Anterhallungsblatt des Horwärts Nr. 194. Sonntag, den 4. Oktober. 1903 (Nachdruck vdrbotc».) 3] Kleinbürger. Roman von Elisabeth K u y l e n st j e r n a. Tora griff niit kindlicher Neugier nach dem Paket, das Marie Luise ihr reichte und riß es ohne Zögern auf. „Hurra, ein Paar weiße Handschuhe, das nenne ich nobel!" Sie schwenkte sie jubelnd in die Luft und tanzte im Kreise, indem sie mit klarer, frischer Stimme trillerte: „O, danke, danke, danke, kleine Ri Lu, danke. kleine Ri Lu, danke, danke, danke!" „Was für ein Kind Du doch bist!" sagte Marie Luise lachend. „Du kannst aufdecken heute abend, Dora!" rief die Mutter von der Küche her. „Ia�-a. das soll wie der Wind gehen. Da es Sonnabend- abend ist, wollen wir es extrafein mit Blumen auf dem Tische haben. Komm her, altes Haus, sollst noch einmal in Deiner verblühten Herrlichkeit prangen." Sie nahm den armen, alten Rcsedabusch von seinem Fensterplätze und stellte ihn mitten auf den Tisch. Dann lief sie mit einem Eifer zwischen Küche und Eß- zimmer hin und her, als gälte es, für ein großes Souper her- zurichten. Als alles fertig war, nahm sie jedoch die Reseda und stellte sie an ihren alten Platz zurück. „Was soll das heißen," fragte die Mutter, welche herein- kam, um nach der Uhr zu sehen,„ist sie Dir nicht gut genug?" „Nein, sie ist zu häßlich, kann ich sie nicht ganz fortstellen, Mutter?" „Nein, warum? Sic mag gern stehen bleiben." „Mutter, bekommen wir morgen reines Tischzeug, dies ist so fleckig." „Liebes Kind, daß Du Dich um alles kümmern mußt, glaubst Tli, daß die Wäsche nichts kostet, ich thue wahrhaftig mein inöglichstes, sie, so lange es geht, rein und sauber zu halten." Dora erwiderte nichts. Stillschweigend legte sie ihre Handschuhe rn eine Kommodenschublade, holte die französische Grammatik herbei, und fing an, die langen Beispiele von der Anwendung des Subjonkkiv zu lernen. Marie Luise räurnte ein wenig nach der Arbeit der Woche auf und dachte dabei an den nächsten Tag, an Nils Hedwin. Würde er morgen wieder nichts sagen? Wäre es möglich, daß sie sich getäuscht hätte, daß er vielleicht nur Freundschaft für sie hegte? Dann, ja dann wußte sie nicht, wie sie ferner das Leben ertragen sollte. II. Es ivar der Witwe Hedwin nie anders eingefallen, als daß ihr Sohn, der jüngste von drei Kindern, Pastor werden, und wenn möglich später dasselbe Pastorat, das sein Vater zu Lebzeiten gehabt hatte, erhalten würde. Sie zog mit ihren beiden jungen Töchtern und ihrem kloinen Nils nach Stockholm, mietete in der Basavorstadl eine Wohnung, nahm einige Techniker in Pension und schlug sich auf diese Weise durch, bis Laura, die älteste, beim Telephon angestellt wurde und Karin das Lehrerinnenseminar verließ und eine Stelle als Volks- schullehrerin in der Adolf-Frcderiksgemeinde erhielt. So blieb nur noch Nils, der eben sein Abiturientenexnnien be- standen hatte und nach Upsala geschickt werden sollte. In dein Dokumentenfache von Frau Hedwins Schreibtisch lag das mühsam zusammengesparte Geld, das für die llnkosten der ersten Zeit reichen sollte. Manchen Abend hatte sie wieder und wieder diese Summe nachgerechnet und mit einem Gebet für ihren Jungen in das Fach zurückgelegt, indem ein warmer, sonniger Hoffnungsstrahl in ihr aufstieg und sich auf dem müden, sorgenvollen Antlitz und in den matten, rotgeränderten Augen widerspiegelte. Dann kam ein Tag, an welchem alle ihre Luftschlösser grausam zu Boden gerissen wurden durch Nils bestimmte Aeußerung: „Mutter, ich kann nicht Pastor werden." Sie lächelte anfangs und sagte ermunternd: „Liebes Kind, es ist nicht so schwer: es ist das leichteste Examen, das es giebt, sagt man." Seine kleine, naive Mutter! „Es ist nicht deswegen," sagte er zaghaft,„aber ich glaube nicht so wie... wie ein Geistlicher glauben muß." „Das kommt, inein Junge, sollst Du sehen. Vater, der ein so ausgezeichneter Pastor war, pflegte auch davon zu sprechen, daß er als junger Swdent ein wenig an der Be- deutung der Gnadenmittel gezweifelt hätte, er hätte Gottes Gegenwart in Gestalt des Weines und Brotes nicht recht be- greifen können, aber solche Zweifel schwinden mit den Jahren. Als er älter war, schrieb er ein sehr berühmtes Buch:„Vom Segen der Gnadenmittel"." Stils reckte seine große, kräftige Gestalt, strich das Haar auS der breiten,. eckigen Stirn, deren Linien nicht im ent- ferutesten auf einen schwärmerischen q£er wankelmütigen Charakter schließen ließen, faßte dann die Hände seiner Mutter zwischen seine beiden und sagte bestimmt: „Es nützt nichts, mich überreden zu wollen, Mutter, Pastor werde ich nie! Ich habe lange geglaubt, daß es gehen würde, Du verstehst, ich wollte Dich nicht traurig machen, doch es ist mir ganz unmöglich, dem