Itnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 213. Dienstag, den 3. November. 1903 (Nachdruck verboten.) 241 Kldnbürgen Roman von Elisabeth K u y l e n st j e r n a. Günther kam ans seinem Zimmer, und Karins Augen leuchteten auf beim Anblick des stattlichen jungen Mannes, der steif und unnahbar freilich, aber doch so vollendet elegant in Haltung und Auftreten war. Die zwei Jahre auf dem Schonenschen Gute hatten Günthers herbem Wesen die Politur gegeben, welche eine Folge der Gewohnheit, sich in vornehmer Gesellschaft zu bewegen, ist. Klug und von schneller Auf- fassung hatte er bald alles Linkische in seinem Wesen abgelegt, denn sein Stolz litt nicht, daß man sich über ihn lustig machte: so wurde er bald trotz seiner Jugend ein gern gesehener Ge- sellschafter. Als die beiden Geschwister in den prächtig erleuchteten Salon der Herrschaften Gadde traten— sie hatten während des Winters Wohnung in Stockholm genommen— waren noch nicht viele Gäste dort. Obgleich Ebba mit einem Beamten in eiivas vorgeschrittenen Jahren verlobt war, eine sehr passende Partie übrigens, da beide reich waren, legte sie doch gleich Beschlag auf Dora. Sie hatte so viele Vorschläge zu macheu, und es hatte nichts zu sagen, daß ihr Karl an den Besprechungen teilnahm, vor ihm brauchte Dora sich nicht zu genieren, er- klärte sie ziemlich zweideutig, doch der Zusatz:„er ist so furchtbar gut" rettete die Meinung. Fräulein Alna, Ebbas ältere Schwester, war ein kleines, blasses Wesen mit traurigen Augen, die sogar, wenn sie lächelte, von Thränen zu glänzen schienen, einem Mund mit weichen, empfindsamen Linien, unregelmäßigen, etwas starren Zügen, herMwtrctender, breiter Stirn, aus der das kurz- geschnittene, glatte Haar zurückgekämmt war. Ihre dünne, hagere Figur zog nur durch eine llngleichmäßigkeit in der rechten Hüfte, welche sie etwas zu hinken veranlaßte, die Auf- merksamkeit auf sich. Sie war nicht tvie die andren jungen Mädchen hell gekleidet, an der Farbenzusammenstellung ihres Anzuges jedoch erkannte man den sicheren Blick der Künstlerin. Sie hatte sich einen guteil Namen unter den Kunstjüngern und-Jüngerinnen envorben, und diese hielten große Stücke auf ihre häßliche, kleine Kollegin. Reich wie sie war, hatte sie ihr eignes Atelier, und dort hatte sie alle die kostbaren Kunstschätze, die sie von ihren vielen Reisen mit nach Hause gebracht, aufgestellt. Selbst beschäftigte sie sich am liebsten mit Genremalerei, doch seit einiger Zeit kam es häufig vor, daß der Pinsel unthätig in der schlaff herabhängenden Hand ruhte, und daß»keine einzige Farben- Mischung das graue Einerlei der Leinwand unterbrach. Es giebt Bilder, die nie in andrer Form als der des Gedankens auftreten, lmd doch mehr Leben und Schöpfungs- stoff habeil, als manche berühmten Bilder, die der Nachwelt überliefert werden. � Alna näherte sich memand, doch viele, besonders die Mmierblümchen unter den Damen, suchten ihre Gesellschaft. Sie linterhielt sich koiiventiouell artig mit allen, ihr Blick aber suchte verstohlen Günther Lejer. Er hatte schon während des kurzen Zusammenseins im Sommer einen unauslöschlichen Eindruck auf sie gemacht. Was sie so zu ihm hinzog, war, daß er trotz ihres Reichtums ihr so unerreichbar schien. Sein Aeußeres bezauberte ihren Schönheitssinn, keine disharmonische Linie iil seiner ganzen Figur, und sein Wesen frei von der ge- zierten Art der andren jungen Herren. Schon zur ersten Franyaise kam er und forderte sie auf. „Sind gnädiges Fräulein engagiert?" fragte er in ruhigem Tone. Weder in seiner Stimme noch in seinem Ge- sichtsalisdruck lag etwas von diesem vagen Interesse, das möglicherweise einen zündbaren Funken in sich trägt. Er er- füllte einfach eine gelvohnheitsmäßigc, schuldige Höflichkeit, und in Rücksicht auf ihr Gebrechen wählte er einen weniger ermüdenden Tanz. Dies alles durchschaute die scharfsichtige Alna und fühlte sich dadurch verletzt. Sie unterzog oft, was andre Vergnügen nannten, einer mikroskopischen Unter- suchung, daher kam es auch vielleicht, daß ihr Blick niemals hell und fröhlich wurde. „Stein," sagte sie,„ich bin frei. Ich verspreche nieinals Tänze im voraus, denn ich weiß nicht, ob ich das Tanzen si) lauge aushalten kann. Man muß viel physische Kraft haben, um einen Ballabend durchzuhalten." Günther setzte sich auf einen freien Stuhl neben sie. „Das nwchte ich nicht gerade behaupten," sagte er,„ich glaube vielmehr, das überreizte Nerven oft eine große Rolle dabei spielen. Die jungen Damen bieten ihre ganze Willens- kraft auf, um ja keinen der kostbaren Tänze zu verlieren." �„Es setzt mich zuweilen in Erstaunen," erwiderte