Mttterhaltttngsblatt des vorwärts Nr. 201. Mittwoch, den 14. Oktober 1903 (Nachdriick verboten.) 10) Kleinbürger. Roman von E l i s a b e t h K u y l e n st j e r n a. ?ann kam der Oberst, öllßerlich ein wahrer Thor: seine vreite Hand fiel schwer wie ein Hammer aus Doktor Lejers eckige Schulter. „Diener, Gustav! Willkonnnen, Luise! Guten Tag, Kinder! Große Kinder schon! Wie alt ist dies kleine Mädel?" Er griff fest nach Doras feiiigcruudctem, weichem Kinn, und es blihte dabei mit nicht ganz onkelhaftem Wohlgefallen' in seinen grauen Angen ans. „Siebzehn Jahre!" anstvortetc Dora und entzog sich seiner Liebkosung. „Ja so. Ja— a, die Zeit vergeht." Dann hieß es eine alte Tante begrüßen, ein Familien- inventarinm, deren hervortretendste Eigenschaft eine unheilbare Taubheit war. Auch Jugend war im Hause: Fräulein Therese: eine zwanzigjährige junge Dame, die ebenso groß wie ihre Mutter, mit derselben oppositionell angelegten Rase wie diese ans- gerüstet ioar, init französischem Äcccnt affektierte und ein kirsch- farbenes, nach der letzten Mode gearbeitetes Kleid trug. Dann waren da ihre Brüder, der eine Lieutenant, der andre Diplomat. Der Lieutenant war klein und untersetzt, der andre eine vollkommen repräsentable Don- Juans- Erscheinung, von gutem Effekt in jedem Salon. Es war stets eine wohlgemischte Gesellschaft, wenn Lejers eingeladen wurden, aber gerade kein„Trumpf". Nur einige Stammgäste, welche grundsätzlich stets dabei sein mußten, ge- hörten zu dem cr£me de la creme. Jedes Jahr wurde man diesen von neuem vorgestellt: sie konnten sich unmöglich von einem Mal zum andren erinnern, so viele Gesellschaften, wie sie mitmachten. Nun begann das Servieren des TheeS. Frau Luise und der Doktor saßen der Thür zunächst, so dicht neben einander wie möglich und machten verzweifelte An strengungen, liebenswürdig lächelnde Mienen aufzusetzen. Sven aß und trank nicht. Er stand mit dein Rücken an einen Schrank gelehnt und bemühte sich vergeblich, für seine Hände eiiren passenderen Zufluchtsort zu finden, als den ge- wöhnlichen, nämlich die Hosentaschen. Dora saß unter den andren jungen Mädchen und lauschte ihrem Geplauder. Sie hatte sich nicht getraut, mehr als einen einzigen Zuckerkringel zu nehmen, und an dieseni nagte sie jetzt wie ein Vögelchen, um ebenso weit damit zu reichen wie die andren. Doch es half nicht, sie war früher fertig und saß nun mit der leeren Theetasse in der Hand verlegen da. Nachdem ungefähr eine Stunde in lebhafter Unterhaltung vergangen war.— man sprach vom letzten Karlbergsballe, wie wundervoll Fräulein Elfkronas Toilette gewesen wäre, init lvem Lilly Donnerhjälm sich verloben sollte und ähnlichen Dingen, in denen eilte gebildete Gesellschaft zu Hanse ist,— wurde vorgeschlagen zu tanzen, und eine junge Dame, welche die Höflichkeit neunnndzwanzig Jahre sein ließ, zog geduldig ihre Handschuhe ab und versprach„ein wenig, natürlich sehr schlecht zu spielen". Sven tanzte nicht. eS konnte für ihn nicht in Frage kommen, eine dieser Zierpuppen aufzufordern. Er setzte sich auf einen Stuhl, nahe den: Ofen, und begann gerade, siä' dort sicher zu fühlen, als die fast stocktaube Tante Beate, die eine unglückliche Manie hatte, unterhaltend sein zu wollen, sich zu ihm setzte. Sie sah ordentlich glücklich ans, die gute. alte Frau; es war ein selten guter Treffer, den sie machte, als sie jemand bemerkte, der sich ihr unmöglich entziehen konnte Sie neigte sich vertraulich zu ihm und fragte mitleidig: „Tanzt Du nicht, Sven?" „'Neil'., ich kann nicht," erlviderte Sveir leise, zu einer Notlüge greifend,— Tante Beate fliisterte iinmer, er brauchte sich wohl nicht zu erinnern, daß sie taub war. „Wie?" fragte sie ermunternd und rückte noch näher. „Was sagtest Du. Sven? Ich verstand nicht recht. Die Musik schallt so, ist es Polka oder Walzer, was jetzt gespielt wird?" „Walzer!" erklärte Sven mit lauter Stimme. Der Saal war zufällig leer, nur Tora saß am entgegengesetzten Ende rind glättete nervös an ihren Handschuhen. „Gar nichts! Na, lieber Sven, da hörst Du schlechter als ich," äußerte die Tante Beate überlegen und entfernte sich mit einem gewissen Air. „Wollen wir es einmal mit der Franxaise versuchen," schlug einige Zeit darauf einer der jungen Herren vor. Der Vorschlag fand Beifall, und bald standen die Paare bereit. „Hier fehlt noch ein Visivis!" rief ein Herr, der mit seiner Dame am Arm unschlüssig dastand und um sich schaute. Lieutenant von Härder lief in allen Zimmern umher und suchte. Endlich kam er mit einem verspäteten Gast, der höflich um Entschuldigung bat wegen seines späten Erscheinens, zurück. „Du komnist wie ein rettender Engel," sagte mit Pathos der Herr ohne Visavis.