Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 233. Sonntag, den 29. November. 1903 (Nachdruck verboten.) Das Verbrecken cles HrzUs. H] Roman von I. H. R o s n y. Autorisierte Ucbertragung von M. v. B c r t h o f. Madeleine entfloh leicht, graziös, mit eiitem anmutigen Rascheln ihrer Kleider, imd die Patientin entschuldigte sich. „Dieser unglückselige Friseur konnte mit dem Cham- ponieren gar kein.Ende finden. Ich mus; mich alle vierzehn Tage dieser Qual unterziehen. Er ist übrigens sehr geschickt und hält den Kops wunderbar rein," „Sie haben ja heute niorgen eine volle Srinune und Ihre Augen leuchten," sagte Herbeline. „Ich habe gut geschlafen, wenigstens bis sechs Uhr, dann l'losi ein wenig geduselt, aber ich bin ganz zufrieden. Hier sind Ihre Sachen, Tottor!" Herbeliuc besorgte gewissenhaft die Sterilisierung der Spritze. „Heute haben Sie keine Furcht?" „Ein klein wenig: trotzdem nehmen Sie an, ich sei ent- setzt und machen Sie inir Mut." „Sie haben wirtlich nichts zu fürchten," sagte er ernsthaft. „Diese Spritze ist ganz unschädlich." Er crivärmte das Serum, füllte die Spritze mit der not- wendigen iSosis und machte sich wie am Abend vorher niit der größte» Sorgfalt an die Operation. „Nun also, was habe ich Ihnen gesagt?" Sie betrachtete ihn ganz gerührt, während er die Sachen zusammen richtete. Bewegt durch den Gedanken an das, was er aussprechen wollte, schwieg er einen Augenblick. Doch kaum hatte er die ersten Worte hervorgebracht, fühlte er sich auch schon ganz Herr seiner selbst. „Gnädige Frau," sagte er,„ich habe mit Ihnen über etwas sehr Ernstes zu sprechen: es ist für mich von der größten Bedeutung und hängt doch ganz von Ihnen ab. Bevor ich fortfahre, halte ich es. für meine Pflicht, Ihnen zu sagen. daß, wie immer Ihre Entscheidung fallen sollte, sie von mir gewissenhaft respektiert werden wird." Beunruhigt hatte sie sich aufgerichtet und sah ihn mit verstörten, ängstlichen Blicken an. Er begann mit gesuchter Barschheit: „Ich liebe Ihre Tochter! Ich weiß, daß das nicht ganz vernünftig erscheinen kann, aber keiner von uns ist in Dingen der Liebe verpflichtet, sich dem allgemeinen Urteil zu fügen. ganz klug zu sein. Schon allein der Unterschied in unsren Berniögensverhältnissen hätte mir verbieten solle», mich diesem Gefühle hinzugeben. Aber ich habe vielleicht eine Zukunft, vielleicht wird Ihr Vermögen in meinen Händen sicherer sein als in denen eines Neichen. Ich ivill nicht für meine eigne Sache sprechen, das ffi unnütz. Sie sind die einzige, die in dieser Sache zu entscheiden hat, und Sie haben das Recht, ohne weitere Berufung zu richten!" „DaS ist wirklich eine ernste Sache," entgegnete Sic, „und nicht für Sie allein! Vor allem smd Sic gewiß, meine Tochter tief und wahrhaft zu lieben? Sind Sie überzeugt, daß Sie den ehrlichen Wille» haben, sie glücklich zu machen?" „Gnädige Frmi, ich weiß und fühle, daß mir ihr Glück mehr am Herzen liegt als das meine. Ich bin überzeugt, daß ich ohne ihren Besitz tief unglücklich sein würde..." „Haben Sic schon init ihr gesprochen?" fragte lebhast die alte Dame. „Ja, dieses Unrecht habe ich begangen: aber ich war ehr- lich genug, ihr zu sagen, daß ich mich fügen werde, wenn Sie mir ihre Hand verweigern, daß ich dann für alle Zeiten jede Hoffnung ausgeben werde." „Und Madeleine, liebt sie Sie?" Ganz demütig sah er sie an, ohne zu antworte». „Es ist gnt," sagte Madame Monteaux,„lassen Sie nur einen Augenblick Zeit, um mich zu sammeln." Er verneigte sich. Während sie nachdachte, schwebte bei dem Gedanken, daß er hier die Grundlagen seines zukiinftigetz Glücks regelte, während er vielleicht gezwnn.gen sein würde, sich am Schluß dieses Tages eine Kugel durch de» Kopf zu jagen, eiil trauriges und ironisches Lächclr um seine Lippen. Es gab einen Menschen, der mit einem einzigen Worte... Die Stimme der alten Dame riß Guy aus seiner Ber- sunkenheit. Sie sagte: „Ich will nicht leugnen, daß ich persönlich viel vom Geld halte: ja, ich halte sogar sehr viel davon. Ohne Geld wäre ich zetzt vielleicht schon tot und hätte nichts von alledem gehabt, was ich am leidenschaftlichsten geliebt und gewünscht habe... Daher lege ich Wert daraus, daß meine Tochter reich sei... Aber es liegt mir nicht viel daran, daß sie reicher wird, als sie jetzt schon ist. Sie besitzt genug, um all ihre Wünsche befriedigt zu sehen, nicht nur, um ein elegantes Haus zu führen, sondern sich sogar jeden Luxus zu gestatten. Thät fache ist, daß meine Tochter ihrem Gatten eine halbe Mllio» Revenuen mitbringt. Sie hat also alle Bedingungen für ihr Glück, wenn sie einen Lebensgefährten bekommt, der das Leben auch zu regeln versteht. Würde dieser auch das Doppelte iii die Ehe bringen und er wäre ein Schwächling, der sich von den Weibern ausnützen läßt, ein Lebemann oder einfach nur einer jener Narren, die immer gern über ihre Mittel