Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 208. 17] Kleinbürger. Freitag, den 23. Oktober. ( Nachdruck verboten.) Roman von Elisabeth Kuylenstjerna. Gustav Lejer fab sie mit dem mitleidigen, unbewußt überlegenen Blick, den er so oft für seine Frau gehabt hatte, an und erwiderte nichts. Sie verstand nichts von der rastlosen, nagenden Arbeit, welche an der Seele zehrt, langsam wie ein Wurm, der sich in eine Frucht hineinarbeitet; sie verstand nicht, daß dies weiße Papier ihren Mann zehnmal schwerere Gedanken kostete, als wenn die Feder blitzschnell darüber hingeflogen wäre und Zeile für Zeile mit den Worten gefüllt hätte, die sich nun als eine wirre Masse in seinem schmerzenden Gehirn drängten. Marie Luise saß wie gewöhnlich still und schweigiam bei ihrer Arbeit, während Dora rastlos nach Stellen suchte. Sie demütigte sich lieber, als daß sie sich mit der Näharbeit quälte, und stolz wie sie war, empfand sie es als Demütigung, auf Annoncen zu antworten, sich in Comptoiren anzubieten" oder sich in fremde Familien, wo es Kinder zu unterrichten gab, zu drängen. Man hatte daran gedacht, diesen Herbst umzuziehen, aber die alten Möbel waren so verbraucht und schäbig, daß man sich schämte und es fast für unmöglich hielt, sie fremden Augen preiszugeben. Außerdem währte es ja nur noch ein Jahr, bis Günther nach Hause kam, und dann war es wohl das flügste, die Wohnung zu behalten, wenn sie ihnen augenblick lich auch merkwürdig groß vorkam. " Nun, wie ist es Dir heute ergangen, Dora, hast Du Erfolg mit Deinen Bemühungen gehabt?" fragte Marie Luise freundlich, als Dora von einem ihrer Versuchsgänge heimkam. ,, Natürlich besetzt." Dora nahm rasch Hut und Mantel ab und schleuderte beides auf den nächsten Stuhl. " Hänge Dein Zeug doch gleich ordentlich auf dem Vorplay auf," sagte Marie Luise ruhig, Du weißt, daß Mutter sonst böse wird. Wenn Du wieder hereinkommst, will ich Dir etwas Nettes erzählen." ,, sage es erst, bitte! Ist es wirklich etwas Nettes? Nein, Du hast mich nur zum besten." ,, Nein, gewiß nicht, liebes Kind. Eile Dich nur!" Wie ein Wirbelwind war Dora hinaus und wieder herein, mit dem Knie auf einem Stuhl und mit dem Ellbogen über die Lehne. „ Nun, Ri Lu?" „ Nils kann Dir vielleicht eine Stelle bei einem Bekannten seines Vaters verschaffen." ,, Vielleicht! Was ist der?" „ Großhändler. Du solltest so lange eine Volontärstelle bekommen. Es ist kein großes Comptoir, nur zwei Buchhalterinnen, das eine der jungen Mädchen hat nun eine andre Stellung bekommen, so daß ein Play frei wird." Wann meinte Nils, daß es sich entscheiden könnte?" " In acht, vierzehn Tagen. Du müßtest natürlich zu dem Herrn gehen und mit ihm sprechen." ,,, wie himmlisch das wäre! Fünfzig Kronen im Monat, wenn man zu brauchen ist, das ist doch etwas andres als sich hier mit Nähen abquälen. Arme Ni Au, wußte Nils nichts für sich selbst?" " Nein." " 1903 ,, Du kannst ja nicht dafür," sagte Marie Luise und neigte ihr bekümmertes, bleiches Antlitz über die Arbeit. Sie fing an, alt auszusehen, trotzdem sie blond war; die Sorge zieht nadelfeine Linien, vereinzelt sieht man sie nicht, doch wenn sie von Tag zu Tag zahlreicher werden, bilden sie endlich das Netzwerk, hinter dem das Alter steht. Am Abend hatte Marie Luise etwas bei Hedwins zu fragen. Obwohl sie sich hier jetzt heimischer als vordem hätte fühlen müssen, da sie ja so gut wie zur Familie gehörte, geschah gerade das Gegenteil; fie merkte, daß sie nicht so willkommen war, daß sie störte und als Eindringling betrachtet wurde. Karin kam und öffnete. ,, Nein, sieh da, Marie Luise, bist Du noch so spät aus? Tritt ein!" Karins Augen blitzten unfreundlich unter dem Pincenez, und das farblose Gesicht nahm einen fühlen Ausdruck an. " Danke," sagte Marie Luise, ich wollte Dich nur bitten, mir das Muster zu Deinen Nachthemden zu leihen, die saßen so gut." " Ja, das kannst Du natürlich bekommen. Willst Du nicht ablegen?" ,, Danke, einen Augenblick, ist Nils zu Hause?" „ Ja. Das wußtest Du wohl." „ Nein," sagte Marie Luise fast demütig; sie fühlte sich den scharfen Reden der Schwägerinnen gegenüber immer wehrlos. Die beiden Mädchen schritten durch das kleine, dunkle Eßzimmer in das große, gemütliche Arbeitszimmer, das zugleich als Wohnraum diente. Die Lampe mit ihrem großen Schirm aus hellgelbem, gefaltetem Seidenpapier war auf dem runden Tisch vor dem Sofa, auf dem Frau Hedwin saß, angezündet. Neben ihr lag ein ganzer Berg Strümpfe, die gestopft werden mußten. Laura faß in einem der altmodischen Lehnstühle mit einer fleinen Häkelarbeit in der Hand, ihr gegenüber saß Nils, die Beine von sich gestreckt, zufrieden, ein wenig rot, vielleicht von der Wärme im