Anterhallungsblatt des Korivärts Nr. 198. Freitag, den 9. Oktober. 1903 (Nachdruck verboten.) 71 Kleinbürger Nomon von Elisabeth Kuylenstjerna. Als Lejcr kurz vor seiner Wohnung war, traf er mit Sven zusammen. Dieser machte einen etwas gigerlmäßigeu Eindruck in seinem hohen Kragen, um den sich dac- schillenide, seidene Halstuch elegant faltete. Ter funkelimgelnene Winter- Überzieher sah tadellos, anherdeni hatte sich der junge Herr mit einem Paar blutroter Handschuhe ausgerüstet. „Du hast wohl einen Spaziergang gemacht, Vater?" fragte er in itachlnssig sorglosem Tone. „Ich bin ausgewesen und habe mir verschafft, wa? noch oii der Miete fehlte." „stehlt schon wieder etwa?, es ist doch nie anders." „Da hast Du recht. Du scheinst der einzige von uns zu sein, mein lieber Sven, der auf die Sonnenseitc ge- kommen ist." „Was meinst Tu damit, Vater?" „Du kleidest Dich gut und amüsierst Dich tapfer." „Ja, man ist ja auch nur einmal jung in der Welt." „Hm, nicht einmal alle sind daS." „Arme Geschöpfe!" Sven lachte, und der Doktor war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um den Mißton in diesem Lachen heraus- zuhören, und den unruhigen Zug auf seines Sohnes Antlitz zu bemerken, der sich erst seit kurzer Zeit darüber gebreitet hatte. Gustav Lejer ging meist blind und taub an den Ve- gebenheiten in seinem Hause vorüber: sicherlich hielt er etwas von den Seinen, aber nicht in lebhafter, teilnehmender Weise, fondern müde und schlaff, wie sein ganzes Gemüt nach den wiederholten Schiffbrüchen im Laufe der Jahre geworden war. Frau Lejer dagegen machte Sven Vorwürfe, das; er so viel aus sei und oft nicht vor Morgen nach Hause käme. Sie konnte nicht ruhig schlafen, wenn sie ihn nicht zu Hause wußte, sondern stand oft auf, warf einen Rock oder ein Tuch über und setzte sich an das Fenster, um zu lauschen, ob nicht seine wohlbekannten Schritte auf dem Pflaster ertlängcn. Zuweilen waren dieselben unsicher, schienen nur mit Mühe festen Fuß zu fassen, und ein paarmal hatte sie gehört, wie sein Körper schwer gegen eine Mauer schlug. Dann lief sie bis zur Hausthür hinunter, half dem betrunkenen Sohne die Treppe herauf und zog ihn aus wie früher als kleines Kind, und wenn er dann schwer entschlummert dalag, legte sie ihren Kopf auf seine Kissen und weinte leise, um Günther, der bis Mitternacht aufgesessen und gearbeitet hatte, nicht zu stören. Sie weinte so bitterlich, daß ihr Kopf und Brust schmerzten, zumeist aber wohl das arme Herz, in welchem eine zehrende Unruhe um den Sohn mit jedem angstvollen Augenblick stärker wurde. Am nächsten Morgen kam Sven dann schmeichelnd zu ihr und bat sie wie ein Kind um Verzeihung. „Du sagst den andren nichts, Mutti!" bat er voller Schamgefühl. „Nein, nein, wenn es nur das letzte Mal wäre, Sven!" „Das verspreche ich Dir, daß es daS ist, Mutter." Doch dies Gelübde war so oft übertreten, und die arme kleine Frau Luise warf sich unruhig im Bett umher, bis sie sicher war, daß ihr Mann schlief, dann stand sie auf und spähte mit den müden, glanzlosen Augen auf die menschenleere Straße hinunter, wo die Laterne ihren bleichen, gelblichen Schein warf, und dann faltete sie die Hände und betete mit unerschütterlichem Kinderglauben, daß ihrem Jungen nichts zustoßen möge. „Herr Gott, lieber, guter Herr Gott, laß mein Kind nicht zu Grunde gehen!" murmelte sie zwischen den blut- leeren Lippen. Jetzt kam er, und er ging so rasch und sicher. O ja, etwas mußte die Jugend doch auch von ihrem Leben haben!... Nein, das war er nicht!... O, o, o, die Uhr schlug vier!... Still, jetzt ging da wieder jemand auf dem Trottoir?... Nein, wieder nicht er. Wenn er überfallen und beraubt worden wäre... ach, jetzt kam er endlich. Sie ging ihm bis an die Hansthür entgegen. Als sie dann zuletzt endlich wieder mit vor Thräuen geschwollenen Augen in ihrem Bette lag. sagte sie zu sich selbst, daß sie dies nicht länger zu ertragen vermöchte: morgen wollte sie mit Gustav darüber sprechen. Doch wenn der Morgen kam und mit ihm Sven? warme. treuherzige Versicherungen, daß nie wieder so etwas vor- kommen solle, dann ließ sie wieder voll neuer Hoffnung einige Tage vorübergehen. Günther war der erste, der etwas sagte. „Wie unhäuslich Du jetzt bist. Sven!" sagte er ernst., „Du machst Mutter krank mit den Nachtwachen, und dann. dünkt mich, müßtest Du Dich schämen, betrunken nach Hause zu kommen." „Woher weißt Du da?: schläfst Tu nicht?" fragte Sven verlegen. „O nein, so f c st nicht. Woher nimmst Du cigentlickj das Geld zu solchem flotten Leben?" „Was gebt Dich daS an!" entgegnete Sven heftig und verließ das Zimmer. Günther blickte ilnn mißtrauisch nach, vertiefte sich aber bald wieder in seine Studien. Er hatte sich vorgenommen. immer der Erste in der Klasse zu werden.