Nnterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 217. Donnerstag, den 5. November. 1903 lNnchdruck vcrboten.) 26] Kleinbürger. Roma« von Elisabeth K u y l e n st j e r n a. EineS Sonntags im Mai ging Dora ganz allein aus und traf zufällig Kurt Stenhjelin, den sie seit dem Theaterabend nicht wiedergesehen hatte. Er schien erst nach einem höflichen Grus; seinen Weg fort- setzen zu»vollen, da er aber den niedergeschlagenen Ausdruck in Doras eben noch so freudestrahlendem Antlitz bemerkte. blieb er stehen und fragte konventionell: „Gehen gnädiges Fräulein ganz allein spazieren?" „Ja, ich habe niemand, der mit mir gehen könnte." „Darf ich meine Begleitung anbieten „Ich möchte es wohl, aber ich weis; nicht, ob es sich schickt." Er>vich ihrem halb ängstlichen, halb bittenden Blick ein wenig ans. Jede andre der jungen Damen seines Verkehrs würde bestimmt gewußt haben, daß es sich nicht schickte, und er wußte selbst, daß es eine Versuchung war, in die er sich stürzte, eine Versuchung, die er mit redlichen Willen zu bekämpfen verflicht hatte, weil er wirklich etwas von Dora hielt. Es konnte sich bei ihr niemals um eine banale Liebelei handeln, und eine ernste Leidenschaft?— ebenso unmöglich. Verdammtes Schicksal, das ihre Wege zusammenführen mußte, doch ein Mal war kein Mal. Sie hielt inne. „Warum bleiben Sie stehen?" „Ja, wenn Sie schweigen. Herr Baron, und nicht auf meine Fragen antworten, so heißt das wohl so viel als, daß es unpassend ist." Sie hatte sich so augenscheinlich über diese kleine Zcr- sttennng gefreut, daß er ja fast ein Barinherzigkeitswerk that, tvenn er diesem nach Abwechselung lechzenden jungen Menschenkind ein Vergnügen bereitete. Da war sicherlich nichts zu erwägen. Nein, waruni sollte es unpassend sein? Wir können ja unsre Schritte durch den Norrtullsgatan nach dem neuen Kirch- Hof lenken, dann halten wir uns höchst comine il kaut im Menschenstrom," sagte er hastig. Sie näherte sich ihm unbekümmert und ging gerade und anmutig mit sorglos zierlichen Schritten neben ihm, indem sie von allem möglichen zu plaudern begann. Sie waren ein paar Stunden fort gewesen, zuletzt be- gleitete er sie noch nach Hause. „Gehen Sie nienials an Alltagen spazieren?" fragte er. nachdem er hastig ihre kleine weiche, lebenswarme Hand gedrückt hatte. „Nein fiir gewöhnlich nicht." „Möchten Sic nicht einmal nach dem Tiergarten gehen, mor... Mittwoch meine ich, falls es schönes Wetter ist?" „O ja." „Wo»vollen wir uns treffen? Er räusperte sich, seine Stimme war so eigentümlich heiser geworden. „Bcstunmen Sie nur, Herr Baron!" „Bei dem großen Eingangsthor uin sechs, paßt Ihnen das, gnädiges Fräulein?" „Ja, ich»verde kommen. Besten Dank für heute I" Zwei, dreimal waren sie auf diese Weise zusai»ln»en aus, und Dora war immer voll sprudelnder Lustigkeit: sie hielt indessen diese Spaziergänge aus instinttiver Furcht, daß sie ihr verboten»vcrden könnten, vor den Ihren geheim, doch als Günther Anfang Juni einer Einladung nach Schonen folgte, um sich dort einen Monat zu erholen, kam es wie eine Erleichterung über sie. Es war durchaus nichts Unrechtes und Gefährliches bei diesen Zusaminenkünftcn, trotzdem hätte sie es aber nicht gern gesehen,»venu Günther sie mit dein Baron getroffen hätte. Nach Günthers Abreise verging indes eine ganze Woche, ohne daß sie von Kurt hörte, und sie»vnrde nervös und ge- reizt»vie ein verzogenes Kind, dem man sein liebstes Spiel- zeug»vegnimint. Eines Vormittags jedoch telephonierte er ins Coniptoir und fragte, ob sie Zeit hätte, am Nachinittag aus- zugehen. Dora ant>vortete sogleich zustimmend, und sie einigten sich iiber den Ort, an welchem sie sich treffen»volltcn. Obgleich sie die Zeit genau abgepaßt hatte, war er schon vor ihr dort»ind kan» ihr nun mit einem eigen- tüinlich brennetiden, konvulsivisch beherrschten Ausdruck in seinem bleichen Gesicht entgegen. „Wir gehen»vohl nach dein Tiergarten hinaus," sagte er in merkivürdig ft-eindklingendem Tone. „Ja," antwortete Dora, und sie schlugen den Weg dahin ein,„»varum sind Sie so unsichtbar gewesen, Herr Baron?'' „Ich habe viel zu thun gehabt. Ich»vill in einigen Tagen verreisen; der Sommer ist unerträglich hier in Stockholm." Er sprach gezwungen»vie von innerer Unruhe gehetzt. „Und ich muß hierbleiben und arbeiten. Dann werde ich ganz allein sein. Diese kleinen Spaziergänge sind»nein Sommervergnügen geivcsen. „Werden Sie sie sehr entbehren?" „Ja, ich sage ja, daß ich nachher gar kein Vergnügen mehr habe." „Arme Kleine I Aber wenn der Winter kommt, trösten Sie sich wohl?" „Bis dahin ist noch lange, und außerdem»var es, vielleicht mein einziger Winter. Wissen Sie, Herr Baron daß ich es mir schrecklich getvünscht habe, ebenso verständig und genügsam»vie alle ineine Bekannten zu»verde»», aber es geht nicht. Wenn