Ilnterhaltimgsblatt des Worwärts Nr. 236. Donnerstag, den 3. Dezember. 190l (Rf.chdnil! unOoten.) Da« Verbrechen des Hrztes. 14] Roman von I. H. R o s n y. Antorisierte Ucbertragnng von M. v. B e r t h o f. „Trei Monate, gut! Und dazu»och einen bis zwei Monate, damit Sie die Zahlung vorbereiten können. Also sagen wir alles in allein genommen sechs Monate. Ich ge- währe Ihnen also sechs Monate, aber wohlverstanden mir, wenn die Auskünfte stimmen. Wir setzen die Fälligkeit neunzig Tage vom Ende dieses Monats. Wenn Sie nach neunzig Tagen gescheitert sind, dann werden Sie erbarmungslos ge- Pfändet, denn dann taugen Sie zu gar nichts. Wenn aber alles seinen richtigen Gang geht, dann wird ans weitere drei Monate prolongiert. Sie wissen, ich halte, tvas ich verspreche. Die Bedingungen sind natürlich die gewöhnlichen. Ein- verstanden?" ,. Eiiwerstanden!"'wiederholte Herbelhie. Und lächelnd fügte er hinzu:„ �ch danke Ihnen nichtsdestoweniger. Sie retten mich zwar nicht gerade auf sanfte Art, aber ich bin trotzdem gerettet." „Ach, der Dank!" spottete Renonvier.„Ich arbeite für mich, bin aber doch froh, wenn meine Leute Erfolg haben: ungefähr so froh, lvie man sich an dem Siege eine Pferdes freut, da<> man in seinem Stall aufgezogen hat. Auf Wieder- sehen also!" „Wahrlich," dachte Guy, während er seine Besuche rnst- uahm.„Sollte man nicht meinen, dieser Diebstahl ziehe den Erfolg»ach sich? Oder sollte Renonvier recht haben? Bin ich nicht nur so im Geleis dahingetrottet, ohne lhatkräftig einzugreifen? Habe ich nicht allzuviel ans die Arbeit und die Wissenschaft gerechnet, während man doch nur als Parasit seinen Weg machen kann? Wie dem auch sei. setzt werde ich meine Schulden los, ohne das neue Kapital angreifen zu müssen. Es wäre wirklich die gröszte Ironie, wenn mir dies plötzlich überflüssig werden sollte." Er kam gegen 7 Uhr nach Hause und schlosz sich nach dem Diner in sein Arbeitszimmer ein. Dieser dritte Abend hatte einen ganz andren Charakter als die beiden vorangegangenen. Die Besorgnis war wohl noch vorhanden, aber sie war entrückt, wenn man so sagen darf. Er hatte nicht mehr jene plötzlichen Anfälle von Herzklopfen und sein Gedankengang war nicht mehr so heftig und wider- spruchsvoll. Die Lage blieb immer noch peinlich, aber—- sie war nicht inehr unerträglich. Die Hoffnung kam hinzu und überdies hielt die Ansreguug durch die Liebe der Anfregniig durch die Fnnlst das Gleichgewicht. Lange verharrte er regungslos und suchte in seinem Ge- dächtnis die Eriimernngc» an sein letztes Zusamnieusein mit Madeleine zu erneuern, bald von einem sinnlichen Schauer ergriffen, bald von einem Gefühl der Zärtlichkeit und Dank barteit für dieses schöne Mädchen ersaht, das, ausgerüstet mit allen natürlichen und gesellschaftlichen Borzügen, darein tvilligte, ihr Schicksal mit den? eines Bermögenstosen zu teilen. Er erwachte aus dieser Träumerei mit einem neuerlichen leisen Anfall von Unruhe— einer normalen Reaktion, die er vielleicht ganz ähnlich cinpsunden hätte, wenn er unschuldig gewesen wäre. Und er dachte sich:„Was thun? Einerseits haben sich die Chancen für die Straflosigkeit unberechenbar vermehrt. Andrerseits, wenn ich dies Vermögen jetzt vernichten wiirde, würde es wahrscheinlich nicht mehr und nicht weniger für die Zukunft bedeuten." „Und doch, wer lveist? Sie liebt mich— ja. Aber eigenartig wie das Spiel des Lebens nun einmal ist— wo liegt die Gewischeit, allster in der Vergangenheit und in der Gegenwart? Kanu sie nicht in der Zwischenzeil sterben? Auch. würde es mir entsetzlich sein, von meiner Frau die Bezahlung meiner Schulden zu verlangen. Das wäre eine Gefahr für unser künftiges Glück. Würde sie mich nicht verachten, das; ich ihr meine Lage verschwiegen habe? Und ich will glück lich sein!" So wurden seine Gründe allmählich spitzfindiger und weniger erst. Dieser Diebstahl, in einer Stunde der Ver- zweiflung, im nniiberwindlichen Drange der Selbsterhaltung vollbracht, sollte vielleicht schließlich mich dazu dienen, die Empfindsamkeit einer jungen Frau zu schonen. Er konnte sich eines Lachens nicht enthalten, eines bitteren, wütenden Lachens, in dein sich seine Selbst- Verachtung barg. Dann sagte er sich:„Ich werde es gut machen!" Als er das Geld wieder eingeschlossen hatte, nahm er die Briefe von Plessis, das Testament und die genealogischen Ans- Zeichnungen wieder hervor. „Das innst alles vernichtet werden." sagte er sich.