Zimmer, vielleicht auch von dem Glas dampfenden Eiergrogs, das vor ihm auf dem Tische stand. Er half unverkennbar Karin Schreibhefte korrigieren, ein ganzer Stapel blauer Bücher lag neben ihrem Plaze. Sie hatte etwas heftig ihren Stuhl vom Tisch abgeschoben, als sie hinausging, um zu öffnen, wie jemand, der sich unangenehm überrascht von einem scharfen Wigton in einer voll harmonischen Melodie findet. Und der arme Mißton, Marie Luise, erfaßte mit peinlicher Klarheit ihre Stellung. Ani meisten quälte es sie, wie Nils so langsam und müde aufstand, und wie sich der gutmütige Ausdruck in seinem Gesicht einen Augenblick in einen gespannt unruhigen verwandelte. O, sie wußte so wohl, was das bedeutete: er fürchtete das Mißfallen der Seinen. ,, Guten Abend, liebe Mutter," sagte Marie Luise mit eigentümlich verschleierter Stimme, verzeih, daß ich so spät komme, aber ich wollte mir ein Muster von Karin leihen, ich gehe gleich wieder." O, Du hast es doch wohl nicht so eilig, liebes Sind," fagte Frau Hedwin mit ihrer sanften Stimme, meine Strümpfe sollen Dir Platz machen, damit Du hier im Sofa fizzen kannst." " Ja, und hier ist auch Play," sagte Laura, die sich erhoben hatte.„ Du kannst Dich mit uns auch wohl ein wenig unterhalten." Nils hatte seine Braut hastig aber innig in die Arme geschlossen, und als sie seinen Arm treu um sich geschlungen fühlte, wurde sie wieder zuversichtlich; fie fonnte es nicht Lassen, ihm liebkosend mit der Hand übers Haar zu streichen " Ich finde, daß Laura und Karin in letzter Zeit so und ihre Wange an seine zu schmiegen. Er mußte sie erst sonderbar geworden sind, ist Dir das nicht aufgefallen?" Ich weiß nicht, was Du damit meinst." „ Nun, sie sprechen immer davon, wie nett Nils früher gewesen wäre, und daß die Brüder nie heranwachsen müßten, denn dann entfremdeten sie sich ihrer Familie. Und neulich, als ich ihnen einen Gruß von Günther bestellte, gratulierte Karin mir, daß ich keinen verlobten Bruder hätte. Doch, Marie Luise, verzeih mir, jetzt habe ich sicher eine Dummheit begangen und Dich verstimmt gemacht O, das wollte ich doch ganz gewiß nicht! Liebe, gute Ni Lu, sei mir nicht böse!" .. mit seiner Stimme in die Wirklichkeit zurückrufen, nachdem die Mutter schon ein paarmal gefragt hatte, wie es den Ihren daheim ginge. Marie Luise beantwortete min diese Frage und setzte sich dann in die Sofaecke, so nahe wie möglich an Nils Stuhl heran, indem sie ihre kleine, magere Hand auf sein Knie legte. „ Es ist wohl das beste, wenn ich meine Bücher zusammenpace, denn jetzt hat Nils ja doch keine Zeit, mir zu helfen," sagte Starin mit einem Lachen, das natürlich klingen sollte, 830 der aber so bitter und hart herausfam, daß man all der Unwiffen Zwei Romane. darin widerklingen hörte, der bei dem Gedanken, daß Nils, ihr Stolz und ihre Freude, von ihnen gehen sollte, in ihr gärte. doch, wir önnen ja alle beide helfen," sagte Marie Luise freundlich bittend. das Das turbulente Kampfgeschrei der Schaffenden in der Litteratur von gestern ist versiegt. Die Schlagwörter- Aera scheint überwunden. Die Jemen find totes lebe der Jsmus! Das gegenwärtige Dichtergeschlecht verhält sich still. Man zehrt vom Gewordenen. So ,, Nein, danke; Verlobte will ich nicht belästigen." ganz umsonst war der Naturalismus und Realismus eben nicht. Er Karin raffte ihre Schreibhefte zusammen, und Marie wars, der dem socialen Gefühl in unsrer Litteratur Und Luisens Hand glitt von Nils Knie herab, doch er erfaßte sie Heimrecht erkämpfte. dieser Umstand zwang die junge Generation, mit schnell und sagte in hartem Tone zu der Schwester: engere Fühlung dem Volke zu nehmen. 3 blieb allerdings nicht so, wie es „ Du magst es gern lassen! Uebrigens ist es auch wohl ben Anschein hatte. Man konnte zu leicht in den Verdacht nicht so eilig mit dein Plunder. Versuche jetzt lieber, etwas kommen, die Litteratur zu verproletarisieren. Den Neoromanticismus liebenswürdig zu sein!" erfanden sich die einen; den Namen Heimatskunst die andern. Jener Danke für die Ermahnung!" entnimmt dem Romanticismus derer um Novalis das Element des Laura saß steif und stumm und häkelte. Die Unter- Binderbaren Die Unter- Widerbaren, Ahnungsvollen, Ueberschwänglichen; diese, offenhaltung, die man pflichtschuldigst einzuleiten versuchte, ging bar die gesündere von beiden, gräbt nach den Wurzeln immer wieder in die Brüche. Nur Frau Hedwin selbst blieb urfräftigen Menschentums, wie es nach Gemüt Wesen doch nur fich gleich, freundlich und vermittelnd. eben der heimatlichen Nährscholle sprießen kann. Solche Individuen in ihrer Kraftfülle zu zeigen, ist jedenfalls gut. Nur muß darüber nicht vergessen werden, sie auch zugleich von der