Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 210. Freitag, den 30. Oktober. 1903 __________ S (Nachdruck verboten.) 22] Kleinbürger. Noman von Elisabeth 5k u y l e n st j e r n a. Tora sah sie erschrocken an. „Aber, liebe Margit, Du hast ja Frermde, Du hast zum Beispiel mich, die so viel von Dir hält." „Hin. viel von mir hält! Du strahlst bei dem Gedanken, volle vierzehn Tage aue> dem Eomptoir, fort von mir zu kommen. Du kümmerst Dich incht im geringsten darum, wo ich meine Serien zubringen werde. Du... Nein, ich bin nn- gerecht," unterbrach sie sich selbst,„und mache Dich nur be- trübt, verzeih' mir, kleine Dom! Jehl wollen wir hm? die Menschen ansehen." Margit hatte recht, die meisten Blicke glitten zu Dora hinüber, die munter plaudernd wie eine kleine Mücke im Sonnenschein summend, interessiert für alles, bereit, in dem- selben Ailgenblick enthusiastisch zu bewundern und rückhaltlos herunterzureißen, eiuherschritt. Viele Bekannte traf sie nicht, die wenigen indessen, welche grüßten, erhielten einen so über- aus strahlenden Gegengruß, daß sie sich verwundert nach ihr umwandten.— Do ras Reise nach dcni Gaddeschen Gute Tomtehern kam wirklich zu stände, und als sie nach Hanse zurückkehrte, war alle Mattigkeit lind blasse Farbe verschwunden. Den ganzen ersten Tag im Eomptoir sprach sie von weiter nichts als von „entzückenden Ausfahrten und herrlichen Segelpartien". „Nun, wer war denn eigentlich der Prinz in Deinem Tausend und eine Nacht?" fragte Margit. „Ter Prinz? Ach so. Du meinst, ob ich für jeiiiaiid schwärmte? Ja, das weiß ich wirklich nicht, ob ich das that." Tora sann einen Augenblick, die Feder in der Hand balancierend, nach, dann schüttelte sie energisch mit dem 5iopfe. „Nein, ich inochte sie alle gern und war inimer lustig, Dil kannst Dir nicht vorstellen, wie lustig wir oft waren, lind im Winter wollen Ebba und ich viel zusammen sein. Sie hat noch eine ältere Schwester, die ebenfalls sehr'nett, wenn auch etwas häßlich und lahm ist. Sie kennt Günther und sreiitc sich, ihn hier wiederzufinden, sie haben sich in Schonen kenneii gelernt. Und denke Dir, Margit, wir wollen Liebhabertheater spielen, habe» Ebba lind ich uns ausgedacht, und ich werde zllin Ball bei ihnen eingeladen und bei andren vielleicht auch. Das Leben ist doch wunderschön, wenn man cs richtig leben darf." Margit stand Plötzlich auf. Das Blut war ihr so heftig zu 5kopf gestiegen, daß ihr schwindelte. Jetzt sank es wieder ebenso gualvoll schnell, und das Herz klopfte unregelmäßig. „Was ist Dir, liebste Margit, ist Dir nicht wohl?" fragte Dora unruhig. „Ja. ich bin nicht ganz wohl gewesen in der letzten Zeit. bedarf einer �enenerbolung," sagte Margit mit eigen- tüinlichcm Lächeln.„Ich habe zuiii fünfzehnten Juli Erlaubnis bekommen." „Und dann fährst Du zu Deinen Verwandten auf das Land und Pflegst Dich tüchtig, damit Du wieder ganz frisch und munter zurückkommst, hörst Du?" ermahnte Dora zärtlich. Einige Tage, nachdem Margits Urlaub begonnen hatte, kaiil Herr Svan in großer Erregung niit einem offene» Brief in der Hand ins Eomptoir: nachdem er Dora höflich begrüßt hatte, sage er hastig: „Dieser Brief ist von Fräulein Erling, ich verstehe nicht, was sie meint." Er reichte Dora den Brief, der kurz gefaßt lvar und folgendermaßen lautete: „Herr Svan!—' Es wird ein langer Urlaub, den ich nehme— er wird für ewig. Bitte, besetzen Sie meinen Platz ander- weitig! Ich habe alles in so guter Ordnung zurückgelassen wie nur möglich. Mit ausgezeichneter Hochachtung Margit Erling." Dora war ganz bleich geworden, als sie die wenigen Zeilen zu Ende gelesen hatte und Herrn Svan den Brief zurückgab. „Ich habe nichts von ihr gehört, seit sie vorgestern abend abgereist ist," sagte sie.„Ich glaubte, sie würde zu ihren Verwandten reisen." „Machte sie einen sehr nervösen Eindruck, als sie reiste?" „Q nein, im Gegenteil, sie war ruhiger und vergnügter als seit lange." „Alcrkwürdig, merkwürdig, dies hier klingt doch wie..." Herr Svan wollte offenbar seine Meinung zurückhalten, Dora jedoch verstand seine Vermutungen und zitterte vor Furcht, daß er recht haben, und Margit ihrem Lebe» ein Ende gemacht haben möchte. Am folgenden Morgen stand in der Zeitung unter den vermischten Nachrichten: „Trauriges.Ende. In dein Hotel der kleinen Stadt*** vollzog sich in der gestrigen Nacht ein beklagenswertes Ereignis, indem eine junge Dame, tvelche am Abend mit dem Schnellzug von Stock- Holm angekommen war, durch Gift ihrem Leben ein Ende machte. Als man am folgenden Morgen gegen elf Uhr in ihr Zimmer drang, war der Körper bereits erkaltet, und der herbeigerufene Arzt konnte nur noch den Tod konstatieren. Papiere und Briefe, die auf dein Tische in ihrem Zimmer ge- funden wurden, ließen die Persönlichkeit