„Schaffe Dir jetzt nur eine Dame!" „Da sitzt ja ein junges Mädchen wie vom Himmel ge- fallen," scherzte ein andrer Witzbold.„Das kann ja nicht besser für einen Engel passen." „Ja. freilich. Dora," sagte Fräulein Therese. „Ich werde die Vorstellung besorgen," sagte Lieutenant von Härder bereittvillig. „Lieutenant Erdmann— Fräulein Lejer." „Darf ich die Ehre haben, gnädiges Fräulein!" sagte der Lieutenant und machte dabei eine Armbewegung, welche an- deuten sollte, daß Dora dankbar ihre Hand gerade in die be- zeichnete Rundung legen sollte. Dora erhob sich errötend. Sie konnte sehen, daß ihr nianch neidischer Blick folgte: es war also ein beliebter Herr, mit dem sie tanzen sollte. Er grüßte nach allen Seiten und mußte ein wahres Kreuzfeuer vou Fragen, welche die jungen Damen an ihn richteten, beantworten Als die erste Tour zu Ende war und die zweite begann, schien es ihm einzufallen, daß er eine kleine, stille, vernachlässigte Dame an seiner Seite hatte, und er begann versuchsweise: „Ich habe gnädiges Fräulein bestimmt schon einmal gesehen, auf irgend einem Ball, obgleich ich mich in: Augenblick nicht genau erinnere, wo?" Dora, die nie einen Ball besucht hatte, fühlte sich ver- legen. Die bestimmt verneinende Antwort, die sie geben mußte, kam fast gedrückt heraus. Ach, wenn sie doch hätte plaudern und lachen können wie die andren Mädchen, sie ahnte nicht, daß deren Fröhlichkeit oft nur eine Kunstleistung war, wie sie in Ateliers für guten Ton eingeübt werden, um da- durch die Zuknnftspläue zu fördern Der Lieutenant sah die„kleine, dunkle Hexe" an, die er am liebsten einmal tüchtig in, Kreise hernmgewirbelt und dann in einer Ecke de:. Saales hingesetzt hätte: sie war noch zu ungefiedert, und dann sann er nach, worüber er mit ihr reden sollte... Theater und Musik standen auf dein Repertoir seiner Balluntcrhaltnngen, doch ob das kleine Mädchen etwas von schöner Kunst verstand, war eine andre Frage. „Lieben gnädiges Fräulein die Musik?" „Ja, außerordentlich." „Nun, was sagen gnädiges Fräulein denn zu dem letzten Philharmonischen Konzert, war es nicht großartig?" „Ich war nicht da." „Nicht,— aber gnädiges Fräulein studieren vielleicht Musik,— sind vielleicht auf dem Konservatorium?" „Nein!" „Hm... hin. Laufen gnädiges Fräulein vielleicht Schlittschuh?" „Ja. fast jeden Nachmittag" „Im Jdrottspark natürlich, das ist ja der Lieblingsplatz aller Damen." „Nein, ich Pflege nicht dort zu laufen." Nicht?" Sie war gewiß vom Lande oder,— der Lieutenant nahm sie etwas näher in Augenschein,— o, daß er das nicht sofort gesehen hatte: eine arme Verwandte! E* war nur ein Glück, daß die Franyaise jetzt zu Ende war. Er bot ihr den Ann, führte sie in den Salon zu dm älteren Damen, verbeugte sich und ging. Dora blickte ihm sehnsüchtig nach. Seine schlanke, elegante Figur nahm sich besonders vorteilhaft in dem gut» fitzenden Frack aus, der Gang war militärisch distinguiert, der Kopf hochgetragen. Gerade so mußte ein Gentleman aussehen, dachte sie, und er verdiente auch diese Bezeichnung, aber ob er sich ebenso stattlich in einem Arbeitskittel oder einem verschossenen Rock ausgenommen hätte, oder— gab es vielleicht verschiedene Sorten von Gentlemen, für den Salon und fürs Leben? Alle diese Fragen Toras erhielten keine Antwort; das Leben ist in den meisten Fällen ein Lehrbuch ohne Erklärungen, und es fordert Erfahrung, um es zu verstehen. Trotz dieser frühreifen Reflexionen fühlte Dora sich be- geistert. Das Geistlose in der Unterhaltung verdunstete, und sie sah nur das hübsche, männliche Gesicht, lauschte in Ge- danken der tiefen, angenehmen Stimme, die jedem Worte einen mystischen Inhalt verlieh. Sie fing an, Vergleiche zwischen den kleinen Gesell- schafte», die sie gehabt, und dieser zu ziehen. Zu Hause bei ihnen hatte man ungleiches Geschirr, Kaffeebrot, das sättigen sollte, und natürlich zusammengelieheues Silber. Tie Gäste waren stets dieselben: Hedwins und Erikssons, eigentlich Svens Bekannte. Sollte getanzt werden, war stets erst ein ungemütliches Beiseitesetzen und Rollen der Möbel, und sollte gar das alte Sofa abgeschoben werden, fiel regelmäßig das eine Hinter- bein ab, pfui! llnd dann die Unterhaltung! „Es soll also getanzt werden, na, dann man zu! A la bonheur, wie der Deutsche sagt!" war Fritz Erikssons, des Kolonialwarenjünglings, stehender