Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 222. Donnerstag, den 12. Nodeinber. 1903 (Nachdnick BciOoten.) s,) Kleinbürger. Roman von Elisabeth K u y l e n st j e r n a. (Schl»b.) Aiiia lachte bitter. „Alna, tvenn Du ahntest, welche Versuchung im Spiele liegt, würdest Du nicht so hart urteilen. Du bist pedantisck> hier in Deinem ungestörten Winkel geworden, denn trotz des Schlages, welcher Dich betroffen hat, hast Dn doch niemals dem aufreibenden Kampfe um das Dasein Aug' in Auge gegenüber gestanden." „Sprich nicht so erhaben über incine Ruhe in der Ein- samkeit, Günther, eS gicbt auch Känrpfe in der Stille; das müßtest Tu als Arzt verstehen, denn es genügt nicht immer, einen Kranken Physisch behandeln zu können. Es giebt eine innere psychische Verblutung, von d?� Du keine Ahnung zu haben scheinst. Aber ich versichere Dir, daß kein friede und kein Schutz irgend einer Häuslichkeit..in der Welt die Ge- danken töten kann, welche in uns aufgerührt werden, und an denen Ihr Männer schuld seid." „Wir Armen," sagte er ironisch und drehte an den dunklen Schnurrbartspitzen, setzte aber in verändertem Tone hinzu:„laß uns dies Gespräch jetzt beenden, Alna, es peinigt uns beide ja unnötig." Seine schöne, metallreine Stimme ließ ihr Herz erbeben. Sie hätte ihm mit der Hand über die gefurchte Stirn streichen, seinen Arm um ihren Leib fühlen und sich in hingebender, todesmlldcr Liebe an ihn schmiegen mögen. Aber das durfte nicht sein. Sie mußte ihm sein Wort zurückgeben. Wunderbar still und gebrocheil, wie man an einem Totenbette spricht, sagte sie: „Nein, wir wollen nicht länger streiten. Es ist das beste, wir trennen uns." Sie hatte unaufhörlich während der letzten vierzehn Tage über diese Worte nachgedacht, und doch kam es ihr jetzt vor, als klebten sie ihr am Gaumen fest. „Trennen— und das wolltest Du?" Er trat nicht an sie heran, und es lag keine Erregung in dem Blick, welchen er auf sie richtete. „Ja. wir gehen ja doch wie zwei Fremde nebeneinander her. Günther, lieber, lieber Günther, Du hältst es nicht länger aus, das Joch war zu schwer. Du hast Dich müde geschleppt." „Ich bin lebensmüde," sagte er answeichend. „Vielleicht jetzt, aber Tu wirst Dich leichter fühlen, wenn Du eine Ehrenschuld weniger hast." Sie war fast zu einem Skelett abgemagert, und als sie ihre Hand nun schlaff herunterhängen ließ, glitt der Ver- lobungSring vom Finger. Sie reichte ihn ihm schweigend. „Nein, Alna, ich wünsche keinen Bruch." „Meinst Tu nicht? Doch, vielleicht mehr als Du selber ahnst; aber ein Mann hält sein Wort, wenigstens scheinbar. Erspare mir nun alles geheuchelte Zartgefühl!' Ich bin unverantwortlich schwach gewesen, daß ich Dich so lange ge- quält habe." „Aber, Alna," fiel er lahm dazwischen. „Fahre nicht mit leeren Worten fort! Laß mich Dir lieber von ganzem Herzen für die vergangene Zeit danken." „Du hast mir für nichts zu. danken." :,$och, Günther, Du bist meine Jugend gewesen. Wenn Mädchen wie ich Glücksträume haben dürfen, die nicht gleich vom Rauhreif der Wirklichkeit zerstört werden, tvenn wir lieben und uusre eigne Liebe um ein Hundertstel erwidert glauben dürfen, so werden wir zu Schuldnerinnen Euch Männern gegenüber. Dank, Geliebter, Geliebter.-." die Stimme versagte ihr einen Augenblick, dann setzte sie fast un- hörbar hinzu:„Adieu!" Sie reichte ihm die Hand und er Preßte sie gerührt in der seinen. Danach zog er langsam den Ring ab, legte ihn auf den Tisch und ging mit festen, weder zögernden, noch be- sonders beschleunigten Schritten aus dem Zimmer. Aiiia stand noch immer auf demselben Zweck, der Körper war ihr wie erstarrt, der Kopf so wunderbar leer, der Blick vermochte nichts aufzufassen. Das erste, ivorauf sie ihn dann wieder lenkte, waren die Rosenblätter, welche noch auf dem Tcppich lagen. Sic bückte sich mechanisch, fegte sie mit der Hand zu- sammen und warf sie in den Ofen, alles wie sie sich gedacht hatte, doch das Feuer ivar heruntergebrannt und nur noch schwarze Kohlen darin. Als Günther auf die sonnenbcstrahlte Straße hinauskam, holte er tief Atem. Ihm ivar, als iväre die Luft reiner und leichter geworden als seit langer Zeit, als wäre jetzt wirklich erst der Frühling gekommen nach einem langen, öden Winter. Er Ivollte gerade um die Ecke biegen, als er mit Erich Hedfors zusammenstieß. Dieser begrüßte ihn mit kräftigem Händedruck und rief: „Diener, alter Junge, schon bei der Braut gewesen? Das ehrt Dich, daß Du Dir schon so früh am Tage Deiner Pflichten bewußt bist. Aber zuni Teufel! wie siehst Du denn sonderbar aus? Gerade als ob Dir ein Priester in das Ge- wissen geredet hätte und Du jetzt daran wärest, einen neuen Lebenswandel zu beginnen." Günther