— Tora, der es noch immer nicht gelungen war, eine Stelle zu finden, half Marie Luise beim Nähen. Sie hatte oft das Gefühl, als könnte sie keinen Tag länger dies stillsitzende Leben i» dem langweiligen Hause ertragen und oft klagte sie der Schwester deswegen. „Du wirst Dich daran gewöhnen, liebe Tora!" sagte Marie Luise mit ihrer resignierten Stimme, die indessen nach ihrer Verlobung nüt Nils eine wärmere Färbung, einen lebhafteren Ton angenommen hatte. „Gewöhnen! Ich kann mich nicht daran gewöhnen. Glaubst Du wirtlich, daß ich hier niein ganzes Leben hindurch sitzen und die Nadel in einem Zeuglappen auf- und nieder- stechen soll. Es ist so tötend stumpfsinnig, daß ich verrückt werden könnte." „Arme Kleine: Tu hast ja auch keine Deiner Schul- frcundinnen wieder getroffen, Ihr habt nicht lange zu- sammeng ehalte n." „Doch, die andren halten schon zusammen, aber ich ge- höre ja nicht zu ihrem llmgangskreis. Olga Stjernvall be- gegnete mir neulich, als ich einen Korb trug, und da wandte sie sich ab, um nicht grüßen zu müssen. Seitdem sehe ich gar nicht nach ihnen hin, denn sie sind alle ebenso." „Du darfst nicht so bitter sein, Tora, und so schroff urteilen: wenn nun eine so dumm und hochmütig ist, brauchen es darum doch nicht die andren zu sein. Ebba Gadde schreibt doch so freundlich an Dich." „Sie hat es einmal gethan." „Na ja. Du mußt nicht unbescheiden sein, lind dann bekommst Du vielleicht eine gute Stelle, wenn Du älter wirst« Du bist ja erst siebzehn Jahre." „Ich wünschte, daß ich nie älter werden möchte." „Aber, Tora..." „Ja, das wünsche ich, ich will nicht so fortleben, da? ist kein Leben!"— V. „Sven, was ist Dir, Kind, bist Du krank?" Frau Lejer, die allein zu Hause war, öffnete dem Sohne, der bleich, mit eigentümlich glanzlosem Blick vor ihr stand. Es war ein Wochentag zu Beginn des neuen Jahres, und Sven war des Morgens ganz wie gewöhnlich in das Geschäft gegangen: er hatte nicht über schlechtes Befinden geklagt. sondern im Gegenteil ganz vergnügt mit.Tora gescherzt. Etwas verändert und sonderbar war er freilich während der letzten Zeit gewesen, da er. jedoch auf alles Befragen nach der Ursache hierzu erklärte, daß nichts vorläge, so beunruhigte mau sich nicht weiter darüber.. „Bist Du krank?" wiederholte die Mutter nun ängstlich. als sie keine Antwort erhielt. „Nein!" „Was ist denn, Sven, was hast Du?" Sie schob ihn vor sich l>er in das Wohnzimmer, ihre Knie wankten, und sie setzte sich auf das Sofa, den Kopf in gespannter, abwartender Haltung vorstreckend. Es zuckte von verhaltenem Weinen in dein weiche» JünglingsantUtz, und die Lippen zitterten heftig, doch v«. /, mochke et nichts zu sagen, sondern stützte sich nur schwer auf die Tischplatte und starrte auf den abgetretenen Teppich mit seinem verblichenen Muster. Er hatte wirklich die Absicht gehabt, zu Weihnachten einen neuen zu kaufen, da war aber statt dessen das Geld für Vergnügungen dahingegangen. Es war so schwer, sich von dem munteren Kameradenleben, in das er hineingekommen, zurückzuziehen, so schwer... „Warum sprichst Du nicht, Kind?" fragte Frau Lejer, 'atemlos vor erstickender Angst. Sie rieb ihre derben, ab- gearbeiteten Hände unaufhörlich aneinander, doch den Kopf hielt sie während der ganzen Zeit still zu ihrem Sohne hin» gewendet. »Ich bin entlassen." „Sven, was hast Du gethan?" Sie streckte die Hände nach ihrem Unglückskind aus, das, seit er als kleiner Junge zerrissen und zerschlagen von einer Prügelei oder einem wilden Spiele heimkam, ihr Kummer verursacht hatte. Sie zog ihn zu sich auf das Sofa nieder, ihren großen, kleinen Jungen, der nie ein Mann zu werden schien. Er war das zärtlichste, das anschmiegendste der Kinder; und sie hatte nicht verstanden, seinen Charakter zu stählen. Welch neuen Kummer würde er ihr nun bereiten? Sie strich sanft über seinen Nacken, diesen weichen, zarten Nacken, mit seinem hellen, dünnen Haar. Sie hatte das Ge- fühl, als müßte sie ihn auf den Schoß nehmen und ihn fester und inniger an sich drücken, je größere Thorheiten er bc- gangen hatte, denn dann wußte sie, daß er ihrer am meisten bedurfte. Frau Lejer hatte ein Größe: ihre Mutterliebe; für gewöhnlich merkte man nicht viel davon, doch wenn Un- glück und Sorgen eintraten, dann schüttelte sie den fleckigen, etwas schmutzigen Alltagsschatten ab, und kam mit ausgebreiteten Armen demjenigen ihrer Kinder entgegen, das sich ihr vertrauensvoll nahen wollte. lFortsetznng folgt.), (Nachdruck verboten.) ErzglifcKe KomzölU» Der Austritt des Kolonialministers Chamberlain und seiner An- Hänger aus dem britischen Kabinett, von dem der Telegraph unlängst zu melde» wußte, har den ausgesprochenen Zweck, in England eine Parlamentsauflvsung herbeizuführen. Diese dürfte erfolgen, sobald die verschiedenen Parteien die nötigen Vorbereitungen getroffen haben. Damit wird das englische Volk zur Eni- scheidung aufgerufen über die Frage des britischen Jmperia- lismus. dessen gemäßigtere Form die englische Politik ja bereits seit einer Reihe von Jahren beherrscht hat und dem, wie er zum südafrikanischen Krieg und zum Uebergewicht Englands in Afrika geführt, jetzt weitergehende Ziele gesteckr werden sollen. Im großen und ganzen handelt es sich darum, die englischen Kolonien unter Wahrung ihrer inneren Selbständigkeit in zollpolitischer Hinsicht enger mit dem Mutterlande zu verbinden, um in