örtlichen Umgrenzung loszureißen und im geistigen wie ethischen Kampf mit der großen Umwelt, zu wissen. Im Roman macht sich dies Bestreben bereits geltend. Die volle Tragik des Menschenlebens erfährt hier eine besondere Vertiefung und von diesem Kern heraus entwickelt sich ein bürgerdieser Art find freilich noch sehr wenige. Aber der ernſteſten liches Epos, das tiefgründige Sunst zu geben scheint. Schriftsteller Später, nachdem man zu Abend gegessen, begleitete Nils Marie Luise natürlich nach Hause. Wie glücklich Du bist, daß Du einen Bräutigam hast," fagte Laura draußen im Flur, wo sie leuchtete", während die beiden ihre Mäntel anzogen. Ich mußte gestern um diese Zeit allein von Södermalm heimgehen." " Das Mädchen hätte Dich ja abholen können," sagte Nils furz und öffnete die Thür, adieu so lange." ,, Adieu, adieu! Muß ich zuschließen?" des und und entauserwähltesten einer unter den Berufenen ist doch Wilhelm Hegeler. Dies war eine sogenannte zarte Ermahnung, daß Nils In ihm scheinen sich alle Erwartungen eines modernen Epifers bald zurückkommen sollte, aber er achtete nicht darauf. großen Stils zu erfüllen. Er zersplitterte sich nicht, indem er den Sobald Marie Luise und er auf die Straße gekommen Ehrgeiz zeigte, auch auf dem Felde der Lyrik und des Dramas waren, schmiegte sie ihren Arm in den seinen. Sie merfte dieser Fata morgana des rajchen ideellen und besonders materiellen weder etwas von dem Sprühregen wie von dem Herbstschmutz, Erfolges, der doch die meisten nachziehen Lorbern zu ernten. der bei jedem Schrift an ihren Füßen flebte. Jetzt war sie Gr fonzentriert seine ganze Straft auf den großzügigen Menscheneine Weile alleinige Besiberin ihres Glückes, mit niemand, roman, in welchem sich noch weit mächtiger als im Drama niemand brauchte sie es zu teilen, und bei diesem Gedanken Segeler den Ausgangspunkt. Sechs Bücher Romane und Novellen das Geficht der Zeit offenbart. Vom Naturalismus nahm schmiegte sie sich noch inniger an ihn. hat er bisher gegeben. Sonnige Tage" und namentlich sein vorletter Roman Ingenieur Horstmann" zeigten den Dichter bereits auf dem Wege, dessen Ziel er nun mit seinem Pastor Kling hammer"*) erflommen hat. Pastorengeschichten sind ja genug geschrieben worden. Entweder waren es frömmelnde Pfarrhausidyllen oder aber nur lezzthin und nur in vereinzelten Fällen Verwünscht, daß man so arm ist," brauste Nils auf, ,, es ist unerträglich, sowohl für Dich wie für mich, alle diese Anspielungen zu ertragen. Ich glaube wahrhaftig, daß ich zum Frühling doch nach Amerifa gehe." „ Ohne mich?" " Es lag ein berhaltener Angstschrei in diesen beiden amtliche Konflikte, die, behutsam allerdings, gestreift wurden, Worten. " Ja, liebe Kleine, das versteht sich doch von selbst." " Nils, wie kannst Du so denken und sprechen. Ich würde gern das Doppelte leiden, wenn ich Dich nur behalten darf. Nini, geliebter, Kleiner Nini, werde nicht abtrünnig!" tändelte sie. Er schwieg. ,, Nini, bist Du böse?" ,, Nein, aber es ist mir so entsetzlich über." Er wurde leicht unfreundlich, wenn er seine wärmeren Gefühle verbergen wollte; das Ungeschliffene seines Charakters fam dann mit einer Brutalität hervor, die Marie Luise beben machte. Was ist Dir über, Nils?" und aus denen der jeweilige pastörliche Gotteszweifler als reuemütiger Sünder in den Schoß der alleinfeligmachenden KirchenRoman. Nicht der Geistliche interessiert hier, sondern der Mensch an sich. gläubigkeit wieder zurückkehrte. Nichts von alledem in Hegelers Das ist das besondere. Ohne daß es der speciellen Absicht oder Betomung von Dichters Seite bedurfte, wird hier an Pastor Klinghammer der Beweis gegeben, wie schwer es der menschlichen Kreatur wird, im Schafskleide erzwungener Tugend einherzugehen. Mensch bleibt Mensch trotz Beffchen und Talar. Wer ein Heuchler war, bleibts. Wem verbrecherische Triebe der Leidenschaft, des Hasses, zufällig den Rock eines Priesters trägt, sondern weil er als Mensch der Lüge in die Seele gesenkt waren, der wandelt sich nicht, weil er gefehlt und gesündigt, weil er als Mensch die Gebote des Menschenrechts überschritten hat und uun Einkehr in seinem Gewissen hält. Es ist einem beim Lesen, als sei man in seinem Leben schon manch einem Pastor Klinghammer begegnet: so furchtbar Ihre milden, traurigen Augen versuchten ängstlich wahr hat der Dichter diesen Mann in allen intimsten Seelenforschend in seinem Antlitz zu lesen. War er ihrer über- verfassungen und Charakterzügen aufgefangen und vor uns hindrüssig? " Das habe ich ja eben gesagt: der Zant und Streit zu Hause." Marie Luisens fleines, blaffes Gesicht leuchtete auf, und sie klopfte ihn mit ihrer unbehandschuhten Rechten auf den. Arm. " Sei