leben, wie groß diese auch sein mögen, dann wäre natürlich das Leben meiner Tochter ein verlorenes. Gewiß, nach dem Eherecht bleibt das Kapital der Mitgift unveräußerlich: aber was spielt das Kapital für eine Nolle, wenn die Revenuen zersplittert werde»? Also mit einem Worte: was wir brauche», ist ein charakterfester, besonnener Mann, der Madcleine sagen wir hundcrtfünfzig bis zwciinalhunderttausend Frank zu ihrer vollständig freien Verfügung überläßt. Könnten Sie mir zu- sichern, Herr Doktor, es so in dieser Weise einzurichten, selbst wenn Sie ngch dieser Richtung gegen den Willen meiner Tochter ankämpfen müßten?" „Ich kann Ihnen schwören." sagte er heftig,„in keiner Weise an die Einkünfte meiner Frau zu rühren. Sie würde den Zuschnitt nnsres Hauses nach ihrem Ermessen einrichten oder so lote Sie es wünschen würden. Ich für meinen Teil würde mich darauf beschränken, nach Maßgabe meiner Kräfte zum gemeinsamen Haushalte beizutragen." Er sprach mit um so größerer Ueberzeugungstrast, als er es vollkommen ehrlich meinte. Durch ein großes Ber- inögen gestützt, war Herbeline sicher, Geld genug zu ver« dienen und nicht von seiner Frau abhängen zu müssen. „Wenn es sich so verhält," sagte Madame Monteaux be- lvegt,„dann kann niemand für Madelcine besser als Gatte passen als Sie. Ich begreife Ihre Vorliebe, und... was mich selbst betrifft, wüßte ich niemand, der mir als Schlvieger- söhn willkommener wäre als Sie!" Er fühlte zum erstenmal ehrliche Gewissensbisse. Wenn sie ihm irgend welche Schwierigkeiten bereitet hätte oder ihm hochmütig begegnet wäre, dann hätte er ohne alle lveiteren Skrupeln seine Sache verfochten. Aber sie so herzlich, fast zärtlich zu finden, das erfüllte ihn mit Entsetzen über sich selbst. Er lvar darüber sehr erstaunt. Hätte nicht eher Madeleine? großmütige Liebe in ihm dieses Gefüllt erwecken sollen?./ �., „Nein," dachte er.„es liegt etwas in der Liebe, das alle? begreiflich macht. Und dann will mir scheinen, daß ich sie lieben würde, auch wenn sie arni wäre. Es ist also nichts natürlicher, als diesen Eindruck auf sie zu übertragen." Aber plötzlich dachte er an die Berzwcislung des jungen Mädchens, wenn mau ihren Bräutigam festnehme» und er sich erschießln würde. Souderbarerlveise hatte er bisher noch gar nicht ein eiuzigesmal daran gedacht. Jetzt überblickte er seine Handlungsweise in ihrer ganzen Roheit, lind trotz- dem fühlte er gar keine Reue. Ja, ihm war sogar der Ge- danke angenehm, daß ihn jemand bitterlich beweinen werde. Er hatte Madame Monteaux' Hand ergriffen, sie an seine Lippen gedrückt und gestammelt: � „Sie dürfen überzeugt sein, gnädige Frau, daß das Glück Ihrer Tochter mir teurer sein wird als mein eignes!" „Ich glaube Ihnen!" sagte sie. Und mit einem reizenden Lächeln fügte sie lnnzu: „Wollen Sic ihr selbst die gute Nachricht bringen?" Sie war aufgestanden, um der Kammerinugf«}U läuten. „Sagen Sie dem Fräulein, sie möchte herüberkommen, Kr haben mit ihr zu sprechen." Zwei Minuten später war Herbeline mit Madeleine allein. Die Liebe und die Sorge ließen ihn erblassen. War es Traum oder Wirklichkeit? War er es, dem man dieses reizende junge Mädchen zur Frau gab? Und mit ihr alle Möglichkeiten einer sehr glänzenden Zukunft? Wie wäre die Sache geworden, wenn er zwei Tage vorher gesprochen hätte? (St hätte natürlich alle Prolongationen erhalten bei der Aus- ficht aus eine solche Verbindung. Der scharfsinnige und wag- halsige Nouvier, der das Geschäft betrieb, tüchtige Menschen zu lancieren, hätte ihm sogar einen neuen Kredit eröffnet! Ja, aber es war der Diebstahl und nur dieser allein, der die Erklärung beschleunigt hatte. Guy wußte wohl, daß er noch vorgestern nicht gewagt haben würde, um sie anzuhalten. Dieser schmutzigen Geschichte hatte es also bedurft, um ihn so kühn zu machen: ein Verbrecher mußte er werden, um sich diese wunderbare menschliche Bliite vom Lebensbaume zu pflücken! Eine Flut von Wünschen durchströmte seine Sinne. Ersah Madcleines rote Lippen und allmählich sehnte er sich danach, sie mit den seinen zu berühren, um wenigstens einmal diese Siißigkeit gefühlt zu haben, wenn er doch sterben müßte. „Sie sehen, Mama ist gar nicht so grausam!" sprach das junge Mädchen. „Sie ist anbetungswürdig," antwortete er.