Hlnterhaltungsblatt des Horivärts Nr. 229. Dienstag, den 24. November. 1993 (Nachdruck verboten.) Das Verbrechen des Hrztes» <"] Noinan von I. H. R o s n y. Autorisierte ttebertragiiug von M. v. B e r t h o f. Madeleiiie schien ganz begeistert, ein wahrer Enthusiasmus, icne gliihende Parteinahme, die der weiblichen Seele so eigen ist. belebte ihr Antlitz. ..Sie haben also Vertrauen zu mir?" fragte er niit einer Art Befangenheit. „Ein unbegrenztes Vertrauen!" rief sie lebhaft aus. „Wenn ich die Wahl hätte zwischen Ihrer Ansicht und der unsrer berühmtesten Aerzte, ich würde keinen Augenblick Zögern, Ihnen zu folgen." Sie schwieg errötend, während er vor Vergnügen erbebte. Etwas unendlich Liebliches war geschehen; die süße Kraft, die bis zu der Menschheit letzten Tagen die Leiden und den Tod vergessen machen wird, hatte sich fühlbar gemacht. Vielleicht liebte ihn dieses schöne Mädchen noch nicht, aber sicherlich war er der Mann nach ihrem Herzen. Ein einziges Wort, und dieses schwankende, unsichere Herz wurde sein! Bei diesem Gedantcn fühlte er sich selbst von dein Liebestanmcl ergriffen, Zitternd, berauscht, bereit, alle möglichen Glücksbilder mit diesen strahlenden Augen, diesen schönen Wimpern, diesem Zart geschnittenen Rund der Wangen, diesem kleinen, sinn- lichen Mund, der gleichzeitig an die frischen, roten Frühlings- blumcn und an die rosigen Muscheln ans dem Grunde des Meeres erinnerte, in denen aufPerlmnttergnind die feuchtcPerle ruht, zu verbinden. Wie berauschend war schon das Knistern ihrer�Gewänder, dieses leise Rauschen der Stoffe, in denen die Schauer der Natur Zu walten schienen, alle jene aus- erlesenen Geräusche der Blätter, des Grases, der Flügel, des schmelzenden Schnees! Wieder begleitete sie ihn bis an die Thür und ihr Händedruck dauerte einige Sckiliiden länger, während sie einander unsicher ansahen, jedes seiner selbst uiid des andren noch nicht ganz sicher. „Sic wird mein! Sic wird mein!" sagte er sich, während er die Treppe binabstürmte. Aber gerade die Energie, mit der er diesen Gedanken ausdachte, brachte die ganze UuriiHe zurück. Die Bilder wirbelten durcheinander. Die hellen Augen und die feinen Linien uni Madeleines Kinn vermischten sich mit dem ganzen „Trödel" von Plessis. Er sah klägliche, mißtrauische Er- scheinungcu, die all diese Kleinigkeiten in die Hand nahmen. Schubladen aufzogen, inventarisierten. Ein einziger genauer Hinweis und alles war verloren. Tann würde dieses reizende junge Geschöpf nie in seinen Armen ruhen. „Fa, aber jetzt habe ich doch wenigstens eilte Aussicht. Gestern um diese Feit war von so etwas gar nicht die Rede. Alles in allem genommen, habe ich das Richtige gethan. Ja... aber... wie verhält es sich mit Jeannc-Margueritc Dnfränc?" Er verbrachte den ganzeit Tag in rastloser Beschäftigung. Glücklich, sich selbst zu entfliehen, war er nie eingehender in seiner Diagnose gewesen, nie vorsichtiger und gewissenhafter in der Wahl seiner Arzneien. llm halb sieben fand er sich wieder bei Madame Monteaux ein. War der Zufall ihm günstig geivesen, oder war die Kranke dem Einfluß des SerumS besonders zugänglich: sie war fast vergnügt. �. rr. „Ich habe zwei Stück Pepton geschluckt, habe cm Ei, etwas geröstetes Brot und etwas grüne Erbsen gegessen." „Das ist mehr, als ich zu hoffen tvagtc," sagte er. Er fühlte ihr den Puls, dann auskultierte er die alte Dame. Wie er es erwartet hatte, konnte er das Verschwinden jener Geräusche der Blutleere in der Gegend des Herzens und des Halses konstatieren. Aber trotzdem konnte, da die Schwäche sehr groß gewesen war, die Wirkung rasch zurückgehen. Wenn Madame Monteaux noch heute etwas zu essen vermochte, dann war er der Meinung, daß sie eine gute Nacht habet» würde. Er sagte: „Ich wünschte, Sie würden noch eine kleine Mahlzeit einnehmen, gnädige Frau. Wie wäre es mit einem Ei, einem Salzcake, dann einer Tasse ganz leichten Thees mit sehr viel Zucker?" „Ich möchte schon," entgegnete sie schüchtern,„aber ich werde mehr Kraft dazu haben, wenn Sie dabei bleiben. In Ihrer Gegenwart werde ich mich überwinden müssen..." „Einverstanden," sagte er,„ich bin für heute abend ohne- hin mit meinen Besuchen fertig. „Also sind Sie frei?" „Ein Arzt ist niemals frei. So wie ich nach Hanse komme, dann kann man fünf gegen zehn wetten, daß ich mindestens noch ein- oder zweimal gerufen werde." „Sic müssen aber doch dinieren?" „Ja, natürlich," sagte er lachend,„wenigstens zumeist. Ich bin ganz frei von sieben bis halb neun, ab und zu verfüge ich auch über meinen Abend." „Also, wenn Sie sehr nett und lieb sein wollten, dann würden Sic heute abend mit uns dinieren...»vir lassen Ihnen Ihre Post herüber holen. Ich bin abergläubisch! Mir scheint, als inüßtcn Sie mir heute ganz besonderes Glück bringen. Sie sind mein Glücksstern, und Madeleiiie schwört darauf, daß wir in die Aera der Genesung eingetreten sind." Bei dem Namen Madeleine ivar er erbebt. Seit er im Zimmer war, wartete er auf den Eintritt des jungen Mädchens. Es