„Da? ist eine teilweise Gefahr, die mit dem Ganzen verbunden ist." Dennoch zögerte er, aber nicht hinsichtlich der Briefe. die er einen nach den; andren ins Feuer warf. Mit einem abwesenden Lächeln sah er zu, wie sie anfflammtcn. bcobachtele jedoch sorgsam, daß auch nicht das geringste Teilchen seinen Weg durch die Kammer nehine. Run blieben noch die andren Schriftstücke. ES überkam ihn ein eigentümliches Bedanern, sie verschwinden zu lassen. „Das ist Kinderei! Es genügt mir ja, wenn ich den Rainen des jungen Mädchens, ihre Adresse und das Datmy ihrer Geburt behalte— höchstens noch die Namen ihrer Eltern. So viel wird mein Gedächtnis noch hergeben." Er las und überlas sorgfältig alle Daten, die er sich ein- zuPrägen wünschte. Sein Gedächtnis war ausgezeichnet. dennoch wollte er sich nicht darauf verlassen. Er nahm ans seiner Bibliothek eine alte medizinische Abhandlung und unter- strich daran mit großer Geduld eine Anzahl von Buchstabe». Er trug toorge, nur wenige Buchstaben auf einer Seite an- znzeichuen und so seine Arbeit über viele Seite» auszudehnen. Als dies geschehen war, überzeugte er sich, daß er auf die>e Weise jederzeit die notwendigen Rainen und Daten würde wiederfinden können, und dann erst verbrannte er das Testament und die Ausschreibungen, die Plessis hinterlassen hatte. Schwermütig sah er zu, wie die„Belege" derjenigen. die er ihres Erbes beraubt hatte, in Rauch aufgingen, und sagte sich:» „Wenn ich jetzt plötzlich sterben wiirde. dann wäre das arme Mädchen unwiederbringlich um ihr Eigentum ge- bracht." Etwas verworren versuchte er, sich ihr Bild auszumalen. Er sab ein Haus an der äußersten Grenze von Alantes(er war eines Tages auf dem. Rade durch den Ort gefahren) und ein halbwüchsiges junges Mädchen mit fahlem, glattgestrichenem Haar, scheuen Blicken und steifem, noch unentwickelten Ober törver. Er fand sie rührend und schwor sich, für ihr Gtiick zu sorgen. „So wie ich nur abkommen kann, fahre ich nach Mantes!" i. Sechs Woche» verflossen. Die Untersuchung über Plessis' Tod war längst beendet, das Verhör der Bewohner des Hauses 77 der Ruc de Penthidvre hatte ergeben, das; einer unter ihnen den Besuch des Mannes empfangen hatte, auf den die vom Hausbesorger gegebene Personsbeschreibung paßte. Dadurch war das Mißverständnis bald erklärt. Andrerseits hatte man ein Inventar anfgenonnnen: der Besitz des Verstorbenen war viel bedeutender, als man geglaubt hatte. Man fand eine Summe von llli OVO Fr. in Gold und Bantnoten in einem Schreibtisch, wo auch die Papiere über die Leibrente lagen. Keine Spur jedoch von irgend cineui Teftameiit oder irgend einer Art von Buchführung— es seien denn Rechnungen und Quittungen. Der Doktor gelangte umsomehr zur Kenntnis aller dieser Einzellwiten, als er sozusagen Gläubiger dieses Nachlasses war. Jeder Grund zur Uiirube war verschwunden, aber der junge Mann bersnhr nichtsdestoweniger mit der größten Vor- sickt. Er zahlte nur einige lleiue drückende Schulden, schaffte sich durch kleine Teilzahlungen Luft bei andren und wider- stand sogar dem Verlangen, seiner Köchin den ganzen rück- ständigen Lohn auszuzahlen: er begnügte sich damit, ihr einen Teil davon einzuhändigen. Obgleich er jetzt sicher war. daß man im Nachlaß des Verstorbenen kein AninmernverzeichmS gefunden Ijflttc, bediente er sich doch vorsichtshalber nur der Hundert« und Fünfzigfraiikscheiue. Durch ein eigentümliches Zusammei, treffen war dieser Zeitpunkt auch für seine ärztlichen Erfolge ein sehr günstiger. Dr hatte neue Patienten, erzielte unverhofft glückliche Kuren. Einer seiner Patienten, ein sehr reicher, sehr angesehener und thätiger Mann, schwor, daß er ihm das Leben gerettet Habe und machte riesige Reklame für ihn. Uebcrdics war seine Verlobung mit Mademoiselle Montcaur veröffentlicht worden; dieser Umstand allein vcr- schaffte ihm einen solchen Aufschwung seines Kredits, daß er sich sogar ohne jede Gefahr in übertriebene Ausgaben hätte stürzen dürfen, wodurch sich oft Verbrecher verraten. Er hatte gar keine Lust dazu. Außer einigen bescheidenen Mahlzeiten, die er sich in einem besseren Restaurant erlaubte, um sich von der schrecklichen.striche, die ihm in seinem eignen Hause vor- gesetzt wurde, zu erholen, gestattete er sich keinen andren Lupus, als die schönen Bluinen, die er Madeleine schickte. Er wollte ungewöhnliche, ganz besondere Arrangements, aber er bc- obachtete die Taktik, den Preis genau auszuhandeln. An einem Nachmittag im April war Guy mit seinen Krankenbesuchen sehr früh fertig, da er nur einige Re- kcmvalescenten und leichte Kranke zrr besuchen hatte. Zuerst sagte er sich:„Ich will zu Madeleine." tFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) jVlitkras-k�ultus und Christentum. Der persische Gott Mithra oder Mitbras und sein Kult, die Mithra-Mysterien, war der Altertumswissenschaft längst bekannt, wenn man auch über die Bedeutung dieser Gottheit nicht klar war, da er bei den griechischen und römischen Schriftstellern als die Sonne, in den Zendbncbcrn dagegen aw Gefährte und Mitwirker der Sonne aus ihrem itans erscheint. Man weih auch seit gcranmerZeit, dahdieMithrns- Religion in Rani während der Kaiserzeit heimisch war, wie denn noch Julian der Apostat dein Mithrasdicnst eifrig ergeben war, um seine Ab- iteignng gegen das Christentum air den Tag zu legen. Schon Th. Mündt � in seiner„Gottcrwelt der alten Völker" bringt das römische Fest der Wintersonnenwende, Natalis Solis invicti(Geburt der unbesiegten Sonne), das auf den LZ. Dezember fiel wie das christliche Weihnachtsfest, mit den, großen Mithrasfest in Persien in Zusammenhang. Doch erst in den-letzten Jahrzehnten gelang es der Forschung, mehr Licht