Mnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 207. Donnerstag, deir 22. Oktober. 1903 (Nachdruck verboten.) 16Z Kleinbürger. Roman von Elisabeth K u y l e n st j e r n a. Am Tage vor ihrer Abreise schien die Sonne wieder warm und lockend vcnn wolkenlosen Himmel herab. Die Baronin legte lieberschuhe und Wintermantel an und entschloß sich, zum letztenmal einen Sswziergang zu machen. Natiir- lich mußte Dora sie begleiten. Die Baronin nahm ihren Arm. und so wanderten sie den: Kurgarten zu. „Wie lwrbstlich es aussieht," sagte die Baronin. „Ja, sehr," antwortete Dora zerstreut. „Ja, bald haben wir Winter. Sie sind glücklich, Dora, das: Sie nicht vom Rheumatismus gequält werden. O, es ist eine schwere Prüfung, einen kränkliche» Körper zu haben." Das glrnchte Dora. doch ein tieferes Mitleid fühlte sie nicht, wie sie so angeklammert an diese gebrechliche, eingehüllte Körperruine ging, die sich mit allem, waS s i e entbehrte: Reichwin. Luxus, Vergnügungen umgeben konnte. „Nein, sieh da! Da kommt Kandidat—- Kandidat, wie hieß er doch noch, liebes Kind?" Dora hob hastig den gesenkten Kopf. „Kandidat Becker," sagte sie leise. Jetzt kam er ihnen entgegen, jetzt, da sie sicher nicht mit ihm würde sprechen können. War das nicht eine viel schlimmere Prüfung als der Rheumatismus der Baronin? Er zog artig den Hut, und die Baronin hielt ihn sofort an, indem sie sagte: „Güten Tag, Herr Becker, ich bin auf einem kleinen Spaziergang begriffen. Die Luft ist so milde und frisch nach dem Regen." „Ja, eS ist herrlich heute," stimmte der Kandidat bei und zog mit seinem Stock einen Kreis in den feuchten Sand. „Gut bekommen neulich, gnädiges Fräulein?" wandte er sich darauf hastig an Dora. „Danke, ja." „Ja, das tvar wirklich ein unvergeßlicher Abend für Dora; sie wird nie vergessen, wie gut Sie gegen sie gewesen sind, Herr Becker," sagte die Baronin mit einem feinen, gönnerhaften Lächeln. Sie wußte jetzt, daß der junge Becker der Sohn des Staatsrats war. „O bitte, da ist nichts zu vergessen," sagte er in einem Tone, der alle Komplinieirte zurückwies,„ich hoffe, Sie waren zufrieden mit dem Llbend, gnädiges Fräulein?" „Ja!" Er sah sie erstaunt an. So kurz und steif, wie sie ge- worden tvar, nicht eine Spur mehr von dem Enthusiasmus, der ihn am Ballabend so entzückt hatte. Er wartete ein wenig ungeduldig, daß die Baronin Adieu sagen möchte, denn Tantenkonversation war nicht nach seinein Geschinack. Sie erriet zwar seine Gedanken nicht, fürchtete aber, sich zu erkälte», wenn sie länger stehen bliebe, deshalb zog sie jetzt die rechte Hand ans den Falten ihres Mantels und reichte sie ihm zum Abschied. Dora konnte den Arm der Baronin nicht loslassen und grüßte darum nur mit einen: leichten Neigen des Kopfes, und so schieden sie. Am Abend schrieb Dora in ihr Tagebuch: „So jetzt ist der Sommer zu Ende und mein Traum mit ihm, dennoch habe ich etwas erlebt, toeini auch nur herz- tick: wenig. Ich war recht böse auf die Baronin, als sie sagte, daß ich nie vergessen würde, wie gut er gegen inich gewesen wäre— gut! Pfui, solch häßliches Wort! Ich glaube mit ihr, daß ich ihn nie vergessen werde, nein niemals. Es giebt sicher niemand auf der Erde, der so schön und klug ist wie er. Und nie ihn wiedersehen, sich durch einen ganzen, langen. öden Winter ohne irgend welche Abwechselung hindurch- schleppen. Meine Sommcrerinnerungen können nicht fünf, sechs langweilige Monate hindurch vorhalten." Die Feder glitt ihr aus der Hand, und große, heiße Thränen tropften auf das Papier: sie schluchzte wie ein Kind, das Trost in Liebkosungen und hoffnungsvollen Worten sucht, in ihrem Kummer lag kein unbezähmbarer oder langsam sich verzehrender Schmerz, sondern nur ein Gefühl, das den ver zweifelten Ausbnich einer unterdrückten Lebenslust hemmte. Mit demselben jZug wie die Baronin und Dora fuhren noch viele andre Badegäste, und Dora sah voller Neid die Abjchi edsbouquets der jungen Mädchen, hörte mit krankhafter Sehnsucht, wie sie einander versprachen, sich bald wieder zu treffen, und fühlte mit qualvoller, frühgereifter Gewißheit, daß sie nie so sorglos m die Zukunft würde blicken können. Das Signal ertönte, und der Zug setzte sich in Bewegung, bald eilte er in sausender Fahrt durch Felder und Wiesen. Die Baronin war in ihrer Ecke eingenickt, Dora dagegen sah init hellen, wachen Augen in die sonnenbeleuchtete Landschaft hinaus, und mit regem Interesse nahm sie jede Station in Augenschein: es konnte ja sein, daß es dort etwas zu be- obachten gab. Meistens waren es nur einige Bauern, die einstiegen, doch Dora widmete auch diesen ihre Aüfmerksanckeit. Sie nickte den Lkindern zu, die sich, den Finger in den Mund gesteckt und von der Sonne geblendet, an die Wände des Bahnhofsgebäudes drückten. Sie dachte sich schnell von jeden: lebenden Wesen, von den frierenden, kleinen Vögeln, tuelche müde von den Gartenzäunen aufflatterten, bis zu bei: wenigen Mitreisenden eine besondere Geschichte au?. Der Kandidat war fast vergessen und ebenso die Bitterkeit, die sie vorhin bei der Abschiedsseeue ergriffen hatte: es haftete