beunruhigte ihn, daß er sie nicht zu sehen bekam. Er zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Es widerstand ihm ganz merkwürdig, sich seine Post holen zu lassen. Bei seinen vielen Gläubigern mußte er stets auf irgend eine konr- promittiercndc Sendung gefaßt sein. Hauptsächlich aber er- füllte ihn jene dumpfe, undefinierbare Angst vor jenem furcht- baren llnverhofften, dessen Vorgefühl ihm seit dem frühen Morgen jeden Augenblick das Herz zusanimenkrampfte. Aber die Aussicht war zu verlockend. Er suchte einen Ausweg. „In unserin Beruf," sagte er,„muß man immer irgend ein Mißverständnis befürchten. Wenn ich beruhigt bin, werde ich mit um so größerem Vergnügen Ihrer frciindlichcu Ein- ladung folgen. In fünf Minuten bringt mich mein Wagen nach Hause, in weiteren fünf Minuten habe ich alles nach- gesehen, so daß ich in zwanzig Minuten wieder hier sein tönnte." „Wir werden Sic mit Vergnügen erwarten." Er zitterte, als er seine Wohnung betrat, heftiger, als er gezittert haben würde, einen Löwcnzwinger zu betreten. An der Thür des Vorzimmers verschlug ihm die Vision von Fallen, von dunklen, grausamen Gefahren, den Atem._ Diese Furcht gab sich sofort, als er die Thür hinter sich geschlossen hatte, sie stellte sich aber noch empfindlicher, noch unerträglicher angesichts seiner Briefe ein. Aber welche Erleichterung, als er sie überflogen hatte! Welche Freude, sie ganz banal und bedeutungslos zu finden! Guy gönnte sich einige Augenblicke, um etwas Toilette zu machen. Die zwanzig Muiuteii waren kaum verstrichen, als er sich schon wieder im«alon der Madame Monteaux einfand......... ,. Für heute habe ich gewonnen, sagte er,„vorläufig hat vor morgen früh niemand nach mir Verlangen getragen." „Also schenken Sie uns Ihren ganzen Abend?" „Scbr gern, bis zehn Uhr, so schreibt es die ärztliche Wissenschaft vor. muß Madame Monteaux zu Bette gehen." „Jeden Slbcnd?" „Jawohl." „Aber an den Abenden, wo man ausgehen muß?" „Dann muß man auch vor Mitternacht wieder zu Hause sein. Auch sollen Sie so wenig als möglich ausgehen, ja ganz und gar nicht, bis eine entschiedene Besserung eintritt." „Da haben Tic nichts zu befürchten, lieber„oltor, wir gehen sehr wenig aus!" ES trat ein kurzes Schweigen ein. Herbeline wurde ungeduldig, weil Madeleiiie noch unmer nicht kam. Unwillkürlich spähte er nach der Glasthür. End- lich erschien sie in einem hellgrauen Eröpe de Ehme-Kleid. mit einem Kragen und Revers aus Guipure. Ueber dein rosa Einsatz lag eiiie weiße Spitze. Sie war so frisch, so leicht. so göttlich jung, daß beide, Serbeline sowohl wie die Mutter, sie einen Augenblick ganz entzückt betrachteten. «Ach!" seufzte Madame Monteaux.„Ist man nicht eigent- sich schon tot, wenn man aufhört, jung zu sein? Kennen Sie diese Zeilen von Loti... aus„Ramuntcho"? Ich habe sie oft gelesen, daß ich sie auswendig weiß.„Ach, wer kann es sagen, warum es auf Erden holde Abende giebt, und schöne Augen, in die man blicken kann, und Vlumendüfte in Fülle, die uns aus Gärten, sobald die Frühlingsnächt herniedersinkt, wenn all das, o Ironie, nur zum Voneinandergehen, zum Verfall, zum Tode führt!" Thränen verschleierten ihre Augen. Sie zwang sich zu lächeln. Aber eine Traurigkeit hchte sich ihrer bemächtigt, die Trauer über die Flüchtigkeit aller Schönheit, die der Abend- dämmerung, der unerfüllt gebliebenen Wünsche, und es war eine wahre Erleichterung für alle drei, als der Ticner meldete: „Es ist angerichtet!" Durch die Anwesenheit Herbelines animiert, aß die Kranke zwei Eier, etwas Creme und ein Biskuit. Anfangs verlief die Mahlzeit sehr heiter. Madeleines Liebenswürdig- keit und Schönheit bildeten eine Abwehr gegen die Sorgen und Befürchtungen des jungen Mannes. Tann breitete sich eine unbestimmte Schwermut über sie, eine Schwermut, die bei Madeleine eine ungemein zarte, wie von Hoffnungen ge- trageue Gestalt annahm. Plötzlich sagte Madame Montcaur, deren Schwäche sie un- fähig machte, einen Gedanken zu unterdrücken: „Sagen Sie, Doktor, haben die, die sterben müssen, eine Vorahnung des Todes?" „Im Gegenteil, gnädige Frau. Die Natur breitet fast immer einen verhüllenden Schleier über das Drama. Mau fühlt sich durchaus nicht sterben, und selbst wenn mau den Tod herannahen fühlt, kommt es selten vor, so glaube ich wenigstens, daß die letzten Augenblicke schrecklich sind. Es tritt eine Art Bewußtlosigkeit ein." „Und diejenigen, die sich sterben fühlen, scheinen sie zu gläubig zu sein, ich meine, scheinen sie instinktiv an ein Jenseits zu glauben?" „Instinktiv? Wie soll man das verstehen? Wie an eine Sache, die ihnen mit einer gewissen Klarheit erscheint— eine Art höherer Offenbarung? Ich habe nichts Derartiges be- obachtet. Selbst für die durch Erziehung und Gewohnheit Gläubigen ist die Frage sehr kompliziert und die Lösung sehr verschieden. Es giebt Katholiken, die sich in ihrer letzten Stunde nach einem Gegenstand oder einer Person erkundigen, andre beschäftigen sich mit irgend einem Ereignis, die meisten stehen eigentlich ganz