„�ch Ware fein Nichtswürdiger, wenn ich sie nicht wie eine Mutter liebte." (Fortsetzung folgt.): (Nachdruck verboten.) Sin JSovcrnbcrtag. Von Ernst P r e c z a n g. Grau, phlegmatisch kriecht der Tag aus dem Osten herauf. Langsam breitet er sich über das Land. Ucbcr den Wiesen und Feldern wallt der Nebel in fast undurchdringlicher Schicht; er hüllt die Häuser ein und schwebt um die dunklen jtiefernkroncn, in denen die Nacht sich noch festklammert und nicht flüchte» mag vor den« mürrischen, unlustigcn Tag. Darf man dem Kalender trauen, so ist die Sonne längst aus- gestiegen. Aber das Auge sucht sie vergeblich, sucht vergeblich auch nur einen Schimmer von intensiverer Färbung. Wie in ein graues Meer irrt der Blick nach allen Himmelsrichtungen: eine große blei- farbcne Wolkcnkuppel, hier und dort von etwas dunklerer Schattierung, wölbt sich unbeweglich über ihm... Es geht schon in die neunte Stunde. Ein wenig hat sichs aufgehellt: durchsichtiger ward der Nebelschleier; schärfer treten die Konturen der Bäume und Häuser hervor aus der milchigen Luft. Auf den Dächern liegt» in zarter, dünner Schicht; Baum und Busch tragen einen weißen Uebcrzug; die Pfahlköpfe des alten windschiefen Bretterzaunes haben sich über Nacht helle Mützchen aufgesetzt, und ein leichter Wind geht über die Wiesen und bewegt die zitternden Halmspitzen, welche die Nacht bereifte... Mittag. Noch immer kein Sonnenstrahl. Stumpf und glanzlos alles. Der Nebel hat sich gesenkt. Aber stehst Du auf dem Berge und blickst über den Wald hinweg, so verdichtet sich der Schleier i» der Ferne doch wieder zu einer undurchsichtigen Wand. Der See, welcher im Sonnenschein blitzt wie ein ungeheurer Spiegel, gleicht einer trägen, bleiernen Masse. Das graue Bild des Himmels wirft er zurück; langsam schieben sich die Lastkähne hindurch, schwer- fällig... Nach einer andren Richtung wandert der Blick. Torthin, wo die hellen Häuser stehen. Sind's mehr geworden? Manche sahen wir im Sommer nicht. An ihrer Stelle häufte sich Zweiggcrank und Blattgewirr. Nun steht's kahlästig um die Mauern. Die freund- liche Hülle fiel, und die Wände zeigen sich in ihrer Nacktheit. Auch der Garten änderte sein Bild. Die blauen, roten, gelben Feuer der Blüten sind erloschen; schwarze, gebrochene Strünke er- heben sich dort, wo noch vor kurzem das dunkle, goldbcwimpcrtc Auge der Sonnenblume auf stolzem Schaft schaukelte. Der Apfel- bäum kahl; das Laub faulend am Boden; die grünen Beete ver- Ivandelt in eine unordentliche Masse von gelben und graubraunen Halmen. An jenem Busch noch ein vollsaftigcs Blatt, das sich mit zäher Faser hielt, dort ein silberweißes, ein rotes, ein gelbes. Die Farben sind da, mannigfaltiger, in feineren Abstufungen, in zarteren Tönen als je. Aber es ist kein Glanz in ihnen, kein Leben... Wie ander» der Tannenwald! Wanderten wir nicht über die rötlichen Inseln verblühter Erika, sähen wir nicht die Verwüstungen der Hcrbststürmc, wir wüßten kaum etwas von dem vernichtenden Schritte der Zeit. Etwas dunkler das grüne Gewand, etwas dunkler auch die Frucht, der Tannenzapfen, welcher dem ganz scharfen Auge schon eine» Schimmer ins bräunliche zeigt. Sonst unverdorbene Frische in Zweig und Wipfel. Zwar liegt's auch hier zuweilen gelb in den Nadeln und trägt die Ahnung des Vergehens herein. Ver- einzelte Blättchen sind's. zusammengerollt, die der Wind herbeitrug. nachdem er die einsame Birke geschüttelt hatte, den fremden Gast, dessen silberweiße Haut recht häufig aus dem dunklen Föhrcngrunde schimmert. Auch das Waldgras steht grün und frisch, unverändert fast— bis auf die gelben Striche, die braunen Flecke, welche diesen Tcppich zieren und an die Vergänglichkeit gemahnen, wie das Unterholz, die kleinen Eichen mit ihrem rotbraunen Laube. Tiefer schattiert auch zeigt sich der stumme Wacholder. Wie schweigend sie um uns stehen, die schlanken Gebüsche mit dem enganliegenden Gezweig k Ein fußhoher Knirps hier, ein drei Meter hohes Gewächs dort. Ernst und feierlich mutet's uns an. Und Plötzlich steht's vor uns wie ein Helles Wunder in dieser dunklen, nachdenklichen Umgebung. Die Wolkenkuppel hat einen Riß bekommen; ein Bündel Strahlen schießt daraus hervor und trifft einen eben noch bereiften Riesenbusch. Der steht wie in diamantene Flüssigkeit getaucht. Von jeder Nadel glänzt so ein silbernes Tröpfchen, Imnzig klein, durchsichtig wie Glas. Sie drängen sich auf de» Zweigen beieinander zu blitzenden Büchlein und setzen der blauen Beere ein Juwclcnkrönchcn auf. Leis haucht der Wind hindurch. Und unser Busch schaukelt sich in glitzerndem, prächtigem Farbenspiel... Nicht lange. Das Bild erlischt. Und über uns dehnt sich die graue Kuppel lückenlos... Wir wandern aufwärts. Mit uns die Abenddämmerung. Abend—? Wir wollen's nicht glaube». Vom Torfkirchturnl hallen drei Schläge herüber. In den Bäumen, im Gebüsch flüstert es und klatscht es zuweilen. Regen. Feine, dünne Tröpfchen. Und wie wir oben auf den, freien Plateau stehen, friert uns unter der durchdringenden Feuchtigkeit, unter dem Hauch des kalten, spitzen Windes. Wo das Auge hinsieht: Sprühregen. Und an das Ohr dringt Geläute. Zu unsren Füßen liegt der kleine Friedhof. Ein Grab ist aufgeworfen; ein Trauerzug naht sich ihm. Das Läuten verstummt. Auf den Querbalken steht der Sarg. Dicht neben ihm auf dem gelben Sandhügcl der Pastor in dem langen Talar. Tiefer das Gefolge: schwarze, wehende Schleier, helle Taschentücher; die Männer halten den Ctzlinder in der Hand; die Haare wehen. Die weißen Bäffchen des Pastors heben sich im Winde; er muß sie fest- halten, um sprechen zu könne». Ein stilles Gebet. Tie Träger greifen zu den Tüchern... � Und über den Kirchhof hinaus: da erstrecken sich frischgcpfliigte Felder, schwarzerdige Schollen, die bereit der kommenden Frühlings- saat harren. Und neben ihnen ans weitgcdehntcn Aeckern sprießt's schon in neuer Kraft; zollhoch stehen die grünen Halme des Winter- korns. Und auch die Sonne giebt noch ein Lebenszeichen: ein glüh- roter Strich zeigt sich im Westen und verschwindet. Kalt wird's. Die Nebel steigen von neuem. Die gelben Schollen poltern auf den Sarg. Aber die Sonne lebt— und alles ist nur ein wechselnd Spiel.