Zlnterhallungsblalt des Horwärts Nr. 221. Mittwoch, den 11. Noveniber. 1903 (Nachdruck verbsten.) M Kleinbürger. Roman von Elisabeth K u y l e n st j e r n a. �rau Lejers Blicke blieben oft kummervoll und forschend auf ihm haften. Diese sonst so matten Augen wurden so wunderbar scharfsichtig, wenn es die Kinder betraf, und nnt Günther war sicher etwas nicht in Ordnung. Wenn sie auch nicht von der Spielwut gehört hatte, der er zum Opfer ge- fallen war, denn es drang so wenig vom Leben und Treiben der Welt in ihren entlegenen Winkel, so ahnte sie doch in- stinktiv, das; er ihrer bedurfte. Nicht in derselben Weise wie Sven; er sollte aber jedenfalls fühlen, dast er bei ihr stets offene Arme fände, wenn er sich auch von ihr gewandt lind sich ihrer Fürsorge entzogen hatte. Den Weihnachtsabend feierte Günther bei der Mutter, nachdem er den ganzen Nachmittag bei Alna gewesen war. Diese lind ihre Mutter waren mich von Frau Lejer eingeladen, da die Mutter aber nicht mitgehen lvolltc, blieb Alna ebenfalls zu Hause. Dorn hatte eine kleinen Tannenbaum aufgeputzt uild verschiedene bescheidene kleine Geschenke darunter aufgebaut. Sie hatte sich scherzhafte Sprüche dazu ausgedacht und weidete sich nun an der lleberraschung von Mutter und Bruder, ihre ivilde, überströmende Freude war jedoch gezähmt. Sie hatte schließlich gelernt, ihre übertriebene Lebhaftigkeit zu mäßigen. In die sonst so lachenden Augen war ein tiefer, nachdenklicher Ausdruck gekommen, und das hübsche, unregelinäßige Gesicht hatte schärfere Linien bekommen, wie sie in schlafloseil Nächten ausgerneißelt werden. Während Frau Lejer draußen m der Küche die übliche Weihnachtsgri'che kochte, saßen Günther und Dora neben dem Tannenbaum und plauderten miteinander. Sie sprachen erst von ihren gemeinsamen Kindheitserinnerungen, dann wurde es plötzlich still in dein kleinen Zimmer. „Günther," sagte Dora,„wie lvunderbar es doch in der Welt zugeht! Ich finde, je länger man drin ist, desto weniger versteht inan die Bedeutung des Lebens." „Hast Du auch angefangen, darüber zu grübeln, arme, kleine Dora?" „Ja. und ich glaube doch, daß ich unbewußt bis auf das äußerste dagegen angekämpft habe. Aber darum kann ich noch Luftschlösser bauen." „Kannst Du daS. Kleine, laß hören!" „O nein, Luftschlösser sind etwas gar zu Kindliches für Dich, Tu großer Günther, Du würdest imr über meine Dumin- Heiken lachen." „Nein, ich glaube, es würde inir gutthun, jemand zu- zuhören, der noch Luftschlösser bauen kann." „Arnier Günther!" Sie klopfte ihn auf die Schulter. „Wir wollen nicht von mir reden, Dora." „Na, dann also von meinen Luftschlössern. Es sind keine Babclstürme mehr wie früher, aber ganz großartig sind sie doch noch auf alle Fälle. Ich beabsichtige, mich selbständig zu inachen, nach Ainerika zu gehen und mir dort eine gute Stelle zu suchen und dann, ja, dann weiß ich nicht genau, ob ich noch mehr sagen will: Du hast� jedenfalls das Vcr- uünftigstc zu hören bekoinmen. Erste Etage, was meinst Du dazu, zeitgemäß eingerichtet?" „So, Du denkst also daran, Schweden zu verlassen," versetzte Günther,„will mein Sonnenstrahl so weit von mir fortgehen?" „Dil hast ja Alna, liebster Günther." „Ja, daS ist wahr." „Sie ist so guck, und Ihr werdet gewiß glücklich miteinander werden." „Glücklich!" Er lachte gezwungen. Dora schlang ihre beiden weichen Arme um seinen Hals und schaute ihm in die Augen. „Günther, Du bist so verändert! Du bist nicht mehr so männlich