UnterhaltungsSlatt des Dorwürts Nr. 241. Donnerstag, den 10. Dezember. 1903 (Nachdruck i'crSctcn.) Das Verbreeben des Hrztes» 10] Roman von I. H. R o?• n!). Autorisierte Uebertragung von M. v. B e r t h o f. „Nein, nichtvor Ende des Monats," sagte die alte Dame gereizt. „Sie haben et- selbst gesagt. Tie Lust, die wir hier atmen, ist nicht viel schlechter ale die auf dem Lande, und was noch mehr sage» will, ich erfreue mich einer Gemütsruhe, die ein Plus von Ozon nicht ersetzen wird! Sie haben mich an Ihre Pflege gewöhnt. Sic wissen ganz gut, dah ich fern von Ihnen wieder hypochondrisch werde, dah ich meine Abende damit zu- bringe, mich vor der Krankheit zu fürchten, wie andre vor Dieben!" „Aber Sie entfernen sich ja nur einige Meilen von Paris!" meinte Guy.„Beim ersten Ruf am Telephon eile ich zu Ihnen. An mir wäre es, sich zu beklagen, an mir, der ganz allein bleibt. Wenn Sie ivüszten, wie traurig meine Mahlzeiten sind!" „Das ist also ein Grund mehr. Ich weigere mich ent- schieden, vor der festgesetzten Icit fortzugeben. Aber ivarnm gönnen Sie sich keine längeren Ferien?"— „Ich gönne mir sechs Wochen, das ist eine lange Zeit für einen Arzt." „Aber am fünfzehnten Juni sind fast alle Ihre Patienten fort." „Dann kommen andre, die nicht minder wichtigen und hervorragenden. Fremden, die noch dazu dienen, mir einen Ruf zu machen. War es nicht im Sommer, tvo ich den Prinzen Piasfetzky dagehabt habe und den.König Georg August?" „Wenn Sie wenigstens viermal wöchentlich nach Anlnettc? komm«» wollte». Sie brauchten dann nur Ihre Sommer- besuche am Morgen etwas später zu machen, und wenn es ettvas besonders Wichtiges gäbe, könnte man Ihnen ja tele- phonieren." „Ach ja!" mischte sich jetzt mit einschmeichelnder Miene Madeleine ins Gespräch,„e.- darf nicht vorkomme», daß wir Dich jemals länger als zwei Tage nicht sehen." Er fasttc die Hand seiner jungen Frau und drückte einen zärtlichen Kuß darauf. Tann sah er Madame Monteaux lächelnd an: „Sie haben mich besiegt, Maina, ich werde viermal wöchentlich nach Aul nettes kommen und Sie werden nicht vor dem ersten Juni abreisen." Die alte Dame lachte fröhlich wie ein Kind.„Es giebt doch keinen besseren Meuten als Sie!" „Nein, Sie sind die Gute!" sagte er bewegt.„Es ist mir gelungen, mich ein wenig nach Ihrem Ebenbild zu ge- stalten. Ich bin nur ein rauher Mensch, ein Lebenskämpfer." „Das dürfen Sie nicht in meiner Gegenwart sagen," rief ganz entzückl Madame Montemir.„Weder in meiner, noch in der von T-u fröne." Ein kaum merkliches Rot stieg Guy ins Gesicht und er antwortete:„Aber das ist doch mein eigenstes Interesse, dast ich Dnsröne gut behandle, das gebietet mir doch der elementarste Egoismus. Werden wir jemals wieder ein Faktotum finden, dem man so unbegrenztes Vertrauen entgegenbringen kann? Da würde ich eher mir selbst nüsttrauen als diesem Menschen." „Das ist wahr, er ist die personifizierte Ehrlichkeit und hochanständig, und doch würde ihn niemand so behandeln wie Sie." „Auster Ihnen selbst." „Ja, aber erst nach Ihrem Beispiel und zum Teil, auch inn Ihretwillen. Und dann, ich will es gestehen, wegen seiner Tochter. Ich habe das Mädchen gern wie eine Blutsverwandte. Ihre Gegenwart thut mir wohl, sie macht inich gesund!" „Sie wird leiden, wenn sie jemals wieder herabsteigen tnusj. Nach meiner Meinung seid Ihr beide für ihre Zukunft verantwortlich. Ihr könnt sie nicht wieder ihrem Schicksal überlassen, Ihr müstt ihr mit allen Euren Kräften beistehen." „Das wird mich geschehen!" fiel Madame Monteaur leb- hast ein.„Wenn es mir von mir abhängt, dann soll dieses Mädchen glnektich werde», lind siehst Du, Madeleine, Deine Worte ermutigen mich. Dich zu fragen, ob Tu damit ein- verstanden bist, wenn ich ihr eine Mitgift sichere. Ich glaube. sie wird, um sich entsprechend zu verheiraten, eine Mitgift von sünfzigtansend Frank brauchen." „Ist das alles?" rief Madeleine lachend.„Tann bin ich ganz mit Dir einverstanden. Und wenn Du eines Tages Luft verspüren solltest, die Summe zu verdoppeln, so empfange im vorhinein nieiue sehr wertvolle Zustimmung!" Der Kaffee war bereits in einem kleinen Salon serviert, aus dem man die Aussicht auf den Rond-Point der Ehamps- Elysöes und das Palais des Beaux-Arts hatte. Madame Monteaur trank keinen Kaffee, aber sie liebte das Aroma und den Dnsr der Eigarre, die Guy dazu rauchte. Für i!m waren dies die erlesenste» Stunden des Tages, diejenigen, die er am schwersten einen: dringenden Besuche opferte. Während er mit seligem Ausdruck seinen„Schwarzen" genost, und dabei seine Eigarre mit Daumen und Zeigefinger mit leichtem Druck prüfte, sagte er: „Heute nachmittag habe ich mir chronische Kranke oder Retonvaleseenten zu besuchen.' fessur bewerben, schriftstellerisch in wisseiischaftlicheii Zeitschriften thätig sein? Wo lag die Notwendigkeit, ewig auf dem Quwive zu sein, beständig gestört in seinen Mahlzeiten, in seinen Vergnügen, ja selbst in seiner Nachtruhe? Was spielten die zweihundert bis dreihundert Frairk, die ihm dies mit- reibende Leben täglich einbrachte, für eine Rolle? Sie schwieg zumeist darüber, denn sie begriff, das; er nicht ausschliestlich vom Vermögen seiner Frau leben wollte. Heute jedoch konnte sie sich nicht enthalten zu sagen: „Wirklich, unsre Vorurteile sind doch zu dumm! Würden wir drei nicht viel glücklicher sein, wenn Sie Ihre Praris ans- geben wollten?" Langsam brachte er seine Eigarre in Zug und entgegnete: „Ich glaube es nicht.