Volke sogenannte heilige Wahrheiten vorzulügen. Ich hoffe auf die technische Hochschule zu kommen. In drei oder höchstens vier Jahren bin ich fertig und werde danil wohl irgend eine Anstellung bekommen. Wenn nicht anders, so reise ich nach Amerika und versuche dort mein Glück." Frau Hedwin war ganz vernichtet. Des Sohnes Pastoren- laufbahn war das lebende Denkmal gewesen, das sie auf des geliebten Gatten Grab zu setzen gehofft, und jetzt fand sie, daß all ihr Streben umsonst gewesen war. Was würde ihr Daniel iin Himmel da oben von ihr denken! Würde er ihr zümeil, daß sie ihren Sohn nicht besser bewahrt hatte vor den Ver- suchungen deS Teufels, der Welt und des eignen Fleisches? O. Herr Gott, zwanzig Jahre hindurch hatten sie ein glückliches Leben miteinander geführt, sie und er, der nun di/rt oben in den Wohnstätten deS Friedens weilte, sollte er jetzt nach seinem Tode Ursache haben, unzufrieden niit ihr zu sein? Sie weinte bitterlich, den ergrauenden Kopf an des Sohnes Schulter lehnend. Er klopfte sie etwas unbeholfen auf den gebeugten Rücken, strich verlegen mit seiner breiten Hand über das vertragene, schwarze Wollkleid, das so blank und fadenscheinig an den Säumen' war, und meinte, daß Mutter sich nun wohl beruhigen könne... Seit dieser Stunde waren fünf Jahre vergangen, lind Nils war nun als Zeichner an einem Architektcnblireau an- gestellt. Das Gehalt war nicht groß, nur achtzehnhundert Kronen das Jahr, aber er hoffte auf bessere Zeiten. Im übrigen war das kleine Heim sich gleich geblieben mit seinen altmodischen, ländlichen Möbeln, semm vielen Handarbeiten, die es ausschmücken sollten, und seinen zwei oder drei Technikern, welche aufgehört, Laura und Karin den Hof zu machen, wie die gethan, die vor sechs, sieben Jahren dort gewohnt hatten. Laura war schon neummdzwanzig Jahre und hatte alle Jugendhoffnungen Himer sich gelassen, Karin war fünfundzwanzig, hatte aber ebensowenig Jugendliches in ihrem farblosen, kleinen Gesicht mit den scharfen, grauen Augen hinter dem Pincenez. Nils wohnte fortgesetzt bei den Seinen, war der Gegen- stand ständiger Fürsorge von Mutter und Schwestern, und nahm ihre Liebe in seiner ruhigen, etwas gleichgültigen Weise entgegen. Ihr'nächster und fast einziger Umgang waren Lejers; Frau Hedwin kannte den Doktor von seiner Junggcsellenzeit. Trotz des Altersunterschiedes zwischen der Jugend kamen sie doch sehr gut miteinander übcrein, und es verging fast kein Sonntag, an dem sie nicht zusammenkamen... Sie rüsteten sich jetzt gerade zur Heimfahrt von Haga, wo sie den ganzen Nachmittag mit Spielen im Freien verbracht hatten. „Eigentlich könnte Günther uns ettvas vordcklamieren, ehe wir gehen!" schlug Dora, die sich auf einen Steinhaufen, mit dem Rücken gegen eine Tanne, gesetzt hatte, vor. Neben ihr lag ein großer Strauß Feldblumen, den sie soeben geordnet hatte. Die beiden Techniker, etwas ungeschlachte Burschen vom Lande, machten ihr emsig ihre Aufwartung und hattm sich je zu einer Seite von ihr niedergelassen. „Ja, thu' das, Günther!" stimmte Karin bei.„Hier isi es so still und friedlich jetzt, gerade die Passende Stimmung." „Ihr habt, glaube ich, alles gehört, was ich kann!" sagte Günther, indem er sich zögernd erhob.„Nein, doch nicht, mir fällt ein, daß ich neulich ein Gedicht von Tor Hedberg las, das großen Eindruck auf mich machte. Soll ich das aussagen, denn deklamieren kann ich wirklich nicht. Dora hat immer gleich so hochtrabende Ausdrücke für alles." Er nickte der Schtvester zu und begann: „An das Leben. Als ich an Deiner Pforte stand Und mit lüsternem Sinn den Eingang fand, Versprachst Du mir alle Gaben hold, Grüne Wälder und gleißendes Gold. Wo sind die grünen Wälder, Deine schönen, grünen Wälder? Was hast Du gehalten im Laufe der Zeit? Das Gold, das Du unter uns Arme gestreut. Es war besudelt mit unserm Blut, Nahm uns Frieden, Freude und Mut. Zeig uns Deine grünen Wälder, Die schönen, grünen Wälderl Ach, Mutter, nimm zurück Dein Gold. Zeig mir noch einmal Dein Antlitz hold! Alles gebe ich Dir zurück. Behalte Dein Gold, cS bringt nicht Glück. Gieb mir die grünen Wälder dafür, Die großen, grünen Wälderl" Die jungen Leute saßen einen Augenblick ganz stumm, nachdem Günther geendet hatte. Sogar die am wenigsten ideal Angelegten unter ihnen verspürten einen Hauch von den unendlichen Wäldern der Träume und Wünsche, in denen die Phantasie so oft irre geht und von denen es so schwer ist, auf den staubigen Fahrweg der Wirklichkeit zurückzukehren. Laura, die älteste, welche schon seit langer Zeit auf öder Heide gewandelt und überhaupt nur wenig von den grünm Wäldern in ihrem Leben verspürt hatte, starrte in tiefe Ge- danken versunken auf die Spaziergänger, die dort in