Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 237. Freitag, den 4. Dezember. 1903 (Nnchdviick verboten.) Das Verbreeben des Hrztes» 151 Roman von I. H. Rosny. Autorisierte Uebcrtragung von M. v. Bertha f. . Dann aber kam Guy ein andrer Gedanke, der ihn häufig heimsuchte, und quälte. „Ich tonnte wirklich nach Mantes gehen. Es ist Zeit, dasi ich mir Wort halte, und dann möchte ich wissen..." Rasch ging er imch Hause, überzeugte sich, daß er in- zwischen nicht gerufen worden war, und fuhr dann in die Rue de Marigny. Er traf erst nur Madame Monteaur; Madeleine beendete eben ihre Toilette, um auszugehen. War es die Wirkung der Behandlung oder Zufall, die alte Dame hatte sich seit langer Zeit nicht so wohl gefühlt. Sie schrieb natürlich alles Verdienst daran Herbeline zu. Sie war voll Bewunderung und sehr eingenommen für ihren künftigen Schwiegersohn. „Sie sehen gilt aus," sagte er, nachdem er sie untersucht hatte. „Ich bin glücklich!" gab sie zur Antwort.„Das ist ja ein wahres Wiederaufleben! Mein Leben war ein reines Elend geworden. Mein lieber Zauberer, verlassen Sie mich nicht!" „Ich möchte es gar nicht gern," entgegnete er,„und doch wird es wohl notwendig werden, daß wir uns trennen. Jetzt ist der Moment, die Kur zu beenden!" „Um Gotteswillcn, schicken Sie mich nicht weit von sich fort. Ich würde alles Vertrauen verlieren, und das Vertraueli ist doch eine so große Kraft!" „Wir wollen sehen. Vor allem wollen wir die Ein spritzungen durch einen andren Stimulus ersetzen. Wir sind jetzt im Monat April, man muß frische Luft atmen! Da ich nicht zu jenen gehöre, die blindlings an das Meer, das Hoch- gebirge oder die Modebäder glauben, so meine ich, daß die Umgebung von Fontaincblcan— aber nicht inmitten der Wälder— oder von St.-Germain ganz die gewünschte Wirkung hervorbringen könnte. Ich würde Sie dann drei- bis viermal wöchentlich dort besuchen. Man müßte also eine ziemlich hoch- gelegene Behausung finden, umgeben von Wiesen lind Gärten. Die großen Bäumen sollen erst in einer Entfernung von 300 Meter anfangen. Fließende Wasser, aber auch nicht in allzu großer Nähe; und ja kein stehendes Wasser. Ich bin übrigens ganz entschlossen, tyrannisch vorzugehen. Sie dürfen nichts mieten, ehe ich nicht mein Gutachten abgegeben habe." „Sie wissen also nicht, daß dieses Ideal in Wirklichkeit vorhanden ist, daß Sic eben ganz nach der Natur unsren kleinen Besitz von Belles-Aigues geschildert haben? In ändert halb Stunden— inklusive der Wagenfahrt, die Sie nach der Gare Saint-Lazare bringt— erreichen Sie unsren Land- aufenthalt, wo Sie der Wagen erwartet und zu uns führt. Hier kommt Madcleine..." Madcleine trat, zum Ausgehen bereit, herein; strahlend und graziös in ihrcln Kleid von pastellblaucm Tuch, das mit weißem Taffet und sdvresblauer �eide garniert war. Sie errötete vor Vergnügen beim Anblick ihres Bräutigams. Auch ihn durchfuhr es vor Stolz und Liebe. Eine große wissen- schaftliche Entdeckung würde ihm nicht rühmlicher erschienen sein, als die Eroberung dieses herrlichen Geschöpfes. „Welch eine reizende Ueberraschung," sagte sie, ihm die Hand reichend. „Du brauchst Dich gar nicht bei ihm zu bedanken," sagte Madame Monteaux lächelnd,„er schickt uns aufs Land." „Ist das wahr?" fragte Madeleine mit leichtem Miß- vergnügen im Ton. „Nur iil die nächste Nähe. Es ist ein notwendiges Opfer. Ich habe drei Tage gezögert, es auszusprechen, aber die Pflicht gebietet's; es ginge nicht an, Madaine Monteaux nicht aufs Land zu schicken." Er wandte sein besorgtes Antlitz erst Madelcinc und dann der Mutter zu und sagte: «Ich habe eine sehr ernste Bitte an Sie beide zu richten. Ohne diese Abreise hätte ich gewartet. Aber ich kann mich jener dumpfen Unruhe nicht erwehren, die jede, selbst vor- ubergehende Trennung begleitet. Sie müssen mir also beide verzeihen, wenn ich ungeduldig erscheine. Ich beschwöre Sie übrigens, sich mit Ihren Beschlüssen nicht zu überstürzen lind besonders nur nach Ihren ganz persönlichen Wünschen zu handeln." „Sie jagen uns ja einen furchtbaren Schrecken ein," sagte leichten Tones Madame Monteaux. „Aber Sie werden inir nicht böse sein?" sprach er fast flehend. „Es ist also doch etwas Schreckliches?" fragte die alte Dame mit einiger Ungeduld. „Für mich ist es schrecklich! Ich wollte Sie fragen, ob es möglich wäre, das Datum für unsre Verbindung ungefähr festzustellen." Er schwieg in aufrichtiger Bewegung. Er war einem Impuls gefolgt, der gleichzeitig der Unruhe, von der er eben gesprochen, und andrerseits dem ehrgeizigen und zärtlichen Bedürfnis, sein Schicksal zu sichern und seinen Sieg voll- ständig zu machen, entsprang. Dumpf vermischte sich dieser Gedanke mit dein an den Ausflug nach Mantes, den er machen wollte, als ob ein Instinkt ihn antrieb, noch bevor der erste Akt vorbei war, an ein Glltmachen, an die Nehabilitierrmg seiner gesellschaftlichen Stellung zu denken. „Ist es nur das?" sagte Madame Monteaux lachend. „Und Sie haben es nicht erraten, daß wir nur ans diese Ihre Anfrage