noch die ganze schinetterlingSleichte Gemütsart der Jugend an ihr, die Kraft, Thränen nnt echtem Lachen zu vertreiben und den Trübsinn so schneit zu verscheuchen, wie der Frühlingswind die Wolken vom Maihimmel jagt. IX. Ein ganzes Jahr verging, ohne daß die Familie Lejer irgend welche Tage im Kalender rot anstreichen konnte: mau wendete die Blätter nur init einen: kleinen Seufzer dankbarer Erleichterung, daß die Sorgen des Monats zu Ende waren, um und schlug dann zagend eine neue Seite auf. Günther war der einzige, der Fortschritte zu inachen schien: er hatte schon sein medizinisches Voreramen in Lund bestanden, denn er hatte sich entschieden, Arzt zu werden, den Lehrerbernf hatte er während seiner GymnasinmSzeit und auch jetzt hin- reichend kennen gelernt, nn: einzusehen, daß er sich für denselben nicht eignete. Er schrieb kurze, energische Briefe an die Seinen, arm an Versprechungen und warmen Worten, aber männlich und zuverlässig in ihrer rauhen Einfachheit. Sven dagegen schrieb lange Episteln, in denen sich die. Hoffnungen den Platz streitig machten, so daß die Wirklichkeit kaum etwas andres als den Rahmen bilden konnte. Noch hatte er nicht viel Gehalt in den: Geschäft, wo er angestellt war, aber es würde besser werden, und dann würde er Geld nach Hanse schicken, darauf könnten sie sich verlassen. Wohl niemand außer der Mutter glaubte an diese Luftschlösser, für diese jedoch waren es feste Felsen, an welche sie sich mit aller Zuversicht der Mutterliebe klammerte. Doktor Lejers Blick war noch trostloser und müder als Vörden: geworden: er konnte lange Stunden, die Feder un- beschäftigt in der Hand haltend, an seinem Schreibtisch sitzen. Sie glitt nicht mehr über das weiße' Papier. Gustavs kleine nette Erzählungen blieben freilich nicht ans, wenn die Miete bezahlt werden sollte, doch war es die mechanische Arbeit eines Gedankenblinden, die man ans Mitleid in den Redaktionen, wo er bekannt war, nahm. Diese Frischte einer eingetrockneten Phantasie wurden indessen selten gedruckt: inan legte sie zu den Sammlungen und ließ sie bei einer Generalaufräumung in den Papierkorb wandern. Der äußerst empfindliche und zartfühlende Verfasser hatte dies gemerkt, und einen Augen- blick konnte dann eine Begierde, in ihm aufflammen, der Welt zu zeigen, daß er doch noch etwas tauge, daß seine Kraft nicht verbraucht sei. Er wollte ein Buch schreiben, eins, das die Kritik ehrfurchtsvoll unter die Meisterwerke der Litteratnr rechnen würde, und in diesen: Buch wollte er sein eignes Herz- blnt in Worte umprägen, welche die Nerven beben und die Augen Thränen vergießen machten. Er wollte aus dem Lebe n schreiben, wie noch keiner vor ihn: gethau hatte. Als er dann aber ans den weißen Bogen, diesen trivial leeren Bogen, der mit den Brandmale» der Bitterkeit angefüllt werden sollte, vor sich sah, wurde er plötzlich seiner eignen Erhitzung müde und sank schlaff und willenlos wie das zu Ende getriebene Pferd, bei dein keine Peitschenhiebe mehr fruchten wollen, zusammen. Tie kleine Frau Luise, rastlos thatig und beweglich wie immer, konnte nicht begreifen, was in Vater gefahren war. „Lieber Gustav, wenn ich es so bequem hätte wie Du. würde mir ordentlich wohl sein," sagte sie mit ihrer hellen Stimine,„ich verstehe nur nicht, wie Du so den ganzen Tag sitzen und auf ein Stück Papier starren kannst. Ich habe die Stuben gefegt, ich bin auf dem Markt gewesen, ich habe Kartoffeln geschält und fetzt will ich das Mittagbrot auf- tragen." (Fortsetzung folgt.) (Nnchdruck»erboten.) Oer letzte JNIajertätöbeleicUgiiTiga- prozefs in Cnglanci. Deutschland ist seinen beiden Hauptkonkurrenten um den Rang der civilisierlestcn Nation, Frankreich und England, unbedingt in einem über: in seinen Majestätsbclcidigungs-Prozesse». Das kann stiglich niemand bestreiten. Was unsre Nachbarn jenseits der Vogeien angeht, so sind diese gottlosen Menschen ja längst von ihren irdischen Behörden abtrünnig geworden und behelfcn sich ohne Majestäten. Und unsre Vetter» über dem Kanal haben zwar noch einen König; aber,»tag dieser auch eine gewichtige Persönlichkeit sein, so erfreut er sich doch keiner Ausnahmestellung durch einen besonderen Paragraphen, der sein Thun und Treiben vor iniszliebigcr Besprechung schützte oder gar eine Handhabe böte, nörgelnde Politiker selbst dann hinter Schloß und Riegel zu bringen, wenn sie gar nichts über ihn selber gesagt hätten, sondern die majestätsbeleidigende Absicht nur von Rechls wegen zuerkannt bekämen. Aehnliche Sachen sind in Etigland einmal dagewesen. Aber es ist schon lange her— mehr als ein Jahrhundert, und die letzte Haupt- und Staatsaktion der angedeuteten Art bedeutete zugleich das Ende der MajestätSbeleidigungs- Prozesse; denn sie ward vom englischen Volk als Angriff auf den Grundsatz der Meinungs-, im besonderen der Prcßfreihcit aufgefaßt und in einer Weise aufgenomnien, die den herrschenden Gewalten den Apvetit auf weitere Majestätsbeleidigungs-- Prozesse gründlich austrieb. Das war unter dem Urgroßvater des heutigen Königs von England, unter dem tollen König Georg