der Verstorbenm feststellen. Sie trug einen in weiteste».Kreisen bekannten und geachteten Namen, und ein naher Verwandter von ihr be- kleidet ein hohes Amt in der Hauptstadt. Als Ursache des verzweifelten Schrittes nimmt man Liebeskummer an, de»» ein andrer annehmbarer Grund liegt nicht vor, da sie in ge- ordneten ökonomischen Verhältnissen lebte und außerdem viele Verwandte hatte, die sich alle warm für sie interessierten." Unter den Familien-Nachrichten stand: „Hiermit erfüllen wir die traurige Pflicht, den Plötz- lichen Tod unsrer zärtlich und innig geliebten Schwester Margit im Alter von">0 Jahren und einigen Monate», tief be- trauert von Bruder, Schwägerin, Verwandten und zahl- reichen Freunde», anzuzeigen. Jakob Erling. Hilda Erling geb. Höök." A» Dora kam denselben Tag ein dicker Brief, mit einer Aufschrift von unbekannter Hand. Major Erling hatte sie geschrieben. In diesem Eonvert lag ein andres, versiegelt und mit der Aufschrift Margits„nach meinem Tode Fräulein Dora Lejer zu übermitteln." Dora erbrach es und las: „Liebe Dora! Denke nicht, daß ich Dir eine detaillierte Schilderung meines Lebens geben will, ich schreibe nur die Reslerionen nieder, die mir jetzt, da ich bald mts dein Leben scheide, in den Sinn kommen. Nimm sie als ein Andenken oder wie Dil willst, in gewissem Sinne ist es eine Entdeckung'. So betrachte ich es wenigstens, wenn man in eines andren Seele blicken und darin lesen darf, wie unendlich viel sich hinter der vom Schicksal aufgezwungenen Maske verbergen kann. Mein Lebenslauf ist ein armseliges, gebrechliches Fahrzeug gewesen, das niemals des Glückes oder der Hoffnungen Wimpel an seinem Mast getragen hat und mit keckem Uebermut auf den sonnenbestrahlten Wogen des Gedeihens und Erfolges dahin- geglitten ist. Ich habe zu den Naturen gehört, die stets in die Brandungen kommen, die nie rechten Kurs halten, wenn es gilt, in den Glückshafen zu steuern, sondern als unbekannte Segler untergehen. Ich werde froh sein, mein sogenanntes Lebensiutercsse zu beenden, diese zwecklose Eomptoirarbcit, denn für ein Weib ist alles zwecklos, wenn nicht die Liebe ihr Licht darüber breitet. Kein Freund steht bittend und ermahnend neben mir, es giebt Menschen, die überall verschlossene Thürcn finden, Menschen, die ohne ein Eintrittsrecht, durch die Glückspforte zu gehen, geboren werden. Es gab eine Zeit, da ich von Herzen lachen konnte— nicht dies wetterwendische Harlekins- lachen des guten Tones— könnte ich das noch, würde eS vielleicht mein erfrorenes Gemüt erwärmen und die Vision meiner Jugendträume hervorrufen, diese Morgenträume des Herzens, welche hell und unentwickelt wie das zarte Grün s?r Birken und Erlen, aber reich an Saft und Wachskraft wie diese sind. Kommt so ein Wurm, setzt sich auf das Blatt und zerstört es; braun und zusammengeschrumpft fällt es aus die Erde; der Wurm der getäuschten Hoffnungen sog sich gierig in meinen grünen Blättern fest und zerstörte sie alle... Freunde hätte ich vielleicht haben können, doch diese wären von derselben Art überflüssiger Geschöpfe gewesen wie ich, und wir gingen einander instinktiv aus dem Wege, in der Furcht, uns iu den Abgründen des Lebens wiederzutreffen. Ich hatte eine Zeit Bekannte, viele Bekannte mit normaler Anschauung der Tinge, und diese übten ein gewisses philanthropisches Erziehungssystem an mir, die ich einsanr wandelte. Einsam. Ein einziges kleines Wort, und doch umfaßt es jahrelange, stille Bitterkeit. Und wenn ich mich unter die andren mischte, in Gesellschaften ging, und es wurde von Verhältnissen und Mißverhältnissen gesprochen, war meine Stimme stets die schärfste, sie hatte eine durch die Erfahrung gewetzte Schärfe, und ich merkte bald, wie sich ein leerer Raum zwischen mir und den andren erhob. Einsam war ich gekommen, entsetzlich einsam fühlte ich mich in diesem Kreise, wo meine Worte wie eine fremde, wilde Melodie des unter- drückten Finnlands verhallten. Und meine ersten Kameradinnen am Comptoir, diese kleinen artigen Haustöchter, wie quälten sie mich nicht! Diese Stunden wurden zu Prüfungszeiten, während welcher meine Wünsche gesteinigt wurden und erstickend in mir bluteten. Wie- viel bekam ich da zu hören von all der Freude, die das Leben ihr eigen nennen kann! Sie kamen zu der Blinden mit schönen Gemälden, sehen konnte ich sie nicht, bloß befühlen, und da waren es nur große, unregelmäßige Farbenklexe. Sie kamen zu einer Kranken nüt verbotenen Leckerbissen; ach. Tan- talus lebt noch, ich weiß, daß er lebt! Die Jahre gingen und es fiel Staub und es legten sich Spinnwebe über heißes Begehren. Die Sehnsucht ist ein Faden, welcher reißt, wenn nervöse Finger lange suchend darüber hingleiten, und ich habe aufgehört nach einer liebkosenden Hand, nach einem von