nicht so ungeduldig, mein Freund, wir wollen warten und hoffen, und ich ich will zu Gott beten, Nils. Siehst Du, ich glaube so fest an ihn und hoffe so sicher, daß er uns helfen wird. Wenn Du auch beten könntest, Nils, aber ich weiß ja, daß Du das nicht kannst, und es ist vielleicht viel größer und männlicher ohne Glauben zu leben, aber ich fühle mich so gekräftigt durch das Gebet. Du bist deswegen nicht böse auf mich, Nils, Du findest mich nicht kindisch und albern, nicht wahr?" " Nein, mein kleiner Liebling, bete Du nur für uns beide," sagte er gerührt, wenn auch mit einem Anflug zum Scherzen. Ich würde dem lieben Gott dankbar sein, wenn er nicht mehr so lange mit seiner Gebetserhörung warten wollte." ( Fortsetzung folgt.)] gestellt. Ein bewunderungswürdiger Realismus, der, das ist diesmal That, doch auch in demselben Maße in die Tiefe tauchte und so zugleich das erhebende Bewußtsein von einer wirklich künstlerischen echtes dichterisches Gold heraufbrachte. Die Handlung des Romans spielt in Hessen und im Wupperthal. Streng genommen dreht sie sich um das Klinghammersche Ehepaar. Diese beiden Menschen sind die büßenden Schuldigen und die fühnenden Helden. Zwischen sie ist ein lebendiges Schicksal geworfen. Das ist des Pastors Bruder, ein wegen Schulden entLassener Lieutenant. Beide Brüder stehen feindlich zu einander. Es Offizier, ist ein Mensch mit bedeutenden förperlichen Vorzügen, wie war ja schon seit Jugendzeitent so gewesen. Friz, der verkrachte Offizier, ist ein Mensch mit bedeutenden törperlichen Vorzügen, wie aber mit faulem Stern. Der Pfarrer war von jeher zart und schwach namentlich auf Frauen bestechlicher, wenn auch brutaler Männlichkeit, und leicht verletzlichen Wesens. Schon als Knabe wähnte er sich überall zurückgesetzt. Es war nicht ganz ein Wahn; um so be greiflicher also, daß auch noch der Mann in sich den tiefsten Groll und Haß, den er gegen den Bruder schon seit Jugendtagen genährt hatte, weiter trug. Einmal hat er diesem die Schulden bezahlt und gleiche zu thun. Der Lieutenant mußte quittieren. Da brannte die ihm so die Karriere gerettet. Das zweite Mal weigerte er sich, das Feindschaft auf. Eine scheinbare Versöhnung kommt zu stande, als Frizz Fräulein Krall, die reiche, schöne Apothekerstochter, von zwei Strolchen, die das Mädchen im Walde überfielen, errettete, aber von jenen übel zugerichtet, wochenlang zwischen Tod und Leben rang. Indessen, das das friedliche Einvernehmen *) Verlag von Egon Fleischel u. Co., Berlin.( Preis 6 M.) 831 " " ist nur ein scheinbares. Innerlich betrachtet der Pastor den Bruder Auch der zweite Roman Die stumme Mühle"*) von nach wie vor als seinen Feind. Und zwar aus plausiblen Gründen. Otto von Leitgeb darf in gewisser Hinsicht auf jenes Ist jener doch sein Rivale. Beide lieben Marianne, die Apothekers- Prädikat Anspruch erheben. Freilich nur bedingungsweise, wie mich tochter. Sie wird des Pastors Weib. Sie gab ihm den Vorzug, bedünken will. Sein Charakter ist eben ein völlig verschiedener. weil sie ihn himmelhoch" über den Lieutenant stellt, obwohl dieser In ihm überwiegt ein zu üppig wucherndes lyrisches Element die ihr Lebensretter gewesen. Grollend verläßt der Verschmähte das eigentliche Handlung. Wenig geht da vor, fast zu wenig. Vier Haus, nachdem er dem Pfarrer einen Schlag ins Gesicht versetzt Menschen sind es, um die sich alles dreht: ein junges Ehepaar in hat. Diese Schmach wird und muß einmal gerochen werden der stummen" Wassermühle und ein Geschwisterpaar, als bewenn auch nach Jahren. Man hat bei der Wesensart des Geist- freundete Gutsnachbarn. Jene beiden passen nicht zusammen. Der lichen dies Gefühl. Man ahnt, daß einst etwas Furchtbares geschehen Müller ist ein unternehmender Geschäftsmann, die Frau von allzu werde. Vorerst ist das junge Paar glücklich, wie nur zwei Menschen feiner, fast ätherischer Artung, mit dem Keim eines frühen Todes es sein können, die sich in wahrer Liebe verbanden. Das winterlich im Herzen. Bu ihr fühlt sich der Gutsnachbar, ebenfalls eine zartverschneite Pfarrhaus ist ihre Welt. Aber nicht lange. Der Pfarrer befaitete Natur, ein Dichter, magnetisch hingezogen. Kurz vor ihrem müßte fein Klinghammer sein. Voll Priesterzornes waren ja seine Ende gesteht er ihr seine schwärmerische Liebe. Mit diesem stillen Vorfahren immer gewesen. Wie sollte da der Sohn und Entel aus Glücke beschließt die Frau, die einer südländischen Blume verdieser Art geschlagen sein? Er beginnt mit seinem Glücke zu hadern; gleichbar, ihr Dasein, und der Liebende geht einem der er erkennt, daß er fein Geistlicher, sondern ein Zweifler, ein Stunft geweihten, arbeitsfreudigen Leben entgegen, nachdem Ungläubiger