Aina,' „daß unsre Damen nicht weiter in der Entwicklung gekommen sind, als daß sie sieben, acht Jahre hindurch es als des Winters größtes Ereignis ansehen, Bälle zu besuchen." -„Die meisten, denke ich mir, thun es wohl aus Ge- wohnheit. Glauben gnädiges Fräulein nicht auch, daß es manchmal schwer sein muß, die Zeit tot zu schlagen, wenn maw nicht durch die Arbeit dazu gezwungen wird?" „Sie reden, als ob Sie eine lange Lebenserfahrung hinter sich hätten, Herr Lejer." „Lang ist sie nicht, denn ich bin erst dreiundzwanzig Jahre alt, aber sie ist bitter, und das kann ja als eine Multiplikation des Zeitbcgriffes augesehen werden." Er rückte den Stuhl etwas bequemer und verfolgte offenbar einen neuen Gedankengang, als er lächelnd äußerte:„Eine weiß ick doch, die sich heute abend recht nach Herzenslust amüsiert, und das ist meine kleine Schwester Dora. Sie zeigte mir eben glückstrahlend, daß sie ihre ganze Tanzkarte besetzt hätte." „Das kann ich mir denken. Sie ist sehr hübsch." „Ja, das finde ich auch," stimmte Günther mit warmem Nachdruck in der klaren, tiefen Stimme bei,„es liegt etwas Bezauberndes, Unwiderstehliches über ihr. Sie gehört zu jenen Menschen, die das Leben als Spiel betrachten, wie ernst eS sich ihnen auch zeigt." „Solche Frauen mögen die Männer gern," versetzte Aina,„sie werfen Sonnenschein auf ihren Weg und mehr verlangen die besten Ihres Geschlechts nicht. Sie haben vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, Herr Lejer, sonst hätten Sie sicher bemerkt, daß eine Frau sich immer anstrengen muß, wenn sie den Mann erreichen will. Sie steht im grünen Thal und schleudert wild und verzweifelt eine Flut von Blumen nach ihm, die er dann zärtlich mit auf seinen Lebens- weg nimmt, nie ist sie es, die ernst und in den grauen Nebel der Gedanken gehüllt, auf dem Berge steht und verlangt, daß er ihretwegen den Bergstieg machen soll." „Ich habe hierüber selten nachgedacht, das gebe ich zu," sagte Günther und reichte ihr den Arm, denn die Musik setzte jetzt gerade ein,„ich habe keine eignen Ansichten über die Sache." „Haben Sie sich niemals eine Art Ideal gebildet?" „Weibliches meinen Sie?"' „Ja.". „Nein, das habe ich wirklich nicht gethan. Wenn ich mir etwas in dieser Beziehung für die Zukunft wünschen könnte, so wäre es, daß Tora und ich zusaminen alt werde,» möchten.,." „Auf einer Proviiizialarztstelle auf dem Lande," fiel sie sarkastisch ein. „Nein," erwiderte er herbe,„ich hoffe, daß mein Interesse für die Wissenschaft mich an einen andren Platz stellen wird." Als sie nach einer Quadrillentour wieder zusammen- kamen, sagte sie: „Sie sind ehrgeizig, Herr Lejer." „Ja, das bin ich, wenn Sie es so nennen wolle», gnädiges Fräulein. Ich habe wenigstens Angst davor, einer dieser Dutzeudstümper zu werden, für welche das ganze Leben ein Fehlschritt ist." „Das brauchen Sie wohl nicht zu fürchten," versetzte sie leise, indem sie graziös den Kopf neigte; man war bis zur vierten Tour gekommen und sollte die Damen wechseln. Ama tanzte den Abend nicht mehr: sie war so merkwürdig müde nach ihrer einen Franyaise und saß nun still in einer Ecke, den großen Fächer aus echten Straußenfedern leise in unbewußter Begleitung zu dem sanften Strom ihrer Gedanken hin und her bewegend. Als kurz vor dem Souper Günther allein an ihr vor- Überschritt, fragte sie hastig: „Wollen Sie mich zu Tische führen, Herr Lejer?" Er verbeugte sich artig. „Mit dem größten Vergnügen, gnädiges Fräulein." Alna war nicht gewohnt, daß jemand, es sei denn ein Geldfreier, diese Phrase mit mehr Wärme aussprach, diesmal indessen glaubte sie wenigstens sicher zu gehen, daß sie ebenso gern wie jede andre Dame genommen wurde, und das erfüllte sie schon mit angenehmer Befriedigung. «Tora, Dein entr� in die große Welt ist ja ein xranZ «uccds," flüsterte Ebba ihrer Freundin zu, als sie vor dem Essen ihre etwas derangierten Frisuren in Ordnung brachten. „Ja, nie in meinem Leben habe ich mich so amüsiert, denke Dir, zu fünf Ektratänzen bin ich aufgefordert." � Dora strich die langen Handschuhe glatt und zupfte an dem Gürtel, in dem Marie Luisens Rosen jetzt mit schlaffen Stengeln und braunen, zusammengerollten Blättern hingen. „Wen hast Du als Tischherrn?" Ebba war freundlich beschützend gegen dm kleinen Neil- ling, dessen sie sich angenommen hatte, sie selbst war ja all dieser Vergnügungen nächstens satt und wollte sich schon kommenden Herbst mit ihrem nicht gerade schwärmerisch ge- liebtm, aber doch hinreichend gern gesehenm Karl verheiraten. »Baron Stenhjelm," antwortete Dora auf Ebbas Frage. „Ach so, der. Findest Du ihn nett?" „Ja, Du etwa nicht? Er könnte allerdings