warteten?" „Wirklich?" sagte er, ganz blaß werdend,„Sie wollen also wirklich, daß ich Madeleines Gatte werde?" „Sie sollten nicht daran zweifeln. ES hätte nur zwei Gründe geben können, um diese Verlobung wieder aufzulösen, das wäre, wenn die Zuneigung meiner Tochter für Sie oder meine persönliche Wertschätzung für Sie abgenommen hätten. Sie wissen aber ganz gut, daß wir Sie mit jedem Tag mehr lieben und achten. So unbeschäftigt nach jeder Richtung und durch nichts gedrängt wie wir es sind, haben wir natürlich auf Ihren Entschluß gewartet, der mit Rücksicht auf Ihre Berufsthätigkeit und Ihre Lage gefaßt werden mußte. Be- stimmen Sie selbst den Zeitpunkt, lieber Freund; uns wird jeder Tag recht sein. Nicht wahr, Madcleine?" Er ergriff Madame Monteaux' Hand und drückte eine» langen Kuß voll dankbarer Zärtlichkeit darauf. Denn in diesem Moment fühlte er wirklich eine warme Zuneigung zu dieser alten, so sanften und schwächlichen Frau. Tie Freude, der Stolz lind die Gewissensbisse erfüllten sei» ganzes Wesen. Er bewunderte an sich die Menschen, die über alles triumphierten, aber er fühlte eine dumpfe Verachtung für die, welche vertrauende Seelen täuschten. Er beschwichtigte sich selber: ich werde nicht entdeckt werden, also erweckt ihnen auch kein Unheil daraus. Und alles übrige ist Ueberspairntheit. Gerührt lind von sentimentalen Erinnerungen bewegt, legte Madame Monteaux die Hände des jungen Paares in- einander und sagte: „Madeleine, ich glaube das Beste für Dein Glück gewählt zu haben." Das junge Mädchen antwortete nicht. Sie schwelgte in der Fülle ihrer Illusionen. Mit der Fähigkeit, sich alles aufs. phantastischte auszuschmücken, die zur Quelle großen Glücks und unheilbaren Elends werden kann, hatte sie ein unendliches Vertrauen zu dem von ihr erwählten Wesen— ein Vertrauen, das sehr bald ganz blind, ja sogar fanatisch wurde. Alle Vor- züge Guys erschienen ihr in diesem Lichte gesteigert. Sie hatte ihn nnbewllßt aller Fehler, die sie am Anfang ihrer Be- kanntschaft instinktiv herausgefühlt hatte, entkleidet, denn eine der Eigentümlichkeiten solcher Naturen ist es, daß sie die ge- wöhnliche Ordnung der Beobachtungen umkehren und so ge- wissennaßcn jeden Tag eine richtige Empfindung gegen eine falsche Vorstellung vertauschen. Sie erwiderte anfangs gar nichts auf die Worte ihrer Mutter. Zitternd drückte sie die Hand ihres Verlobten, die schönen Hoffiiuiigen überwältigten sie wie ein Kampf. Dann fühlte er sich von dem U ebermaß ihrer Ergriffenheit wie gebrochen und sank in Thränen auf« gelöst in'die Arme ihrer Mutter. �.■ „Ach ja! Du bist gut.». sehr gut! Du schenkst mir eis weites Ml das Sebent" Diese Scene verwirrte Guy nicht wenig. Sie beglückte ihn zwar, aber es drängte ihn doch, ihr zu entfliehen. Einen langen Kutz auf die Hand des jungen Mädchens drückend, sagte er: „Aus heute abend! Ich kann nicht mehr, ich bin zu glücklich!"— Herbeline hatte es gut getroffen, gerade zu einem Zug nach Mantes zurecht zu kommen. Es war erst fünf Uhr, als er in dem kleinen Städtchen anlangte. Es gefiel ihm daselbst. Er bildete sich ein, dag Marguerite ganz glücklich hier leben müsse. Nach einem Blick ans die alte gotische Kathedrale betrat er die Rue de Chanssetcrie. (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verboten.) Sine kommuniftiscbe Bewegung aus dem Jadre X. Zu den merkwürdigsten Gestalten des vorrevolutionären Frankreich gehört der Pfarrer Jean MeSlier, jener katholische Geistliche deö Dörfchens Etrepigny in der Champagne, der in seiner ländlichen Abgeschiedenheit die revolutionärsten Gedanken in sich entwickelt hatte, ohne das; er eS jedoch vor allcrärmster Abhängigkeit von den herrschenden Gewalten hätte wagen dürfen, auch nur seine Pfarr- linder ctwaS davon merken zu lasten. Erst nach seinem Tode, der ins Jahr 172g fällt, zeigte sich das wahre Gesicht des Hungerpastors. Er hinterlies; ein„Testamcirt", das denn freilich nicht über Geld und Gut verfügte, sondern ein nachträgliches, ausführliches Glaubens- bekenntnis feines Verfassers darstellte. Er straft darin nicht nur alle religiösen Lehren Lügen, die er notgedrungen gepredigt hatte, sondern er zieht auch nnt flammendem Zorn zu Felde gegen die ausbeuterische Aristokratie geistlichen und weltlichen Gewandes, gegen den herrschenden Absolutismus mit seinem ganzen Anhang von Schmarotzern, kurz gegen alle bestehenden Gewalten, die ihm als ebenso viele Blutsauger erscheinen. Diese revolutionäre Stimmung hatte Jean Meslier, wie sich nachher beim Ausbruch der grosien Umwälzung zeigte, mit vielen andern Pfarrern gemein, deren Sympathien nicht der prustenden Kirchcnaristokratic, sondern ihren Leidensgefährten, den ausgebeuteten Bauern, gehörten. Einzig- artig erschien Meslier blas; durch die positiven Vorschlüge zu einer Neugestaltung, die sein„Testament" macht. Er gehört zu den ersten Vorläufern des wissenschaftlichen Socialismus auffranzösischem Boden. Er war ein Kommunist von reinstein Wasser. Dazu kannte man bislang kein Gegenstück: die volksfreundlichen Geistlichen, die im Vordergründe der revolutionären Bühne erschienen sind, hielten es durchweg mit der äustersten Linken des„dritten Standes", vertraten die klein- bürgerlichen Grundsätze der Jakobiner. Mit großem Eclat in den Vordergrund der Ereignisse getreten ist der Kommunismus ja über- Haupt erst zur Direktorialzeit durch die„Verschwörung der Gleichen", deren Seele der kühne„Volkstribun" Gracchus Babeuf war. Davor meldet die herkömmliche RcvolutionSgcschichte nichts von kommunistischen Bewegungen. Und das wird auch wohl seine Geltung be- halten, soweit die städtischen Centren in Betracht kommen; denn es fehlte hier die Hauptvorbcdingung: ein zahlreiches industrielles Proletariat im heutigen Sinne._ Dagegen sind soeben frühere kommunistische Regungen nackgewiesen worden, wo man sie am wenigsten erwarten würde, nämlich auf dem platten Lande. Im letzten Hefte von„La Revolution Franyaise" teilt Edouard C a m p a g n a c') urkundliches Material nnt, das die erfolgreiche kommunistische Agitation des Pfarrers Petit-Jcan unter den Bauern des Dorfes Epincuil im Chcr-Dcpartemcnt und die dadurch hervorgerufene Bewegung in dem Orte, sowie die Gestalt und das Geschick dieses Gegenstücks zu Jean Meslier in ziemlich klaren Umrissen aus dem Dunkel ver- gcssener Vergangenheit auftauchen läßt, obwohl die fraglichen Dokumente durchweg von bürgerlichen Anklägern, zum Teil von persönlichen Todfeinden Petit-Jeans herrühren und daher nur mit größter Vorsicht zu benutzen sind. Die Gestalt Petit-Jeans erinnert so stark an Jean Meslier, daß eS nahe läge, einen direkten Zusammenhang zwischen den beiden Kommunisten anzunehmen. Indes, wie em persönlicher Einfluß dadurch ausgeschlossen ist. daß Petit-Jean, der nach dein 1792 hinter ihm erlassenen Steckbrief damals 52 Jahre alt war, erst ein Dutzend Jahre nach MeSliers Tod geboren war, so kann er auch aus dem„Testaineut" nicht den Kommunismus seines großen Vorgängers haben kennen lernen. Er existierte nämlich davon bis iiach der Mitte des letzten Jahrhunderts gedruckt nichts als ein kurzer Auszug, den Voltaire 1702 veröffentlicht hat, und dieser Auszug enthält bloß ein Resümee von McslierS religiösen Anschauungen, dagegen nicht ein Sterbenswörtchen von seinen lommumstischen Grundsätzen. Eher wäre es möglich, daß Petit- Jean sich gleich Babeuf an Morellys„Gesetzbuch der Natur" zum Koinninnistcn herangebildet hätte. Dafür könnte sprechen, daß Petit- *) Un prfitre communiste; le curö Petit-Jean. Par Edouard Campagnac. La Eevolution Franeaise. 1903, Nr. 5. pg. 425 ff. Jean sein kommunistisches Ideal als„cite future", als Zukunftsstadt, bezeichnete: mit demselben Atisdruck, dem wir bei Morelly begegnen. Das ,nuß nun in Ermangelung ausreichender Quellen dahingestellt bleiben. Und sei dem, wie ihm wolle, der Hauptlehrer Petit-Jeans sind gewiß die socialen und politischen Verhältnisse gewesen, Ivie sie sich in den ersten Jahren der Revolution allenthalben auf den« platten Lande und auch unter seinen Augen gestalteten. Diese Dinge nehmen sich, im Lichte der heutigen Forschung gesehen, erheblich anders aus, als sie der blühenden Phantasie der liberalen Legendenschreiber erschienen sind. Die malen eine Verbrüdernngsscene, wie in der Nacht des 4. August 1789 die geistlichen»md weltlichen Aristokraten der National-Versammlung aus schierem Edelmut freiwillig auf alle feudalen Vorrechte ver- zichtet hatten, so daß auf einmal allen Wünschen der Bauern Ge- nüge geleistet worden wäre. So einfach und sentimental verlief die Sache min nicht. Die Privilegierten verzichteten am 4. August— und auch nur der Not gehorchend, nicht dem eignen Triebe, weil sie guten Grund hatten, andernfalls einen allgemeinen Bauernaufstand zu erwarten— zwar auf eine Anzahl der tollsten feudalen Mißbräuche, aber beileibe nicht auf ihre Haupteinkommensquellen, auf die Realrcchte. Diese sollten vielmehr nach Beschluß der National-Versammlung fortbestehen, so- fem sie nicht gegen schwere Geldentschädigungen abgelöst wurden. Diesen Standpunkt hat auch noch die ganz bürgerliche Legislative eingenommen. Erst der Konvent hat die entschädigungSlose Aufhebung sämtlicher„Zehnten" beschlossen, weil die allgemeine und entschiedene Weigerung der Bauern ihren feudalen Peinigern auch imr einen Heller zu bezahlen, gar keinen andren Weg offen ließ. Bis zu dieser Entscheidung und also noch in den Anfängen der Republik herrschte auf dem Lande wegen der fortdauemden Widersprüche zwischen dem gesetzlichen und dem thatsächlichen Zustand daS heftigste Miß- vergnügen. Dazu kam als zweite Hauptursache bäuerlicher Un- Zufriedenheit das Schicksal der sogenannten Nationalgüter. Gegen- über diesem Gesamteigentum bewies sich die Konstituante durchaus nicht so zimperlich, wie gegenüber dem adligen Privateigentum. Die Nationalgüter bestanden zunächst aus dem riesigen Grund- besitz der Kirche, ungefähr einem Fünftel und zwar dem besten Fünftel der Bodensläche von Frankreich. Anstatt sie zu ihrem Ursprung- ticken