über diese Religions- form zu verbreiten, die mehrere Menschenalter hindurch init dem Christentum rivalisierte und um die Wellherrschast rang, so daß Kaiser Konstantin, der später das Christentum zur Staatsreligion „erhob"(ein Ausdruck, der lebhaft an die„Erhebung" iil den Adelsstand erinnert), in den ersten Jahren seiner Regierung noch zwischen diesem und der MithraS-Reliaion geschwankt haben soll. Geradezu frappant ist die Achnlichkeit einer Reihe beidcnRcligioncn gemeinsamer Züge. Darüber hatim Februar d.J. der Rektor derTübinger Universität Professor Dr. Grill in einem Vortrag interessante Mit- tcilungcn gemacht. Mithras gilt als der Heiland und Erlöser der Menschen, der von Anfang an an der Menschheit sein Rettungs- Iverk verrichtet. Bildliche Darstellungen zeigen die Geburt deS gvlt- lichen Kindes aus einem Felsen und daneben anbetet, de Hirten. Als Sieger über Tod und Hölle fährt er zum höchsten Himmel auf, von Ivo er die dämonischen Einflüsse des Ahriman, des teuflischen Gegners des LichtgotteS Ormuzd, unschädlich macht, und steht den Menschen bei in ihren Anfechtungen. Seine Forderung geht auf Reinhaltung des Leibes und der Seele in ernster, sittlicher Arbeit. Er ist der Richter, der über das ewige Los jeder Seele entscheidet, ob sie den Höllen- quälen Ahrimans anheimfällt oder durch die sieben Planetenregionen zum Himmel aufsteigen darf. Am Ende aller Tage wird er die Welt erneuern. Der Aufnahme in die Mysterienrcligion des Mithras ging eine Reihe von Besprengungen und Abwaschungen voraus. Neben diesem Taufakt erfährt man auch von einer der Konfirmation ähnlichen Handlung. Auch der siebente Wochentag wurde im Mithras- kult heilig gehalten. Auf eine andre äußere Verwandtschaft mit den, Christentum hat der Frankfurter Professor Wolff, der verdiente Limesforscher, hingewiesen, der durch seine scharfsinnigen Untersuchungen und Deutungen der in Großkrotzenburg, Hadder,, Hei», und andern Orten der benachbarten Limesgegend aufgefundenen Bau- und Skulpturenreste schon vor zwei Jahrzehnten das Wesentliche über Bau und Ausstattung der Mithras-Hciligtümcr klar feststellte und dessen Annahmen die seitdem gemachten zahlreichen Funde in den verschiedenen Gegenden des römischen Reiches Bestätigung fanden. Wie die ersten Christen durch den Druck der Verfolgungen genötigt waren, sich in unterirdischen Gemächern und dunklen Gelassen zu versammeln, so kannte der Mithraskult keine prunkvollen Tempel wie andre Religionen, sondern nur sogenannte„Spclncn", das heißt ganz oder teilweise unterirdisch angelegte Grotten von nur geringer Ausdehnung, deren Ausstattung überall regelmäßig dieselbe ist; den Mittelpunkt des Kultus bildete ein die ganze Hinterwand ein- nehmendes vier Quadratmeter großes Melicfbild des ftiertötenden Mithras.(Auch dieses blutige Opfer: Mithras, der da? Messer dem Stier in den Hals stößt, aus dessen Körper Achren hcrvorwachsen, setzen die genannten Forscher mit dem blutigen Opfer des Christen- tums in Parallele.) Zu beiden Seiten stehen allemal zwei Knaben, Eautcs und Eautopares, mit erhobener und gesenkter Fackel, was von dem Genter Professor Franz Cmnont, dem Haupterforsckicr des Mithraskulrs, auf die aus- und untergehende Sonne gedeutet wird. Mithras selbst soll das sieghafte Tagesgestir» bedeuten, daher sein Fest am Wintersolstitiun,. Eine weitere Verwandtschaft mit dem altchristtichcn Brauche zeigt sich darin, daß diese Kultstätren fast überall dicht neben oder in den Gräberfeldern liegen. So wurde in diesem Jahre auf der Saalburg ein Mithras-Hciligtum auf- gedeckt, nicht innerhalb des Lagerdorfcs, sondern weiter rechts am Rande der Grabstätten, Die Mithras-Mhstericn bedeuteten für das junge Christentum einen gefährlichen Gegner. Wie ernstlich sein Kampf mit dieser Erlösungsreligion im großen Stil gewesen, zeigt(nach Grill) deren Ausbreitung. Während Italien überall Cpuren jenes Kults aus- weist, haben sich solche in Griechenland und im westlichen Kleinasien nicht gefunden. Dagegen sind sie überaus zahl- reich in den Ländern der Donau und des Rheines, in Frankreich, vereinzelt sogar in Britannien, verhältnismäßig häufig in Nordafrika. Die geographische Eigentümlichkeit giebt den Erklärungsgrund an die Hand. Die Propaganda geschah durch die Angehörigen des römischen Heeres. Aber in noch weit höherem Maße haben die massenhaft aus dem Orient herübergebrachten Sklaven an der Ver- breitung teilgenommen.