sei. Auch war er zu lange einsam, um auf die Dauer auch seine praktisch veranlagte Schwester dem verwitweten die Gemeinschaft mit einem andren Wesen zu ertragen. Ehrlich Müller die Hand zum Ehebündnis gereicht hat. Der Dichter macht handelte er gegen die Frau nie. Immer verschloß er sein Herz vor an ihnen wahr, daß nur gleichartige Charaktere für einander beihr. Eine Lüge gebiert die andre. Der Mut zur Aufrichtigkeit ist stimmt seien ein Sab, der thatsächlich doch nicht allzu häufig beihm versagt. Es kommt zu Verstimmungen zwischen den beiden. Sie wiesen werden dürfte. In diese stillen Handlungen spielt dann noch verstehen sich lang nicht mehr. Er will mit sich allein bleiben. ein Mädchen von ungewisser Herkunft hinein. Südliches Zigeuner Aber sie ist doch auch als Pastorsfrau ein Weib, das auf blut. Sie hat ein Kind von dem Gutsbesitzer, ist eines Tages verseine Natur nicht verzichten fann ohne fich zu schollen und taucht einige Jahre später, nachdem sie in München wandeln. Und diese Wandlung kommt. Sie vollzieht sich Modellsteherin gewesen und sich nun als Brandmalerin ehrlich um so schneidender, seit Frizz plöglich wieder wie aus dem ernährt, wieder auf. Doch nur, um ihr Kind zu holen, da ein Boden gewachsen" vor dem Geiste des Pfarrers aufgetaucht war. Münchener Bilderrahmenschnitzer sie heiratet. Das alles aber ist Gerade zu rechter Zeit beginnt jener fein frevles Spiel, als sich die kaum mehr als schattenhaft angedeutet. Es liegt ein leichter Rosenketten zwischen den beiden Ehegatten zu lösen begannen. Er Schleier über allen Gestalten. Wohl wachsen sie organisch aus der bestürmt die noch in Treue gefestigte Frau mit seiner Leidenschaft. Fabel hervor; aber alles ist weich, träumerisch gebildet. Die Von ihrem Gatten schließlich auch durch physischen Widerwillen fern- Charakteristik geschieht zumeist auf dem indirekten Wege der gehalten, ergiebt sie sich nach harten Seelenkämpfen dem unwiderstehlichen Schilderung. Alles ist eingebettet in die Natur, im Wechsel der Egoisten, wenn auch ihre Reinheit gewahrt bleibt. Mit dem Pastor, Jahreszeiten und in ihrer geheimnisvollen Beziehung zum so erklärt sie diesem, vermag sie nicht länger zusammen zu leben Menschenherzen. Chrismen von schwärmerischer Empfindung, Naturund er läßt sie ziehen. Aber da steigt das Nachegefühl stimmungen über Naturstimmungen geben Zeugnis von einem schönen in seiner Brust auf. Bevor die Beiden das Pfarrdorf verlassen, Dichtertalent, das sich aber noch nicht zu konsequenter plastischer stürmt er noch zum verhaßten Bruder hinaus. Rede soll der stehen Bildnerkraft durchgerungen hat. Der Roman erinnert in mancherlei auf Ehr und Gewissen, ob er sich noch nie an der Frau vergangen. stillen Feinheiten an Frenßens Jörn Uhl". Seine Sprache nicht Wenn nicht, mögen sie ziehen. Andernfalls soll der Verführer ihm frei von einigen Austriacismen ist nicht ohne Eindringlichkeit. vor die Mündung des Revolvers, den er mitnimmt. Unterwegs Sein Streben nach künstlerischer Tiefe wirkt erfreulich. treffen sich die Brüder. Ein schwüler Abend. Gewitter zieht herauf. Gewitterschwere alpt auf des Pastors Sinnen. Es kommt zu einem erregten Wortwechsel. Fritz höhnt den Bruder. Der reißt den Revolver hervor, wirft ihn dann aber doch hinter sich und stürzt sich auf den Rivalen. So mächtig ist der Angriff, daß Friz, gegen die Banklehne geschleudert, das Genick bricht. So brach also das Verhängnis herein. Der Pfarrer ein Brudermörder. Hier vollzieht der Dichter die tragische Verkettung, groß, packend durch alle Phasen der Sühne. Die Schuld des Mordes macht den Mann, statt ihn zu zermalmen, zum Zeloten, zum Heuchler, zum frömmelnden Prediger, zum Fanatiker des Wohlthuns. Monate find ins Land gegangen. Der Ermordete, dessen Körper der Pastor damals in den nahen Fluß geworfen, ward später wo ans Ufer getrieben; er wird als Selbstmörder begraben. Gras wuchs über der That. Klinghammer ist längst als beliebter Geistlicher im Wupperthal thätig. Die Schuld aber nagt an seinem Gewissen fort und fort. Doch auch die Frau, die ihn verlassen, macht große Wandlungen durch. Und als sie seelisch genesen ist, da geht sie wieder zu Klinghammer. Denn noch ein andres bereitet sich vor: ihre Mutterschaft. Nun, da Marianne sich durchgerungen hat, will sie des schuldbeladenen Mannes Retterin sein. In den bangen Stunden der Mutterwehen und des Gebärens ein Kapitel, das mit erschütternder Kraft geschildert ist schmelzen die Siegel von beider Herzen. Klinghammer kämpft sich, nun, ermutigt und erhoben vom neuen Glücke, durch zur Selbstbefreiung, indem er sich frei willig der Juſtiz überantwortet, um die Schuld, für die er innerlich furchtbar gebüßt, auch