alles so düster und lang»veilig ist, möchte ich gegen das Schicksal antoben, doch konnnt dann nur der geringste Sonnenstrahl, bin ich s o dankbar, und jetzt sind S i e dieser einzige Sonnenstrahl, den ich habe." Ihre»veiche, kindlich reine Stimine verlieh allen in ihr »vogenden Gedanken einen deutlichen Ausdruck, er jedoch war in diesem Augenblick gefühllos gegen den Kampf, in dein sich ihre Seele befand; er stand wie Xerxes und peitschte die Wogen seiner aufrührerischen Sinne»nit Eisenketten. Endlich sagte er mit vor unterdrückter Leidenschaft bebender, herber Stimme: „Wissen Sie, zu welchem Preise Sie diesen Sonnenstrahl erkauft haben? Ich will eS Ihnen sagen„ wenn Sie sich einen Augenblick hier zu mir auf dio Bank setzen wollen. Seien Sie unbesorgt, Sie haben nichts zu fürchten. Es läßt sich nicht ändern, zwei erivachsene Menschen haben nicht das Recht mit dem Feuer zu spielen, wenn sie nicht auch den Mut haben, in die Flammen hineinzublicken." Tora wandte sich von ihm ab, sie konnte seinen Blick, der sie»vie der eines blutgierigen Raubtieres anglühte, nicht aushalten. Sie»vnrde blaß vor Schreck, und doch sah sie ein, daß sie jetzt vor etwas Unausweichbarein stand. „Ich will gehen," sagte sie undeutlich; die Stille und Einsanikeit rings umher schreckte sie, sie stand auf und ging einen Schritt vorwärts, doch er hielt sie auf und zog sie»nit tvildcr Heftigkeit an sich. Sie fühlte seine Küsse auf ihrcin Gesicht, ihrein Hals, ihrem Haar, sein glühendheißer Atem schlug ihr entgegen, und seine feinen, aristokratisch schmalen Hände umklainmertcn ihren Leib in zügelloser Leidenschaft. Sie»vagte nicht eininal zu weinen. Sie vernahm nur den Laut der trunkenen Liebesworte,»velchc er murmelte, Worte ohne Znsammenhang und Inhalt, Worte zu der schrankenlos leidenschaftlichen Melodie gesetzt, die in seinem Innern tobte. Endlich ließ er sie los und strich sich einmal über das andre langsam mit der Hand über die Stirn. Dann setzte er den Hut wieder auf und sagte in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete: „Ich»vill Sie zur Pferdebahn begleiten." „S i e?" Dora blickte erschrockeii zu ihm auf. Sie hatte diesen Ausbruch als eine schreckliche, fast schimpfliche Werbung aber iminerhin doch als ctwao, das ihn verpflichtete, sich für gebunden anzusehen, betrachtet. Sie hatte ja längst gelvußt, daß er sie liebte, und sie dachte sich dies als eine Legitimierung seiner Gefühle. Jetzt»vürden wohl die Worte folgen, ruhiger und überlegter, in denen er sie bitten würde, sein zu werden. „Fräulein Lejer!" Sie zuckte zusammen, „Können Sie mir verzeihen?" „Verzeihen.. „Ja, und wenn möglich vergessen. Ich habe Ihnen unfreiwillig gezeigt, welcher Sklave seiner Leidenschaften der Mensch sein kann. Wenn Sie weniger unberührt gewesen wären, hätte ich nicht dafür einstehen können, wie dies geendet hätte, so aber sind Sie wie ein spielendes Kind, das gedankenlos seine erste Warnung erhalten hat. Sie ahnen noch nichts von diesem glühenden, alles Gute verzehrenden Seelenkampf, der in uns armen Erdenwürmern toben kann; es hat Stunden gegeben, in welchen diese Ihre Unwissenheit mich fast verrückt gemacht hätte. Jetzt wissen Sie indessen, wohin mich das Zusammensein mit Ihnen treibt, und ich bitte Sie, mir aus dem Wege zu gehen, ebenso wie ich, so weit ich noch einen Funken Ehre im Leibe habe, Ihnen ausweichen werde." Sie wurde blutrot über das ganze tiefgesenkte Antlitz, plötzlich stand die Bedeutung der erniedrigenden Scene mit peinlicher Klarheit vor ihr, und sie fühlte sich gedrückt durch eine Scham, die ihr allen Mut raubte. „Fräulein Dora, liebe kleine Tora," sagte er zärtlich, aber ruhig,„wenn ich etwas andres als ein gefallener Mann gewesen wäre, hätten Sie nicht über nieine Liebe erröten brauchen. Tann würde sie vielleicht einen reineren und besseren Charakter angmommen haben. Mein Leben ist ver- fehlt; mit Ueberlegung würde ich Sie nie zu meiner Unglücks- gefährtin gemacht haben, doch Ihre Jugendfrische übte eine Zauberkraft auf mich, die Sie nicht zu ahnen vermögen." Sie ging still mit gesenktem Kopfe und raschen, unruhig schwankenden Schritten. Bei der Pferdebahn angelangt, sagte sie ein kurzes„Adieu" und eilte in den Wagen, wo sie sich in eine Ecke drückte und mit den hervorquellenden Thränen kämpfte. Als sie in die Stadt kam, war die Uhr nicht weit von acht, doch sie scheute sich, nach Hause zu gehen und sich der Mutter zu zeigen, so lange es noch hell war. Wenn sie nur jemand gehabt hätte, dem sie sich hätte anvertrauen können, würde es sich leichter haben tragen lassen; sie dachte wieder an Margit. Die würde sie verstanden haben, doch nicht einnial der Schmerz mit all seiner Kraft vermag die Geister der Toten herbeizurufen. Ob siö zu Marie Luise hinaufgehen sollte, doch diese