ihnen der englischen Industrie ein unbestrittenes Absatzgebiet zu sichern, wofür die Einstlhr der Kolonien auf dem englischen Markte als Entgelt gelvisse Vorzugsrechte genießen würde: den hierdurch hervorgerufenen Ausfall in den Einnahmen beabsichtigt man— und dies ist das Wichttgste— durch einen vorläufig geringen Zoll auf Getreide auszugleichen. Es ist wahrschein- lich auch nahezu gewiß, daß die kommenden Wahlen gegen Chamberlain entscheiden. Zweifelsohne aber wird der energstche Mann, dem eine seltene Popularität zur Seite steht, sich damit nicht ohne weiteres für besiegt geben. So scheint in England auf voraussichtlich lange Zeit eine Frage zur öffentlichen Diskussion gestellt, deren Verwirklichung ein Verlassen der politischen Grundsätze bedeuten würde, denen die schweren innerpolitischcn Kämpfe aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zum Durchbruch vcrholfcn haben, und an deren Ausrechterhaltung die Politik und die öffentliche Meinung Englands bisher den Wohlstand und die Machtstellung des Reiches geknüpft sahen. Die Kriege der ftanzösischen Revolution und die gewaltigen Umwälzungen, die Napoleon I. auf dem Kontinent zu Wege brachte, hatten England bald genug den Verlust seiner nordamerikanischen Kolonien verschmerzen lassen. In Ostindien, Afrika und West- indien eroberte eS den französischen, spanischen und holländischen Besitz, es setzte sich im Gebiete des Dekan und des Ganges fest, vernichtete den franzöfischen Einfluß in der Levante, legte im Anschluß an die Expedition Napoleons nach Aegypten auf Malta Beschlag und zwang den nordischen Mächten sogar sein brutales Seerecht auf, das die Rechte der neuttalen Flagge der Willkür der englischen Admirale preisgab. Wenn die Kontinentalsperre England auch den europäischen Markt zum guten Teil verlegte, so erlangte es mit der absoluten Alleinherrschaft zu See auch die Alleinherrschaft über die überseeischen Absatzgebiete, wo die englischen Händler und Fabrikanten ein förmliches Monopol genossen. Hand in Hand hiermit gingen die durch die kriegerischen Zeitläufte bedingten allgemeinen und ungeheuren Preissteigerungen auf den» Getreide- markt, die dem englischen Grundbesitz enorme Profite in den Schoß warfen. So berechnet ein zeitgenössischer Schriftsteller den Mehrertrag, den daS eine Notjahr 1795— 96 den Grrmdherren einbrachte, auf über eine viertel Milliarde Mark. Den wiederholten Notlagen und den durchweg hohen Getteideprcisen entsprach die bedenkliche Ueberspelulation in Grund und Boden, die balo genug einriß. Parallel damit ging das Wiederaufleben einer Bewegung, die, seit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Fluß, nie ganz zum Stillstand gekommen war, nämlich die erneute Beschlagnahme weiter Strecken Gemeindelandes durch tue„Einhegungen" der Großen. Bis zum Jahre 1796 waren unter der Regierung Georgs Hl. nicht weniger als 2 860 060 Morgen Gemeindeland durch nicht weniger als 1500 Einschlußgesetze den Landlords zugesprochen worden; im Jahre 1820 war das eingehegte Areal auf über 6 300 000 Morgen gestiegen. Mußten also Händlern, Industriellen und Grundherren die Kriegsjahre als gute Zeiten gelten, so änderte sich dies zunächst mit den, Friedensschluß. Die Fabrikanten hatten große Hoffnungen auf die Aufhebung der Kontinentalsperre gesetzt und mit Rückficht auf die erwartete Nachfrage auf den festländischen Märkten die Produktion aufs höchste gesteigert. Aber der Erfolg täuschte die Erwartungen. Wohl gelang es der englischen Industrie, einen Teil des kontinentalen Absatzgebietes zu erobern; dessenungeachtet führte die erfolgreiche Kon- kurrenz, die die inzwischen erstarkten Industrien Frankreichs. Belgiens, der Schweiz, der Rheinlande und so fort der englischen zu machen im stände waren, sowie die Unfähigkeit des plötzlich mit englischen Fabrikaten total überschwemmten Marttes, dieselben auch nur annähernd zu ab- sorbieren, zu einer allgemeine» Handelskrisis. Die Wirkungen der- selben wurden verschärft durch die im gleichen Jahre eingeführten Korngesetze. Berücksichtigt man, daß im August des Jahres 1812 der Preis für das Quarter Weizen noch 155 Schilling betrug, während er beim Jahresschluß 1814 auf 66 Schilling 5 Pence und im Juni 1815 sogar auf 53 Schilling 7 Pence gefallen war, so ver- steht man, aus welchen Motiven heraus die englischen Junker zu Schutz- und Prohibitivzöllen schritten. Wohl hatte man schon ftüher, zumal in der zweiten Hälfte des 18. Jahr- Hunderts, ausländisches Getreide Einfuhrzöllen unterworfen. Das Gesetz vom Jahre 1773 ermäßigte dieselben auf 6 Pence das Ouarter Weizen bei einem Marktpreise von 48 Shilling. Im Jahre 1791 wurde dann wieder ein verschärftes Korngesetz verabschiedet, das die Wrizencinsuhr erst bei einem Marktpreise von 50 Schilling gestattete und den Zoll von 6 Pence nur für den Fall aufrecht erhielt, daß der Inlandspreis 54 Schilling überstieg. Das Gesetz vom Jahre 1815 aber räumte mit den bestehenden Getreidegesetzen radikal auf. ES verbot jede Weizeneinfuhr, so lange der Jnlandpreis nicht 80 Schilling das Quarter