- Abgesehen davon, dast ich alles ig allem genommen, meinen Beruf sehr gern habe, würde ich mich sehr demütigen, nicht mein tägliches Brot zu verdienen, und dieses Gefühl würde mich erdrosseln und griesgrämig inachen. Es sagt mir nicht zu, ein Weichling zu sein, das würde mich direü schlecht machen." „Da bleibt freilich nichts andres übrig als sich zu fügen," grollte die Schwiegermutter.„Sie sind aver mich wirklich ein viel z» anständiger Mensch!" „Was wissen Sie davon?" entgegnete er ruhig.„Ich war vielleicht zum Verbrechen geboren." Die beiden Frauen lachtet: gleichzeitig und er, der sie mit zärtlicher Lässigkeit betrachtete, dachte: „lind ich bin dennoch ein Dieb!" An manchen Tagen machte es ihm ein eigenriiniliches Vergnügen, sich das vorzuhalten— ein sehr kompliziertes Vergnügen, wobei eine nachsichtige Geringschätzung gegen sich selbst sich mit der Gewistheit vermählte, das Böse, das er an- gerichtet hatte, wieder gut gemacht zu haben, wozu noch das Vewusttsein kam, die ganze Gesellschaft zum besten zu haben, und schliestlich eine Art unbestimmten Leidens, jene Art von Schmerzen, die eine gewisse Wollust erwecken. „Sie haben unrecht, zu lachen," begann er wieder ernst. „Das Glück war mir günstig, es wurde mir also niclit schwer. für einen Ehrenmann zu gelten. Aber ich denke mir oft, das; ich unter minder günstigen Uinstciuden leicht ein Sehnst oder ein Fälscher hätte werden können. Das macht mich sehr nachsichtig gegen Verbrecher!" Er schlürfte behaglich seinen Kaffee und lächelte dabei leicht und eigentümlich, lind es gewährte ihm eine tieie Freude ans den Gesichtern der beiden Frauen ihr grenzen- loses Vertrauen und ihren nnerschütterlichen Glauben an ihn zu lesen. „Da," sagte er, indem er den letzten Rest seiner Eigarre weglegte,„wieder eine, die in den Abgrund für immer ver- schwunden ist." mutier Guy drückte einen Kuß aus die Stirn der Sckyvieger- er, einen zweiten aus Madeleines Haare und ging a«; NtÜflif. ttUMferw>■.... fein Zimmer. Wie er schon Lei Tisch gesagt hatte, gab eS für ihn heute keine dringenden Besuche. Wr betrachtete die kleine Liste seiner Kranken, legte sich seine Wege zurecht und wollte eben den Auftrag geben, daß angespannt werde, als Dufrene eintrat. DufrSne hatte sich verjüngt. Die Falten, die das Unglück zeichnet, die Müdigkeit und Sorge ins Gesicht graben, die Trockenheit der Haut und ihre fahle Farbe, der unstete, irre Blick der Augen, der bei den Unglücklichen an den der ge- hetzten, gequälten Tiere erinnert, das alles war verschwunden. TufrSne hatte eine frische Gesichtsfarbe, einen glänzenden Bart, weiche, gepflegte Haare, einen ruhigen Mund und Angen, die vertrauensvoll und beruhigt blickten. f Fortsetzung folgt.)j (Nachdruck vervote».) parlamentainlcbes aus ßyzanz. Die Bewohner des oströmischen Reiches, insbesondere die seiner Hauptstadt Konstantinopel oder Byzan.z haben sich in der Geschichte einen so schlechten Ruf als nnnbertreffliche Meister im Servilismus erworben, daß ihre Heimat geradezu den geläufigsten Namen für nntcrthänige Speichelleckerei geliefert hat. Dies üble Renommee ist im großen und ganzen nicht unverdient; daß den Byzantinern das Kotaumachen eine ganz geläufige Sache war, genügt schon, um ihnen die vielgerühmte, aber wenig praktizierte Eigenschaft des MänncrstolzeS von Königsthronen nicht anzudichten. Indes ist auch der Byzantinismus der Byzantiner nicht ohne Ausnahmen. Der Zufall hat es sogar gewollt, daß der eine Parlamentsbericht aus Byzanz, der uns erhalten geblieben ist. nichts weniger als byzantinisch, sondert, in, Gegenteil äußerst unparlamentarisch ai,- mutet. Man muß dabei freilich mit den, Wort Parlament einen er- heblich weiteren Begriff verbinden, als cS heute üblich ist. Parlamente im Sinne von gewählten Volksvertretungen hat bc- kanntlich das ganze Altertum nicht gekannt, wohl aber parla- mcntarische Verhandlungen. In den klassischen Zeiten der römischen Republik fanden solche statt einmal in dem herrenhausartigen Senat, außerdem aber in den'Volksversammlungen, Ivo die Bürger- schaft sich in ihrer Gesamtheit versammeln sollte. Mit der letzteren Ein- richtuug ward schon unter den ersten Kaisen, aufgeräumt, und der Senat blieb zwar dem Namen nach bestehen, aber bloß um als eine Körperschaft devotester Jasager den, herrschenden Absolutismus zur Folie