Herzen kommenden Wort zu schmachten, einem einzigen, das nicht auf gut Glück aus den großen Brachacker hinausgeschleudert wird. Doch bald ist alles vorüber, der Tod, diese ivunderbarc, dunkle Gestalt, wird kommen und mich über die Brücke holen und sagen, daß dort auf der andern Seite Platz für mich ist. O, Ruhe, Stille, Friede, große, herrliche Worte, laßt eure Glockentöne vor meinem Ohr erklingen! Was ich haben will, ist Ruhe— so weit kann man ja kommen, ohne je den sprudelnden Frühlingsstrom des Lebens gekannt zu haben. Kleine Dora, Dank für die Blunien, die Du mir gestreut, Deine Freundschaft war für nuch der letzte Blumenduft, den mir der Herbst bescherte, doch es war mir nicht genug. Ich war innerlich nicht so alt, um zu Schnee und Eis erstarren zu können. Meine unbefriedigten Wünsche warnt wie Wunden, die sich nie schließen wollen, ich habe zu schlechte Haut zum Heilen gehabt, wenn es die tausendfachen Schrammen des Lebens galt. Adieu, kleine Dora, ich brauche Dich nicht zu bitten mich zu vergessen, das thust Du doch mit der Zeit; müde und zer- schlagen von der Richtigkeit des Daseins ziehe ich nuch zurück und hoffe, daß nach dem Tode alles zu Ende ist. Gäbe es wieder Leben, Denkvermögen, Herzthätigkeit, ja, dann wäre der Tod eine grausamere Mißrechnung als alle bishcrigen. Deine Freundin Margit Erling." Dora legte den Brief fort, nachdem sie ihn so ehrfurchtsvoll geküßt hatte, wie man eine schon erkaltete Hand küßt. Arme, arme Margit I Dora stützte den Kopf in die Hand und saß still über den Tisch gebeugt, während sich ein Chaos von Gedanken in ihr zur Klarheit durchrang. Es war das erste Mal, daß sie vor der zlvingenden Notwendigkeit stand, über die Be- deutung des Lebens nachztigrübeln, das erste Mal, daß der Kummer in einer unnatürlichen, grausamen Gestalt zu ihr kam, nicht wie er kommen mußte mit Tod und Trennung, sondern unheimlich, hohläugig, verzweifelt, zerbrochene Ge- fangenenketten hinter sich herschleifend. „Nun, liebe Dora," sagte Frau Lejer, die am Fenster saß und eine Schnur um ihr schwarzes Kleid nähte,„schreibt sie Dir den Grund, weshalb sie sich das Leben nahm?" (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck vcrbolen.) Von der Ockononric der Dampf- mafckine. Trotz aller Fortschritte, welche die Technik auf dem Gebiete großer Maschinen zur Leistung mechanischer Arbeiten gemacht hat, ist die mit stöhle gefeuerte Dampfmaschine noch immer diejenige, welche an Wichtigkeit alle anderen überragt. Der gesamte große Berkehr zu Lande und zu Wasser wird durch Dampfmaschinen geleistet, deren Brennmaterial die Kohle ist; der Straßenverkehr ist allerdings dem Dampfe zu einem großen Theile entrissen und unter die Herrschaft der Elektricität geraten. Zur Erzeugung der elektrischen Kraft dient aber wieder in erster Linie die Kohle. Freilich haben manche Orte von der Gunst der Verhältnisse Gebrauch gemacht und bedeutende elektrische Kraftwerke sind in der Nähe mächtiger Ströme mit starkem Gefälle errichtet worden, wodurch die Kraft des Wassers auf dem Umwegck über die Elektricität in den Dienst des Menschen gespannt wird,— wir erinnern nur an das Kraftwerk an den Niagara-Fällen in Amerika, an das zu Rheinfclden in Europa; aber im ganzen betrachtet sind das doch nur Ausnahmen, in der Regel wird im Elektricitätswerk der elektrische Strom mit Hilfe der Dampfkraft erzeugt. Riesige Dampfmaschinen treiben die Wellen der Dynamo- Maschinen, von denen der erzeugte Strom in die Leitungen abfließt. Mit der zunehmenden Verwendung des elektrischen Stromes ist die Verwendung des Dampfes nicht schwächer, sondern stärker geworden, die Dampfmaschinen werden ungeheurer, weil die Kraft konzentriert an einer Stelle erzeugt wird. Auch abgesehen vom Verkehr ist die Benutzung von Dampf- Maschinen beständig gewachsen. Ist doch gerade seit dem Aufschwung der Elektrotechnik die Zahl der feststehenden Dampfkessel in Deutsch- lernd beständig gestiegen; die preußische Statistik giebt gegen 32 411 im Jahre 1879, in den Jahren 188ö, 1890, 1893 die immer größer werdenden Zahlen 41 421 43 533, 53 024 an. Unter solchen Umständen, sollte man meinen, müsse die Dampf- Maschine, die auf eine Eristenz von V. Jahrhunderten zurückblickt. immer vollkommener gestaltet worden sein, so daß sie heute in jeder Hinsicht als mustergültige Maschine gelten könnte, sowohl in allen konstruktiven Teilen, als in ihrer Zusammensetzung und in der Aus- Nutzung der Brennmaterialien. Das letztere wäre um so wünschens- werter, als die Koh�envorräte in den industriell entwickeltsten Ländern in absehbarer Zeit erschöpft sein werden. Aber gerade in dieser Beziehung ist die Dampfmaschine nicht nur kein Ideal, sondern muß gerade als eine außerordentlich unvollkommene Einrichtung bezeichnet