Witz. Tora fiel jetzt erst so recht auf, wie dürftig und alt- modisch der Mutter Kleid aussah, ein aufgearbeiteter schwarz- wollener Rock und eine Sammetbluse, welche sie wenigstens seit fünf Jahren fürs beste gehabt hatte, dazu eine kleine kunstvolle Haarfrisur, an Form fast einem Hahnenkamm gleichend. „Arme, kleine Mutter!" dachte Dora und nickte der Mutter verstohlen zu, die wie ein schmaler Bindestrich zwischen zwei dicken Damen saß und andächtig lauschte, wie diese mit ernster Wichtigkeit ihre Stammbäume durchgingen. Dora dachte in ihrem stillen Sinn darüber nach, ob diese Damen jedesmal, wenn sie sich trafen, ihre Stammbäume mit den Wurzeln umgrüben und umpflanzten oder ob eine gütige Vorsehung es so gefügt hatte, daß sie gerade bei dieser Umpflanzung zugegen war. Die schüchtere Fran Lejer warf hier und da ein Wort in die Unterhaltung, es hörte sich aber so eigentümlich verlegen an, daß man sofort merkte, daß sie keine tägliche Uebung in gebüdeter Konversation hatte. Doktor Lejer hatte an eineni Whisttisch Platz genommen, wobei er sich indessen ziemlich schlecht stand; er war zerstreut, finster und unbeholfen, ohne sich auch nur für einen Augen- blick zusammennehmen zu können. Während im Saal die Tische zum Souper gedeckt wurden, bildeten die jungen Leute einzelne Gruppen in den ver- schiedenen Nebenräumen. Dora. die sich überflüssig neben den andren fühlte, nahm ihre Zuflucht zu Fräulein Theresens Zimmer, in dem es still und leer war. Sie fühlte sich wohl in diesem künstlerisch eingerichteten Miniaturmuseum vornehmen Geschmacks, und sie schätzte die Menschen, welche einen kleinen Winkel im Hause, dem sie ihren Jndividualitätsstempel aufdrücken konnten, ihr eigen nannten, unbeschreiblich glücklich. Ilm halb elf Uhr wurde das Souper serviert. Die Oberstin ging mit ihrem liebenswürdigen Lächeln einladend umher, ihr folgte die Tochter, ebenfalls lächelnd und zufrieden aussehend, mit dem, was man den Gästen bot. Frau Lejer trat an Sven heran und fragte in leisem Tone: „Hast Tu den Hummer gesehen? Davon iß nur tüchtig, mein Junge!" Sven zupfte sie warnend am Kleide. Die Mutter verstand ihn. „Ja, da ist niemand, der uns hört!" sagte sie beruhigt. Jetzt kam Dora. „Steht nicht so allein für Euch und redet," bat sie,„das ficht so häßlich aus." Doch da brauste Sven auf. „Das geht niemand etwas an," erklärte er,„die haben Nichts mit uns zu thun." „Still," sagte die kleine Frau Luise beschwichtigend. „Hier seid Ihr ja, meine Lieben!" Die Oberstin klopfte Frau Lejer auf die Achsel.„Eßt vor allen Dingen, bitte! Na, in diesem Jahre macht wohl Günther sein Abiturienten- examen?" Tie Oberstin hatte anscheinend das Gefühl, daß sie etwas andres als: Bitte eßt! sagen müßte.„Und Du, Dora, womit beschästigst Du Dich jetzt?" „Ich helfe Marie Luise nähen." „Ja, das ist ja sehr nett. Nimm nun etwas Braten, Kind!" Sie segelte jetzt weiter, zu andren Gästen, indem sie sich Mühe gab, niemand zu vergessen. (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verboten.) fruriole Spcdalärztc» Das Specialistcntum gilt als eine Errungenschaft der modernen Medizin. Neu an ihm sind aber nur die vorzüglichen Leistungen unsrcr hervorragenden Augen-, Ohren-, Frauenärzte und andrer Specialisten. Tie Teilung der Arbeit auf medizinischem Gebiete ist an sich uralt. Es war dem Menschen von Anfang an zn beschwerlich, den Geist der Gesamtmedizin zu erfassen; viele Heilkünstler zogen es vor, sich auf ein enges, begrenztes Gebiet zn beschränken, und gerade die ungelehrte Volksmedizin zeitigte eine Fülle von Specialisten. Außer dem wirklichen Arzt teilen sich nach einem Bericht von Fosscl bei dem Baucrnvolk Stciermarks folgende„Specialisten" in die Praxis: 1. Ter Baucrndoktor oder Harnbeschauer, 2. die Doktorin, 3. die Hebamme, 4. der Bruchrichter oder Beinbruchdoktor, 5. der Chirurgus oder Barbicrer, 6. der Zahnreißer, 7. der Schmied, 8. der Abdecker, S. die Aderlaß- und Schröpf-Männcr und-Weiber, 10. der Abbeter, 11. der Krämer, 12. der Apotheker, 13. der Pfarrer. In anderen Gegenden sieht es nicht besser aus, vielmehr würde die Liste des Heilpersonals noch länger ausfallen. Prüft man vollends die Medizinalangelegenheiten der Natur- Völker, so findet man auf den llrstufen der Kultur eine solche Menge von Specialärztcn, daß man fast zu der Annabme geleitet wird, daß das Specialistcntum den Anfang der Heilkunde bildete, und Aerzte, die sich mit der Heilung aller Krankheiten befaßten, erst in späterer Zeit mit fortschreitender Bildung und