erreicht hatte, indem er für die andern Getreidearten ähnliche Prohibitivbestimmungen vorsah. Möglich war eine solche Gesetzgebung nur durch den un- beschränkten Einfluß, den der englische Grundbesitz im Ober- wie in, Unterhause auszuüben in der Lage war. Ueberhaupt muß man es den englischen Junkern lassen, daß sie ihre Machtstellung rück- sichtslos auszunutzen redlich bestrebt gewesen sind. Nicht nur wußten sie die Verwaltungsstellen in Staat und Staatskirche ftir sich zn ftuktifiziercn, sich und ihren Gcsippcn reiche und skandalöse Einkünfte für nicht geleistete und lediglich vorgespiegelte Dienste zuzmocnden» selbst vor der Empfehlung des Staatsbankrottes und der Verschlechte- rung der Landesmünze schreckten sie, wie dies unter andcnn in einem Kommissionsantrage vom Jahre 1821 geschah, nicht zurück,„weil dadurch nicht nur die Gctreidepreise in die Höhe gehen Ivürden, sondern auch die Schulden leichter gedeckt werden könnten". Das Werkzeug, das dem englischen Junkertum seine parlamentarische Machtstellung sicherte, war das geltende Wahlgesetz, dessen größter und schreiendster Mißstand auf den„rotten boroughs", den verfaulten Flecken beruhte. Es waren dies herabgekominene steine Orte, die ihr Wahlrecht aus uralten Zeiten bewahrt hatten und in denen die Abgeordneten thaffächlich nicht gewählt, sondern von irgend einem einflußreichen Herrn, irgend einer grundbesitzenden Familie ernannt wurden. Einige wie Old Sarum, bestanden mir noch aus den Mauern einiger Häuser, an denen das Recht zwei Abgeordnete zu schicken hastete, und die man zuweilen ausbesserte, um durch einige Tagelöhner, die man dort seßhaft machte, eine Schein- ivahl abhalten zu lassen". Es erhellt ohne weiteres, daß ein solcher Zustand den Bedürfirissen des Handels und der immer rapider an- wachsenden Industrie zuwiderlief. Der englische Handel fand neuer- dingS bei einem ungehemmten und fteien Verkehr unter den ver- schiedenen Staaten größere Vorteile, als die strikte Aufrechterhaltung der Navigationsakte ihn» zu gewähren versprach. Die Tendenz zum Freihandel ließ denn auch bereits das Husstssousche Gesetz vom Jahre 1322 erkennen, das alle nach England eingeführten Waren, mochten sie auf britischen oder andren Schiffen importtert werden, in Bezug auf die zu erlegenden Gebühren gleichstellte. Ein Ausfluß desselben Gedankens war es, wenn das Ministerium Canning 1823 die Republiken Südamerikas, die sich der spanischen Herrschast entzogen hatten, anerkannte und zur höchsten Enttüstung der interventionslustigen Mächte der heiligen Alliance daselbst brittsche Konsuln bestellte. Dazu traten, wie gesagt, die Be- dürfnisse der Industrie, die sich unter der Einwirkung der Maschine und des die gesamten Verkehrsverhältnisse von Grund aus rcvolu- tionierendcn Eisenbahnwesens immer mehr zum Großbetrieb ent« wickelte. Die technischen und kommerziellen Borteile des Fabrik- systcins aber führten wiederum zur raschen Vernichtung der bisher üblichen Handarbeit und des Kleingewerbes auf dielen Gebieten, die Proletarierarmeen begiimen sich m wenigen Jndustriecentren zusammenzudrängen, die damit den Charakter der modernen Großstadt annehmen. Ein Lebensinteresse dieser Gesellschaftsklassen aber war billiges Getreide, das für sie nichts geringeres als billiges Brot und billige Warenproduttion bedeutete. Während also die gegenseitige Konkurrenz der Arbeiter infolge der überhandnehmenden und durch die schamlose Ausbeutung der Frauen- und Kinderarbeit in ihren Wirkungen gesteigerten Arbeits- losigkeit die Löhne drückte, erreichten infolge der rigorosen Korn- gesetze die Brotpreise eine bedenkliche Höhe. Schon 1812 hatte Lord Byron im Hause der Lords sagen können:.Ich habe den Kriegs- schanplatz in Spanien besucht, ich habe einige der ge- knechteten türkischen Provinzen bereist, aber niemals habe ich solch greuliches Elend wahrgenommen wie im Herzen dieses christlichen Landes." Gewöhnlich begannen die Kinder der Arnien mit sieben, oft genug mit fünf Jahren die Arbeit in den Fabriken, um täglich 15 und selbst 17 Stunden thätig zu sein, Die ungeheure Not der arbeitenden Klassen drängte aller- wärts zu Aufruhr und Gewaltthät, die es sich häufig nicht genügen ließ, Brot zu nehmen wo sie es fand, die, wie in den bekannten und über das ganze Land verbreiteten Ludditenaufständen, selbst die Maschinen der Industriellen, die Vorräte der Junker systematisch zerstörte und vernichtete. Ebenso war es auch eine Folge des un- glaublichen Elends, das 181g zu jener Peterloo-Versammlung den Anlaß gab. die die bürgerliche Miliz, die Ieomanry, gewaltsam zu sprengen versuchte, eine OrdnungSretterei, die den anwesenden Arbeitern etliche Hundert Tote und Verwundete kostete. Es lag in der Natur der Sache, wenn die Arbeiterschaft zunächst eine Idee wieder aufgriff, deren Verlvirklichung vor der französischen Revolution selbst Männer wie Pitt als unerläßlich bezeichnet hatten, nämlich die Refonnierung des englischen Parlaments. Es ist das Verdienst Cobbets, zuerst die Arbeiterklasse als solche für diese Reformbewegung in Anspruch