zauderte. Ihm schien Erich Hedfors nicht gerade der Rechte, um sich ihm zuerst anzuvertrauen, aber es ivar nun doch einmal ein einfaches Faktum, das bekannt werden mußte, also ebenso gut gleich damit heranszilkomrnen. „Du hat vielleicht recht, mein Leben wird sich ändern," sagte er kurz,„meine Verlobung ist aufgehoben." „Aha, ja. verstehe, der Goldfisch hat seinen Glanz der- loren. Das Beste also: Fort damit!" „Du irrst." entgegnete Günther schroff, unangenehm von des andern Cynismus berührt,„sie war eS, welche unsre Trennung wünschte." „Wünschte! Ha, ha. ha! Nein, bester Freund, das machst Du mir nicht weiß. Du hast ihr natürlich gezeigt, daß Du der ganzen Herrlichkeit überdrüssig Ivarst." „Adieu," sagte Günther hastig und entfernte sich raschen Schrittes von seiner Begleitung. „Sehen wir uns heute abend?" rief Erich ihm nach,„wir wollen Begräbnisfeier halten, wenn Du Luft hast." „Nein, danke." Günther hörte das trockene, spöttische Lachen und zuckte zusammen. Das Schlimmste von allem ivar, daß, wie Erich Hedfors ihn beurteilte, so würden auch alle andern ihn beurteilen. Man würde ihn einen Glücksjäger, einen Geldftcier nennen. und— es lag Wahrheit in solchen Aeußerungen, das sah er ein. Aber gleichviel, die öffentliche Meinung konnte er zum Schweigen bringen, wenn er zeigte, daß er zu etivas taugte, nachdem er die drückende Fessel von sich geschüttelt hatte. Jetzt konnte und ivollte er arbeiten; die Zukunft lag gleich einem uugcpflügteu Acker vor ihm, und er fühlte jetzt eine seit lange fast erstickte Lust in sich aufsteigen, mit dem Pflug der Wissenschaften tiefe Furchen in denselben zu ziehen und die Früchte reifen zu sehen, wie er in seinen Jünglingsjahren geträumt hatte. XV. Der Tag für Frau Lejers und Doras Abreise nach Amerika ivar nun bestimmt; sie hatten nur noch eine Woche bis dahin, und die meisten Zurüstungen waren beendet, doch Frau Lejer schien nicht mehr so zufrieden wie früher damit zu sein, daß sie hier jetzt alles im Stiche ließe und zu ihrem Sven käme. Seit der Aufhebung von Günthers Verlobung hatte sie außergewöhnlich nachdenklich ausgesehen, und das Einpacken der Sachen, die sie mitnehmen wollte, ging ihr merkwürdig langsam von der Hand. Noch hatte sie nichts von ihrer kleinen Einrichtung verkauft, es schien ihr schlver zu werden, sich von den einfachen Möbeln zu trennen. Stundenlang konnte sie stehen und sie einzeln betrachten. Doch das war es nicht, was sie am meisten drückte, sie grübelte über etwas nach, ohne sich jemand anvertrauen zu wollen. Endlich eines Abends, als Günther, wie er jetzt fast täglich zu thun pflegte, bei den Seinen vorsprach, setzte sie sich zu ihm und strich ihm mit ihrer runzeligen Hand leise üb« das Knie. „Mein lieber Junge." begann sie mit eigentümlich ver- legeucr Stimme,„da wir gerade allein sind, möchte ich Dich etwas fragen. Du hattest Dich mir entfremdet, Günther, aber ich weih nicht, ob ich mich täusche, wenn ich glaube, daß Du jetzt wieder zu mir kommst." Ihre rotgeränderten Augen wurden vor Rührung feucht, und zwei kleine, nervöse rote Flecken traten auf den ein- gefallenen Backen hervor. Diese kleine abgearbeitete Frau, die im täglichen Leben ihr eignes Ich ziemlich hochstellte, fühlte einen großen, fast lähmenden Respekt vor ihrem gelehrten Sohn mit dem meist so strengen Blick. „Kleines Mütterchen," sagte er freundlich,„ich habe noch für nianches um Verzeihung zu bitten." „Nein, nein, das meinte ich nicht, mein guter Junge, aber siehst Du, ich— ich möchte wissen, ob ich Dir nicht nütz- lich sein und Dir das Leben angenehm machen kann. Ich habe viel über die Sache nachgedacht, schon seitdem Deine Ver- lobung mit Alna zurückgegangen ist. Vorher hattest Du sie, und ich dachte natürlich. Du würdest es so gut bekommen, daß es Dir ganz gleichgültig wäre, wo ich bliebe, jetzt aber wird es mir so schwer. Dich hier allein zurückzulassen, denn siehst Du, wenn Du auch noch so männlich bist, wird es Dir doch manchmal öde vorkommen ohne Elternheim. Das ist doch ein warmes Nest, mein Junge, und wenn Du ivillst, bleibe ich gern bei Dir. Ich kann ja nur wenig für Dich thun, aber lieb haben kann ich Dich, und etwas ist das denn doch auch." Sie demütigte sich und kroch zusammen, als bäte sie um eine Gnade. Schmerz und Scham stieg in Günther auf, als er in dies reiche, große Mutterherz blickte, das sich mit seiner Liebe aufzudrängen fürchtete. Er beugte sich tief über die welke, zitternde Hand, die noch immer auf seinen Knien lag, seiner Mutter Hand, und küßte sie ehrfurchtsvoll. „Ich danke Dir, liebe Mutter," sagte er mit einer Stimme, die er nicht einmal von Rührung frei zu machen suchte, „danke Dir, daß Du mich noch so lieb haben