beim Erwachen der wissen- schaftlichen Forschung auftraten. Tie Kaffcrn haben, wie Bartels in seiner«Medizin der Natur- Völker" berichtet, nicht weniger als acht verschiedene Arten von Doktoren. Der eine heißt„Doktor des Spatens", wobei man„zum Wurzelgraben" zu ergänzen hat. Er ist also, wie wir sagen würden, ein Kräuterarzt. Diese Herren Doktoren haben eine große Kenntnis von heilbringenden Kräutern, besonders gegen die Bisse der giftigen Schlangen und andren Gewürms. Sic geben nur Medizin und beschuldigen nicht der Zauberei, sondern sie meinen, die Krankheit käme von dem Uhili, der sich im Waffer aufhält. Anders die„Doktoren des Zumachens oder Verstopfcns". Sie verstopfen das Herz eines Menschen, der sich Hexereien zu schulden kommen ließ, damit er nicht an solche Sachen denke. Sic geben ihm Medizin und waschen ihn, �vofür der Behandelte eine Kuh schlachten und Vieh bezahlen muß. Gefürchtet sind die„scharfen Doktoren"; ihres Amtes ist, denjenigen herauszuriechen, der eine sckiadenbringende Hexerei ausgeführt hat. Diese Aerzte treiben vielfach Politik, stehen mit Häuptlingen im Bunde und helfen, unliebsame Personen zu beseitigen. „Zauberei" spielt in der Medizin der Naturvölker die Hauptrolle. Daneben kennt man aber vielfach auch wirklich nutzbringende Bc- Handlung. Ans der Insel Bali giebt es z. B.„Bauchdoktoren"; eigentlich sind sie Masseure, die durch Reiben und Kneten des Bauches Krankheiten zu beseitigen suchen. Zum Teil sind sie vernünftiger als manche Kurpfuscher-Masseure bei uns zu Lande, denn sie wenden ihre Künste nur bei aufgetriebenem Leibe an und befassen sich nicht mit dem Heilen andrer Darmleiden. Einen schönen Einblick in das Urspecialistcntum gewährt das Studium des Medizinalwescns auf der Insel Jong. einer der wichtigsten von den deutschen Karolinen. Darüber hat neuerdings der Rcgicrungsrat Dr. Born einen interessanten Bericht veröffentlicht. Danach befinden sich die einzelnen Aerzte von Jap in beneidenswerten Verhältnissen. Tie Natur, die große Nährmutter, giebt ihnen des Leibes Notdurft und Nahrung umsonst her und sogar noch etwas darüber, so daß sie ihren Beruf ganz nach ihrem Belieben, frei von allen Sorgen und Nebeneinflüsscn ausüben können. Eine Konkurrenz giebt es nicht unter ihnen, denn das ganze Gebiet ihrer Medizin ist in streng gesonderte Spccialzwcige eingeteilt, deren jeder in jeder der acht Oberhäuptlingsschaften seinen Vertreter hat. Der eine dieser Specialisten ist Hantarzt; beide kurieren mit Brei- oder Salben- Umschlägen, die sie aus verschiedenen Kräntern bereiten. Ein dritter hat eine etwas merkwürdige Spccialität; er bereitet allerlei schöne Tränke, die Jap schöne Kinder sichern sollen. Am interessantesten ist aber die Thätigkeit des Vertreters der Militärmedizin, des Kriegs- chirurgus. Jetzt muß er allerdings feiern, da seit Einführung der deutschen Schutzherrschaft auf Jap tiefer Frieden herrscht. Früher aber, als die einzelnen Ortschaften sich unaufhörlich bekriegten und blutige Speergefechte an der Tagesordnung waren, da blühte sein Handwerk; er hat gewiß auch nnt seiner Kunst manchem geholfen. den der Holzspeer des Gegners getroffen harte. Der Kriegschirurgus tritt schon bei der Mobilmachung in Aktion. Kugel-, hieb- und stichfest kann er die in den Kampf ziehenden Krieger nicht machen. Er ist viel zu klug und zu erfahren, um durch solches Gebaren seinen Ruf aufs Spiel zu setzen. Aber er giebt den Kriegern Medikamente, die vor den gefürchteten Leber- und Herzvcrletzungen schützen und Speerstiche weniger gefährlich machen sollen. In die Schlacht zieht auch der Knegschirurgns mit. Hat ein größeres Ge- secht stattgefunden und liegen viele Verwundete auf der Wahlstatt, so geht der Arzt zwischen diesen umher, im Munde den Schaft und die Frucht einer Pflanze kauend. Mit dem angesammelten Saft speit erden Daliegenden ins Gesicht. Bleibt jeder Reflex im Gesicht aus, so ist das für ihn ein Zeichen, daß er eine Leiche vor sich hat, an die er seine kostbare Zeit nicht zu verschwenden braucht. Kneift der so Be- handelte aber die Augen zusammen oder giebt sonst irgend ein Lebenszeichen von sich, so wird er aufgehoben und in Behandlung ge- nommen. Diese besteht zumeist in Umschlägen aus zerstampften Pflanzenblättern oder Ausgüssen, die innerlich genommen werden. Außer diesem Kriegschirurgus giebt es noch einen andren chirurgischen Specialisten für— Fricdensverletzungen. Bei diesem lernte Dr. Born ein interessantes Mittel kennen. Es scheint örtlich schmerzstillend zu wirken