genommen und durch seine publi- zistische Thätigkeit gewonnen, vor allem aber der Agitation jenen radikalen Charakter aufgeprägt zu haben, den sie als ihr wert- vollstes Erbteil in die spätere Chartistenbewegung hinübertrug. Es würde uns zu weit führen, hier die verschiedenen Phasen des Kampfes um die Parlamentsreform vorzuführen. Es genügt zu sagen, daß die Mittelklassen zunächst die Bestrebungen der Regierung auf Unterdrückung der Bewegung unterstützten, um bald mit deni wachsenden Reichtum und dem steigenden Einfluß der Industrie die Gelegenheit zu benutzen, sich selbst durch eine Reform des Parlaments die gebührende Machtstellung innerhalb der Volksvertretung zu sichern. Schon 1827 hatte nach der surcht- baren Handelskrisis von 1825 und dem totalen Mißwachs des folgenden Jahres unter der Einwirkung der radikalreformerischen Agitation das Konigesetz von 1815 durch die sogenannte gleitende Skala, die den Zoll mit den schwankenden Jnlandpreisen in Einklang zu bringen versuchte, ersetzt werden müssen. Wie diese Maßregel loar auch das Reformgesetz vom Jahre 1832 eines jener Kompromisse, an denen die neuere englische Geschichte zum Schaden der englischen Arbeiterklaffe so reich ist. Die Bestimmungen des Gesetzes, das nur den schreiendsten Mißständen abhalf, zeigen das zur genüge: zum Ueber- fluß sprach es der damalige Lordkanzler Brougham noch offen aus. Mit Entrüstung wies er nämlich bei den Schlußdebatten die Unter- stelluntz der Gegner des Gesetzes zurück, als handle es sich um Zugeständniffe an den.Pöbel"..Ihr, die Ihr so leichthin von diestn Klassen sprecht," rief er aus,.bringt alle Eure Schlösser, Paläste, Landsitze und Güter herbei und verkauft sie; Ihr werdet sehen, daß alles dies nichts ist im Vergleich zu dem Reichtum, den die Mittelklassen Englands besitzen." Auf diese stütze sich das Gesetz, und darum sei es konservativ,„Vergessen Sie nicht," so schloß er, .was die alte Geschichte von der Sibylle erzählt. Sie bietet Euch jetzt eine Rolle um den Preis, daß Ihr die alte Verfassung wieder- herstellt. Ihr wollt sie nicht um diesen mäßigen Preis; es ist gut, die Sibylle geht. Ihr empfindet Reue und ruft sie zurück; aber die Rolle ist nicht mehr vollständig, die Blätter des Friedens sind halb zerrissen. Sie loird einen höheren Preis verlangen— jährliche Parlamente gewählt durch Millionen von Wählern, geheime Abstimmung. Ihr wollt das nicht und sendet sie abermals weg; was sie dann verlangt, wenn sie zum drittenmal� wiederkommt, der Preis, den Ihr dann werdet zahlen müssen, ist mehr als ich sagen mag. Mylords, bei allem, was Ihnen heilig ist, auf meinen Knieen beschwöre ich Sie, verwerfen Sie diese Bill nicht." Diese Worte enthalten deutlich den Hinweis auf die radikal- reformerischc Agitatton, die sich in demselben Maße, als der An- schluß der Mittelklaffen an die Regierung sich vollzog, zur Charttsten- bewcgung mit vorwiegend socialem Programm ausgewachsen hatte. Zwar bildeten die Forderungen der radikalen Reformer: allge- meines, aktives und passives Sttmmrecht für jeden mündigen Mann, jährliche Neuwahl des Parlaments, Diäten für die Parlaments- Mitglieder und gleichmäßige Wahlbezirke nach wie vor auch die Fordermigen der Chartisten. Zu diesen aber trat neben der Agitation gegen das neu erlaffenc Armengesetz die Forderung einer Arbeiter- schütz- Gesetzgebung, des zehnstündigen Maximal- Arbeitstages sowie der allgemeine Grundsatz eines.billigen Lohnes für ein billiges Tagewerk". Gleich das erste unter dem neuen Wahlgesetz zusammengetretene Parlament stellte sich den Forderungen der Arbeiterklasse schroff gegenüber. Die Bourgeoisie war zunächst darauf aus. fich im Regiment und damit zugleich ihre Herrschaft über die Arbeiterklasse zu befesttgen. Deshalb ward den Arbeitern das Recht der freien gewerkschaftlichen Affociatton, das man ihnen 1824 zugestanden hattt insofern wieder genommen, als man versuchte. neben den politischen auch die gewerkschaftlichen Proletaricrverbände zu unterdrücken. Die Polizei ward reorganisiert und wesentlich verstärkt, während in den großen Industriestädten unter dem Scheine einer durch Gesetz schablonenhaft geregelten Selbstverwaltung Bourgeoisie und Kleinbürgertum die direkte Herrschaft über das Lokalproletariat erhielten. In alledem kam das vorerwähnte Armen- gesetz, das ganz im Geiste der Abschrecknngstheorie gehalten war. Zwar ging man nicht so weit, die Armenunterstlltzung dirett zu verbieten, aber man schaffte doch die Unter- stützung an Lebensmitteln und Geld ab und steckte die Verarmten in das Armenhaus, wo zwar Alte, Kranke und Waisen cinigennaßen verpflegt wurden, wo aber die Arbeitsfähigen der skandalösesten Behandlung ausgesetzt waren, um ihnen, wie ein zeit- genössischer Schriftsteller sagt,„den Aufenthalt so zur Hölle zu machen, daß sie lieber in ihr altes Elend zurückkehrten, das sie bald zu Grunde richtete". Es kann nicht wunder nehmen, wenn unter diesen Verhält- niffen der sociale Charafter der Charttstenbewegung immer schärfer hervortrat. Zwar fielen zu Beginn der vierziger Jahre die