zu dienen. Der nämliche Zustand dauerte fort, uachden, Kaiser Äonstantii, das auf seinen Namen umgetaufte Byzanz an Roms Stelle zur Hauptstadt gemacht hatte, und zunächst auch noch, als Konstantiiiopel(seit Mö n. Chr.) die Kapitale nicht mehr des ganzcn Römcrreichs, sondern bloß des aus seinen, Zerfall hervorgegangenen oströmischen Reiches war. Im Laufe des fünften Jahrhunderts hat sich dann in Konstan- tinopel doch wieder eine Beschränkung des bnreaukratischci, Absolu- tismus herausgebildet, die zwar nicht juristische, wohl aber that- sächliche Geltung in hohem Maße besaß. Es Ivar ein Gebilde, das große Aehnlichleit init den alten Volksversammlungen besaß. Diese waren freilich als gesetzgebende Körperschaften abgeschafft und als private oder Parteiveranstaltungen durch das Vereinsgesetz mit der Strafe des Hochverrats belegt. Trotzdem kamen aber in kurzen Zwischenräumen Volksversammlungen zi, stände, die mit obrigkeitlicher Erlaubnis den größten Teil der Haupt- städtischen Bevölkerung von, Kaiser bis zum Lumpcnproletarier umfaßten; das ivarei, die großen Wagcnrennen im Cirkus, die in jenen Zeiten bekanntlich für jedermann ohne Eintrittsgeld zugänglich waren und das Hauptvergnügen der Massen darstellten. Im Cirkus gab es seit Jahrhunderten sogenannte„Parteien", die„Blauen", womit sich die„Weißen" verschmolzen, und die„Grünen", denen sich die„Roten" anschlössen: die Bezeichnungen hingen mit der Farbe der Anzüge zusammen, die von den Wagenlenkcrn getragen wurden. Diese Gentlemen standen in, Dienst der vier, später zwei Korpora- tionen. denen der ganze Apparat der Rennen gehörte und die um den Sieg rangen; allbekannte Rcunbahngebräuche vcranlaßtcn das ganze Publikum zur Parteinahme für die„Grünen" oder„Blauen". Die Gegensätze waren relativ harmlos gewesen und produzierten bloß wüste Schlägereien, so lange in Konstantinopel außerhalb des Kreises der Regierenden kein politisches Leben bestand. Als aber die Hauptstadt wieder heftige Interessengegensätze ans- zuweisen bekam, da ben, ächtigte sich der dadurch hervorgerufene Trieb zu politischer Bethätigung des Cirkus und seiner Parteien als der einzigen konzessionierten Oeffentlichkeit. Ans einem bloßen Tnmincl- platz der Rosse wurde der Cirkus zur politischen Schaubühne; ans dem Wetteifer zwischen SportSmcn und Wettenden wurde der Gegen- satz zivischen„Blauen" und„Grünen" zum erbitterten Kampf um materielle Interessen. Im ersten Drittel des G. Jahrhunderts lag die Sache so, daß die„Blauen" Regierungspartei, die„Grünen" Opposition waren. Zu jenen gehörten der Hof, der ganze Beamtcnapparat und alles, was davon abhing, vor allem das ungeheuer zahlreiche, aus Staats- losten lebende Lumpenproletariat, zu den„Grünen" anscheinend die ganze Masse der erwerbsthätigcn Bevölkerunng, deren llnzufrieden- heit gerade gegen Ende des ersten Drittels im V. Jahrhundert außerordentlich war: ein verschwenderischer Hof, eine bis in die höchsten Spitzen lorrnptc Burcaukratie und eine tolle Zoll- und Steuer» Politik waren die Hauptursachen. Die regierenden„Blauen" führten ein Schrcckensregiment schlimmster Sorte: eine Wahrheit»- gemäße Vorstellung von der vollendeten Rechllosigkeit, der die „Grünen" verfallen waren, gicbt eben die parlamentarische Verhandlung, von der hier die Rede sein soll. Sie spielte natürlich im Cirkus, Ivo seit langen, schon die Parteien bei Gelegenheit der Rennen ihre Wünsche und Beschwerden in Rede und Gegenrede zum Ausdruck brachten, gegeneinander, wie auch im Meinungsaustausch mit der Regierung. Der einzige und einzigartige Bericht aus diese», EirkuSparlament, der uns— bei den, byzantinischen Geschichtsschreiber Theophanes�— erhalten ist. datiert vom 11. Januar 532 n. Chr. Man nmß sich vorstellen, daß einige hunderttausend Menschen in dem gewaltigen Oval des Cirkus sitzen, nach Parteien getrennt, der Hos mit dem Kaiser Justinian inmitten der„Blauen" in einer Loge. Hier konnten natürlich keine ivohlgebanten Reden von erprobten Parlamentariern gehalten werden, sondern die diskutierenden Parteien bedienten sich bezahlter„Rufer" oder Herolde, um diese lungen- kräftigen Leute mit Stentorstimme in kurzen Sätzen durch den weiten Raum brüllen zu lassen, lvas ihnen von den entscheidenden Per- sönlichkciten vorgesagt wurde. Kaum war Justinian am 11. Januar in seiner Loge, so ließen die„Grünen" ihm zurufen:„Wir erleiden Unrecht und vermögen es nicht länger zu ertragen. Gott lveiß es, doch ivir scheuen uns. einen Namen zu nennen, um nicht in noch größere Gefahren zu geraten."