etwas lustiger sein, aber er spricht so interessant von seinen Reism und allem möglichen." „Verliebe Dich nur nicht in ihn, liebste Dora, er ist arm wie eine Kirchenmaus." „Wie kann er dann Bälle und dergleichen mitmachen?" „Er macht Schulden, mein Engel, das ist sehr eowme >1 kaut." „Pfui, dann ist er ja kein ehrlicher Mensch." Ebba lachte über Doras entschiedene Ansichten und antwortete mit einer Erfahrung, die sie für sehr tief und gründlich hielt: „Nein, weißt Du, Dora, jetzt bist Du zu naiv. Er muß doch seiner Stellung Rechnung tragen, sonst würde es ja einen Skandal bei seinen Verwandten geben, und das ist auch nichts wert." „Er könnte arbeiten." „Ja, er schreibt auch einige Artikel für eine hippologische Zeitschrift, übrigens soll er sehr nervös sein. Komm, laß uns jetzt hineingehen und versprich mir, daß Du Deinen armen Baron nicht zu kurz abfertigm willst." Das that Dora nicht, sie hatte Mitleid mit dem bleichen, dunklen Manne, der wirklich aussah, als hätte er nicht die geringste Lebenskraft: sie hätte ihm gern etwas von ihrer Vollblutnatur abgegeben. Sie wirkte auf Kurt Stenhjelm wie Eau-de-Cologne aus einem Rafraichisseur. Er forderte sie zum Cotillon aus, da er hoffte, dann längere Zeit unauffällig mit ihr plaudern zu können, doch Dora selbst hinderte ihn hieran: ihr Sinn war zu sehr in An- spruch genommen von alleni, was sie hier umgab. „Es ist das erste Mal, daß ich auf einem größeren Ball bin," sagte sie offen und ließ ihn dabei in zwei leuchtende, kindlich glückliche Augen schauen, die nichts von dem zugleich Cynischen und Weltklugen in seinem Blick zu bemerken schienen. Sie war unschuldsvoller als die Mehrzahl der jungen Damen, mit denen er zusammenzutreffen Pflegte, und dies bereftete ihm Vergnügen, wie es einem Botaniker Vergnügen macht, eine unbekannte Blume zu erforschen. Einmal studiert wird sie dann achtlos in den Weggraben geworfen. „Ich wünschte, daß wir uns diesen Winter öfter träfen," sagte er und nahm ihren Fächer, mit dem er ihr sanft wedelnd das erhitzte, ungepuderte und ungeschminkte Gesichtchen kühlte. „Das kann ja leicht möglich sein," versetzte Dora fröhlich und guckte schräge hinter dem Fächer zu den tanzenden Paaren hinüber,„ich glaube, daß ich hier noch öfter eingeladen werde, und am Montag bin ich zum tliö dansant bei Fräulein Stjernvall, kennen Sie sie, Herr Baron?" «Ja, ich habe sogar die Ehre, zu ihrem Fest eingeladen tu fein." lSortsetzung folgt.)] „Rose ßemd" von Gerhart Hauptmann. lTeutsches Theater.)] Seit dem„Fuhrmann Hcnschel" und„Michael Kramer" ist Hauptmann solch ein Wurf wie dieses letzte Drama, über dessen starken Erfolg in der Sonnabendaufführung des Deutschen Theaters wir schon berichteten, nicht mehr gelungen. Es ist als ob der heimatliche Boden Schlesiens, zu dem der Dichter hier zurückkehrt, ihm neue Kraft gegeben. Der Dialog ist von freiester Natürlichkeit. knapp anschaulich und beziehungsvoll, die Charakteristik reich und eigenartig und in dem Ganzen weht der warme Hauch tief mensch- lichen Mitempfindens. Indessen wenn schon„Fuhrmann Henschel" in der losen Fügung der Bilder eher novellistisch als dramatisch an- mutete, so gilt das, freilich in einem andren Sinne, noch mehr von „Rose Bernd". Nicht, als ob es den einzelnen Scenen an dramatischer Bewegung fehlte. Das Tempo der Handlung ist rascher als im„Fuhrmann" und die Milieuschilderung, die dort breit wuchert, hat Hauptmann in dem neuen Stücke sehr eingeschränkt. Wer das Wesen und das Schicksal Roses ist solcher Art. daß nur die freie, an keinerlei Schranken der Form gebundene Kunst des Erzählers uns die inneren Znsammenhänge völlig überzeugend auf- zudecken vermöchte. Die Wandlungen dieser einsam sich in sich selbst abschließenden Seele entziehen sich gerade in den entscheidenden Mo- menten dramatischer Gestaltung, die den Schauplatz nicht beliebig wechseln kann und auf die indirekten Ausdrucksmittcl des Dialogs angewiesen ist. So sieht man in dem Drama Hauptmanns nicht sowohl das Werden als den Widerschein des Gewordenen. Bon Akt zu Akt nimmt die Gestalt der Rose andre Züge an. Die Zlvischen- glieder soll die Phantasie des Zuschauers aus wenigen Andeutungen erraten. Es ist wie im wirklichen Leben, wo uns auch dieselben Menschen oft in kurzer Zeit als gänzlich veränderte gegenüber treten. wo wir auch, um die Ursachen der Aenderung uns zu erklären, auf einzelne Jndicien angewiesen sind. Aber dieser Form der Dar- stellung, die in Hauptmanns Drama nicht willkürlich gewählt ist, sondern durch die weitverzweigte eigentlich novellistische Art des Stoffes selbst bedingt erscheint, anziehend durch impressionistische