hatte wohl kaum Zeit für sie. Seit drei Monaten war da ein kleiner roter, unförmlicher Schreihals in« Hause, und Mutter Marie Luise hatte im allgemeinen weder Augen noch Ohren für etwas andres als ihren kleinen Georg. Dora wanderte ziellos durch die Straßen, erit gegen zehn Uhr kam sie müde und verstört nach Hmlse, hörte gleichgültig die Vorwürfe der Mutter darüber an, daß sie so spät käme, und ging sofort, ohne einen Bissen zu essen, zu Bett. XII. „Nils, Du mußt einmal herkommen und Dir den Jungen ansehen," rief Marie Luise aus dem Schlafzimmer, wo sie eben damit beschäftigt war, den jungen Herrn mit einem großen, weichen Schwamm zu baden. Es war schon ein ganzer Kerl,� dieses kleine zappelnde Dingelchen mit den fest ge- schlossenen Händen, das da in der Badewanne lag und die Frau Mama seine Abendtoilette besorgen ließ. „Nils, kommst Du nicht?" „Aber, liebes Kind," antwortete er etwas ungeduldig vom Wohnzimmer her, wo er saß und schrieb,„ich habe keine Zeit, jeden Abend von meiner Arbeit wegzulaufen, um mir den Jungen anzusehen. Ich habe es nun drei Monate hin- durch gethan. Bring' ihn jetzt nur schnell ins Bett, damit wir noch ein Stündchen für uns haben." „Hast Du denn dazu Zeit? So, Georg, kleiner Engel, das war prächtig, mit Händen und Füßen zugleich ins Wasser geklatscht!" Nils stieß mit lautem Krach den Stuhl gegen den Tischsuß und murmelte: „Den ganzen Tag dies unerträgliche Getändel. Es ist unmöglich, dabei einen vernünftigen Gedanken zu fassen." Marie Luise verstummte, und ein ernster Zug breitete sich über ihr sanftes Gesicht. Armer Nils, jetzt war sicher wieder ein kleines Extra-Einkommen an ihm vorbei gegangen oder er hatte von diesem oder jenem Kameraden gehört, der Glück im Leben gehabt hatte. Sie trocknete behutsam den kleinen Georg ab und schnalzte ihm etwas vor, bis sie ein Lächeln in seinem ziemlich undistinguierten Vollmondsgesicht zu entdecken glaubte, aber ach, das Lächeln war eine Vision— oder eine Spitzfindigkeit, die seine leichtgläubige Mutter hinter das Licht führen sollte, denn plötzlich setzte er mit einem mark- erschütternden Geschrei ein, das freilich davon zeugte, daß seine Lungen in bester Ordnung waren, abgesehen davon aber wenig Ansprechendes hatte. Marie Luise nahm ihren musikali- schen Sohn ans den Arm, schloß schleunigst die Thür nach dem Wohnzimmer und rief das kleine Kii�dermädchcn aus der Küche herbei. „Mach' Georgs Wagen zurecht, Emma," sagte sie, „nachher kannst Du Feuer im Herd anmachen und Wasser aufsetzen." (Fortsetzung folgt. Zj J�aturwirfenfcbaftUcbc Qcb er ficht, Von Cu rt G r o t t e w i tz. Auch im Pflanzenreiche stehen ebenso wie im Tierreiche gerade die großen Abteilmigen schroff und unvermittelt einander gegenüber, ohne Uebergänge zu bilden. Die Gewächse, die mit einem Keim- blatt aus der Erde Hervorsprietzen, die Monokotylen, lassen keinen Ucbergang erkennen zu den Dikotylen, die zwei oder mehr Keimblätter besitzen. Ebenso gieot es keine Beziehung zwischen den noch größeren Gruppen der Gymnospermen, deren Samen sich frei auf dem Fruchtblatt entwickelt, und denAngiospermen, die ihren Samen in einem fest schließenden Fruchtknoten ausbilden. So giebt es ferner keine Uebergänge zwischen Thallophyten(Pilzen, Algen) und Archegoniaten(Moosen und Gcfäßkryptogamen). Nur zwischen den allergrößten Abteilungen, deren Gegensätzlichkeit man Ichon seit langer Zeit erkannt hat, zlvischen den Kryptogamcn und den Phancroaamen, lassen sich ininier mehr Verbindunasbrücke» schlagen. Es hat sich nämlich gezeigt, daß zwischen den obersten Gefäßkryptogamcn, den Farnen, einerseits und den niedersten Gymnospermen, den sogenannten Chkadcen, andrerseits ein offenbares Verwandtschaftsverhältnis besteht. Vorweltliche Farne nämlich verraten in der Bildung ihrer Gefäßbündel und in dem Bau ihrer Wurzel eine große Aehnlichkeit mit den heutigen Cykadeen, die übrigens, nebenbei be- merkt, in ihrer äußeren Form an die Palmen erinnern. Von diesen voriveltlichen Farnen kannte man bisher indes die Fruchtbildung noch nicht. Nun machen uns jetzt die beiden englischen Forscher F. W. Oliver und D. H. Scott mit fossilen Samenkörnern bekannt, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem vorweltlichen Farn ge- hören. Gewisse auffällige Eigentümlichkeiten an den Samen finden sich nämlich an den Blärtern eines solchen Farns wieder. Eö ist nun eine höchst bedeutsame Erscheinung, daß ein Farn bereits richtige Samen entwickelt hat. Dadurch nähern sich natürlich die Farne und Cykadeen, Kryptogamcn und Phanerogamen wieder um ein be- deutsames Stück. Allerdings zeigt auch eine zu den Bärlapp- gewachsen, also auch zu Gefüßkryptogamcn, gehörige Pflanze in ihren Sporengefäßen samenartigc Ausbildung. Allein von Bärlapp- gewachsen können die Gymnospermen nicht