iverden, als ein Instrument, mit dessen Hilfe in un- ökononnschster Weise eine fast frevelhaft zu nennende Verschwendung mit den Krästevorräten, tvelche die Natur für uns aufgesammelt hat, getrieben wird. Einige Zahlen werden das sofort illustrieren. Eine sehr gut eingerichtete Dampfmaschine verbraucht für die Leistung cinar Pferdestärke(?. S.) per Stunde 1 Kilogramm guter Steinkohle. Unter einer Pferdestärke versteht man eine Arbeits- leistung von 75 Kilogrammmeter, d. h. also eine Arbeit gleich der, durch welche 75 Kilogramm einen Meter hoch entgegen der Schwere gehoben werde», und zwar soll diese Arbeit, wenn es sich um die Angabe der Leistung einer Maschine handelt, in jeder Sekunde geleistet werden. Da eine Stunde 60x00= 3600 Sekunden hat, so entspricht einer Pferdestärke eine stündliche Arbeitsleistung von 75X3600 — 270 000 Kilogrammmetcr, und hierzu wird iu einer Dampf- Maschine, wie gesagt, 1 Kilogramm Steinkohle verbraucht. Tie Arbeit, welch« die Kohle beim Verbrennen zu liefern ver- mag, ist aber eine bedeutend höhere. Ein Kilogramm Kohle kann bei vollständiger Verbrennung 8000 Wärmeeinheiten(Kalorien) entwickeln, d. h. eine Wärme, die hinreichen würde, um 8000 Kilo- gramm Wasser um einen Grad zu erwärmen. Man könnte mit ihr auch 30 Liter Wasser um 100 Grad erwärmen, also von 0 Grad bis zum Sieden erhitzen. Es dürfte dann allerdings nichts von dieser Verbrennungswärme durch Ausstrahlung oder Ableitung verloren gehen, sondern sie müßte ohne jeden Verlust dem Wasser zugeführt iverden, was bei der Dampfmaschine freilich nicht der Fall ist; das Wasser im Kessel erhält nur einen Teil der im Feuerrungsraum erzeugten Wärme. Eine Wärmeeinheit leistet, wenn sie vollständig zur Arbeits- leistung verbaucht wird, eine Arbeit von 427,5 Kilogrammmeter. Mit der Verbrennungswärme von 1 Kilogramm Kohle müßte sich also im besten Falle eine Arbeit von 8000x427,5= 3 420 000 Kilogrammmeter leisten lassen. Die Dampfmaschine leistet aber für jedes Kilogramm Kohle, das sie verzehrt, nur eine Arbeit von 270 OOO Kilogrammmeter, sie liefert also nur den 12. bis 13. Teil, noch nicht ganz 8 Proz. der in der Kohle steckenden Arbeit in einer für uns nutz- baren Form. Die andren 92 Proz. gehen den Menschen direkt verloren, zum Teil ziehen sie in den Feuergasen mit ab, zum Teil erhitzen sie den Kondensator, machen sich also in unangenehmer Weise als Wärme bemerkbar, aber ausnutzen, in Arbeit umsetzen, lassen sie sich von der Maschine nicht. Man wird zugeben, daß die oben gesagten Werte nicht zu viel sagen, daß in Wirklichkeit ein förmlicher Raubbau mit der Kohle und ihren Kraftvorräten getrieben wird. Selbstverständlich ist dieser Mangel, welcher der Dampfmaschine anhaftet, den Technikern nicht entgangen, und es ist viel Mühe und Arbeit daraus verwandt worden, ihn etwas geringer zu gestalten. I» umfassendster Weise wurden die Bedingungen der Arbeitsleistung einer Dampfmaschine bereits vor 80 Jahren von dem in jungen Jahren verstorbenen französischen Ingenieur Sadi Carnot untersucht; die Resultate zu denen er kam, haben unsren Einblick in die Wirkungsweise der Wärme in wesent- licher Weise bereichert, sie bilden eine der Grundlagen der modernen Wärmelehre. Carnot beschäftigte sich mit der Wärme, die, getragen vom Dampf, aus dem Dampfkessel in den Arbeitscylindcr überströmt, um dort mechanische Arbeit zu berichten. Bei der Arbeitsleistung dehnt sich der Dampf aus und kühlt sich ab; nach seiner Benutzung zur Arbeit wird er entweder in der Atmosphäre ausgepufft, oder in einen besonderen Raum geleitet, den Kondensator, der durch Kühlwasser auf einer niedrigen Temperatur gehalten wird, so daß sich der Dampf niederschlägt. Das so gebildete Wasser kann dann durch eine besondere Pumpe wieder in den Kessel geschafft werden, so daß dann der Dampf einen vollständigen Kreislauf durchgemacht hat. Carnot legte seinen Rechnungen eine„ideale Dampfmaschine" zu Grunde, in ivclcher der Dampf, der Träger der Wärme, einen vollständigen Kreislauf vollführt, an dessen Ende er wieder dieselbe Temperatur hat, wie zu Anfang. Bon der mit dem Dampf aus dem Kessel geströmten Wärme wird in solchem Falle, der sich in aller Strenge gar nicht verwirtlichen läßt, das Maximum an Arbeit ge- leistet, das überhaupt möglich ist, und es zeigte sich, daß diese maximale(grötztmöglichej Arbcitsmenge um so größer ist, je heißer der Dampf aus dem Kessel kommt und aus eine je tiefere Temperatur er im Verlaufe des ganzen Prozesses sinkt. Herrscht z. B. im Kessel eine Temperatur von 120 Grad, im Kühler und Kondensator eine von 40 Grad, so ist die Differenz, 80 Grad, durch die Kesseltemperatur in absolutem Maß, also durch 120-f273= 393, zu teilen, um zu erfahren, ein wie großer Teil der Wärme zur Arbeitsleistung