unter der Macht des Augenblicks. Nein, ich würde nicht zu behaupten wagen, daß das Herannahen des Todes irgendwie auf das Jenseits vorbereitet." „Und das Gewissen, die Neue, das Bedauern, dies oder jenes gethan zu haben?" (Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) Z�olomstenclörfer bei ßcrlui» Die Gebiete zwischen Elbe und Oder umfaßten zu Beginn der heutigen Zeitrechnung die Kernlande unsrer germanischen Vorfahren. In der Hauptsache waren sie von den Stämmen der großen gotischen Sprachgruppe bewohnt. Als diese unter den Schlägen der Völker- Wanderung von ihrem Boden gerissen und zersplittert m das römische Reich geworfen wurden, wanderten Slaven in die verlassene» Sitze. Von den drei Hauptgruppen der Obotriten, Ljutizeu und Sorben, in die' sich die neuen Bewohner schieden, fiel den Stämmen der Ljutizen oder Wilgen, wie die Deutschen sie nannten, die führende Rolle zu. Sie Ivaren es, die in den folgenden Jahrhunderten die Seele des Wider- standes der Elbslaven gegen die germanische Welt bildeten. Ihr Gebiet erstreckte sich vom Seen-Hügelland Mecklenburgs, dessen öst- lichcn Teil sie innchatten, und von der Ukerplatte hinab durch das Flachland der Havel und Spree zu den Hügeln des Fläming. Lag ocr politische Mittelpunkt auch weiter nördlich an der Tollense, wo zu Rcthra der große Nationaltempel ihres Kriegsgottes stand, so ivaren doch die Stämme des Havellandes wegen ihrer nahen und bequemen Verbindung mit der Elbe und dem nachmaligen Emporimn des ElbhandclS, Magdeburg, den Deutschen am bekanntesten. Die Frage nach der Rückgewinnung der Lande zwischen Elbe und Oder wurde früh, zumal angesichts der Expansionskraft, die das bald erstarkende Polenreich entwickelte, eine Lebensfrage für daS Germanentum. Schon am Hofe Karls des Großen hatte man sich für einige Zeit mit dem Gedanken getragen, das Gebiet jenseits der Elbe in Verbindung mit dem gesamten Norde» unter die Botmäßig- keit des Reiches zu stellen oder, in der Sprache des Mittelalters ausgedrückt, dasselbe zu christianisieren. Aber erst die Sachscnkaiser, insbesondere Otto der Grone waren im stände, den Plan ernsthaft aufzunehmen. Wie einst Sachsen, so wurde jetzt das Slabenland blutig unterworfen, in den Schematismus der Grafschastsversassung gezwängt und nach Bistümern geordnet. Havelberg und Branden- bürg waren die Neugründungen im Gebiete der Wilzen. Die Be- kehrung fand zwangsweise und in Massentaufen statt: Tribut und Christentnm, heißt es in charakteristischer Neben- einanderstellung bei Adam von Bremen, mußten die Wenden bieten, um Frieden zu erhalten und bei Land und Leben gelassen zu werden. Nicht nur das Zehntenwesen drängte man den Slaven in vollster Rücksichtslosigkeit auf, die Ucbertrelung kirchlicher Gebote ward mit geradezu barbarischen Strafen geahndet. So wurden, um von Scheußlicherem zu schweigen, allen Fastenbrechern die Zähne aus- gerissen. Kirchliche Chronisten jener Zeit fanden diese Gepflogen- hellen„zwar hart, aber imnierhin löblich." Als daher mit dem Niedergang des sächsischen Kaisertums um die Wende des Jahr- tausends in allen Provinzen rechts der Elbe das deutsche Joch ab- geschüttelt ward, trat diese Thatsache naturgemäß und in erster Linie als eine Reaktion des Heidentums gegen das Christentum, in der totalen Vernichttmg und Ausrottung des letzteren in die Erscheinung. Von solcher Gewalt war der Rückschlag, daß erst etwa 150 Jahre später an eine Neueroberung der verlorenen Gebiete gedacht werden konnte. Dies- mal verfuhr man nach einer zwar erfolgreicheren, aber im allgenieinen dafür noch grausameren Methode. Graf Adolf IL von Holstein war es, der zuerst auf dem slavischen Gebiete Wagriens einen Kolonialstaat gründete, nachdem zuvor die wendische Einwohnerschaft durch Kriege und Raubzüge nahezu vertilgt worden. Nicht nur zog er niedersächsische, flandrische und holländische Kolonisten zahlreich in das Land; an Stelle des slavischen Baku gründete er die Stakt Lübeck,„zeitlich wie ihrer mittelalterlichen Bedeutung nach die erste Stadt der Ostsee". Neben die ländlich verstreute Kultur trat also die städttsche Centralisation, neben den Ackerbau Verlehr und Handel. Damit war von Anbeginn die Einsicht in die Daseinsbedingungen eines germanischen Ostens gewonnen. Die beiden Männer, die die Grundlinien für die Germanisierung der Mark Brandenburg gelegt haben, sind Albrecht der Bär, an dessen Haus das Land 1164 fiel, und der Bischof Anselm von Havel- berg. Wirtschaftlich folgten sie durchaus dem Grundsatz Adolfs von Holstein in der engen Verbindung von bäuerlicher und städtischer Kolonisation. Im übrigen aber waren Albrecht der Bär und seine Nachfolger aus dem askanischen Hanse unter den Germanisatorcn östlich der Elbe die humansten, weshalb gerade sie in der ökonomi- schen Entwicklung ihrer Gebiete die bedeutsamsten Resultate erzielten. Als die Kolonisation begann, war nicht nur infolge des steigenden wirtschastlichen Einflusses der sächsischen Nachbarlande die innere Kraft des wendischen