und stark wie früher, und dann ist es, als cnt- fremdetest Du Dich uns, das darfst Du nicht! Wenn auch einmal der atlantische Ocean zwischen uns liegt, so halte ich Dich doch fest. Ich will zu Dir aufschauen, Günther, da darfst Du Dich nicht abwenden. Ich weiß ja, daß Du der beste, liebevollste Bruder bist, den es giebt, aber gerade darum schmerzt es mich so, daß Du mir ausweichst, so selten Zeit für niich hast." „Verzeih' mir, Dora, ich habe so viel zu thun gehabt, und außerdem... Ja, da? verstehst Du nicht, Kind!" „Ich bin kein Kind." „Doch, sei meine kleine Schwester, Dora, so mag ich es am liebsten haben." Er küßte sie auf die Stirn und leitete dann mit nervösem Eifer auf ein gleichgültiges Thema über: er hatte Furcht be- koinnien vor der erivachten, fragenden Unruhe, die ihm aus Doras glänzenden Augen entgegenblickte. XIV. Der Winter war mit langsamen, zögernden Greisen- schritten vorwärts geschlichen und hatte tiefe Schneespuren hinterlassen. Jetzt hatte indessen der Alte die Herrschaft den: Erbprinzen Frühling abgetreten. Der entthronte Monarch lenkte seine Schritte zu den hohen Felsen hinauf, ivo er Anachoret werden wollte, der alte Sünder. Ter Frühling aber lachte über seine Bekehrung, lachte überhaupt über alles, wie Unerfahrenheit und Jugend so leicht thun. Er streute Blumen auf Weg und Steg: seine Regierung sollte anders werden, er wollte die Welt zu einem Freudenreich machen, aber armer König Frühling! Im Norden bist Du nicht Allein- Herrscher, die Natur schreibt dir harte Gesetze vor! Aus seinem reichen Füllhorn durfte er nur einige kleine Schlüsselblumen und rote und weiße Anemonen zur Erde fallen lassen. Die Schlüsselblumen und roten Anemonen nahmen es nicht so genau mit dem Platze, sie guckteir wie neugierige Arme-Leute-Kinder aus der dürftigen Umgebung von dürren, vorjährigen, braunen Blättern hervor, die weißen Anemonen dagegen zögerten, sie warteten auf das Gras und darauf, daß der Frost aus dem Boden tveichcn sollte, dann aber schössen sie empor und standen in Haufen wie halberwachsene Schulmädchen in ihrem Sonntagsstaat. Der Frühling war zufrieden, dies alles hatte er im April zu Wege gebracht. Da hatte er auch die erstarrtest Bäunie wieder zu neuem Leben erweckt, war in die Wälder zu den Veteranen mir den unzerreißbaren� Nadelröcken ge- gangen und hatte ihnen einen kleinen Extra-Aufputz ver- sprachen, dann hatte er mit den Frühlingsbächen gesprochen und hatte die Lerchen ihre munteren Weisen singen gelehrt. Er hatte auch die andren Vögel ermahnt, mitzuzivilschern, jeder nach bestem Können und Vermögen. Die Menschen machten es dem Friihlingstonig am schwersten: trotz all seiner huldvollen Fürsorge und seines liebenswürdigen Lächelns waren da immer noch Gesichter, die sich nicht aufklären wollten, Augen, welche nicht hoffnungsfreudig seiner Schönheit ontgegenblicktcn: ja, es gab sogar solche, die ihm ganz aus dem Wege gingen, doch es war nicht seine Art, sich Sorgen zu machen: er schwang keck sein Sceptcr, so daß es in der Sonne glitzerte. Vernünftige, ordnungsliebende Leute hatten die Seite für den April in ihrem Kalender abgeschnitten und fingeil nun an, Notizen für den Mai einzutragen. Dieser lange Winter war eine inerkwürdig komplizierte Zeit für Alna Gadde gewesen. Sie hatte sich trotz allem glücklich gefühlt, denn Günther vernachlässigte sie niemals. Es gab sogar Augenblicke, in denen sie sich geliebt glaubte. Sein erregtes Gewissen war durch