„Daß ich nicht wüßte," ließ der Kaiser erwidern,„niemand thnt euch unrecht". Doch die„Griinen" be- harrten bei ihrer Behauptung, und aufgefordert, Namen zu nennen, bezeichneten sie den Richter Kalopodius als nächstes Objekt ihres Zornes: er that sich gerade besonders durch Parteijustiz hervor. indem er die zahlreichen Morde, die von„Blauen" aus offener Straße an„Griinen" aus politischen, Haß oder gewöhnlicher aus Diebes- gelüsten begangen Ivurden, grundsätzlich wiederum„Grünen" in die Schuhe schob und entsprechend das Köpfen praktizierte. Der Kaiser fühlte sich durch den Namen Kalopodius etwas er- leichtert, weil er erwartet hatte, den Namen eines seiner spitzbübischen Minister, etwa des Reichskanzlers Tribonian oder des Polizeipräfekten Johannes, zu vernehmen; er ließ also sagen:„Kalopodius hat mit der Verwaltung nichts zu schaffen." Das war ganz fehlgeschossen; denn nun erklärten die„Grünen", wer der Uebelthäter auch sei, ihm werde das Los des Judas bereitet werden. Vergeblich verbietet ihnen der zornige Kaiser den Mund und versteigt sich schließlich zu dem liebenswürdigen Lakonismus:„Ruhig, oder ihr werdet geköpft." Der einzige Effekt ist, daß die„Grünen" für den Augenblick etwas parlamentarischer als er werden und ihre nächsten Beschiverden sach- lich auseinandersetzen:„Da wir im Recht sind, so wollen wir alles rund heraus sage». Wie es zugeht, wissen wir nicht. Aber weder der Palast, noch die Staatsverwaltung sind uns zugänglich, kaum dürfen wir es noch wagen, die Straßen der Stadt zu betreten." Der Kaifcr leugnet das und bezeichnet die„Grünen", die wieder behaupten, daß jeder freie Mann ihrer Farbe mißhandelt und bestraft werde, wo er sich nur blicken lasse, als Galgenvögel. Nun reißt den „Grünen" der Geduldsfaden:„Unsre Farbe ist geächtet. Die Ge- rcchtigkeit hat aufgehört. Willkürlich werden wir gemordet und m,t dem Tode bestraft. Schon schäumt der blutige Ouell über. Wäre Sabates(des Kaisers Vater) doch nimmer geboren, damit er keinen Mörder zun, Sohne hätte. Der 26. Mord ist bei», Zeugina ge- schehen: morgens war der Unglückliche noch in, Theater und abends ward er erstochen." Zu den,„Mörder" inußte Justinian bald noch einen„meineidigen Tyrannen" und einen„Esel" schlucken. Die Scene wurde immer nnparlamcntarischcr, weil sich nun auch die„Blauen" hincinmifchten und den„Grünen" samt- liche Morde zuschoben, worin Justinian seiner Parter dreist und gotteöfürchtig beipflichtete. DaS liebliche Gezänk endigt damit, daß die„Grünen" erklären:�„Wenn cS der Gewalt beliebt, berstumnien lvir. Alles, alles wiffcn lvir, aber wir schweigen. Fahre hin, Gerechtigkeit I Für dich ist keine Stätte mehr. Brechen wir auf. Weg von hier. Lieber uns zu den Inden bc- kennen, ja, es niit den Heiden halten, als init den„Blauen"!" Ui,- geheurer Lärm bricht ob dieser Kriegserklärung unter den Massen aus, die bisher init verhältnismäßiger Ruhe den Erklärungei, der Wortführer gelauscht haben.„Fort I" brüllen die„Blauen" zu den „Grünen" hinüber,„wir verachten euch, euer Anblick ist uns zu- wider." Die„Grünen" aber verlassen in Masse den Cirkus unter dem Ruf:«Nieder mit allen, die zurückbleiben I" Es war kein blinder Lärm. Binnen vierundzwanzig Stunden begann in Byzanz ein wütender Straßcnkampf, der acht Tage dauerte, die halbe«tadt in Asche legte und mehr alch 30 000 Menschen das Leben kostete. Der Kaiser gab eine Zeitlang seine Sache ver- lorei, und war im Begriff zu flüchten, schließlich aber gewannen seine barbarischen Söldlinge die Oberhand und stellten die Ruhe gründlichst wieder her. Es war die Kirchhofsruhe. Sie ließ später keine CirkuSdebatten mehr zu, gleichviel ob in parlamentarischer oder unparlamentarischer Sprache. Die beiden Parteien haben zwar noch lange bestanden, aber sie wetteiferten nur mehr darin, wer beim Anblick des Kaisers an, lautesten Hurra! Hoch! schreien könne. a. o. (Nachdruck verboten) InchiftneUc Verwertung von KUchenabfäUen. Die Verwertung von Abfallstoffen fast aller Industrien ist ein besonders bemerkenswerter Zug unsres industriellen Zeitalters; merkwürdigerweise hat aber die nutzbare Verwendung der un- vermeidlichcn Abgänge des einfachsten aller Betriebe, nämlich des Haushaltes, welcher auch bei sparsamster Verwaltung große Mengen solcher Stoffe erzeugt, den Ingenieuren besonders viel Kopfschmerze» bereitet. In England, Ivo der Inhalt der Müllkästen, die noch häufig Kohlenstaub und Coaks enthalten, an sich schon als Brenn- Material einen gewissen Wert repräsentiert, hat man mit der nutz- bringenden Verwertung des Mülls den Anfang gemacht. Während früher nur die unschädliche Beseitigung dieser Stoffe angestrebt tvurdc, lvar man jetzt bedacht, Werte zu gründen, welche nicht allein die Kosten der Sterilisierung oder Einäscherung zu decken, sonder» auch noch einen guten Gewinn abzuwerfen vermögen. Die ersten Werke dieser Art waren Müllverbrennungsanlagen; sie laufen sämtlich darauf hinaus, die Produkte nicht nur in Asche zu verwandeln, sondern auch aus den Abfallstoffen nutzbare Wärme bezw. elektrische Energie zu gewinnen. In London z. B. sind große Anlagen geschaffen worden, welche dazu dienen, Elektricität zum Betriebe von Maschinen und zur Beleuchtung ganzer Stadtviertel z» gewinnen. Die Einrichtungen