einiger Entfernung auf der Chaussee den Heimweg angetreten hatten. Die meisten hatten einen Waldblumenstrauß oder wenigstens etwas Grün mitgenommen, das in einer Vase auf den Tisch oder die Kommode gestellt werden und daran erinnern sollte, daß ein Ruhetag gewesen war, und daß ein solcher wieder- komnien würde, Jahr für Jahr ungefähr in derselben Weise. (Fortsetzung folgt, jj (Nachdruck verboten.) KerecKtigte forderuncfcn. Von Leon X a n r o f. Autorisierte Uebersetzung. In sorgfältig einstudierter, gesucht vornehmer Haltung betritt Madame Reliure den Salon von Madame Saintre: Ihr Gang er- höht, wenn möglich, noch den Eindruck von Vornehmheit(die Vor- nehmheit einer Gans, welche Neujahrsvisiten macht). Ihr rundes, volles Gesicht trägt einen teils gutmütig beschränkten, teils über- trieben würdevollen Ausdruck. Die dicken, von gesundem Appetit zeugenden Lippen sind fest zusammengepreßt, wahrscheinlich um eine «aristokratische Wölbung" hervorzubringen. Das schwarzwollene Kleid mit den verschiedensten, nicht zu einander passenden Besätzen, der Hut für 3,75 Frank, den eine stolze, aber schon abgetragene und augenscheinlich gar nicht zu diesem Hut gehörende Straußenfeder schmückte alles verrät, wie besorgt die brave Frau ist, einen möglichst vorteilhaften Eindruck hervorzurufen. Madame Saintre(unterdrückt ein leichtes Lächeln und bietet ihrem Gast einen der eleganten, aber dennoch bequemen Sessel des Salons ans:„Guten Tag, meine liebe Madame Reliure! Wie früh Sie gekommen sind!" Madame Reliure(sehr geheimnisvoll):„Absichtlich, meine Liebe, absichtlich! Ich möchte Sie nämlich um etwas bitten; und da es mir peinlich wäre, wenn jemand davon erfährt, so bin ich schon vor Ihrer Besuchsstunde gekommen." Madame Saintre:„Und womit kann ich Ihnen dienen? Befindet sich vielleicht Ihr Gatte irgendwo in Verlegenheit?" Madame Reliure(entrüstet):„Mein Gatte? Was denken Sie? NeinI Gott sei Dank, Galactoire verdient sehr seines Geld, fast mehr als wir brauchen. Er verdiech rund seine »2 000 Frank." Madame Saintre(unwillkürlich lächelnd)":„12 000 Frank monatlich?" Madame Reliure(nach einem Augenblick der Ueber- legung):„Nein, nein, jährlich! Das ist auch schon recht anständig für einen Versicherungsagenten gegen Börsenverluste, nicht wahr?" Madame SaintrS:„Gewiß,,. aber Sie wollten mir doch..." M a d a m e R e l i u r e':„Ja, also.-. trotzdem er sehr schönes Geld verdient, meinen wir doch, daß man auch etwas beiseite legen muß..(kokett), solange man jung ist..." Madame Saintre(unschuldig):„Dann müssen Sie aber schon einen netten Haufen beiseite gelegt haben!" Madame Reliure(ohne den Spott zu verstehen):„Wir fangen erst an. Um nun meinen Galactoire zu unterstützen, möchte ich mir gerne eine kleine Nebenbeschäftigung suchen. Und da dachte ich, Sie könnten mir vielleicht..." Madame Saintre:„Und... was für eine Beschäftigung haben Sie im Sinn?" MadameReliure(selbstgefällig):„Sie begreifen, daß ich bei meiner Erziehung, meiner Bildung und vor allen Dingen bei der socialen Stellung meines Gatten nicht das erste Beste annehmen kann. Es müßte etwas sein, was nach jeder Richtung hin passend wäre... in erster Reihe natürlich bezüglich des Gcldpunktes— und dann auch bezüglich der Behandlung und der Moral...(mit wilder Energie) Ol die Moral vor allem!... Sie verstehen, ich bin eine anständige Frau! Man hat mir bisher auch nicht soviel nachsagen können und man soll mir auch fernerhin nicht so viel nachsagen dürfen!"(Bei jedem„so viel" schnippt sie mit dem Daumennagel gegen die oberen Schneidezähne, eine Bewegung, welche für sie äugen- scheinlich die schwerste Beleidigung für die Tugend einer Frau aus- macht.) Madame Saintre:„Sehr schön! Aber Sie haben mir noch immer nicht gesagt, welche Art von Beschäftigung..." Madame Reliure(mit einer Umständlichkeit, als wollte sie der Dame des Hauses ein süßes Geheimnis anvertrauen):„Mein Gott... also... Sic kennen so viele Leute... und da dachte ich... Sie könnten vielleicht... unter Ihren Bekannten... da Sie doch wissen, daß man Vertrauen zu mir haben kann, unbedingtes Vertrauen... und daß Sie es niemals werden zu bereuen brarichen, mich empfohlen zu haben...(entschlossen) kurz, ich möchte gerne eine Stelle als Gesellschafterin annehmen." Madame Saintre(ohne die von ihrem Gast äugen- schcinlich erwartete Bewunderung eines solchen Ehrgeizes zu äußern): „Also Gesellschafterin? Sehr schön." Madame Reliure:„Natürlich will ich nicht als Dienst- böte behandelt werden. Unter keinen Umständen! Sie erinnern sich, ich habe vorher die anständige Behandlung erwähnt? Darauf muß ich bestehen: Behandlung als Dame. Und dann die Moral! Wenn jemand ein unmoralisches Ansinnen an mich stellen sollte..." Madame Saintre(beruhigend):„Da seien Sie un- besorgt." Madame Reliure(mit der Miene einer Frau, welche die Männer und deren Verdcrbthcit von Grund aus kennt):„Ol ich weiß, wie es in der Welt zugeht. Deshalb möchte ich mich am liebsten nur mit Kindern beschäftigen." Madame Saintre(erstaunt):„Also Erzieherin?" Madame Reliure(verletzt):„Nein, nein l Erzieherin — das ist ja ein Dienstbote. Ich will wohl Gesellschafterin, aber nicht Dicnstbote sein." Madame Saintre(lächelnd):„Gesellschafterin für kleine Kinder?