falsche Lieblosnngen betäubt, und er suchte durch Zärtlichkeit der Worte zrr er- setzen, was der Handlung fehlte: diesen seinen Genlutszustand hatte Alna anfänglich nich� verstanden: sie litt nur unter dem Bewußtsein, daß sie so wenig Einfluß mif ihn lzatte. Doch seit den beiden letzten Monaten, da er, überreizt und nervös, wie er geworden ivar, nicht einmal länger den Schein aufrecht zu erhalten vermochte, hatte sie mit peiiilicher Klarheit eingesehen, daß gerade sie, die nicht ohne ihn leben zu können glaubte, ihm auf seiner Laufbahn im Wege stände. Sie war der dürre Ast, welcher abgehauen werden nmßte, wenn nicht der ganze Banm. dieser einst so stolze, grünende Baum seiner Zukunft, zu Grunde gehen sollte. Diesen Vormittag erwartete sie ihn wie gewöhnlich, er pflegte täglich einen Augenblick vorzusprechen, ehe er in das Krankenhaus ging. „Mut— Mut— Mut!" Sie wiederholte dies eine kleine Wort mit seiner un- endlich großen Bedeutung, sagte es sich immer und immer wieder vor. Mechanisch zerpflückte sie dabei eine halb ver- welkte Rose, welche sie vor ein paar Tagen von Günther be- kommen hatte, und die nun vor ihr auf dem Tische lag._ Ihr war, als hätte sie ihr Lebensglück entblättert— ihr eignes armseliges, dahinsterbendes Lebcnsglück. Matt und verblaßt, mit gelben, zusammengerollten Ecken fielen die feinen, sammetweichen Blumenblätter auf ihr dunkles Kleid und das farbige Gewebe des Teppichs nieder: von dem Kleide würde sie sie abschütteln, von dem Teppich würde sie sie abfegen und in das Feuer werfen. Trotzdem der Mai seinen Einzug gehalten hatte, fror Alna und hatte gerade ein Feuer in ihrem Zimmer, das jetzt wieder das Gepräge eines Ateliers trug, anmachen lassen. Sie malte ziemlich viel, hatte unaufhörlich Bestellungen von Bildern und legte von der Einnahme für den künftigen Haus- stand zurück. Es waren bekannte Genrebilder, die sie mit der wirksamen Auffassung, welche die Liebe verleiht, schuf, und in den Familien sagte man allgemein, daß Arno eine feine, weibliche Künstlerschaft repräsentiere, die fast in Wider- spruch mit der Anschauung der jungen modernen Künstler stand: sie hatte sich auch gänzlich von den Kameraden zurück- gezogen. Sie nannten sie unverhohlen„abtrünnig" und „Handwerkcrin", doch sie kümmerte sich nur wenig darum, wenn ihr dergleichen zu Ohren kamen. Sie verstanden ihr Ziel ebenso wenig wie sie jetzt auch dem Streben der andren fremd geworden war. Hätte sie ein einziges Mal ihr eignes persönliches Ich von dem Gedanken an Günther getrennt, so würde sie viel- leicht ihren Verleumdern recht gegeben haben; sie war nicht mehr allein Künstlerin, es war Alltagsstaub in den Pinsel gekommen, und die Farben auf der Palette waren trocken. Es lag nicht mehr das saftig Breite und Individuelle über ihren Malereien, sondern„die Alte am Herd",„die Mutter an der Wiege", oder„Begegnung zwischen Knab' und Mädchen" waren die fem ausgeführten Kopien einer traditionellen Kunst. Jetzt sah sie jedoch ein, daß diese Grundplatte vergebens gelegt war. Sie riß die letzten Rosenblätter �ab. War das unbarmherzig? Nein, nein, das waren Symbole toter Träume, getäuschten Glmibens und ach, tausend, tausend zu Schanden gewordener Hoffnungen. Es läutete. Sein Läuten, das erkcmnte sie sofort, und in der nächsten Minute würde er vor ihr stehen— aber wie? Bleich, hohläugig, mit tiefen Schatten aus dem markierten Gesicht und mit einem schlaffen, müden Zug um den Mund, einem Zug des Ekels und