kannst, Mutter, aber ich will nicht, daß Du Dich meinetwegen aufopferst. Ich habe Dir nichts zu bieten, Mutter, aber bei Sven wirst Du ein sorgenfreies Leben führen." „Glaubst Du das, Kind, wenn ich weiß, wie es Dir geht? Nein, mein lieber Junge, Du verstehst Dich nicht auf die Gefühle einer Mutter, wenn Du so sprichst. Freilich bin ich ein altes, nutzloses Wrack, aber noch komme ich mit. Und Dn sollst sehen,»vir können es uns so billig einrichten, viel billiger als wenn Du in den teuren Restaurants essen müßtest. Du bewohnst das Zimmer, und ich schlafe in der Küche, es braucht ja niemand zu wissen, wie wir es eingerichtet haben. Wenn Du Dich dann müde gearbeitet hast und vielleicht noch ein Weilchen mit Deiner alten Mutter plaudern Ivillst, so hast Du sie nicht in einem andern Weltteil, sondern sie sitzt bei Dir." „Aber Sven, was wird der sagen und alle die andern? Ich werde natürlich als rücksichtsloser Egoist dastehen." „Hm, laß sie reden!" Frau Lejer schüttelte so überlegen mit dem Kopfe, als ob sie nie in ihrem Leben nach einer solchen Bagatelle geftagt hätte.„Sie müssen doch einsehen, daß es schwer ist für solche alte Frau, aus ihrer Gewohnheit herauszukommen und in ein fremdes Land zu ziehen." „Aber das war doch sonst nicht Deine Meinung, Mutter." „Nein, weil ich da glaubte, daß Sven meiner am meisten bedürste." Es war keine allgemein verständliche, klare Logik in dieser Antwort, doch war es die einzige, welche Frau Luise geben konnte. Sie enthielt eine Ansicht ohne theoretische Beweis- führung, die jedoch in der Praxis Hunderte von Müttern durchgemacht haben, instinktiv stehen und fallen sie auf ihrem Posten, wo der Kampf für die Kinder am heftigsten tobt; ihre Waffen gegen die Schläge des Schicksals sind ein Gebet und stets offene Arme, die das Kind, wenn es verwundet ist oder im Tode, umschließen sollen. So wurde also das Programm dahin geändert, daß Dora allein reisen sollte. Erwartungsvoll sah sie der bevor- stehenden Veränderung entgegen und nichts schien sie davon zurückzuschrecken. Als sie auf Abschiedsbesuch bei Hedwins war, sagte Laura spitz: „Was willst Du, Dora, die Du so bange vor jeder Arbeit bist, da draußen, da wird kein Ueberfluß an Ver- gnügungen sein." „Nein, das wird es wohl nicht, aber die sind hier ja auch nur sehr spärlich gesäet," versetzte Dora,„und ich will meine Kräfte erproben. Ich will meinen Anteil am lebendigen Leben haben, Laura, und geht es nicht auf die eine Weise, so muß es auf eine andre gehen. Ich habe ein Gefühl, als möchte ich am Schicksal rütteln, es auf und nieder wenden und sehen, ob es nur Nieten für mich hat." „Nun, es müssen sich doch die meisten darein finden," sagte Karin bitter; sie war noch kurzsichtiger geworden als vordem und neigte den Kopf dicht über die Probeschrist, welche sie für die Schule anzufertigen hatte. „Ich gedenke mich nicht so leicht darein zu finden," rief Dora aus,„wir werden wohl erst miteinander ringen, die ungerechte Frau und ich." „Phrasen," fiel Laura trocken ein.„Du bist noch so jung, das ist das Ganze." „Ja, das bin ich! Jung und stark I" Dora erhob sich und reckte ihre jetzt voll entwickelte, schöne Gestalt, sie warf den Kopf zurück wie ein feuriges Pferd, das zum Sprunge bereit steht, und in ihren Augen blitzte es. „Gott segne Dich, liebes Kind," sagte Fkau Hedwin, als Dora, sich verneigend, jetzt Abschied von ihr nahm,„ob Du einmal wieder nach Schweden kommst, kann man jetzt Wohl noch nicht wissen, aber jedenfalls bin ich dann nicht mehr. Ich glaube, es geht bald mit mir zu Ende. Daniel wird nicht lange mehr auf mich zu warten brauchen. Adieu, mein Kind, Du nimmst viel Sonnenlicht mit Dir, wenn Du von uns gehst." Laura und Karin wollten noch an den Zug kommen und nahmen darum nicht so feierlichen Abschied. Am folgenden Abend standen alle nächsten Verwandten und Bekannten auf dem Perron des Ccntralbahnhofes ver- sammelt, um Dora Lebewohl zu sagen. Sie sank von einem Arm in den andern, am längsten hielten doch die Mutter und Marie Luise sie fest. Günther machte ihnen ihr Recht nicht streitig; er stand in einiger Entfernung von den andern und trocknete sich verstohlen die Thränen, die sich ihm un- aufhörlich in die Augen drängten. Er konnte sich nicht er- inner» seit seiner Kindheit je geweint zu haben, jetzt aber saßen ihm die Thränen wie ein dicker, brennender Knoten im Halse. Die langen Minute», welche einer Abreise vorangehen — lang, weil man die Rührung zu beherrschen sucht, die überhand zu nehmen und die letzten Abschiedsworte zu hindern droht— waren jetzt vorüber. Dora hatte zum letztennial alle die Ihren geküßt und stand jetzt auf der Plattforiu des Eisen- bahuwageus. Heiße Thräuen glänzten