ver- braucht wird. Bei den angenommenen Zahlen ist das etwa V«, genauer 20,4 Proz.; die andren 80 Proz. der Wärme haben dazu gedient, die Teile der Maschine zu erhitzen, sie können nicht nutzbar gemacht werden. Um den Teil der Wärme, welcher Arbeit leistet, zu erhöhen, ist also ein doppelter Weg gewiesen: Erhöhung der Kesseltemperatur, Erniedrigung der im Kondensator herrschenden Temperatur. Kann man z. B. die Kesseltemperatur bis auf 200 Grad steigern, die im Kon- densator auf 20 Grad herunterbringen, so giebt die Differenz 180, geteilt durch 200-t-273= 473, mehr als den dritten Teil, nämlich 38 Proz. der Wärme als nutzbar zu machende an. Praktisch kommt man indes sehr bald an eine Grenze; denn einerseits kann man das .Ktihlwasscr nicht allzu kalt halten— durch den sich niederschlagenden Dampf wird der Kondensator beständig erwärmt— und andrerseits kann man die Temperatur im Kessel nicht übermäßig steigern, weil die Spannung in stärkerem Maße zunimmt, als die Temperatur, der Kessel also bald in Gefahr gerät, gesprengt zu werden. Es liegt mithin in der Natur der Dampfmaschine, daß sich an diesen ungünstigen Verhältnissen nichts Erhebliches ändern läßt. Hierzu kommt der weitere Uebelstand, daß schon der Kessel bei weitem nicht die volle Wärme erhält, die im Fenerraum erzeugt wird. Hier herrschen Temperaturen von 1000 und mehr Graden, während man im Kessel in recht bescheidenen Grenzen bleibt. Die Frage nach einer besseren Aus- Nutzung der im Feucrraum erzeugten Wärnic ist aber eine ganz andre, als die der Ausnutzung der Wärme des Tampskesiels. Mit der Theorie der Dampfmaschine selbst steht sie in gar keinem unmittelbaren Zusammenhang. Es läßt sich z. B. die Möglichkeit denken, die ab- ziehenden Feuergase nicht einfach entweichen zu lassen, sondern ihre Wärme noch, weiter, etwa zu Heizzwecke», zu verwenden. In der Physikalischen Gesellschaft wurde unlängst das Modell einer Maschine vorgeführt, in welcher statt Wasserdampf Spiritusdämpse benutzt wurden. Für die Leistung der Maschine ist die Substanz, mit welcher die Wärme aus dem Kessel nach dem Arbeitscylinder geführt wird, gleichgültig, es kann Spiritus ebenso gut sei», wie Wasser. Der Er- finder der neuen Maschine glaubte aber, hierbei den Vorteil zu haben, daß er den Spiriws auch als Brennmaterial benutzte, und die ab- ziehenden Dämpfe in den Feuerraum leitete, wo sie nutzbringend verbrannt werden. Eine solche Verwertung der im Abdampf vor- handenen Wärme erscheint nicht ausgeschlossen; ob sie rationell ist, wird wesentlich von den Kosten des Spiritus gegenüber denen von Kohle und Wasser abhängen. Die Verbesserung aber, falls eine solche in der Maschine vorliegt, bezieht sich lediglich auf den Feuer- räum und das Heizmaterial, dagegen nicht, wie der Erfinder irrtümlich glaubte, auch auf das Wesen der Dampfmaschine selbst, soweit die Ausnutzung der aus dem Kesiel in den Arbeitscylinder strömenden Wärme in Betracht kommt. In dieser Hinsicht stehe» die von Carnot dargelegten tsätze, in denen die Grenze der Aus- Nutzbarkeit dargelegt ist. vollständig cinwandsfrei da. Eine Ver- besserung der Dampfmaschine in dieser Richtung ist eben nicht möglich; vielleicht wird die Zukunft die Tampftnaschine überhaupt zum alten Eisen Iverfcn und ims ökonomischer arbeitende Motoren schenke». Ein guter Elektromotor setzt 00 Proz. der Kraft, die ihm zugeführt wird, in nutzbare mechanische Arbeit um. Treibt man ihn nicht mittels einer Dennpftnaschine an, so kann man die vorhandene Kraft gewiß besser ausnutzen. Vielleicht gelingt es einmal, die in der Kohle liegende Kraft ohne den Umweg über die Verbrennung in der Dampfmaschine unmittelbar für den Antrieb von Elektromotoren zu benutzen; das wäre eine„ideale"(vollkommene) Ausnutzung derselben. Aber auf lange Zeit hinaus wird die Dampfmaschine noch ein recht praktischer Motor blechen, trotz ihrer nnökonomischen Kraftberschtvendung, aus dem einfachen Grunde, weil die Kraft der Kohlen reichlich vorhanden und billig ist. Mit der Schwierigkeit der Kohlcnbeschaffung wird die unökonomische Kraftvergeudung in der Dampfmaschine stärker empfunden werden; wie man sie heute nicht mit Diamanten heizt, die ja reinster Kohlenstoff sind, so wird man sich dann nach einer Ersetzung dieser ganzen Art von Motoren umsehen müssen. Die Ansätze dazu, die Richtung, in welcher die Maschinen der Zukunft ausgebaut werden, sind heute bereits deutlich zu erkennen. Dr. Bruno Borchardt. kleines feuilleton. — r— Tie norwegische Sudpolar-Expeditio» 1898— 19 o f Nansens, der das von allen Polarforschern gefiirchtete Schicksal, das Einfrieren des Schiffes im Eise, absichtlich herbeiführte, um sich von einer von ihm vermuteten und durch seine Expedition bestätigten Eisströmung über unbekannte