Heidentums gebrochen: es hatte sich auch, zumal unter den Ljutizeu, das Rleinkönigtunr ausgebildet, Dynasten, die meist von Zwingburgen herab das flache Land mit fast unbeschränkter Gewalt beherrschten. So werden Meinfried und später Pribislav zu Brandenburg als Herren der Zauche und des Havellandes genannt: zu Köpenick gebot Jakzo über den Barnim und den Teltow: zu Havclberg schaltete Willi- kind als Herr des Brizanchlandes. Es genügt zu sagen, daß diese Gebiete schon zur Zeit Albrechts des Bären in der Hauptsache an die ASkanier fielen. Die späteren Kämpfe um einzelne Teile der- selben besitzen lediglich dynastisches Interesse, da schon unter Albrccht und seinen ersten Nachfolgern die Germanisierung derselben in ihren Hauptlinien vorgezeichner war. In äußerst geschickter Weise nämlich haben es die Askanier verstanden, zuerst ein festes Gerippe von Kolonisationen über das ganze Land z» verbreiten, von wo aus die Germanisicrung langsam, aber stetig und des endgültigen Erfolges gewiß fortschreiten konnte und mußte. Wie in den gesamten Landen zwischen Elbe und Oder, so spielen auch iir der Mark in der Geschichte der Kolonisation die Mönchs- orden der Prämonstratenser und Cisterzienser eine große Rolle. Die Bedeutung der erstercn lag freilich weniger in ihren Kloster- griindungen. Sie setzten sich mit Vorliebe an die Ccniren des Wer- kehrs, so an die Stifte Leizkow(113g), Jerichow(1144), Havel- berg(1144), Brandenburg(1149) und Ratzeburg(1126). Es war dieselbe Zeit, wo unter Albrechts des Bären ersten Nachfolgern innerhalb zweier Generationen an die hundert neue Städtchen und Flecken sich in der Mark erhoben. Von weit größerem Gewicht und Einfluß wurden nach dem raschen Verfall der Prämonstratenser seit 1170 die Cisterzienser. Ihre beiden Hauptniederlassungen in der Mark ivaren die Klöster Lehnin und Chorin, auf die zum guten Teile die Urbarmachung und Kolonisierung der Wendensümpfe gerade in der Nachbarschaft Berlins zurückzuführen ist. Wie die meisten Mönchsniederlassungen knüpft auch die von Lehnin an Legende und Sage an, soll doch Albrechts Sohn Otto I. durch ein frommes Traumgesicht auf der Jagd zur Gründung des Klosters bestimmt worden sein. In Wahrheit aber bewogen ihn die Erfolge, die daS l171 in den Morästen der Ruthe bei Jüterbog auf- geführte Kloster Ziima aufzuweisen hatte, sich bei dem Kloster Sittichenbach in der Nähe von Eislebcn um eine Schar von Cistcrziensernlönchen zu verwenden, die in den Brüchen bei Branden- bürg angesiedelt werden sollten. Im April 1180 ward das Kloster gegründet und am 2. April 1183 von Abt Sibold, den nachmals die Wenden erschlugen, mit 12 Mönchen und 12 Laienbrüdern bezogen. Im großen und ganzen wird man sagen dürfen, daß mit dem Augenblick, wo wendisches Bruchland in den Besitz des Klosters übergeführt ward, auch die Germanisierung desselben begann. Beruhte doch die ganze wirtschaftliche Thätigkeit der KolonisationSepoche auf der Heranziehung deutscher Elc- mente. Schon der Schutzbrief, den Kaiser Conrad 1150 Anselm von Havelberg ausstellte, spricht diesen Grundsatz deutlich aus. Weil die Burgen und Ortschaften des Bis- tums, heißt es dort, durch die häufigen Einfälle der Slawen so der- wüstet und verfallen, daß sie fast unbewohnt seien, so verleihe er, der Kaiser, dem Bischöfe das Recht,„ohne jemandes Widerspruch Kolonisten darin anzusiedeln, aus welchem Volk er wolle und könne". lieber das Verfahren, das bei der Kolonisation der Spree- und Havclgebiete eingeschlagen ward, wissen wir, auch soweit die Klöster in Betracht kommen, nichts Bestimmtes. Doch deutet manches darauf hin, daß wir uns dasselbe entsprechend dem Vorgehen der schlesischen Piasten zu denken haben, die neben den kleinen slawischen deutsche Dörfer anzulegen pflegten.„Jedenfalls erklärt sich so am leichtesten das Nebeneinanderliegen deutscher und wendischer Hufen, wie wir es außer in Ketzin auch in den zanchischcn Dörfern Alt-Laugerwifch und Wildenbruch treffen. Ferner sind in diesen Gegenden fast noch häufiger als in der Altmark Paare benachbarter Dörfer gleichen Namens, die durch„Groß" und„Klein".„Deutsch" und„Wendisch" unterschieden werden. Während in der Altinark die Trennung in der Regel bestehen bleibt, find sie hier häufig zusammengewachsen. 