Philipp nicht das mindeste Hehl. Er will z. B. deshalb keine Juristen in dem Bluttat haben,„weil' die Männer des Gesetzes nur für er- wiescne Verbrechen verurteilen, während Ew. Majestät weiß, daß Staatsangelegenheiten von Regeln geleitet werden, die von den be- stehenden Gesetzen sehr verschieden sind". Seinen Zweck erfüllte der Bluttat gründlich: Freisprechungen kamen überhaupt nicht vor. Um einen Begriff davon zu geben, was er alles für todeswürdig hielt, genügt die Anführung eines Falles: Peter de Mit aus Amsterdam wird enthauptet, weil er bei Gelegenheit von Unruhen in dieser Stadt einen Anführer abgehalten hat, auf einen Beamten zuschießen; daraus wird geschlossen, daß er bei den Rebellen Autorität besessen hat und also ein Führer gewesen ist. Im übrigen hatte man ja für schwierige Fälle jenes Kollekttvurteil der hl. Inquisition. So kamen ja nun hübsche Summen ein. Aber Alba selbst konnte seinem Herrn nicht versprechen auf diese Weise mehr als 500 000 Dukaten Reingelvinn jährlich herauszuwirtschaften', und das war bloß ein Tropfen auf den heißen Stein. Es ward also beschlossen, einen Schritt Iveiter zu gehen, und dieser Schritt wird vielleicht selbst dem blindesten Klerikalen die Erkenntnis durch die schwarzen Brillengläser schimmern lassen, daß die katholische Kirche thatsächlich in den Niederlanden nichts andres, als das Herrschasts- Werkzeug eines räuberischen Absolutismus gewesen ist. Im März 1569 legt Alba den Generalstaaten einen umfassenden Steuerplan vor, der so zieinlich das Ungeheuerlichste darstellt, was die Geschichte der Finanzpolittk aufzuweisen hat. Er verlangte eine einmalige Vermögenssteuer von 1 Proz., eine dauernde Steuer von 5 Proz. bei jedem Verkauf von Grundbesitz, von 10 Proz. bei jedem Besitzwechsel von beweg- lichen Gütern, von Waren aller Art. Zumal diese letzte Steuer war nun für ein Land, in dem die Warenerzeugung längst Grundlage des Wirtschaftslebens geworden war, geradezu horrend. Es ist offenbar, daß sie den völligen Ruin der Niederlande bedeuten mußte, weil sie den Güteraustausch absolut unterband. Aber nun war auch die Geduld der Niederländer zu Ende. Sie leisteten ver- zweifelten Widerstand und bedienten sich dazu vorerst der gesetz- lichen Mittel. Die Steuerbewilligung war ein Recht der General- staaten und der Stände in den Einzelstaaten. Damit war freilich nicht viel zu machen, da es sich von vornherein um einen Versuch der Krone gehandelt hatte, die ständischen Freiheiten durch den Abso- lutisnnls zu ersetzen. So lange dieser Streit in religiösen Fornien geführt worden war, hatten die Staaten sich immer weiter zurückdrängen lassen. Als aber nun der Endzweck des Ganzen offenkundig wurde, der spanische Beutezug das Land an den Rand des Unter- gangs drängte, da stellten sich die niederländischen Staaten zum un- ausweichlichen Entscheidungskampf,«ach zwei Jahren der Verhandlungen und Kompromisse ging Alba 1571 daran, sein Steuerprojekt mit Gewall durchzuführen, ohne die Einwilligung der Probinzialstände und Gencralstaaten, deren Frei- heiten infolge hartnäckiger Ketzerei erloschen sein sollten. Die Ant- wort des Landes bestand in eurer Steuerverweigerung, die auf einen Generalstteik größten Sttls herauskam. Jegliche Arbeit hörte in den Städten auf, sämtliche Geschäfte wurden von ihren Inhabern ge- schloffen, um die Zahlung des zehnten Pfennigs bei jedem Verkauf zu vernreiden: vor allem waren die Bäckereien und Schlächtereien geschlossen. Die Folge war. daß der größte Lebcnsmittelmangel ein- trat und Arbeitslose in großen Mengen die Sttaßen füllten. Nun war Holland in Nöten. Alba gedachte durch eine neue Schreckens« maßregel die Oeffnung der Läden zu erzwingen. Auf den 