in den Londoner Kirchspielen �t. Pankratius und Shorcditch sind etwa folgende: Ter Gebäudckomplcx gleicht äußerlich einer großen Fabrik- anlage. und wer seine Bestimmung nicht kennt, dürfte sich nicht wenig über den langen Zug von Müllwagen verwundern, die fortwährend gefüllt zu einem Thot hinein und leer aus einem zweiten heraus- fahren. Diese Wagen entleeren ihren Inhalt in weite Tröge, aus welche» die Masse in Fülltrichter und dann in die Defen fällt. Die Trichter sind mit einer Vorrichtung versehen, durch deren Bewegung das Müll ununterbrochen in die Flammen besörderl wird. Dieser Mechanismus wird durch eine Dampfmaschine getrieben, die zugleich einen starken Luftzug in den Oefen erzeugt, um die Verbrennung der schwer entzündbaren Stosfc zu befördern. Doch ist auch noch ein be- stimmtes Kohlenquantum erforderlich, um die vollständige Ver- brennung des Mülls herbeizuführen. Nur Töpfe, Kessel und andres Eisenzcug, welches die Maschine leicht verstopfen könnte, werden vorher entfernt und nach Lancashire verschifft. Hier werden sie eingeschmolzen, um in andrer Form eine neue Laufbahn zu beginnen. Minder zweckmäßig sind die Müllverbrennnngsöfen eines andren Systems, welche fortwährend von den sich schnell ansammelnden Schlacken und der Asche gereinigt werden müssen. Indessen sind auch die Schlacken kein Abfallprodukt, denn sie geben, in Mühlen zer- mahlen mid mit einem Bindemittel vermischt, ein vorzügliches Mörtel- mittel, das im Kirchspiel verarbeitet wird. So werden täglich achtzig bis hundert Tonnen Müll für den Dienst eines Elektricitätswerkes nutzbar gemacht, um Schmutz und Finsternis in Licht umzuwandeln. Shorcditch, das größte Londoner Kirchspiel, dessen Anlage später als die von St. Pankratius ausgeführt wurde, und sich die dort gewonnenen Erfahrungen zu nutze machen konnte, zahlte mehrere Jahre hindurch 3 Mark pro Tonne für das Fortschaffen des Mülls, welches ans Barken verladen und in die See hinausgefahren und in die Tiefe versenkt wurde. Jetzt verbrennt das Kirchspiel die Abfälle in seinen Müllöfen und verdient dabei noch 2 Mark per Tonne; das ist bei achtzig Tonnen pro Tag ein jährlicher Reingewinn von tig 40» M. Die Hauptvorzüge dieses Systems bildet die Anwendung zweckmäßiger Röhrcnkcssel und ein neues Verfahren der Wärme- aufspeichcrung, durch welches jede Verschwendung vermieden wird. Man wird die Wichtigkeit letztgenannter Einrichtung ohne weiteres erkenne», wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Arbeit der Müllvcrbrennung naturgemäß kontinuierlich ist, da volle Wagen jeden Augenblick eintreffen und ihr Inhalt ohne Aufschub in die Oefen befördert werden muß. Deshalb wird auch in den Tages- stunden in den Kesseln Dampf erzeugt, welcher erst später für den Betrieb der Dynamomaschinen zur Beleuchtung des Kirchspiels An- Wendung findet. Das Kirchspiel hat sich das Bcleuchtungsmonopol vorbehalten. Es ist in der Lage, das Licht einer Lampe von acht Normalkerzen Stärke während sechs Stunden für einen Penny abzugeben. Shorcditch ist der Sitz der Möbelindustrie und nahezu jedes Haus ist eine kleine Fabrik, llcbcrdies liefert das Kirchspiel am Tage Strom zum Treiben kleiner Maschinen und zwar zu einem sehr mäßigen Preise. Gegenwärtig stehen bereits mit diesem ans- gedehnten Unternehmen, welches 70 OOO Pfund gekostet hat, Bäder und Waschhäuser, eine ösfcnrliche Bibliothek und ein„technisches Institut" in Verbindung. Auf wesentlich andren Principien beruhen diejenigen Anlagen zur Müllverwertung, welche dazu dienen, aus den Abfalljtoffen auf chmischem Wege wertvolle Nebenprodukte zu gewinne». Derartige Großbetriebe giebt es z. B. in Philadelphia und Boston. Die groß- artigste Anlage dieser Art wurde aber kürzlich in Baltimore voll- endet; sie ist nach dem Urteil von Sanitäts-Jngenieuren in jeder Hinsicht die vollkommenste dieser Art. Bemerkenswert ist zunächst, daß ein verhältnismäßig beschränktes Terrain erforderlich wurde. Das Grundstück des Werkes ist am Hafen im Süden der Stadt gc- legen, ist also sowohl durch Tankwagen als auch durch besondere, spcciell für die Verschiffung des Materials gebaute Prähme zu- gänglich. Tie Tankwagen befahren regelmäßig die ganze Stadt; sie werden, sobald sie voll sind, direkt nach dem Werk befördert oder in die Prähme entleert. Letztere werden am Werk durch Dampf- elcvatoren entladen. Die erste und wichtigste Stufe in chemischen Rednttionsprozcssen dieser Anlage ist die völlige Sterilisierung des Materials in hermetisch verschlossenen Dampfapparatcn. Von diesen sind 23 Stück von je 10 Tonnen Leistung vorhanden, das sind zusammen SOO Tonnen Leistung in 24 Stunden. Die Abstille werden mittels eines endlosen Förderbandes in große Trichter besördert und fallen durch diese in die Dampfapparate, in denen sie einem Dampfdruck von 100 Pfund pro Ouadratzoll ausgesetzt werden. Ter Dampf tritt durch den Boden der Apparate