Zweck, der Armenpflege, zu verwenden, beutete der hohe Klerus sie längst für seine Privatinteresten aus. Daß die Nationalversammlung ihre Hand darauf legte, war also durchaus in der Ordnung. Anstatt aber nun wirklich der Nation zu gute zu kommen, wurden die Nationalgüter zur Deckung der ungeheuren Schuldenlast in Anspruch genommen, die der FcudalabsolutiSmns aufgehäuft hatte. Sie wurden zu dem Zwecke verkauft oder vielmehr verschleudert. Die Veräußerung der Nationnlgüter war eine kapitalistische Gaunerei größten Stiles, die spekulativen Geldleuten in Stadt und Land. In- und Ausland dazu diente, das Eigentum des ftanzösischen Volkes für einen Apfel und ein Ei an sich zu reißen. In zahllosen Fällen kamen nicht ein- mal die Schleuderpreise wirklich ein; denn es gcsckah häufig, daß Spekulanten irgend einen zahlungsunfähigen Strohmann vorschoben, der kaufte und gleich an sie weiter verkaufte, so daß die Nation schließlich um ihr Recht total betrogen war. Auch auf die mästen- hasten Gcmeindegüter(Almenden) hatten die Geldleute schon ihr Auge geworfen. Gegen den liberalen Vorschlag, diese Güter unter die nutzungsberechtigten Bauern aufzuteilen, erhoben die Kapitalisten den heuchlerischen Einwand, es würden dadurch die städtischen Ar- beiter um ihr Anrecht verkürzt: man solle die Gemeindegüter zu den Nationalgütern schlagen, d. h. mitverramschen. Das waren die Umstände, die Petit-Jean zn der Ncberzcugung brachten, daß Frankreich dabei sei, die Tyrannei des Geburtsadels blas mit der des Geldadels zu vertauschen, und daß das einzige Mittel, dies zu verhindern, die Herstellung einer kommunistischen Ordnung der Tinge sei. Sein Gedankengang war offenbar der, daß nicht nur die Austeilung, geschloeige denn die Verramschung der Ge- meindegüter vom Nebel, sondern daß auch die Nationalgüter den Klauen der Spekulanten entristen und in' gemeinsame Nutzung zn nehmen seien, der gleiche Kommunismus dann überhaupt auf alles Land zn erstrecken sei, wenn die Bauern vor dem Jock kapitalistischer Abhängigkeit gerettet werden sollten. Die Verhältnisse lagen im Dorfe Epineinl, dem Agitationsfeld Petit-Jeans, wie überall. Die Bauen; wollten keine Zehnten mehr bezahlen und weigerten sich, der gegenteiligen Order der Naftonal-Versammlung nachzukommen. Sie sahen weiter mit Ingrimm, wie die nreiften Nationalgüter der Gegend von den drei kapitalkräftigsten Leuten am Orte, den Herren Borgrandfont, Debize und Clermont„käuflich" erworben worden Ivaren, ohne doch die Gaunerei verhindern zn können, weil die Ehrenmänner im Gemeiuderat tonangebend waren. Petit-Jean hat auf Grund dieser Lieblichkeiten gewiß schon seit 1789 unter den Bauern seiner Pfarrei agitiert. Indes wissen wir aus der Zeit bor dem Sommer des Jahres 1792 weiter nichts von ihm, als daß er die Bewohner von Epincuil zur Verweigerung der Zehnten angespornt hat und ihnen mit gutem Beispiel voran- gegangen ist, indem er selber zuerst die Zahlung der Zehnten ein- stellte, die ans dem zu seinem Unterhalt von ihm bewirtschafteten Grundstück lasteten. Außerdem kennen wir das Glaubensbekenntins, das er öffentlich ablegte, als er am 23. Juni 1791 den vor« geschriebenen Bürgereid leistete: es atmet glühende Begeisterung für die revolutionärsten Ideen und zeugt von beträchtlicher Bildung vor allem auf dem Gebiet der philosophischen Bewegung, die dem Jahre 1789 voranging. Bon seiner konununistischen Agitation vernehmen wir zuerst im August 1792: wie nicht zu übersehen ist. aus dem Munde seiner Feinde im Gemeinderat; jedoch sind einige Hauptpunkte durch die übereinstimmenden Angaben mehrerer unabhängiger Zeugen, die er als richtig anerkannt hat, über jeden Zweifel erhoben. Nach dem Protokoll einer Epineuiler Gcmeinderatssitzung„sagt Petit- Jean seinen Pfarreingesessenen alle Tage, daß die Güter gemeinsam sein würden; er sucht sie durch die ein- dringlichsten Reden zu überzeugen, indem er ihnen sagt, daß es nur einen Keller, eine Scheuer geben werde, wo jeder alles nehmen kann, was für ihn notwendig sein wird." Er rät den Be- wohnern von Epineuil an, gemeinsame Vorräte anzulegen— als Vorbereitung der„Zulunftsstadt", fiir die er unermüdlich Propaganda macht: er predigt den Kommunismus Sonntags von der Kanzel, er verkündigt ihn in Flugschristen und Gedichten, er teilt sein Pro- gramm durch öffentlichen Anschlag an die Hausmauern von Epineuil init, er sucht die Bürger einzeln in ihren Wohnungen auf, um sie für seine Anschauungen zu gewinnen. Was er ihnen sagt, bewegt sich nicht in theoretischen Allgemeinheiten, sondern wird plausibel gemacht durch die Bezugnahme auf die besonderen Verhältnisse von Epineuil, dessen wackeres Trio von Nationalgutkäufern er als Usurpatoren öffentlichen Eigentums, Aufkäufer, Spitzbuben und Aristokraten brandmarkt. Er fordert die bürgerlichen Aristokraten im allgemeinen, die von Epineuil im besonderen auf, das unrechte Gut der Nation zurückzuerstatten; sonst Iverde ein furchtbares Strafgericht des Volkes über sie ergehen. Petit-Jeans Agitation war