Nnterhallungsblatt des Horwärls Nr. 242. Freitag, den 11. Dezember. 1903 (Nachdruck verboten� Vas Verdrecken äes RyzXcq. 20] Roman von I. H. Rosny. Autorisierte Uebertragung von M. v. B e r t h o f. Er genos; jenes fast vollkommene Glück, das nur den Schwachen zu teil wird, wenn die Verhältnisse genau mit ihren Wünschen übereinstimmen, und wenn sie sich nicht in den Kopf setzen, eigne Energie beweisen zu wollen. Mit Freudigkeit fühlte sich Du fröne von einer festen, willensstarken .Hand geleitet. Er gehorchte mit Wollust. Er befand sich in vollständiger Befriedigung darüber, sich in jeder Richtung dem Willen seines Herrn zu unterordnen. Er fühlte, daß seiner Hingebung das vottkonimenste Vertrauen entsprach, und er hatte auch das Gefühl(und bei ihm war das Gefühl untrüg- lich), daß Herbeline ihn nie aufgeben würde. Anfangs hatte es ihn überrascht: unwillkürlich hatte er nach Gründen geforscht, aber er konnte ihnen nicht auf die Spur kommen. Es hing mit nichts zusammen, das ihm aus feinem eignen Leben oder aus dem Leben seiner Frau be- kannt war. Und er hatte dieses Forschen unt so lieber aus. gegeben, als er sich Vorwürfe machte, irgend eine Handlung oder Absicht von Herbeline einer Kritik zu unterziehen. Seither war seine Gemütsruhe eine vollständige. Schon beim Eintreten lachte er übers ganze Gesicht, vor lauter Vergnügen, Herbeline zu sehen. „Was giebt's?" fragte dieser herzlich. „Herr Doktor!" entgegnete dieser,„ich komme, mir eine Gunst zu erbitten. Heute ist Donnerstag, die Kleine ist zu Hause— sie klagt, daß sie des Nachts nicht gut schlafen kann. Ich glaube nicht, daß es irgend etwas zu bedeuten hat, aber es wäre mir sehr lieb, wenn gerade Sie mich darüber be- ruhigen wollten." Wie alle Menschen seiner Art, hatte Dufröne wivHichcs Vertrauen nur in den, dem er ganz ergeben war. Er glaubte an das Wissen des Arztes, wie er an seine Energie und Klug- heit glaubte, wie er an seine Weissagungen geglaubt haben würde, wenn Herbeline sich als Prophet aufgespielt hätte. „Wenn es nichts weiter ist!" antwortete Guy, der seinen Mann kannte.„Ich will Ihre Tochter noch vor meiner Ans- fahrt untersuchen, wenn Sie sie gleich herbringen können, wenn nicht, dann beim Nachhausekommen." „Aber sie ist ja hier, Herr Doktor," sagte Dufröne. „Heute ist Donnerstag, und die Damen haben sie erwartet." Er ging hinaus und brachte das junge Mädchen herein. Die Schönheit war mit ihr in den Raum getreten. Ihr Wuchs, der Rhythmus ihrer Bewegungen, das Rauschen ihrer Kleider waren schon etwas ganz Außerordentliches. Eine Harmonie, eine Fülle, etwas Schreckliches und Herrliches zu- gleich, unendliche Verheißungen, mit einem Wort, das ganze weibliche Drama, das seit der Morgenröte der Civilisation dem großcit Drama der Natur gegenübersteht, verkörperte sich in ihr. Margucrite war eben über jenen kritischen Zeitpunkt hinweggelangt, wo die geheimnisvolle Künstlerhand, die uns gestaltet, oft an dem Problem scheitert, aus einer auserlesenen Mädchenknospe ein verführerisches Weib zu machen. Aber hier hatten die geheimnisvollen Alfächte gesiegt. Margucrite besaß jene Grazie, die sich unter einer Myriade von Frauen in einem einzigen auserlesenen Exemplar verkörpert. Sie verband alle Reize der Brünette mit den schlanken Formen der Blondine. Wunderbare Linien kreuzten sich und verbanden den vollen Hals mit dem Kopf und der Büste. ES gab keine schöner ge- formten Wangen, kein zarteres und weicheres Kinn. Ter Teint war leuchtend und makellos. Er zeigte jenen entzückenden Schmelz, wie ihn Perlen haben, die nur der Reinheit der weißen Farbe bedürfen, um vollendet schön zu sein. Darüber glänzte das weiche Haar nachtschwarz. Die Augen warfen »vechselnde Lichter wie ein Leuchtturm und die Lippen hatten uriter der überaus zarten Haut den halbfenchten Schinmier eben aufgeschlossener rosa Blüten. Guy war in ihrer Gegenwart immer etwas verwirrt. Obgleich er sie aufrichtig bewunderte, hatte seine Verwirrung