ein. Die Temperatur im Tampfapparat erreicht 300 Grad Celsius und wird zum Zwecke der vollständigen Stcrili- sation längere Zeit aufrecht erhalten. Dann werden die Dampf-- apparate durch Bodcnventile entleert, indem der Inhalt in Behälter fällt, welche die Stoffe sinnreich konstruierte» Pressen zuführen. Das Herauspressen der Flüssigkeit mittels einer spcciell füll diesen Zweck erfundenen mächtigen Walzenpresse bildet die nächste Stufe. Das Material passiert eine Reihe massiver Walzen, welche die flüssigen Stoffe herauspressen. Die voin Wasser geschiedene kompakte Masse, welche als Düngemittel dienen soll, wird nun in die üblichen Handelsformen künstlicher Düngemittel gebracht. Diese Prehmaschinen arbeiten automatisch und bedürfen zu ihrer Thätigkeit keiner Wartung. Das gewonnene Produkt enthält nach chemischer Analyse etwas über 1 Proz. Stickstoff, 1,57 Proz. Phosphorsäure, 0,11 Proz. Kali, 7,91 Proz. Fett. 3,5 Proz. phoSphorsanren Kalk, das übrige sind feste Faserstoffe und Wasser. Die getrocknete Masse ist geruchlos.- Die flüssigen Bestandteile gehen von den Pressen durch Kanäle in eine Serie von 14 Behälter»; aus diesen wird das Fett, Ivelchcs sich an der Oberfläche der Flüssigkeit sammelt, abgepumpt. Aus diesem flüssigen Rückstände werden etwa 3 Proz. Fett gewonnen; eS wird zusammen mit Fettstoffen, welche man schon direkt beim Pressen er- hält, an Seifenfabrikanten verkauft. Die übrigen unbrauchbaren flüssigen Stoffe werden in die Kanalisation geleitet. Die Betricbsmaschincnanlage umfaßt eine Batterie bon sechs hcrizontale» Röhrcnkesscln(Schiffskcsseltype)_ von 200 Pferdestärken und 125 Pfund Arbeitsdruck. Jeder Kessel kann für sich wis auch zusammen mit den andern in Betrieb gesetzt werden. Tie Pressen werden von 50pferdigcn liegenden und die Elevatoren von stehenden Dampfmaschinen betrieben. Die Gesellschaft hat in Verbindung mit ihren Abfallwcrtcn die Bauausführung einer Düngcrfabrik begonnen, in welche das Produkt aus den Abfalllverken überführt wird. Man hofft jährlich 15 000 bis 20 000 Tonnen des fertigen festen Produktes der Abfallwerke durch Behandlung mit Säuren als Basis für die Düngfabrikation zu gewinnen. Diese Erfahrungen zeigen, daß auch das Hansmüll, welches man bisher unter großem Kostenaufwand zu beseitigen strebte, wertvolle Produkte enthält, um Industrien darauf gründen zu können. Die erwähnten Anlagen erschöpfen aber keineswegs die industriellen Möglichkeiten, denn die Beschaffenheit des Mülls hängt im wescnt- lichen von den Gewohnheiten der Einwohner eines Landes und den Bodenprodukten desselben ab, und es wird immer ans die chemische Untersuchung der Stoffe ankommen, um die Möglichkeit und die Rentabilität der auf dieser Basis zu gründenden Unternehmungen zu ermitteln. Fr. Hut h. kleines fernlleton. k. Schlagfcrtigkeit ist eine der Ivichiigstcn Tugenden deS politischen Redners, schreibt eine englische Zeitschrift, die ein paar sehr hübsche Beispiele dafür anführt.„Heraus mit der Sprache I" brüllte bei einer Versammlung der Wähler Frank Lockwoods ein Mann,„heraus mit der Sprache, wir können Sic nicht hören!"„Ich dachte," cnt- gcgncte der witzige Rechtsanwalt,„daß die Ohren des Herrn, der mich unterbricht, lang genug sind, um mich auch in einer viel größeren Entfernung zu hören." Aber auch Lockwood fand seinen Meister. Ein Zeuge erklärte bei einem Fall, bei dem es sich um den Diebstahl eine's Esels handelte, er hätte ans der Entfernung gesehen, wie das Tier abgeführt wurde. Da erklärte Lockwood mit strenger Miene:„Lassen Sie sich warnen, mein Herr, borsichtig in ihrer Aussage zu sein. Wollen Sie mir sagen, in welcher Entfernung Sie glauben, einen Esel so deutlich sehen zu können, um ihn zu erkennen?"„Nun," antwortete der Bauer,„etwa gerade so weit, wie ich von Ihnen ent- fcrnt bin."— Vor einiger Zeit sprach ein Politiker verächtlich von den Menschen, die von den Verdiensten ihrer Vorfahren leben.„Das würden Sie auch thun," unterbrach ihn ein Mann au-Z dem Publikum,„wenn Ihre Vorfahren nicht aus der Gosse stammten" worauf der Redner ruhig erwiderte:„Ich bin auf meine Vorfahren, die aus der Gosse stammen, mindestens ebenso stolz, wie mein Freund aufseine Vorfahren, die vom Baum herabstiegen, nur lein kann—" Patrick Bricn gehörte zu den schlagfertigsten Iren, die je das Unterhaus entzückten. Einmal sprach er im Unterhaus von einem Mitglied als „der jungen Seeschlange aus Connty Cläre".„Zur Ordnung!" rief der Speaker streng.„Dann will ich die Seeschlange zurückziehen und dafür das ehrenwerte Mitglied für Countp Cläre sagen," fuhr Gti' Patrick mit einer höflichen Verbeugung zum Spcn'er fort.— Vor kurzem ging ein Pfarrer in Suffolk durch die Felder und kam zn einem Zauntritt. Ivo ein Banernjunge, der"seine Sonntagsschule besuchte, ein Frühstück genoß, das aus Schweinefleisch und Brot be- stand. Da der Junge sich nicht rührte, um dem Geistlichen Platz zu »nachc», sagte der letztere streng:„Ich glaube, Du bist besser genährt als unterrichtet."