abstammen, höchstens ist diese Thatsache insofern von Belang, als sie zeigt, daß die Aus- bildung von Samen überhaupt in der Entwicklungsrichtung der Gefäßkryptogamen lag. Run stellt sich aber in der samcnbildenden Form eine direkte Brücke zwischen Kryptogamcn und Phanerogamen her, eine Vcrmittelung, die auf natürlicher Verwandtschast beruht. Die Fanie vermehren sich sonst durch Sporen mrd durch gewisse Geschlechtsprodukte, die Archegonien heißen. Aus einer Spore ent- steht ein kleines unansehnliches Pflanzcngebilde, jba-s Prothallium, das männliche und weibliche Organe, Anthcridicu und Archegonien trägt. Aus der Spore geht demnach eine geschlechtliche Generation hervor, während aus dem befruchteten Archegonium dann die un- geschlechtliche Generation, die eigentliche Farnpflanze, entsteht, die ihrerseits Sporen entwickelt. Der Samen der Phanerogamen ist nun eine Weiterbildung des Archegoniums, er faßt nämlich solvohl die Eizelle tvie die daraus hervorgehende ungeschlechtliche Generation in sich. Die Zellteilungen und sonstigen Vorgänge in der Samenanlage erinnern nämlich an die Bildung einer zweiten Generation, wie sie bei den Gefäßkryptogamen deutlich zu beobachten ist. Jin Samen dagegen ist der Generationswechsel mehr verdeckt, die Fortpflanzungskörper sind einfacher geworden. Und sie konnten es werden, weil das Zusainmenkommen der männlichen und weib- lichen Elemente durch Anpassungen an die Tragkraft des Windes und das Verschleppen durch Insekten viel gesicherter ist als bei den Krypta- gamen. Bei letzteren sind die Samenzellen beweglich, sie be- nutzen das Wasser oder die Feuchtigkeit, um sich zu den Eizellen hinzuschlängeln. Allein vor etlichen Jahren sind mich bei den Gymno- spermen bewegliche Samenzellen(Spermatozoiden) entdeckt worden. eine Entdeckung, die nun in der Auffindimg eines samentrageiiden Farnes ihr Gegenstück gefunden und die Verbindung zwischen Krypto- gamen und Phanerogamen noch enger gemacht hat. Sind diese beiden großen Gruppen des Pflanzenreiches durch Uebergänge miteinander verbunden, so folgt daraus noch nicht, daß auch andre Abteilungen im letzten Grunde von einander abstammen oder auf geineinsame Ahnenformen zurückgehen. Schon viel ftüher hat Reinke in der Algenfamilie der Caulerpaceen eine Pflanzen» aruppe gekennzeichnet, die nach seiner Ansicht einen total selbständige» BautypuS ausweist und darum vielleicht von Urbeginn an eine» eignen durch kein VerwandtschastSverhältnis mit andern Gewächs«» verbundenen Pflanzenstamm repräsentiert. Eine solche Alae, Ervopsis muscosa, hat jüngst F. Noll(„Biologisches Centralblatt" 1903) auf ihre lebendige Substanz, ihr Zellplasma, hin untersucht und er ist dabei zu sehr wichtigen Resultaten gelangt. Man hat bei allen Pflanzen zwischen zwei verschiedenen Sorten von Zellplasma unterschieden, zwischen KörperplaSma(somatischem Plasma), das die vegetativen Teile des Pflanzenkörpers bildet, und Keimplasma, das die Ver« erbungssubstanz darstellt, die bei der Vermehrung immer wieder von den Eltern auf die Kinder übergeht und somit unsterblich ist. So erblickt man zum Beispiel im Kern der Eizelle die Vererbungs- substanz, während das flüssige Plasnia das Körperplasma darstellt. Indem sich der Kern teilt, und dadurch zwei Zellen entstehen, kommt ein Teil des Kerns, der Vererbungssubstanz, in jede Zelle, die außerdem ihr durch den einfließenden Nahrungssaft sich immer vergrößerndes Körperplasma besitzt. Die Zellteilung geht weiter, in ihr besteht das Wachstum, immer geht auch durch die Kernteilung ein Stück Keimplasma in jede Zelle über. Außerdem werden an bestimmten Stellen Geschlechtszellen abgesetzt, die besonders stark mit Ver« erbungssubstanz erfüllt find. Aus ihnen geht dann die Nachkommen- schaft hervor, in der das Keimplasma der Vorfahren ebenso wieder von Zelle zu Zelle übergeht. So steht schließlich das Keimplasma aller Individuen, Arten, Gattungen usw.. wenn sie miteinander ver- wandt sind, in einem ununterbrochenen Zusammenhang, es ist alles dieselbe Erbsubstanz. Gegen diese allgemeine Anschauung sprechen nun die Beobach- tungen,' die Noll an der Alge Bryopsis gemacht hat. Diese Pflanze besteht aus einer einzigen Zelle, die aber höchst merklviirdigerweise so differenziert ist, daß man sie für eine vollkommene Pflanze mit Wurzeln, Stengeln und Fiederblättern halten möchte. Das Keimplasma— um es auch hier so zu nennen— befindet sich in reicher Ansammlung an der Spitze der Alge. Es ist von weißer Farbe und enthält sehr viel Kerne, aber kein Chlorophyll. Auch in den Spitzen der noch wachsenden Fiedcrn und der Wurzeln ist Kein, Plasma, wenn auch in viel geringerer Masse aufgehäuft. Gerade diese Thatsache hatte früher die Anschauung gestützt, daß das Keimplasma von dem übrigen Plasma streng gesondert sei, daß es vor allem