„So war dieser Mithraskult anfänglich doch mehr eine Religion der unteren Klaffen. Allmählich zog er aber auch die vornehme Welt in seinen Bannkreis." Also auch hierin auffallende Aehniichkeit mit dem Christentum. Diese Seile der Mithras-Religion ist für uns besonders intcr» essant und bestätigt die vom Verfasser dieses anderwärts aufgestellte Vermutung, daß es bei verschiedenen Völkern Klnssengötter gegeben hat, wie es nationale Götter gab. Sobald die Klassengegensätze sich scharf auszuprägen begonnen und die unfreien, unterdrückten und ausgebeuteten Klassen nicht mehr stumpfsinnig ihr Joch schleppten, sondern die Sehnsucht empfanden, es abzuschütteln und es unter ihnen zu gären anfing, entwickelte sich auch die mythologische Idee einer Gottheit der Armen und Unterdrückten, die ihnen beisteht in ihrem Befreiungskampf, ein himmlischer Erlöser der unteren Gesell- schaftsschichlen. Gewöhnlich wurde ein Gott aus uralter Zeit von den Führern der Volksbewegung in diesem Sinne umgebildet. So figuriert der alttestamcntariiche Jahweh oder Jehovah(der ursprünglich einen ganz andren Charakter hatte) bei den Propheten, den feurigen An- wältcn der unteren Klassen, als Beschützer der Armen, Unterdrückten» Vergewaltigte», als Gesetzgeber der' Gerechtigkeit und Wohltbätigkeit; er steht als solcher im Gegensatz zu Baal, dem Gott der Reichen und Vornehmen. So wurde der alte Gott Saturn im späteren Rom zum Gott der Freiheit und Gleichheit umgebildet, unter dem dereinst ein goldenes Zeitalter des allgemeinen Uebcrslusses geblüht habe, dessen Wieder- lehr die unteren Klassen erhofsten, und an dessen Fest, den Saturnalicn, die ebenfalls in unsre Weihnachtszeit fielen, jeder Unterschied zwischen Herren und Knechten aufgehoben war; die Sklaven und Dienenden nahmen an den Schmausereien der Freien und Vornehmen wie ihresgleichen teil, trugen Herrenkleider und Herrcnhüte, waren von jeder Dienstleistung entbunden, wurden sogar von ihren eignen Herren bedient und durften sich weitgehende Freiheiten gegen sie erlauben. Selbst in der griechischen Prometheus- Sage, in dem Trotz des rebellischen Titanen und Wohlthätcrs der „urglückseligen Menschen"(wie er besonders bei Aeschylos erscheint) gegen deren Unterdrücker Zeus, den Gottdespolen, scheint sich ein socialer Klassenkampf mythologisch zu spiegeln. Was Mithras ur'prünglich personificzcrte, darüber sind die Forscher noch jetzt im unklaren: wie bereits bemerkt, schwanken die Quellen selbst, so daß er nicht schlechthin Sonnengott gewesen sein kann. Sollten nicht die aufsprießenden Aehren, welche das aus dem geopferten Stier(wohl das Sternbild des Stiers symbolisierend, wie in Aegypten der Stier Apis) hcrvorschießcndc Blut erzeugt, eher dahin zu deuten sein, daß Mithras ursprünglich als Gott des Regens galt? Man bedenke die wichtige Rolle des Regens im Morgenland, und besonders in Persien, für die Fruchtbarkeit der Vegetation. Dafür spräche auch die Etymologie, da Rege» in Sanskrit, mütr heißt, wie ähnlich in andern semitischen Sprachen(hebräisch matar). Auch hießen die Wolken in der altindischen VolkSreligion mataias (Mütter), die dem lechzenden Säugling, der Erde, ihre erquickende Flut zuströmen lassen. Die Vorstellung des regenspendenden Gottes, der den verschmachtenden Massen üppigen Segen sprossen läßt, führt leicht zur Auffassung desselben als Wohlthätcr und Erlöser deS Volks.— D 8t. .(Nachdruck verbolen.) Amerikanische Konservenfabriken. Ter ungeheure Reichtum Amerikas an Früchten wie an Boden» Produkten jeder Art war der Bildung von Konservenfabriken außer« ordentlich förderlich. Es ist ganz undenkbar, daß alle diese Nahrungsmittel in frischem Zustande veräußert werden können, wenn auch der Export der Früchte in noch so umfassender Weise be- trieben wird. Es erwies sich jedoch als notwendig, die Konserven den Konsumenten in einer so bequemen Form und einer so tadel- losen Beschaffenheit zu liefern, dah er dieselben womöglich beim täglichen Gebrauch den frischen Früchten und Gemüsen vorziehe — denn nur bei einem ständigen, großen Konsum können die Kon- servenfabriken dauernd in Betrieb gehalten werden und mit Borteil arbeiten. Aus allen diesen Gründen ergab sich die Notwendigkeit eines bis ins kleinste durchdachten maschinellen Betriebes, welcher die Produktionskosten auf das geringste Maß herabsetzt und ein tadelloses Fabrikat sichert. Tie Arbeitsteilung und Speeialisierung der Betriebe war von der Art der B-.�- nprodukte des betreffenden Landesgebietes bezw. der Konkurrenz aboc.wig. Tie Konservenfabriken verarbeiten demgemäß nur ganz, bestimnue Früchte oder nur ganz bestimmte Gemüse, wieder andre beschränken sich überhaupt auf ein einziges Produkt. Es soll hier speeiell der maschinelle Betrieb einer Fabrik ge- schildert werden, welche sich ausschließlich mit der Fabrikation von Erbsen, Bohnen und jungem Mais beschäftigt, bezw. mit der Fabri- kation von Konserven, in denen diese Produkte den wichtigsten Be- ftandteil bilden. Diese Fabrik, die zu den größten Konservenfabriken Amerikas gehört, liegt an den Ufern des Black-River-Kanals und ist mit einer ausgedehnten Farm verbunden, welche einen großen Teil der zu konservierenden Bohnen, Erbsen usw. liefert. Im übrigen sind die benachbar. en Farmen durch Kontrakte verpflichtet, ihre Er- Zeugnisse gegen bestimmte Preise der Fabrik zu überlassen. Um den vollen Betrieb zu veranschaulichen, soll nur eine Feld- .frucht, die Erbse, herausgegriffen werden; wir wollen ihren voll- ständigen Lauf durch die Fabrik verfolgen. Tie Ranken werden auf dem Felde durch eine Mähmaschine abgemäht und auf Wagen nach dem Schuppen der Fabrik gebracht. Hier kommen sie in große Trahteylinder, in denen