und besteht aus geriebenen Blüten und Stengeln der„Amrutsch", einer kleinen rötlich blühenden Pflanze. ES wird bei Knochcnbrüchen auf die verletzte Stelle gestrichen, damit der Verletzte bei Einstellung der Knochenenden keine Schmerzen ver- spürt. Auch sonst wird es gegen Neuralgie und rheumatische Affektion mit angeblich gutem Erfolg angewandt. Die andren zahlreichen Medikamente dieses Friedensarztes sollen hauptsächlich gegen die üble» Folgen des Sturzes von der Kokospalme beim Nüsseabpflückcn tvirken— einer Unfallverletzung, die in Jong sehr häufig vorkommt. Diesen im Lmide angesehenen Specialisten ist unerwartet ein Konkurrent entstanden in dem deutschen Regierungsarzt, der auf Jong sogar ein Krankenhaus für Eingeborene begründet hat, und sich eines großen Vertrauens von feiten der gutmütigen und helleren Bewohner der Insel erfreut. Er beherrscht natürlich alle Fächer der Medizin und heilt zum Erstaunen seiner farbigen Kollegen und Patienten alle Krankheiten. Einen Gegensatz zu diesen ehrlichen Specialisten von Jong bilden die Zauberärzte der Tonnilan auf Ceylon. Einer von ihnen war eines Leichenraubes beschuldigt. Man nahm bei ihm eine Haus- suchung vor und fand in der That die Leiche eines Kindes. Bei dieser Gelegenheit fiel der Behörde auch eine Sammlung von Rezepten in idie Hände. Es handelte sich in ihnen um die Herstellung schädlicher Mischungen und Gifte für alle nur denkbaren Fälle: um die Liebe eines Weibes zu erlangen, um eine Entzweiung zwischen dem Gatten und der Gattin zu bewirken, um von einem Dämon besessen zu machen, um Krankheiten zu verursachen, um den Tod eines Feindes zu veranlassen. In der beträchtlichen Sammlung von„Hausmitteln" war unter den zahlreichen Rezepten auch nicht ein einziges, um Krankheiten zu heilen I Eine indianische Specialität sind die„bellenden Aerzte" oder bessergesagt die„bellenden Aerztinnen", tveil die Kur zumeistvon Weibern ausgeführt wird. Sie pflegen die Krankheit hcrauszusaugen, und bei dieser Procedur heulen sie wie ein Hund vor dem Patienten und bellen stundenlang. Charakteristisch ist auch die häufiger wiederkehrende Ausbildung eines ärztlichen Specialistentums für Arm und Reich, Hoch und Niedrig. Bei den alten Peruanern gab es Aerzte, die sich mit dem gemeinen Volke nicht beschäftigten, sondern nur in den höheren Ge- sellschastsschichten, bei den höheren Beamten, den Priestern, den Inka praktizierten. Die Japaner, die jetzt so ausgezeichnete Aerzte. darunter tüchtige Forscher besitzen, hatten früher auch zwei Aerzteklassen: Volksärzte und Fürstenärzte. Die ersteren entstammten den unteren Klassen der Ackerbauer, Handlverker und Kausleute, die letzteren der ritterlichen Samuraikastc. Aber zu Fürstenärzten wurden nur die- jenigcn Samuraisöhne bestimmt, die tvegen körperlicher und geistiger Gebrechen untauglich zur Erlernung des Kriegerhandwerks waren; verwachsene, hinkende, sonst verunstaltete und schwächliche Nach- kommen. Natürlich empfanden die jungen Leute diese Standeswahl als eine Herabsetzung, und betrachteten ihren Stand ihr Leben lang als ein notwendiges Uebel und als eine jeder weiteren besonderen An- strcngung unwürdige Sinccure. Tie Siamesen haben noch heute nach diesem Muster mehrere Arten von Aerzten, wie die Aerzte des Königs, die Aerzte des Adels und die Aerzte des Volkes. Schließlich seien als kuriose Specialisten noch„die Träumer" auf den Andamaneir genannt. Sie rühmen sich der Eigenschaft, im Traume die Geister der Verstorbenen oder Kranken zu sehen und von ihnen Auskunft über Krankl�eiten und deren Heilung zu erhalten.— _ C. F a l k e n h o r st. Kleines f eirilleton. rz. Vergeßlichkeit. Das Dienstmädchen hatte dem alten Hand- werksburschen einen Teller Suppe hinausgereicht, den er nun auf der Treppe verzehrte. Dabei grübelte er über den Namen nach, den er soeben am Thürschilde gelesen:„Sentifaß" und darunter den Titel:.Schlossermeister". Das hatte etwas in ihm aufgeweckt, er wußte noch nicht recht waS. Der Name war gewiß selten— und doch Ivar er ihm schon einmal in seinem Leben begegnet. Aber wann? Aber wo?.Sentifaß,"„Sentifaß": der Alte murmelte es beim Löffeln seiner Suppe vor sich hin und schüttelte den struppigen Kopf. Es mußte schon sehr, sehr lange her fern.... Die Suppe war gegessen. Der Handwerksbursche saß noch immer auf den Treppenstufen, den leeren Teller im Schoß, und grübelte. In seinem Gedächtnis rollte sich der Faden der Er- innerung nur sehr unordentlich ab. Es wollte sich nicht ordnen zu klaren Gedankenreihen, aus