1. April 1572 wollte er eine Anzahl widerspänstiger Geschäfts- inhaber vor ihren Thören aufhängen lassen. Aber es kam nicht dazu; denn inzwischen brach in den nördlichen Provinzen der allgemeine Aufstand auS, und es begann der langwierige Revolutions- krieg, der damit endigte, daß die Krone Spanien etliche Millionen Unterthanen, der päpstliche Stuhl eine entsprechende Zahl von Gläubigen einbüßte. Will man noch einen Beweis für die Richtigkeit der ursächlichen Verknllpftmg, daß die römische Kirche in den Niederlanden iveiter nichts als der Handlanger, das Herrschaftswerkzeug eines räuberischen Absoluttsmus gewesen ,st. so sei nur eine Thaftache unter vielen angeführt. Gegen die Albaschcn Steuerprojekte erhob auch ein Teil der katholischen Geistlichkeit in den Niederlanden Protest unter Be- rufung auf die päpstliche Bulle„In coena. Domini", die das Besteuern der Geistlichkeit durch den Staat verbietet. Damit kamen die Pfaffen übel an: Alba steckte die Haupt- Rädelsführer dieser Protestbewegung hinter Schloß und Riegel. Um den Protest kümmerte er sich keinen Deut. Beim Papst aber war er doch lieb Kind. In eben diesen entscheidungsschweren Augen- blicken bekam der spanische Räuberhauptmann von Sr. Heiligkeit als Anerkennung ein salbungsvolles Lobesschreiben, einen geweihten Hut und einen dito Degen zugesandt. Auf letzterem stand geschrieben: „Empfange das heilige Schwert, ein Geschenk von Gott, womit Du die Feinde meines Voltes Israel niederwerfen wirst." Der Papst hat schlecht prophezeit. Und es ist ja seitdem so ge- blieben, daß die katholische Kirche hat teuer zahlen müssen für die Dienste, die sie den herrschenden Gewalten bis auf den heutigen Tag geleistet hat und noch leistet.— Dr. A. Conrady. kleines feuilleton. ie. Artistengagen. Der Beruf deö Artisten erfordert zwar in der Regel eine harte Arbeit, aber er gehört auch zu denen, in denen die glänzendsten Einkommen erzielt werden. Die Lage der Brettl- künstler wird durch die Mitteilungen eines englischen Sachverständigen sehr interessant beleuchtet. Welche Bedeutung der Beruf hat, geht aus der Thatsache hervor, daß die Singfpielhallen Englmids jährlich 20 Millionen in Gehältern an die Artisten bezahlen. Natürlich müssen aus diesem Bruttoeinkommen viele berufsmäßige Ausgaben bestritten werden. Die Agenten, ohne die kein Engagement ge- schloffen wird, erhalten ein Zehntel der Gehälter; Reiscunkosten, Lieder, Kostüme, Wagen, die„Requisiten" des Taschenspielers. Akrobaten und Zauberers, der Ankauf und die Erhaltung dressierter Tiere usw., das alles wird sicherlich 25 bis 30 Proz. des Ein- kommens ausmachen. In Wirklichkeit also wird der Artist von je 100 M. Verdienst etwa 60 M. Nettoeinnahme haben, welches Ver- hältnis natürlich je nach der Specialität des Einzelnen wechselt. Dazu konunt noch der Zwang, von Stadt zu Stadt zu ziehen, was den Verdienst auch mindert. Wenn man dabei aber in Bettacht zieht. daß die Varietebühne sich hauptsächlich aus der unteren Mittelklasse rekrutiert, so hat sie finanziell gewiß viel Verlockendes. Die Gehälter ändern sich je nach der Singspielhalle und dem Darsteller. Im Londoner„Empire", wo die Artisten immer„ausschließlich engagiert"' sind, erhält ein Artist selten unter 600 M. wöchentlich, und die Ge- samtsumme für eine Truppe beträgt 2000 M. und noch mehr. Be- rühmte„Sterne" des Kontinents haben schon 600 bis 800 M. für den Abend erhalten. In Varietes, in denen der Künstler nur er- scheint und dann forteilt, um an andrer Stelle noch einmal aufzutreten, bettagen die Gehälter 60 bis 800 M. wöchentlich. Ein Blick auf die Inserate der„Era" oder„Music-Hall" zeigt, daß die berühmteren Künstler an einem Abend auf drei, vier oder