— „80 ift das Leben/* Schauspiel von Frank Wedekind. In Perugia bricht eine blutige Empörung aus gegen den schäm- loS das Gut des Volkes mit Dirnen und Buhltnaben vergeudenden König. Siegreich dringt die Menge in den Palast und hebt aus ihrer Mitte den Schlächtermeister Pietro auf den Thron. Der frischgebackene König von Volksgnaden giebt Befehl, den gestürzten Gottesgnaden-König aus dem Gefängnis vorzuführen. Das Leben will er ihm lassen, wenn er feierlich auf alle Rechte verzichtet. Der aber lacht ihm inS Gesicht:„Man sverlange von einem Karpfen, der in der Pfanne liegt, er möge darauf verzichten, Fisch zu sein!... Töten kann auch der Blitzstrahl; aber wer als König geboren ist. stirbt nicht als Mensch! Es lege einer dieser Handwerker Hand an uns, wenn ihm nicht vorher das Blut in den Adern erstarrt! Dann ,nag er sehen, loie ein König stirbt." Doch was er als König nie vermocht hätte, beleidigt, seiner Rachsucht Zügel anzulegen, das vermag der neue Herrscher. Er meidet Blut- vergießen, das nicht notwendig ist für die Erhaltung des Staates; und unter Androhung der Todesstrafe, wenn er je zurückkehre, ver- weist er den ohnmächtig Drohenden de» Landes. Das Schicksal des Verbaimten, den die Welt gestorben glaubt, ist wester dann der In- halt diese» seltsam bunten Maskenspiels, in dem so mancher prächtige Einfall aufblitzt. Der König, dem seine Tochter in Männerkleidern folgt, bettelt auf der Straße um Arbeit; er findet Unterschlupf bei einem Schneidermeister, der sein wahrhaft bedeutendes Talent im Zuschnciden von Hofgewändern entdeckt. Die Schneiderseelen in der Werkstatt, die ihn, die Karriere neiden, verfolgen den Neuling mit hämischen Sticheleien. Auch sie haben ihren Standesstolz. Er, der Ungelernte, der Lehrling, muß ihnen den Suppennapf holen und hungernd warten, bis die Herrschaften gespeist haben.„Du leckst den Löffel ab, wenn wir satt sind." Da bricht der lang verhaltene Zorn in ihm los:„O Fluch über den König, der mich hindert, diesen Schurken zu zerlchmettern, da ich ihn besser begreife, als er mich begreift!"„D Fluch über den König, der mich hindert, ein Mensch zu sein, wie jeder andre!"„O dreimal Fluch über den König!" Das ist klare Majestätsbeleidigung. Entsetzt und schadenfroh dringt alles auf ihn ein. Der König wird als Majcstätsbelcidigcr vor die Schranken geschleppt. Höchst ergötzlich, wenn auch im Ken, bc- sremdend, ist die Ironie in der Gerichtssccne. Sehr anheimelnd beginnt fie, auf daß«die versammelten Zuhörer vor einem allzu tiefen Einblick in die Verworfenheit der menschlichen Natur bewahrt werden", mit dem Ausschluß der Oeffentlichkeit. Prokurator und Armenanwalt wetteifern in Be- zeugung ihres Abscheus vor dem Angeklagten, diesem«Auswurf unsrer teuren menschlichen Gemeinschaft", diesem dnrch sein„Himmel- schreiendes Verbrechen" für alle Zeiten gezeichneten,„auf der tiefsten Stufe der Verkommenheit stehenden Jndividium". Aber in die Satire mischt sich ein wunderliches Pathos. Der König in dem Schneiderwains nbcrtruinpft die beiden noch an Loyalitätsbegeisterung. Die Majestät stehe so hoch über der Herde der Unterthanen, daß keiner der niedrig Geborenen sie beleidigen könne. Aber dennoch habe er den Tod verdient, weil ein gegen den Monarchen geschleudertes Frevelwort das Volk verwirre und es im Heiligsten und Tiefften seiner Gefühle schädige. Die Ironie dabei ist, daß diese Rede, wie alles, ivas der König in denl Stücke sagt und thut, von den Hörern gänzlich mißverstanden wird. Sie sehen in ihr nichts andres als pfiffige Vauernfchlauheit, die die Gunst des Gerichts erschleichen will. Doch man erwartet eine andre, eine gegen die lächerlichen Ein- bildunaen des Königtuins selbst sich richtende Ironie. WaS soll heroisches Pathos hier in dieser Sccne? Will Wedekind, der selbst ob eines lnstigen Gedichts als Majestätsbelcidiger einst büßen mußte, daß wir den vertriebenen König in all seiner angestammten Verblendung menschlich ernst nehmen. daß wir mit ihm sympathisieren, ihn ivomöglich bewundern? Soll der Don Ouixote zu einer Art von Märtyrer verklärt werden? Kein Zweifel, in dem Verlauf des Dramas, wenigstens in den beiden