in ihren Augen, und die großen, salzigen Tropfen rannen ihr unaufhaltsam die Wangen herunter, sie lächelte aber doch, kindlich jung und frisch, als sie immer wieder den Zurückbleibenden zunickte. Schnaufend setzte sich die Lokomotive in Bewegung. Es wurde dunkel vor Doras Augen, als der Zug aus der Halle fuhr, und ihr Herz klopfte heftig vor Furcht, Ungewißheit, Veklemnnlug. Eine Sekunde lang stand sie angstvoll ringend mit der Furcht vor dem Unbekannten, doch als sie die vielen Taschentücher in der Luft flattern sah, die ihr den allerletzten Abschiedsgniß zuwinkten, wurde sie plötzlich von dem schwellenden, abenteuerlusügen Mut gepackt, wie ihn der fühlt, der jung und stark zum erstenmal seine Schwingen stei zu kühnem Flug entfalten soll, und alle Abschiedsbouquets hoch durch die Luft schwenkend, rief sie mit einer Stimme, die wie der Frühliugsxuf einer Lerche klang l„Auf Wiedersehen l"— (Nachdruck verboten.) Die(Vlandfcbureu In geographischen Linien umgrenzt stellt sich daZ Land der Mandschu als ein Rechteck dar, deffcn nördliche und östliche Seite auf einer Strecke von über 2230 Kilometer längs des Amur- und Ussuri- flusies das russische Gebiet, dessen südöstliche und südliche Linie Korea und die verschiedenen Buchten des gelben Meeres entlang läuft, und welches im Westen durch den alten Pallisadenzaun und das Chingangebirge gegen die Mongolei hin abgeschlossen wird. Es zählt beinahe noch einmal so viel Quadratlilometcr als das Deutsche Reich. Im ganzen ist die Mandschurei ein Gebirgsland; die Haupt- gebirgx sind der große Chingan im Westen und der Schan-bo-schan im Südosten. Weniger bedeutend sind der Liau-tung-Rückcn auf der Halbinsel gleichen Namens, der Giringgcbirgszug und der kleine Chingan. Durchzogen ist sie von einem rechten Nebenflüsse des Amur, dem Sungari, dessen hauptsächlichster linker Nebenfluh der Nami ist. Im Süden ergießt sich der Liau-ho in den Meerbusen von Liautung. Längs der Flüsse ziehen sich Ebenen hin, von denen man We Liau-tung-, die Nam!-, die Sungari-, die untere Ussuri- und die Kuugatscha-Ebcne unterscheidet� Unwirtlich für de» Menschen ist der mandschurische Urwald. Wie es da drinnen aussehen mag, kann man nur ahnen, da selbst die kühnen Zobeljäger über den äußeren Gürtel nicht tief ein- gedrungen sind. Wirklicher Hochwald, lebensfrischer Bestand, ist selten. Blitz und menschliche Unvorsichtigkeit setzen den Wald in Flammen. Begünstigt durch Sonne und Wetter wütet ein Wald- brand oft in kaum glaublicher Weise nicht tage-, sondern viele Wochen lang. Auf dem moosigen, torfigen Bode» kriecht und schwelt die Flamme weiter, das massenhafte trockene und mulmige Fallholz bietet ihr Nahrung und Beständigkeit. Verdorrte, bis zum Grunde nieder- hängende Zlveige leiten die Flamme zu den Kronen noch lebender Hochbäume hinauf, unter brausendem Knistern verfallen ihre harzigen Nadeln, eine riesige Funkengarbc schießt zum Himmel empor, und binnen weniger Minuten ist der Baum getötet. Tie von ihm aus- strahlende Feuergarbe aber fällt in tausend Funken nieder, neue Flammen erwachsen und stürzen glühend weiter. Qualmende Rauch- Wolken verdüstern die Sonne, langsam, aber dicht und immer dichter niederrieselnde Asche kündet bei Tag. feurige Lohe bei Nacht den aus der Ferne kommenden Waldbrand an.... Die Reichtümer, die der Boden der Mandschurei birgt, sind noch nicht genügend bekannt; man hat indessen das Vorkommen von Kupfer, Blei, Kohle und Eisenerz konstatiert, deren Hauptlagerungen sich in der Provinz Giri befinden, ferner Gold in den Seitenthälcrn des Ussuri; aber die Ausbeutung dieses wertvollen Metalle» ist bis heute streng verboten worden, und die Goldsucher wurden als Staats- Verbrecher behandelt. Im Süden bildet die Flora einen vermittelnden Charakter zwischen der Sibiriens und Chinas. Ter Boden ist im allgemeinen fruchtbar, und das urbar gemachte Gebiet zeigt sich der Kultur günstig. Unter den Produkten des Ackerbaues nehmen die Gemüse den ersten Platz ein, sie werden entweder an Qrt und Stelle ver- braucht oder erportiert. Tann kommen die Hirse, die Mohrhirsc, die Menschen und Tieren zur Nahrung dient, und aus der man kleine Kuchen und Branntwein oerfertigt, der Mais, der Weizen von mittlerer Qualität, Leinöl, Gerste, Sesam, Tabak. Vor 25 Jahren bauten die Bewohner der Mandschurei wenig Indigo und fast keinen Mohn; heute bedecken Indigopflanzen weite Felder, und der fast überall verbreitete Mohn liefert gute Einnahmen, obwohl das aus ihm gelieferte Opium billiger ist als das in Indien. Uebrigens ist der Anbau durch Gesetz verboten, aber niit den Mandarinen ist in dieser Hinsicht eine Einigung leicht zu erzielen. Die Fauna der Mandschurei ist sehr