sogar fünf Bühnen auftreten; drei Bühnen bedeutet natürlich drei Gehälter. Akrobatcntruppen werden gewöhnlich von einem Mann geleitet, der sehr oft der Dresseur ist und nicht selbst mitwirtt; er bezahlt die Künstler wöchentlich und steckt den Ueberfchuß ein. So ist die Leitung einer solchen Truppe natürlich sehr vorteilhaft. ES wurden z. B. drei junge Mädchen, die auf dem Programm als „Schwestern" bezeichnet waren, obgleich eine aus Irland, eine aus London und die dritte aus Teutschland war, von dem Theater mit 1300 M. wöchentlich bezahlt, wovon dem Leiter über 1000 M. ver- blieben. Bon diesem anscheinend hohen Verdienst gehen allerdings die Ausgaben für den Unterhalt, die Apparate und Reisekosten ab. In den letzten Jahren sind Truppen von Tänzerinnen unter Namen wie' „Die acht Rosenkuospen", die„Schneetropfen" ufiu. in England sehr beliebt für die Varieteprogramme geworden. Sie verdanken alle ihre Entstehung dem Tangmcister und Impresario John Tiller. Seine Truppen findet man nicht nur in London und den englischen Provinzen, sondern auch auf dem Kontinent. Auch die besten Pariser Theater werden von ihm mit Tänzerinnen versorgt. Zu Weihnachten, in seiner Hauptsaison, beschäftigt Tiller annähernd tausend Tänzerinnen. Brcttlkimstlec sind in der Regel ein sparsames Volk. Viele vcr- dienen 4V 000 M. und mehr jährlich, wenigstens hundert haben ihre 400 000 M. jährlich. Aber selbst bei periodischen Extravaganzen zwingt fast die ständige Arbeit bei gutem Gehalt und die goldene Ernte bei der Wcihnachtspantomimc den erfolgreichsten Artisten zum Sparen; wenn er sein Geld gut anlegt, kann er schon frühzeitig ein bequemes Leben führen. Als die sparsamsten von allen Singspiel- darstellern gelten in England die deutschen Akrobaten. Truppen von vier oder fünf Mann, die zusammen 200 bis 1600 M. wöchentlich verdienen, leben in einem Zimmer in Soho zusammen, gehen selbst auf den Markt und kochen für sich. Sic führen immer einen Petroleum- koche r bei sich: abends nach der Vorstellung kochen sie dann. Das einzige Laster des deutschen Akrobaten ist seine Vorliebe für? Spiel. Englische Akrobaten sind nicht so sparsam, obgleich es auch Auenahmen giebt. So verzehrte z. B. ein bekannter Sänger sein Abendbrot hinter der Bühne. Er sah mit seiner Frau auf einem.üleiderkorb, und Zwischen ihnen lag auf einem Stück Zeitung Räucherfisch und daneben stand Champagner in einem zerbrochenen GlaS, was ein tnpisthes Bild für den neuen Wohlstand war. Der englische Varieteberuf unterstützt zahlreiche Wohlthätigkeitsanstaltcn, er besitzt einen Klild und in der sehr erfolgreichen«Mnsic-Hall Artists Railwav Association" eine Art Gewerkschaft. Merkwürdig bei diesem Beruf ist, dah der Bedarf an Artisten viel größer als das Angebot ist. Die Schwierigkeit des Agenten liegt daher darin, tüchtige Leute zu entdecken, die den An- forderungen deS Managers entsprechen.— — Aus ägyptischen Polizei Akten. Wieder einmal hat ein Mumienfriedhof in der ägyptischen Landschaft Faijäum ganze Stöße von Papyrusakten geliefert, die uns Bilder enthüllen aus dem Leben ptolemäischer Dörfer im dritten Jahrhundert v. Chr. Die Urkunden. die auf der Stelle des antiken Magdola ljetzt Mbdinct-en-Nahas) durch die Franzosen P. Jouguet und G. Lesevre gefunden und ver- öffcntlicht find, lesen sich wie ein nioderner Polizeibericht. Nach einem Bericht der„Kölnischen Zeiinng" sind es durchweg Eingaben an den König von Aegypten, die aber beider geringen Bedeutung der Klagegegenstände meist nicht über das Bureau des Bezirkspräsidcnten, des Strategen, hinauSgelangt sind. Sie beziehen sich auf die ver- schiedensten Rechtsfälle, wie sie das tägliche Leben mit sich brachte. Da ist ein alter