III. Dies Beiwort wird ihm nicht etwa beigelegt, um ihn von vornherein zu ver- donnern, sondern im Gegenteil, um feine Person in milderem Licht erscheinen zu lassen durch den Hinweis auf die notorische Thatsache, daß er im Jahre 1788 tobsüchtig geworden ist. Er beruhigte sich dann im folgenden Jahre zwar wieder so weit, daß ihm die Zlvangs- sacke ausgezogen werden konnte. Aber die interessierten Schurken, die ihn für gesund und regierungsfähig ausgaben, belöget! das Volk. Er war schon längst wieder unter ständiger Bewachung, ehe er 1810 wegen offenkundiger Tobsucht definitiv unschädlich gemacht wurde und dann noch lange Jahre in der Nacht des Wahnsinns und der Blindheit ruhelos seinen Palast durchirrte, die Wände mit langen Staatsreden beschreiend, bis ihn 1820 der Tod erlöste. Dielen tragischen Ausgang im Auge, muß man bereits die Anfänge seiner Regierung, soweit er persönlich in Betracht kommt, unter dem Gesichtspunkt einer krankhaft veranlagten Natur betrachten, die zum Wahnsinn gelangte, weil sie über dem erfolglosen Ringen mit einer unlösbaren Aufgabe an allem irre ward. Die Aufgabe, die Georg sich stellte oder vielmehr von seiner herrschsüchtigen Mutter tind seinem intriganten Günstling, dem Grafen Bute, einreden ließ, war gigantisch, so gigantisch, daß sie vollständig unsinnig war. Wähnte der König sich doch zu nichts Geringerem berufen, als dazu, die geschichtliche Entwicklung Englands um hundert Jahre und mehr zurückzuschrauben. Er wollte die aus- schlaggebende Machtstellung, die das Parlament seit den Zeiten der Stuarts erworben hatte, wieder durch ein unumschränktes Königtum ersetzen. Dieses Ziel war natürlich unerreichbar: die grundbesitzendc Aristokratie konnte nicht durch den Absolutisums von der Herrschaft verdrängt werden, die sie durch zwei Revolutionen errungen hatte. Aber eme Zeitlang war Georg seinem Ziele recht nahe; denn die Mittel, die dazu verhelfen sollten, waren geeignet, wenigstens vorübergehende Erfolge zu sichern. Es ivard nänilich nicht versucht, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, sondern das Parlament durch sich selbst iimzubringen. Ein Bestechungs- systenl großen Stils ward organisiert, um die parlamentarischen Handlanger der Aristokratie im Unterhaus zu Werkzeugen der Re- gierung umzuwandeln. Um die Abstimmungen der Wähler wie der Abgeorditeten in ihrein Sinne zu lenken, verausgabte die Regierung unausgesetzt Millionen. Diese verschmitzte Idee war nun gewiß nicht in Georgs Hirn erwachsen, sondern ursprüngliches Eigentum der skrupellosen Clique, die ihn für ihre eigennützigen Zwecke vorschob. Seine eignen staats- männischen Gesichtspunkte waren, obwohl er sich mit allem möglichen, von der Gottesgelahrtheit und allen übrigen Wissenschaften bis zu den Uniformen des Militärs, eifrig beschäftigte, die des beschränktesten Gottesgnadentuins. Er hat sie eimnal eigenhändig in die charakteristischen Worte gefaßt:„Die Zeit fordert ein Zusammenwirken aller, die Gegner der Anarchie sind. Ich habe keinen andern Wunsch als das Glück meiner Unterthanen, deshalb muß ich die stir schlechte Menschen und für schlechte Unter- thanen erklären, die nicht fest entschloffen sind, mich zu unterstützen." Die selbstverständliche Konsequenz ist offenbar, daß ihm auch als „schlechter Mensch" erschien, wer sich etwa erftechte, seine allerhöchste Person irgendlvie abfällig zu kritisieren, daß er solche Majestäts- beleidigungen, wenn sie zu seiner Kenntnis gelangten, mit allen Kräften zu besttafen versuchen mußte. In den ersten drei Regiertlngsjahren Georgs, so lange Lord Bute selbst das Ministerium leitete, ist nichts derartiges geschehen. 1763 räumte Bute vor den allseitigen Anfeindungen plötzlich das Feld; freilich blieb er als rechte Hand Sr. Majestät das Haupt der geheimen Nebenregierung. Der Oeffentlichkcit gegenüber aber ward Grcnville Premierntinister. Seine erste große Aktion war die Einleitung des folgenschweren Majestätsbeleidigungs-Prozesses, der sich mtt dem Namen von Thomas Wilkes verknüpft. Thomas Wilkes war damals oppositionelles Mtglied des Unter- Hauses. In dieser Eigenschaft trat er aber wenig hervor, weil er nicht sonderlich redegewandt war. Um so gewandter handhabte er die Feder. Er war zu dieser Zeit der bekannteste Journalist Eng- lands; sein Blatt, der„North Brilon", geißelte die herrschende Korruptionswirtschaft in der rücksichtslosesten Weise und mit voll- ständiger Nennung der Namen der Dreckfinken, was vordem nicht üblich gewesen war. So war es zweifellos ein Racheakt der im ,?kord-Briten" an den Pranger gestellten Staatsretter, daß der König auf die Stummer 45 des mißliebigen Blattes wegen einer darin enthaltenen Krittk der Thronrede aufmerksam gemacht wurde, mit der am 18. April 1763 daS Parlament vertagt worden war. Die kräftigsten Stellen dieses Arttkels gingen dahin, daß die Minister, als die verantwortlichen Redakteure der Thronrede, damit„ein würdiges Beispiel ministerieller Unverschämtheit" gegeben, dem König„eine bewußte Lüge" in den Mund gelegt hätten. Die Krink stand, man sieht, durchaus auf dem Boden