die Auf- gäbe habe, das Wachstum in die ererbte Farn, zu leiten. Es war also natürlich, daß sich diese Vererbungssubstanz gerade an den Wachs- tumsstellen der Zelle anhäufe. Allein nun hat Noll durch sehr exakt geführte Untersuchungen festgestellt, daß das Keimplasma an den Spitzen stch gar nicht so streng isoliert und stetig verhält, sondern daß es an den allgemeinen Wanderungen des Plasmas im Algenkörper teilnimmt. Es finden dabei nicht nur Verschiebungen innerhalb deS Keimplasmas selbst statt, sondern es mischen sich Teile von ihm in das Körperplasma, das wasscrhell und durchsichtig ist und außer kleinen Kernen viele große Chlorophyllkörner enthält, und nähert sich der Spitze, dabei wird sie dichter und körniger. Allein die Chloro- phyllkörper verdichten sich nicht, sie bleiben wasserreich und darum leichter. Und wegen ihrer Leichtigkeit werden sie von der dichten Masse ausgestoßen. So wird denn das Körperplasma, wenn es an die Spitze des Algenstammes gelangt, kernhaltiger oder chlorophyllfrci. Wegen seiner dichteren Konsistenz ist es nun stärker lichtbrechend, erscheint also nicht mehr wasserhell, sondern milchig- weiß. So läßt sich denn das Keimplasma in Wirklichkeit nicht von den, Körperplasma trennen, eines fließt in das andre über. Da bei dem Spitzenwachstum sehr viel Plasma verbraucht wird, so wandert mehr Körperplasma zum Kein, Plasma als umgekehrt. Wegen seiner Unbeständigkeit kann aber das letztere nicht geftaltbildend auf das Wachstum wirken, es kann keine Vererbungsmasse sein, die über viele Generationen hindurch in steter Kontinuität, in ewiger innerer Unvcränderlichkeit die Ahnenformen immer wieder auftreten läßt. Vielmehr meint Noll, daß der Haurschicht, die immer unveränderlich bleibt, die Hauptrolle bei der Formgebung des Wachstums zufällt. Der Forscher hatte die Bedeutung der Hautschicht der Zelle für die Wahrnehmung von Reizen und für bestimmte Formbildung hervorgehoben. Unter der Führung der Hautschicht kam, sich daher nach seiner Meinung nur das Keimplasma an der gestaltbildenden Thätigkeit beim SpitzenlvachStun, beteiligen. Keim- plaSma und Körperplasma sind aber nicht zwei verschiedene Plasma- Arten, die von einander unabhängig sind, vielmehr stellen sie nur zwei verschiedene Zustände des Zellen- bildungsstoffes dar. Ein solcher Zustand kann in den andern über- gehen. Das Körperplasma produziert hauptsächlich Nährstoffe, es schafft das Material herbei für den LebeuSprozeß, ohne selbst Nahrung zu verbrauchen. Dagegen konsunnert das Keinchlasnia vorwiegend. Es nimmt immerzu neues Körperplasma in stch auf. Es stellt das eigentliche Vermehr,,,, gsstadiun, der plasmatischen Substanz dar, aus ihn, bildet sich immer neues Plasma, das beim Wachstum für die Neubildungen gebraucht wird. Das KeimplaSma befindet sich also an den Wachstumsstellen, weil es aetvissermaßen die Bausteine für den wachsenden Pflanzenbau zu liefen, hat. Es ist wie ein ständig unterhaltenes Feuer, den, durch das Körperplasma da-s Brennmaterial geliefert wird, das aber seinerseits durch seine Wärme eine mechanifche Kraft leistet. Die Form, in der die Kraft dann zur Verwendung kommt, tvird freilich nicht durch das Keim- Plasma selbst bestimmt, sondern nach Nolls Ansicht eben durch die Hautschicht. So will Noll auch nicht die für die Formvererbung thätige Rolle der Zellkerne gelten lassen. Denn auch diese letzteren wandern mit dem Plasma hin und her. Noll will nun aber seine au dieser Algengruppe gemachten Beobachtungen nicht verallgemeinern. Bei andem Pflan-en kann der Kern wirklich eine Vererbungsmaffe enthalten und die Form des Organisniu» bestimmen. Es folgt aber aus Nolls Untersuchungen, daß überhaupt in der organischen Natur, nicht einmal in der Pflanzenwelt ein einheitliches Bildungsprincip herrscht. Es braucht daher durchaus nicht einen einheitlichen Stammbaum für alle Pflanzen zu geben. Wohl können große Pflanzengruppen, deren verwandtschaftliche Verhältnisse zu einander wir noch nicht kennen, noch als stannnesverwandt erkannt lverden— das zeigt die Entdeckung des sanieutrageiidcn Farns— andrerseits dürste es aber— darin besteht die Bedeutung der Nollschen Unter- suchungen— Pflanzen geben, die von Ansang an ihren selbständigen Entwicklungsweg gegangen sind.