denen er den Namen zu fischen gedachte. Es mußte ungeheuer viel dazwischen liegen, seit er ihn zum ersten, mal gehört. Plötzlich tauchte ihm blitzartig eine Situation aus seinem Reiselcben auf: Da saßen zivei junge Burschen im Walde, nahe bei der Landstraße, und aßen einen Hering, den sie sich im letzten Dorfe gekauft hatten. Den letzten Groschen hat er gekostet. Dem Grübelnden trat klar vor Augen, wie sie diese Mahlzeit geteilt hatten, wie der Fisch durchschnitten und wie dann geraten wurde: Rücken oder Schneide? Und der das obere und fetteste Stück er» wischte— das war Sentifaß. Ja, nun wurde es ihm immer deut- licher. Sie hatten sich in einer Herberge getroffen und waren, weil Berufskollegen, miteinander weiter gewandert. Schlosser— auch das war richttg. Das Dienstmädchen stand schon ein Weilchen in der Thür und beobachtete den Alten. Eh' der auch sein bißchen Suppe vertilgte! Das dauerte ewig.„Schlafen Se man»ich ein, Männeken!" Der Alte hob den Kops und lächelte:„Nee, Fräuleinchen. Es iS bloß— mir is da nämlich was eingefallen." Er stand auf und tippte mit dem Finger auf ihren bloßen Arm:„Sagen Se mal: Ihr Herr, das is doch so'n Schlanker mit'n schwarzen Schnurr- bart?" „Schlank?" Das Mädchen lachte.„Früher is er vielleicht mal schlank gewesen. Jetzt: keene Spur. Aber'n schwarzen Bart— ja, über und unter de Lippe." .«Es is nämlich'n alter Freund von mir." „Von Ihnen?" Sie musterte ihn von oben bis unten. „Erzählen Se mir man keene Märchens. Die Freunde von meine Herrschast haben andre Hosen an." Der Alte ließ den Blick an seinem Anzug hinuntergehen und murmelte etwas Undeutliches. Dann neigte er sich geheimnisvoll zu dem Mädchen:„Solche Hosen hat Ihr Herr auch'mal an- gehabt." „Was?" Sie sah ihn ungläubig an und wandte sich zur Thür— ein fester Schritt war aus dem Korridor hörbar geworden—: «Herr Senttfaß l" Ein großer schwarzbärtiger Mann trat in den Thürrahmen. „DaS will'n Bekannter von Ihnen sein." „Quatsch I" Sentifaß musterte den Alten geringschätzig. Der nickte ihm lächelnd zu:„Ja, ja l Wir war'n zusammen auf der Walze, alter Freund." „Walze?" Der Schlossermeister stutzte. Wie ein Erinnern ging's über sein Gesicht. Dann sagte er kalt:„Das is'n Jrrwm. Das wird woll'n andrer gewesen sein." „Nee, nee. Es is bloß schon lange her." Der Alte kramte wieder in seinem Gedächtnis.„So an die zwanzig oder dreißig Jahre. Da unten, nach'm Badischen'rein war's. Wir Beid' haben da zusammen im Wald gesessen und'n Hering verspeist. Und Du hast'n Kopf gekriegt— weiß ich noch wie heute." Er lachte und nickte vor sich hin. Dem Schlossermeister stieg's rot in das Gesicht:„Vor allen Dingen'mal nich so inttm, alter Junge! Schließlich erzählen Sie hier noch, ich Hab' mit Ihnen eingebrochen, was?" „Eingebrochen?" Der Alte schüttelte den Kopf.„Ach so! Nee, nee I" Er lachte auf.„So weit sind wir noch nicht. Aber ge- fochten— gefochten hast' mit mir! Ja!'n Hut hast in der Hand gehalten— wie ich heut' bei Dir. Ich Hab' Suppe gekriegt— ich dank' Dir schön." „Sttl bringen Se bloß keine Dinger auf!" Senttfaß war wütend.«Ich kenn' Sie nich. Damit basta!" Er wollte in die Thür. Der andre hielt ihn am Aerinel fest:«Heinrich! Nich wahr— Du heißt doch Heinrich!" „Es giebt'ne Menge Heinrichs." „Schon. Aber der andre Name. Und dam:: Schlosser. Ich bin doch auch Schlosser. Hab' Unglück gehabt, viel Unglück." Und als der andre teilnahmslos blieb:„Denk' doch'mal nach I Mützel heiß ich, Hermann Mützel!" „Kenn' ich nich I" Sentifaß sah mit kalter, fremder Miene über ihn hinweg. „Wir sind doch aber'n halbes Jahr bald zusammen getippelt!" „Wir?" Der Schlossermeister faßte ihn hart an.„Wir nich! Mann I Se wolln mich woll in Verruf bringen in mein' HauS? Vorwärts, marsch!" „Verruf?" Der Alte sah ihn verständnislos an.„Ach so. Bist'n großer Herr jetzt. Und Dein Hans? Sieh, sieh." Er nahm einen Rockzipfel seines ehemaligen Reisekameraden.„Feines Tuch." Dann hielt er eine Ecke feines verschossenen Jacketts da- gegen.„Das is'ne andre Sorte I Jaja, so is das Leben, Heinrich." „Also, was woll'n Sie von mir?" Sentifaß schrie's ihm fast in das Gesicht.„Ach so"— er griff in die Tasche. Der Alte faßte mit beiden Händen den Arm des andern: „Heinrich! Sag' mal: hast nich'n bißchen Arbeit für mich." Bittend klang's. „Nein!" Senttfaß schüttelte ihn von sich.„Für so'n alten Walz- bruder Hab' ich überhaupt nie Arbeit!" „So, so." Der Handwerksdursche trat einen Schritt zurück und sah nachdenklich vor sich nieder.