Veteran, der sich beklagt, daß ihm seine acht Schweine von mißgünssigen Nachbarn in ein Tamariskengesiriipp gelockt und dort getötet worden sind. Da sind zwei Freunde im Dorfe Pelusium, die miteinander die Wohnung teilten und einträchtig lebte», bis das Verhängnis erschien in Gestalt der Frau Thcndotc. Beide mögen sie geliebt haben, Eifersucht trübte ihr Zusammenleben, und als der eine in Geschäften verreiste, stahl ihm der gute Freund, wie wir aus der Anklageschrist erfahren, eine Erntesichel im Werte von 2 Drachmen, eine Axt für 2'/z Drachmen, einen Sack voll Wolle, eine Kiste und 20 Drachmen Bargeld. Eine Entscheidung der Bau- Polizei sucht eine Witwe mit Namen Asia herbeizufiihren. Ihr ver- ftorbener Mann Machatos besaß mit dem Pooris zusammen ein Grundstück im Dorfe Pelusium»nid hatte dort ein Heiligtum der syrischen Göttin und der Aphrodite errichtet und ivollte dies dilrch eine Mauer gegen den Besitz des Pooris abschließen. Die Vollendung der Mauer hatte sein Tod gehindert, und der Nachbar erhob nun ans uns unbekauncen Griinden Einspruch gegen den Weiterbau, so daß er das Grundstück der Asia ungehindert betreten konnte. Kleine private Heiligtümer waren' damals häufig. wie dem» noch eine zweite Eingabe an die Baicholizei von einen» solche»» handelt. Die Epöeris nämlich, die Tochter des Panes, eine Jfispriesterin, berichtet, daß sie in» Atheim- Dorf ein Jsisheiligtum besitzt, das so baufällig geworden ijt. daß sie es ohne Lebensgefahr nicht mehr betreten kann. Sie fordert daher. da es sich um daS öffentliche Interesse des Jsiskults handele, ein Einschreiten des König?, d. h. einen Geld- beitrug zur Restauriennig des Heiligtums. Kulturgeschichtlich nicht oh»»e Interesse ist eine Eingabe von drei Gesellschaftern, einer Art Handelsgesellschaft, deren Namen Gaddaioö, Onias»»nd TheodotoS darauf hindeuten, daß es Juden waren. Sie hatten von einem gewissen Demetrios Grundbesitz gepachtet auf Grund eines Verftages, dessen einzelne Paragraphen angesiihrt werden. «nd Ivollen nun, gestützt auf gewisse Bestiininui»gen des Vertrags, sich, wie es scheint, um die vertragsmäßigen Leistungen herumdrücken. Schließlich sei noch die Angelegenheit eines Kapitäns erwähnt, der ein staatliches Getreideschiff führte, wie sie in großer Zahl die Flüsse und Kanäle des Landes befuhren, un» die Großstadt Alexandria mit dem nötigen Getreide zu versorgen. Sein Schiff hatte durch einen Sturn» bei Aphroditopolis Schaden an Mast und Segclstangen erlitten, so daß er die Segel nicht»nchr gebrauchen konnte. Er hatte deshalb den Nothafen von Arfinoe angelaufen und bittet nun die zuständigen Behörden, daß ihm die Schiffsladung Getreide, die er»veiter südlich in einem andern Bezirk holen sollte, in Arsinoe überliefert werde»»nd sein leeres Schiff so vor weiter»» Schaden bewahrt bleibe.— verantwortl. Nedakleur: Julius Kaliski in Berlin. Kunst. «. Kurzsichtige Maler. Daß die Kurzsichtigkeft für de» Maler ein Vorteil sein kann, dürfte zunächst als eine gewagte Be» hauptung erscheinen. Trotzdem kann»nan auf eine Anzahl von her- vorragenden Malen» verweisen, die kurzsichtig gewesen sind. Neuer- dings wird das Problem von englischen Krittkern bei der Be» sprech»ii»g der Kunst des kürzlich verstorbenen James Whistler erörtert. Man erklärt seine Malweise zun» Teil aus seiner Kurzsichttgkeit, die auch seine»» berühmten Konflikt mit R u s k i n begreiflich mache. So schreibt Val Prinsep in einem Artikel im„Magazine of Art":„Weitsichttge Maler sind ge- neigt, zu viel Einzelheiten zu sehen, und infolgedesieir verlieren sie die Wirkung durch ihren Wunsch, die Vielheit der Teile »viederzugeben, die mehr oder weniger in dem großen Ganzen auf- gehen sollten. Ein