Gebiete hinweg treiben zu lassen. Festgestellt wurde dadurch das Bestehen einer großen Tiessee in der Nähe des Nordpols. Ganz anders liegen die Verhältnisse am Südpol, in» sogenannten antarktischen Gebiet. In weit geringeren Breiten, schon in der Nähe des Polarkreises, hat hier das Eis den vordringenden Forscher» unüberwindlichen Widerstand entgegengesetzt; dazu kommt, daß ein langgestreckter Kontinent sich fast 60 Längengrade weit am Polar- kreise erstreckt. Seine weitere Erstreckung nach Westen festzustellen, ivoinöglich eine Landung auf ihm zu bewerkstelligen und auf Schlitten- fahrten das Innere zu erforschen, war das Ziel der in diesem Jahre Heimgekehrten dcutsche» Expedition. Bekanntlich wurde es nicht er- reicht, das Schiff, der„Gauß", wurde voin Eise besetzt, und man mußte sich mit einer lleberwinterung iin Eise begnügen, wo inan zwar, durch mancherlei Umstände begünstigt, wertvolle magnetische Beobachtungen anstellen konnte, zur Errichtung einer festen Station auf dem Lande jedoch nicht gelangte. Glücklicher war die norwegische Expedition, über die ihr Führer, Nansens Landsmann Borchgrevink, am Mittwoch in der Urania einen Vortrag hielt. Der Schauplatz dieser Expedition war, entgegengesetzt der deutschen, der Osten des südlichen Kontinents, wo bereits vor 60 Jahren James Roß eine werte Erstreckung des Landes— er taufte es Victoria-Land— nach Süden hinauf hatte feststellen können. Roß war damals bis über den 78. Breitengrad vorgedrungcir, und hatte auf dein Lande im höchsten Südeir zwei thälige Vulkane bemerkt, die von ihm nach seinen Schiffen„Er ebus" und„Terror" genannt wurden. Die Bewerkstelligung einer Landung aber war ihm nirgends geglückt. Zum erstenmal wurde der antarktische Kontinent am 18. Januar 1895 von einem Menschen betreten. Damals befuhr das norwegische Fangschiff„Antarttik" jene Gewässer; auf ihm hatte sich der erst dreißigjährige Naturforscher Borchgrevink eingeschifft, um die antarkuschen Regionen kennen zu lernen. Er war es, dem es gelang, bei Kap Adare ans Land zu gehen und einige Gesteinsproben sowie Versteinerungen mitzubringen. Nach seiner Rückkehr glückte es seinen emsigen Bemühungen, durch den reichen Engländer N e w n e s die Mittel zu einer besondren Expedition, 35 000 Pfund Sterling(700 000 M.) zu erhalten. Von Colin Archer, dem Erbauer von N a n s e n s Schiff„Fr am", wurde ein norwegisches Fangschiff, der„Southern C r o ß"(das„südliche Kreuz". nach einein glänzenden Sternbild am Südhimmcl genannt) passend un, gebaut, um den Gefahren des Eismeeres trotzen zu können. Mit den Physikern Colbeck und Bernachi, den Naturforschern Evans und Hansen, außer Borchgrevink selbst an Bord, verließ das Schiff am 22. August 1898 London, und begab sich zunächst nach H o b a r t- town auf Tasmanien, der' Australien im Süden vorgelagerte» Insel. Am 19. Dezember wurde von hier die Fahrt nach dem hohen Süden angetreten. Schon unter 62 Grad südlicher Breite, am 31. Dezeniber. stieß man auf das Packeis. Unter großen Ge- fahren arbeitete fich das Schiff vorwärts nach Süden: am 23. Januar erlebte es eine so starke Eispressung, daß man bereits das schlimmste befürchtete und sich anschickte, die Vorräte und Instrumente aufs Eis zu schaffen, ein Beginnen, das hier wohl iveit inehr als im nördlichen Eismeer den sicheren Untergang bedeutet hätte. Aber der„Southern Croß" hielt aus, und am 17. Februar 1899 konnte er in der Robertson-Bncht bei Kap Adare unter 71 Grad südlicher Breite Anker werfen. Die Landung der Expedition war außerordentlich schlvierig. Zehn Tage lang dauerte es, bis die Instrumente und die Vorräte für die zehn Personen, die sich zur Ueberwinternng auf dem Lande anschickten, an Land geschafft ivare»; wegen der starken Brandung konnten die Boote nicht bis ans Ufer vordringen, und die Sachen mußten einzeln von den Leuten, die zum Teil bis an die Hüften im Wasser wateten, den letzten Teil des Weges getragen werden. Am 2. März verließ der„Southern Croß" die unwirtliche Region, um weiter nordwärts für den Winter das wärmere Australien aufzusuchen. Als seine letzte Spur am Horizonte verschwunden war, überkam die zehn Gefährten, welche die lange Winternacht aushalten sollten, ein eigentümliches Gefühl der Verlassenheit. Die nächsten menschlichen Ansiedelungen auf Australien waren 2000 See- meilen entfernt! würde der„Southern Croß" den Weg dorthin glücklich zurücklegen und im nächsten Jahre auch lviedcr den Weg hierher sich durchs Eis bahnen können, oder würden sie mehrere Jahre von der menschlichen Kultur abgeschieden sein V Doch bald verscheuchte die Arbeit die trüben Gedanken. Die Station muhte eingerichtet, die magnetischen und meteorologischeu Beobachtungen angestellt werden. Bald wurde auch eine Schlitten- expedition