(Nach einigem Nachdenken:) Leider weiß ich unter meinen Bekannten niemand, der kleine Kinder hat." Madame Reliure(eine Stufe von der Leiter ihrer Be- dingungen heruntersteigend):„Ol sie können auch groß sein, die Kinder— das ist mir egal. Im Gegenteil: ein heranwachsendes junges Mädchen wird keine bessere Beraterin finden als mich! Ich werde wie eine ältere Schwester mit ihr verkehren, ich werde ihr die besten Ratschläge geben, ich werde sie warnen vor den gleißenden Versprechungen der jungen Männer.(Sich allmählich ereifernd:)! Wenn jemand ihr eine Liebeserklärung machen wird, werde ich ihr sagen..." Madame Saintre(gelangweilt von diesem etwas weit- ausschauenden pädagogischen Programm):„Sehr schön, aber ich kenne kein junges Madchen..." Madame Reliure(enttäuscht)k„Schade! Und einen größeren Knallen?(Kokett:) Wenn man mich alt genug für eine solche Stellung findet— meinetwegen.(Mit Würde:) Ich werde mich schon in Respekt zu setzen wissen!" Madame Saintre:„Ich zweifle keinen Augenblick darmi!" Madame Reliure(welcher diese neue Aussicht nicht zu mißfallen scheint):„Ein heranwachsender junger Mann braucht Rat und Stütze vielleicht noch nötiger als ein junges Mädchen. Ich würde ihn über das Leben, die Welt aufklären! Ich würde ihm zeigen, wie trügerisch und gefahrvoll für Leib und Seele diese so wenig edlen Vergnügungen sind, welchen man außerhalb des väterlichen HauseS nachgeht. Ich würde ihm zeigen..." Madame Saintre(sich auf die Lippen beißend):„DaS wird gewiß sehr interessant sein, meine liebe Madame Reliure; unglücklicherweise kenne ich keine Familie, in der es einen solchen jungen Mann..." M a d a m e R e l i u r e(ganz verwirrt):„Das ist aber schadet Nun, und eine alleinstehende, erwachsene Person?(Lebhast) Eine Dame selbstverständlich! Eine durchaus anständige Dame..." Madame Saintre.(boshaft):„Muß es durchaus eine anständige Dame sein? Glauben Tie nicht, daß sich etwas Passendes eher bei... den andren Damen finden ließe?" Madame Reliure(sichtlich betroffen von der Richtigkeit dieser Beobachtung, die sie selbst natürlich niemals zu machen gewagt haben würde):„Wie recht Sie haben I Solche Damen brauchen immer jemand, um gewisse kompromittierende Briefe zu schreiben. gewisse delikate Missionen auszuführen... und— wie Sie sehr richtig bemerkten— da man das alles nicht für sich thut, was ist weiter Unmoralisches daran? Absolut nichts I(Vollständig be- ruhigt durch diese Ueberlegung.) Also sagen Sie mir, bitte, gnädige Frau, ob Sie mich bei einer dieser Damen.. Madame Saintre(lachend):„Aber erlauben Sie mal — solchen Umgang habe ich nicht I" Madame Reliure(ihrer schönsten Hoffnungen beraubt): „Wirklich nicht?(Sich verbessernd) Ich wollte sagen: das versteht sich natürlich von selbst I..." Madame Saintre(höchst belustigt):„Die einzige Per- son, welcher ich Sie empfehlen könnte, wäre ein Herr." Madame Reliure(furchtsam):„Alleinstehend?" Madame Saintre:„Alleinstehendl" Madame Reliure:„Achl(Wieder hoffend:) Er ist wohl schon alt, so daß niemand auf die Vermutung kommen wird..." Madame Saintre(die ihren Gast absolut nicht beruhigen will):„Durchaus nicht! Er ist noch gar nicht alt!" Madame Reliure(zaghaft):„Dann ist er wohl ge- lähmt? Schwach? Krank?" Madame Saintre(unbarmherzig): ,. Ebensowenig!" Madame Reliure(sucht sich verzweifelt an irgend einen falschen Trost zu klammern):„Nun ja, aber wenn Sie mir garan- tieren, daß er es nie an der nötigen Achtung fehlen lassen wird..." Madame Saintre(ihr auch diesen letzten moralischen Trost raubend):„Leider kann ich Ihnen nichts Derartiges garan- tieren." Madame Reliure(einen Entschluß fassend):„Gott, was ist denn weiter dabei? Da es doch nun einmal die einzige Stelle ist, welche Sie für mich haben... Es wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, wenn Sie die Sache in die Hand nehmen wollten...