kurzsichtiger Maler hat daher einen großen Vor- teil: denn er sieht das Ganze einfach und kann solche Einzelheiten bchandeln, die er ohi»e Verlust der Breite bemerkt. Nach der Brille zu urteile»», die R e y n o l d s in seinein Selbstporträ» abgeinalt hat, muß er auck» kurzsichtig getvesen sein, und seine Arbeiten zeigen dies in ihrer prächttgen Verallgemeiilerung. Genau dasselbe gilt von de»» Bildern Whistlers. Er ist mit einem starken Gefühl für Farbe und vor alle»» für Stimmung begabt,»»nd seine Bilder zeigen eine Kraft der künstlerischen Darstellung, die sehr selten in modernen Kunstwerken ist. bei dei»en die dekorativen Eigenschaften in einem Bilde zu oft fehlen." Noch genauer spricht sich ein Spiel- mann in eincin andren Artikel derselben Zeitschrift darüber ans: „Die allßcrordentliche Feinheit von Whistlers Art zu»»»alen hing nicht nur von der dem Künstler inneivohnenden, poctischen Einpfindung ab, sondern auch von seiner körperlichen Besonderheit des Sehens. so daß es»»»»vermeidlich»vor, daß er mit RuSkin zusainmeiistieß. Russin mit seinen Vogelmigen sah alles vollständig und mikroskopisch. Whistler, dessen Sehkraft immer unbestimmter und indifferenter gegen die Fonn, wenigstens gegen die Genauigkeit der Form, geworden zu sein scheint, ging»nit der Zeit von der photographischcn Genauigkeit seiner ftühcrcn Radicrui»gen zu der verhältnismäßig dunklen Umriß- linie über. Als Russin Whistler wegen seines Bildes„Feuerwerk in Cremorne Gardens" so sckarf angriff, verstand und»vürdigte keiner der beiden Männer den Standpunkt des andren."— Humoristisches. — M i ß v e r st a n d e»».„Bittz schön un» emcir Liebes- briefsteller!" „Wünschen Sie einen großen oder einen kleinen?" „Ach, ich Hab' ja saw»» einen, aber schreiben mächt' ich ihn» halt geri»e!"— — Appell. Richter:„Wie käme»» Sie dazu, den Kläger ein Kamel zu nennen?" Beklagter:„Ja, Herr Richter... schau'»» S e'n doch 'mal an...1"— — Feine Korrektur. Serenissimus hört einen Vortrag über ange>vai»dte Elektricität an. Mit sichtlichem Interesse verfolgt er die Experimente und allerhöchstes Verständnis»nalt sich auf seinen Zügen. Am Schluß des Vorttages begiebt er sich zum Pro- fessor:„Das»var ja alles sehr schön»»nd belehrend, nur nmß ich Sie darauf ausinerksain inachen, daß Sie den einen Namen konse- quent falsch aussprechen. Ick habe den Mann persönlich gekannt: er heißt nicht K i l o Iv a t t. soirdern K o l o lo r a t."— („Lustige Blätter.") Notizen. —„Die Propyläen", eine litterarisch-belletristische Halb- ivochenschrift, erscheint denmächst in M ü u ch e n.— —„Stella und Antonie", das neue Drama von Otto Jlilius Bierbau n»,»vird im Berliner Theater zur Auf- führung gelangen.— — Maeterlincks Drama„ S ch w e st e r Beatrix" geht. mit Agnes Sorma in der Hauptrolle, nächstens im Nene n Theater in Scene.— — Zwei neue vlämische Opern:„Prinzeß Zonnen- schijn" von Paul Gilson, Text von Pol de Moni, und„De Kapel" von Nestor de Tisre und Jan Block gelangen in diesen» Winter in der vlämischcn Oper zu Antwerpen zur Anfiühruug.— — Der Wetterprophet Rudolf Falb ist am Dienstag in Schöneberg bei Berlin gestorben. Er wurde 1838 in Obdach in Steiermark geboren, war eine Zeitlang katholischer Priester, ttat dann zum Protestantismus über, studierte Astronomie, Physik und Geologie, schrieb über Erdbeben und Bulkcmausbrüche. In Peru glaubte er die Ursprache gefunden zu haben. Allgemein bekannt »vurde er durch seine Wetterprophezeiungcn. Was von ihnen zu halten, ist in diesen Blätten» des öfteren auseinandergesetzt worden.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattcs erscheint am Sonntag, den 4. Oftober. — Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlln 8W