Schlußakten, tritt eine solche Tendenz deutlich genug hervor und bricht dm Werk mitsamt der wahrhast glänzenden Idee, den König in der Schmiere eines reisenden Theaterdirektors auftreten zu lassen, die Spitze ab. Wie ist das Leben? So, daß es die Königsillufionen, zugleich ein Sinnbild aller Illusionen, grausam lächerlich verspottet und zerreibt. Nach dem Titel und dem Anfang glaubt nran, nach dieser Richtung gehe die Fahrt, der König, seine eigne Königstvürde parodierend, fei der Zielpunkt. Das wäre ganz im Geist der früheren Wedekindschcn Dichtungen gewesen. Statt dessen aber schlingt sich hier Satire und Melodrama zu unentwirrbarem Knäuel. Die merk- würdige Sympathie, mit der der Dichter seinen Puppenkönig be- handelt, mag tvohl mit zum Teil aus irgend einer Bekenntnis-, oder was bei Wedckind wahrscheinlicher, ans einer neuen Maskcnlaune zu erklären sein. Das als Trutzspruch dem Buch vorangcsetzte Motto aus einer Kritik:„In der deutschen Litterawr von heute giebt es nichts, was so gemein ist lvie die Kunst Frank WcdekindS" und manche Wendungen des Dialoges deuten darauf hin. Man hatte ihn numeriert und klassifiziert, alle Welt war über das, was man von ihm zu halten hätte, ziemlich einig. Und wenn der Autor nun den tragisch gestimmten Fürsten innner mißverstanden werden läßt, wenn das fahrende Volk, vor dem er den Helden tragiert, ihm als unübertrefflichen Possenreißer zujubelt, so will Wedekind, den Satz„so ist das Leben" immer wiederholend, uns vielleicht im Ernst, vielleicht in sclbstparodistischcr Pose zurufen, dies sei im letzten Grunde auch sein eignes Schicksal, als Possenreißer akklamiert zu lverdcn, während sein Herz an hohen Träumen hänge. Aber der König selbst Ivird dämm nicht lebendiger. Der dritte Akt ist der dramatisch eindrucksvollste. In der Nacht, am Hochgerichte bei brennendem Reisigfeuer haben die Komödianten, Theaterbesitzer, Bajazzos und Cirkusreiter sich zur Elends- kirchweih versammelt. Der König, ans der Hast entlassen, erscheint in Lumpcntracht mit seiner Tochter. Um das Leben zu fristen, will er Tragöde werden. Gelingt die Probe hier, dann ist ein Engagement ihm sicher. Er klimmt den Felsen, auf den» der Galgen steht, hinan imd beginnt den Königsmonolog:„Ich bin ein Herrscher hier in diesem Land,— von Gott ernannt, von niemand anerkannt"... Phantastisch steigert sich die Scene. Je überzeugter er redet, um so lauter tönt unten das Gelächter.„Zum Tragöden fehlt ihm jede Spur von Begabung aber als Charakterkomiker unübertrefflich", das ist das allgemeine Urteil. Die Direktoren reißen sich um ihn und unter lustigem Vagabundengcsang verläuft sich der Schwann. Als unter rauschendem Applaus der Vorhang aufging, ritt, ein echt Wedckindscher Einfall— manche vermuteten zuerst den Dichter selbst in der Vermummung— auf einem Esel ein Bajazzo über die Bühne und nahm die Huldigungen entgegen. Der Schluß enttäuscht. Die„Königsposse", in der der König vor seinem Nachfolger Pietro in Perugia auftritt, fällt völlig aus den, Stil. Hier, wo das Verlvcgcnste an bitterem Sarkasmus geboten werden sollte, giebt's eine moralisierende Panto- mime, die den zuschauenden Pietro so ergreift, daß er den Fremden als— Hofnarr und Berater zu sich nimmt. Als der König- Hof- narr in der Sterbestunde das Geheimnis seiner Abstammung ent- hüllt, glanbt man, der Wahnsinn habe ihn erfaßt. Aber sein Wunsch geht in Erfüllung. Pietro erlaubt dem Sohne, um seines toten Narren Tochter zu steien. So— ist das Leben. In dem Wirrlvarr der Abenteuer verliert sich jede Beziehung zu einer Idee, es sei denn die, daß das Schicksal eben den Wirrwarr und das Abenteuerliche, das tolle Durcheinander bunter Wechselfälle liebt. Die Aufführung im„Reuen Theater" lvar eine Meister- leistung der Jnscenierung und Regie. Ausgezeichnet in ihrer stil- vollen Einfachheit wirkten die Bühnenbilder, glänzend die farbig belvegten Massenscenen. Reicher als König hatte prächtige Momeme in seinem Spiel, so vor allem als Mime bei der Elcndskirchlvcih, aber ein wärmeres Interesse für die widerspruchsvoll schwankende Figur der Dichtung wußte auch er nicht zu erwecken. Weit hinter ihm stand Tilla Durieux als Königstochter zurück. Der Beifall des Publikums schien mehr Demonstratton für Wedckind als Aus- druck wirklichen Gefallens.— dt. Kleined feuületon. — Jügendschriften. Die vom Hamburger Jugendschriften-AuSschuß empfohlenen Bücher werden, soweit sie den Preis von 4 Mark nicht übersteigen, auch in diesem Jahre im Saale III des Gewcrkschastö- hauses ausgestellt, und zwar von Montag, den 30. Noveniber, bis Sonnabend, den 5. Dezember. Die Ausstellung ist geöffnet am Montag von 2 Uhr mittags bis 10 Uhr abends, am Sonnabend leider mir von 12 bis ö Uhr, an den übrigen Tagen von 12 Uhr bis 10 Uhr abends. Der Eintritt ist frei. Verkauf findet nicht statt. ES werden stets Personen anwesend sein, die Eltern und Erziehern mit Rat zur Hand gehen können, soweit diese vom Durchblättern der Bücher noch nicht be- friedigt sind. Am Montag, den 30. Noventber, abends 3 Uhr, wird der städtische Lehrer Herr Hübiter im großen Saale des Getverk- schaftshauses einen Vortrag über Jugendlektürc halten, dessen Besuch den Eltern sehr zu einpfchlen ist.