(erhebt sich, um zu gehen) und zwar so schnell wie möglich, ja?" Madame Saintre(welche nur mit Mühe das Lachen unterdrückt):„Seien Sie ganz ruhig!" Madame Reliure(zögernd und errötend):„Vielleicht sagen Sie dem Herr» gleich, daß ich eine anständige Frau bin... eine sehr anständige Frau!..." kleines feiiiUetou. zg. Sturm. Mittag war's und doch ein Dämmcrdunkel, als sei die Sonne ertrunken in dem grauen Meer von Wolken, das sich weit über den Horizont hinauszog und sich gegen den Zenit hin zu schwarzen, drohenden Wänden mit zackigen Spitzen türmte. Kein Tropfen fiel, und doch lag's wie ein Schleier auf Wald und See, Feld und Haus. Der Bauer, der am Hügclabhang hinter dem Pfluge einherschritt, das Pferd, welches sich kräftig in die Riemen lege» mußte, wenn es bergauf ging, sie waren nur in verwaschenen Umrissen sichtbar. Stand man oben auf dem Hügel und blickte über die ncbclumwogte Masse der dunklen Föhrenkronen, über den See hin- weg durch eine lichte Leffnung im jenseitigen Wald, dann schwammen einige mächtige schwarze Fahnen vor dem in die Ferne sehenden Auge. Sie krochen langsam aus den hohen Fabrikschornsteinen, wuchsen allmählich in die Länge und Breite und hielten ihre finstere Masse zusammen wie unter gewaltigem Druck. Unbeweglich fast, in ungeheurer Länge zogen sich die Streifen wie langgestreckte Inseln in das graue Meer der Wolken. Ganz still war's. Nur hin und wieder ein kalter Windhauch, der sich leise raschelnd im Walde verlor. Unten, am Ufer des Sees, schäumte das Wasser in niedrigen Wellen zum Strand; Schwärme von wilden Enten ruderten auf dem stumpfen Spiegel umher und tauchten nach Nahrung. Schwärzlichgrau die weite Fläche, nur ein einziges fürwitziges Segel darauf wie ein heller Fleck. Die Frauen und Kinder, welche im Walde das Reisig vom Boden lesen, hören nicht dje Melodie in den Wipfeln und Zweigen, die sich allmählich verstärkt. Da steht ein alter, schiefer Kinder- wagen— faustgroße Löcher mit zerfasertem Rande im Geflecht, das sich nur notdürftig noch zusammenhält—, der soll gefüllt werden, bis sich ein hoher Haufen über ihn wölbt. Und jeder freie Arm soll noch ein Bündel tragen. Denn der Winter ist lang und das Holz teuer... Die Krähen krächzen durch das Gezweig. Immer unruhiger wird's in den Wipfeln. Die Wellen des SeeS schwellen und geraten in eine zitternde Bewegung. Ein Pfeifen und Sausen kommt durch die Aeste heran. Und plötzlich schlägt der erste Stoß herein. Die Frauen und Kinder kreischen auf und halten sich am nächsten Stamm. Da ist auch schon der nächste Schlag bei ihnen. Schreiend fliegen die Wildenten hoch. Das Wasser ist in Aufruhr bis zur Tiefe. Immer höher treiben die Wogen ihre weißen Spitzen, immer massiger zischt der schmutzige, blasige Schaum an das flache, gclbsandige Ufer. Wo ist das Segel? Dort hinten— ein heller Punkt, der auf- und nieverwippt und sich zuweilen bis auf den Spiegel des Wassers neigt. Jetzt gilt's, waghalsiger Schiffer... Der Bauer hat seinen Braunen ausgespannt; trabend geht's in einer Staubwolke den Weg hinab zum Dorf, wo die Ziegel vo? den Dächern fliegen und der Wind in den Schornsteinen orgelt. Dort drüben aber, hinter der Lichtung, über den Essen der Fabriken. wühlt der Sturm in den schwarzen Rauchfahnen und zerreißt sie in unzählige Fetzen. Dann bläst sein Atem sie ins Unsichtbare... Im Walde heult eine wilde Melodie. Es ächzt und stöhnt in Wipfel und Gezweig und biegt sich in ohnmächtiger Wut. Und was sich nicht biegen will, das bricht. An allen Ecken knackt's und knistert's und wirft einen Zweig nach dem andren herunter. Immer toller wird der Tanz. Bald prasselt wie ein Regen das Holz zur Erde. Armdicke Aeste kommen herab, zerbrochen wie Streichhölzchen von der tosenden Gewalt. Eine reichliche Ernte für die Reisig- sammler. Aber die flüchten mit wehende: Röcken und fliegenden Jacken, vor sich den wippenden, humpelnden Korbwagen, der nicht recht mit ihnen will in solcher Eile. Ein meterdicker Stamm in ihrer Nähe kracht, fällt, wie Glas in der Mitte durchbrochen. Aus allen Richtungen kommen klagende, donnernde Töne. Bald stürzt hier, bald dort ein Riese. Vor einer Stunde noch reckten sie sich in stolzer Kraft empor, unüberwindlich scheinend. Nun riß der Sturm sie mit ihrem Wurzelgeslecht aus der Erde und warf sie nieder, daß der Sand hoch aufspritzte. Gerade die größten find's, die festen und unbeugsamen, welche der Sturm aus ihrem Stand- ort geworfen. Die schlanken und geschmeidigen biegen sich. Die trotzigen fallen zuerst... — Das Einwintern von Topfgewächsen aus dem Freien. Ober: gärtncr A. Sliwa schreibt in der Wochenschrist„Nerthus": Mi� vieler Mühe hat der Blumenfreund im Frühjahre seine besseren- vor Frost empfindlichen Gewächse hinausgcbracht und sie in nahr- hafte Beete des Gartens eingepflanzt. Sie haben Platz und Zeit wohl ausgenutzt. Ihre Wurzeln sind weit ins lockere Erdreich hinein- gewachsen, und ihre blütenreichen Zweige oder herrlichen, beblätterten Triebe sind nach allen Richtungen getrieben. Jetzt aber tritt der Herbst sein Regiment an, und nun beginnen beim Blumenfreund