„Ja, das ist sehr lvahrschcinlich", antwortete der Junge,„denn Sic unterrichten mich und ich ernähre mich selbst."— Medizinisches. io. Die P l a tz k r a n k h e i t ist ein durchaus nicht seltenes Leiden, das noch nicht genügend aufgeklärt worden ist. Dr. Husband bat vor der Niedirc-Chirurgischen Gesellschaft in Sheffield einen Vortrag über diese Krankheit gehalten. Der Arzt hatte über 40 Fälle dieser Krankheit in Behandlung gehabt, die im Verlauf von sieben Jahren zu seiner Kenntnis gelangt waren. Er unter- scheidet drei Gruppen dcS Leidens, die in ihren Erscheinungen große Aehnlichkeit besitzen, aber nicht auf die gleichen Ursachen zurückzuführen sind. 6-3 ist dies die eigentliche Platz- kranlheit oder Agoraphobie, die sich darin äußert, daß em Mensch eine kaum überwindliche Scheu davor hat. über einen großen Platz zu gehen: dann die Klaustrophobie, die sich gegenteilig äußert, indem die betreffenden Leute eine große S-veu vor einem Aufenthalt in engen Räumen zeigen: drittens die Akra- Phobie, die Empfindung von Schwindel beim Aufenthalt auf einem erhöhten Punkt. Aus seinen mannigfaltigen Erfahrungen hat Dr. Husband eine Reihe von Schlüssen über die Ursachen dieser der- schiedenen Formen der Krankheit gezogen. Zunächst stellt er fest, daß die drei Arten des Leidens verwandte Erscheinungen sind, die auf ähnlichen Ursachen beruhen. Die Platzkrankheit und die Klaustro- Phobie bringt er in unmittelbaren Zusammenhang mit Augenfchlern. Die Platzkrankheit ist gewöhnlich mit" Kurz- sichtigkeit verbunden, die Klaustrophobie mit Weitsichtig- keit, Unstimmigkeit der Augenmuskeln und Schwächung der Seh- kraft können bei beiden Formen mitwirkend vorhanden sein. Die Akrophobie ist im allgemeinen einer mangelnden Fähigkeit in der Abschätzung der Entfernungen auf abwärtSgencigtcm Boden zuzuschreiben oder dem Verlust dieser Fähigkeit durch Beeinträchtigung dcS Allgemeinbefindens, z. B. durch Bleichsucht, Nerven- oder Alters- schwäche. Platzkrankheit und Klanstrophobie, nicht aber die Alrophobie sind am häufigsten bei Leuten mit aufgeregten Nerven. Nerven- schwäche ruft nicht notwendig eine dieser Erscheinungen hervor, auch sind solche nicht immer ein Merkmal von Nervenschwäche, sondern cS müssen in der Regel Fehler des Auges hinzukommen. Bei allgemeiner Herabsetzung der Gesundheit wirken diese Einflüsse stets mit erheblicher Verstärkung.— Aus dem Tierlebcn. � Pirol und Rabenkrähe. Hugo Otto erzählt in der„NerthuS":„Schwarzes Gelichter" nennt der Jäger wohl die Krähensippschaft, und dabei denkt er in erster Linie an das Sündenregister der Rabenkrähe, die als stille Tcilhaberin die Bestände seiner Jagden reduciert. Gerade dem Waidmann gegenüber entpuppt sie sich häufig als Feinschmeckcrin: denn sie nimmt ihm meistens nur das Zarteste fort, eben deshalb aber auch um so mehr hin- sichtlich der Zahl der Beute. In den Sommermonaten stehen auf ihrer Speisekarte als Leckerbissen: 1. Fasanen-, Rebhuhn-, Wachteleier. 2. Zarte Nestlinge dieser Vögel. S. Zung- hascn und-Kaninchen. 4. Eier und Jmige der Singvögel. Deshalb herrscht auch dauernde Feindschaft zwischen Krähen und Jägern. Jeder einzelne Horst der Rabenkrähe wird vorsichtig angepirscht/ und wenn es möglich ist, werden die Alten weggeschossen. WaS für ein Schwerenöter solch' eine Rabenkrähe aber unter Umständen sein kann, hatte ich vor einigen Jahren zu beobachten Gelegenheit. An einem schönen Julinachmittage war ich mit langer Pfeife in ein einsames Fcldgchölz gegangen, um unter einem Busche im Grünen zu ver- suchen, SalzmannL„bedeutsame" pädagogische Weisheit in meinen dazu nicht paffenden Schädel zu bringe», weil die Examcnordmmg unter andren altväterlichen Stoffen zur Schwächung allzu frischer Nerven auch dieses„Unentbehrliche" forderte. In jener Stunde habe ich das gesteckte Ziel auch glücklich nicht erreicht; denn kaum hatte ich eS mir bequem gemacht, als über meinem Kopfe hoch über den Büschen zwei Vögel anciiiandcrpralltcn, von denen der eine, eine Krähe, sich gleich darauf auf einem überwüchsigcn Eichenbaume postierte, der andre aber, ein Pirol, sick in meiner Nähe niederließ. Kaum war eine Miiuste verstrichen, so flog die Krähe anck, schon Iviedcr heran, der Pirol kreischend ihr sofort entgegen und ivicS sie abermals ab. Dies sah ich wohl ein halbes Dutzend mal. Da lvurde ich stutzig und besah einmal meine nächsie Umgebung ctivaS näher. Richtig, da stand oder vielmehr hing etwa 5 Meter hoch über der Erde des Pirols Nest, auf welches die Krähe es abgesehen hatte. Ich schlich nun langsain zurück zu meiner Wohnung und holte mir mein 0 Millimeter-Teschin. Die 5krähe machte noch iinmer ihre Versuche, das Nest zu berücken. Langsam kroch ich ans allen Vieren ihrem Stand- bäum zu und kam auch, gedeckt vom Schlagholz, in ihre Nähe. Gerade hatte sie wieder eimnal aufgebäumt, da fchoß ich ibr das tödliche Bleikügelchen in die Brust. Wie ei» reifer Apfel fiel sie zu Bode». Der Pirol aber flog erschreckt auf. Am nächsten Tage saß er iviedcr brütend auf seinen vier Eiern. Glücklich hat er seinen Killdersegcn groß bekomme». Lehrreich aber ist das Verhalten dieses Bermitnwrtll Redakteur: Julius KultSti in Berlin.