— — Lststcirischc Sprichwörter. Einem eben erschienenen Buch „Oststeirisches Bancrnlebcn" von Rosa Fischer entnimmt die Wiener„Zeit" einige volkstümliche Sprichwörter und Rütselfragcn, die als Proben des Aelplerhumors gelten dürfen: Wenn jemand gar zu schnell geht, so heißt es:„Der will den gestrigen Tag abfangen." Wenn jemand recht heikel ist und niemand über seinen Grund gehen lasten will, sagt man:„Ten, wird wohl wer den Safran abtreten." Einem, der närrische Einfälle hat. wird versichert:„Wenn Du so groß wärst wie dumm, könntest Du alle Nacht dem Mond ein Bußl geben." Wenn einer was Dummes macht, heißt es:„Der hat's 'troff'n,'s Küahfenster." Nun noch ein paar„Rats'l", die Buam und Dirndln einander aufzugeben pflegen:„Warum hat unser Herr- gott den Weibsbildern keinen Bart wachsen lassen?"—„Weil's beim Rasieren das Maul net halten kunntcn."—„Was ist das: Es ist ganz und wird doch alle Tag g'macht?"—„Das Bett."— Ein Dialektwitz lautet: „Ach Gott und neun Heiling, Der Mesner von Kralling, Dem Mesner sein Aua, Wie viel brauchn's Paar Schua?" Die Antwort könnte lauten: Acht Gott und neun Heiling sind siebzehn, der Mesner und sein Bua sind neunzehn. Aber die Auf- lösung ist: Alle brauchen sie nur ein Paar. Denn ach Gott ist nur ein Gott, er und neun Heilige brauchen aber keine Schuhe, ebenso- wenig dem Mesner sein„Buch". Bleibt nur der Mesner.—. k.„Schnccwcllen". Interessante Beobachtungen über eine reiz- volle Naturerscheinung teilt John Swafsham in einem Artikel des „Strand Magazine" mit. Wenn der Schnee in einem bestimmten Zustand und die Atmosphäre in passender Beschaffenheit ist, hinter- läßt das Ziehen eines Windes über den Bcrgabhang sichtbare Zeichen von der Wellenhäufigkeit, Wellenlänge und Wcllcngeschwindigkeit, mit der der Wind dahinfährt. Frischer Schnee erscheint bei Hellem Sonnenlicht an der Oberfläche ganz glatt, aber ein photographischcS Bild zeigt, daß eine Kraft thätig war, die das geschmeidige Kleid in einer Weise formte, die durch die llmrisse des darunter liegenden Bodens nicht allein zu erklären ist. Diese Kräuselungen, die man Schncewellen genannt hat, sind das sichtbare natürliche Zeugnis der Häufigkeit, Länge und Schnelligkeit der über sie dahingcfahrcncn Winde. Daraus ergicbt sich, daß die sichtbaren Formen der Schnee-. wellen nicht immer„regelmäßig" sind. Ter Wind bläst selten regelmäßig aus einer Richtung. Er dreht sich und wechselt, oder wird teilweise durch die llmrisse des Bodens, über den er streift. abgelenkt. Die Spuren, die er auf dem Schnee hinterläßt, sind in- folge dessen häufig quer durchschnitten und vermischt. Bläst der Wind auf freiem Felde, wo nichts ihn hindert, in Wellen von ziemlich langer und regelmäßiger Stärke, so sind auch die darauf er- folgenden Kräuselungen gleichmäßig und deutlich begrenzt. Kommt er jedoch durch eine tiefe Rinne, so bilden sich zwei lange Furchen. regelmäßige Geleise, als wenn ein Riesenschnecpflug darüber hinfuhr. Bewegt sich der Wind aber nicht regelmäßig, sondern folgt etwa auf eine Reihe von Stohwindcn mittlerer Länge eine kleine Bö unendlich kleiner Windstöße, dann häufen sich die Kräuselungen übereinander, und oft verschlingen sich mehrere. Oder sie bilden sich wellenförmig bewegende Buchten; Vertiefungen und Buckel erscheinen innerhalb des Bogens direkter Bewegung, die manchmal so schnell ist, daß die Wellcnkäinme glatt weggeblasen werden und zahlreiche stumpfe Grübchen zurückbleiben. Die Tempcraturschwankunaen zeitige» in Verbindung mit Windftrömungen merkwürdige Ergebniste. In den Bergen wirken die Temperaturbcdingunge» mit besonderer Kraft, weil die kalte Luft aus einem hohen Thal 6000 bis 7000 Fuß bergabwärts fallen kann. Das Aufsteigen warmer Luft aus der Niederung entwickelt sich dann zu einem örtliche» Sturm, vor dem keine Schnee- loche feststeht. Sic wird nur gebildet, um wieder aufgelöst zu werden, ihre Oberfläche wird in Furchen und Lagen geteilt, und dann der- ändert ein Wechsel wieder die ganze Anordnung. Bei Tauwetter verändert sich das Bild von neuem, und Frost schweifst die gebrochenen Massen so fest zusammen, dah der Beobachter zlvciseln kann, lvelches die Höhlungen und welches die erhabenen Teile der Masse sind. Wenn die ersten Winterstürme die großen Schneewehen gebildet haben und die Luft dann wochenlang ruhig ist, wird die Oberfläche einer Schnee- loche allmählich gekerbt und eingeschnitten. Ein starker Wind höhlt dann hier oder dort eine Bucht aus. Ein dritter verstümmelt weiter, so daß man kaum sagen kann, wo die neue Arbeit endet und die alte beginnt. Weitere Aenderungen folgen, wenn die Sonne am Tage scheint, aber der Nachtfrost bleibt. Ihr vereintes Erzeugnis ist eine Mauer aus fast reinem Eis mit Vertiefungen, die dem Unerfahrenen zum Verderben gereichen können. Eine besonders merkwürdige Thätigkcit des Windes kann man in engen Bergpässen sehen. Hier streicht der Wind in den verschiedensten Richtungen durch, steigt oft bergan und ebenso plötzlich wieder bergab. Dann laufen die Linien auf den Schneewehen senkrecht und in spitzen Winkeln, ebenso wie sie auch der normalen und sich kreuzenden Richtung folgen.