doch nichts Sinnliches, außer jenem schwellenden, vagen Lust- und Lebensgefühl, das die weibliche Schönheit lebhafter er« weckt als die zauberhafteste Landschaft. Aber ihr Anblick iveckte mit außerordentlicher Kraft die Erinnerung an die Misscthat, deren er sich schuldig gemacht. In ihrer Gegenwart sah er augenblicklich das Zimmer wieder, in das er an jenem Winterabend eingedrungen war, sah den Greis am Boden hingestreckt und die verhängnisvolle Schublade, die loie eine geheimnisvolle Hand dem armen Arzt ein Vermögen hinhielt. Diese Vorstellung war ihm nicht direkt unangenehm. Er fühlte nur, daß irgend ein physischer Schwächezustand— ein Fieber, oder ein Anfall von Neurasthenie— im stände gewesen iväre, daraus eine Art fixer Idee zu gestalten. Deshalb hätte er vor allem ge- wünscht, daß es ihm nicht mit solcher Gewalt vor Augen ge« treten iväre. Manchmal entsprang ihm daraus auch eine sehr merk-« würdige Befriedigung. Dann war es das Gefühl eines Sieges, zu dem er sich beglückwünschte, da niemand darunter zu leiden haben würde. „Ihr Glück ist in meinen Händen," dachte er,„und sie ist glücklich." Sie»var viel verwirrter als er. Ihr Vater hatte de» Kultus, den er mit Herbeline betrieb, auch ihr beigebracht. Vielleicht wäre sie instinktiv zurückhaltender gewesen, wenn Dufröne auch nur die geringste Demütigung erfahren hätte. Aber sie sah den Do.ktor so natürlich, so einfach, so herzlich, er kehrte so wenig den Herrn heraus, setzte ein so unbedingtes Vertrauen in sein Faktotum, daß sie es mit immerwährendem Entzücken empfand... „Nun," sprach sanft der Doktor,„man sagt mir, daß Sie nicht schlafen können. Warum?" Sic lächelte leicht errötend, und ihre Erregung ließ sie noch leuchtender erscheinen. Er betrachtete sie mit aufrichtiger Bewunderung, ohne jeden Hintergedanken. Dann griff er nach ihrem Puls und klopfte sie ab. „Arbeiten Sie viel vor dem Schlafengehen?" fragte er. „Nein, das ist mir verboten. Ich lese ein wenig." „Kommt Ihre Schlaflosigkeit daher, daß Sie schwer ein- schlafen, oder erwachen Sie plötzlich?" „Ich schlafe schwer ein und am Morgen kann ich mich nicht herausreißen." „Träumen Sie viel?" „Nicht zu viel. Am häufigsten schrecke ich plötzlich auf, ohne noch völlig eingeschlafen zu sein." „Haben Sie Alpdrücken?" „Nein... oder wenigstens nur selten." „Lesen Sie gar nicht mehr und trinken Sie sehr wenig bei Ihrer letzten Mahlzeit!" sagte Guy lächelnd. Er drückte ihr die Hand, und Dufröne begleitete sie zu Madame Montcaur. Zwei Minuten darauf kam er wieder zurück, eben in dem Augenblick, als der Doktor sich erhob, um auszugehen. „Nun, Herr Doktor?" „Lieber Freund, sie ist sechzehn Jahre alt. das ist ihre ganze Krankheit. Eine ganz kleine KrisiS, die sehr bald vor- übergeben wird, denn dieses Kind bat eine wunderbare Kou- stitntion..." „Sie ist nie im Leben krank gewesen," sagte Dufröne. „Ich war gerade deshalb ein wenig beunruhigt. Also, bedarf es gar keiner Behandlung?" „Nicht im geringsten. In ihrem Alter ist es gewöhnlich die Blutarmut, die man zu bekämpfen hat. Sie ist aber nicht blutarm, man muß eben der Natur ihren Lauf lassen." Nachdenklich fügte er hinzu: „Es würde vielleicht ratsam sein, sie jung zu verheiraten." „Glauben Sie?" rief Dufröne ganz bestürzt. „Man sollte denken, das beängstigt Sie," nieinte lachend Herbeline. „Es entsetzt mich geradezu," gab der andre zurück.