— Druck und Verlag: schwachen Vogels gegenüber der starken Krähe doch. Auf die Dauer zwar hätte er wohl sein Heim nicht zn schützen vermocht.— Technisches. — Kupfer in der Architektur. In der Baukunst Hai sich in jüngster Zeit das Interesse wieder dem Kupfer zugewandt, nachdem eS sehr lange Zeit vernachlässigt worden war. Da? moderne Kunstgewerbe, welches eine große Farbcnfrcudigkeit be- kündet, machte auch seinen Einfluß ans die Architektur geltend. An die Stelle der stumpfen Töne sind belle, lebhafte getreten, ja man sucht die Fronten der Häuser sogar durch frische grüne und rote Töne, welche gut mit einander harmonieren, zu beleben. ES ist in letzter Zeit viel über die Aufgabe der Farbe in der Architettur geschrieben worden, da konnte es nicht ausbleiben, auf die schöne Wirkung der grün patinierten Knpferdächer, Türmchen. Wasserspeier usw. der alten noch erhaltenen Gebäude, namentlich alter Kirchen und Rathäuser, hiuznwciscn und zu einer fleißigen Verwendung des Kupfers in der Architettur anzuregen. Wo die Mittel nicht zu knapp bemessen sind, verwenden hellte' die Architekten gern wieder Kupfer zu Bedachungen, Rinnen, Abfall- röhren, sa sogar zn maimigfachen Schmiedearbeiten zum Zwecke reicherer Gestaltung der Außen- und Jnnenarchitettur. Die Ver- Wendung des Kupfers im Baufach Ivird heule»och durch die Fort- schritte der Technil der künstlichen Patinieruug sehr begünstig».—- („Technische Rundschau") Humoristisches. — Schön gesagt. A.:„Der alte Förster wird sich aber freuen, daß er Dir diesen Bären aufgebunden hat." „B.:„Ich glaube, D n glaubst, er glaubt, ich glaub's!"— — Ableitung. Lehrer:„Woraus ist Dein Rock gemacht?" Schüler:«Ans Tuch." Lehrer:„Woraus wird das Tuch gemacht?" S ch ü l c r:„Ans Wolle." Lehrer:„Woher kommt die Wolle?" Schiller:„Vom Schafe." Lehrer:„Von welchem Tiere hast Du also Deinen Rock?' Schüler:„Von m c i ki e in B a t e r I"— („Lnstige Blätter".) Notizen. — F ranz v. SchöntbanS vieräktigeS Lustspiel M aria Theresia" geht am 23. d. M. im Berliner Theater in Seene; Jenny Groß spielt die Titelrolle.— — Felix Dörmanlis neue Komödie„Die Mama" kommt im Januar im M ü n ch c ne r S ch a u s p i e l h a u s e heraus.— — Das Belle-Alliance-Theatcr ist schon wieder cm- mal geschlossen worden.— t. Räch Beobachtungen des englischen Forschers A k r o y d treten dlirch die Wirkung der Radium strahlen Farbe n w c ch f c l ein, wie sie nach den Untersuchungen von Professor Goldstein auch bei den Kathodenstrahlen wahrzunehmen sind. Diese Erscheinungen können hervorgerufen werden, wenn mnii eine Röhre mit Radium- bromid in den fraglichen Stoff hineinsteckt. Alsdann lvird z. B. arnli Kochsalz nach wenigen Stunden orange oder lcderfarben, Ehlorkali violett, doppeltkohlensanreS Natron amcthliftfarbcn, doch kehren die natürlichen Färbungen sehr bald nach Entfernung deS Radium wieder zurück.— — Eine bedeutsame Erweiterung der U n i v c r s i t ä t L- v o r l e s nn g c n soll in Heidelberg stattfinden. Der engere Senat der Universität beschloß, den Dozenten anhcimzustellen, außer ihren besonderen Vorlesungen lünftighin noch Vorlesungen für das große Publikum zu veranstalten, die allen erwachsenen/Ein-- w o h n e r n zugänglich sein sollen.— — Ein großes Kohlenbergwerk, daS auf die Dampfkraft vollständig verzichten und nur für e l c l t r i s ch c Betriebe ein- gerichtet werden soll, wird gegenwärtig im Brauk bei Gladbeck(West- falen) errichtet. Wie der„Frankfurter Zeitung" berichtet wird, be- absichtigt aiich der preußische BergfisluL, auf einer der von ihm neuerdings im Norden des RuhrbeckenS in Angriff genommene» neuen Kohlenzechen ausschließlich Elcktticitä: als BctticbSkraft zn verwenden. —„Die Innerlichen". Die„N c« c G e m c i n s ch a f t" in Schlachtcnsee, die von Julius und Heinrich Hart gegründet wurde, löst sich, wie der„Täglichen Rundschan" mitgeteilt ivird, binnen kurzem ans. Die Gemeinschaft wünscht sich mehr zu„vennncr- tichcn".— — Harter Schädel. Eine Strafverhandlung vor dem Münchener Landgericht ergab, das; in einem Dorfe bei HSlzlirchen an dem Kopfe eines der Beteiligten sieben steinerne Maß- k rü g e und mehrere Biergläser init aller Wucht zerschlagen worden waren, während er selbst festgehalten wurde. Es wurde ihm dabei eine Arterie zerschnitten und schwere Schädclverletznngen zu- gefügt. Und der Mann koniite 14 Tage nach der Rauferei als geheilt aus dem Krankenhause entlassen werden.— BorwärlS Buchdruckerei und Verlagdanstalt �Paul Singer sc Co., Berlin AW