— Astronomisches. ie. Stern schatte n. Mit Ausnahme der Sonne und des Mondes hat kein Himmelskörper eine genügende Leuchtkraft, um deutliche Schatten zu werfen. Nur von der Venus zur Zeit ihres höchsten Glanzes ist gelegentlich ein Schatten beobachtet worden. Der Schatten der Venus findet sich daher auch schon in den berühmten „Grundzügen der Astronomie" von John Hcrschcl beschrieben, loo es heißt:..llnter günstigen Bedingungen wirft die Venus einen ziemlich starken Schatten. Man muß diesen Schatten auf einem lvcißen Hintergrund auffangen. Ein offenes Fenster in einem Zimnier mit weißen Wänden giebt die beste Gelegenheit. Unter solchen Umständen habe ich nicht nur den Schatten beobachtet, sondern auch die Beugungsrändcr, die seine Umrisse umgeben." In den letzten Jahren sind derartige Beobachtungen am Licht der Venus häufiger gemacht worden. Der Astronom Tauchet hat jetzt im Pariser„Kosmos" ein Verfahren angegeben, wodurch man den Schatten der Venus und auch andrer Gestirne nicht nur deutlich sichtbar niachen, sondern auch auf die phorvgraphische Platte bannen kann. Es genügt ein Fernrohr von mäßiger Größe und eine ge- wohnliche Dunkelkammer, vor der in geeignetem Abstand der zu beleuchtende Gegenstand angebracht wird. Auf der Hinteren Glas- scheide der Dunkelkammer erscheint dann das vergrößerte Bild des Planeten und der Schatten des Gegenstandes. Tauchet hat mehrere Photographien solcher Sternschatien hergestellt und veröffentlicht, die namentlich dadurch interessant sind, daß sie die schon von Hcrschcl erwähnten Beugungscrschcinungen deutlich zeigen. Diese treten immer auf, wenn die Lichtquelle sehr klein ist. Bei weißem Licht erscheinen sie als rcgenbogcnfarbene Ränder, sonst dunkel, und zwar in rotem Licht breiter als in blauem. Es ist dieselbe Er- scheinung, durch die der glänzende Rand um den von einer Bogen- lnmpc ohne Glocke geworfenen Schatten entsteht. Noch an zwei andren Sternen hat Touchet Schattcnbcobachtungen gemacht, am Planeten Jupiter und am Fixstern Sirius. Eine seiner Photo- graphicn zeigt das Schattcnb-ld einer Brosche, das in 00 Eenti- nictcr Abstand vom Hintergrund der Duntelkammer durch das Licht des Sirius photographiert tvurdc. Um diese Photographie ist es übrigens eine ehrwürdige Sache, wenn man bedenkt, daß sie mit etwojicun Jahre altem Licht ausgenommen ist, denn so lange brauchen die Strahlen des Sirius, bis sie zur Erde gelangen.— Technisches. gr. Neue Borrich tuug für P r e ß l u f t- E r- zeugung. Die bisherige Art der Preßluft-Erzcugung durch Compound-Lüft-Kompressoren ist mit ziemlich bedeutenden Kosten verknüpft, sodatz darunter die allgemeine Verwendung von Druckluft für technische und gewerbliche Zwecke unzweifelhaft sehr leidet. Um die Herstellungskosten der Preßluft wesentlich zu verringern, hat nun Ingenieur Hein eine Vorriwtung erbaut, welche die komprimierte Lust«Nittels stoßweise in Bewegung gesetzten Aufschlagiuasscrs er- zeugt. Bckauutlich tritt immer dann, tveim man das in einer Rohrleitung fließende Wasser plötzlich abschließt, ein sogenannter„Schlag" ein. Diese Rcattion ist nicht selten so kräftig, daß Rohrleitungen be- schädigt werden, weshalb man z. B, längeren Pumpe nanlngcn immer einen Windkessel beifügt, damit der bei plötzlichem Leitungsschluß ein- tretende Stoß so möglichst unschädlich gemacht wird. Bei der Wasser- leitung der Stadt Berlin können durch den plötzlichen Abschluß von Ausflußstellen Schläge bis zu 180 Atmosphären auftreten, während der eigentliche Wasserleitungsdruck nur ca. tt'/- Atmosphären beträgt. Die bei solcher Reaktion auftretende Kraft sucht nun Jngenicur Schneider durch seine neue Vorrichtung rationell zu verwerten. Dieser Apparat ist ein niedriges, cylindrisches Gesäß, an toelchen seitlich ein Rohrsirang anschließt, der zu einem crböbt angebrachtcn offenen Reservoir oder zur Wasserleitung führt. Gegem&cr dieser Zulcitmigsstelle ist ein cylindrischer Anbau, an dem sich das Stoß- Ventil befindet, das gewissermaßen das Ende der Rohrleitung bildet und in geöffnetem Zustande den Wasserausfluß aus dem Apparat giebt. Der mittlere Teil des Apparates dient als Pumpenraum. In ihm befinden sich Saug- und Druckvcntil, unten trennt ihn eine Membrane von dem ArbeitStvasser. Diese Membrane Ivird durch das Arbeitswasser abwechselnd in die Höhe gedrückt und preßt hierbei BcrantwsrU. Redakteur: JultuS Kaliski iu Berlin.