wieder die Sorgen. Wie soll er die vielen Lieblinge durch den Winter bringen, wie überhaupt die großen Wurzelballen in passende Gefäße setzen? Schwer scheint das; doch leicht ist es bei einiger Sorgfalt, wenn er nur den rechten Zeitpunkt auswählt. Wartet der Blumenfreund mit dem Einpflanzen zu lange, bis Oktober oder November, wenn allnächtlich Fröste zu erwarten sind, sind gar die Pflanzen von einem Nachtfroste überrascht worden, dann ist der Er- folg sehr unsicher. Die Gewächse mögen bei dem kalten Wetter kein? Wurzeln mehr zu bilden. Sie kommen ohne jeglichen Halt in den Winter, stocken und faulen. Für das Einpflanzen ist ein ordentlicher Ballen von großer Wichtigkeit. Auf trockenem Boden, welcher keinen Ballen hält, lassen sich Pflanzen schlecht herausnehmen, wenn nicht abends zuvor durch- gegossen wird. Das Herausnehmen geschieht mit dem Spaten; man umsticht die Pflanze allseitig weit genug vom Stamm und hebt sie mit der Spatenfläche über den Boden. Zum Einpflanzen ist ein solcher herausgenommener Ballen in dem seltensten Falle gleich ver- wendbar; man müßte Riesengefäße verwenden. Ein großer Topf ist stets der Ruin für das zu überwinternde Gewächs. So klein wie möglich sind die Töpfe zu wählen, das mache sich jeder Blumenfreund zum Grundsatz. Ist es denn notwendig, solch ein Ungeheuer von Ballen herauszunehmen? Viel leichter wäre es doch, die Ballen beim Abstechen gleich kleiner zu machen. Sehr richtig— aber wo bleiben denn da die Wurzeln, die doch erhalten bleiben sollen? Im großen Ballen sind sie, und daß sie erhalten bleiben, dafür bürgt unsre Geschicklichkeit. Nicht mit dem Messer behandeln wir den Ballen, indem man einfach die Teile abschneidet, die in den Topf nicht hineingehen, sondern fein säuberlich fahre man mit den Fingern um die Erde herum und löse, mit größter Schonung der Wurzeln, so viel als notwendig erscheint. Viel eher dürfen wir mehr Erde ablösen, als nachher die Ballen in den Topf hineinpressen. Dis Wurzeln hängen dann in Strähnen herunter. Es ist nur noch not- wendig, die Wurzeln gut in den Topf zu bringen. Knäuelweise dürfen sie nicht liegen. Beim Einpflanzen muß durch schwaches Hin- und Herziehen der Pflanze, welche man mit der rechten Hand hält. gute Erde zwischen die Wurzeln gebracht werden, so daß diese einzeln gebettet sind. Schnell bilden sich dann neue kleine Spitzen, und das Weitergedeihcn der Pflanzen ist gesichert. Beim Einpflanzen muß man möglichst schnell verfahren, darf auch keinen sonnigen Ort dazu wählen; Zweige und Blätter welken sonst unter den Händen. Haben die Pflanzen ihre erste ordentliche �Bewässerung erhalten, so wird ein passender Ort zum Aufstellen gesucht._ Wer Gebüsch im Garten hat, über eine dicht belaubte Laube oder eine dunkle Nordwand ver- fügt, der kann diese Orte zur Aufstellung wählen. Die Pflanzen leiden hier nicht, verzärteln aber auch nicht. In den ersten Tagen ist zuweilen nicht zu vermeiden, daß die Triebspitzen etwas welken; lange währt das Welken nicht, wenn man das Gießen und zuweilen auch Ueberbrausen nicht versäumt.� Sobald die Pflanzen angewachsen sind, verlangen sie wieder reichlicher Licht und erhalten demgemäß einen helleren Stand. So lange es irgend geht, bleiben die Pflanzen draußen; Frost natürlich treibt sie ins Zimmer.— Theater. Deutsches Theater.„Geschäft ist Geschäft". Komödie in drei Akten von Oktave Mirbeau.— Oktave Mirbeau ist weit über die Grenzen Frankreichs durch seine „Memoiren einer Kammerjungfer" bekannt geworden, einer Tamm- lung bitterböser Momentaufnahmen aus dem Sexualleben hoch« herrsckmftliKsr und der sie getreulick kopierender Bcdientenkreise. DaS Buch war getrankt mit Hohn und Verachtung, wenn es schon nicht gerade diese Qualitäten gewesen sind, die der mit dem bc- kannten Titelbildchcn geschmückten Schrift zu einem so breiten Erfolg tierhalfen. Die neue Komödie Mirbcaus ist vor dieser verfänglichen Art der Popularität sicher: ihr Gegcnstcnid schlieszt das aus. Sonst aber erinnert Stimmung und Temperament, die Verve und da? Grelle der Satire, die Kunst, für das Charakteristische den epigrammatisch zugespitzten Ausdruck zu finden, an den Noman. In der Stilart läßt sich das Drama am ehesten mit den socialen Stücken Brieux vergleichen, etwa mit den„Töchtern des Herrn Dupont"; an die theatralisch-dramatische Schlagkraft der„Roten Robe" darf man freilich nicht denken. Flücl'tig und primitiv ist der Aufbau der.Komödie zusammengezimmert, nur zu dem einen Zweck. daß der Lumpenkerl Isidore Lechat in all seinen Wesenszügen sich offenbare. Isidore, der nie ein Buch gelesen, der sich in Gesellschaft wie der dümmste Trottel aufführt, ist Herr von fünfzig�„selbstverdienten" Millionen, Herr eines Grundbesitzes, das sich durch zwei Provinzen erstreckt, Herr über Bauern und über Adelige, Freund der Minister und drauf und dran, als radikaler Abgeordneter einer der Gesetzgeber Frankreichs zu werden. Ein Parvenü mit echtem Parvenubewusitsein:„Ich steck' die Welt mit meinem Geld, Juch- hcitza, in die Tasche." Im ersten Akt lvirkt die Gestalt als.Karikatur. So blöd sind seine Spähe, so täppisch seine Aufgeblasenheit. Man fragt sich, wie kann dieser Tropf zu Geld gekommen sein, und wie ist es bei den verrückten landwirtschaftlichen Experimenten, deren er sich rühmt— «r will Zuckerrohr in Frankreich pflanzen usw.