der konstitutionellen Lehre. Ebenso klar ist aber auch, daß sie einem Mann wie Georg als strafwürdige Majcstätsbeleidigung erscheinen mußte. In der That wurden nun Hinimel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Wilkes zur Berantwortung zu ziehen: und nicht ihn allein. Der Staatssekretär Halifax ließ einen vollständig fornilosen Haftbefehl gegen Verfasser, Drucker und Verleger von 9h. 45 des „Nord-Briten" los. Demgemäß wurden am 30. April außer Wilkes selbst, bei dem man gehörig haussuchte und Papiere mauste, an fünfzig Personen eingelocht. Wer Wilkes rief aus dem Tower die Hilfe eines ordentlichen Gerichts, des„Hofs für ge- wöhnliche Prozesse" an und setzte hier den einstimmigen Beschluß durch, daß die Verhaftung ungesetzlich sei. Wilkes ward unter großem Jubel des Volkes, das an der Sacae der persönlichen Freiheit lebhaften Anteil nahm, fteigelaffen. Er verfolgte seinen Vorteil, indem er den Unterstaatssekrctär Wood, d r den Halifaxschen Haftbefehl ausgeftihrt hatte, auf Schadenersatz verklagte. Das Gericht erkannte ihm IVOS Pfund(20 OÖO Mark) zu. obwohl der König den Generalstaatsanwalt der Krone mit der Verteidiguug Woods beaustragt hatte. Desgleichen bekamen die Drucker eine Entschädigung zuerkannt. Der Zoni war groß. Wilkes aber goß noch Oel ins Feuer, indem er alle bisherigen Nummern seines Blattes in einem Sammelband neu abdrucken ließ und saftige Be- merkungen hinzufügte, unter denen noch nicht die stärkste ivar, daß die Minister nur darauf erpicht seien, das Publikum zu plündern und die eignen Taschen vollzustopfen. Durch den ersten Hineinfall nicht gewarnt, beschlossen Georg und seine Leute, die Affaire aus allen Kräften weiterzubetteiben. Sie rechneten zunächst auf das bestochene Parlament. Hier ward denn auch eine Adreffe an die Krone beschlossen, die weitere gericht- liche Verfolgung des Mitgliedes WilkeS verlangte; außerdem ward dekretiert, daß Skr. 4ö des„Rord-Briten" als„falsche und umstürz- lerischc Schmähschrift" durch den Henker verbrannt werden solle. Das hohe Haus hatte bei letzterem Beschluß nicht mit dem Volke von London gerechnet, das in ungeheueren- Mengen erschien, als am 3. Dezember 1763 vor der königlichen Börse das papierene Auto-da-fö stattfinden sollte. Es entstand ein großer Tumult, wobei dem Henker die Str. 4ö entrissen ward und anstatt ihrer ein Unterrock und ein Stiefel in die Flammen flog: mit dem Unterrock war die Königin- Mutter, mit den: Sttefel(englisch: boot) Lord Bute gemeint. Kurz daraus wäre der ganze Handel ums Haar durch ein Ereignis aus der Welt geschafft worden, das bedenklich nach der Intervention einer irdischen Vorsehung schmeckte. Wilkes ward von einem früheren Beantten des Schatzamtes, Namens Martin, zum Zweikampf heraus- gefordert und iin Pistolenduell schwer verwundet. Das Volk war der Ueberzeugung, daß Martin, der ein Kunstschütze erster Güte ivar, vom Minislcritlnt gedungen worden sei, um an dem Majestäts- beleidiger seine Fertigkeit zu beweisen. Als ein unwürdiger Arg- wohn kaitn das jedenfalls nicht erscheinen, wenn man das weitere Verhalten der regierenden Klique betrachtet. Anstatt WilkeS' Gesuch gemäß das Verfahren bis zu seiner Herstellung zu sisttcren, betrieb man es mit besonderem Eiser, seit sich der Verwundete zu seiner Erholung und auch wohl, um dem Drängen seiner zahlreichen Gläubiger zu entgehen, gegen Neujahr 1764 auf den Kontinent begeben hatte. Schleunigst faßte am 19. Januar 1764 das Unter» haus den Beschluß, WilkeS als„Verfasser einer skandalösen und umstürzlerischen Schmähschrift" seines Mandats verlustig zu zu erklären. Und einen Monat später erkannte der hohe Gerichtshof der»königlichen Bank" iKinpfs beuch) zu Recht, daß Wille? der Ver- öffentlichung von Nr. 46 schuldig sei: da er nicht erschienen war, stellte ihn daS Gericht„außerhalb der Gesetze", wir Deutsche würden sagen, erklärte ihn in die Acht. Das war ja nun ein großer Triumph für König und Hof. Aber es war doch bloß ein Pyrrhussieg. Vier Jahre hielt sich WilkeS im Auslande ruhig, bis im März 1768 die Neuwahlen zum Unterhaus stattfanden. Da erschien er in England und bewarb sich um ein Mandat für die Grafschaft Middlesex, zu der London gehörte. Wie die Bevölkerung der Hauptstadt über den Fall dachte, ward an dem Wahltage klar. Das Volk umlagerte in großen Mengen die Wahl- lokale unter unaufhörlichen Hochrufen auf Wille», Nr. 46 und die Freiheit und wollte niemand hineinlassen, der nicht einen Zettel mit der Aufschrist„Wilkes und Nr. 46" am Hute trug. Das Voll war nun freilich nicht wahlberechtigt. Aber der kleine Kreis von Bevorrechteten, die unter dem System der„verfaulten Flecken" allein stinrmfähig waren, teilte in diesem Falle die Volksmeiimng: John Wilkes ward ohne Gegenkandidaten einstimmig gewählt. An: Abend und die folgende Nacht durch war ganz London festlich beleuchtet; wer nicht illuminierte, dem warf das Volk die Fenster ein. Auf dies Urteil der öffentlichen Meinung folgte dasjenige der öffentlichen Gerichte; denn der König hatte den gutgemeinten Rat seines Ministers Grafton, Willes zu