Reize, haftet zugleich etwas Zerstreutes, Schwankendes an, etwas, das an nächtliche, streifenweis wechselnd durch den Scheinwerfer beleuchtete Landschaften erinnert. Manches Dunkel, mancher unge- löste Zweifel bleibt auf dem Grunde. Ein gutmütiges frisches Bauernmädel, tritt uns Rose in den ersten Scenen bor Augen. Die Liebschaft mit denn Gutsbesitzer Flamm drückt nicht allzu schwer auf ihre Seele. Sie hat sich damit abgefunden:„Was de geschehen ist, bereu ich nich: Wenn ich o Hab genug in der Stille mutzt leiden. Mags dochl Das is o jetzt nich mehr zu ändern." Es war wohl nicht recht, sich einzulassen mit dem verheirateten Mann, aber die Frau ist lange Jahre krank. gar keine rechte Frau für ihn, und sie und Christoph hatten sich doch so von ganzen Herzen lieb. Nun aber muß ein Ende sein. Denn der Vater drängt, sie möge heiraten, und warum soll sie es nicht thun? Der stille blasse Keil, der schon lange um sie wirbt, ist so ein guter Mensch. Und vor allem hat sie Mitleid mit ihm.„August hat o ausgestanden genug!— Dem sein Krankheit und dem sein Unglücke... Das tutt einen ja in der Seele leid." Der Abschied drückt ihr das Herz ab, aber sie bleibt standhaft. Kaum daß sie allein, schleicht der Verderber heran. Der Maschinist Streckmann hat die Liebesstunde, die die letzte sein sollte, belauscht. Und nun droht der Lump, wenn ihm das Mädel nicht auch einmal zu Ge- fallen sein werde, ihr Geheimnis zu verraten. Wir hören später. daß er, wie ein Bluthund sich an die Ferse Roses heftend, sein infames Ziel erreicht hat, ohne es doch bei der nur andeutenden Motivierung völlig verstehen zu können, zumal sich Rose damals schon Mütter fühlt und weih, daß sie doch einmal dem Verlobten den Fehltritt wird gestehen müssen. Im Hause Flamms ist Rose aufgewachsen, und die kluge gütige Frau, eine der schönsten Gestalten, die Hauptmann je geschaffen, hat das Mädchen ins Herz geschlossen. An ihren Rollstuhl gesefselt. sieht sie die dumpfe jagende Angst der Armen, die einst mit ihrem Kurtel gespielt hat, und. einen Teil der Wahrheit erratend, bietet sie der Verzweifelnden lind mütterlich die Hand:«Bist Du krank. Rosine... Du hast heute Morgen Blumen gebracht. Hast o Kurtels Grab wieder am Sonntag bekränzt? Kinder und Gräber sein Weibersachen? Gelt Rose?— Ich dank Dir scheene dafir l Dein Vater der hats mit der Mission mit a Bibclstunden und all solchen Sachen. A spricht alle Menschen sein Sinder dahir und a will se alle zu Engel machen. Kann sein, a hat recht, ich verstehs ebens nich. Ich Hab ane eenzige Sache gelernt: nehmlich was ane Mutter is hier uff der Erde und wie die mit Schmerzen gesegnet is." Ueberwältigt röchelnd in stummem Geständnis sinkt Rose auf die Knie und küßt ihr die Hände. Und ruhig spricht die Kranke weiter: „Verlatz Dich uff mich. Mir sein überhaupt die Väter ganz gleich- giltig: ob's a Landrat oder a Landstreicher is. Mir miss'n de Kinder doch selber zur Welt bring'n. Da derbeine hilft uns doch keener nich." Rose hat sich aufgerichtet. Von dieser Frau, deren Ver- trauen sie so schlimm getäuscht hat, darf sie keine Hilfe annehmen. Aber die Worte haben einen neuen Mut in ihr angefacht. Sie will kämpfen und arbeiten für das Kind. Es muß einen Vater haben. August Keil wird sie nicht verlassen, auch wenn das Schreckliche offenbar wird. Aber auch jetzt wagt sie in einem übermächtigen Schamgefühle nicht, sich dem Verlobten anzuvertrauen. Immer wieder schiebt sie das Geständnis heraus und verstrickt sich in tiefere Schuld. Streck- mann hat Verschwiegenheit geschworen, das macht sie erst ruhig. beinahe heiter. Aber nun verfolgt er sie mit neuen, schmutzigen Anwägen. Wütend speit sie ihm ihren Hätz und Etel ins Gesicht. Es kommt zu einem Kampfe zwischen Keil und Streckmann, und der Elende rächt sich durch eine niederwächtige Beschimpfung des Mäd- chens. Ter alte Bernd, der an die Unschuld seiner Tochter wie an das heilige Testmnent glaubt, swengt eine Klage gegen den Be- leidiger an. Und Rose, vor Gericht citiert, schwört alles ab. Ein Bild des Jammers Witt sie auf dem Heimweg in das Flammsche Haus. Frau Flamm hat erfahren, datz Rose die Ge- liebte ihres Mannes war. Aber so bitter sie den Schmerz empfindet, über ihre Lippen kommt kein hartes Wort. Auch dann nicht, als Rose besinnungslos, hinter frechem Trotz und hochfahrenden Lügen- reden ihre Todesangst verbergend, die angebotene Hilfe zurückstötzt. «Mädel, Du hast nich die Wahrheit gesagt vors Gericht... Wie kommt Dir denn ein so unsinniger Gedanke?" Ein gebrochener Schrei klingt aus Roses Mund:„Ich hoa mich geschaamtlll Ich hoa mich geschaamtlll" Aber Rose hört nicht mehr den gütigen Zuspruch, entsetzt starrt sie auf Flamm, ihn, dessen Liebe all das Elend über sie gebracht, und der sich nun in Hätz und höhnischer Verachtung von ihr wendet. Sie flieht hinaus. In den grotzen tiefgeschauten Scenen des vierten Aktes kulminiert das Drama. Der letzte Aufzug spielt am Abend desselben Tages in dem Häuschen des alten Bernd. Gebrochen schleppt sich, von einem Nach- bar gestützt, Rose zur Thür hinein. Das Aeutzerste ist geschehen, sie hat ihr Kind gemordet. Markerschütternd, unendlich rührend und dann wieder voll wilden Trotzes, tönen ihre Klagen:„Vater I— Ich lebel— Ich sitze hier I— Das iis was!