1197 bestand z. V. ein Dorf Porats und daneben Slawisch-Porats i 1375 giebt es nur ein Paretz." So würde sich auch am leichtesten die an- fehnliche Menge von Kirchen und Kapellen erklären, die meist aus dem 13. und 14., zum Teil selbst aus dem 12. Jahrhundert stammend, sich noch jetzt in manchen dieser Gegenden finden. Die kolonisatorische Thätigkeit Lehnins ist leider nicht mehr in ihren Einzelheiten aufzuhellen, da die Klosterdokumcnte zumal aus der ersten Zeit, nur sehr unvollständig erhalten find. Die umfangreichen Güter der Abtei lagen größtenteils in der Jauche, im Barnim und Teltow, sie erstreckten sich westlich der Jauche bis in das Magdeburgische Gebiet, lim 1234 werden als zu den Besitzungen des Klosters gehörig genannt: Arendsee. Tribustdorf, Bnedewisch, Stolzenhagen, Neuenhof, Woltersdorf, Klosterfelde, Schönerlinde und Arnstorf, ivozu 1242 Zehlendorf tritt. Außer für Schönerlinde find Vögte und Hofmeister Lehnins auch für Mühlenbeck bezeugt. Aus den letzten Zeiten des Klosters, in denen die Germanifierung freilich als in der Hauptsache seit langem vollzogen gelten muß, mag erwähnt sein, daß 1459 Kurfürst Friedrich II. der Abtei das Recht verlieh, in den, Städtchen Werder Jahrmärkte abzuhalten, und daß 1470 die Orte Schildow, Gasdorf und Wilmersdorf erworben wurden. Vollständiger unterrichtet sind wir über die Entwicklung von Lehnins bedeutender Tochtergründung, des zuerst im Parsteinsee er- bauten Klosters Mariensee, das wenige Jahre später<1273) nach einer Insel des Ehoriner Sees bei EberSwalde verlegt ward und von dieser den Namen erhielt. Nach der Bestallungsurknnde verliehen ihm die brandcnburgischcn Markgrafen die Höfe Paliz, Plawe, Brodcwin und Chorin mit den„Sümpfen" Rosin, Crmnmensee, Brodewinschese, Wittcnse, Dunelse, der große und der kleine Ehoriner See nechst dein dazwischen liegenden Hügelland und den in den Seen liegenden Inseln. Daneben erhielt das Kloster zwei- hundert Hufen Land. Lehnin trat Jädickcndorf und Woltersdorf niit hundert Hufen ab. Bis zum Schluß des Jahrhunderts erwarb Chorin neben dem Patronat, dem Hospital und der Kirche in Oder- bcrg durch Kauf, Tausch oder Schenkung an wesentlichen Besitzungen Parstein, das Torf Ziethen, das Dorf Rogäsen, das Dorf Brißke, Pinnow. Schönerniark, Lichtcrfelde, Kunikendorf und Barzdin. In den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts fielen ihm u. a. zu: die Dörfer Ober- und Niederlupe, Altenhof, der Kietz bei Liinow, die Dörfer Lüdersdorf, Serwest, Hertzsprung, Goltze, Buchholz, Groß- Ziethen. Als Bischof Ludwig von Brandenburg 1335 Chorin die Zchntenerhebung in allen Besitzungen desselben überließ, zählte er folgende als Güter des Klosters auf:„Chorhn, Goltiz, Briccke, Groß-Chten, Bucholt, Serwtiz, Hertsprunk, Stoltcnhagen mit dem beiliegenden Khz, Luderstorp, Pörsten, Brodcwin, Ober- und Unter-Lypa, das Hospital in Oderberg mit Barsdin." Daneben werden„19 Höfe in Richenberg, 0 in Sconenvelde, 5 in Borgers- torp, 8 in Crussow, 13 in Sconermarkc, 4 in Jdroye bei Borsten- berg" erwähnt. Außerdem finden sich noch die Allodc„Peliz, Plawe, Buzhowe und Altena mit der Flur Boghofcu", sowie der„alte Herrenfitz mit dem beiliegenden Dorf bei Lunow". Damit hat das Kloster den Höhepunkt seiner kolonisatorischen Thätigkeit erreicht. Die späteren Erwerbungen dienen in der Hauptsache nur mehr dazu, seinen Reichtum zu vermehren, für die Germanisierung der Mark entbehren sie der tieferen Bedeutung. Sind somit die Verdienste der beiden Klöster um die Kulti- Vierung und Germanisicnmg der Mark unleugbar große, so erzeugt doch auch hier, wie dies bei den mittelalterlichen Vorläufern dieser letzten Kolonistenmönche in gleicher Weise der Fall gewesen, der wachsende Reichtum rasche Verwilderung. Schon 1339 ivies Papst Benedikt XII. drei Aebte aus der Nachbarschaft LehninS an, einen an einem Adeligen und vier Dienern in den Rämnen des sie beherbergenden Klosters verübten Mord_ zu untersuchen, eine That, die eine zehnjährige verwüstende Fehde herauf- beschworen hatte, und deren der Abt und seine Mönche selber und zwar von eignen Ordensgenossen vor dem� päpstlichen Gericht zu Avignon bezichtigt wurden. Gerade der große Landbesitz ermöglichte es den Klöstern m jener vorwiegend naturalivirtschastlichcn Zeit, sich im Widerspruch zu ihren auf der eignen Arbeit ruhenden Anfängen in Ausbeuter-Organisationcn zu verwandeln, ein Schicksal, dem trotz vorübergehende Verdienste das mit den Mitteln der Klassen- gcscllschaft wirtschaftende Kloster unter allen ProduktionSformen bis- her mit derselben Notwendigkeit verfallen mußte wie die andren Großbetriebsformen seiner Zeit.— Dr. H. L a u f e n b c r g. (Nachdruck verboten.) Die Manclerung der Brdpole* Man sollte auch von unsrer Erde, die sich rastlos um sich selbst und um die Sonne bewegt, erwarten, daß ihre Pole die Ruhepunkte „in der Erscheinungen Flucht" bedeuten, und map IW lange geglaubt. Schließlich erweist sich ahov in allen Fällen das Gesetz von der WnichelWi-ir aller Dinge als ausnahmslos. Schon als man vor Jahrzehnten nach einer Erklärung für die große Eiszeit zu suchen begann, kam man auf die Vermutung, die Erdpole könnten vielleicht nicht immer dieselbe Lage bescffcn haben wie heute. Erst seit verhältnismäßig wenigen Jahren aber weiß man ganz bestimmt. daß die Pole ihre Lage verändern. Im Jahr 1885 ivurdc von dem deutschen Astronomen Küstner und von dem amerikanischen Astronomen Chandlcr gleichzeitig und unabhängig die Entdeckung gc- macht, daß die geographische Breite eines Orts nicht immer dieselbe bleibt, sondern kleinen Veränderungen unterworfen ist, die sich bei der Genauigkeit der heutigen Messungen bemerkbar machen. Man glaubte bald festgestellt zu haben, daß dieser Wechsel periodisch im