— kleines feinUetou. y. Musterchrist Bismarck als Duellant. Unfern Junkern ist ihr Heros Bismarck wie in allen möglichen Dingen so auch in dein patentierten Christentum Muster, womit der Blut- und Eisenniann so gerne renommierte. In der That war dies Christenwm so famos auf junkerliche Interessen und Vorurteile zugeschnitten, daß sich nicht leicht etwas Zweckmäßigeres für den adligen Hausgebrauch denken läßt. Unsre christliche Ritterschaft findet bekanntlich das Bekenntnis zur Religion der Liebe mit der Ausfechtung von Ehrenhändeln auf dem Wege des Duells verträglich. Dies war ganz Bismarcks Fall. Bekanntlich hat er noch in der Konfliktszeit versucht, den Zweikampf zur Belebung parlamentarischer Meinungsverschiedenheiten zu verwerten, indem er Virchow forderte. Und in der Reaktionszeit hat er ein politisches Duell ausgefochten, wozu ihn der von ihm beleidigte Abgeordnete v. Vincke herausgefordert hatte. Dies Pistolenduell BisniarckS mit Vincke<25. März 1862) ist dadurch interessant, daß urkundliches Material über den Vorgang gedruckt worden ist, welches einen tiefen Einblick in die Seele so eines christlichen Duellanten gestattet. Die kürzlich gedruckten Tagebücher des frommen Reaktionärs Ludwig v. Gerlach zeigen das Bismarcksche Musterchristentum bei dieser Gelegenheit im strahlendsten Lickite. Danach stärkte sich Bismarck zu dem Mordversuch durch eifriges Beten und durch das Abendmahl, das ihm der Prediger Büchsel am 26. März extra reichte. Herr v. Gerlach findet dagegen nichts einzuwenden und teilt ganz un- befangen mit, daß er Bisniarck als dem konservativen„Gideon" den salbungsvollen Segen auf den Weg gegeben hat:„Gott sei mit Ihnen I" Vor dem Kugelwechscl sprach Bismarck ein kurzes stille? Gebet, was nach Gerlach auf Vincke Eindruck gemacht haben soll. Die Schüsse gingen aber beide fehl. Gerlach äußert darum den Verdacht, daß sie absichtlich vorbeigeschossen haben könnten. Dieser Argwohn ist, soweit wenigstens der Musterchrist Bismarck in Betracht kommt, vollständig unbegründet. Unter Bismarcks Briefen an seine Gattin befindet sich auch einer, der direkt„ach dem Duell vom 26. März geschrieben ist. Da heißt es:„Ich kann nicht leugnen, als ich durch den Dampf sah und mein Gegner aufrecht stehen blieb, hinderte mich eine Enipfin- dung des NichtbehagenS, in den allgemeinen Jubel einzustimmen, die Ermäßigung der Forderung war mir verdrießlich, und ich hätte gern das Gefecht' fortgesetzt." Mm, sieht, Bismarck macht seiner Frau gegen- über insofern ans seinem Herzen keine Mördergrube, als er ihr anstandslos offenbart, daß Mordgcdanken darin waren. Es ist ein liebliches Bild— dieser christliche Ritter, der durch Gebet und Abend- mahl gekräftigt zum Zweikampf schreitet und rasch noch ein Stoß- gebet spricht, ehe er seinen Gegner niederzuknallen versucht. Bis- marck hat Ipäter einmal am 2. Juli 1869 an seine Gattin geschrieben: „Es ist ja nichts auf dieser Erde als Heuchelei und Gaukelspiel." Das gilt offenbar auch von diesem konservativen Christentum.— is. Ncbelstudicn. Wir befinden uns jetzt in der Jahreszeit der Herbstnebel, die man auf dem Lande fast allabendlich aus dem Boden steigen sehen kann, während sie über den Großstädten oft bis lange in den Tag hinein den Blick der Sonne verhüllen. Es ist eine Thatsache, daß die Entwicklung der Städte die Häufigkeit und Stärke der Nebelbildung begünstigt, was daraus begreiflich wird, daß der Staubgehalt der Luft einen wesentlichen Einfluß darauf besitzt. So sind in Berlin während der letzten JahrzehiNe die Nebel entschieden häufiger geworden. Wer diese Er- scheinung recht studieren will, findet sein Ideal jedoch erst in London. Dort hat zwei Jahre lang eine regelrechte Be- obachtung der Nebel stattgefunden, lvozu die zahlreichen Feuerwachen herangezogen wurden, außerdem noch verschiedene Polizeiwachen und Küstenwachen an der Themse-Mündung. Der Leiter dieser Unter- suchungen, Kapitän Carpenter, hat deren vorläufige Ergebnisse zu- sammengefaßt. Einer der wichtigsten Schlüsse ist die Feststellung eines Zusammenhangs der Dichte der Nebel mit dem Verkehr auf Straßen, Schienen. Flüssen oder der See. Deinnüchst scheint der Rauch von starkförderlichem Einfluß auf die Nebelbildung� zu sein, wie sich aus dessen Verteilung über London und seine Umgebung ergeben hat. Zwischen Nebel und geologischen Verhältnissen ist bisher keine Beziehung aufgefunden worden. Der Beginn eines Nebels kann nicht mit einer besonderen Oertlichkeit zusammengebracht werden, sondern er_ entsteht durch einen Vorgang, der von allgemeinen Verhältninen un Lust- meer abhängt. Daß sich außerhalb Londons Nebel bildete und nach der Großstadt hineingetrieben würde, ist nicht erwiesen, vielmehr find btt Londoner Nebel vermutlich immer ein Erzeugnis der Riesenstadt selbst. Während dichter Nebel zieht die Lust von den äustcrcn nach den inneren Teilen der Stadt. Bei Temperaturen unter 4Vz Grad kommen schwere Nebel nicht vor, ebensowenig bei solchen, die mehr als 5 Grad unter dem normalen Mittel des Tages liegen. Die Be- Ziehung der Rebclbildnng zur Lusttemperatur wird überhaupt als die wichtigste bezeichnet. Die Londoner Nebelstudien werden mit be- soliderer Unterstützung des dortigen meteorologischen Instituts fort- gesetzt werden.