— Das heetzt was, datz ich hier sitze I Ich dächte, Voater, Sie mitzten das sehn! Das iis ane Welt!— Da sein Sie vcrsunkal— Da kinn' Sie mer nischt nimeh anthun dahierl O Jees, ei een kleen Kämmerla lebt ihr miwanderl Ihr wiht nischt, was autzern der Kammer geschieht I Ich wihl ei Krämpfen Hab ich's gelernt! Da is— ich weetz ni— all's von mir gewichen— als wie Mauer um Mauer immer zu— und da stand ich drautz'n, im ganz'n Gewitter— und nischt mehr war unter und iber mir!>— Da seid Ihr de reensten klenn' Kinder dagegen... Ich ha mein Kind mit a Hända der- wergtll... Ich bin ganz klar! Ich bin ni besessen! Ich bin ganz klar bin ich aufgewacht. S' sullde nia lebal Ich wullte's nill's sullde nie meine Martern derleidal's sullde durt bleib'n, wo's hingeheert..." Ohnmächtig bricht sie in den Armen des weuen Keil zusammen. Die Darstellung war glänzend. In erster Reihe standen Else Lehmann als Rose, Paula Conrad, der Wiener Gast, als Frau Flamm und Bassermann als Maschinist Streck- mann. Herr R i t t n e r spielte den Flamm, Sauer den alten puritanischen Bernd. Ganz überraschend fein in der Rolle des Keil war ein noch wenig bekannter Schauspieler, Herr Karl F o r e st.— Conrad Schmidt. Kleuiee fciullcton. th. Eine Einladung. Sie patzten nicht in das kleine, enge immer, sie patzten alle beide nicht dahin. Sein Gehrock und der lanke Cylinder, die weitze Weste und die Krawatte gehörten viel eher in einen Salon. Die Seide ihrer Unterkleider raschelte bei jeder Bewegung. Sie nahm den eleganten Schneidcrrock auch sehr sorgsam zusammen, ehe sie sich auf den alten klapprigen Stuhl niederlietz. Mit einer kühl hochwütigen Miene musterte sie jeden Gegenstand im Zimmer. Die alte Frau hatte sich auf das Sofa gesetzt, sie schlang die Hände um die Knie und sah mit einem glücklichen Lächeln auf das hübsche stattliche Paar.„Also, in drei Wochen ist Hochzeit. Nein, wird sich Grete freuen." „Ja, da Hans schon jetzt Zulage bekommt, Iveitz ich nicht, warum wir noch länger warten sollen," sagte die Braut,„die Wohnung haben wir ja; fertig ist auch alles, wozu sollen wir also die Geschichte noch bis Weihnachten aufschieben?" „Nu natürlich, natürlich I Und wenigstens kommt HanS denn aus den möblierten Stuben raus. Nein, mein kleiner Hans im eignen Heim l" Die Stimme der alten Frau zitterte vor Rührung. Sie strich dem Sohn liebkosend über das Gesicht und wiederholte es noch einmal:„Im eignen Heim— in solchem schönen Heim." „Na ja, kosten lassen hat sich's ja Papa was," sagte die Braut in einem protzigen Ton.„Hans wird gar nicht wissen, wie er sich vorkommt in solcher Umgebung." Wieder flog ihr Blick über das Zimmer. „Na, erlaub' mall" Der junge Mann wollte auffahren; auch über das Gesicht der Alten flog ein Schatten. Sie sagte entschul- digend: „Ja, schön ist es ja nicht mehr bei uns, Elly, früher war's aber auch anders. Das ist so nach Vaters Tod gekommen, da ging ein Stück nach dem andern fort, wenn Grete nicht so fleitzig geschneidert hätte, wär' es vielleicht nicht mal so geblieben." „Du hast aber geholfen, Mutter." Die Stimme des Sohnes wurde weich. „Ach ich," sie wehrte ab,„was denn? Gehöften Hab' ich und Fäden verputzt, das war alles. Aber unsre Grete," sie wandte sich der Braut zu,„Du kannst Dir nicht denken, wie fleitzig unsre Grete war. Hat manchmal die ganze Nacht durch genäht, hat uns alle über Wasser gehalten. Na ja, was hätte denn sonst auch werden sollen? Hans war doch noch ein Lehrjunge mit zwanzig Mark Gehalt im Monat. Wenn Grete nicht so tüchtig gerackst hätte,' konnte er vom Comptoir weggehen und Laufjunge werden oder so was..." „Das hätte ich ja nun nie gethan!" Hans warf sich in die Brust und lachte auf:„Laufjunge, wo Papa Kaufmann war?" „Es war' wohl nichts andres übrig geblieben, wenn Grete nicht gewesen wäre." „Nun, eS war ja auch Gott sei dank nicht nötig," schnitt Elly kurz die Rede ab:„Ich denke auch, wir wollen von unsrer Hochzeit reden?" „Ach ja, von der Hochzeit I" Er nickte. Es entstand eine Pause. Die Mutter sah