— Druck und Verlag: die Luft aus dem Pumpenrüum nach selbstthätigein Oeffncn eines Rückschlagventils in den höchsten Teil des Apparates, welcher die Druckhaube bildet. Von hier geht ein kurzer Rohrsirang zu dem Druckwindkesscl, der zur Ablesung des Druckes ein Manometer trägt. Beim Heruntcrsinkcu der Membrane tritt im Pumpenraum eine Saugwirkung auf, da? Säugventil öffnet sich und läßt neue Luft in den Pumpenraum ein. Oberhalb des Saugventils befindet sich in gleicher Höhe wie die Druckhaube ein Anbau, der Saugehaube heißt; diesem wird durch eine obere Oeffnung mittels eines Tropf- gefäßes Wasser tropfenweise zugeführt. Der gesamte Pumpcnramn ist mit Wasser ausgefüllt. Der Erfinder rühmt seiner Vorrichtung nach, daß sie um ca. 200 Proz. billiger sein wird, als die bisherigen Lustkompcssorcn, und daß sie namentlich geeignet sei, kleine Fluß- läuft, die durch Turbinen usw. nicht verwertet werden können, zivcck- mäßig auszunutzen. So lange keine einwandsfreien Zahlen längerer Versuchsreihen vorliegen, ist es natürlich unmöglich, zu einem abschließenden Urteil zu kommen. Immerhin erscheint uns die Erfindung kaum berufen zu sein, in Städten mit Wasserleitung umfangreicbc Anwendung zu finden. Im allgemeinen haben derartige Vorrichtungen einen vcr- hältnismäßig geringen Nutzeffekt, so daß der Betrieb von gewerblichen oder HausljaltungS-Mafchinen hier nicht wahrscheinlich sein dürfte. Anders liegen die Verhältnisse, wo ein kleiner Fluß usw. vorhanden ist; hier scheint die neue Erfindung in der That berufen zu sein. einem längst bestehenden Bedürfnisse Rechnung zu tragen. Hier kommt auch in Betracht, daß der Apparat Iväbrcnd, der Nacht Preß- luft auf Vorrat liefern kann, die dann am Tage bei großem Kraft- bedarf«nit verbraucht werden würde. In solchen Fällen ist der neue Apparat, der min»och durch Einrichtung für Compounddnick auch für höhere Atmosphärenzahlen geeignet gestaltet werden kann, sicher sehr zweckmäßig zur Gewinnung einer verhältnismäßig billigen Betriebs- kcaft, die sowohl im Haushalte, wie auch im gewerblichen Leben, ferner zu Feuerlöschzwecken und zur Lufterneuerung in geschlossenen Räumen umfangreiche Verwendung finden kann.— Humoristisches. — Aus dem Examen. Professor:„Wo? werden Sie machen, wenn ein Patient, trotz aller angewandten Mittel, immer noch nicht gesund werden will?" Examinand:„Ich«verde d i e R e ch>« u n g schicken!"— — Beim Hundehändler.„Was kostet der Bernhardiner?" „00 Mark 1"„Und der Dackel.„Der ist sibon ausgezeichnet für die Jagd dressiert— kostet daher 100 M,!"...„Was ver langen Sie für den ganz Kleinen da?".,.„O, das ist eine sehr seltene Rasse; unter 200 M, könnt' ich den nicht geben!",,.„Ja sagen Sie mal— wa? kostet denn bei Jhiien dann gar lein Hund?"— — B o r s i ch t i g,„Donncrivetter, warum habt Ihr dem« Eure Spritze nicht«nit?" „Zu Befehl, Herr Bezirksamtmann, die haben tvir erst gestern bekommen, und da«vär's doch bei dem Sauivetter schab' g'wesen uin die schöne, neue Spritz'!"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Die G eneral- Jnteud antu r der königl. Schau- spiele teilt«nit, daß K u n st e l c v c». die in den Verband der königl, Schauspiele eintreten möchten, nur dann geprüft«verde» können, lvenn sie z«lr Beglaubigung ihres Talentes von ersten künstlerischen Kräfte«« oder nainhäften Lehrern ZeugNisft beibringen,— — In München hat sich eine dramatische Gesell- s ch a f t zun« Zlvecke der Aufführung von Stücken«in- bekannter Autoren und solcher Werke, denen die öffentlichen Bühnen verschlossen bleibe««, gebildet. Den« Vorstand gehlsten««. a. Dr. Hirth und Dr. Langen an.— — Humperdinck komponiert gegenwärtig eine neue Oper, dcrei« Text dein Dumasschei« Lustspiel„Das Fräulein von Saint C>)r" entnommen ist,— — Waldemar v, B a u ß n e r n s Musitdrama„Der Bundschuh", Text von Otto Erler, ivird anfangs Juni 190 1(zur Beit des Musilftstes des Allgemeinen Deutschen Musikvereins) im p e r n h a u s e zi« Frankfurt a. M, die Erstaufführung erleben.— — Ii« Brüssel soll 1904 ein Wettbetverb für I n s« r u m e n t a l k o m p o>! i st e n stattfinden; die Stadt hat bereits 20 000 Fraitk Unterstützung zugesagt,— — E r m a n o S Wolf-Ferrar os komische Oper„Die ««eugierigen Frauen" erzielte bei der Erstaufführung im Rlütichener Residenz- Theater nur einen äußeren Erfolg.— t. Eine neue Sternivarte«vurde Ende Oktober an« A m h e r st- C o l l e g e in Massachnsetts(Bereinigte Staaten) eröffnet. Die Warte, die bereits früher bestand,«vor unzulänglich geivorden und ist jetzt mit einein Auftoand von 400 000 M, ne«« erbaut und ei««« gerichtet worden. Die Leitung hat Professor Todd übernommen.— Vorwärts Bnchd ruckerei und VerlagSAustalt Pank Singer& Co., Verl in 3\V