begnadigen, sehr übel auf- genommen, und er schrieb nun, zwei Tage vor der Gerichts- Verhandlung, an sein gegenwärtiges Faktotum Lord North. Wilkes müsse unbedingt aus dem Parlament ausgestoßen werden. Am 27. April 1768 sollte die Gerichtsverhandlung über die Acht- erklärung von 1764 stattfinden; das Gericht vertagte aber seinen Entscheid und nahm Wilkes unter Ausschlagung einer Kaution in Haft. Die versammelte Menge war darüber so aufgebracht, daß sie dem Wagen, der Wilkes nach dem Gefängnis bringen sollte, die Pferde ausspannte und das Fuhrwerk im Triumph nach der City schleppte. Wilkes hatte Mühe, sich den Ovationen zu entziehen und im Gefängnis zu stellen. Den 16. Mai 1768 war die Parlamentseröffnung. Am Paria- mcntsgebäude pasfierte weiter nichts, als daß die Menge Hochrufe auf Wilkes und die Freiheit ausstieß. Anders vor dem Gefängnis, in dem Willes saß. Eine kolossale Menschenmasse war dort ver- sammelt, um Willes in Empfang zu nehmen, wenn er, wie man erwartete, zur Parlamentseröffnung freigelassen würde. Das geschah nicht. Infolgedessen bemächtigte sich der Menge so große Erregung, daß die Soldaten der Gefängniswacht mit Steinen beworfen wurden. Sie machten einen Ausfall/ verfolgten einen der Angreifer in ein benachbartes Haus und brachten hier in der Hitze anstatt seiner einen ganz Unbeteiligten, des Ramens Allen, ums Leben. Nachher gaben sie Feuer auf das Voll und streckten ca. 20 Personen nieder. Inmitten der allgemeinen Erbitterung über diese Blntthat erkannten die Leichenbeschauer bei Allen auf„Mord" als Todesursache und die Geschwornen fanden in dem darauf folgenden Prozeß verschiedene Soldaten des Mordes schuldig. Der König aber begnadigte und beschenkte sie, und der Kriegs- minister erließ einen Tagesbefehl, der dem Militär die Heldenthat voin 10. Mai als lobenswertes Muster hinstellte. Außerdem ge- langte zur Kenntnis des gefangenen Miltes ein«schreiben des Staatsekretärs Weymouth vom Tage vor der Parlamentseröffnung, das dem Vorsitzenden der Distriklsbehörden von Westminster aufgab, gegebenen Falles augenblicklich die bcreitgehaltene Soldateska herbei- zurufen. Der Wortlaut des Aktenstückes war so, daß fich ohne besondere Auslegungungskünste der Wunsch herauslesen ließ, ein Blutbad zu provozieren. In diesem Sinne besprach denn Willes auch die Urkunde, die er in seinem Blatte veröffentlichte. Dem Gericht der öffentlichen Meinung über die Machthaber folgte inzwischen wieder deren Quittung. Am 18. Juni 1768 fällte das obere Gericht unter dem Vorfitz des Oberrichtcrs Lord Maus- field über Wilkes das Urteil in Sachen seiner Majestätsbeleidigung von 1763: er ward für Nr. 46 des„Nord-Briten" zu 20 000 Mark Geldbuße und 10 ivionaten Gefängnis verknaxt, für die Drucklegung zweier anstößigen Gedichte zu loeiteren 10 Monaten. Die öffentliche Meiimng bedankte sich dafür, indem ein Plakat angeschlagen wurde und allgemeinen Beifall fand, worin es hieß;„Ihr seid ein Pack von Mietlingen und Schurken". Von dem königlichen Begnadigungs- recht war natürlich nichts zu merken; es machte aber eben jetzt von sich reden. In Middlejex mußte gerade eine Ergänzungswahl für einen verstorbenen Abgeordneten stattfinden, die auf einen Freund von Willes fiel. Bei den üblichen Wahltumullen hatte ein Anhänger der Regierung einen oppositionellen Wähler erschlagen. Die Ge- schwornen erkannten den Thäter des Totschlags schuldig. Der König aber begnadigte ihn. Allgemeinen Widerhall fand da die Frage, die ein vielgclesenes Blatt an die Minister richtete:«Wollen Sie, daß die Gnade der Krone nur Mördern zustatten komme?" Ungewarnt ging König Georg seinen Weg weiter: er wollte Wilkes aus dem Parlament ausgestoßen wissen. Das Parlament als „ein Pack von Mietlingen und Schurken" that ihm den Willen und stieß Willes am 3. Februar 1769 als den Verfasser von Nr. 46 des „Nord-Briten", der Gedichte und der Bemerkungen zu Lord Wey- mouths Brief aus dem Parlament. Die Herren hatten ihre Rechnung ohne die Wähler von Middlesey gemacht. Am 16. Februar 1769 ward Wilkes einstimmig wiedergewählt. Folgenden Tags setzte dann das Unterhaus seinen Gewaltakten die Krone auf, indem es Willes für unfähig erklärte, im derzeitigen Parlament einen Sitz einzunehmen. Am 16. März wählte Middlesex den Verfolgten zum drittenmal ein- stimmig wieder. Das Haus erklärte die Wahl für nichtig. Man verfiel auf den rettenden Gedanken, für die nächste Wahl am 18. April einen ministeriellen Gegenkandidaten aufzustellen. Der— ein Oberst Lutrell— erhielt trotz aller Wahlmanöver bloß eine minimale Stimmenzahl, WilkeS die ungeheure Mehrheit. Ohne sich daran zu stören, erklärte das Haus Lutrell für gewählt. Somit war Wilkes definitiv beseitigt. Da er auch seine 20 Monate richtig abbrummen mußte, so könnte es scheinen, als hätte der Majestätsbeleidigungs- feldzug der Machthaber einen vollen Sieg errungen. Das gilt aber nicht einmal im Hinblick auf die Person Wilkes. Als er aus dem Gefängnis kam, wählten ihn die Londoner zum Aldernian: schon als solcher brachte er dem Unterhaus eine schwere Niederlage bei. Bald wurde er Lordmayor