Schaufeln rotieren, welche die Schoten zer- schlagen. So werden die Erbsen von den Schotenhülsen gelöst; sie fallen durch die Maschen deS Etilinders, während die zurückbleibenden Ranken und leeren Hülsen durch eine eigenartige Transport- Vorrichtung mittels Kette ohne Ende nach einem benachbarten Schuppen befördert werden. Indessen sind doch noch einige Teile der Hülsen mit unter die Erbsen geraten; diese haben deshalb noch ein- mal einen Trahteylinder mit engeren Maschen zu passieren, in Ivelchem sie von diesen Beimischungen befreit werden. Staub und sonstig'e kleine Partikel kann natürlich auch dies Sortierverfahren nicht ent- fernen; die Erb'en kommen daher jetzt in einen Apparat, dessen Konstruktion an die alten Getreide-Wurfmaschiueu erinnert und in denen die Körner durch Erzeugung eines starken Luftstromes von Staub und andren leichten Teilen befreit werden. Ter Reinigung folgt das Sortieren der Erbsen. Diesem Zwecke dient wieder ein System von Drahtcvlindern mit weiten Maschen, welche nur die größten Erbsen zurückhalten. Alle übrigen fallen hindurch und gelangen in einen zweiten Culinder, welcher die Erbsen zweiter Größe zurückhält; so wird die Arbeit automatisch fortgesetzt, bis im letzten Eylinder der ganze Rest zurückgehalten wird. Während die Erbsen nun auf mechanischem Wege von einem Siebe zum andren befördert werden, trovft gleichzeitig beständig Wasser auf sie herab, welches die Erbsen reinigt rnid sofort durch die Siebe oder Eylinder abfließt. So wird das Sortieren der Eqbsen mit dem Waschen ver- Kunden, um Zeit und Arbeitskräfte zu sparen. Jetzt ist es an der Zeit, die Erbsen zu sieden. Das geschieht natürlich auch in größtem Maßstäbe auf vollständig maschinellem Wege. Es ist da ein großer Trog mit siedendem Wasser, durch welches sich eine Art Becherwerk bewegt, bestehend aus einer Kette, auf welcher die mir Erbsen gefüllten Gefäße befestigt sind. Tas Füllen der Gesäße geschieht natürlich automatisch, und zwar durch dasselbe Becherwerk, welches von dem Erbsenvorrat stets genau so viel aufnimmt, als jedes Gefäß fassen kann, um dann sofort den Weg durch den Siedetrog zu nehmen. Ties alles aber geschieht schneller, als ich es zu schildern vermag. Nach dem Verlassen des Siedeapparates werden die Erbsen durch berabtropfendes talres Wasser gekühlt und noch einmal gründlich gespült. Nun gelangen sie auf einen sogenannten Trog-Conveyorz es ist dies ein breiter, muldeneirtig gewölbter Riemen, welcher auf Rollen in Tischhöhe durch den Arbeilsraunt läuft. Zu beiden Seiten des- breiten Riemens stehen Arbeiterinnen, welche die fehlerhasten Erbsen und etlva noch vorhandene fremde Substanzen herauslesen. Diese Arbeit erfordert große Aufmerksamkeit und Sorgfalt, kann also durch keine Maschine bewirkt werden. Ter Eonveyor trägt die tadellosen Erbsen nach dem Füllapparat. Dieser hat die Funktion, seinen Inhalt in die auf automestischem Wege herbeikommenden Konservenbüchsen zu entleeren. Die Büchsen gleiten durch eine Rohrleitung aus dem im Obergeschoß gelegenen Borratsraum herab und lverden stück- weise durch eine fortwährend laufende Kette vor die Mündung des Füllapparates gebracht. Tie Bewegung ist so genau reguliert, daß sofort an die Stelle einer gefüllten Büchse eine leere vorrückt, und so fort in konstantem Betriebe. Jedesmal bei Anrücken einer leeren Büchse öffnet sich von selbst das Ventil des Füllapparates, um sich nach Füllung der Büchse ebenso schnell zu schließen. Die gefüllten Büchsen rücken dann sofort unter ein Rohr, aus welchem eine heiße Flüssigkeit strömt, welche die zwischen den Erbsen in der Büchse ver- bleibenden Zwischenräume auszufüllen hat. Auf' dem Wege zwischen Füllraum und Lötapparat werden die Büchse» durch Knaben mit Teckeln versehen. Auch für diese Arbeit ist ein Rasten der Büchse nicht erforderlich; die Knaben sind geübt genug, um die Teckel blitzschnell auf die Büchsen zu setze», während diese von dem in ständiger Bewegung befindlichen Eonveyor durch den Arbeitsraum getragen werden. Tas Löten'geschieht durch die voll- kommeusten Einrichtungen dieser Art, deren Beschreibung hier zu weit führen würde. Nach dem Zulöten werden die entsprechenden Oualiiätszeichen und sonstigen Vermerke auf der Büchse eingebrannt. Schließlich wird auch noch nach Prüfung des Inhalts das kleine in der Mitte eines jeden Teckels befindliche Loch perlötet. Nachdem man mit dem letzten Verfahren zu Ende ist, kommt der Aufseher und untersucht, ob sämtliche Büchsen sieh in vorschriftsmäßigem Zu- stände befinden. Von hier wandern dieselben dann in großen Stahl- körben auf der«Kette ohne Ende" in die im Souterrain liegenden Kochapparate, aus welche» sie nach Beendigung des Kochens wieder in Stahlkörben auf der Kette ohne Ende ein ca. 4ö Meter langes Gerinne von kaltem Wasser passieren, um endlich, vollkommen ab- gekühlt, nach dem Lagerraum zu gelangen. Von hier aus werden sie schließlich in ungeheuren Mengen in den Handel gebracht.