—, möglich, daß die Millionen, einmal erworben, nicht längst in alle Winde zerronnen sind? Auch Bassermanns Spiel vermochte hier den Eindruck des Unwahrscheinlichen nicht gleich zu verwischen. Aber dann, sobald man das Raubtier bei der Arbeit sieht, wird alles verständlich. „Geschäft ist Geschäft", dieser Lieblingsspruch Isidore Lechats will sagen: Geschäft ist Betrug. Da steht er seinen Mannl Die bloste Witterung eines Geschäftes wirkt wie ein Alarmsignal auf die schlummernden Vcrstandcskräfte und wie mit einem Schlage ist der ganze Mensch geändert. Wunderbar brachte Bassermann diesen .Kontrast heraus. Sein Spiel in der Scenc, wo Isidore die beiden Ingenieure, die ihn bei ihrem großen Griwderprojckt interessieren und ihn dann so nebenbei auch überS Ohr hauen wollen, einwickelt, war eine Meisterlcistung. Tie Arroganz, erst nur ein Zeichen seiner ungeheuren Borniertheit, wird hier zur listig ausgenutzten Angriffs- Waffe, die Gegner einzuschüchtern. Wie mit dummen Jungen springt er mit ihnen um. Lachend ruft er ihnen, als sie ihren Vortrag mit ein paar Phrasen über den patriotischen Nutzen ein- leiten,„Schluß,.Kinderl" zu. Einige wohlgezicltc Fragen, und er hat, was sie verbergen wollten, aus ihnen herausgelockt. Das Paar muh beichten, daß es durch falsche Kostenanschläge den Besitzer des Terrains, auf dem die neuen Elektricitätswcrkc sich erheben sollen, in den Bankrott gejagt hat, um so den Boden billig zu erhalten. Armer Bruncanl Armer Bruncaul Mit einem unnachahmlichen Ton des Spottes wiederholt Bassermann, am Portweinglase nippend, wieder und wieder den AuSruf. Isidore empfindet etwas wie objektives Wohlgefallen, das; man einen wackeren Mann hinein- gelegt, und noch mehr freut es ihn. daß er nun die beiden in der Hand hat. Er verlangt den Löwenanteil, und als sie protestieren, droht er mit genialer Frechheit, sich mit dem Betrogenen in Vcr- bindung zu setzen. In der Familie steht er allein. Seine beschränkte, gutmütige Frau härmt sich um ihn, die Tochter haßt ihn, sie schämt sich der Infamie dieses zusammengesrohlenen Reichtums.' Ihren heimlich Geliebten bcstünnt sie, sie aus diesem Hause zu entführen. Nur zu dem Sohne, dem Klubmann und Automobilisten, fühlt Isidore eine zärtliche Neigung.. Verdient der Junge kein Geld, so weih er es doch wenigstens auszugeben. Das imponiert und schmeichelt ihm. Ter dritte und letzte Akt zeigt den alten Fuchs als Ehcstifter. Der Marquis von Porcellet, sein Gutsnachbar, bittet um ein neues Darlehn. Lechat hält von dem Adel insgesamt nicht viel. Gewesene Leute, Hungerleider, die keine geistigen Muskeln haben und in die heutige vom Geld regierte Welt nicht mehr hineinpassen. Immerhin ein Wappen' sieht nicht iibel aus. Er hat eine Tochter, der Marquis einen Sohn. Was also einfacher, als die Bedrängnis des Schuldners auszunützen, um aus den beiden jungen Leuten ein Paar zu machen. Das kann gute neue.Konnerionen bringen. Wie die Ktatze mit der Maus, spielt er mit ihm. Ich habe Sie lieb. Marquis, leihen kann ich Ihnen zwar nichts mehr. Aber wie Ivär's mit einem solchen Geschäftchen. Der Marquis zieht sich auf seinen Adelsstolz zurück. Isidore lacht ihn auS. Was hat der Adel? Formen I Aber aufs Geld kommt's an. AllcS kann man haben für Geld: Eure Möbel. Eure Schlösser, Euch selbst. Versuchen Sie es, Marquis, setzen Sie bei der Wahl Ihren Einfluß für mich ein. Mein antiklerikales Parteiprogramm ist kein Stein des AnstohpS. In der Kammer thut man doch, was man will.