Zeitraum von 12—14 Monaten erfolgte. Daß wirkliche Schwankungen der Erdachse dabei vorliegen, lvurde außer Zweifel gesetzt durch die Beobachtungen von Marcuse auf Honolulu, das genau auf dem entgegengesetzten Meridian liegt wie Berlin, und die Ber- ändcrungen der geographischen Breite daher in durchaus entgegen- gesetztem Sinn zeigen mußte und thatsächlich zeigte. Nunmehr wurde die Beobachtung dieser Erscheinung durch eine Reihe von Stern- warten aufgenommen; man kam bald dahinter, daß der Nordpol eine höchst unregelmäßige Linie uni eine feste Mittellage beschrieb, die er niemals zu erreichen scheint, obgleich er sich nicht weiter als 8 Meter von ihr entfernt. Wie hat man sich nun das merkwürdige Verhalten der Erde vorzustellen? Es handelt sich eigentlich nicht um Schwankungen der Erde selbst, die allerdings zur Folge haben, daß sich die Pole auf der Erdoberfläche verschieben. Tic Erde hat ein Gewicht von rund sechs- tausend Trillionen Tonnen, und darum ist ihr wohl eine ziemliche Stabilität zuzutrauen. Nun wirken aber sehr viele und mächtige Kräfte darauf hin, ihr Gleichgewicht zu stören. Man bedenke nur, daß die Veränderungen des Luftdrucks, itie wir im Barometer be- obachtcn, auf einem größeren Teil der Erdoberfläche Schwankungen der Belastung um viele Millionen Kilogramm bedeuten. Außerdem arbeiten die Flüsse fortgesetzt an der Verlagerung mächtiger Massen sowohl von Wasser wie von festen Stoffen, die Meeresströmungen ändern ihre Richtung, ihre Temperatur und damit ihr Gelvicht, große Vulkanausbrüchc zerstreuen ungeheure Mengen von Gestein als Asche über lvcite Gebiete, und so giebt es viele Erscheinungen, die die Erdkugel veranlaffen können, ihre Gleichgewichtslage um einen wenn auch kleinen Betrag zu verändern. Die Folge dieser That- fache drückt der Physiker mit den Worten aus, daß der eigentliche Pol der Erde, d. h. das Ende der Drehungsachse, einen Kreis um den Trägheitspol beschreibt. Ein Umlauf vollzieht sich in ctiva 430 Tagen. Da nun aber die Trägheitsachse selbst dauernd kleine Stöße empfängt und dadurch aus ihrer Lage gerüttelt ivird, und da sich diese Stöße in dreifacher Verstärkung aus die Drehungsachse übertragen, so kommt innerhalb jedes Jahres noch eine zweite Kreis- bcwegung der Pole zu Stande, deren Radius jedoch nie über eine Zehntel Bogcnsckunde beträgt. AuS diesen Sätzen ist zu entnehmen, daß man schon ziemlich weit in das Gesetzmäßige der Polschwankungen eingedrungen ist und Professor Chandlcr hat versucht, eine mathematische Formel zu finden, nach der sich die Lage der Pole für jede Zeit in Ver- gangcnhcir und Zukunft berechnen ließe. Dieser Versuch ist nicht gelungen, die Bewegung ist vielmehr zu verwickelt und von Ilmständen abhängig, die sich, wie z. B. große Vulkanausbrüche, nicht auf lange Zeit voraussagen lassen. Da es nun aber für mancherlei wissen- schaftliche Arbeiten der Himmelstunde und der Erdmcssung notwendig ist, die Lage der Erdpolc jederzeit genau zu kennen, so bleibt nichts übrig, als ihre Wanderung unter ständiger Aufsicht zu halten. Tics ist seit etiva drei Jahren geschehen nach dem Plan, der vom Geodätischen Institut in Potsdam ausgearbeitet und zur Ausführung gebracht worden ist. Dr. Ristenpart hat diesem bedeutsamen wissen- schaftlichcn Unternehmen und seinem vorläufigen Ergebnis im letzten Heft der„Ilmschau" eine fesselnde Beschreibung gewidmet. Das Hauptverdicnst um das Zustandekommen der Forschungen ist Professor Albrccht in Potsdam zuzuschreiben, und deutsche Gelehrte sammeln und verarbeiten die ihnen aus allen Weltteilen zufließen-. den Messungen. Um die Verschiebung der Erdpolc dauernd zu verfclgeu. chac eine fortgesetzte Beobachtung an wenigstens vice Punkten der Erd- oberfläche notwendig, die genau in derselben Breite und um.trocr 90 Grad der Länge von einander entfernt liegen mußten. ES wurden im ganzen sechs Orte in 39 Grad 8 Minuten nördlicher Breite ausgewählt, nämlich einer in Japan(Mizusaloa), einer in Jnncrasicn(Tschardschui), einer in Südeuropa(Carlofortc auf Sardinien) und drei in Nordamerika(Gaithcrburg in Maryland, Cincinnati in Ohio und Nkiah in Cnlifornien). Mit Ausnahme von Cincinnati michte an diesen Plätzen eine besondere Warte für die Arbeiten eingerichtet werden. Seit dem Ende des Jahres 1b90 sind dort ohne Unterbrechung Gelehrte mit der Messung der geographischen Breite nach dem Polabstand bestimmter Sterne mit durchaus gleichen Instrumenten beschäftigt gewesen, in Potsdam hat in an die Beobachtungen gesichtet und zusammengestellt und daraus die Wanderungen des Nordpols ermittelt. Diese zeigen, wie erwartet. eine Linie von sehr unregelmäßigem Verlauf. Während im Jahre 1SV0 die Bewegung des Pols sehr geringfügig war, be- schrieb sie Illbl eine ziemlich gleichförmige Ellipse. Wie genau die �03» notwendigen Messungen heute ausgeführt werden, geht daraus hervor, dag vre Betrug der Schwankung in der ganzen Zeit von Ende 18öl> bis Anfang ItwL in dr» aufeinander scntrcchten Richtungen nur je 7'/. Meter gewesen