—. Fred H o o d. kleines feuilleton. sc. Tic Schätze der Nordsee. Als vor zivei Jahrhunderten ein schottischer Schriftsteller in einem Buche„Britanniens Meeresschätze" zeigte, einen wie großen Anteil die schottische Fischcrflotte in der nationalen Industrie hatte, konnte er gewiß nicht ahnen, welche großen Zahlen die heutige Zeit aufzuweisen hat. Allein zwischen 300 und 350 Millionen Kilogramm Heringe wurden, wie ein Londoner Blatt schreibt, im Jahre 1900 in englischen Häfen gelandet, und jedes Jahr wächst die Zahl, abgesehen von gelegentlichen Rück- schritten, wenn ungünstige Witterungsvcrhältnisse vorliegen. Ferner wurden 50 Millionen Kilogramm Kabeljau im Jahre 1000 ans Land gebracht. Bor 59 Jahren warf ein Fischer in Searborough ein paar Seezungen ins Meer und erklärte mit kummervoller Miene, es wären die letzten der Nordsee; indessen hat sich diese Behauptung keineswegs gerechtfertigt. Auch die Behauptung der Fischer, daß das Tampsschleppnetz die Fischbrut zerstöre, die am Grunde der See liege, ist durch Professor Huxley widerlegt worden, der nachwies, daß die Brut sich meist an der Meeresoberfläche befinde. Er zeigte ferner, daß die Schwärme von Kabeljau in höheren Breitengraden so ungeheuer groß sind, daß, wenn die Stricke herabgelassen werden, die Fischer bemerkten, wie das daran befestigte Gewicht beständig gegen Fische stieß. Eine Qnadratmeile Meer, in dem Kabeljaus sind, muß mindestens 120 000 000 Fische enthalte»; es gilt aber für eine» außergewöhnlich guten Ertrag, wenn die Fischer der Lofoten 30 000 000 Fische sangen, und mehr als 70 000 000 werden nicht einmal von allen norwegischen Fischern zusammen gefangen. So müßte also ein einziger Schwärm, der sich der Küste nähert, genügen. um den ganzen Fang einer Fischsaison zu decken, wobei dann 40 000 000 bis 50 000 000 übrig bleiben, um den Verlust zu er- setzen. Tie Hauptnahrung des ausgewachsenen Kabeljau scheint der Hering zu sein, und selbst wenn man nur einen Hering für den Tag annimmt, so � verzehrt der Kabeljau in einem Schwärm von einer Quadratmeile 840 000 000 Heringe in der Woche. Alle norwegischen Fischer zusammen fangen nur die Hälfte dieser Zahl von Heringen. Professor Huxley meinte, daß selbst die Thätigkeit aller Kabeljan- nnd Heringsfischereien zusammen nur 5 Prozent der Gesamtmenge von Fischen zerstört und kaum in Betracht kommt gegenüber der Ver- tilgung, die von Seetieren ausgeht. Ter englische Fischcrei-Jnspekror Spencer Walvole stellte einmal über die Fruchtbarkeit der Natur eine interessante Erwägung an. Er schätzte die Zahl der jährlich ge- fangenen Heringe auf 3 000 000 000, ebenso hoch die Zahl der durch Raubvögel und Fische vernichteten. ES ist nicht wahrscheinlich/ daß die Zahl der gefangenen Heringe mehr als 1:1000 beträgt; man nehme aber an, das Verhältnis sei sogar 1: 2. Um den vorhandenen Bestand der Fische aufrecht zu erhalten, müßten die übrig- bleibenden 0 000 000 000 Heringe im Laufe des Jahres wieder 0 000 000 000 hervorbringen; also wenn die Hälfte davon Weibchen sind, so muh jedes z>«»i Heringe hinterlassen. Tagegen bringt aber jedes nicht zwei, sondern 20 000 bis 50 000 Eier hervor; so blieben also 19 998 Eier im schlimmsten Fall, die umkommen könnten; von diesen würden durch die Thätigkeit des Menschen etwa acht verloren gehen.— so bleibt noch eine so ungeheure Vermehrung, dah die Natur noch für das Verschwinden eines Teiles der Fische sorgen muß, damit die Nordsee nicht in wenigen Jahren eine kompakte Fischmasse wird. Es hat also keine Gefahr mit dem Aussterben der Fische.— — Schwieiigkeitcu"der Finikcn-Tclcgrnphic. Gelegentlich der letzten Flottenmanöver wurde, wie die„Technische Rnudschau" mit- teilt, eine bedenkliche Erfahrung auf dem Gebiete der Funken- Telegraphie gemacht. Als die Flotte sich nach der Dauerfahrt durch die Nordsee bei der Insel Hellisö an der norwegischen Küste wieder zusammengefunden hatte und die Torpedoboote des hohen See- ganges wegen in den Hjalte Fjord eingelaufen lvaren, stellte es sich als unmöglich für das Flaggschiff heraus, den Booten mittels Funken- Telegraphie die Befehle für den nächsten Tag zu übermitteln, weil die kleine Insel Hellisö dazwischen lag. Die Felsenküsten Nor- ivegcns sind gerade wie Bornholin stark magnetisch und üben auf die Kompasse einen ablenkenden Einfluß ans. Bielleicht lvirkt diese Eigenschaft hier ungünstig mit, da das Telegraphieren mittels Funk« spruch über Land sonst keinen größeren Schwierigkeiten begegnet. Weiter hat sich herausgestellt, daß die ans der Linie Kiel- Korsör verkctireilden. mit funkcntclegraphischcn Apparaten ausgerüsteten deutschen Postdampfer sich nicht ocrstäiidigcn können, sobald der Apparat eines Kriegsschiffes oder einer Station an der Ltieler Föhrde in Thätigkeit tritt' Die Apparate der Marine sind stärker als alle andern und durch ihre Benutzung werden die schwächeren Stationen in größerem Ilmkreise gestört,— Musik. Frankreich besitzt an Saint-Saöns und Massenet zwei tüchtige Komponisten, wohl die angesehensten unter den jetzt dort lebenden: jener gegen 7V, dieser über 00 Jahre alt. Beide mögen Manchen noch als Moderne gelten, und sie gelten