„Unversöhnlich" ist nur ein Wort für die Programme, nicht fürs Geschäft. Der Klerus versteht sich in Frankreich aufs Geschäft: Ich verstehe mich aufsGeschäst. So werde ich mich mit dem Klerus gut vertragen. Fragen Sie Ihren Beichtvater, der wird Ihnen selbst raten, es mit mir zu halten. Fragen Sie ihn und ganz gewiß wird er auch nichts gegen eine Verbindung Ihres Sohnes mit meiner Tochter haben. So behalten Sie Ihr Gut und alles ist in Ordnung. Germaine wird gerufen. Daß sie den Antrag, den der Marquis im Namen seines SohncS vorbringt, ablehnen könnte, ist Isidore Lechat nie in den Simi ge- kommen. Als sie nein sagt, als sie auf sein Drängen wotzig erklärt, sie habe einen Geliebten, gerät er außer sich.' Sag deni Herrn Marquis, daß das ein Scherz war! Er wütet und auf den Hilferuf der Tochter eilt der Geliebte, ein Angestellter Jsidores, herbei. Du hast falsch spekulien, Du wiegst kein Heiratsgut, keinen Pfennig i brüllt ihn der Alte an, aber Geld genug, wenn Du zurücktrittst. Sonst fort auS meinem Hanfe I„Hol' sie der Teufel I" Da, gleich nach der Flucht der Tochter. trifft ihn der schwerste Schlag, die Nachricht, daß sein Sohn zerschmettert unter dem Automobil gefunden ist. Er winselt, schloankt. dann bricht ein krampfhaft wildes Schluchzen ans seiner Brust. Nicht die Frau— an die beult er nicht—, die beiden Ingenieure sind Zeugen seines Jammers. Die kleinen Lumpen glauben, jetzt leider Augenblick, de» großen zu betrügen, günstig. Sie drängen ihn, den Bertragsent- wnrf, den sie heimlich geändert, zu unterfchreiben. Aber Geschäft ist Geschäft. Isidore wischt sich die Thräncn aus den Augen und beim ersten Hinsehen hat er den Betrug entdeckl. Ihr seid ja Gauner! ruft er halb ergrimmt und halb befriedigt. Schreibt, schreibt, wie ich diktiere. lind mit zitternder Hand setzt er dann seinen Namen mtter den Kontrakt. Bassermann S Kunst wuchs, wenn cS möglich war. noch in dieser letzten Scene. Das Stück selbst brachte es zu keinem starken Erfolg. Man ist dieser harten schroffen Kontnrenzeichnung, dieser Art des UnterstreichenS zu sehr entwöhnt, lind alles andre, außer der Hauptfigur, ist blaß, schematisch.— est. Humoristisches. — Resolute Gäste.„Aber, meine Herren, wenn Sie herausgeschmissen worden sind, dann sollten Sje doch ruhig nach Hause gehen! Sie machen sich ja nur strafbar, indem Sie sich mit Gctvalt den Eintritt erzwingen!" „W a s, strafbar? Wir sind ja der Wirt und der H a n s k n e ch t. und die Gäst' haben uns'nausg'schmiss'nl"— — Verunglückte Ovation.„Was ist denn da loS?" „Unserm dicken Bassisten haben sie die Pferde aus- gespannt— und jetzt ist der Wagen stecken geblieben!"— —(Ein Schlaumeier. Sportsmann(der sich in einem Cigarrcnladen eine Badckart« kauft):„Bitte, überzeugen Sie sich, ich bin Mitgkicd des Turnvereins, des Ruderklubs, des Ge- sangvcrcins„Polhhvmnia", des Radlcrklubs„Flieger" und des Stcnographcnvcreins„Gabelsbcrger". Da jeder Verein 23 Prozent Ermäßigung hat, so erhalte ich insgesamt 125 Prozent. Ich bekomme also die 8v Pfennigkarte gratis, und für die noch bleibenden 20 Pfennig geben Sic mir 2 Stück zu 10 Pfennig, mittelstark und ziemlich dunkel."—(„Fliegende Blätter".) Notizen. — Die Premiere von Pierre Wolffs Pariser Komödie „ B i S c o t t e" im T r i a n o n- T h e a t c r ist am 10. Oktober.— — O c t a v e Mirbcaus Komödie„Geschäft ist Ge- schüft" fiel bei der Aufführung im Wiener Burgtheater glatt durch.— — Die Aufführung von D'Annuncio'S Drama„Die t o t e S t a d t" ist in L o n d o n von der C e n s« r verboten worden.— — Die Direktion des Wiener B u r g t h e a t e r S bcab- sichtigt, die kontraktlich den Hofschauspielcrit gewährten Urlaube während der Spielzeit abzuschaffen oder in eine Zeit zu verlegen, in der sie den Spielplan nicht stören.— — Die nächstjährigen B a y r e u t h e r B ü h n c n f e st s p i e l e wcrdcn in die Zeit vom 22. Juli bis 20. August fallen. Angesetzt sind zwei Aufführungen des„Ring des Nibelungen", sieben vom „Parsifal" und fünf vom»Tannhäuser".— — Leo Blechs neue Oper„A l p c n k ö n i g und Menschenfeind" erzielte bei der Erstaufführung im Dresdener Opern hat! sc einen starken Erfolg.— — Die Wiener Secession tvird ihr Haus mit einer Kollektiv-Ausstellung ihres ordentlichen Mitgliedes Gustav K l i m t anfangs November wiedercröffncn. Die Ausstellung wird da? Schaffen Klimts in den letzten fünf Jahren umfassen und das ganze HauS füllen.— — 20 000 Kronen hat der n i e d e r ö st r e i ch i s ch e La n d- t a g für das beste, einen niederöstreichischeii Stoff behandelnde Bühnenwerk ausgeschrieben. Da? Preisausschreiben gilt„lediglich für rein arische Schriftsteller, die nicht der Kunstclique angehören".— — Ein schönes Alter. Der„Franks. Ztg." wird aus Zürich geschrieben: In einer Gemeinde des schönen„Baselland", Ivo die reichen Leute nicht an den Bäumen wachsen, starb vor etwa 20 Jahren eine Bürgerin, deren hinterlassenes Vermögen nicht eben groß war, aber doch im Dorfe viel zu reden gab. Selbst der Orts- geistliche schien sich im Stillen dafür zu interessieren, denn in der Leichenpredigt sollen ihm die Worte entschlüpft sein:„Sie(die Verstorbene) erreichte ein Alter von achtundsechzig» tausend Franken"!— «crantwortl. Redakteur: Julius Kaliski in Berlin.— Druck und Verla«: Vorwärts Bnchdnickerei und Verlaqsiv'stakt Paul Singer Sc Co.. Berlin 3W