und nahm 1776 ungehindert seinen Sitz im llnterhause ein. Und 1782, als inzwischen die Abenteuerpolittk Georgs IlX und seines Freundes North in Amerika volles Fiasko gemacht hatte, setzte er es durch, daß die Gemeinen am 3. Mai den Beschlutz faßten, alle auf die Affaire Willes bezüglichen Erklärungen, Befehle und Entschließungen als unkonstirutionell aus den Büchern des Hauses zu streichen. Viel früher war die Frage entschieden, ob der Majestäts- beleidigungsprozeß contra Wilkes Schule machen werde. Sie ward entschieden zu eben der Zeit, wo Willes für seine Majestäts- beleidigung brummte. Denn gerade da wurden die hanebüchensten Majestätsbeleidigungen in Menge straflos begangen, weil es nicht möglich war, den Geschwornen ein Schuldig abzuzwingen. Die Regierung hat es versucht— in einem der heftigsten Angriffe auf den König. I» den erregten Erörterungen, die an Nr. 46 des „Nord-Briten" anknüpften, hatte die allgemeinste Aufmerksamkeit ge- sunden eine Reihe voll beißenden Briefen, die ein Schriftsteller mit dein Pseudonym Juuius im„Public Adverttser" veröffentlichte. Die Jlmiusbriefe kritisierten das herrschende System in der schonungslosesten Weise und mit genauester Personalkenntnis. Dies kam da- her, daß ihr Verfasser aller Wahrscheinlichkeit llach ein hoher Beamter im Kriegsministerium war: Sir Philip Francis, ein Aristokrat vom reinsten Wasser. Den 19. Dezember 1769 erschien sein berühmter Brief an den König, der nach deutschen Be- griffen mit fünf Jahren Staatspension hinter Schloß und Riegel hätte belohnt werden müssen. Der Lord-Oberrichter machte in der That den Versuch, gegen den Drucker Woodfall wegen Majestätsbeleidigung vorzugehen. Aber er blitzte bei den Geschwonien total ab. Die beträchtlichen Kosten des Verfahrens mußte der König an sein Bein binden. Das war in England der letzte Versuch, neben die Freiheit der Peesse den Galgen der Majestätsbeileidigungs- Prozesse zu setzen. Wilkes war der letzte englische Journalist, der darum gebrumnit hat. Die Engländer find der Aufforderung c,- folgt, die in der Vorrede zur Buchausgabe der Junursbriefe an sie gerichtet worden war:„Laßt es in eure Seele geschrieben lein, laßt es eure Kinder sich einprägen, daß die Freiheit der Presse das Boll- werk aller bürgerlichen, polittschcn und religiösen Rechte des Eng- länders ist." Glückliche Vettern l— Dr. A. C o n r a d y. kleines fcinUeton. k. Eine Forschnngsreise durch Sachalin hat der Engländer Charles H. Hawes ausgeführt. Seine Mitteilungen über die eingeborenen Stämme auf Sachalin sind sehr interessant.„Die Be- richte von den cingeborenen Stämmen Sachalins und die Thatsach«, daß es die schlimmste russische Strafkolonie ist," erzählt er,„hatten mich gereizt, eine Forschungsreise dorthin zu unternehmen. Von Chabarowsk brachte mich ein Dampfer, der zwei Barkassen voll Ge- fangener schleppte, auf dem großen Amurflusse nach Nikolajewsk, einem Ort aus dem Kontinent, der unmittelbar gegenüber der Jnjel liegt. In Nikolajewsk sagte man mir, daß, ivenn ich auch die Jnjel erreichte, ich doch wahrscheinlich von entsprungenen Sträflingen er- schössen oder von Eingeborenen erschlagen werden ivürde. Nachdem ich mit einem Postdampfer nach Alexandrowsk übergesetzt worden war, der Hauptstrafkolonie der Insel, konnte ich nach Ueberwindung mancher Schwierigkeiten meine Reise fortsetzen. 60 Meilen weit ging es in einem rohen Gefährt, teils auf von Sträflingen gemachten Wegen, teils auf Waldwegen, bis ein dichter Wald weiteres Fort- kommen unmöglich machte. Ich hatte ein Zelt, Leinwand, Schub as (rohe Felle oder Schafsfellröcke), Nahrungsmittel wie Reis, Schwarz- brot usw. bei mir;' ferner zum Tauschhandel Knöpfe, Blättertabak. Ziegelthee, Schiehpulver, Zeuge, Nadeln, was den Transport wesentlich erschwerte. Man mußte den Spuren von Bären und andren Raub- tieren folgen, um vorzudringen. Die Hauptflüsse von Sachalin, der Tima und der Poronai, mit einem Lauf von einigen 300 Meilen, stellen die Verkehrsstraße der Eingeborenen vor, die im Sommer mit Kanoes, im Winter mit Hundeschlitten befahren wird. Im Tima- gebiet traf ich die ersten eingeborenen Gilaks, deren mongolische Züge ein toenig durch Tungllscnblnt verändert sind. Sie tragen ihr schwarzes Haar iil Zöpfen, und ihre mandschurischen Tuniken passen wenig zu den Mokassins aus Seehundsfellenz sie erinnern etwas an iwrdamerikcmische Indianer; ihre Begriffe von Geographie waren so beschränkt, daß einer von ihnen mir einmal anbot, mich in seinem Kanoe an das„Ende der Welt" zu bringen. Uebrigens war ich, da ich ganz auf die Kanoes der Eingeborenen angewiesen war, zu ungünstiger Zeit gekommen; denn alle Männer waren mit Fischfang für den Wintervorrat beschäftigt. Ich fragte zwei schwärzliche Gilals, ob sie mich zum näcksten Dorf bringen wollten, 2t> Meilen weiter. Nein! nicht für tausend Rubel wollten sie uns befördern. Llbet nach einigem Feilschen einigten sie sich auf „zwei Rubel die Nase", wie sie sich ausdrückten. Für diese„wohl- habenden" Leute, die eine Hütte, ein.