etwas verdutzt von einem zum andern:„Ja, was ist denn?" Hans spielte mit seinem Uhrgehänge und schlvieg, die Braut zupfte an ihrer Muffe, dann sah sie plötzlich auf:„Es wird nämlich eine sehr elegante Hochzeit, Papa will es sich etwas kosten lassen, na ja,»vir können es ja haben. Papa lädt alle Verwandten ein, und weitzt Du, wir haben sehr vornehme Verwandte. Onkel Karl ist sogar Rechtsanwalt und Vetter Fritz Rechnungsrat und Vetter- Paul hat doch eine grotze Fabrik!" „Und Du kommst nattirlich auch, Mama," fiel Hans ein,„natiir- lich, Du darfft nicht fehlen". „Na, wo werde ich denn fehlen wollen? Ich werde fehlen, wenn mein Junge Hochzeit macht..." Die alte Frail lachte herz- lich:„Gewih komme ich. Ich habe schon mit Grete gesprochen. Sre macht mir mein schwarzes Wollkleid mit Spitzen zurecht; sie selbst hat ja noch ihr Weihes von ihrer Hochzeit her." „Hm..." machte Hans; die Braut hob rasch den hübsch frisierten Kopf:„Na, das geht nun wohl nicht, Mutter, das alte schwarze Wollkleid, das ist ja schon ganz blank. Darüber mach' Dir nur überhaupt keine Sorgen, Mama will Dir eins von ihren alten seidenen geben, sie lätzt es Dir auch von ihrer Schneiderin auf- arbeiten l" „Aber, nein... nein..." Die alte Frau flihr auf. Elly machte eine abwehrende Handbewegung:„Ach latz doch, Du brauchst Dich ja gar nicht zu bedanken. Mama thut es ja doch auch unsretwegen, damit Du repräsentabel aussiehst. Wo es nun schon so viel kostet, kommt es auf zwanzig Mark mehr auch nicht an." „Aber das thue ich ja auf keinen Fall," die Stimme der alten Frau zitterte, sie grub die Finger in die Sofapolster, als wollte sie etwas zerdrücken:«Nein... nein... wenn ich Euch nicht gut genug..." „Ach, gar nichts bist Du..." Hans schnitt ihr rasch die Rede ab. Eine dunkle Glut schotz in sein Gesicht. Er warf der Braut einen grollenden Blick zu:„Für Mlitters Kleid sorge ich. DaS ist doch wohl selbstverständlich." „Ich finde. Du hast auch so genug Ausgaben und wo Du Mutter schon im Monat zehn Mark giebst, thust Du doch wahrlich, was Du kannst." Ellhs Stimme klang scharf und spitz, er knickte auch sofort zu« sammen und sagte entschuldigend:„Na, ja und eigentlich könntest Du es wirklich annehmen, Mutter, es ist doch gut gemeint von den Schwiegereltern." „Ach, sie nimmt es ja auch," sagte Elly mit eineru Versuch zu scherzen.„Aber da reden wir und vergessen die Hauptsache, Hans, Du wolltest es doch sagen— wegen Grete." „Ach ja, wegen Grete..." Er zupfte wieder an seiner Uhr- kette. „Was... was ist mit Grete?"... Die Mutter sah mit fragenden Blicken auf den Sohn, aus ihrem runzeligen Gesicht war auch die letzte Spur von Glück verschwunden. „Ach Gott, nichts... Elly meinte nur.. „Nein, Du hast gesagt..." „Nein, bitte, von Dir ist es ausgegangen..." „Aber, Dtl hast auch gefunden..." „Aber so sagt doch endlich, was ist denn?" Die Hände der Mutter krampsten sich zusammen.„Na ich finde auch, wir kommen zur Sache!" Elly strich die dänischen Handschuhe glatt:„Ja, Mutter, es ist ja eigentlich furchtbar peinlich, aber sieh mal, ich Hab' Dir doch schon gesagt, es wird eine vornehme Hochzeit, lind unsre Verwandten sind vornehme Leute und nun Grete mit lhrem Mann.... Soll man Httva sagen, datz Hansens Schwester mit einem Zuschneider verheiratet ist?-,. Wenn Du es ihr nur beibringen könntest, Mutter!..." „Was? Datz sie Euch nicht gut genug ist?" „Nein, aber gar nicht! Nein. Mutter, Du mutzt doch das be- greifen..." Hans nahm ihre Hand.„Nein Mutter, sei doch nur gut, es ist uns ja selbst schmerzlich, aber.. »Warum hat sie denn nur solchen Handwerker geheiratet?" Elly sagte es mit einer wahren Unglücksmicne.„Natürlich, er ist ja sehr achtungswert und tüchtig, aber der Stand! I ch stoße mich ja nicht daran, aber die verwandten. Und wie steht dann Hans vor den Verwandten da, wenn er gleich mit solchem Schwager kommt, er heiratet doch nun mal in'ne bessere Familie," „Du muht c-Z begreifen, Mutter", wiederholte Hans.