mannigfaltig. Tie wilden Tiere sind besonders im Norden sehr zahlreich, dessen größter Teil noch unbebaut ist. Die Panther verbergen sich in den Dickichten, der Tiger durchstreift die Gegend und verfolgt die Einwohner oft bis auf die Straßen ihrer Dörfer. Nach der Anzahl der Felle zu urteilen, die mein jährlich verkauft, und von denen manche mehr als drei Meter vom Kopfe bis zum Schwänzende messen, ist die Tigerrasse durchaus nicht im Seilwinden begriffen. Trotz der friedlichen Invasion chinesischer Kolonisten, und trotz der Zucht großer Herden von Pferden, Eseln, Ochsen ist die Mandschurei heute noch ein wahres Eldorado für Jäger. Mit Leichtigkeit können die Mandschu in einem Monat du 2400 Hirsche erlege», die sie jedes Jahr dem Kaiser liefern müssen. Dieser überläßt das Gclvcih und die Körper den Jägern, er behält sich nur den fleischigen Teil des Schwanzes vor; dieses von den Chinesen als sehr schmackhaft und kräftigend angesehene Stück ist sehr teuer und kostet oft mehr als 30 Frank. Man findet noch in den Wäldern und in den Scitenthälern des Sungari das Zobeltier, dessen Fell so kostbar ist. Ter Kaiser und einige Gcoßmandarinen, denen er es erlaubt, dürfen sich allein damit bekleiden; das Volt darf sich aus ihm nur Halskragen und Acrmel- bcsatz machen. Da die Mehrzahl der Mandschubeoölkerung sich der Jagd widmet, den, Ackerbau und der Viehzucht, so ist die Industrie sehr lvenig entwickelt. Tie einzigen lokalen Industrien von irgend welcher Bedeutung sind die Bereitung von Oel und Branntwein; selbst in der Nachbarschaft der großen Wälder deL Nordens, außerhalb der Regionen der chinesischen Kolonisation, bemerkt man kleine Häuser, über die Schornsteine hinwegragen: es sind Branntwein- brcnnercien. Die Mandschu trinken leidenschaftlich gern, wie ihr Sprichwort sagt:„bis zum Vergessen des Guten und des Bösen". Der Handel ist bedeutend in Liau-tung, das durch seine natürliche Lage der Sammelpunkt der mongolischen, tungnsischen, chinesischen, mandschurischen und koreanischen Bevölkerung ist. Im Norden nimmt er seit einigen Jahren ganz bedeutende Ausdehnung an, dank der chinesischen Einwanderung, die von Jahr zu Jahr wächst, und dank den europäischen Kausleuten. die auf Sachalin und in den russischen Besitzungen, in Wladiwostok, Kabarowka und Nikolajcwsk etabliert sind. Ein besonderes Jnteresie bietet das Verhältnis der beiden vor- herrschenden Völkcrstämmc, der Chinesen und der Mandschuren, zu einander. Wenn sie auch, was Kleidung, Haartrachr, Lebensweise und Kultur betrifft, sich von einander nicht unterscheiden, so lehrt doch eine aufmerksame Beobachtung, daß die Mandschuren von hohem Wuchs, von männlicher Haltung sind, schöne und regelmäßige Züge und eine Hautfarbe haben, die sie der kaukasischen Raffe nahe bringen. Die Frauen besonders zeichnen sich durch eine schöne Figur auS; auch zwängen sie ihre Füße nicht ein. ES besteht die Annahme, daß die Chinesen in der Mandschurei »n Zahl den Mandschuren überlegen seien. Man kam zu derselben, weil d,e Europäer hauptsächlich mit Chinesen, die den ganzen Handel ausschließlich in den Händen haben, im Verkehr stehen, weis diese auch zur Annahme des Christentums mehr geneigt sind, die Missions- stationen inmitten der chinesischen Bevölkerung angelegt werden, und überhaupt die europäischen Reisenden mehr den Süden der Mand- schüret aufsuchen. Eingehende Untersuchungen haben aber ergeben, daß nicht die Chinesen, sondern die Mandschuren überwiegen. Während den Südwesten der Provinz Mulden von alters her Chinesen inne haben, leben im Norden und Osten derselben hauptsächlich Mandschuren; letztere machen in der Stadt Mulden selbst sieben Zehntel der Bevölkerung aus. Man ist somit zu der Annahme be- rechiigt, daß die Provinz Mulden zu gleichen Teilen von Chinesen und Mandschuren bewohnt ist. In der Provinz Girin bilden Mandschuren die überwiegende Bevölkerung. Die Grenzbezirke am Ussuri dienen fast ausschließlich den Mandschuren als Wohnsitze; in Ninguta ergab 1886 eine Zählung, daß von 10 600 Höfen 1730 den Chinesen, 17 800 den Mandschuren gehörten; ebenso ist das Ver- hällnis in dem Grenzbezirke Kun-schun; in dem Bezirk Sansing ist freilich den Chinesen gestattet, sich an dem Flusse Wehcn-ho anzu- siedeln, die Kolonisierung macht aber geringe Fortschritte: solche Städte, wie Girin, Bodune, Schuau-tschen-zi, Chupon, Aschiche und die an der großen Kaiserstraße gelegenen Ortschaften sind fast ganz von Mandschuren bewohnt. In der Provinz Cheilun-zian endlich, wo die mongolischen Nomadenstämmc, die Butckanen und die chinesischen Auswanderer die überwiegende Bevölkerung bilden, kommen auf die Mandschuren auf Grund von offiziellen Angaben immer