üanoe und etwas getrocknete Fische besagen, war dieser Preisunterschied eine Kleinigkeit l Die Boetslente hielten ihr Versprechen, und am Abend hatten wir zlvanzig Meilen zurückgelegt und befanden uns im einsamste» Dorf bvn allen Strafkolonien, dessen Bewohner einen sehr unhennlichen Ruf hatten. Zwei Sträflinge ruderten uns in einem primitiven Boot loeiter, späterhin zwei Eingeborene. Tagelang fuhren wir so auf dem Flusse, und kampierten nachts auf sandigen Landzungen, deren einziger Ucbelstand mar, dag sie von Bären in Anspruch genommen Ivurde», die nachts zum Trinken und Fischefangen an den Flug kamen, lim uns vor den Bären zu schichen, verbarrikadierten«vir das eine Ende unsres hastig aufgeschlagenen SchubdacheS,— das andre Ende ivurde offen gelassen für den Fall rascher Flucht. Wir hätten die räuberischen Tiere durch grosse Wachtfeuer verscheuchen können, dach das hätte die grössere Gefahr mir sich gebracht, entsprungene Sträflinge, die durch Hunger zur Verzweiflung getrieben sind, anzulocken. Die Dörfer der Eingeborenen sind dieses Namens kanur lvert— fünf oder sechs Hütten. Einmal dauerte es drei Tage, bis wir überhaupt eine mensch- lichrc Behausung sahen. Das Bellen grosser Schlittenhunde und Reihe»' von Fischen, die in der Sonne dörrten, kündeten die Nähe eines Dorfes an. Tie Gilaks riefen uns vom Ufer aus in ihrer Sprache an und fragten:„Habt Ihr Tabak oder Ziegelthee?" Wir lvollte» unsrcr- feit? wieder wissen, ob sie Seehunds- oder Bärenfelle hätten und stiegen mit den Flinten in der Hand ans Land, gefolgt von bellenden Hunden. Die Hütten sind auf Pfählen erbaut, ausser tvenn ein hohe? Flussufer Schuh vor Wasser gewährt: man gelangt auf einer Leiter hinein, die nur aus einem Holzstück mit zwei oder drei Einkerbungen besteht. Als wir in die Hütte stolperten, stiessen lvir heftig a» die Querbalken de» Baues und au seltsame Gegenstände, die von ihnen herabhingen: die Wollen von Qualm, die die Behausung anfüllte». zwangen nnS, uns auf den Boden zu lagern. Endlich unterschied ich eine Matte von Fischhaut, die uns zu Ehren auf den Boden gebreitet war. Zwanzig Personen teilten in jener Nacht die Hütte mit uns. Ii. der Mite de» Raumes>var ein Feuer, darüber ein grosser Kessel. Während das Abendbrot bereitet wurde, wollte der Häuptling mein Gewehr untersuchen, lvobei es plötzlich losging: zum Glück war es auf keinen von uns gerichtet, und so durchbohrte die Kugel nur die Wand der Hütte: aber der Borfall erschreckte den armen Eingeborenen sehr, der sich auf den Boden NKirf und rief:„Es ist ein Teufel darin I" Das Mahl bestand auS getrockneten Fischen und unerträglich riechendem Seehundsthran: die Eingeborene» rissen die Fische in Stücke und steckten sie i» den Thran. Auch das dannssfolgeiide Waschen der Schüsseln war sehr wenig erbaulich; eine von den Frauen reinigte erst ihren Teller durch reichlichen Gebrauch der Zunge, scheuerte ihn dann mit Gras und rieb ihn dann an ihren— Mokassins glänzend. Die Hauptnahrung der Gilaks ist getrockneter Fisch, aber im Sommer können sie Heidelbeeren, Moosbeeren, einige Wurzeln und Eedemnüsse hinzufügen. In der That leben sie nicht viel anders wie ihr Feind, der Bär. In der Laichzeit der Lachse stiehlt dieser sich an den Fluss hinunter, frisst die Köpfe von 3t) bis ll) Lachsen und wirft das übrige lvcg. In der Regel stechen die Eingeborenen den LachS und errichten Reusen, aus denen sie die Fische mit Käschcrn fangen. Die Gilaks trocknen die Fische und bewahre» sie auf: die Qrotschons, ein nördlicher lebender Stamm niit viel Tuiigusenblut, haben eine bessere Räuchermcthodc, so dass sie nicht, wie die Gilaks, beim Konservieren von einem sonnigen August abhängig sind. Letztere fischen auch durch Eislöcher Dorsche, die zum Atmen an die Luft kommen."— Medizinisches. SN. Die Abneigung gegen d a S E s s e II. Eine richtige und vor allem auch genügende Ernährung gehört ganz selbstverständlich zu' den Grundbedingungen der Gesunderhaltung oder Gesundung des Menschen. Daher ist es wichtig, die Verhältnisse kennen zu lernen, bei denen sich ein Widerwille gegen das Essen einstellt, und zu erforschen, wie diesem Missstand am besten bei- zukommen ist. Dr. Mar Einhorn, Professor der Medizin in Nelv Uork. hat in der von Professor v. Lehden herausgegebenen„Zeitschrift für diätetische und physikalische Therapie" einen beachtenswerten Aufsatz über die Abneigung gegen Speisen lSitophobies, Abzehrung und deren Behandlung veröffentlicht. Die Sitophobic, also ein Zustand. wobei aus Furcht vor Speisen zu lvenig Nahrung eingenommen wird, einsteht gewöhnlich aus einer Angst vor Schmerzen oder anderen unaugenchinen Empfindungen, die nach den Mahlzeiten in den die Verdauung bewirkenden Organen anstreten. Die Kranken ziehen es mit Rücksicht daraus vor, uberhrncht nicht zu essen oder doch möglichst wenig Nahrung zu sich zu nehmen. Schliesstich kommen sie gewöhnlich darauf ab, nur noch Milch oder Fleischbrühe zu gc- messen. Die eigentlichen Ursachen der Zitophobie sind zahlreich und nicht leicht zu erkennen. Zu ihnen gehört ein über- empfindlicher Zustand der Magenschleünheit, der zwar zu leinen heftigen