des Widerwillens. Scheu würde er dem frisch hereinströnienden Tageslicht begegnen, das ihm, der die Nacht am Spielttsch verbracht hatte, schneidend scharf erschien. Sie hörte undeutlich, wie er das Mädchen nach ihr fragte, fühlte eine gewisse Befriedigung darüber, daß sie allein mit ihm sein würde, denn die Mutter war aus- gegangen— und dann konnte sie nicht mehr ruhig denken. Es sauste ihr vor den Ohren, und die Zunge wurde rauh und trocken wie bei einer Fieberkranken. Sie griff nach der mißhandelten Rose, preßte sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit an die Lippen und flüsterte wie im Rausch: „Herr Gott, Herr Gott, nimm mein Glück nicht von mir, noch nicht, noch nicht! Strafe mich nicht, weil ich nicht an Dich glaube, ich werde glauben, wenn Du ihn mir nur giebst, wenn nicht für das ganze Leben, so doch noch fiir ein Jahr, ein halbes, einige Monate., Es wurde an die Thür gefaßt. „Guten Tag, liebe Alna." „Guten Tag, Günther." Es war.aum ein Gruß, vielmehr ein wilder, erstickender Angstschrei, denn die starke, innere Stimme, welche im ent- scheidenden Augenblick selten im Menschen schweigt, die ihn unwiderstehlicher als jeder äußere Druck vorwärts treibt, sagte Alna, daß ihr kein Aufschub gewährt sei. Wenn sie Günthers Glück wollte, so mußte sie ihr eignes opfern und ihn freigeben. „Was ist Dir. Alna, bist Du krank?" „Nein!... Willst Du Dich nicht setzen?" „Ja, danke, komm' und setze Dich zu mir!" Er zeigte aus die niedrige Ottomane. Alna machte eine abwehrende Geberde und ttat an das Fenster. Sie stand so, daß sie ihm den Rücken zukehrte, ihn aber doch sehen konnte. Sein Bild hatte sich zu tief in ihre Seele geprägt, um jemals darin erlöschen zu können, aber es hatte nicht mehr dasselbe Aussehen wie damals, als er sich in ihr Herz geschlichen hatte. Jetzt war es eine vergilbte, schlecht erhaltene Daguerrotyvie, aber doch so lieb, denn es hatte den Heiligenschein der teuren Erinnerungen über sich und würde ihn stets behalten. Er war auch stehen geblieben, jetzt setzte er sich doch auf einen Stuhl, stützte den Arm auf einen zerbrechlichen Phantasietisch und schaute finster vor sich hin. Es war so wunderbar still im Zimmer geworden, und doch kam es Alna vor, als ob der Sturmvogel des Schicksals mit seinen schwarzen Schwingen über ihre Häupter zöge. Es lagen schwere, harte Worte bereit, die eine unübersteigliche Mauer zwischen ihnen errichten würden, und sie, die am meisten liebte, mußte den Grundstein legen. „Du hast diese Nacht wieder gespielt, Günther?" Sie wandte sich nicht um. „Ja." „lind verloren?" „Natürlich, das scheint in letzter Zeit Usus geworden zu sein. Aber jetzt ist es vorbei damit, Alna, glaube mir; ich will nur.. „Noch einen Versuch machen und noch einen— und noch einen! Ich weiß das nächstens auswendig. Ich habe die Totenglocken über unser Glück— über mein Glück läuten hören." „Sei nicht so heftig, Alna!" Er stand auff „Heftig! Nein, Du hast recht, was hätte das für Zweck? Wir wollen beide ruhig sein jetzt in der Trennungsstunde. Natürlich ist es an mir, den ersten Schritt zu thun." �„Was meinst Du?" fragte er unsicher, und esiie rötere Färbung zog über das bleiche, vermachte Gesicht. „Das weißt Du, Günther. Aber Du bist ein Mann, der die Forderungen der Ehre kennt. Du hast in letzter Zeit so oft von Deinen„Ehrenschulden", von Deinen Ver- pflichtungen, die berichtigt werden müßten, gesprochen. Ich wußte, daß ich Dir nur eine Last war, aber ich brannte lieber innerlich vor Schmerz über die Peitschenschläge, welche mir Deine Worte in unbewachten Augenblicken versetzten, als daß ich Dich gehen ließ. Du bist mein Gott, mein Licht, meine Sonne gewesen. Ich habe so viel von Dir gehalten, wie mau nur fühlen, nicht in Worten aussprechen kann, niemanÄ kann seinen tiefsten Gefühlen Ausdruck verleihen. Du hast— „vornehm" nennt man es wohl, gelebt, ich nenne es ver- abscheuenswert gemein. Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, daß Günther ein Spieler würde, hätte ich eine solche Behauptung mit Verachtung zurückgewiesen. Tu hast mir überflüssige Stimden, Zwischenakte, für die Du keine andre Verwendung hattest, gewidmet, und ich— bin stets bei Dir gewesen mit meiner ganzen, armen, sich in Sehnsucht ver- zehrenden Seele. Deine Zuneigung— der Ausdruck ist Wohl milde genug, um Deine Gefühle für mich zu bezeichnen— war wie ein Licht, das man dem Zug ausfetzt, es ringt und ringt nach Luft, bis es schließlich verlöscht. Du hast Dich nicht beeilt. Dein" Ehrenschuld bei mir einzulösen." Er richtete sich auf. Ein fester, harter, fast höhnischer Zug legte sich um seine Lippen, doch dieser verschwand wieder. und er wurde von Mitleid für dies arme, kleine verkrüppelte Wesen erftillt, das da mit ihrem Stolze ringend vor ihm stand. „Es kann ja sein," sagte er fügsam,„daß ich mich mehr zur Arbeit hätte zwingen können, es ist aber wirklich nicht zu verwundern, daß ich mich nach einer freudlosen Kindheit und Jugend einmal austobe. Die Zukunft bietet ja auch gerade keine verlockende Perspektive. Ich hoffe jedoch in wenigen Jahren meine Angelegenheiten ordnen zu können, bedeutende Schulden habe ich nicht, und ich nahm an, daß Du auf mich warten wolltest, bis meine übrigen Ehren- schulden eingelöst wären." „Ich danke Dir, daß Du mich höher stellst als Deine andren Gläubiger." (Schluß folgt.) (Nachdruck verboten) Brautleute. Von Wladimir K i r j a k o w. »Was sehe ich, Sonja? Du liest Zeitung? Seit wann interessierst Du Dich denn für Politik? Hahahal" „Du lachst? Na, warte nur! Du wirst später, wenn Du selbst Braut sein wirst, auch noch Festungen lesen." „Weshalb soll denn eine Braut durchaus Zeitung lesen?" „Weshalb? Na, verstehst Du. man mutz sich doch mit seinem Bräutigam über irgend etwas unterhalten, nicht wahr? Mein Gregor kommt jeden Tag zu uns, sitzt ganze Abende hier. Wir haben den einen Tag hiervon gesprochen, den andren Tag davon, schlietzlich aber ging uns der Stöfs doch aus... absolut kein Gesprächsthema mehr! Sitzen und sich den ganzen Abend klotz anstarren, geht aber auch nicht. Na, und da bin ich auf die Idee gekommen, mir aus der Zeitung Stoff zu suchen. Jeden Morgen studiere ich fünf Zeitungen durch. Zuerst hatte ich's mit langen gelehrten Abhandlungen versucht, aber davon wurde mir ganz wirr im Kopf. Jetzt lese ich also Zeitungen. Die sind doch immerhin leichter. Gott, wenn blotz erst die Hochzeit wäre l Dann könnte man doch wenigstens mal schweigen, wenn mar nichts zu reden wcitzl",., * „Ich finde, meine Braut wird von Tag zu Tag anspruchsvoller!" „Schon? Siehst Du? Was habe ich Dir gesagt! Aber Du schwurst mir hoch und teuer. Du seist zum Rasendwerden in sie verliebt, sie liebe Dich ebenso leidenschaftlich, kurz, Ihr würdet un- sinnig glücklich mit einander werden." „Das behaupte ich auch heute noch. Ich bin verliebt wie früher. Beweis: Ich habe noch in der letzten Zeit zehn Pfund an Körper- gewicht verloren und mache beim Kartenspiel ganz unverzeihliche Fehler. Und auch sie liebt mich noch ebenso leidenschaftlich wie sonst. Nein, ich rede jetzt von ihren Ansprüchen. Sie verlangt, ich soll für sie meinen genauen Lebenslauf ausarbeiten und darin keines meiner kleinen und grotzen Abenteuer und Techtelmechtel vergessen. Ich bin kein Belletrist, verstehe mich nicht auf schöngeistige Schreibereien. Ich bin eben nur Beamter. Na, und auherdem— gestehe selbst!