— Theater. Neues königliches Opernhaus. ,. Die Dorf- Musikanten". Volksstück mit Gesang, Spiel und Tanz in drei Aufzügen von Heinrich S o h n r e y.— Es giebt zwar keine ..deutsch-evangelische BolkSichauspicle", wohl aber einen Verein zur Förderung derselben unter hohem Protektorat. Daß der Verein, nach- dem er in den ersten Jahren die Dcverientschen Refonnations-Festspiele, den„Gustav Adolf" und den„Luther" aufgeführt, um überhaupt etwas zu bringen. zu SohnrehS„Dorfmusikantcn" greifen muhte, ist die bündigste Kritik seines Programms. Der„evangelische" Geist des Stückes reduziert sich ungefähr darauf, daß die Musikanten, die iln zlveiten Akt so vergnügt zur Kirmeß hlasen, im dritten, als der Paule sein Evebärbele' zurückgewonnen, ein frommes Lied intonieren, das alle Dorfleute mitsingen. Bescheidener kann man in seinen christlichen Ansprüchen nicht sein. Und um die Kunst steht es noch schlimmer als um das„Evangelische". Vielleicht, daß die Erzählung Heinrich Schlaumbergers in den Thüringer Geschichten, ivoher Herr Sohnrctz den Stoff entnommen, etwas frisches, volkstümlich Poetisches hat, aber in der Dramatisierung läßt sich davon nichts spüren. Charakteristik, Dialog, Handlung sind unbeholfen primitiv, im Oberflächlichsten stecken gc- blieben.' Zun: Glücke reden die Personen wenigstens nicht allzuviel. Man vergißt sie, so gut e-Z geht, über den Kostümen, dem Gesang, Spiel und Tanz die ein äußeres Bild altthüringischer Bauernsitten aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geben sollen. Stimmungsvoll sind in dem ersten Akt die Lieder der Musikanten, die in der Neujahrswoche zum Abgesang von Hof zu Hof ziehen, bunt und lustig sieht sich das Treiben auf der Kirmeß an. Das Evebärbele zürnt ihrem Schatz, weil er, der reiche Bauernsohn, ihr und ihrem Baker zum Trotze von seinem „Tetterhorn" nicht lassen will und nun gar, wie die andren, die es um Bezahlung thun, unter der Linde zum Tanze aufspielt. Doch just wie d-r' Protz aus Grumbach ihr die Hand zum Ländler bietet, als der Paule schon fürchret, er habe sein Mädel vcr- loren, stimmt er mit der Trompete die Volksliedweise an, mit der er sich einst in ihr Herz geblasen hat, und das Värbele fliegt ihm in die Arme. Im letzten Akte, dem schwächsten, weil in ihm am meisten gesprochen wird, ward auch der Vater umgestinimt. Und der Paule bekommt das Bärbels, und darf weiterspiclcn, was und wie und wo er will auf seinem Tetterhorn. Die Massenscenen waren glänzend insceniert, an dreihundert Personen wirkten mit. Temperamentvoll gab Herr Stägemann vom Schauspielhaus den jungen Baucrnburschen. Alle übrigen Rollen wurden von Bereinsmitgliedern dargestellt. Der Beifall war be- geistert, grenzenlos.— clt. Medizinisches. ha. Ursachen und Behandlung des Rheuma« t i s m u s hat Dr. Pöniörc vor der Pariser Akademie der Wissen- schaften erörtert. Die Untersuchungen von Bouchard hatten gezeigt, daß der gewöhnliche gesunde Hani Gifte enthält, deren Gehalt sich unter krankhaften Verhältnissen noch steigert. Diese Gifte werden ohne Gefahr für den Körper durch die Einwirkung der Hautzcllen beseitigt, mit denen die Harnwege ausgekleidet sind. Diese Haut- zelten bilden zwar einen nur dünnen Damm gegen diese Gefahr, aber genügen doch zur Aufsaugung der giftigen Stoffe. Ist diese Schntzlagc aber irgendwie verletzt, so geraten die Gifte in den all- gemeinen SäftckreiSlauf des Körpers, und dieser Vorgang erzeugt nach der Ansicht von Dr. Peniöre den Rheumatismus. Die Haupt- sächlichen Anlässe für die Erzeugung dieser Verletzungen, die als Ursache des Rheumatismus zu betrachten sind, können Berdauungs- störungeu im Gefolge von Erkältungen sein, ferner die Reibung durch Iibgehende Steine, der Durchgang giftiger Stoffe durch den Harnleiter, Verwundungen der umgebenden Gewebe, die Ausübung von Druck oder Zug durch die Eingeweide oder die benachbarten Muskeln. Die Abschuppung jener Schutzhaut, die einem Anfall von Rheumatismus vorausgeht, äußert sich in einer starken Färbung des Harns. Die Behandlung des Rheumatismus muß nunmehr darauf bedacht sein, die beschädigten Haützellen zu heilen oder wieder zu ersetzen, was durch Ausspülungen mit gewissen keimtötenden Stoffen zu geschehen hätte, die ohne"Schaden für den Magen, die Nieren oder den allgemeinen Gesundheitszustand gebraucht werden können. Pöniöre empfiehlt zu diesem Zweck eine Mischung aus verschiedenen Harzen, zu denen namentlich der Kubebenbalsan: gehört.