übers Meer nach der an der gegenüber liegenden Seite der Bucht gelegenen Küste unternommen, leider zu früh: das Eis barst unter der Gewalt eines fürchterlichen Sturmes, und nur mit Mühe gelang es Borchgrevink und seinen drei Begleitern, sich mit den dreihig Hunden, welche die Schlitten ge- zogen, auf eine nahe Böschung zu retten. Hier mußten sie tagelang die Gewalt des Sturmes über sich ergehen lassen. Als wieder besseres Wetter eintrat, hackten sie sich im Eise einen Weg aufwärts und kamen nach mehrtägiger Wanderung unter großen Beschwerden bei der Station ivicder an; die Hunde hatten leider den Weg nach oben nicht bewältigen können und waren elend zu Grunde gegangen, eine schwere Einbuße, die den Bestand der Hunde um ein volles Drittel verminderte. Am 25. Mai entschwand die Sonne dem Blick, und es begann die lange Polarnacht, die freilich oft tagelang vom Silberlicht des Mondes erhellt wurde, unter dessen Schein die Eiskrtzstalle die herrlichsten Farben aufwiesen. Schachspiel und Karten, sowie an- regende Diskussionen halfen über die lange Rächt hmweg; als am 27, Juli die Sonne wieder erschien, wurden bald mehrere Schlitten- expedittonen ins Innere unternommen, die neben der Erforschung des Landes auch der näheren Feststellung des magnetischen Südpolcs galten. Leider stellte sich bei dem Zoologen Hansen eine schivere Erkrankung ein, die ihn am 10. Oktober dahinraffte. Die Einsamkeit wurde jetzt, bei Beginn des Frühlings, durch Scharen von Pinguinen unterbrochen, drollige zuttanliche Vögel, die zu Tausenden auf dem Lande nisten und im Winter nordwärts ziehen. Im Hochsommer, an» 5. Januar 1000, lvurde das Meer zum erstenmal wieder eisfrei gesehen. Am 28. nahte der„Southern Croß", schon am 2. Februar war alles eingeschifft und man dampfte ab, aber nicht nordwärts, sondern weiter südwärts auf dem Wege Roß'. Mehrfach tvurde hierbei gelandet, u. a. auch am Fuß des Terror, der am 10. Februar erreicht wurde. Rur sein Bruder Ercbus zeigte sich damals in vulkanischer Thättgkeit. Ihren südlichsten Punkt erreichte die Expedition am 17. Februar unter 78" 50' südlicher Breite, den südlichsten Punkt, bis zu dem bis- her Menschen vorgedrungen sind. Am 5. März wandte daS Schiff wieder nach Norden um und erreichte am 30. Neu-Secland, von Ivo die Heimreise angetreten wurde.— eil. Sibirien als Butterland. Bis 1894 führte Sibirien über- Haupt keine Butter aus. Dan» begann der Butterhandcl in der Umgebung von Kurgan und dehnte sich schnell über die Bezirke von Omsk, KainSk, Rowo-Rikolajcwsk, Barnaul, Minussinsk aus. In all diesen Gebieten ist die Meierei jetzt bereits zur eigentlichen Rahrungs- quelle der ländlichen Bevölkerung geworden. ES haben sich Ver- cinigungen zusammengeschlossen, die den Exporthäusern die Ware liefern, während diese nicht nur den Bertrieb deS Erzeugnisses übernehmen, sondern auch verbesserte Geräte für die Meierei einfiihren. Im Januar jedes Jahres finden in Knrgan Versammlungen statt, die von Vertretern der Exporthäuser und der Produzenten besucht iverden, die die Preise für das ganze kommende Jahr fest- setzen. Letztere haben bisher im Durchschnitt auf 10 Rubel für das Pud von 16 Kilogramm, also auf etwa 65— 70 Pfennig für das Pfund gestanden. Der sibirische Butterhandel ist mittelbar ein Werk dänischer, deutscher und englischer Handelshäuser. Die Butter ist zum großen Teil fiir den dänische» und englischen Markt bc- stimmt, aber sie Ivird jetzt auch schon nach Dalni und Port Arthur und weiter nach China und sogar nach Japan ausgeführt. Der Transport geschieht auf Karren und Booten bis zum nächsten Bahn- hos und dann mit der Eisenbahn. Die Ware ist in Fässern auS Buchenholz eingeschlossen, die aus dem Ausland bezogen werden, obgleich die fraglichen Teile von Sibirien einen großen Reichtum an Wäldern besitzen. Vorläufig ist keinem Feinschmecker zu raten, sibirische Butter zu kaufen, es sei denn der Merkwürdigkeit wegen. Die Qualität läßt viel zu lvmischeu übrig, wahrscheinlich in der Hauptsache wegen der mangelhaften Herstellung und Behandlung. Auf einer Ausstellung in Petersburg 1899 wurde' kaum die Hälfte der eingesandten Proben als genügend bestmden. Dennoch ernmtigt die russische Regierung den Handel soviel als möglich und hat Maß- nahmen getroffen, große Gefrieranlagen zu schaffen, um den Transport der sibirischen Butter»n gutem Zustand bis nach den Ostseehäfen zusichern. Zahlenmäßig ist die Entwicklung des sibirischen Butterhandels ganz außerordentlich. 1898 gab es erst 140 Meiereien, die 150 000 Pfund oder rund 21/., Millionen Kilogramm Butter für die Aussuhr lieferten. 1899 war die Zahl der Meiereien bereits auf 334, die Produktion auf das Doppelte gestiegen. 