inneren Zollschranken, zumal die verhaßten Land- straßentaxen; ein Steuergesetz wurde durchgeführt, daS die Einkommen unter 3000 Schilling völlig abgabenfrei ließ. Zog auch die Arbeiter- klaffe aus diesen Reformen Nutzen, so komtte es doch Einsichttgeren nicht entgehen, daß eS in erster Linie galt, dem Chartismus den Wind aus den Segeln zu nehmen, ein Ziel, das mit Maßregeln, gleich den vorgenannten, nicht erreicht werden konnte. Hier ward ein Vorgehen erfordert, das, wie es die Massen frappierte, der un- bedingten Popularität im Bürgertum gewiß sein konnte, weil es nach beiden Seiten handgreifliche Vorteile bot. Von diesen zwei Gefichtspuntten aus ist die Wirksamkeit CobdenS und der von ihm gegründeten Antt-Korngesetz-Liga zu beurteilen, Gesichts- punkte, denen sich der damals leitende Minister Englands. Peel, nicht verschloß, wenn er als geborener Konservativer die Abschaffung der Kornzölle und damit die endgültige Vorbereitung der Freihandels- Aera systematisch in die Hand nahm. Zum Ruhm der englischen Arbeiterklasse sei es gesagt, daß sie sich von diesem glänzenden und in seiner Art bestrickenden Plan nicht einfangen ließ, daß sie nach wie vor ein Zusammengehen mit der Bourgeoisie grundsätzlich und nach- drücklich ablehnte. Wenn trotzdem im Revoluttonsjahre 48 England von dem Versuch einer proletarischen Umwälzung verschont blieb, so war das weniger auf die Aufhebung der Korngesetzc zurückzuftihren, die zwei Jahre zuvor unter dem heftigsten Widerstande der Kon- servativen erfolgt war, als auf die Unfähigkeit der Arbeiterführer selbst, die sich der Situatton nicht gewachsen erwiesen. Das hindert sreilich nicht, daß nach dem Abflauen der Charttsten- bcwegung und der Bewilligung des zehnstündigen Maximal- Arbeitstages die Peel- Cobdensche Polittk ihre Wirkung that und die englische Arbeiterschaft bis auf den heuttgen Tag in den Banden des Trades-Unionisinus zurückhielt. Es ist eine bedeutsame Ironie der Geschichte, wenn heute, wie dies Chamberlain in einem unlängst an die englische Arbeiterklaffe gerichteten Flugblatt gethan, auf den chartistischen Grundsatz„kair wages kor a fair day's work" „billiger Lohn sür ein billiges Tagewerk" zurückgegriffen wird. Im Gegen- satz zu nnsrer nebelhaften Kolonialpolitik ist der prakttsche Imperialismus Chamberlains gedacht als Mittel gegen die Konkurrenz Amerikas und mehr noch gegen die in absehbarer Zeit drohende Konkurrenz der ostasiatischcn Völker. Aber inag man mich die Bourgeoispolitik mit Chambcrlainschem Raffinement betreiben, gegen diese überseeische Konkurrenz giebt eS auf die Dauer für die abendländischen Nationen nur ein Mittel, das sich mit stets wachsender Notwendigkeit auf- drängen wird, die socialistische Gesellschaftsorganisatton.— Dr. H. Laufenberg. kleines Feuilleton. nr. Ein antikes Klassenstimmrecht. Das preußische Dreiklassen- sttmmrecht ist zwar das elendeste aller Wahlsysteme, aber seine junkerlichen Väter haben noch nicht einmal in der Absurdität etwas Originelles, Neues, Niedagewesenes geleistet. Die famose Idee, den Massen des Volkes zwar auf den, Papier das Stimmrecht zu geben, es ihnen aber in der Praxis durch eine raffi- nierte Klassen- Einteilung nach der Größe des Geldsacks wieder wegzueskamotteren, war schon mehr als zwei- tausend Jahre alt, als die preußische Reaktion in der Mitte des vorigen Jahrhunderts das staatsrettende Mittel zu Tage förderte. Das antike Rom besaß in seiner Centurieneinteilnng schon ein Klassenstimmrecht, als sich<610 v. Chr.) der Uebergang von der Monarchie zur Republik vollzog. Herkömmlichcrweise wird der König Servius Tullius, der gegen Mitte des sechsten Jahr- Hunderts vor Christt gelebt haben soll, als Schöpfer des römischen Centuriensystems genannt. Es ist aber fraglich, ob er nicht eine rein sagenhafte Gestalt ist. Soviel aber ist sicher, daß die nach ihm benannte Klasseneinteilung aus der Zeit des römischen Königtums datiert. Damals war sie ein Fort- schritt, insofern sie der großen Mehrzahl dc-Z römischen Volkes über- Haupt erst ein Stimmrecht gab. Bis dahin Ivar die Sache so ge- Wesen, daß der Gcschlechteradel der Patncier in seinen Geschlcchts- tiersammlungcn, den Curiatkomitien. unter Ausschließung der Plebejer allein stimmberechtigt war. Das Klassensystem des Serous TulliuS gab allen Bürgern, gleichviel ob Patricier oder Plebejer, das Stimmrecht: aber nicht so, daß die Kopfzahl, sondern das Per- mögen bei den Abstimmungen den Ausschlag gab. Scrvius Tullius, oder wer sonst das System ausgeheckt hat, teilte das Boll in sechs Klassen ein. Zur ersten gehörte, iver alles in allem(Grund- besitz, fahrende Habe, Gelds 100 000 Aß(14 000 M.) und darüber sein Eigen nannte. Um zur zweiten Klasse zu gehören, mußte man wenigstens 75 000 Aß(10 500 M.) besitzen, in der dritten 50 000 Aß (7000 M,s oder mehr, in der vierten 25 000 Aß<3000 M,>, in der fünften 11 000 Aß(1570 M.s oder mehr. Wer iocnigcr als 11 000 Aß besaß, gehörte zur sechsten Klasse, zur Klasse der mehr oder weniger besitzlosen„proletarii, zu deutsch: Kindererzeuger, Außer den