wahrscheinlich sehr biele» Franzosen als„schwer". Für uns steht selbst jener nach der„leichten" Seite, und dieser. der an die Größe und den Ernst des andern nicht heranreicht, erst recht. Hat er immerhin eniiges Fort- schrittliche sich zu eigen gemacht, so macht ihn dies doch noch weniger als den Erstgenannten zu einem ncubewcgendcn Gliede der Musik- geschichte. Sein„Maria Magdalena"- Oratorium, das wir vor einigen Jahren hier zu hören bekanien. zeigte ihn als den richtigen Mann des Aeußerlichen und Theatralischen, dem all seine solide Könnerschaft und temperamentvolle Leichtfüßigkeit nicht darüber weghelfe». Mit seiner„ M a n o n" vom Jahre 1884 ist es ebenso. Diese„Oper in vier Alten und sechs Bildern. Text von Henri Meilhac und Ph'ilipp Gille, Musik von I. M a s s c n c t. Deutsch von Ferdinand G u m b c r t", wurde uns vorgestern(Dienstag) vom Königlichen O p e r n h a u s e als Erstaufführung geboten. Man hatte den Komponisten bisher vcrnach- lässigt— was mindestens ebenso unrecht war. als daß man jetzt auf ein Nachhinken Kräfte verwendet, mit denen Wichtigeres und Besseres gethan werden könnte. Wenn das Verblüffen durch Effekte kein wahrhaftes Interessieren ist, so kann man als das vielleicht hervorstechendste Merkmal des Textes und großenteils auch der Musik deii Mangel an Erwärmung des Interesses bezeichnen. Die Titelfigur ist ein fröhliches, liebendes, aber doch noch mehr vergnügungsfrohes Mädchen, ein VergnügnngS-Kalfaktvr, der eS nicht bis zum eigentlichen LiebeS- Kalfaktor bringt. Was nun um sie herum vorgeht und ihre Schicksale mitschafft, ist trotz allen Aufgebots von Vielerlei und Mancherlei so nn- intercffant, daß man sich mehrmals fragt, was einen denn das an- gehe— zumal beiin Lesen des Textbuches, das durch seine halbe Vollständigkeit und halbe Ilnvollständiglcit zu den unS schon bekannten litterarischen Sünden gehört. Da wird sie ihrem Chevalier Des Grieux untreu, läßt sich ein teures Ballett tominen, sucht ihn aber rasch in der Kirche auf, in der er ein Heiliger, und in der die Musik ein Effektgegensatz zu dem Ballett werden soll: dann kommen eine Falschspiclcrei, Gefangenschaft und hinsterbcirdcS Theater-' ende daran. Bon der nächtmordcnden Länge des Ganzen gar nicht zu reden. Die Musik ist in Tänzen. Auf- und Abzügen u. dgl. erfindungS- reich, in Duetten reich au Reißern und Schmachtern. beachtenswert durch charakteristische Verwendung von Schlaginstrumenten und reich an den Freiheiten, die ein solider Mensch sich gestatten darf. Sie geht über die alte Form der GesangSnummcrn hinaus und sucht die Persönlichkeiten melodisch festzustellen. Die inclo- dramatischen Begleitungen zu gesprockienctl Worten machen uns deren Gebrauch inmitten des Gesanges nicht sympathischer Gut gesang- licki. stellt sie doch vielfältige Änforderungcn an Umfang und Klang- farbenteichtuin der Stimmen. Diesen Anforderungen lyrben manche Vertreter von Nebenrollen besser als die Hauptleute entsprochen. Frl. F a r r a r und Herr N a v a l a. G.(Manon und Des Grieux) verfüge» über ein gutes Stimminatcrial: allein sowohl jener Sopran wie uanientlich dieser Tenor machen sich in den starken Tönen der Höhe unangenehm, und beide, besonders der Sopran, reichten in den übrigen Lagen mit ihrem Ausdrucksvermögen nicht so weit, wie es diese Rollen ver- langen. Unter den übrigen möchten wir das Terzett von MaiionS Freundinnen, d.i. die drei Fräulein Dietrich, Rot haus er. P a r b s besonders erwähnen: die hübschen Füge von Rokoko-Aumur, die der Komponist dieser Gruppe verliehen hat. lainckli trefflich zur Geltung. Mit einer schwierigen Hauptrolle fand sich Herr H o f f m a n n recht gut, mit kleineren Rollen fanden sich die Herren K n ü p f e r und L i e b a n in altbekannter Meisterschaft ab. Ucbcrhaupt war die gesamte Darstellung gut durchgearbeitet, und der Dirigent Dr. M u ck verdiente, das; ihn das Publikum noch eigens würdigte. Dieses verhielt sich sachgeinäs;: d. h. es folgte den Effekten so getreulich nach, lvie man eS sich angesichts solcher HeranSforderUugcir denken kann.—• dw. Geographisches. —(Ein merkwürdiger S e e b n s c n. An der östlichen Küste des Kaspischcn Meeres und mit diescin nur durch eine enge und seichte Straße verbunden, bcsindet sich eine große Bucht, die schon seit langer Feit die Gelehrten lvie die Phantasie des Volkes beschäftigt hat. Es ist der unter dem Namen Karabugas bekannte Busen, obgleich diese Bezeichnung eigentlich nur der Verbindmig mit den; K aspischen Meere zukommt und der Busen selbst Adschi-darja, das heißt Salzwasser, genannt tvird. In der Thal gehört er zu den salzigsten Gewässern der Erde. obgleich er keines- wcgs eine sogenannte Salzpfanne darstellt.' Die russische Regierung hatte in den letzten Jahren eine besondere Expedition ansgesandt, um die geographischen Verhältnisse dieses merkwürdigen Meerbusens zu erforschen, so daß«vir jetzt durch deren Untersuchungen und die früheren Studien von Professor Andrussow über den Kara- bugas gut unterrichtet sind. Der Flächeninhalt dieses Busens beträgt 18'3ö0 