äußerlich zu fühnen. So ist er zum Frieden gekommen und, zu höherem Menschentum gereift, werden die beiden, wenn er nach fünf Jahren das Gefängnis verlassen hat, ruhig und des wahrsten Glückes voll, ihre Lebensbahn weiterziehen. Was den Roman so wertvoll macht, das liegt gerade darin, daß es dem Dichter gelang, seinem eher abstoßenden als liebenswerten Helden das erlösende Mitleiden und die innigste Anteilnahme an dessen furchtbarem Schicksal zu sichern. Es vollzieht sich hier also die tiefste Tragit, die im Grunde Erlösung bedeutet. Aber nicht bloß dies allein. Unter den zahlreichen Nebengestalten, die das Klinghammersche Ehepaar umgeben, ist besonders eine noch: Pastor Erbslöh, ein Mann von rührender Schlichtheit und er hebender Kraft des Duldens, ein Geistlicher, den ob seiner freien Bekennerseele die Muder unter den Amtsbrüdern im Verein mit der Behörde ins Grab bringen. Die Komposition des Ganzen ist straff, die Handlung durchlebt von innerlicher Dramatik und aufsteigender Kraft und Größe; alle Personen verraten die sichere Hand des in die menschliche Psyche tief hinabgrabenden Zeichners. Die Sprache ist knapp, flar und von jener Art eines Bildners, der sich seiner Mittel wohl bewußt zeigt. Kein Saz eine Phrase. Kein malendes Wort zu wenig, zu viel. Mit einem Wort: der Roman ist ein reifes, abgeklärtes Kunstwert. Er wird und muß seinen Weg machen, denn er verdient es, wie taum ein andrer zuvor. Ernst Kreowati. Kleines feuilleton. Er zu thun. Liszt in Weimar. Unter dem Titel„ Begegnungen" veröffentlicht Hermann Rollet allerlei Anekdotisches aus seinem Leben. Mit Liszt kam der Verfasser in Weimar zusammen. erzählt unter anderm folgende Geschichte:„ Ein mit Liszt be= freundeter Pole, der ein paar Jahre in Weimar zugebracht hatte, zog von da fort und gab am Tage vorher ein Abschiedsessen. Auch ich war mit dem Manne gut bekannt und nahm, sowie zwei Professoren aus Jenader längst gestorbene, auch als Improvisator renommierte D. 2. B. Wolff und der tüchtige Pathologe Siebert an der ziemlich zahlreich besetzten Tafel teil. Gleich vom Anfang an ging der mit Champagner gefüllte polnische Stiefel, den man alles in heiterster Stimmung. Gegen Ende des mannigfach be= austrinken mußte, herum, und es währte nicht lange, so befant sich lebten Mahles waren alle mehr oder weniger bereits bedenklich taumlig geworden. Liszt hatte seinen Rock ausgezogen und das Halstuch abgenommen und war in lustigster Laune. Auf einmal fällt ihm ein, daß der neben ihm sitzende Professor Siebert ihm versprochen, ihn gelegentlich zu ausfultieren, und er forderte diesen da gerade so gute Gelegenheit dazu sei auf, es jetzt Dabei riß er sein Hemd an der Brust auseinander. Siebert, der auch schon recht vom Gotte voll war, nickte lachend, nahm ein Papier aus der Seitentasche seines Roces, formte ein Stethoskop daraus und setzte dasselbe wankend an Liszts entblößte, ihm hingehaltene Brust. Diesen Augenblick wollte nun Professor Wolff, der noch bei der Tochter der Fürstin W. eine englische Lesestunde abzuhalten hatte, benüßen, um ungesehen von Liszt vorher nicht fortgehen lassen wollte sich wegzuschleichen. war ihm auch gelungen, über die Stiege hinabzukommen, als Liszt plötzlich den Abgang Wolffs bemerkte. Er sprang fleidet, wie er war rasch auf und lief dem forteilenden Wolff, um ihn zurückzuhalten, nach. Liszt gelangte bis zum Hausthor, ohne ihn noch einzuholen. Er stürzte in seiner weinseligen Aufgeregtheit hinaus, lief zur Ecke der nächsten Straße, konnte aber von Wolff, der einen andren Weg gegangen war, nichts mehr sehen. Er rannte in Hemdärmeln, mit offener Brust und mit fliegenden Haaren nun die halbe Straße hinab, bemerkte aber da auf seinem absonderlichen Ausfluge jetzt ein hübsches Mädchen, das strickend an einem Hausthor stand. Liszt hält vor ihr an, sagt ihr einige flammende Schönheiten und will sie umfassen und füssen. Das Mädchen erschrickt, läuft durch die Einfahrt in den Hof des Hauses; Liszt ihr nach. Sie erreicht die Kellerthür und flieht in den Keller. Liszt verfolgt sie bis hinab. Am Brunnen im Hofe schöpfte ein Knecht eben Wasser in einem Kübel. Der Knecht, das *) Egon Fleischel u. Co., Berlin.