„Nein, bitte, sei doch nicht böse, überlege doch und Du mußt es verstehen!" „Ich verstehe ja auch schon,.. ja, ja, ich verstehe," Die alte Frau nickte mit starren Blicken vor sich hin,— k. Historisches vorn— Niesen. Zu einer„zeitgemäßen", sehr unterhaltenden Plauderei wird der„Scicntisie American" durch die Frage eines Lesers nach der Bedeutung des Niesens angeregt. Er glaubt sie am besten durch folgenden historischen Exkurs beantworten zu können: Thatsache ist, daß die Mehrzahl der alten und neuen Völker das Niesen gewöhnlich als Unheil verkündend angesehen haben, In vielen Ländern und bei vielen Völkern ist es noch üblich, beim Niesen einen Gruß oder Segen auszusprechen, was ein Ueberbleibsel der Furcht vor Krankheit ist, die durch das Niesen vorher angezeigt werden soll. Der fast allgemeine deutsche Brauch, beim Niesen zu sagen„Zum Wohl" oder„Gesundheit", soll seinen Ursprung von der großen Pest im 14, Jahrhundert herleiten. Eins der ersten An- zeichen einer Ansteckung lvar ein einmaliges Niesen, ans das sich bald ein häufiges Niesen in schneller Folge einstellte. Wenn daher jemand nieste, nahm man an, daß er von der Pest angesteckt ivar, und alle, die ihm nahe waren, empfahlen ihn der Sorge des Himmels lind machten sich in aller Eile aus dem Staube. Allgemein glaubte man, daß dies der Ursprung des Brauches ist: aber ähnliche Bräuche finden sich auch bei den wildesten Stämmen in Asien, Afrika und Australien. Ueberdies ist die Litteratur der Griechen, Römer, Aegypter, Juden und andrer alter Völker voll von Anspielungen auf einen ähnlichen Aberglauben, über das Niesen, Aristoteles sucht ihn wie folgt zu erklären:„Wenn jemand niest und seine Umgebung ihn grüßt, so geschieht das zur Ehrung dcS Gehirns, das der Sitz des Verstandes und Geistes ist," Die jüdischen Rabbiner behaupten, daß Adam genau dann zum erstenmal nieste, als Eva ihm den Apfel zum Essen hinhielt. In Erinnerung daran sah Adain es als böses Omen und Anzeichen nahenden TodeS an. So verhielt es sich bis zu Jakob. Dieser nieste eines Tages, und da er einer solchen Kleinigkeit ivegen nicht sterben lvollte, bat er Gott, diese Ordnung der Dinge zu ändern, und mit Rücksicht auf den Patriarchen wurde das Gebet erhört. Von jener Zeit wünschten, immer nach den Schriftgelehrtcu, die Umstehenden den Niesenden Glück und Ge- sundheit. Leser der Bibel werden sich daran erinnern, daß Elisa sich über die Leiche dcS Sohnes der Sunamitin warf, und„daS Fleisch des Körpers wurde warm,.. das Kind nieste siebenmal und öffnete die Augen". Die Griechen, die alle alten und ererbten Gebräuche verfeinerten, und nach ihnen die Römer hatten einen kunstvollen Kodex, nach dem sie unterschieden, ob ein Niesen als günstige oder ungünstige Vorbedeutung angesehen wurde; der Unter- schied wurde je nach Zeit, Ort und Umständen des Niesens gc- macht. Zwischen Mittag und Mitternacht war das Anzeichen günstig, wenn nicht der Mond gerade im Zeichen der Jungfrau, der Wage, des Krebses oder des Skorpions stand•, dann wurde es ein böses Oincm Niesen beim Aufstehen vom Tisch oder aus dem Bett zeigte den nahenden Tod des Niesenden an, Griechen und Römer sahen das„Niesen nach rechts" als sehr glückliches Omen an, Wenn die Griechen jemand sahen, der ein sehr schönes Gesicht oder eine schöne Figur hatte, so sagten sie:„Sicherlich hat EroS bei seiner Geburt geniest." Viele wilde und halbcivilisicrte orientalische Rassen haben seltsame Bräuche beim Niesen. Wenn der Sultair von Monomotopa niest, wird das durch ein Signal vom Palast bekannt gemacht. Sogleich schreit jeder Unterthan," der das hört i dieser Schrei wird von den andren aufgenommen, und so eilt er durch daS ganze Reich bis zu den Grenzen, Wenn dagegen der Sultan von Senaar niest, wendet ihm jede Frau seines Harems den Rücken zn und macht ein verächtliches Zeichen, daß eine so mächtige Persönlichkeit wie ein gewöhnlicher Sterblicher niest,... Theater. N eu e fr e i e V o l ks b ü h ne lNeues Theater):„Neigung", Ein Schauspiel in vier Aufzügen von Jakob Julius David,— ES ist nicht das erste Bühnenstück des auch unfern Lesern als Lyriker und Novellist bestens bekannten östreichischen Schriftstellers. Daß er im Wiener Leben wurzelt, beweist sein Familicndrama, in lvelchem intim beobachtete, unverfälschte Typen die Handlung verkörpern. Dieser Kassierer von Köstler, die Hauptperson des Ganzen, ist gewiß kein Krösus des Geistes, wohl aber der Güte. Das echte Wienertum offenbart sich darin. Man mag es als Charakterschwäche deuten oder nicht. Jedenfalls lvollte der Dichter an KöstlerS Schicksal darthun, daß zu viel HerzcnSgütc ins Verderben führt. Ilm seine Familie nach einem mühevollen, inageren Leben endlich einmal sorgenfreieren, schöneren Tagen entgcgcnzufiihren, plagt sich der Mann seit Jahren mit allen unmöglichen Plänen eines Erfinde??. Von einem Projekt gerät er in das andre, eine Illusion vom Glück des Reichtums ge- biert die andre. Schließlich glaubt er felsenfest, daß er ein Er- findergenie fei. Gute Freunde haben ihren Spaß damit und be- stärken ihn in seinem Wahn. Und so ist er zum Verbrecher ge- � LlaliilS Kaliski in Berlin.