durchaus erfolgreich. Die große Mehrzahl der Bevölkerung von Epineuil, Männer wie Frauen, waren begeisterte Anhänger seiner Lehre. Die „anständigen" Leute waren natürlich ganz andrer Meinung. In ihren Augen war Petit-Jean entweder ein scheußlicher Brandstifter oder ein Verrückter, aber„ein gefährlicher Verrückter, der die Ver- lctzung des Eigentums predige". Die gekränkten Bürger hatten ihn schon einmal zum Kadi ge- schleppt und glücklich durchgesetzt, daß er loegen Beleidigung zu 100 Livrcs Geldstrafe verknaxt wurde. Das that aber Petit-Jeans Ansehen bei den Bauern keinen Eintrag und erst recht nicht seinem Eifer. Ungeschreckt tituliert er in seiner Sonntagspredigt am 10. September 1792 den Herrn Clermont einen Dieb und fordert ihn auf, das entwendete Gut herauszugeben. Außer sich vor Wut, hielt nun die Gemeindevertretung am 21. September— dem näm- lichen Tage, da in Paris der eben zusammengetretene Nationalkonvent die Republik erklärte— eine Sitzung ab, um Petit-Jean die sittliche Entrüstung aller anständigen Leute zum Ausdruck zu bringen. Es wird dekretiert,„daß seit mehreren Monaten der'Pfarrer von Epineuil in den schwachen Geist der Bürger auf dem Lande gesellschafts- zerstörende Grundsätze pflanzt und zum Ungehorsam gegen die Gesetze und die bestehenden Gewalten anreizt". Er wird angeklagt, „sich eine Partei machen zu wollen", und beim Departement denun- ziert. Bis zum Eintreffen einer Antwort beschließt der Gemeinderat, seinem Vorsteher die Ueberwachung Petit-Jeans und bei der nächsten Uebertretnng die Verhaftung des' Pfarrers anzubefehlen. Die Ant- wort Petit-Jeans bestand darin, daß er durch öffentlichen Anschlag auf Sonntag, de» 23. September, nach der großen Messe seine An- Hänger zu einer Protestversammlung in die Kirche berief. Während man da gerade eine Eingabe beriet, die dem Gemcinderat gehörig den Marsch blies, erschienen auf einmal Clermont und der Bürgermeister in Begleitung von fünf Nationalgardisten, die man sich aus der nahen Distriktshailptstadt Saint-Amand verschrieben hatte. Die Versammlung wird inmitten einer heftigen Scene für ungesetzlich erklärt und aufgelöst, Petit- Jean' verhaftet; er entzieht sich aber der Verhaftung. Seine Freunde sind natürlich in der größten Aufregung,' und als ihr Führer ihnen nachher unter Vorzeigung seines blutbefleckten Hemdes mitteilt, daß ihm der Sohn des Herrn Debize einen Säbelhieb verabfolgt hat, da ist es um die Geduld des Bauern geschehen. Mit Mistgabeln und Pfählen bewaffnet überwältigen und vertreiben sie die National- gardistcn und Gendarmen und machen sich so vorläufig zu Herren der Gemeinde. Dem jungen Debize sollte es an den Kragen gehen, er hatte sich aber aus den: Staube gemacht, um von St. Amand Hilfe zu holen. Am Nachmittag ziehen die Bauern unter Petit- Jeans Führung in die Besitzung Clermonts und schlagen die Hecken nieder, um das gestohlene Land durch diesen symbolischen Akt als Gemeingut zu reklamieren. Der Triumph war von kurzer Dauer. Gegen Abend verbreitet sich das Gerücht, daß die bewaffnete Macht von St. Amand nahe. Unter fortivährcndeni Läuten der Sturm- glocken stellen sich die Bewohner von Epineuil, mit Pistolen und Mistgabeln ausgerüstet, den anrückenden Nationalgardisten und Gen- darmcn entgegen. Es kommt zum Handgemenge, in dem ein Gen- darm verwundet, ein Bauer getötet wird. Schließlich siegt natürlich die bewaffnete Macht: Ordnung und Eigentum sind gerettet. Inmitten des Getümmels war Petit-Jean verschwunden und blieb auch trotz eines hinter ihn: erlassenen Steckbriefes zunächst unfindbar. Das Kriminalgericht der Dcpartementshauptstadt Bourges konnte also zunächst weiter nichts thun, als ihn auf Grund der Aus- sagen feiner Gegner und Feinde am 18. Dezember 1792 in contumaciam zu 6 Jahren Zwangsarbeit zu verdonnern, wegen An- reizung zum Mord, zum Ungehorsam gegen die Gesetze und andrer Sachen. Folgenden Tags stellte sich der Sünder und legte Berufung ein, die am 13. Februar 1793 unter veränderten Verhältnissen in Bourges zur Verhandlung gelangte. Die Liberalen hatten mittleriocilc den Demokraten Platz machen müssen; daher wurde das Urteil auf ein Jahr Gefängnis ermäßigt. Auch diese Strafe brauchte er nicht ganz abzubrummen. Im Herbst 1793 erschien nämlich in Bourges der jakobinische Deputierte Laplanche als Konventskommissär, um unter den„respektablen" Leuten des Departements fürchterliche Musterung zu halten. Sein erstes war, daß er Petit-Jean auf freien Fuß setzte. Nämlichen Tages noch— den 27. September 1793— erschien Petit- Jean im Klub zu Bourges und ward mit einer Ovation empfangen: Laplanche gab ihm den Bruderkuß und die Mitglieder beeilten sich, ihn zu umarmen._ Sie waren zwar keine Kommunisten, aber auch keine Freunde reicher Spitzbuben und erblickten in Petit-Jean ein„Opfer der Aristokratie". Mit dieser Genugthuung ivar Petit- Jeans Rolle in der Oeffentlichkeit zu Ende. Am 3. Ottober teilte Laplanche ihm mit, daß er ihn,„um ihn dem Uebelwollen seiner Feinde zu ent- ziehen", zum Pfarrer von Saint-Caprais ernannt habe. Pettt-Jean wollte aber gerade seinen Feinden die Sttnie bieten, teilte mit, daß er„Pfarrer von Epineuil oder nirgendwo" sein wolle und gab den geistlichen Beruf gänzlich auf. Von seinem weiteren Leben wissen wir nichts. Ein Gerücht sagt, daß er ganz verarmt in einem Hospiz gestorben sei. Es wäre ein billiges Vergnügen, ihn wegen seiner Illusionen ins Konnsche zu ziehen. Gerechter wird man ihm, wenn man sagt, daß er seiner Zeit voraus war.