— die Wahrheit kann ich doch auf keinen Fall schreiben! Es gicbt im Leben eines jungen Mannes mitunter Episoden, welche.. „Ach. lüg' doch irgend etwas zusammen!" „Ja, auch zum Lügen gehört Phantasie. Wenn sie mich nur etwas weniger leidenschaftlich lieben möchte! Andre Bräute verstehen es brillant, solch kitzliche Fragen zu vermeiden. Autzcrdcm wünscht sie, ich soll jeden Abend ein Tagebuch führen und es ihr jeden Morgen durch einen Dicnstmann zuschicken!" „Weitzt Du tvas? Schneide Dir gehörig in den Zeigefinger der rechten Hand— dann brauchst Du nicht zu schreiben." „Ja, das ist auch so'ne Sache: wenn der Finger später schlimm wird." „Na, dann geh' zu irgend einem Arzt und bitte ihn, er möchte Dir nach allen Regeln der Kunst einen Schnitt in den Finger machen. Wahrhafttg, das wird Dir kein Arzt abschlagen, wenn Du ihm er- klärst, um was eS sich handelt."... „Weitzt Du, Nikolai, was für eine Idee Papa und Mama haben?" „Das weitz ich natürlich nicht, m: von 10 Fällen kann nach der Behauptung des Bogelspezialisten ein gebrochener Flügel oder ein gebrochenes Bein geheilt werden. Beim Einrichten des Beines von einem Kanarienvogel wird oft ein gewöhnlicher Federposcn- Zahnstocher zum Schienen benutzt. Die Pose loird gespalten und nur um das Bein gelegt und bandagiert. Es sind schon Vögel mit dreifachem Bein- bruch im Hospital geheilt worden, wobei kaum eine Narbe an der Bruchstelle zu sehen war. Die Beine der Vögel verheilen leicht. Besonders interessant ist die eigentümliche freihängende Schleife, die zu OpcratiouSzwecken bei Quetschungen oder Brüchen benutzt wird. Der Vogel ruht auf einer Schlinge von weichem Stoff, wobei seine Beine durch zwei Schlitze am unteren Ende hindurchgestcckt werden. Er liegt sehr bequem in dieser Stellung, ist aber unfähig, seine Beine zu bewegen oder die Bandagen zu verschieben.— Medizinisches. — Eine neue Methode der Herzu utersu chu n g. In der Wiener„Neuen Freien Presse" lesen wir: In der letzten Sitzung der Gesellschaft für innere Medizin sprach Professor Gärtner über eine neue Methode, den Blutdruck in der rechten Herz- Vorkammer des Menschen zu bestimmen. Diese Bestimniung ist von der allergrößten diagnostischen Bedeutung, da in diesen Vorhof sich das ganze venöse Blut des Organismus ergießt, um hierauf aus der rechten Herzkammer in. die Luugengefäßchen zu ivandern und hier neuerdings in sauerstoffhältiges, arterielles Blut umgewandelt zu werden. Die komplizierten Vorgänge und insbesondere die Druck- Verhältnisse im rechten Vorhofc waren bisher einer ärztlichen Unter- suchung nicht zugänglich. Professor Gärtner, einem Schüler Brückes und Strickers, gelang es, diese Blutdruckvcrhälinisse einer sicheren und ganz exakten Messung zu unterziehen. Seine Methode läßt sich etwa in folgender Weife demonstrieren: Wenn man einen Arm sinken läßt, so füllen sich die Venen der Hand prall mit Blnt an, was insbesondere an dem Handrücken deutlich sichtbar wird. Erhebt man den Arm über den Kopf, so fallen die Venen des Handrückens wieder zusammen und ihr Relief schimmert durch die Haut nicht mehr durch. Gärtner be- stimmte durch genaue Beobachtungen an gesunden und kranken Menschen das Niveau, in lvelchem die Venen des Handrückens zusammenfallen, beziehungsweise sich füllen. Dabei ergab sich, daß die Erscheinung in der großen Mehrzahl der Fälle so deutlich ist, daß sie als Grundlage für Messungen dienen kann; ferner, daß das Phänomen bei einer bestimmten Nivearidifferenz zwischen der beobachteten Benenstelle und dem Herzen an demselben Menschen regelmäßig eintritt. Die Venen stellen Manometerröhren vor, welche, obwohl sie undurchsichtig sind und unter der Haut liegen, gestatten, den Stand der in ihnen enthaltenen Flüssigkeit zu erkennen. Bei normalem Blut- druck, bei normalem Herzen und normalen Gefäßen genügt die Er- Hebung der Hand in das Niveau des rechten Herzvorhofes, das durch Abklopfung oder durch Röntgcn-Durchleuchtung ermittelt werden kann, um die Venen des Handrückens zum Verschwinden zu bringen. Diese Venen bilden eben mit dem Vorhofe ein System lommuni- zierender Röhren, in welchen unter normalen Verhältnissen die Flüssigkeitssäule in gleichem Niveau gleich steht. Professor Gärtner ist es gelungen, die Druckdifferenzen zwischen dem rechten Vorhofe und den Venen direkt zu messen, durch Bc- trachtung der Venen des Handrückens sichere Schlüsse auf die Bc- schaffenhcit des Herzens zu ziehen. Diese neue NntcrsnchungSmcthode, die in der Versammlung an gesunden und kranken Menschen dcmon- stricrt wurde, dürfte von der größten Bedeutung für jeden Arzt werden. Man deute zum Beispiel an die Verhältnisse des Assent- Platzes, Ivo eine wicdcrbolte llntcrsuchung der Hcrzarbeit und des Blutdruckes einfach unmöglich ist. Hier genügt es, einfach den Arm des zu Untersuchenden zu senken und dann in daS Niveau des reckten Vorhofes zu erheben, um in ein bis zwei Minuten zu wissen, ob die Blutdruckverhältnisse normal find oder nicht.— Technisches. mp. Stän b ig gebrauchsfertige H a it d g a s s p r i tz c. Die große Mehrheit der ausbrechenden Brände würden zlveifelsohne verhältnismäßig geringen Schaden anrichten, wem: man in der Lage wäre, sie sofort im Entstehen durch geeignete Löschvorrichtungen zu unterdrücken. Für diesen Zweck ist jetzt eine ständig gebrauchsfertige Vermitwortl. Nedetleur.' Julius KaliSkt in Berlin.— Druck und Verlag: Handgasspritze konstruiert worden, die wegen ihrer geringen Größe und der bequemen Handhabung Beachtung verdient. Dieser Lösch- apparat besteht auS einem Metallgefäß, daß ohne Naht aus einem Stück gezogen ist. Es wird mit etwa lü/a Liter Wasser gefüllt. In das Wasser schüttet man 500 Gramm aufgelöstes doppclkohlensaures Natron. Der Deckel des Löschapparates ist mit einer Haltevorrichtung für ein Apothekerglas verschen, in das nian ISO Gramm Schwefel- sätire füllt und es mit einem Bleistopfen verschließt. Bei auS- brechendem Feuer wird der Apparat einfach nach unten umgekehrt und an der am Boden vorgesehenen Handhabe festgehalten. Hier- durch löst sich der Bleiverschluß der Säureflasche, deren Inhalt er- gießt sich in das mit Natron durchsetzte Wasser und die Kohlensäure lvird frei. In dem verschlosseiten Apparat können nun die sich ent- lvickelnden Gase nicht entweichen, sie üben daher einen Druck auf das Wasser aus, das mit kräftigem Strahl aus dem am Lösch- apparat befindlichen Schlauch hervortritt. Der Apparat ist also iil einem Augenblick vollkommen gebrauchsfertig und der Wasieraustriil kann durch einfaches Zuhalten der Schlauchmüitdung mit der Hand in jedem Augenblick unterbrochen werden, so daß unnützer Wasserberlust vermieden loird. Der Wasserstrahl reicht bis auf eine Entfernung von zehn Metern. Nach erfolgtem Gebrauch kann man diese Hand- liche Gasspritze durch Einfüllen von Wasser unter Zusatz von doppel- kohlensaurem Natron sowie durch Füllung der Gasflasche mit Schwefelsäure sofort wieder gebrauchsrertig'machen, wobei noch zu bemerkeil ist, daß die Ehcmikalien zur einmaligen Füllung mir etwa zwaizzig Pfennig kosten. Bei einem vor kurzem vorgenommenen Brandvcrsuche konnten wir uns überzeugen, daß diese HandgaSspritze in der That aus- gezeichnet funktioniert. Es war damit möglich, in auffallend kurzer Zeit einen Brandherd, der aus 200 Kilo Teer mit Holzwolle je. bestand, vollkommen abzulöschen, ohne daß der gesamte Wasscrvorrak einer solchen Handgasspritze verbraucht worden wäre. Erwähnens- wert ist noch, daß in den O-Zug-Wagen unsrer Eisenbahn derartige Handspritzen mehr und mehr zur Aufstellung gelangen.— Humoristisches. — Strenge Bestrafung. Chef:„Was, Sie schreiben Liebesbriefe im Geschäft? Nun nehmen Sie sich aber gefälligst diese drei Geschäftsbriefe mit und besorgen Sie sie, wenn Sie bei Ihrer Braut sind!"— — Ein lieber Mensch, A.:„Sie munterten den Müller so ftenndlich auf, sich schriftstellerisch zn bethätigen; hat der Mann denn Talent?" Kritiker:„Keine Spur! Ich kann den Kerl nicht leiden, darum soll er ein Buch schreiben, damit ich eS herunterreißen kann."— — Unter Freundinnen.„Emilie, Du kochst wohl seit einigen Tagen selbst?" „Wieso?" „Ra, weil Ihr Euch eine Hausapotheke zugelegt habt."— („Mcggendorfer Blätter.") Notizen. — Wilhelm HenzenS Einakter„Die Meisterschüsse l" ist vom Schauspielhause zur Aufführung erworben worden,— — Die Freie Volksbühne bringt in ihrer vierten Vor- stellungsserie Sven Langes Schauspiel„Ein Verbrecher". Die erste Aufführung findet am 15. November im Lessing- Theater statt.— Einen O f f e n b a ch Operetten-Abend veranstaltet der Verein am 14. November<8 Uhr abends) in der Brauerei Friedrichshain. Adalbert Lievau hat seine Mitwirkung zugesagt. Den musikalischen Teil des Programms hat das Berliner Tonkünstler-Orchester unter Leitung des Kapellmeisters Robitscheck übernommen. Zur Aufführung gelangen u. a.:„Die Hanni weint— der Hansi lacht",„Die Zaubergeige",„Die Ber- lobung bei der Laterne".— — Heinrich S ch r o t h vom Hamburger Schanspiclhause ist für das hiesige S ch a u f p i e l h a n s als jugendlicher Liebhaber und Bonvivant verpflichtet worden.— —„Im Hafen", ein neues Drama von Georg Engel, loird anfangs Januar im Ha»n burger Thalia-Theatcr die Premiere erleben.— — Fritz Licn Harbs Bühnenstück„König Arthur" fand bei der Aufführung in Straßburg eine beifällige Aus- nähme.— — In Frankfurt a.M. hatte Maeterlincks„Joyzellc" einen freundlichen Erfolg.— — Oskar Blumenthals neues VerSspiel„Wenn>v i r altern" fand bei der.Erstaufführung im Hamburger beut- scheu Schau spielhause lebhaften Beifall.— — Der Nachlaß des Komponisten Hugo W o l f ist, wie dein „Verl. Tagebl." aus München berichtet wird, von zwei Musik- BerlagSgeschäften(in Berlin und Leipzig) für 20 000 M. angekauft worden.— — Die Erstaufführung der Novität„Der Ra st elbin der" im C e n t r a l- T h e a t e r ist auf den IS. November verschoben worden.— Vorwärls Buchdrucker« und VerlaaSanitalt Baul Singer& Co., Berlin SW