ist. Aus den in Potsdam ausgeführten Rechnungen können nun alle Sternwarten die genaue Größe der geographischen Breite in der betreffenden Zeit entnehmen. Da sich durch die Entdeckung des japanischen Professors 5t>»iura noch eine dritte Art jährlicher Schwankungen herausgestellt hat, so hat Chandlcr vorgeschlagen, auch auf der südlichen Halbkugel wenigstens drei BcobachtungSstationc» auf demselben Breitenkreis gu errichten, und zwar iii den Sternwarten von Sidncy und 5>apstadt und ferner an einem Platz 3l) Seemeilen südlich von Santiago in Chile. Man vermutet, daß diese dritte Beeinflussung der Erdachse entweder durch die jährliche Reise der Erde um die Sonne und eine dadurch vcraulaßte scheinbare Verschiebung der Firsterne oder durch eine jährliche Veränderung in der Größe der Brechung der Lichtstrahlung durch die Atmosphäre verursacht wird.— Dr. T. Kleines feuilleton» — Ueder thörichte ErkiiltimgSfurcht schreibt Sanitätsrat Dr. Klistcr im„Aeskulap, Beiblatt der Allg. Deutschen lliiivcrsitäts-Zeitnng", u. n. folgendes' Einen gcradezil unheilvollen Schaden richtet die ErkältungSsiircht an. Aerztlich ist inan sich wohl allgemein klar darüber, daß starke Durchkaltungen infolge Kreislaufstörungen den eingewanderten Bazillen einen günstigen Nährboden schaffen können. Aber die Erkältung ist dann doch immer nur die Gelegenheits- Ursache und der Tropfen, der daS Glas Wasser zum llcbcrlanfen bringen kann, aber nicht die eigentliche Ursache. Außerdem handelt es sich dabei doch nur um wirkliche, langandauerude Durch- kältungen, nicht um schnell vorübergehende Temperaturunterschiede. Auß keinen Fall kann eine Erkältung eintreten, wenn zum Beispiel in der Elektrischen oder Pferdebahn vorübergehend die Vordcrthür geöffnet wird. Eine solche Furcht ist aber in Wirklichkeit vorhanden und hat in Berlin dazu geführt, das; die Thürcn zur Vorderplattform ivährend der Fahrt gcschlosseu gehalten »Verden. Man ist also genötigt, die verdorbene und durch den viel- fachen Husten der Fahrgäste init Bazillen geschwängerte Luft einzuatmen und sich der Gefahr der Ansteckung auszusetzen. Die Furcht vor Zug ist so gewaltig, daß jeder sich berechtigt glaubt, das voll- ständige Absperren der frischen Luft zu beanspruchen, weil es zieht. Fast täglich kann man die ergötzlichsten Streitigkeiten dieserhalb auf den Bahnen erleben. Da? Bedenkliche hierbei ist aber, das; der Mensch von Jugend an verweichlicht wird, daß er erwachseil sich für ver- pflichtet hält, sich ängstlich von Luft. Licht und Wasser fernzuhalten. denn auch beim Waschen könnte ja eine Erkältung stattnnden. Hier- durch entzieht er sich der Grundbedingung für einen gesunden und kräftigen Aufbau des.Körpers: er tvclkr wie eine Pflanze dahin, die nicht genügend mit Licht, Luft und Wasser versehen wird.— So weit Dr..Küster. Bei den neuen Wagcii� der„Großen Berliner" ist die zweiteilige Thüre nie ganz geschlossen. ES bleibt ein feiner Spalt und der dadurch entstehende Zug langt gerade zu einer schönen, runden, dicken Backe. Noch viel„gesünder" sind die noch jetzt, Ende November, fahrenden„W e i ß e n s e e r S o in»> Erwäge n". Da giebt's Luft rmd Zug und Wasser bei Regenwetter, so viel man will. Es iväre gar nicht ohne. Iveun sich der BerwaltungStat der„Großen Berliner" einmal, vielleicht gegen Weihnachten, ctlva drei Stunden lang in so einem Ding rund um Berlin herumfahren ließe.— ll. 5iiiiistlerschicksal. AuS London wird berichtet: Auch nach dem Tode James Mc Reil Whistlers zeigt sich wieder die schon so oft beobachtete Erscheinung, daß die Preise der Werke eines Künstlers ganz außerordentlich in die Höhe schnellen, sobald er gestorben ist. Seil dein Tode WhisilcrS im Juli dieses Jahres ist die Nachfrage nach seinen Werken sehr stark gestiegen. In den letzten Wochen haben seltene oder besonders schöne Radierungen den Eigentümer gewechselt für Summen, die man vor einem Jahre noch für übertrieben an- gesehen hätte. Sein Bild„Da Piincessa du pays de la porce- laine'- aus dem Jahre 1804 geht jetzt für 100 000 M. nach Alnerika, während es auf den Londoner Auktionen in den ucuiizigcr Jalircn mir 8820 M. erzielte. Man kann dabei nicht einmal jagen, daß Whistlers Ruf erst in dieser Zeit allgemein getvorden iväre. Ebenso brachte auch das Bild„Die Liebe und der Pilgrini" von Buruc- Jones bald nach seinem Tode 118 250 M. und wenige Monate vorherging da? schönere Bild„Vcuusspiegcl" für mir 1v7öM. weniger in andren Besitz über, während eS 1875 nur 73 100 M. gebracht hätte. Gegen- über dem Preise von 100 000 M., den das Bild von Whiftler jetzt erzielte, sind die Preise, die seine Arbeiten früher in Versteigerungen erzielten, lächerlich gering! größere Werke von ihm gelangten aller« dingS nicht mehr zum öffentlichen Verkauf, seitdem er sich seine hervorragende Stellung errungen hatte. Bei der Revillon-Auktion im Jahre 1894 brachte„Das Musikzimmer" 4085 M.: im Jahre 1900 eine kleine Strandscene in Wasserfarben. 