1900 zählte man schon über 1100 Buttereien mit einer Produktion von 1 100000 Pud, und im Jahre 1902 endlich bestanden 2500 Meiereien, die für die Ausfuhr L'/z Millionen Pud oder 40 Millioncti Kilogramm Butter lieferten.— Ans dem Tierlcben. — ll e b e r das Leben des Hümmers macht Professor Ehrenbaum-Helgoland in der„Rättirwissenschaftlichen Wochenschrist' interessante Mitteilungen. Die Hnmmcrfischerei kann aii keinem andern Orte der deutschen Seelüste ausgeübt werden, als bei Helgo- land, weil der felsige Küstenboden, der den Lieblingsaufenthalt des Hummers bildet, sich anderswo in der Nordsee nicht findet. Die Hauptfangart des Hummers ist der Fang in Körben, die mit Köder» versehen sind; in diese Körbe können die Hummer leicht hinein, aber sie kommen schwer aus ihnen wieder heraus. Die Korbe, von denen bei Helgoland mehrere Tausend liegen, werden alle Tage einmal aus- gehölt, entleert und mit frischem Köder versehen. Außer in der kältesten Jahreszeit, wo die Hummer wegen Kälteftarre unbeweglich sind und dem Köder nicht nachgehen, findet noch eine Schonzeit von Mitte Juli bis Mitte September statt. In der Frühjahrsperiode ist der Fang mehr als doppelt so groß als im Herbst. In günstigen Jahren werden etwa 60 000 Sttick gefangen, d. h. ans jedes während beider Saisons fischende Boot kommen etwa 900 Stück. Nachdem den Tieren die Scheren gefesselt sind, damit sie sich nicht gegenseitig beschädigen können, werden sie in großen hölzernen durchlöcherten Kästen sorgfältig gefüttert und gcpflegi. Sehr interessant ist das Wachstum des Hummers. Es geht durch Häutung vor sich. Der von der harten Hülle befreite Körper dehnt sich, streckt sich bis zur Erhärtung. Vor der Härtung müssen die Hummer von ihren Kameraden getrennt werden, sonst fallen diese Wehrlosen den andren zur Beute, Hier ist große Aufmerksamkeit des Fischers erforderlich. Das Weichwerden des unteren Brustpanzerrandes verrät das Nahen der Häutung. Dieser Prozeß, der bei einem normalen Verlauf dem Tiere sehr oft das Leben kostet, verläuft in 10 bis 12 Minuten. Der ganze Körper wird durch einen schmalen Spalt aus der harten Hülle herausgezogen. Dabei machen die Scheren die größten Schwierigkeiten. Sie müssen durch die Schcrcuglieder hindurch, die zum Teil nur'ch des Umfanges des dicksten Teiles der Schere haben. Zu diesem Zweck müssen sie blutarm gemacht werden und schlaff, und das geschieht dadurch, daß der Rumpf in der That das Blut aus den Gliedmaßen in sich hineinzieht. Dies hat aber noch eine andre biologische Bedeutung. Die auf diese Weise ver- größerte Ausdehnung des Rumpfes ist erforderlich, um die alte Schale sprengen zu können. Bei diesem mühevollen Vorgang liegt der Hummer auf der Seite: ein Teil nach dem andren entschlüpft, oft uiit angestrengtem Ruck, der alten Haut, bis diese— getreu der lebenden Form— leer neben dem Tiere liegt. Es dauert dann mehrere Stunden, bis der Hummer seine Beweglichkeit vollständig wiedererlangt hat.— Hnmoristischcs. — Macht der Gewohnheit.„Sie, wer mag wohl der Herr da driib'n sein, der hat den ganzen Abend noch kein Wort gc- sprochen „Döc- is a L a n d t a'g s- A b g e o r d n e t e r, der red't am Tag auch nix!"— — Keine Hoffnung. E r:„Geben Sie mir gar keine Hoffnung r Sie:„Gar keine: ich nehme Ihren Antrag a n."— — ll n t e r P r i v a t d o c e n t e n. A.:„Ihr Kollege Doktor X., ist zum Professor ernannt." B.:„Der?— Unmöglich! DaS ist ja ein Skandal!" A.:„Das nützt nichts, lieber B.. wenn Sie ihn jetzt treffen, müssen Sie ihn doch:„Herr Professor" anreden." B.:„Ich werde mich hüten; so einen Esel nenne ich ruhig weiter; Herr Kollege!"— („Jugend".) Notizen. — Die Buchausgabe von F. A. Beyerlein„Zapfen- streich", Drama in vier Aufzügen, ist bei Vita, Deutsches Vertagshaus(Berlin), erschiene».— — Die G r i l l p a r z e r- G e s e l l s ch a f t hat in ihrer Jahres- Versammlung Peter R o s c g g e r zum Ehrenmitglied gewählt.— — Das Schauspielhaus bereitet da? R o st a n d sche Versspiel„Die Romantischen", in der Ucbcrsctzung von Ludwig Fulda, als nächste Novität vor.— — Die Opern„Lohengrin" und„ M i g n o n" werden gegenwärtig im O p e r n h a u s e neu insceniert und a u S- g e st a t t e t.— — Als Nachfolger des verstorbenen General-Musik- d i r e k t o r S Z u m p e in M ü n ch e n wird Felix Mottl ge- nannt.— — Die K u n st des Jahres. Deutsche KuiistauSstellungcii 1903. Kartoniert 5 Mark.(München, Verlagsanftalt F. Bruckmann.) Das Werk giebt in übersichtlicher Form das Hervorragendste aus den diesjährigen Kunstausstellungen in vorzüglichen Reproduktionen wieder.— Die nächste Nummer deS Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 1. November. Bcrantwortt, Redakteur: JullnS Kaliski in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Vuchdruckerei und Vcrlagsanstall Paul Finger& Co., Berlin 8W