„Für so'n alten Walzbruder..., ja, siehst, so sagt ein jeder. Und ich werd' immer älter dabei. Darum eöcit muß itü meine Suppe heut' noch auf der Treppe essen. Hast kein Pech gehabt. Heinrich Kannst in der Stub' am Tisch sitzen. Weißt nicht mehr, daß Du früher auch mal Deine Suppe auf der Stiege gelöffelt hast." Dem Schlosscrmcister traten die Augen vor, als er schrie:»Ich bin keinmal auf der Walz' gewesen, verstanden?" Er wandte sich zum Mädchen:„Der Kerl is krank: er phantasiert. Da!" Erdrückte dem Alten mit heftiger Gcvcrde ein Markstück in die Hand,„und nu mach, daß Du weiter kommst!" Damit vcrschand er im Korridor. Verwundert stand das Mädchen.„Daraus werd' einer klug!" Der Alte drehte das Geldstück in seinen Händen und besah es sich,„Ja ja, Fräuleinchen. Wenn der Mensch alt wird I ES is Vergeßlichkeit bei ihm. Bloß Vergeßlichkeit." lind vor sich hinkichernd, stieg er die Treppe hinab.— — Ein Dreckfink. Der„Kölnischen Zeitung" wird geschrieben ,,L'Agoiiie'i, ein Roman auS der Feder Jean Lombards, hat in den letzten Jahren in Paris und Frankreich einen ungewöhnlich starken buchhändlerischen Erfolg gehabt, der sich ausschließlich aus der Mode- schlvärnrerei erklärt die Sienkiewiez' ,. jetzt bekannt wird, Jean L o m b a r d selber jenen Brief an die Anklagebehörde geschrieben hätte.— Aus dem Tierleben. E n t e und Storch. Vor ein paar Jahren konnten mecklenburgische Ernte-Arbeiter während ihrer mühsamen Beschästi- gung eine ergötzliche Episode aus den: Tierleben beobachten. DaS Feld, auf dem gecrntet wurde lag unmittelbar an einem kleinen Flusse welcher� zu beiden Seiten mit niedrigen Gräsern und mit Schilf bewachsen war Schon lagen nach der FInßscite hin die Garben Reihe an Reihe, und Meister Langbein schritt graoitäti'ch daher, um seinen Hunger ar. den solcherorts häufigen Fröschen zu stillen. Da hörten plötzlich die Schnitter ein lautes, durchdringendes und dabei ängstliches Geschrei einer Ente, die im Schilf sitzen mußte Die Töne erschallten gerade aus der Gegend, wo der Storch in nicht zu großer Enffcrnung vom Flußufcr jagte. Ball gewahrte man auch die Ente lvie sie den Schnabel weit aussperrte um fort- während aus Leibeskräften schrie, während das Gefieder gesträubt war. Dabei verwandte sie keinen Blick von dem auf sie zu- schreitenden Storch. Je näher dieser ihr kam. desto unruhiger vurde das Gebühren der Ente Plötzlich schwang sie sich ans, flog gerades- Wegs auf den vermeintlichen Feind den Langbein zu und ivarf sich mit solcher Wucht gegen die Brust des Storches, daß dieser fast ras Gleichgewicht verlor und es unmittelbar darauf Vorzog, vor so einem gefährlichen Feinde das Feld zu räumen. Eine ge- räume Strecke davon ließ er sich wieder nieder, blickte etloas verwundert über diesen merkwürdigen Angriff um sich und ging dann seiner gewohnten Beschäftigung nach. Die Ente hatte das Feld behauptet. Sie guaktc anfangs noch so laut wie sie konnte, beruhigte sich aber bald und wackelte nun wieder dem Schilfe zu. � Das Ereignis hatte sich natürlich schneller abgespielt, als es sich erzählen läßt: höchstens ein paar Minuten hatte die Arbeit der Schnitter geruht. Nun aber drängte sich die Frage nacki dem Warum auf. Was hatte die Ente veranlaßt, einen so kühnen Angriff zu wagen? Eine Untersuchung des Uferschilfes sollte Klarheit schaffe»: man fand iricht weit vom Rande das Nest der Ente mit vollem Gelege. ES lvar klar: die brütende Ente hatte den heranschreircndcn Storch gewahrt und eine Gefahr für ihr Gcnist als bestehend erachtet. Zunächst hatte sie mit bloßem Schelten den Feind vertreiben lvolleir, und als dieieS nicht half, war sie zum thätlichcu, erfolgreichen Angriff über- gegangen Möglich ist auch, daß die Ente in dieser Beziehung schon trübe Erfahrung mit dem Storch gemacht hatte, daß ihr bei früherer Gelegenheit vielleicht auf solche Weise ein Gelege zerstört Ivar: denn daß der Storch sich dergleichen Räubereien zu Schulden kommen läßt. steht außer Zweifel. Interessant ist an dieser Beobachtung zweierlei: zunächst die Thatsache, daß ein im allgemeinen für dumm geltendes Tier wie die Ente von so tiefer Mutterliebe beseelt ist. daß sie eine derart gewagte Abwehr unternimmt- dann aber oich die Erkenntnis daß ein Tier, mag eZ auch noch so plump und unbeholfen scheinen. meist doch ein Mittel zur Hand hat. um selbst größere Feinde mit Erfolg aus dem Felde schlagen zu können.