noch zwei Siebentel der Bevölkerung. Neben diesen Hauptnationalitäten wohnen mongolische, tatarische und verschiedene tungusische Stämme: die Sibo, Solonen, Taurier, Varchu, Orontscho, Bilar, mit dem Gesamtnamcn Butchanen. Sie wohnen, wie bemerkt, hauptsächlich in der Nordprovinz Cheilunzian zerstreut, sehr wenige in den beiden andren Provinzen Girin und Mulden. In den großen Städten der letzteren trifft man kleine Gruppen von tatarischen Familien mnhamedanischen Glaubens; in Mulden allein 11 000 Köpfe. An der russischen Grenze am Amur und Sungari wohnen die Golden, Orontschen und andre tungusische Stämme, unter dem Namen Mansh bekannt, während an dem unteren Sungari wenige Jnptazei sich mit Fischfang beschäftigen. In den letzten Jahren sind auch Koreaner eingewandert und haben sich in dem oberen Tnmen-nla und in dem Bezirk„Ostgrenze" niedergelassen. Die Stärke der Gesamtbevölkcrung der Mandschurei läßt sich nur annähernd bestimmen, zumal die chinesische Regierung selbst mehr oder weniger darüber im Unklaren ist. Die Ansichten gehen darüber auseinander. Von Putjata wird sie auf 13—14 Millionen beziffert, so daß— da nur etwa zwei Drittel der Mandschurei be- wohnt sind,— etwa 137 Menschen auf eine Ouadralmeile kommen. In der Umgegend der großen Städte und an dem mittleren Lauf des Sungari— hier in einzelnen Gehöften zu zwei bis drei Häusern zerstreut— ist die Bevölkcrimg am dichtesten. (Schluß folgt.) kleines feiiiUetou. ie. Magnetische Stürme, Nordlichter und Sonncnkatastrophe», unter diesem Titel hat der Astrophysiker William Lockyer in der Londoner„Nature" einen Aufsatz gebracht, worin er zunächst den Umfang der in der letzten Oktoberwoche stattgehabte» Störungen feststellt und dann die sich daran schließenden wissenschaftlichen Fragen bespricht. Der erste Teil der lehrreichen Arbeit kann als be- kannt vorausgesetzt werden, weil über den Umfang der magnetischen Störungen überall berichtet worden ist. Wer sich für dieses Natur- ereignis interessiert hat, loird auch erfahren haben, daß in New Jork, in Irland und Schottland ivie auch in Sidney am gleichen Tage prächtige Nord- bezw. Südlichtcr beobachtet worden sind. Ferner ist das Zusammentreffen von Erdbeben aus Italien, Eng- land und Persien mitgeteilt ivorden. Aus allem geht hervor, daß die Störung der Nalurkräste eine sehr große Ausdehnung»• der Erde erreicht hat, wenn sie auch vielleicht nicht die deutendste gclvesen ist, die bisher jemals zur Beobachtimg gekomi ist. Lockyer knüpft an die Sammlung der Thatsachen zwei wich» Fragen: Was ist die Ursache dieser plötzlichen magnetitchen Erscl nungen? Können sie vorausgesagt werden?— Die erstere F. ist von den einzelnen Forschern verschieden beantwortet wor. Einige glauben, daß eine gemeinschaftliche Ursache außerhalb Sonne bestehe, während andre die magnetischen Stürme von Sonne selbst herleiten; eine Reihe von Gelehrten geht dann n mehr ins Einzelne und neigt sich der Ansicht zu, daß sie iusbesondei von den Sonuenflecken veranlaßt werden. Mit Bezug auf letztere Punkt sollte man schließen, daß beim Auftteten eines großen Sonnensleckes ein magnetischer Sturm zu ertvarten wäre, und daß andrerseits em solcher nicht eintreten könnte, wenn leine Sonnenflecken vorhanden sind. Dieser Zusammenhang bestätigt sich nun aber nicht. Die eigentliche Erklärung muß drei Möglichkeiten für das Auftreten solcher magne tischen Gewitter zulassen: erstens ein großer Sonnenfleck mit Begleitung von magnetischen Störungen und Nordlichtern, zweitens ein großer Sounenfleck ohne solche Begleitung, drittens magnetische Störungen und Nordlichter ohne erhebliche Sonnenthättgkcit. Wenn nun die Sonnenflecke diesen Voraussetzungen nicht genügen, so clltsteht die Frage, ob andre Ereignisse, die auf dem Sonnen« kvrper bemerkbar werden, für solche Naturerscheinungen zur Ver- antivortung gezogen werden können, Lockyer findet sie in den Protuberanze», die zuerst bei Gelegenheit von vollständigen Sonnen- fiustennssen, über den dunklen Rand des MondschattenS hinaus- ragend, entdeckt wurden. Bis zum Jahr tWS waren die seltenen kurzen Augenblicke vollständiger Sonnenfinsternisse die einzigen, in denen die Protuberanzen dem menschlichen Auge sichtbar wurden, Erst in dem bezeichneten Jahre fanden Norman Lockyer und Janssen die Mittel. auch unter gewöhnlichen Umständen den Sonnenrand mit den Protuberanzen sichtbar zu inachen, jedoch wurden nicht vor dem Jahre 1370 regelmäßige Beobachtungen des Sonneurandes angestellt. Von dieser Zeit an aber hat eine Reihe von Forschern, unter ihnen namentlich die Italiener Respighi, Tacchini, Ricco und Mascari, fortlaufend für die Beobachtung des Sonnenrandes gesorgt. Ehe nun Lockyer die Frage beantwortet, ob die Protuberanzen in irgend einer Beziehung zum Auftrete» magnetischer Stiirnie stehen, stellt er einige TKatsachen fest. Zunächst ist' die Zahl der Flecken auf der Sonne fast immer unbedeutend im Vergleich zur Zahl der Protubcranzen, und letztere erscheinen dicserhalb verhältnismäßig wichtiger. Während die Sonnenflecken auf ein ziemlich schmales Band von etwa 30 Breiten- graben zu jeder Seite des SonneuäquatorS beschränkt sind, können Protubcranzen überall im ganzen Umfang der Sonnenscheibe auf- treten. Ferner geht der allgemeine Zug in der Bewegung der Flecken aus höhereu in niedere Breiten, während bei den Protubcranzen das Umgekehrte eintritt. In einigen Jahren haben wir eine große Zahl von Protuberanze» in der Nähe des Sonnenäquators, in andren in der Nähe der Sonncupole, Letzteres ist der Fall gewesen in den Jahren 1870, 1871. 1381, 1882, 1892, 1893, 1891, William Ellis, der die magnetischen Störungen zu seinem besondren Studium gemacht hat, giebt uns eine Tabelle für die Tage großer magnetischer Störungen in den einzelnen Fahren, Danach ivar die Zeit von 1870/71, 1881/82 und 1892/91 auch durch besondre Häufigkeit solcher magnetischer Erscheinungen ausgezeichnet. Es crgicbt sich aus den dreißigjährigen Beobachtungen mit ziemlicher Sicherheit, daß da? Auftreten magnetischer Stürme und dasjenige von Protuberanze» au den Somieupolen in engem zeitlichen Zusammenhange stehen, außerdem auch die Erscheinungen von Nordlichtern, die fast immer die magnetischen Störungen begleiten, Gegen die Protuberanzen-Theorie ist geltend gemacht worden, daß diese Ausbrüche de? Sonncnkörpers in der Nähe der Pole innner ein verhältnismäßig ruhiges Aussehen haben, und daher nicht fähig sein dürften, besondere heftige Einflüsse auf die irdischen Verhältnisse zu üben. Dabei ist jedoch die Möglichkeit außer acht gelassen, daß ein Erscheinen von Protuberanzen in hohen Breiten der Sonne vielleicht nur ein Anzeichen größerer Sonnenthätigleit bedeutet. Darauf weist auch die Thatsache hin, daß bei mehreren vollständigen Sonnenfinsternissen besonders gewaltige Strahlen der Corona beobachtet ivorden sind, wenn die Protubcranzen in der Nähe der Pole auf- traten Also selbst wenn diese Erplosionen des Sonneukörpers nicht als ursprüngliche Ursache magnetischer Stürme zu bezeichnen wären, so würde doch die allmühtichc Verschiebung ihrer Lage gegen die Sonnenpole vielleicht ein wertvolles Mittel biete», den Eintritt magnetischer Störungen vorauszusagen. Danach wäre zu vermuten, daß große magnetische Störungen von jetzt ab noch bis zum Jahre 1906 oder gar bis zum Jahre 1907 häufiger vortoinme» werden, um dann wieder für etwa 10 oder 11 Jahre' nachzulassen,— — Bon der New Aorler Börse. Untern: 29. Oktober wird der „Frankfurter Zeitung" aus New Jork geschrieben: Ein trüber Schleier von PessimrSmiiS lag über der Börse, Am Tage vorher hatten einige Banken in Pittsburg die Thüren geschlossen, und London hatte niedrigere Kurse gesandt. Es war ein Viertel vor elf. und kein Papierchen regte sich. Die„Broker?" standen unthätig umher, und in einer Ecke des Saales hatten einige Boteujungen in aller Heimlichkeit ein Spiel„Craps" lein Würfelspiel) insccniert. Da erschien plötzlich ini„stsel ciowd" sdcr Stahlakticngruppe) ein voker" mit allen AnzeiZien heftigster Erregung,„Keine Bank st l i ch von P i t t S b u r g hat ihre Thüren geöffnet!" ie er. Im Nu war die Scene verwandelt. Ein donner- nlichcs Stimmcngelvirr erhob sich, ans dem man nur die 'nnne des Mister Soundso, der sehr berühmt ist wegen seiner 'genkrast, heraushörte,„Ich gebe Steel zu 11— 13� 13"/« � 13'/»!" brüllte er und die andren brüllten mit Und plötzlich sah einer auf die große Uhr im Saale und brüllte ,er als jeder andre;„Natürlich hat noch keine Bank im Westen ,e Thüren geöffnet! Es ist ja noch nicht 10 Uhr dort!"(Netv Jork t Pittsburg etwa um eine halbe Stunde in der Zeit voraus, Red.) Und gütig und milde sprach alsdann jener Broker, der die ganze Aufregung verschuldet hatte:„Kinder, habe ich Euch nicht schon oft gesagt, daß Ihr schon Papiere verkauft, wenn man nur den Mund aufthut' Der größte Unsinn findet hier willige Ohren, sobald sich nur eine Baisse darauf stützen kann! Jetzt habe ich Euch eine Lehre gegeben— und inzwischen meine Engagements mit einem Profit von 1309 Dollar gedeckt. Den Gewinn werdet Ihr mir ja gönnen, denn kein Geld ist besser angelegt als Lehrgeld!" Spruchs und verschwand hocherhobcucn Hauptes in der Richtung des Börsen- Restaurants.— Theater. S ch i lle r- T h e a t e r O.„W i l h e lm T e ll" von Friedrich Schiller,—DieNeu-Aufführung des„Tell" zu Schillers Geburts« tag überraschte durch die ausgezeichnet stininlungsvolle Umrahmung der Scenen. Die neuen Dekorationen waren Mnsterstücke moderner Theatermalerei, in Farbe und Form von einfacher großzügiger Plastik, ohne unnötiges Detail nur das Wesentliche wiedergebend. Prächtige Bilder, von denen eS wie ein Hauch frischer schweizer Bergluft einen anwehte. Der See mit den Bergen im Hintergrund, die hell- grünen, sonnenbeschieneucn Wiesen, durch die der Weg sich nach dem freundlichen Altdorf schlängelt, der dunkle Gebirgstvald mit den gewaltig hochstrebendeu Tannenstämmen, der felsige Hohliveg und die mondlichtbeglänztc Matte des Rütli! Und denselben Ein- druck des zugleich Malerischen lind Echten machen die Wohnungen der Menschen, daS HauS des Stausfachcr, des Walter Fürst, de? Tell. Das alles wirkte bodenwüchsig, schweizerisch, bäuerisch. In keinem Drama Schillers ist die äußere Anschauung, die die Bühne zu geben vermag, von solcher Bedeutung als in dem„Wilhelm Tell", wo in epischer Breite ein ganzes Volk als Träger der Handlung erscheint und wo dies Volk in seinein inneren Zusammenhange mit der Erde, in der es wurzelt, mit der großen freien Bergwelt unsrer Phantasie lebendig werden soll. Die äußere Natur ist hier nicht, wie sonst, der bloß passive Träger, sie ist ein mitbestimmendes Moment der Handlung, ihre gute künstlerische Darstellung auf der Bühne daher für die Wirkung der Dichtung selbst von erheblichem Einfluß, So verdient das Schiller-Theater doppelt Dank für die Erneuerung des Gewandes, Die Aufführung bot vieles Tüchtige, Schlicht und überzeugend, ganz dem Wesen des Charakters entsprechend war der Werner Stauffacher Max PateggS, vor allein gut in der kernigen Volks- tümlichen Beredsamkeit aus dem Rütli, Natürlich auch in der Leiden- schast des Schmerze? gab Georg P a e s ch k e den Melchthal, Die am feinsten abgetönte Leistung schien uns der ruhig ab- gemessene, vornehme alte Nttinghausen von Friedrich Holthaus/ da traf und klang jedes Wort, Nicht so einverstanden trotz manches Gutem kann man sich mit dem Tell des Herrn Friedrich Krüger erklären. So wie er abgedampft, naturalistisch hastig den berühmte» Monolog in der hohlen Gasse sprach, kam die rechte Stimmung dieser Scene nicht heraus. Auch schaute er von vornherein für einen solchen wilden Schützen allzu blond und freundlich-harmlos au?. Es sei hier noch Frau Arnold, die die Hedwig, Herr D a p p e r, der den Walter Fürst, und Rolan, der den Geßler spielte, lobend erivähnt. Daß unter den Nebenrollen einige Beträchtliches zu wünschen übrig ließen, war bei dem großen Personal, das das Stück verlangt, wohl kaum vermeidlich und ändert wenig am Gesamteindruck.— dt, Humoristisches. — Kühner Schluß Barbier ider einem kahl- k ö p f i g e» Herrn ein Kompliment sagen will):„Mein Herr, Sie müssen aber früher ein tvunderbares Haar gehabt haben!"— — Vom Käsern e u Hof, Unteroffizier:„S': Ein- jähriger, Iva? sind Sie?" Einjähriger:„Doktor der Philosophie." Unteroffizier:„Ach, reden Sie doch nicht solch dummes Zeug! Nicht rasiert sind Sie!'— — Anerkennung, Gauner ldcr von seinem Rechts- anwalt brillant verteidigt wird):„Sakra, der als Coinpagnon, dös g ä b' a Firma!"—(„Lustige Blätter",) Notizen. — In Viünchcn(„Freistatt-Verlag" G, in, b, H.) erscheint seit Beginn des Winterhalbjahrs 1903, 01 eine„ H a n d e l S h o ch s ch u l- Chronik", herausgegeben von Dr, A. L, Stange. Die Zeitschrist berichtet über die Thätigkeit zahlreicher inländischer und ausländischer Handelshochschulen,— — Die S ch i l l e r- S t i f t u n g in Nürnberg verteilte am diesjährigen Geburtstage Schillers 3700 M, als Stipendien an achtzehn Personen in Einzelbeträgen von 200 und 300 M, Es wurden verteilt 700 M, an drei Bildhauer und Maler, 2000 M, an 10 Musiker und Sänger, 800 M. an vier Dichter lind Schriftsteller, 200 M, an eine Schauspielerin.— — Lindau S neues Schauspiel„... so ich Dir" wird in der zweiten Hälfte dieses Monats im L e s s i n g- T h e a t e r in Scene gehen,— — Das Neue Kinder-Theater hat eine groteske Kinder- scene„ S ch l u m p e l i n e, S ch l o r r e b i in b a m und H a n S der Necker" von Rudolf Bernauer zur Aufführung an- genommen.— — S t e n h a m m e r s/'Oper„Das Fe stla u f S o u I h a» g" wird noch in dieser Spielzeit erstmalig im Opernhause gegeben werden.— — Im Magdeburger Wilhelm-Theater erzielte die komische Oper„Der zerbrochene Krug" von Georg Jarno, Text(nach dem Kleistschen Luftspiel) von Heinrich Lee, bei der Erstanffiihrung einen schönen Erfolg,— Das Werk wird in Berlin vom Theater des Westens aufgeführt werden.— Berautwortl, Ncdaklcur: Julius Kalisti in Berlin,— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei und Verlagsanstalt Paul L-mger& Co., Berlin SW