Quadratkilometer, also etwa ebenso viel, als der des größten europäischen Süßwasser- Sees(des Ladoga-Secs). Seine Wasser- masch umfaßt 183 000 Millionen Kubikmeter und in dieser sind etwa 34 000 Millioneit Metertonnen Salz enthalten. Durch die schmale und seichte Wasserstraße fließt fast ununterbrochen Wasser ans dem Kaspischen Meere ein. aber eine Rückströmung aus letzteren; sindct nicht statt. Diese auffallende Thatsache lvar, schreibt die„Kölnische Zeitung", schon früher bekannt, und man versuchte sie durch die sonderbarsten Annahmen zu erklären. Ani nicisteu Beifall fand lange Zeit die Meinung, ain Boden des Karabugas befinde sich ein ungeheurer Abgrund, der durch unterirdische Kanäle mit dem Ocean in Verbindung stehe. Gegenwärtig ist mm nachgelviesen, daß lediglich die starke Berduiiftung das aus dem Kaspisec ein- strömende Wasser fortschafft, während natürlich das Salz dieses Wassers zurückbleibt. Vom Kaspischcn Meer her fließeir alljährlich etivas über 33 Millionen Kubikmeter Wasser in den Karabugas und diese enthalten ungefähr 428 Millionen Metertonnen Salz. Die russische Erpedition hat berechnet, daß unter den jetzigen Verhält- niflen in 200 Jahren die Koncentration des Kurabugäswassers so gros; sein ivird, daß die Ausscheidung von Kochsalz beginnen muß, (Midlich auch von Sylvin und Karnallit, so daß dort ein russisches Staßfurt in großem Maße zu erwarten ist. Die Straße, die den Busen mit dem Kaspischcn Meere verbindet, ist nur 100 bis 500 Meter breit und 5 Kilometer lang; sie zeigt alle Eigentümlichkeiten eines Flusses und baut auch ein Delta in den Busen hinein. Seit 1848 ist sie länger geworden und das Bett des eigentlichen Fahrwassers hat sich zweimal verlegt. Wiederholt war im Plane, einen Damm in dieser Straße zu errichten, um den Zufluß des Kaspiwaffcrs zu verhindern; auch war eine der Auf- gaben der jüngsten russischen Expedition, ein Gutachten über jenen Plan abzustatten. Dieses Gutachten ist gegen den Plan ausgefallen, hauptsächlich weil sich ergab, daß die Waffersteigung im Kaspischen Meere nur ganz unwesentlich sei. andrerseits aber die Verwertung dyr Ablagerungen des für viele Industrien so wichtige» schwefelsauer» Natriums sehr erschwert würde, während diese jetzt zu Schiff leicht zugänglich sind.— Technisches. gr. Die höchste Drahtseilbahn, die gleichzciiig auch die längste ihrer Art sein wird, kommt zur Zeit in Argentinien zur Ausführung. Der Bau entspringt dem Bedürfnis. Erze aus dem Grubenbezirk Mexicana der Eordillcren nach der Station Chilesito der Nordbahn Argentiniens zu transportieren. Der Ausgangspunkt der Bahn liegt 1049 Meter über dem Meeresspiegel; in einer Länge von 35 Kilometern steigt dann die Drahtseilbahn um 3530 Meter. Die höchste Station mit ihren 1585 Metern liegt etwa 400 Meter höher als der höchste Punkt der Jungfrau in der Schweiz. Die von einer deutschen Firma zur Ausführung gelangende Anlage hat in dem zerklüfteten Hochgebirge mit Schwierigkeiten außergrtvöhnlicher Art zu kämpfen, wobei noch zu berücksichtigen ist, daß zum Transport nur Maultiere verwendet werden' können. Daher müssen alle benötigten Materialien so dimensioniert sein, daß sie von einem derartigen Last- tier noch fortgeschafft werden können. AuS diesem Grunde muffen denn auch die Seilscheiben, die Eisenkonstruktionen, die Teile der erforderlichen Dampfmaschinen usw. in verhältnismäßig kleine Stücke gleich bei der Konstruktion zerlegt werden. ES ist daher erklärlich, daß die große Anzahl von scckzehntausend Patcten erforderlich war, um das Material zweckmäßig trmisportiercn zu können. Infolge der ungünstigen Verhältnisse im Gebirge liegen die Stützpunkte, die oft aus 40 Meter hohen Eiscukonftruktioncn bestehen, bis zu 0,85 Kilo- mctcr von einander entfernt. Tie dazwischen frei hängenden Seile befinden sich etwa zweihimdert Meter über der Thalsohlc. Das zu dieser Anlage erforderliche Drahtseil hat zusammen eine Länge von rund 140 000 Meter. Diese Drahtscilbalin, die demnächst in. ihrem ersten Teil st; Betrieb gwwmmen werden soll, ist so berechnet, daß sie 40 Tonnen Erze mit einer"Geschwindigkeit von 150 Metern in der Minute befördern kann. Die sich in gestabständen von V> Minuten folgenden Wagen werden je Tonne transportieren.—• Humoristisches. — Der schlaue Selch er. Nachbar:„Jetzt aber schnell, Kinder!— Bein; Huberbauern is Feuer auskommen!" Huberbauer:„Na. berichigt Euch, liebe Lcutl. Feuer is keinS I— aber wie Ihr seht, habe ich frische Wärst' geräuchert, da? Stück zehn Pfemiig! Wer kauft a Paar?"— — Von der Schmiere. Direktorin:„Warum willst Dn denn unfern jugendlichen Helden schon wieder entlassen, er spielt ja ganz gut?" Direktor:„Das schon—- aber die Lampen versteht er nicht zu putze n i"— — Leichte Abhilfe. V e a m t c r(Junggeselle, bor seiner Pensionierung):„Eigentlich graut mir bor dem Ruhe st a n d." F r e u n d:„ S o heirate doch!"— („Meggendorfer Blätter.") Veraniworti. Rcdalleur: JultuS Kaliski in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Bnchd;uckcrei und Verlagsanslalt Paul Singer& Eo., Benin 3W