— Ans der Pflanzenwelt. Der orientalische Knöterich. Hermann Holm schreibt in der Wochenschrift„RerthuS" sAltona-Ottensen. Chr. Bdolff): Eine stattliche Pflanze, stir die sich im Garten mancherlei Ver- Wendung finden läßt, ist der orientalische Knöterich, PoIzrAonuin Orientale, Die Pflanze ist einjährig, erreicht eine Höhe von einen Dieter und blüht vom Juli bis in den Herbst. Die Pflanze baut sich elegant auf, so daß sie als Solitärpflanze wie geschaffen ist. Die lockeren, traubigen Blütenstände stehen über dem Laube und sind recht lieblich anzuschauen. In der Gärtnerei von Haage u. Schmidt in Erfurt sah ich zwei Fornien dieser Pflanze in schönster Blüte. Es waren Polygonurn Orientale album mit weißen und Polygonrun Orientale earnea mit fleischfarbenen Vlütentrauben. Beide Formen standen frei, so daß sie sich nach allen Seiten gleich- mäßig ausbilden konnten. Es waren stattliche Einzelpflanzen von etwa 1 Meter Hähe. Dieser Knöterich eignet sich jedoch nicht nur als Einzelpflanze auf dem Rasen, sondern er kann auch mn Vorteil vor den Gehölzgruppen oder am Rande derselben verwendet werden. Auch eine schöne Unterpflanze muß dieser Knöterich abgeben. In größeren Gärten lassen sich durch Gruppen von dieser Pflanze recht wirkungsvolle Effekte schaffen. Der Boden muß nahrhaft und kräftig sein, ioll sich die Pflanze zu ihrer vollen Schönheit entfalten. Die Anzucht erfolgt durch Samen, der im Frühjahr an Ort und Stelle ausgelegt wird. Natürlich kann auch Aussaat im Topfe oder auf dem Saatbect er- folgen, von wo die Pflanzen dann später ausgepflanzr werden. Ost pflanzt sich dieser Knöterich durch eigne Aussaat von selbst fort. Da die Pflanze einjährig ist, kann ihre Verbreitung jedoch nie so lästig werden, wie eS bei manchen ständigen Knötericharten der Fall ist.— Meteorologisches. k. E i n starkes Nordlicht. Aus New Jork wird englischen Blättern über merkwürdige Naturphänomene, die im Zusammenhang mit den allgemeinen elektrischen Störungen zu stehen scheinen, be- richtet: Starke Nordlichtstrahlen leuchteten am Sonnabend in New Dork zwischen zwei und vier Uhr morgens auf: sie entfalteten blendende Lichter und Farben, und sie störten die Telegraphen- und Telephonverbindung in den ganzen Vereinigten Sraaten. Vor Tagesanbruch erlosch das Nordlicht, aber eine seltsame Be- wegung, die sich der Drähte bemächtigt hatte, kam erst nach vielen Stunden zur Ruhe. Die Erscheinung des Nordlichts war die stärkste, die seit dem Jahre 1882 dort gesehen worden ist. Leuchtende Strahlen stiegen vom Horizont auf und verwandelten sich oben in glühendes Gelb, Rot, Grün und Weiß, die sich allmählich abtönten und mischten, wie das Schlußftück eines Feuerwerks. Es war ein grandioser Anblick. Einige, die nur eine Glut iahen, glaubten in der That. daß irgendwo ein großer Brand wütete. Das Tönen vieler Glocken verstärkte noch diesen Eindruck, da die Telephon- signale fast überall klingelten, bevor der Dienst zu einen: wirklichen Stillstand kam. Menschen, die für den Einfluß von Elektricität empfindlich sind, fühlten deutlich die Wirkung. Noch nie zuvor waren die Drähte in solchem Maße von einem magnetischen Sturm beein- trächsigt worden. Die Kabel nach Europa waren von zwei bis sechs Uhr morgens unterbrochen, und um Mittagszeit waren noch Störungen in der Telegraphenverbindung von Gebäuden zu bemerken.— Humoristisches. — Auf der Sekundärbahn. Lokomotivführer: „Weißt, Rest, wann wir erst mit die elektrische 200-Kilometer-Geschwindigkeit vorbeisause, nacha mußt f i x sein, wann d''s M a ß k r ü g l e n a n f l a n g st!"— — Ruhig B l u t I Salo und Löb sitzen beim Kartenspiel zusammen. Nachdem sie eine Weile ganz einträchtig gespielt, springt Löb auf und schreit wütend:„Salo, was fallt der ein, Salo, Du spielst falsch!?" Darauf jener:„Ich Ivaiß!"— — F r ü h r o t. Besucher(zum Hausherrn):„Ihr Junge hat ganz genau dieselbe Nase wie Sie!" Der kleine Willi(einwerfend):„Ja. Papa, ich bin auch schon auf der Straße gefragt worden, ob wir leere Wein- fla scheu zu verkaufen haben?"—(„Lustige Blätter".) Notizen. — Im S ch a u s p i e l h a u s e geht am Sonnabend anstatt Hebbels„Herodes und Mariamne" desselben Dichter? Drama „ Agnes B e r n a u e r" in Scene.— — In dem neuen Wilde nbruchschen Stück„Der un- st e r b l i ch e Felix"(Lessing Theater) wird Georg Engels die Titelrolle spielen.— — Felix Mottl ist zum Gencral-Musitdirektor an der Münchener Hofoper ernannt worden.— — In der von der Leipziger Verlagshandlung E. A. Seemann ausgeschriebenen Konkurrenz für O r i g i n a l r a d i e r u n g und Holzschnitt wurde der e r st c Preis Herm. Reifferscheid in München, der zweite 5t. Hofer in Rom, der dritte Marie Stein in Oldenburg, der vierte Martha 5tunz in St. Gallen zuerkannt.— — Z w e i m ä ch t i g e M a m m u t z ä h n e sind bei Abräumungs» arbeiten ini Kalkstciubruch dcö N c a n d e r t a l s gefunden worden. Die Zähne sind zwei Meter läng, haben an der Wurzel einen Durch- messer von 15 Ecntimctern und wiegen je zwei Ecntner; leider konnten sie nicht unversehrt zu Tage gefördert werden.— Gcrantwortt. Redakteur' nlius jtaliski in Berlin.— Druck und Verla«: Vorwärts Buchdrucksrei uud Berlagsanstait Paul Singer& Co., Berlin 35V