— Dr. A. C o n r a d h. kleines Feuilleton. gc. Schafe und Ziegen als lnsttragende Haustiere, lieber die höchsten Pässe des Himalayas und Tibets und auf den Wegen, die für andre Tiere unpassierbar sind, gehen sicheren Trittes als treue Begleiter des Menschen die hochbeinigen, last- tragenden Schafe mit schwarzem Vordcrkopf, nicht unähnlich den persischen Fettschwanzschafen. Nur die Hundu oder Huniga können jene gefährliche Strecke beiin Dorfe Tschoksum beschreiten, wo auf eisernen, in die senttechten Felswände eingelassenen Pflöcken Stein- platten, mit Erde bedeckt, gelegt tvurden, die bei einer Gesamtlänge von 775 Schritt eine Breite von 18, oft nur 9 Zoll haben. In früherer Zeit wurden diese Schafe besonders bei Lar gezüchtet, starben aber im vierten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts dort aus; sie kommen aber an andern Orten jenes weiten Plateaus jetzt in bedeutender Anzahl vor. Die Lasten, welche sie tragen, variieren je nach der Oertlichkeit zwischen 7 bis 23 Pfund. Es wird stets merkwürdig bleiben, daß in der Karakorunkette, in einer Gegend, Ivo Futter eine Seltenheit ist, bei dem häufig sehr ungünstigen Wetter eine ganze Herde, jedes Schaf mit einer Last von 20 Pfund, 330 englische Meilen in einem Monat mit Verlust von vielleicht nur einem Tiere zurücklegen kann. Nicht weit von Ladak sah Cunninghan einst OOO Tiere beladen mit Wolle, einige Tage später sogar 3—0000 mit feiner oder grober Wolle, mit Börax, Schwefel, getrockneten Aprikosen (einen sehr begehrten Handelsartikel) sicher einherschreiten. Der Mittelpreis dieser Schafe beträgt ungefähr 4,80 M. Bei Schigatze, um andre Oertlichkeiten nicht zu erwähnen, ziehen häufig Karawanen von 1200 und mehr Tiereil vorüber, sie sind dort charatteristisch durch die horizontal abstehenden Hörner, bringen Salz aus dem nördlich gelegenen öden Lande und kehren von Giangtse mit Gerste zurück. Statt dieser Schafe verwendet man in diesen Teilen Hochasiens auch Ziegen, die gleichfalls solche Wege sicher beschreiten, auf welche Ponies und Daks sich nicht wagen. Mehr als 12 Kilogramm darf die Last ftir sie nicht betragen. Die in Bhutea einheimffchen Ziegen kennzeichnen sich durch besonders kurze Beine. Es ist schon beobachtet worden, daß das Bergabsteigen mit der Last den Ziegen viel schwerer wird als den Schafen. Außer Tibet giebt es nur noch ein Land, in dem man Schafe zu Lastträgern gemacht hat. In der Umgegend der südamerikanischen Stadt Bahia sah Moselay Schafe mit Wassertonnen an der Seite sicher und nie strauchelnd auf sehr schmalen Bergpfaden bergauf und bergab ziehen.— Ans dem Tierlebe». mg. Bewährung von P f l a st c r m a t e r i a l i e n. Die Verarbeitung von Gestein zu Pflastermaterialicn spielt in der Stcinindustrie eine große Rolle; die Bewährung der verschiedenen Steinarten als Mittel zur Straßenbefestigung muß bei der Wahl geeigneten Pflasters sehr in Erwägung gezogen werden. Nun hat sich gezeigt, daß dem Basaltpflastcr eine ungemein große Haltbarkeit eigen ist. Dieses erklärt sich daraus, daß der Vasalt der härteste Stein ist, der zur Straßenbefestigung verwendet wird. Die Härte des Basalts bringt es mit sich, daß ein derartiges Pflaster durch den Verkehr wenig abgeschliffen wird. Gerade bei diesem Stein tritt aber die verderbliche Wirkung der Pferdehufe auf unser Stratzcnpflaster sehr in die Erscheinung, da die Kanten des Basalts an de» Fugen leicht abspringen; so entsteht nach und nach ein sehr holpriges Pflaster, da die Mittelflächen der Steine nur gering abgenutzt werden. Man hat da wohl zu dem Mittel gegriffen, verhältnismäßig kleine Basaltsteine zu vertuenden; hier muß aber wieder berücksichtigt werden, daß da- durch die Haltbarkeit der Straßenbefestigung leidet. Außerdem kann man beobachten, daß bei kleinen Profilsteinen aus Basalt der Wagen- verkehr ein geradezu unerträgliches Geräusch mit sich bringt. Da Basalt schon an und für sich einen harten Klang giebt, so entsteht bei dem Befahren derartigen Pflasters von kleinem Profil und mit vielen Fugen ein belästigender Lärm, welcher vielfach gegen die Verwendun fcfcfie« Matrnals fpricfit. Im übrigen nimmt Basaltpflaster auch leicht eine gefährliche Glätte an. Von andren Steinarten werden für Pflasterzwecke verwendet: Grnnstein, Grauwacke. Granit. Graniivflasrer hat nun unzweifel- Iiaft gegeziüver dem Basaltbelag verschiedene Vorteile, diese werden aber auch durch den größeren Kostenpunkt derartiger Straßen- Befestigungen aufgewogen. Granit ist infolge seiner etwa? geringeren Härte als