( 5 W.) der ihn schon kurz E3 halb ent 832 Ganze sehend, nimmt den vollen Stübel, geht zur Kellerstiege und gießt| so aussichtsvoll erscheint, werden von den meisten durchsichtigen das Wasser über Liszt. Der stürmt nun, natürlich etivas ernüchtert, Körpern start absorbiert. Selbst die für das Auge farblosesten über die Stiege herauf, eilt triefend auf die Straße hinaus und optischen Gläser haben sich als so wenig durchlässig erwiesen, daß so fanden wir ihn, die wir ihm nachgeeilt waren, und führten ihn ihre Verwendung zu Linsen und Prismen für Versuche mit ultrain wunderlichem Zuge zurück. Es läßt sich denken, welches Auf- violetten Strahlen bisher ausgeschlossen ivar, und man auf den sehen der Vorfall am helllichten Tage in dem stillen Weimar teuren, schwer bearbeitbaren Bergkrystall angewiesen war, der machte. gleichwie der Flußspat sehr durchlässig für kurzwellige Strahlen ist. Erst neuerdings ist es gelungen, nach einem von Dr. Zschimmer in Jena gefundenen Verfahren, verschiedene Glasarten herzustellen, welche für Ultraviolett erheblich durchlässiger sind als die besten bisher bekannten Strongläser. Diese von der Firma Schott u. Genossen in großem Maßstabe hergestellten Jenaer ultraviolettdurchlässigen Gläser" werden mit Erfolg bereits für Lichtheilzwecke verwendet, zur Konzentration des von der Lichtquelle ausgestrahlten wirksamen Lichtes auf die Körperoberfläche des Patienten. Ferner haben geeignete Versuche ergeben, daß die photographischen Aufnahmen des gestirnten Himmels durch Objektive aus Jenaer ultraviolett- durchlässigem Glas dunkle Sterne, Nebelflecke und feinere Details zeigen, welche man mit den bisherigen astronomischen Objektiven aus gewöhnlichen Glasarten nicht beobachten konnte. Außer diesen farblosen ultraviolett- durchlässigen Glasarten wurde nach demselben Verfahren noch eine Glasart hergestellt, welche gewissermaßen ein Filter für die photographischen Strahlen bildet, indem sie das rote, gelbe und grüne Licht absorbiert, jedoch Blau, Violeti und Ultraviolett durchgehen läßt. Auch die Fabrikation von ultraviolettdurchlässigem Fensterglas wird seitens des Jenaer Glaswerkes dem nächst in Angriff genommen werden. Es steht zu erivarten, daß die Einführung dieser neuen Jenaer Gläser für die Astronomie, insbesondere aber für die Photochemie und Lichttherapie von Bedeutung sein wird. k. Zu realistisch. Eine hübsche Theater- Anekdote, die die Gefahren des übertriebenen Realismus zeigt, erzählt Mme. de Navarro in einer englischen Zeitschrift:" In einem Drama hält die sehr erregte Heldin plötzlich inne, um wieder Fassung zu gewinnen, als sie die herannahenden Wagen ihrer Gäste hört." Horch!" sagt sie, .. ich höre die Näder ihrer Wagen." Den Effekt der herankommenden Räder erzielten wir leicht; was wir aber auch versuchten, das Stampfen der Pferde auf dem Kies vor Klarissas Thür fonnten wir nicht hervorbringen. Schließlich verfiel ich auf eine glänzende Idee, die der Regisseur sofort in die That umsetzte. Wir wollten einen Esel von Covent Garden auf dem hinter der Scene gestreuten Sties auf und abtrotten lassen. Natürlich waren wir bei dem ersten Auftreten unsres vierfüßigen Freundes, der die Pferde vertreten sollte, ein wenig erregt. Als das Stichwort gefallen war, herrschte verhängnisvolle Stille. Ich wiederholte das Wort etwas lauter. Da hörte man plötzlich den Esel„ ia" schreien... Das Publikum brach in ein schallendes Gelächter aus. Es war zivar eine der ernstesten Situationen des Stückes; aber ich konnte mir nicht helfen, ich mußte mitlachen, bis mir die Thränen über die Backen Tiefen." Völkerkunde. Humoristisches. Viel verlangt. Der kleinen Erna fällt das Butterbrot auf die Erde, natürlich mit der gestrichenen Seite nach unten; weinend läuft das Kind zur Mama. Erzürnt wendet sich die junge Hausfrau an die Köchin:„ Ich muß Sie schon bitten, daß Sie den Kindern das Butterbrot nicht immer auf der verkehrten Elternmord bei den Tschuktschen( NordostSibirien) till nach dem Bericht einer Neiv Yorker Zeitung der Amerikaner Bogoroz beobachtet haben, der im Auftrage des New Yorker Naturhistorischen Museums sich längere Zeit unter jenem Wolfe aufgehalten hat. Daß man bei manchen Naturvölkern die alten Leute als unnüße Esser beseitigt, und daß die Exekution sogar von den eignen Kindern vollzogen wird, ist bekannt. Bei den Tschuftschen aber find es nach Bogoroz die alten Leute beiderlei Geschlechts selbst, die dringend nach ihrer Tötung verlangen und Seite streichen!" fie von ihren Söhnen als eine Kindespflicht fordern, so daß der Bater, dessen Sohn sich weigern würde, ihn zu erstechen, seinen Fluch erhalten und vom ganzen Stamm als pietätlos gebrandmarkt weiß, was ein„ Steger" ist?" werden würde. Es wird bei der Tötung wie folgt verfahren: Mit seinen Festkleidern angethan, kauert der Greis auf Seehundsfellen hinter einem Vorhang nieder, so daß ihn die Anwesenden, auch Beschuldigte gilt hierorts im allgemeinen als sittlich und religiös; der Sohn, nicht sehen. Dieser durchbohrt mit einer Lanze zunächst jedoch beides nur in gemäßigtem Tempo." den Vorhang, der Greis richtet dann selbst die Speerspitze gegen seine nackte Brust und ruft:„ Stoß zul" Wenn