Klassen bezlv. über ihnen standen die eguitss, die Ritter, die iin Kriege zu Pferde dienten, Sie stimmten aber mit und waren also, wie die übrigen Klassen, in Centurien(Hundertschaftens eingeteilt, deren sie 18 zählten. In der Centurie wurde nach Köpfen abgestimmt: nach der so gefallenen Entscheidung gab dann die Centurie als geschlossenes Ganzes in der Centurienversaimnlung ihre Stimme ab. Bei der Abstimmung folgten auf die 18 Ritterccnturien 80 Centurien erster Klasse, 22 zweiter, 20 dritter, 22 vierter, 30 fünfter. Die sechste Klasse, die der Proletarier, bildete bloß eine Centurie und hatte also bloß eine Stimme. Das Wort Centurie scheint in sich zu schließen, daß jede Hundertschaft gerade hundert Mann gezählt hätte. Das Ivar nun aber durchaus nicht der Fall. Sonst hätte es ja bloß hundert Proletarier im königlichen Rom gegeben. In Wirklichkeit wurde die Kopfzahl der Centurien um so größer, je Iveiter man in der Klasseneinteilung nach unten kam. Bei den Rittern und in der ersten Klasse mögen annähernd hundert Mann in jeder Centurie gewesen sein, nachher wurden es immer mehr, Innerhalb jeder Klasse bestand wieder dadurch ein ungleiches Stimmrecht, daß die Leute von 45—00 Jahren gerade soviel Centurien bildeten, wie die von 17—45, also jeder einzelne mindestens doppelt soviel zu sagen hatte. Die Gesamtzahl der in den Centurien Stimmberechtigten wird für die Zeit der ersten Schöpfung des Systems auf 80 000 angegeben, wovon höchstens 10 000 auf die Ritter und die erste Klasse entfielen. Diese beiden Kategorien hatten aber zusammen allein 03 Centurien und demgemäß 08 Stimmen unter insgesamt 193. Das war die Mehrheit. Wenn die wohl- habenden Bürger also einig waren, befragte man die übrige» Klassen erst gar nicht. Es war also ein Geldsacksystcm vom reinsten Wasser. Als mit fortschreitender Zuspitzung der wirtschaftlichen Gegen- sätze die Ungerechtigkeit des Systems immer schreiender wurde, suchte man es in der Weise zu verbessern, daß die Ritter ihre 18 Stimnien behielten, die Klassen I— V je 70 Centurien, die Proletarier 5 bekamen: insgesamt waren also nun 373 Centurien vorhanden, Dies war aber, wie kaum gesagt zu werden braucht, bloße Flickarbeit, die zwar das Uebergewicht der ganz großen Geldsäcke schwächte, aber das GeldsackSprincip bestehen"ließ, Run ist wahr, daß in der republikanischen Zeit eine Anzahl wichtiger Kompetenzen von den Centtiriaskomitien an die Tribuskomitien übergingen: an die Versammlungen der Tribus- oder Bürgerschaftsbezirke, die auf dem Grundsatz der Kopfzahl beruhten. Aber die CenturiaSkomitten blieben doch von allergrößter Bedeutung, Die aristokratischen Schriftsteller der klassischen Litteraturzeit Roms loben deren Geldsacks- princip über den Schellenkönig, Cicero zum Beispiel sagt einnial über Servius TulliuS:„Er organisierte die Klassen so, daß er dasStimm- recht, nicht in die Hände der Menge, sondern in die der Besitzenden legte, indem er Sorge trug, dies zur Staatsordnung für uns zu machen, und in jedem Staate sollte es so sein, daß die größte Zahl nicht das größte Gewicht habe," Die Fürsprecher u Uftes Dreiklassen- Unrechts werden vermutlich einige Bedenken tragen, dies klassische Citat für ihre Zwecke auszuschlachten:.denn als Cicero das schrieb, ivar Rom bereits weit gelangt ans der abschüssige» Bahn des Ver- falls und des Untergangs, dessen Grund das ungelöste und immer schroffere Mißverhältnis zwischen Arm und Reich, Herr und Knecht war, Roms Geschichte spricht am lautesten gegen ein Stimmrecht, das die Herrschast des Geldsacks verewigen soll.— — Was ein Londoner Rebel kostet. Der„Kölnischen Zeitung" wird geschrieben: Es wird im allgemeinen angenommen, daß man sich zwischen November und Februar in London auf Nebel gefaßt machen mutz. In Wirklichkeit aber haben sie sich in den letzten Jahren fast regelmäßig schon im Oktober eingestellt, und in diesem Jahre gab schon der September einige garstige Proben davon ab. Auch der Nebel hat natürlich seine jUasienunterschiedc. Zwar giebt es keinen Nebel, der nicht unangenehm empfunden würde und nicht schädlich ouf den menschlichen Organismus einwirkte, aber es giebt eben böse Nebel und noch bösere. Zu den ersteren gehören die schwarzen und zu den letzteren die gelben Nebel, Neulinge vom Kontinent sehnen sich manchmal danach, den gefürchtetcn gelben Nebel kennen zu lernen, aber wenn sie ihn einmal gekostet haben, dann gelüstet es sie nie- nach einer Wiederholung des Genusses. Der Nebel ist aber nicht nur ein garstiger, sondern auch ein sehr kostspieliger Geselle, Ganz besonders ist er das für die Eisenbahnen. Um die Anwesenheit dieses ungebetenen Gastes von Station zu Station zu verkünden, werden auf die Schienen Knallsignale gelegt: das sind kleine runde Metall- kapseln mit Schietzpulver und Zündhütchen gefüllt, sie werden mit Bleiklammcrn an de»' Schienen befestigt, und sowie der Zug darüber geht, erfolgt der Knall. Wenn die Nebclstrecke lang ist, so ist das fortwährende Knallen für die Passagiere eine unangenehme Zugabe zu allen sonstigen Rcise-Unannchmlichkeiten. Für den Zugführer bedeutet das Signal„Achtung" und„Vorsicht", für die Eisenbahn- gescllschaftcn aber eine große Ausgabe, denn jede Petarde stellt einen Wert von ungefähr 10 Pf, dar, und eine sehr große Anzahl kommt allwinterlich zum Verbrauch. Dazu trete» dann noch die Extralöhne für Ucberzcit und Hilfsarbeiter. Aber nicht nur die Eisenbahnen haben besondere Ausgaben, wenn dichter Nebel herrscht. In jedem Hause hat man künstliches Licht zu unterhalten, und alle Straßen müssen Tags über erleuchtet sein wie am Abend, so daß neben den Fabrikanten der Knallsignale auch die BeleuchtungSgesellschaften gute Geschäfte dabei machen. Im ganzen werden die Kosten eines Lon- doner Nebels von etwa achtstündiger Dauer auf etwa 75 000 Pfund Sterling(IV- Millionen Mark) oder darüber geschätzt.— Geographisches. k:. Eine gefahrvolle Forschungsreise, Der englische Major Powell Cotton ist von einer Forschungsreise durch die Wildnisse C e n t r a l- A f r i k a s nach Kairo zurückgekehrt. lieber die oft abenteuerlichen Erlebnisse seiner Expedition liegen jetzt einige genauere Angaben vor. Cotwn reiste von Mombassa mit der Bahn nach Stonyachi, auf dem halben Wege nach Kosomo, und marschierte dann zu der westlichen Seite des schneebedeckten Kenia, des dritthöchsten Berges in Afrika, Darauf drang er durch die un- bewohnten Ebenen von Likipia zum Baringo-Sec vor. Er traf dort Hochwild jeder Art in Fülle: Elefanten, Giraffen, Zebra?, Harte- becsts, Strauße, Löwen und andre. In Baringo verließ ihn sein Gefährte, und er selbst zog aus, um nach der nenentdecktcn fünf- hörnigen Giraffe llmschau zu halten, die er endlich auch fand. Als er nordwärts zum Turkhana-Lmid vordrang, fand er herrliche Weide- länder unbewohnt, Tie Turkhana waren mißtrauisch, aber nicht feindselig, und gaben Auskunft über Wasser, Wild usw. Weiterhin traf man auf riesige Elefantcnherden: die Gesellschaft hatte einige Schwierigkeit, ihnen beim Marsch aus dem Wege zu gehen. Der Major beschloß darauf, die Dpdingas, ein kriegerisches Bergvolk, auf- znsuchen unter dem Borwande, daß er Mehl kaufen wollte, lieber die Erscheinung dieses Stammes und die Verwicklungen, die er mit ihm hatte, berichtet Cotton folgendes:„Ihr Land gst schön, mit großen bebauten Terrassen und Hochflächen, klaren Strömen in den Thälcrn— ein großer Gegensatz zu den ausgedörrten Ebenen, die wir zuvor durchreist hatten— mit Deichen salzigen Wassers in meilcnweiten Abständen, Die Eingeborenen empfingen uns freund- lich, Sic waren die schönste Menschenrasse, die ich je gesehen hatte: sie sind größer als die Karamoja, Suk oder Turkhana, Ihr Haar tragen sie nicht in bentelförmigcm Chignon auf den Rücken herab- fallend, sonder» wie in einer Puddingform angeordnet: es hing auch tief auf die Stirn und über die Ohren herab. Es ivar ganz mit Scheiben aus weißen Perlen bedeckt, was ihnen in der Sonne den Anschein gab. als ob sie seltsame weiße Helme trügen. Abgesehen von einer Troddel von Giraffenhaaren und einem Horn, das ihnen um den Hals hing, waren sie völlig nackt, Ihre Waffen bestehen aus drei oder vier Speeren und einem großen Schild, Wir suchten sie zu besänftigen und etwas Getreide zu kaufen: aber während wir uns zu einem andren ihrer Gebiete aufmachten, ermordeten und plünderten sie einige von den Eseltreibern, Wir versuchten sie zu zwingen, die Beute wieder herauszugeben, indem wir einiges Vieh von"ihnen fortnahmen: aber sie belagerten uns dafür drei Tage lang und versuchten wiederholt, nachts das Lager zn überfallen. Die Sawahili-Trägcr schössen ohne Erfolg, und nachdem eine Expedition nach Wasser aus einem Hinterhalt angegriffen worden war, wurden sie so entmutigt, daß ich nur mir großer Mühe ohne ernstlichen Ver- lust abziehen konnte. Zwei meiner Leute waren getötet, mehrere verwundet worden." Ein andrer Stamm, die Mawaly, zeigte sich freundlich, obgleich er von den Dodingas gedrängt wurde, die Erpc- dition zu überfallen. Sie verkauften dem Major Getreide und ver- sahen ihn mit Führern, Nachdem Cotton noch einige Zeit mit der Jagd auf Elefanten und Büffel verbracht hatte, suchte er Mahogi, in belgischem Gebiet, auf und kehrte dann auf dem Nil nach Chartum zurück. Die ganze Reise wurde auf Eseln zurückgelegt, von denen viele starben. Das Wetter war höchst ungünstig; starker Regen wechselte mit erstickender Hitze, Die so gefährliche„Schlafkrankheit" verbreitet sich, wie Cotton behauptet, mit dem Borrücken des Handels schnell,— Humoristisches. — Neues von Serenissimus. Serenissimus liest da? Standesamtsregister durch. Am meisten interessiert ihn der Zuwachs seines Staates, �_ „Ach, lieber Kindermann, dieser Unehelich äußerst prodnkuver Kerl das, äußerst produttiv.— — Gerechte Entrüstung,„WaS woll'n»?'S Bier ab« schaff»? Moana denn de spinnat'n Tröpf, wir saufa Zuckerwaper zu de Weißwürscht?"—_(„Jugend") Die nächste Nummer des kinterhaltungsblatteS erscheint am Sonntag, den 11. Oktober.____ Verantwortl. Redakteur: Julius KaliSN in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und BerlagSanstalt Paul Singer& Co., Berlin 8W