- Druck und Verlas: worden, Er hat schon lange Gelder unterschlagen. Keiner ahnte eS. Aber auf dem Manne lastet das Schuldbewußtsein, Einmal muß die Defraudation entdeckt werden. Sein Wesen wird verstört— und eines Tages stürzt er sich im Wahnsnm zum Fenster hinaus. Mit dem Leben zahlt er die Sünde, Da sind nun noch seine Frau und.Kinder, Der Sohn hat die Beamten- karriere eingeschlagen. Ein Bürgermädchen ivar sein„Vcr- hältnis". Als er die Arme unglücklich gemacht hat, stößt er sie von sich>veg. Denn er wird ein reiches Mädchen heiraten. Hat man Geld, hohe Stellung, so ist man auch ein„anständiger" Mann und kann auf Güte und Menschenliebe pfeifen. Die Aeltcste ist Gemeindeschullehrerin, Sie entsagte einem Kollegen Dr, Weißl, der um sie warb, den sie liebt. Nachdem der Bruder sich auch von ihnen allen trennte, wird sie der Mutter Altersstütze sein. Die jüngste Schwester, noch ein Backfisch, geht einen andren Weg, Ihr bißchen Französisch und ihre hübsche Larve wird ihr förderlich sein — sie wird Konfektioneuse— und sich im Strom deS Genußlebcns verlieren. Bis hieher konnte man dem Dichter folgen. Aber er bc- sann sich, daß man dem Geschmack des Publikums Konzessionen machen müsse, um sein Drama„gut" ausgehen zu lassen. So bringt er also auch die Lehrerin unter die Haube, Das Stück hat große Schwächen, Es ist vor allem kein Schauspiel, es verliert sich allzu- sehr in der Rührseligkeit eines Wiener Familicndramas. Es ist aus weichstem Stoff, Der Novellist steht dem Dramatiker sehr oft im Wege, Dein Epiker mockite es Ivohl behagen, zu schildern, lvie die Lehrerin durch Erzählung eines symbolischen Märchens— übrigens ein altes novellistisches Motiv— dem schüchternen Doktor ihre Liebe offenbart. Im Licht der Bühne verfängt das nicht. Menschendarstellung ver- trägt keine Lyrik, da verblassen alle schönen Farben, Trotz aller an- gedeuteten Mängel fehlte es dem Stück nicht an Beifall, Er äußerte sich sogar am Schlüsse des dritten Aufzuges sehr nachhaltig. Freilich hatte die vorzügliche Darstellung den Hauptanteil am Erfolge. Joseph Giampietro gab als Köstler einfach eine Meister- leistung, DaS Urlvienertum irnt feinen großen Vorzügen und ver- zeihlichen Schwächen gewann hier leibhaftige Verkörperung, Aus- gezeichnet trafen auch Fritz Spiro, Helene R o s n e r, Lucie Höflich, Emile Giesran und Hedwig W a n g e l den WesenSkern ihrer mehr oder minder glücklichen Rollen,— e. k. Technisches. gr. Kachelöfen mit eisernen H e i z e i n s ä tz c n. Um dem altbewährten Kachelofen die Vorteile eines recht schnellen Heizens zu verschaffen, ist man seit einiger Zeit bemüht, eiserne Ein- sätze zu verwenden. Bei den bisher zur Verwendung kommenden Kachelöfen mit eisernen Heizkästcn und Luftcirkulation fand die Zu- strömung der kalten Luft von außen durch das Gitter statt. Wurde nun der eiserne Einsatzkasten durch die Ofenthür verschlossen und besaß derselbe in seinen Wandungen Risse oder undichte Fugen, so war hiermit trotz der luftdichten Ofentür der Zimmerraum mit dem Schornstein in Verbindung gebracht, so daß die warme Zimmerluft sowohl wie die im Innern des Ofens aufgespeicherte Wärme fortdauernd durch den Einsatzkastcn hindurch in den Schorn- stein abgesaugt Ivurde. Um diesen Fehler zu beseitigen, benutzt man jetzt eiserne Einsätze für Kachelöfen, bei denen mit dem Abschließen des Keizkastcns auch gleichzeitig die Abstellung der Luftcirkulation zwischen Ofenmantel und Heiz'kasten durch die FcuerungSthiir erfolgt. Der im Innern des Kachelofens angebrachte und mit feuerfestem Material umkleidete eiserne Einsatz bezweckt, neben verbesserter Wärme-Abgabe möglichst große Heiz- flächen zu schaffen und eine fortwährende Erwärmung der den Ein- satz von unten nach oben durchströmenden Zimmerluft zu schaffen, Zu diesem Zweck ist der Einsatz oben mit einer Oeffnung versehen, durch welche die erwärmte Luft Ivieder in das Zimmer tritt. Der unterste Teil dieses Einsatzes kann gleichzeitig als Wärmröhre benutzt werden. Diese praktische Erfindung ermöglicht nicht nur ein recht schnelles Anheizen eines so verbesserten Kachelofens, sondern sie er- laubt auch die Verwendung von Holz, Kohle, Cooks oder Briketts als Heizmaterial,— Notizen. — Leo Tolstoj hat eine Abhandlung über Shakespeare vollendet,— — In Wien wurde eine von Hermann Bahr beabsichtigte Vorlesung der Schnitzlerschcn Skizzensammlung„Reigen" poli- zcilich verboten.— — Halbes„Strom" erzielte auch bei der Aufführung im M ü n ch e n e r S ch a li s p i e l h a n s e einen starken Erfolg,— — Otto Julius Bierbaums Drama„Stella und A n t o i n e" wird anfangs Januar im Berliner Theater gegeben werden.— — Im Leipziger Alten Stadttheater lvurde v, S ch l i ch t s Lustspiel„Lieb es manöver"(Premiere) freundlich aufgenommen.— Vorwärts Bmbdruckerei und Verlaosanilalt Paul Singer& Co., Berlin SW