dabei, was aber selten vorkommt, die Hand des Sohnes zittert und die Lanze ab= gleitet, so ruft ihm Bogoroz berichtet, die Worte selbst gehört zu haben der Vater oder die Mutter ungefähr zu:„ Warum zittert Deine Hand? Soll ich nicht in ein besseres Land hinübergehen, wo ich nie mehr hungern werde? Stoße noch einmal und gittere nicht!" („ Globus".) Aus dem Tierleben. Richtige Aufklärung. Lehrer:„ Wer von Euch Lieschen( fiegesgewiß):„ Der Mann von der Kazze!" Aus dem Bericht eines Gendarmen. Notizen. Der („ Jugend.") " Der Verlag von Emil Strauß in Bonn ist in den Besiz von Alfred Kröner in Stuttgart übergegangen. Toten Das Opernhaus hat die einaftige Oper tanz" von Dr. Alexander Sits zur Aufführung angenommen. 30. Oktober in der Dresdener Hofoper die Erstaufführung er-Bungerts Musiktragödie Odysseus Tod" wird am " Ein seltener Gast der westlichen Ostsee ist, wie Oberfischmeister A. Hinkelmann in der Wochenschrift „ Nerthus" mitteilt, der Bonite( Pelamys sarda C. V.), der meines Wissens bisher in der Ostsee nicht beobachtet worden ist; Möbius und Heincke„ Die Fische der Ostsee" verzeichnen ihn nicht. leben. Gelegentlich meiner diesjährigen Unterweisungsfahrt wurde mir auf Alfen von einem Räucher ein unfrer Makrele nicht unähnlicher Berliner Akademie von den Professoren L. Holborn und L. W. Auſtin Gewichtsverlust erhitter Metalle. Eine der Fisch gezeigt, der im September in der Augustenburger Förde gefangen war. Der Fisch war bereits der Länge nach aufgespalten vorgelegte Arbeit berichtet über auffällige Gewichtsverluste, welche und sollte nach der Art der Makrelen und Flecheringe geräuchert einige Metalle der Platingruppe erleiden, wenn sie durch den eletPlatin, werden. Das Eremplar hatte eine Länge von ca. 50 Centimeter. trischen Strom auf 1000-1500 Grad erhitzt werden. Der Rücken erglänzte in einem wundervollen Stahlblau, das durch Rhodium und Iridium zeigen solche Verminderung des Gewichts dunkle schiefe Streifen unterbrochen wurde; der Bauch war silber- mur bei Gegenwart von Sauerstoff, und es liegt der Gedanke nahe, weiß. Vom Räucher wurde er ganz richtig als„ Boniter" be- daß sich bei diesen Temperaturen flüchtige Sauerstoffverbindungen zeichnet. Im Sommer soll ebenfalls ein Exemplar dieser Art_ge- bilden. Beim Palladium dagegen ist der Verlust nicht von der fangen worden sein. Daß unsre Fischer diesen sonst doch außer chemischen Beschaffenheit des umgebenden Gases abhängig, steigt ordentlich seltenen Gast und Fremdling der Ostsee gleich richtig be- dagegen bei vermindertem Gasdruck, so daß man annehmen muß, stimmen konnten, darf uns nicht Wunder nehmen; denn allen See- es handle sich um Sublimation kleiner Mengen des Metalls. fahrern ist der Bonite wohl bekannt, zählt er doch zu einem häufigen Bewohner des Atlantischen Oceans, der sich als eifriger Verfolger c. In Manchester wurden unlängst 72 Drachentauben der fliegenden Fische überall bemerkbar macht; freilich ist er in der versteigert; sie brachten einen Gesamtpreis von 18 000 M. Die beste Nordsee gleichwohl sehr selten. Die Seefahrer fangen ihn, indem Taube wurde mit 1200 M. bezahlt. Da dieses Tierchen mur ein sie als Köder entweder einen kleinen Fisch oder ein Stück Kort, Pfund wiegt, ist es sein Gewicht in Gold wert. Mehrere andre das mit Silberpapier überzogen und mit Federn bekleidet ist, Tauben brachten je 1000 M. Eine andre wertvolle Taubenart ist benutzen und diesen an einer Schmur über Bord baumeln lassen. Die Eule". Eine Zucht„ Eulen"-Tauben wurde vor drei Jahren Meterhoch soll sich der Bonite über Wasser erheben und nach dem für 32 000 M. verkauft. Kunst und Kochkunst. Im Gollnower Boten" steht Köder haschen. Ueber die Schmackhaftigkeit des Fleisches waren die Meinungen geteilt; der Richer wertete das Fleisch der Makrele folgendes Inserat:„ Empfehle meine 22 Mamut starke Musikkapelle höher. den werten Vereinen und Wirten in Gollnow und Umgegend zu allen Festlichkeiten. Liefere. Musik von der kleinsten bis zur größten Besetzung für jeden annehmbaren Preis. Zu Hochzeiten, zu denen ich die Musik stelle, liefere ich eine ehrliche gute Kochfrau gratis." Technisches. " ( Prometheus".) Neue Glassorten. Die ultravioletten Strahlen bekanntlich unsichtbare Strahlen von furzer Wellenlänge, welche im Spektrum jenseits des Violett erscheinen deren Verivertung für wissenschaftliche und technische Zivede teils wegen ihrer chemischen Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am und physiologischen Wirkung, teils aus theoretisch- optischen Gründen Sonntag, den 25. Oktober. Verantwortl. Redakteur: Julius Kaliski in Berlin. Drud und Verlag: Borwärts Buchdruckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW