NnterhaltungsMa Nr. 232. Freitag, den 27. November. 1903 (Nachdruck verboten.) Das Verbrechen des Hrztes» 10] Roman voll I. H. Rosn y. Autorisierte tiebertragnng von M. v. B e r t h o f. Nun blieb noch ein Lebte? richtig an stellen. War es besser, die Banknoten an sich zn nehmen, oder sie in der diasse ZU lassen? Wenn er sie mitnahm, wer weis)! Dann eröffnete sich ihm vielleicht noch eine Möglichkeit des Heils. Vielleicht würde man sich zufrieden geben, ihn laufen zu lassen, anstatt ihn sogleich einzusperren, und dann konnte er mit Schlauheit, Schnelligkeit und Energie einen Fluchtversuch machen, lind nahm man ihn gleich fest, nun.>vas lag denn schliesslich daran, ob er das Geld bei sich trug, oder ob man es in seinem Geldschrank fand. „Ich nehme es also mit!" Guy nahm nur die Tausend- nnd die Fünfliundertscheine, die übrigens fünf Sechstel des ganzen Vermögens ausmachten, packte sie in Couverts nnd steckte sie ein. Dann machte er sich heiteren Sinnes und festen Mutes auf den Weg zu seinen tag- lichen Bcrufsgeschäften. Er machte seine Besuche ohne jede Hast nnd mar gegen elf Uhr Herr seiner Zeit. „Ich habe jeht noch zwei Stunden, die ganz mir ge- hören," sagte er sich. In diesem Augenblick ging er die Rue de Eourcclles hinunter. Ihn packle das Verlangen, zu erfahren. ob er nicht verfolgt werde. Die Straße war fast menschenleer. Einzig ein Hand- tverker in einer Bluse nnd ein Mann von ganz natürlichem Aussehen in ziemlich vernachlässigter Kleidung waren ans dem Plah zwischen der Rue de la Boätie und dem Boulevard Hans; mann zu sehen. Der lcbtere konnte möglicherweise dock ein „Geheimer" sein. Guy nahm seinen Weg durch die kleine Gasse, die längs der Kirche Saint-Philipp-dn Raule hinläuft, und bedurfte nicht länger als eine Minute, um sie zurückzulegen. Sich dann Plötzlich umivendend, tonnte er feststellen, das; keiner von den beiden ihm gefolgt war. Ein altes Weib nnd ein Kind schlichen auf dem schmutzigen Pflaster dahin. Ter junge Mann schritt geradeaus über den Platz, trat in die Rue du Eommandant Riviöre, ivendete sich nach der Rue d'Artois, und wartete einen Augenblick bei der Wendung. Es gingen nur zwei Damen, ein Soldat und ein Herr in ei»ein so kostbaren Pelz vorüber, das; man unmöglich annehmen konnte, er werde von einem Geheimpolizisten getragen. „Jetzt steht es fest, daß ich nicht verfolgt werde," sagte er lächelnd. Ein leerer Wagen fuhr vorüber, er sprang hinein nnd rief dem Kutscher zu;„Postamt Avenue de Fried- lang, im Galopp!" Während der Wagen davonsauste, sah Guy durch das rückwärtige Fenster hinaus, ein andrer Wagen schien eine kurze Weile dieselbe Richtung zu verfolgen, verschwand aber bald in der Rue Washington. Ans dem Postamt kaufte Herbeline einige Marlen. Als er seinen Wagen wieder besteigen wollte, schwankte er, die Namen verschiedener Bahnhöfe schwirrten ihm im Kopf herum; „Mir bleibt noch Zeit genug, wenn ich sie erst gesehen habe." lind er sagte:„Avenue de Marigny Nummer drei." Während der Fahrt verfiel er in eine Art süßer Betäubung. Ein einziges Bild erfüllte seine Gedanken, und er wiederholte sich ganz leise: „Wenigstens werde ich sie noch einmal wiedersehen!" Es wurde ihm schwer, sich von seinem Sin zu erheben. Das Träumen lvar so reizend gewesen, daß er die Wirklich- keit fürchtete. Je mehr Stufen er znriicklegle, desto größer wurde seine Angst, sie nicht anwesend zu finden. Dann würde er sie vielleicht nie mehr wiedersehen! Sein Herz �krampfte sich zusammen, nervös drückte er auf die Glocke. Jetzt war er beinahe sicher, daß er sie nicht antreffen würde. Aber nein! Sie ivar zu Hause und allein, etwas bleich nach einer schlaflosen Nacht, blaß von jener reizvollen Müdig keit der Jugend und der Schönheit, die die Augen tiefer, de» Mund lebhafter, den Körper üppiger erscheinen läßt. Einen Augenblick sahen sie sich in die Augen, stotterten einige Worte, und das leuchtende blaßblan-seidene Hanskleid mit dem inkrustierten weißen Battislkragen schien sich nüe eine Wolke um das ganze Mädchen zu legen. Mania wird eben frisiert, sie wird in wenigen Minuten hier sein." Er antwortete nichts. Eine unaussprechliche Aufregung ließ das Wort nicht über seine Lippen kommen. Es war das Morgenrot der Liebe, so mächtig wie die Liebe selbst, so viel Herzbewegendes, Eigcntüniliches, Einziges lag darinnen. Es ivar ein heißes Wünschen, belebt durch die am Morgen über- standene Furcht, ein Gefühl der Beioundernng. bei der das deutliche Bewußtsein der Vergänglichkeit gewissermaßen die ganze Poesie des Daseins in einen Augenblick zusammen- drängte. Hätte man ihm plötzlich die Sicherheit gegeben, das; jede Gefahr beseitigt sei, dann wäre nichts davon übrig geblieben, als die ersten Anfänge einer zärtlichen Empfindung, eine köstliche, aber nicht allzu heftige Verwirrung. Er ergriff langsam die Hand Madeleinens und führte sie an seine Lippen. Der Aennel enthüllte bei. dieser Bewegung einen frischen reizenden Arm! Er konnte sich nicht enthalten, ihn zu tüssen. Sie erbebte, ibre Augen erweiterten sich, ihr Busen hob sich stürmisch. „Ich liebe Sie! Ich liebe Sie!" flüsterte er ganz leise. „Die-Zukunft würde mir unerträglich scheinen, wenn ich ohne Sie leben müßte." Aber während er diese Worte sprach, mußte er sich inner- lich sage»; „Wenn sie wüßte, ivenn sie eine Ahnung hätte von dein Raub, den ich bei mir trage!" blicht gerade ans Perversität, sondern durch eine ganz natürliche Reaktion, die sich, wenn auch minder lebhaft, in einer großen Anzahl nnfrcr alltäglichen Empfindungen wieder- findet, machte ihm dieser Gedanke Madeleine noch teurer. „Ist es den wirklich wahr," begann er wieder halblaut. „was Sie mir gestern abend gesagt haben? Sind Sie ganz sicher, das; Sie sich in Ihren Gefühlen nicht täuschen, ist Ihre Liebe wirklich so stark, das; Sie einwilligen würden, meine Frau zu werden?" Sie lächelte zärtlich: „Ich liebe Sic jagt das nicht alles? Giebt es zwei Arten von Liebe? Ich»verde Ihre Gattin werde», sobald Sie es wollen." „Darf ich es wollen?" entgegnete Guy.„Ich bin einem unwiderstehlichen Drange gefolgt— vielleicht war es strafbar! Der große Unterschied unsrer Vermögeiisverhältnissc..." Sie machte eine Gebcrde des Widerjvruchs, er fuhr fort: „Ja, für Sie spielt das keine Rolle, aber für die andren, Ihre Mutter in erster Reihe. Nichts wäre natürlicher, als Ihre Entrüstiiug darüber. Ich wäre der Erste, sie zu verstehen nnd fast, ihr recht zu geben." „Dann haben Sie den Charakter meiner Mutter me verstanden! Ihr kommt es nicht daraus an, ob der Mann, den ich heirate, Vermögen hat oder nicht, wenn er nur energisch und zuverlässig ist. Sie weiß, daß ich init einem Mann dieser Art reicher sein werde, als mit einem Schwächling. Wollen Sie sich gleich davon überzeugen? Halten Sie gleich heute bei ihr um iiieiiie Hand an!" „Wäre das meinerseits anständig gehandelt?" fragte er. „Sie kennen mich so wenig, Sie müssen..." Sie unterbrach ihn mit entschlossener Miene: „Ich kenne Sie ganz gut, so gut, als ich Sie schon vor unsrer Verheiratung kennen lernen kann... Wcini Sie Be- denken haben, dann wollen wir nnsre Verlobung zwei oder drei Monate geheim halten...".. Er gab sich den Anschein, als sei er von dieser>Gee ganz entzückt...<- � v. „Ja," sagte er,„unter dieser Bedingung dar; ich sprechen; ja, und jetzt fordert sogar die Ehrenhastigkeit, Ihre Flau Muster zu verständigen.. ein Z Et senkte den Kopf, und mit ganz leiser otuuuic, während Zittern seinen ganzen Körper durchfuhr, sagte er: „Ich bete Sie an! Wenn Sie nicht die Meine werden dürften, dann wäre es für mich viel besser, nie geboren zu sein! Und doch, wenn Madame Monteaux mir meine Bitte abschlägt, werde ich mich fügeir Ich kann nichts gegen ihren Willen thun. In dem Augenblick, wo sie mir zu hoffen ver- bietet, höre ich zu hoffen auf!" „Ach, was sind Sie für ein Ehrenmann!" rief das junge Mädchen entzückt. Unwillkürlich führte er die Hand an die Brust und fühlte dabei das leise Knistern eines Couverts. „Da kommt Mama!" sagte lebhaft Madeleine,„zögern Sie nicht! Mama!" rief sie mit einem glücklichen Lächeln, „Dein kleiner Jnjektionsapparat ist gekommen: sieh doch nur. Er ist reizend, man würde ihn für ein Spielzeug halten." (Fortsetzung folgt.), (Nachdruck verboten.) Gegenstücke zum Kampf ums JVTajorat» Im Verlaufe der soeben zum Abschluß gelangten Verhandlungen Lbcr die Zlindesunterschiebung, die der Gräfin Kwilecka schuld gegeben wurde, ist die Meinung geäußert worden, daß es sich da in Moabit um eine ganz einzig dastehende Erscheinung handle, zu der Gegen- stücke nur in mittelalterlichen Sagen aufzutreiben seien. Das ist mm nicht so ganz richtig. Noch die Neuzeit hat verschiedene Pendants zur Affaire der Gräfin Kwilecka aufzuweisen. Eins gehört sogar der deutschen Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts an und stellt eine niedliche Tragikomödie aus fürstlichen Kreisen dar. Das war 1835 in Kurhessen und unter dem Regime des berüchtigten Ministers Hassenpflug, genannt Hessenfluch. Die kurfürstliche Familie, der Hassenpflug seine geschätzten Dienste widmete, war schon in allen Landen wohlbekannt durch ihre grenzenlose Habgier. Hatte sie doch bereits sänitlickie zur Franzosenzcit von der Regierung des Königs Jerüme verkauften Domänen zurückgefordert, ohne den Unglück- seligen Käufern einen Pfennig Entschädigung zukommen zu lassen. Man kann sich also denken, lvelche Freude im kurfürstlichen Palais zu Kassel war, als gegen Neujahr 1835 das Erlöschen der Neben- linie Hessen- Rothenburg eine stattliche Erbschaft in sichere Aussicht stellte: Hessen- Rothenbmg umfaßte ein Viertel der alten Landgrasschaft und war gleichbedeutend mit 225 OVO Thalern jährlicher Einkünfte. Der verstorbene Landgraf hinterließ keine Nachkommenschaft, sondern bloß eine trauernde Witwe, und es schien also, daß den Knrhessen die Beute sicher sei. Da kam nun wie ein Blitz aus heitereni Himmel von dem einsamen Schloß Zembowitz in Oberschleficn, wo die verwitwete Landgräfin Eleonore zur Zeit ihren Wohnsitz hatte, die niederschmetternde Botschaft, daß die hohe Dame Mutterfreuden entgegensehe. Alsbald war man in Kassel totsicher, daß dies nicht mit rechten Dingen zugehen könne, und sprengte die Bc buldigung aus, daß in der oberschlesischen Einöde eine Kindesuntrrschiebung geplant lverde. Vergeblich erklärte sich die Landgräfin bereit, ihr Wochenbett zu Rothenburg in Hessen abzuwarten. Dem erbschaftslllsteriren Kurprinzen in Kassel war das noch nicht zuverlässig genug. Er wandte sich durch seinen Gesandten in Berlin an den König von Preußen und bat ihn»m Anordnung der üblichen Sicherheitsmaßregcln. DaS noble Ansinnen ivar nicht ab- gewiesen; denn es war mit altersgrauen Grundsätzen des deutschen FürstenrechtS� im Einklang. Das Pupillenkollegium in Ratibor ernannte also einen Landrat zum onrator ventris, zu deutsch: Bauchwärter, für die W' we. Der geleitete Eleonore nach Schloß Rothenburg. Hier hatte der Kurprinz bereits alles zum Empfang des hohen Besuches herrichten lassen. Sämtliche Zugänge außer einem einzigen waren vermauert, der offen gebliebene aber wurde von einer starken Wache sorgfältig bewacht. Während der nächsten Monate ging nun ein liebliches Gezänk unentwegt fort. Unter andern, wandte sich die Landgräfin an den preußischen König mit der Bitte um Schutz, weil den, Kurprinzen kein Fürstcnivort heilig sei. Sie traute ihrem erlauchten Anverwandten offenbar die edle Absicht zu, dem erhofften Sprößling den Garaus machen zu lassen. Im Sommer 1835 erfolgte dann das tragikomische Ende. Eleonore mußte sich nämlich nunmehr notgedrungen zu dem Ge- ständnis herbeilassen, daß sie sich über ihren Zustand getäuscht habe. Die gute Dame war freilich auch schon ein bißchen arg über die Jahre. Unnötig zu sagen, daß der Kurprinz schleunigst über die eroberte Beute herfiel. Die Gier war so groß, daß er alsbald mit den Landständen in heftigen Streit geriet, weil er die auf den Er- trägnissen lastenden öffentlichen Verpflichtungen nicht anerkennen, sondern alles in feine Privattasche einsacken wollte. Mit der hessischen Affaire von 1835 hat erhebliche Aehnlichkeit ein englisches Ereignis aus der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts. Indes besteht ein wesentlicher Unterschied, daß hier thatsächlich der Versuch einer Kindesunterschicbung vorliegt, während die Landgräfin Eleonore sich durchaus in gutem Glauben befunden zu haben scheint. Möglich ist dies allerdings auch bei der in Frage kommenden Königin von England, Maria der Katholischen, soweit wenigstens sie selber in Betracht kommt. Diese Tochter Heinrichs VilJ., berüchtigt als Ketzerverfolgcrin, war nnt dem eben darin hervorragenden König Philipp II. von Spanien seit 1554 verheiratet. DaS Paar hannonierte sehr wenig; niemand hatte irgend welche Zärtlichkeit von feiten des Königs bemerken können: die ältliche Königin war auch freilich sehr wenig reizvoll. Sie gab sich aber 1555 der Hoffnung hin, einem fteudigen Ereignis in Bälde entgegensehen zu können. Es war ein fehr trauriger Irrtum: denn in Wirklichkeit handelte es sich bei Maria um vorgeschrittene Wassersucht. Sie selbst aber fühlte sich ihrer Sache so sicher und erwartete da-S freudige Ereignis so rasch, daß sie schon ein offizielles Bulletin in alle Winde statten, ließ, worin die Geburt eines Prinzen als erfolgt angekündigt wurde. Illuminationen, Glockenläuten, Kanonenschießeu waren allgemein. Und dann stellte sich heraus, daß alles auf einem tragi- komischen Irrtum beruht hatte. Es war ein schwerer Schlag nicht allein für die Königin, sondern für die ganze katholische Adelspartei. Wenn nämlich Maria keinen Leibes- erben hinterließ, so mußte die Krone an ihre protestanttsche Halbschwester Elisabeth fallen, und für die Katholiken war dam, die Herrlichkeit zu Ende, Verfolgung und Gütereinziehung zu gcloärttgen. Unter diesen Umständen ist unter ihnen der Plan entstanden, einen Erben zu fingiere!,, ein Kind unterzuschieben. Es steht urkundlich fest, daß damals königliche Beauftragte wegen Ankaufs eines gceig- nelen Kindes mit einer Frau in London unterhandelt haben. Möglich ist ja, daß Marias Einverständnis bloß vorausgesetzt war. Geworden ist aus der ganzen Sache nichts: sie muß doch zu riskant erschienen sein. Noch einmal erzählt die englische Geschichte von einer Kindes- Unterschiebung. Von der Masse der Zeitgenossen ist in dem Falle geglaubt worden, daß eine solche wirklich vorliege. Im Jahre 1688 wurden bekanntlich die Stuarts cnd- gültig vom englischen Königsthrone verjagt. In England pflegt man diese Umwälzung herkömmlicherweise die glorreiche Revolution zu nennen. Thatsächlich war sie eine ganz ordinäre Adels- und Palastrevolution, bei der mit den unlautersten Mitteln gearbeitet wurde. Das schönste darunter war die von den vor- nehmen Rcvoluttonären fälschlich und wider besseres Wissen gegen das mißliebige Herrscherpaar geschleuderte Beschuldigung der Kindes- Unterschiebung. Die mißvergnügte Aristokratte wollte an die Stelle des katholischen und absoluttstischen Königs Jakob II. dessen protestanttschen und— im aristokratischen Sinn— vcrfassungs- freundlichen Schwiegersohn, den holländischen Statthalter Wilhelm von Oranien, setzen. Die beiden Töchter Jakobs, die eine, Maria, Wilhelms Fran, die andre, Anna, am Hof ihres Vaters, waren mit im Komplott. Da drohte nun einen ziemlichen Strich durch den Plan der Umstand zu machen, daß die Königin für den Sommer 1688 ihre Niederkunft erwartete. Wenn ein Knabe geboren wurde, so war es mit dem Erbrecht der Töchter Essig. So ging denn nun die ganze Gesellschaft daran, die Schwangerschaft zu leugnen und mit derjenigen Marias der Katholischen zu vergleichen. Als dann am 16. Juni 1688 die Königin wirklich mit einem Knaben niederkam, ward allenthalben die Nachricht verbreitet, das Kind sei untergeschoben, man habe es in einen, Bettwärmer unter der Bettdecke verborgen. Die Prinzessin Anna hatte sich beizeiten vom Hofe entfernt, um ii, den Ehorus der Verleumder einstimmen zu können. Wilhcln, und Maria erhoben die Beschuldigung in öffentlichem Protest. Sie ist damals allgemein geglaubt worden. Wahr ist sie aber nicht, sondern es steht durch eine Menge von Augenzeugen vollständig fest, daß der Prinz echt war. Der aristokratische Hunger nach den Freuden der Herrschaft war eben so groß, daß, iveun denn keine Kindes- Unterschiebung vorlag, eine erfundei, werden mußte. Sonst hätte ja nachher Wilhelm nicht für einen ordnungsmäßigen König von Gottes Gnaden ausgegeben werden können.— Dr. C. (Nachdruck verholen.) Gottfried Semper. Das neunzehnte Jahrhundert mit seinen politischen, ökonomischen und geistigen Umwälzungen war auch für die lebendige Entfaltung der deutschen Architektur von eminenter Bedeutung. Seit Schlüters Tagen hatte sie sich, wenn man allenfalls voi« Hans v. Knobels- dorffs Schöpfungen absteht, in absteigender Linie bewegt: Ideen- armut, Flachheit, Nüchternheit bei prätentiösem und gespreiztem Wesen bildeten ihr charakteristisches Merkmal. Neuen Aufschwung nimmt sie mit Schinkel, den, strengen Meister der Antike und Bc- gründer der klassischen Schule. Diese erlebte dann durch die Bevorzugung romanttscher, das heißt altchristlicher, � ro- manischer und' gotischer Sttle ihre rechtzeitige Ablösung. Namentlich gewann die Gotik einen mächtigen Einfluß. Durch das Wachstum unsrer modernen Städte aber wurde die Architektur mehr und mehr gezwungen, mannigfaltigen Zwecken zu dienen. Es war daher eine Notwendigkeit, daß sie sich für einen Stil entschied, der zwar schon im zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts bei uns geblüht hat, dessen Wiederbelebung aber Nutzen verhieß. Es ist die Renaissance. Als Begründer dieser neueren Richdmg haben wir Gottsried Semper anzusehen. Er wurde am 29. November 1863 zu Hamburg als Sohn eines Kaufmanns geboren. Nach Abschluß der Gymnasial- zeit bezog er die Universität Göttinaen. wo er mathematischen, sprach- lichen. archäologischen und nebenher auch militärlvissenschastiichen -Studien oblag. Zwei Jahre später beschäftigte sich Semper bei Gärtner in München mit der Architektur und wurde von Bülau zur Mitarbeit an: Regensburger Dom gewonnen. Indessen nötigte ihn seine Verwicklung in ein Duell, flüchtig zu werden. In Paris nahm er das Studiuni wieder auf, beteiligte sich dann ain Bremer Hafen- bau, kehrte aber noch einmal in die Seinestadt zurück und unter- nahm von da eine Studienreise durch Sizilien, Griechenland und Italien. Nach ziveijährigein Aufenthalt ging er über München und Berlin nach seiner Heimat. Bald darauf wurde er als Professor der Baukunst nach Dresden berufen. Großartige Bauten entstanden hier nach Plänen seiner Hand: das Hoftheater, das im September 186g durch Brand vernichtet wurde, ferner das herrliche Neue Museum, der Oppenheimsche Palast, dazwischen kirchliche und profane Bauten hier und anderwärts. Bon Sempers genialer, feuriger Art ging ein erfrischender Hauch aus. Alles Zopf- und Mandarinentum in künstlerischen und geistigen Dingen verkroch sich in die Ecken; dagegen scharten sich alle jüngeren Geister um Seniper, der auch als Mensch auf die Seite aller derer stand, die nach politischer Freiheit und Fortschritt strebten. Als er jedoch im Dresdener Mai-Aufstand 1849 den Bau der Straßen- barrikaden leitete, Ivar seines Bleibens nicht mehr. Er ging wieder »ach Paris, während seine Familie in der Heimat verblieben war. Schon trug er sich mit dein Gedanken, nach Amerika auszuwandern, da wurde er auf Veranlassung eines Engländers beauftragt, die Zweigausstellung von Eauada, Aeghpten, Schweden und Dänemark innerhalb der Londoner Ausstellung zu arrangieren. Eine Broschüre „Wissenschaft, Judustrie und Kunst", die er im Anschluß an die Aus- stellung in englischer Sprache veröffentlichte, lcntte die Aufmerksamkeit auf ihn. Und als dann aus den Neberschüssen der großen Aus- stellung das Museum nebst einer Schule für praktische Kunst er- richtet wurde, berief man ihn als Professor für Metallotechnik. Aber schon 1853 folgte er einem Ruf als Professor für Architektur und als Direktor der Bauschule am Züricher Polytechnikum, dessen Neubau seine nächste Aufgabe war. Nun entfaltete er eine reiche baukünstlerischc Wirksamkeit. Die RatShäuscr in GlaruS und Zürich, hier auch der Bahnhof, ferner die Ragazer Kuranstalt, die katholische Kirche in Winterthur zeugen von ihm. Außerdem lieferte er Prospekte für das Theater in Rio de Janeiro, entwarf Pläne zu einem Wagnerschen Fcsttheatcr in München, das jedoch nicht zu stände kommen sollte, für das neue Dresdener Hof- theater, das einer seiner Söhne unter des Vaters Leitung später er- baute u. a. Im September 1871 übersiedelte Semper als Sber-Baurat nach Wien, um hier gemeinsam mit Hasenauer die Ausführung des bereits begonnenen Baues der Hofmuscen zu leiten. Dann arbeitete er die Pläne zum neue» Wiener Hofschauspielhause aus und stellte Projekte für das Darmstädter Hoftheater auf. Allein allerlei Widrig- leiten und Kabalen veranlaßten den überdies kränkelnden Mann, sich bald von der Bauleitung in Wien zurückzuziehen. Er ging nach Italien, wo er die letzten Jahre seines thatenreichen Lebens ver- brachte. In Rom schloß er am 15. Mai 187g die Augen und liegt an der Pyramide des Ccstin begraben. Semper hat eine zwiefache Bedeutung: als Architekt und als Schriftsteller. Die gründliche humanistische Bildung, die er empfing, bildete das Fundament, auf dem sein ganzes geistiges Leben sich aufbaute. Sie ist auch die Voraussetzung seiner späteren künstlerischen und wissenschaftlichen Bethätigung. In dem klassischen Werke „Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten", sowie in dem Vortrag über Baustile hat Semper sein eigentliches Glaubensbekenntnis abgelegt und zwar, wie Lipsius sich äußert,„das Glaubensbekenntnis des Architekten, m_ dem sich aber zugleich der Philosoph und Gelehrte, der Chorführer industrieller Bestrebungen, der selbständige Denker dokumentiert." Bei ihm genießt man das Bewußtsein von der rastlosen Durch- dringung des Theoretikers und Künstlers. Was er in seinen Schrift- werken über die vier Elemente der Baukunst, über die Anwendung der Farben in der Architektur und Plastik, wie über die Künste in ihrem VerhältuiS zur Industrie, zum Leben im allgemeinen und be- sondern niedergelegt hat, hat er durch seine Bauwerke sichtbar gemacht und umgekehrt. „Die Kunst", sagt er,„hat ihre besondere Sprache, bestehend in formellen Typen und Symbolen, die aus urältester Tradition stammen und, obgleich nur wenige, in stetem Widcrhcrvor- treten dennoch eine unendliche Mannigfaltigkeit darbieten und gleich jenen Naturtypen, in deren Motiven die Natur bei ihrer unendlichen Fülle doch höchst sparsam ist, ihre Geschichte haben." Daraus folgt:„Soll unsre Kunst den wahren Ausdruck unsrer Zeit tragen, so muß sie den notwendigen Zusammenhang der Gegenwart mit allen Jahrhunderten der Vergangenheit, von denen keines, auch nicht das entartete, vorübergegangen ist, ohne einen unvertilgbaren Eindruck auf unsre Zustände zu hinterlassen, zu ahnen geben und mit Selbstbcwußtsen und Unbefangenheit sich ihres reichen Stoffes bemächtigen." Jeder Bau müsse also den Stil haben, dem jener dienen soll, jedoch unter dem Gesichtswinkel historischer Tra- dition. Ein gotisches Schauspielhaus wäre beispielsweise ein Unding, desgleichen eine Kirche im altdeutschen oder selbst Renaissancestil des 16. Jahrhunderts usw. Wir sehen hierin Semper auf dein Boden griechisch-römischer Kunst und Renaissance. Das ist begreiflich: denn darauf ruhte ja seine ganze Kunstbildung. War er anfänglich noch für die Gothik gewesen, so wendete er sich später von ihr und von der Romantik ganz ab. Gegen beide stellte er die Rcnaissancelunjt, obwohl sie erst kaum die Hälfte ihrer Entwicllungsbahn, mithin»och lange nicht das Ziel erreicht habe, hinsichtlich ihrer„großartigen Ueberlegenheit über alles Vorherdagewesene mit Einschluß der höchsten Kunst der Griechen" zu Phidiäs' Zeiten. Von ihr erwartete er das Heil. Und indem er dann selber von deren graziöser Be- Handlung immer entschiedener der Hochrenaissance zustrebte, zeigte er die Wege in die Zukunft. Dies Streben läßt sich in Sempers Bauten sehr wohl verfolgen. Ihnen selbst hat er aber fast aus- nahmslos eine Physiognomie gegeben und jene Allgerneinverständ- lichkeit in der Erscheinung, die. nach dem Urteil der Fachgenossen, „über die Wesenheit und Bedeutung des Bauwerks keinen Zweifel auftominen läßt, jene Zugehörigkeit zu dem Ort, als ob der Bau aus ihm erwachsen wäre." Es scheint, als habe gerade der modernste architektonische Stil unsrer Tage sich aus Sempers Vorbildlichkeit in jener Hinsicht be- sonnen. Semper war es ja auch, der am ersten erkannte, daß die Ansicht, daß die Kunst nur einen Herrn: das Bedürfnis habe, über- holt sei. Und so verlangte er denn auch speciell von der Architektur, daß sie sich aus dem„dienenden Verhältnisse zu Bedürfnis, Staat und Kultur zu freier, selbstzwecklicher Idealität ernancipiereir" müsse. denn hierin läge ihre Zukunft. Endlich soll ihm nicht vergessen werden, daß er der Erste war, der auf die Nutzbarmachung der Kunst in der Technik und im Ge- werbe für das Volk klar und bestimmt hingewiesen hat. Die Fundamentalsätze, die er hierfür in seiner Londoner Slusstellungs- schrift vom Jahre 1851 aufgestellt hat, beginnen durch die Volks- künstlerischen Bestrebungen unsrer Gegenwart allmählich greifbare Gestalt anzunehmen und Wirklichkeit zu werden.— Ernst K r e o w s k i. Kleuicd feuilleton. ch. Gottfried Semper als Barrikadenbauer. Friedrich Pecht er« zählt: Der Barrikadenkampf in Dresden hatte begonnen. Die an- fänglich zur Besetzung der Hauptwache verwendete Compagnie, in der Semper stand, wurde bald an die Hauptbarrikadc, am Ende der Wilsdruffer Gasse, abkommandiert. Dem Architekten entging nicht lange die Unzweckmäßigkeit der Anlage und die geringe Widerstands- kraft der überall auffteigenden Schutzbauten. Mit steigendem Un» mut erfüllte ihn der Anblick. Daß man etwas so einfältig an- fangen könne, wenn man schon einmal revolutionieren wolle, war ihm aus die Länge vollkommen unerträglich. Da ihm der Unwille keine Ruhe mehr ließ, so eilte er aufs Stadthaus zu den in der provisorischen Regierung versammelten Freunden und kanzelte sie ob ihrer schlechten Organisation der Verteidigungswerke tüchtig herunter. Natürlich hieß es sofort:„Mach y bester, wenn Du kannst!"— „Ja, das kann ich allerdings I" schrie der gereizte Künstler, „ich würde mich schämen, solch schlechte Arbeit zu machen I" und rannte auf seinen Posten an der Wilsdruffer Barrikade zurück. Mit Jubel empfing man ihn hier. Sofort ließ er Flankenwerke errichten und ordnete eine so zweckmäßige und feste Verstärkung der Barrikade an, daß sie sogar dem Geschützfeuer widerstehen konnte und man in ganz Deutschland von dem furchtbaren Bauwerk sprach... Als das Trauerspiel des Kampfes begann, als die von Richard Wagner geleiteten Sturmglocken ihr manchen bis zum Wahnsinn reizendes Geheul erschallen ließen, und selbst Frauen(wie die Schröder-Devrient) das Boll zum Kampfe antrieben, konnte da Semper noch zurück? Die Uneinnehmbarkeit seines Bollwerkes, das mittels Durchbrechens der Häuser umgangen werden mußte und zu allerletzt in die Hände der Truppen fiel, zeigte sich dann allerdings. Er selbst hatte drei Tage lang an seiner Verteidigung als gemeiner Scharfschütze teilgenonunen und lvar alsdann zur Errichtung eines neuen, das den Rückzug decken sollte, an die Waisenhausgasse abberufe» worden. Hier hielt er als Kommandant bis zum letzten Augenblick aus und wich erst, als die blutbcdcckte Stadt schon fast ganz in der Gewalt der Sieger war. Seine Familie hatte er schon tags zuvor nach Pirna geschickt, um ihn dort zu erwarten. Semper erreicht eben noch den böhmischen Bahnhof, als der letzte Zug abgeht, dann besetzt ihn das Militär und die Falle ist zugemacht. Glücklich gelangt er nach Pirna. Die fünftägige unaufhörliche Aufregung hatte den kräftigen Man» indes so fürchterlich ermüdet, daß er, in Pirna ausgestiegen, auf einem Stein am Bahnhof fest einschlief und unfehlbar den Verfolgern in die Hände gefallen wäre, hätte ihn nicht zum Glück noch rechtzeitig seine Familie schlafend aufgefunden und mit nicht geringer An- strengung endlich erweckt.— k. Erinnerungen an Johannes Brahms, die hauptsächlich aus der mittleren und späteren Periode seines Lebens stammen, teilt Charles Villiers Stanford in einem Artikel, den er in „Leisure Hour" veröffentlicht, mit.„Wie so� viele große Männer." fo schreibt er,„hatte auch Brahms eine„Rüstung", die er anlegte. wenn er mit Fremden zusammen war. Seine Rüstung konnte eine unzweideutige Grobheit sein. BrahmS haßte besonders die Leute, die Jagd auf Berühmtheiten machen. Eines Tages kam er nach Heidelberg von einem Spaziergang zurück und traf einen Mann, der ihn anhielt und fragte, ob er nicht Brahms wäre: als er eine bejahende Antwort erhielt, erging sich der Frcinde in Lobreden auf seine Kompositionen. Brahms sah verlegen aus und sagte dann plötzlich:„D, Sie»niissen tuciucit Bruder meinen; er ging mit mir eben bort auf dem Berge spazieren." Dann zeigte er die Ricii- lung an, in der der mythische Berivandte gegangen sein sollte, und der unwillkommene Jäger nach Berühmtheiten stürzte in der Richtung zum Berge ab.,,. Als ich meine erste Sammlung irischer Bolls- lieber gemacht hatte, lvidmete ich sie Brahms, da ich sein Interesse daran kannte, und er nahm diese Widmung dankend an. Als ich dann nach Wien kam, ging ich mit Hans Richter zu BrahmS. Er öffnete die Thür seiner kleinen Wohnung selbst und führte unS durch ein leeres Borzimmer und sein Schlafzimmer, das ohne eine Zeich- »ung von„AnselinoS Grab" über seinem sehr kurzen Bett ebenso kahl gewesen wäre, in sein Arbeitszimmer, einen Doppelraum voller Bücher und Noten. Cr begrüßte Richter warm, mir machte, er aber bei der Vorstellung eine sehr kühle Verbeugung. Ich dachte an den Fremdling in Heidelberg und wartete au, das Ungelvitter. Ich war ganz sicher, daß er wußte, wer ich war;' aber er schätzte augenscheinlich meine Fähigkeit als Jäger auf Berühmtheiten ab. Er bot Richter eine Cigarre an und hielt dann auch mir die.Ziiste hin, zog sie aber sogleich mit einem kurzen ..Sie sind Engländer, Sie rauchen nicht!" zurück. Worauf ich mit einer Impertinenz, die anzunehmen Mut gehörte, erwiderte:„Ber- zeihen Sie, die Engländer rauchen nicht nur, manchmal komponieren sie auch," worauf ich nach der zurückgezogenen.ttiste Cigarren langte. Einen Augenblick sah er mich ivie ein gefährlicher Bullenbeißer an, dann brach er in Lachen aus. Da? Eis war gebrochen und fror auch nicht wieder zu. Ich sah einige schöne Stiche, und er ver- brachte den größten Teil des Vormittags damit, mir seine voll- ständige Sammlung von Piranesi und andre Kunstschätze zu zeigen, die er im Sommer vorher in Italien gesainmelt hatte. Nur ein- mal sprach er von Musik und beschrieb sehr humoristisch eine in Breseia gehörte Oper, die, wie er sagte, ganz aus..Schlußtadenzen" bestand. aber so schön gesungen wurde, daß er sie immer wieder gern hörte... Als Brahms in Berlin in einem von b'Albcet gegebenen Konzert seine beiden Klavierkonzerte dirigierte, wurde er sehr gefeiert und war in sehr guter Stimmung. Bei einem damals von Joachim gegebenen Diner, an dem auch seine Freunde Professor Dorn ans Neapel und der Komponist von Herzogenberg teilnahmen, ereignete sich folgende sehr charakteristische Seene. In wenigen gut gewählten Worten bat uns Joachim, auf das Wohl des„größten Komponisten" zu trinken, aber ehe er den Namen aussprechen konnte, sprang Brahma auf, ergriff sein Glas und rief:„Ganz recht! Auf Mozart wollen wir trinken!" Dabei ging er um den Tisch herum und stieß mit allen an. Sein alter Haß gegen persönliche Lobreden lvar nie hübscher zu Tage getreten.... n. Dir Wärmestrahlung der eigucu Hand zu spüre». Manchmal kann man in der einfachsten Weise und ohne großen Apparat- aufwand Experimente anstellen, die uns wichtige natnrwiffenschaft- liche Wahrheiten verdeutlichen. Daß der menschliche Körper stets Wärme ausstrahlt, ist eine allgemein bekannte Wahrheit— haben wir uns doch die Betleidung wesentlich deshalb angeschafft, damit dieser Wärmeverlust nicht gar zu stark werde. Um nun die That- fachc der Wärmestrahlung zu erkennen und die Größe der Strahlüng selbst zu messen, bedarf die Wissenschaft ziemlich komplieierter Gin- richtungeil mit Thermometern und Vorrichtungen für das Auffangen der von uns ausgestrahlten Wärme, andrerseits aber ist jeder Mensch, wenn er nur versteht, recht scharf zu beobachten und seine Aufmerk- sarnkeit zu konzentrieren, in der Lage, selbst zu spüren, wie seine eigne Hand die Wärme ausstrahlt, und ztvar lann man dies sogar in recht amüsanter Weise spüren. Jedermann kennt die Metall- hülsen, die ans Wein-, Liguenr- nnd mit ähnlichem Inhalt gefüllte Flaschen gestülpt sind, um die Korken zu schützen, auch den'Inhalt noch besser gegen die Luft abzuschließen. Solch eine Metallhülse enl- fernt man, ohne sie zu zerreißen,' von der Flasche und stülpt sie auf einen Finger. Dann wird man ohne loeiteres die Empfindung haben, als hätte man diesen Finger einem ioärmercn Körper, also einer Art Ofen, genähert, von dem ihm Wärme znstrahlt. Die Metallhülfe ist aber thatsnchlich viel kälter als der Finger, von ihr kann die gefühlte.Wärmestrahlung nicht ausgehen; in der That empfindet der Finger die eigne Wärme, die, von ihm ansgestrablt und von der kühleren Wand der Metallhülse reflektiert, ihm wieder .zukommt. Dieser Versuch ist um so frappanter, als die vom Metall reflektierte Wärme sicher nicht höher ist als die Temperatur der Hand, aber ivir empfinden eben den Wärmeftraht als eine Art Betoegimgsreiz.— AuS dem Pflauzeuleben. — Studien ü b e r die Sonnenblume n. Im Altertum galt es für gewiß, daß sich bestimmte Blumen mit der Sonne drehen, Die alte, von Ovid so schön besungene Klytia-Sage, unser deutsches Märchen von der Sonne»wende oder Wegwarte(Cichorium intybus) usto. nahmen die? als gewiß an, und Pater Kircher fetzte die aus Amerika herübergekommene große Sonnenblume sogar auf ehren schwimmenden Untersatz, um ihre Drehkraft zu be- weisen. Dann wurde eine längere Zeit hindurch diese Rutation der Blumen nberhailpt_ geleugnet, bis sie von Schaffner in den Jahren 1898— 1900 sicher festgestellt wurde. Wie F. L. Stevens kürzlich mitteilte, ist sie besonders auffallend beim buschigen Zwei- zahn(Bickens fronckosa), der oft förmliche Dickickte bildet, an denen man feststellen kann, daß 95—98 Proz, aller Blumen des Morgens Berantwortl. Redakteur: Julius Kaliski w Berlin.— Druck und Verlag: nach Osten«nd de? Abends nach Westen gerichtet stehen. Doch hängt die Bewegung etwas vom Wetter und, wie schon Schaffner bei der Sonnenblume fand, auch von äußeren Umständen ab, nämlich von dem Vorhandensein genügender Feuchtigkeit im Boden und warmer, trockener Lust. Eine andre Pflanze, welche die Sonnenlvendigkeit der Blüten in ausgezeichneter Weise darbietet, ist Ambrosia artemisiaefolia, wovon man sich leicht überzeugen kann, wenn man sie mehrmals im Laufe des Tages aufsucht. DaS Maximum der Ostwendung wird bei ihr um 9 Uhr morgens erreicht, zu Mittag erhebt sich der Stiel senkrecht und die Maximal-Nutation gegen Westen ist um 7— 8 Uhr abends vollendet. Sobald die Sonne untergegangen ist, richtet sich die Blume auf, gegen 19—11 Uhr steht sie ganz senkrecht, bis am Morgen wieder die Ostneigung der Blüten beginnt. Stevens beobachtete die Sonnenwendung ferner sehr deutlich beim Amarant, besonders so lange die Pflanzen jung sind, und bei Hülsenpflanzen(Klee, Honigklee, Luzerne u. a.).— („Prometheus.") Humoristisches. — Liebe...Also Frau Nachbarin, Sie nehma wirkst den alten Sekretär als zweiten Mann? Wia S nur den»nög'nl" „Ja, was woll nS denn; alt is er, krank is er und a schöne Pension lriag i aa' mal. Warum soll in denn da»et gern habül?"— — Der Sportprotz.„Ein schöner, gesunder Sport, das Turnen; schade, daß er so billig ist!"— — D a s Schnupftuch. Der Angeklagte bleibt bei der Ge- richtsverhandlung dabei, er habe den Kläger bei der Schlägerei nur mit dem Schnupftuch über den Kopf geschlagen, trotzdem der Kläger eine tiefe Wunde vorweist, die er bei der Gelegenheit davon- getragen hat. A m törichter(zu dem Angeklagten, ans dessen riesige Fäuste deutend):„Jochen, Jochen, Tin Schnuppdank kenn ick! Du putzt Di de Näse mit Dine siw Finger."— („Jugend".) Notizen. —„ S öi w ii tz ch c n Bilder und Reime von E r n st K r e i- d o l f, Köln a. Rh., Schafstein u. Eo. Preis nicht angegeben.— Zehn Bildchen nnd acht Reimereien. Nichts dahinter!— — Im N e u e n Theater werden in diesem Winter K l a s s i k e r- A u f f ii h r u» g e n stattfinden. Den Anfang werden Lessings„Minna von Barnhelm"(mit der Sorma in der Titelrolle und Engels als Wirt) und Shakespeares„Lustige Weiber"(mit Engels als Falstassi machen.— -—Sera Witt vom Lesfing-Theater ist vom Beginn der nächsten Spielzeit an auf mehrere Jahre für da? Residenz- Theater engagiert worden.— c. In Athen wurde in letzter Zeit die„ D r c st i c" im in o d e r n e n G r i e ch i s ch gegeben. Das- verdroß die Studenten und die Professoren. Sie hielten eine Pr o t e stv e rsamm lun g ab; da? Publikum stimmte ihnen zu. Die Bewegung hatte Erfolg; fortan werben die Dramen von Acschhlos und Sophokls) nicht mehr im modernen Griechisch gegeben werden.— — Die Reue freie Volksbühne veranstaltet am 29. d. M., abends 7 Uhr, in Kellers Festsälen(Koppenstr. 29) ein Richard W a g n e r- K o n z e r t. Als Solisten wirken mit: die Hofopernsängerin Marie-Knüpfer-Egli und Konzertsänger Dr. Oueden- feldt. Den Orchesterpart hat das außergewöhnlich verstärkte Berliner Sinfouie-Orchester. Eintrittskarten, auch stir NichtMitglieder, sind für 99 Pf. an der Abendkasse zu haben.— — Die Berliner Hofopernsängerin E m m y D e st i n n sollte im Dezember in Charpentters Oper„Louise" in der czechischen Oper in Prag auftreten und auch im Mai 1991 in dem czechischen Opern- ryklns derselben Bühne gastieren. Czechische Blätter melden nun, die Berliner Hostheater-Jntendanz habe Fräulein Destinn das Auf- treten in ihrer Baterstadt Prag für die Dauer eines JahreS ver- boten.— Jenseits der schwarz-gelben Grenzpfähle meint mau, das wäre die Strafe für das Urteil,, das Frl. Destinn unlängst über die Berliner Oper abgegeben.— — Max B o p r i ch S große Oper„Der Buddha" wird im Februar 1904 im Weimarer Hof-Theater die Erstaufführung erleben.— — PncciniS„Boheme" hatte bei der Erstaufführung an der Wiener H o f o p e r einen sehr starten Erfolg.— — Der Konflikt in der M ü n ch e n e r Sccession ist beigelegt worden; der ganze bisherige Vorstand wurde wiedergewählt.— — Der Polarforscher P e a r h erhielt von der Schottischen Geographischen Gesellschaft die goldene Living- ä o n e- M e d a i l l c; die Riedaille ist vorher nur zweimal ver- liehen worden.— Die nächste Nummer des UnterhaltungSblatteS erscheint am Sonntag, den 29. November. Vorwärts Buchdruckerei und Verlaasanitali Paul Smncr k Co., Berlin SW