3X4�4 Zoll, 2687 M. und das berühmte Portrait von Miß Rosa Corder erzielte vor einigen Jahren nur 4945 M. Bei der Graham-Auktion im Jahre 188« erzielte das berühmte Bild„Feuerwerk in Cremorne GardenS", das den Gegenstand seines berühmten Streites mit Ruskin bildete, unter Beifall und Zischen 1290 M. Für das Bild„Die Themse im Eis" erhielt Whistler nur 200 M. Dieses und ein andres,„Am Klavier". gingen dann für 32 000 M. in die Sammlung eines Schotten über. „Am 5tlavicr" ist jetzt allein von Edmund Davies für 60000!M. gekauft worden.— Htnnoristisches. — Von einem ländlichen F'e u e rw eh r öd h ll erzählt die„Brcslauer Morgenzeitting": Die Rauschwitzer und die Jätschauer liegen sich in den Haare» wegen einer völlig unbrauch- baren Feuerspritze, die drei Gemeinden, darunter den zwei er- wähntcn, gehört. Die Jälschauer, bei denen die Spritze stand, wollten daS zwecklose Ungetüm verkaufen und wenn es„als altes Eisen" wäre. Ihre Absicht scheiterte jedoch an dem Willen der Gemeinde Rauschwitz. Nun ereignete sich etwas, was den Unwillen der Rausch- witzer erregte. Eines Abends versammelten sich die Jätschaucr und gründeten eine Feuerwehr. Gleich nach der Gründung— es war abends etwa um 10 Uhr— kam man auf den Gedanken, bald die erste Uebung abzuhalten und— gedacht, gcthan. Aber diese Hebung. o Tücke des Schicksals— war der Grund, daß in dem Anklage- räum im Saale des Glogaucr Schöffengerichts acht Mitglieder der Jätschaucr Feuerwehr Platz nahmen. Den Zuhörerraum füllten die Interessenten aus Ranschtvitz und Jätschau, so daß der Schöffen« gcrichtssaal ein vorwiegend ländliches Gepräge hatte. Die Uebung war es, die hier zur Sprache kommen sollte. Abends gegen 10 Uhr wurde ein Pferd vor einen Breitwagen gespannt, auf dem die Mann- schaften Platz nahmen, die Spritze, die den Charakter einer solchen infolge ihrer Altcrsfchtväche schon längst verloren hat, tvurde angehängt, und fort ging cS im Trabe nach Rauschwitz: einer rannte hinterher mit Laterne und 5>lingcl, die er heftig in Bctvegung setzte. denn die Uebung sollte doch nach etwas aussehen. Auf der Torf- straße vor dem Hause des Gemeindevorstehers ließ man die Spritze stehen, und die Mannschaft fuhr lvieder heimlvärls mit dem ve friedigenden Gedanken im Herzen, der Gemeinde Rauschwitz eine Freude bereitet zu haben.„Die werden früh Augen machen, wenn sie die Spritze jetzt allein haben." Und richtig, die Rauschwitzer waren sehr erstaunt, aber über das Gescheut nicht so sehr entzückt wie die Jätschaucr dachten. Sic erachteten den Scherz— nein die Uebung— als eine Fopperei, und der Amtsvorsichcr sandte jedem der Beteiligten eine Strafverfügung über 5 M. wegen nächtlicher Ruhestörung. Sie sollten doch wenigstens etwas haben für ihre nächtliche Uebung I Hiergegpn hatten nun sämtliche Beteiligten richterliche Entscheidung beantragt. Aber auch das Schvffengrricht hals den„Wohlihäteru" nicht, im Gegenteil, es erhöhte bei sechs Angeklagten die Strafe von 5 ans 15 M., bei demjenigen, der das Gespann stellte, von 5 ans 20 M., nur bei dem, der hinterher rannte, blieb es bei 5 M. Strafe. Bei den ersten sieben Personen wurde außer nächtlicher Ruhestörung Berübung groben Unfugs angenommen.— _______________________»_______________________ Notizen. — Ein neues Bühnenspiel von Karl H a n p t m a n n.. D e i Königs Harfe" ist soeben bei Georg D. W. Cnllwey in Münch«, als Buch erschienen.— — Der B i l s e sche Roman„Aus einer kleine» Garin so»* ist vom Wiener Verlag erworben worden: eine Ncu-Ausgabt wird in de» nächsten Tagen erscheine».— — Spencers Selbstbiographie wird, dem Londoner Wochenblatt„Britisch Weekly" zufolge, demnächst erscheinen.— — Der Komiker Georg Engels ist aus fünf Jahre für das Neue lind 5l l e i» c Theater engagiert worden.— — Franz v. Schönthans Komödie„M a r i a T h e r e s i a" wird am 23. Dezember im Berliner Theater die Erstaufführimg erleben: Jenny Groß spielt die Titelrolle.— — Die beiden Stipendien der E r n st R e i ch e n h e i in» Stiftung(je 600 M.) sind für das Jahr 1903 4904 den Malern Martin Lünstroth und Hans Schmidt, beide aus Berlin, verliehen toorden.—'' — Auf der Dresdener G r o ß e n K u n st a u?• st c l l u n g 1904 werden zwei Gärten zu sehen sein: ein Garten im Stil aus dem Aufaug des vergangenen Jahrhunderts nnck, dem Entwurf des Direktors der Dresdener Kunstgewerbeschnte, Gchciiurat Professor Grast und des Gartenbaudircktors Bertram und ei» Garten im modernen Stil»ach dem Entwurf des Architekten Wilhelm Kreis und des ObergartendirektorS Bauche. Beide Gärten sind dazu be« stimmt, um Plastik im Freien aufzustclleu.— — Die Mitglieder der N o r d e» s k j L l d s ch e n S ü d p a l a r- Expedition sind von dein argentinischen Kriegsschiff„Uruguay" in Louis Philippc-Laud und in Seymours-Jsland a li f g c f»»den und a u f g e n o m m e n worden. Die Expedition, die schon im Frühjahr zurück sein sollte, galt bereits als verschollen.— Berauttvortl. Nedaktenr: Julius Kaliski in Berti».— Druck und Verlas: Vorwärts Bnchdruckerei und Veriagsaustalt Paul Singer& Co., Berlin S Vf