Basalt leichter bearbeitbar und nutzt sich auch gleichmäßiger ab. Dieses Pflastermittel kann denn auch iii größeren Steinen verarbeitet werden; es ist weniger geräuschvoll als Basaltbelag. Neuer- Vings werden nun auck zu Pflasterarbeiten vielfach Kunststeine ber- wendet. Unter diesem Material haben sich besonders die sogenannten Schlackensteine, die aus den Rückständen der Kupferbereitring erzeugt werden, bewährt. Ein großer Vorteil dieses Kunstproduktes gegenüber von Natursteinen ist die durchaus gleichmäßige Größe, die sich Ivieder auf der Straße nach der Verlegung durch eine durchaus ebene Damm- fläche usw. angenehm bemerkbar macht und auch einen Verhältnis- mäßig lvenig geräuschvollen Verkehr herbeiführt. Diese Pflasterarten werden entweder auf Kies- oder auf Betonbettnng ausgeführt: in manchen Fällen wählt man auch Chausseebettnng. Stampfasphalt hat bekanntlich als Straßenbefestigung große Verbreitung gesunden: auch die Verwendung von Aöphaltplatton wird jetzt vielfach versucht. Daneben kommt neuerdings auch ein Plattenmaterial zur Ber- Wendung, das aus Eementmörtel und Asphalt gemischt ist. Die billigen Eementpreise der letzten Zeit haben vielfach zur Herstellung des Cementmakadams geführt. Für diese Befestigungsart der Straßen tvird zuerst eine Schicht aus magerem Beton ausgebreitet. darauf bringt man dann eine etwa CO Millimeter starte Decke auS Cemcnt und Granitschotter. Von den unter hydraulischem Druck her- gestellten Eement-Pslasterplatlen haben sich die vierkuppigen am besten eingeführt.— Aus der Pflanzenwelt. tz. Blaue Nadelbäume. Man sieht jetzt ziemlich häufig in gut gepflegten Villengärten einen Nadelbauni, der durch seine ganz aparte silbrig blaue Bclanbung jedermann sofort auffällt. Diese Konifere ist eine Spielart der S t e ch f i ch t e l picea puugcns) rind sie hat den Zunamen argentea, das heißt die silberne. Die Stcchsichle ist in den Felsengebirgcn des westlichen Nordamerika «inheimisch, hier wächst sie aus unteren Berghängen und bevorzugt das User von Gebirgsflüssen. Sie ist sehr frosthart und zumal gegen Spätfröste sehr abgehärtet, so daß sie in feuchten Lagen irnfre Fichte ersetzen kann. Feuchtigkeit ist für sie die Hauptsache, im übrigen kann der Boden beschaffen sein wie er will. Sie hat sehr starke stechende Nadeln; diese Eigenschaft, die sie vor Wildverbiß schützt. hat ihr den Namen Stechfichte verschafft. Wie die Hauptart. so ist auch die blaugrüne Varietät. Auch diese ist sehr frosthart, so daß sie gum Beispiel den äußerst strengen Winter von 180L auf 1893, wo die Temperatur bis auf— 30 Grad Reauiuur herabsank, überstanden hat. Die silberne Stechfichte hat einen hellblauen Farbenton, wie man ihn in der Pflanzenwelt kaum zum zweiten Male findet. Geradezu zauberhaft nimmt sich ein Schmuckplatz aus, der mit einem Trupp solcher blauer Nadelbäume bestanden ist. Diese schöne Konifere, die hauptsächlich durch Veredlung vermeyrt wird, ist sehr teuer. Kleine meterhohe Eremplarc kosten 20— 30 Mark, zwei Meter hohe bot die große Baumschule von L. Späth, Ripdorf bei Berlin, noch vor drei Jahren für 90 Mark pro Stück an, jetzt sind sie aber schon weit billiger geworden, ei» Beweis dafür, daß' sie sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit erfreuen. Es giebt auch noch von andren.Koniferen bläuliche Varietäten, aber so ausgeprägt ist der duftige blaue Ton doch bei keiner andren. Von andren' Fichten hat die Engelmann-Fichte eine blau- grüne Abart. Die Mutterart ist ebenfalls in dem Fclsengcbirge ein- heimisch, ja sie bewohnt dieselben Staaten wie die Stechsichte. Aber während diese die feuchten Thäler bevorzugt, geht die Engelmann- Fichte, die übrigens reine Bestände bildet, ziemlich hoch in die Höhe, im mittleren Teile ihres Verbreitungsgebiets 2500— 3000, im nördlichen, in Britisch Kolumbien, immer noch bis 1500 Meter. Wir habe» es also auch in der Engelmann-Fichte mit einem sehr ab- gehärteten, freilich recht langsam wachsenden Baume zu thuu. Dasselbe gilt auch von der blauen Abart. Auch eine Tanne, die amerikanische Edeltanne s�bies nobilis) hat eine blaue Abart. Dieser Baum ist auch auf deir Gebirgen des westlichen Nord- amerika einheimisch und gedeiht ebenfalls bei uns sehr gut. Wie man sieht, stammen alle diese Koniferen mit blauen Abarten auS dein westlichen Nordamerika. In d-r Natur sollen diese Varietäten ziemlich häufig auftreten, so daß ganze Waldpartien in den kali- Fornischen Bergen blau schimmern. Allerdings lvird ivohl die Färbung Zaum so intensiv und apart sein ivie bei der silbernen Stechfichte. Indem man aber ein Exemplar auswählte, das sehr blauschimmernde Nadeln besaß und dieses vermehrte, erhielt man Sämlinge, die die zierende Eigenschaft des Mitterbaumes besaßen oder diesen darin noch übertrafen. Jetzt haben jedenfalls die Baumschulen eine blaue Kviiiserenart, bei der die auffällige Färbung so prononziert ist, daß sie alle ähnlichen Varietäten andrer Nadelbaumarten in den Schatten stellt und sie entbehrlich macht.