Schmerzen, aber doch zu recht unbchag- licbcn Empfindungen während der Rahrungsauftmhme führt. Nicht selten wird die Abneigung gegen das Essen auch durch eingebildete oder unrichtige Vorstellnngen'herbeigeführt, indem Kranke, die mit ihrer Verdauung nicht in Ordnung sind, sich vor dem Essen fürchten. Julius kaliskt in Berlin. um ihr Leiden nicht zu verschlimmern. Auch bei besondcm Krank- heften wie Gicht, Fettleibigkeit wird die Sitophobie häufig gefunden. Es liegt daher nicht so fern, diese Krankhcil für eine geistige zu halten, oder wenigstens ihren eigentlichen Ursprung in das Gehirn zu verlegen, wie es Dr. von Hösslin gethan hac. Einhorn deutet demgegenüber darauf hin. daß sich zweifellos die Abneigung gegen das Essen bei Leuten findet, die keinesfalls irgend eine Störung ihres Geisteslebens aufweisen, sondern nur als Folge einer ganz begreiflichen Furcht. Dennoch niuss der Arzt der Sitophobie stets entgegentreten, denn sie führt notwendig zu einer Entkräftung in höherem ober geringerem Grade. Die Entkrästnng ist auch ein ganz bestimmter Begriff für den Arzt, und man unterscheidet eine vollständige oder unvollständige Entkräftung. Eine vollständige Entkräftimg von kurzer Dauer(12 bis 24 Stunden) kommt häufig bor. z. B. bei Reisenden, die auf langen Wanderungen Hunger leiden müssen, oder auch im Gefolge freiwilligen Fastens. Die Erscheinungen dieses ZustandeS sind ausser den Anzeichen der Körperschäche nervöse Schmerzen, z. B. ini Kopf und Nacken, auch Schwindelgefiihl. Aus den Beobachtungen an den sogenannten Hungerkünstlern weiss man. dass der menich- ticke Körper hei vollständiger Entkräftimg»ock ebenso viel Sauerstoff ans der Luft aufnimnit wie im gesunden Ruhezustand; da er aber keine Ernährung von aussen her erhält, so lebt er blichstäblich von seinem eignen Fleisch und Fett, ohne dabei besonders zu sparen. Uebrigens scheint der Hungertod doch milder zu sein als der Durst- tod,»»eil das Hungergefühl nach etwa 2(1 Stniiden am heftigsten wird, dann aber verschwindet, während die Pein des Durstes bis zum Tode erhalte» bleibt. Das Ableben tritt als Folge des Hungers getvöhnlich auS einem Zustand tiefer Betäubung, zu- weilen allerdings auch unter Dilirien lind Krämpfen ein. Erwachsene können 12—20 Tage leben, ohne irgend etivas zu sich zu nehme», dagegen kann die Lebensdauer auf 40— 70 Tage gesteigert werden, Ivenn der Betreffende wenigstens Wasser zu seiner Verfügung hat. Bis zum Eintritt des Hungertodes verliert der Mensch etiva"/- seines Körpergewichts. Viel bedeutsamer, weil häufiger sind die Fälle imvolljtändiger Entkrästnng oder Unter- crnährnng. Diese findet sich durchaus nicht nur bei solchen Leuten, die aus Mangel an Mitteln zu wenig essen, sondern auch als Folge falscher Borstellungen über die nötige Nahrnngsaufnahine. Der Mensch innss täglich etiva vier Kilogramm oder etwa de» 15. Teil seines Körpergewichts durch Nahrnngsaufnahine ersetze», bei an- strengender Arbeit entsprechend mehr. Unvollständige Ernährimg und die daraus folgende Entkräftiiiig führt nach den Erfahrungen der Aerzte ebenso rasch zum Tode wie vollständige Enthaltung von Nährstoffen.~ HnmoristischeS. — Unter Schauspielern.„... Und wissen Sie, wieviel Lorbeerkränze man mir geworfen hat k „Natürlich weiss ich das: ich habe ja denselben Kranzlirferanten wie Sie!"— — Glänzende Aussicht.„Ihr Antrag. Herr Mandel- blüh, ehrt mich, aber können Sie auch meine Tvchrer ernähren?" „Ernähreil ist gut— ersticken soll sie im eignen F e t t! I"— — Kindliche Vorstellung.„Hast Du schon'mal Bauch- grimmen gehabt, Onkel?" „Freilich, öfter." „Das niuss Dir doch arg tveh thuii." „Warum?" „Weil Du so'n grossen Bauch hast."— („Lustige Blätter".) Notizen. — Bor den« Ende. Der Leipziger Schriftsteller Rudolf v. G o t t s ch a l l feierte unlängst seiiicli achtzigsten Geburtstag. Die �-chiller-Stiftuiig verlieh ihm einen jährlichen Ehrensold von 1«»00 M.; nun gewährte ihm auch der deutsche tkaiser eine Unter- stützuiig von jährlich 2000 M.— —„Zapfenstreich", ein vieraktiges Drama von Franz Adam B e y e r l e i n, geht am 30. Oktober erstmalig im L e s s i n g- Theater in Sccne.— — Max Halbes neues Drama„Der Strom" gelangt nächstens im N e u e n T h e a t e r zur Aufführung: Agnes Sorma, Emanuel Reicher und Eduard V. Winterstein spielen die Haupt- rollen.— — In Frankfurt a. M. fand Ja» Blocks dreiaktigc Oper„Die Meeresbraut" eine nur äusserlich freilndliche Aufnahme.— — Max Bruch s ,. D a in a j a u t i", Scenen aus einer indischen Dichtung für Sopransolo, Chor und Orchester, erzielte bei der Erstaufführung im Kölner G ü r z e n i ch- K o n z e r t nur einen Achtungserfolg.— — Der Argon-Gehalt der Luft. In der Pariser Akademie der Wissenschaften beschrieb M o i s s a n seinen neuen Apparat, mittels dessen er nachlvies. das; der Gchalr an Argon in der Atmosphäre von Paris, Berlin, Wien und Petersburg wie auf dem Montblanc volltommen der gleiche ist. Juniitteu des Atlantischen OceanS erwies sich die Luft argonreichcr.— — Druck Uli« Verlag: Borwärt» Bwtzdwi&rei und Deiiagitausiav Paul Hiiici»& Eo. Berlin SW