— („Nerthus".) Meteorologisches. — In der letzten Sitzung der Berliner Meteorologischen Gesell- schaft berichtete Professor S ü r i n g vom Meteorologischen Institut über die Ergebnisse des i n t e r n a t i o n a l e n W o l k e u- j a h r c s. Während eines ganzen Jahres wurden von den Obser- vatorien in Bossckop, PawlowSk, Upsala, Potsdam, Toronto, Blne Hill, Washington, Manila und Batavia täglich photogrammetrische Wolkenaufnahmen gemacht, um die Höhe und Geschwindigkeit der Wolken zu ermitteln. In Potsdam allein lourden 5500 Ausnahmen von Wolken in diesem internationalen Jahr gemacht, deren Ergebnisse der Vortragende in fesselnder Form erörterte. Die mittleren Höhen der einzelnen Wolken sind im Sommer höher als im Winter: so er- giebt sich die mittlere Höhe der Cirrus- oder Federwolken im Sommer zu 9240 Meter, im Winter zu 86bl1 Meter. Bedeutend niedriger sind dagegen die Cumulus- oder Haufenwollen; im Sommer beträgt ihre durchschnittliche Höhe 1770, im Winter IStX) Meter. Die höchsten Wolken erreichten bei Potsdam eine Höhe von 13 009 Meter, im nördlicheren Bossckop war die höchste Höhe circa 10 000. während sie in dem tropischen Manila 20 000 Meter betrug. Die Geschwindigkeiten der einzelnen Wollen sind sehr verschieden: am schnellsten beivcgen sich die höchsten Wolken: die Cirren init un- gesähr 20—25 Meter in der Sekunde: bei den niedrigen Wolken, den Cunrulis, ist die Geschwindigkeit im Durchschnitt nur etwa 10 Meter in der Sekunde, jedoch können auch hier erheblich höhere Werte erreicht werden. Die Dicke der Wolkenschichtcn beträgt im allgemeinen bei den Haufenwolken 300— 360 Meter, eine Ausnahme bilden die Gewitterwolken, die oft eine Mächtigkeit von mehreren Tausend Metern haben.— Humoristisches. — Im c r st c u S ch r e ck. Doktor(zum Bauern, der cinen komplizierten Schenkelbruch erlitten):„Ich fürchte, das wird ein langer Prozeß werden." Bauer:„Vroni. Du Go.nS, hast'leicht den Advokaten g'rufen, st a t t'n Doktor?"— — Seine Auffassung. Schwiegermutter:„So, die Mitgift behalten Sie und ineine Tochter schicken Sie einfach zurück ins Elternhaus!?" Schwiegersohn.„Na ja. ich hatte doch seiner Zeit in meinem Heiratsgesuch geschrieben: Nicht konvenierendes retour."— — Von der Schmiere. Direktor:„Nein, Balthasar. den König können Sie nicht in zerrissenen Stiefeln geben: wenn Sie keine halbwegs ganzen haben, müssen wir halt auf dem Theater- zettel den König als g' ch t k r Z n k ausgeben und die F ü ß e ein- Wickel lt."— tz.Meggendorfer Blätter".) Notizen —„Prinzessin Braut", ein vicraktiges Lustspiel von Haus T r d in a n n, ist vom Schauspielhaus zur Aufführung angenommen worden.— — Von der ö st reichischen T e n s u r. G e r h a r t Hauptmanns Drama„Die Weber' wurde in Graz vor. der Tensur freigegeben.— Auch Werkmanns„Liebes- s ü n d e n" dürfen im Wiener R a i in u n d- T h e a t e r aufgeführt werden,„jedoch muß die Hauptrolle des Pfarrers in die eines Bürgermeisters umgewandelt werden.— — DaS a'stc große Konzert der Wagner- Vereine (Dirigent Dr. Muck) findet am 16. November in der Phil« Harmonie statt. Zur Aufführung gelangen Werke von Berlioz, Liszt und Wagner.— — Siegfried Wagners neue Oper„Der Kobold", für deren Uraufführung anfangs Leipzig auserschen war, wird zu- erst im H a m b u r g c r S t a d t t h e a t e r, und zwar voraussichtlich schon im Januar, gegeben werden— — Der zweite Kunst erzieh ungStag in Weimar. Zu den Verhandlungen, die an drei Sitzungstagen programmmäßig erledigt wurden, hatten sich gegen 300 Personen, darunter viele Schulmümier und eine Anzahl Schriftsteller eingefunden. Die Debatten drehten sich um die künstlerische Erziehung der Jugend im Hinblick auf deutsche Sprache und Dichtung. Es wurden Vorträge gehalten über: Lesen, Vorlesen und mündliche Wiedergabe des Kunstwerks(Otto Ernst-Hamburg)— Der mündliche Ausdruck(Pfarrer Hackenberg)— Der schriftliche Ausdruck(Professor Diez-Stuttgarisi— DaS dichterische Kunstwerk in der Schule(Heinrich Hart und Professor Lchmann-Berlin)— Jugendschriftcn lWolgast-Hamburg)— Schüler- vorstellungcn(Theaterdircktor Löwenfeld-Bcrlin) u. a. Die Tendenz der Reden ging dahin: die Jugend zu lehren, Kunst zu sehen und genießend in sich aufzunehmen, weil die Kunst eine unentbehrliche Ergänzung des Lebens ist. In den Debatten thaten sich besonders die Volköschullehrcr herbor.— — Bei der Versteigerung de? Nachlasses des Prinzen Georg von Preußen, die dieser Tage in Berlin stattfand, wurden unter anderm für 300 Exemplare der Dichtungen d�S Prinzen neun Mark erlöst.— Uerantlvortl. Redakteur: Julius Kaliski in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagsanslall Paul Singer sc Co., Berlin SW