—, Technisches. — Die Beeinflussung der Milchprodnktion von Kühen durch Arbeit ist im Halleschen Landwirtschaft- Berantwottl. Aedaktem! Aulius Knliski in Berlin.— Druck und Verlag! c> lichcn. Institut durch eingehende Versuche geprüft worden. Dabei hat Dolgich nachgewiesen, daß eine Zunahme der Arbeitsdaner bei den Kühen schneller schädigend aus die Milchsekretion wirkt, als eine Ver- mehrung der Belastung Letztere hat in mittleren Grenzen sogar stets einen günstigen Einfluß. Neberhaupt entfaltet die Leistung von Arbeit eine stimulierende Wirkung, die jedoch bei ganz geringer In- ansprucluiahme der Tiere noch nicht zu Tage tritt; vielmehr hat ganz schlvache Kraftentfaltung eine Abnahme sowohl der Milchmenge als auch ihrer Bestandteile zur Folge. Bei Ueberanstreugung nimmt die Milch an Menge außerordentlich ab, gleichzeitig verändert sie auch vollständig ihre Beschaffenheit: das Buttcrtctt erhält einen kratzigen Geschmack, die Säurezahl zeigt eine beträchtliche Abnahme usw. Wird überanstrengten Tieren im Futter Pflanzenfett verabreicht, so geht dies unverändert in die Milch über. Letzteres ist um so mehr interessant, als andre Autoren fanden, daß bei übermäßiger Fett- fütterung die gleiche Beeinflussung stattfindet. Notwendig für den diretten llebergang von verfüttertem Fett in die Milch scheint immer eine Störung der normalen Körperfunktionen zu sein. Sie besteht im elfteren Falle in der Neberanstrengung, im letzteren in der Ver- abreichung eines unnatürlichen Fv.tterS im Uebermaße.— :.(„Globus".)!' Humoristisches. Bescheidener Anfang.„Sag' mal. liebe Anny, hast Du schon darüber nachgedacht, wie wir uns ein wenig billiger einrichten können?" „Gewiß, lieber Willy, ich habe bereits unfern Kanarienbogel auf halbe Slatiou gesetzt I"— — Merkwürdige Motivierung.„Meyer, gar so schlecht kann es Ihnen doch gar nicht gehen... Sie haben ja, wie ich gestern gehört habe, in diesem Jahre silberne Hochzeit g e f e i e r t I"— — Belehrung.(Seene: Zoologischer Garten.) Dame(zu ihrem Töchterchen):„Sieh, Elschen, dies sind Rehe. Wenn die nun größer werden, dann bekommen sie Geweihe und werden Hirsch e."— („Lustige Blätter.") Notizen. — Von Karl H e n ck e l l sind soeben erschienen:„Mein Liederbuch" und„Neuland", ausgewählte Gedichte(Verlag K. Henckell u. Co., Leipzig und Berlin). Preis des einzelnen Bändchens broschiert 1 M., gebunden 2 M.— — Agnes S o r m a beginnt ihr Gastspiel am Neue n Theater(19. Dezember) in Halbes Schauspiel„Der Strom": darauf folgen anfangs Januar Maeterlincks„Schwester Beatrix" und Shaws„Der Schlachtenlenker".— — I. Wiegands Drama„ Macht" erlebt Sonnabend im Deutschen Theater zu Bremen die Erstaufführung.— — Das Neue tön ig I. Operntheater(Kroll) soll an einen Privatdirektor verpachtet werden. Wie verlautet, soll Direktor Ferenezy vom Cenkral-Theater der neue Pächter werden.— — Im Central-Theater geht Mitte dieses Monats die Operette„Das Schwalbe nne st" von H e r b l a y, Text von Ordoimeau, in Scene.— — Ein Verband der.Kunstfreunde in den Rhein- landen ist in Düsseldorf gegründet worden. Zweck: sinanzielle Unterstützung begabter bildender Künstler.— — Unter den versteinerten Funden, die von. der S iv e r d r u p- scheu Expedition gemacht wurden, befanden sich wieder Beweis- stücke dafür, daß in den arktischen Gebieten einst ein mildes Klima herrschte. Prof. Nathorst in Stockholm, dem die Bearbeitung der geologischen Sammlung obliegt, schleinntte aus mitgebracküer Thon- erde Teile von Gewächsen, die man jetzt in der australischen Flora kennt und die eine mittlere Temperatur von-ft 12 Grad CelsiuS gebrauchen, um fortzukommen.— — Versuche mit der F u n k e n t e l e g r a p h i e sollen demnächst zwischen KarlSkrona und Berlin angestellt.verde».— o. Der Preis desRadiums. Aus London wird be- richtet: DaS Ergebnis der neuesten Forschungen über da? Radium ist eine starke Nachfrage nach diesem kostbaren Element: außer Aerzten und Gelehrten kaufen es auch Privatleute. Die kleinste käufliche Menge kostet 200 M. Ein Mitglied der Firma W. Harrison Martindale. die den Alleinverkauf des Radiums in London hat, stellte fest, daß in den letzten Tagen die Nachfrage ganz erstaunlich war. Im Vergleich mit Radium sind Gold und Platin spottbillig. Bei einem Preise von 200 Mark für Vis Gran kostet das Radium 13 824 000 M. das englische Pfund— gegen 3 600 000 M., wie William Crookes im Mai schätzte. Diese hohen Preise kommen, ivie William Ramsay kürzlich ausführte, daher, daß Oestreich eine Art Ring auf dem Radinmmarkt geschaffen und die Ausfuhr der Erze, in denen es gesunden wird, verboten hat. Eine Radiunnnengo für 200 M. wird in einer tleiiic» Glasröhre aufbewahrt; der graue Staub auf dem Boden der Röhre würde kaum einen gewöhnlichen Kragenknopf bedecken. In London befinden sich zur Zeit nur etwa 20 Gran Radium; wenn diese verkauft sind, wird eS schwer sein, mehr zu bekoinmen.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 6. Dezember. Vorwärts Buchdruckerei und VerlagSanslalt Paul Singer& Co., Berlin SW