„Die Ehe ist etwas so Gewagtes und dabei etwas so Endgiiltiges. Wenn sie schlecht ausfällt, so ist es der erste Schritt auf dem Wege zum Tode. Für ein Mädchen ist es so reizvoll, darauf zu hoffen, aber so traurig, dadurch gefesselt zu sein! Und dann, heißt es nicht andre vitfO-icht einem schrecklichen Schicksal entgegenzuführen, das uns?Kbst erspart geblieben?." �Sie sind also Pessimist k' ..Nicht für mich selbst... Mer wörtlich, wie sollte man Ä nicht für die Seinen sein? Ich kann noch begreifen, dab man für seine Person das Feuer nicht scheut, aber der Gedanke. datz man Wesen in die Welt fetzt, uni sie ins Feuer zu schicken...!" „Was aber erträumen Sie für Marguerite?" „Ach, Herr Doktor, ich würde es ihr so gern gönnen, daß sie noch fünf, sechs Jahre fern von allen liebeln der Welt sich ihres Lebens freut!" Guy drückte ihm die Hand und ging. Unterwegs fuhr er fort, an die Tnfrvnes zu denken. Wr besuchte Diabetiker, Nerven- und Gichtkranke und einen Krebskranken. Angesichts dieser armen Leidenden gedachte er, welch ein ungeheurer Mut dazu gehören Würde, das Leben anzunehmen, wenn die Wahl einem freistünde. Dieses kranke Fleisch, dieses gemarterte Gehirn, diese hinfälligen Herzen und diese zerrissenen Nerven! Diese ewige Unruhe, diese Angst, diese Qual! Und dieser wenig mitleidvolle Mensch hatte den aufrichtigen Wunsch, das; diejenige, die er beraubt hatte, keine Kranken in die Welt setzen möge. Ganz erfüllt von diesem Gedanken kam er wieder nach Hause, und da er Marguerite bei seiner Frau und seiner Schwiegermutter antraf, schien es ihm, als sei sie wirklich etwas blaß. Das erweckte seine Unzufriedenheit. Er blieb einige Augenblicke nachdenklich und sagte dann zu seiner Schwiegermutter: „Möchten Sie sie nicht nach Aulnettes mitnehmen? Ich denke, das wird genügen, um sie vollständig wieder her- zustellen." „Aber mit dem allergrößten Vergnügen," sagte die alte Taine. Alle vier sahen sich lächelnd an. So mochten Familien zu Saint-Pierre gelächelt haben, wenige Minuten bevor der Feuerregen die ganze Stadt verschlang!— (Fortsetzung folgt.), Bei tibetamfchen)Voniadcn/) t. August. Als ich mit den Worten:„Drei Tibetcr kommen auf Besuch" geweckt ivuvdc, regnete es merkwürdigerweise nicht. Ich sprang auf und versteckte die Kleinigkeiten, die einen geheimnisvollen Fremdling hätten verrate» können. Zwei Männer und eine Frau erschiene»; daß sie in friedlicher Absicht kamen, sah man schon von weitem, denn sie führten ein Tchaf am Stricke und trugen verschiedene Sachen. Sampo Singi führte wieder das Wort und reihte seine Delikatesse» a» unserm Feuer auf. Ach, was für schöne Sachen; jetzt würde» wir nach der knappen Kost der letzten Tage wie Fürsten tafeln! Ein großes Stück Fett(Mar), ein Napf saure Milch(Scho), eine hölzerne Schale mit Käscpulver(Tschors), eine Kanne Milch (Oma) und einen Klumpen Sahne(Bcma): konnten wir uns ein lukullischeres Frühstück Wünschen? Alles war Primaware, außer der Sahne, die beinahe an einen Bund auf cinandergelegter, bedenklich russiger und haariger Haut- kappen erinnerte. Das Käscpulver ist eines der Ingredienzien der „Tsamba", die im übrigen aus Mehl, Thec, Fett- oder Butterstücken, was man gerade hat, alles in einer Schüssel verrührt, zu bestehen pflegt. Ich muß gestehen, daß es mir nie gelungen ist, mich an diese von den Mongolen hochgepricscnc Delikatesse zu gewöhnen. Um so besser wußte ich die saure Milch zu würdigen. Sic übertraf alles, was ich mir hatte denken können, und hätte mir ein höheres Wesen, als sie verzehrt war, unter allen Delikatessen der Erde freie Wahl gelassen, so würde ich ohne Zögern um noch etwas saure Milch gebeten haben I Sie war ldick, weiß und säuerlich; in der ganze» Welt hat die„Scho" der Tibetcr nicht ihresgleichen! Alles dieses sowie das Schaf sollte nun bezahlt werden, und Schagdur zog einige chinesische Silberstücke hervor. Sampo Singi wog sie und fand sie gut, erklärte aber, nur Silbcrgeld von Lhasa annehmen zu können. Da wir solches nicht besaßen, prüften Wir ihn auf seine Empfänglichkeit für blauen chinesischen Stoff, und das wirkte. Mit wahrem Genüsse strich er darüber hin und ließ ihn zwischen den Fingern rauschen; er besah ihn in der Nähe und aus der Ferne, mit einem Worte: er hatte angebissen. Die Augen seiner Gattin glänzten vor Begierde. Wir hatten von diesem Zeuge zwei Pakete zu Tauschzweckcn mitgenommen, und Sampo Singi wollte das eine haben. Das asiatische Parlamentiercn und Feilschen bc- gann, und schließlich mußte er sich mit 12 Ellen, dem dritten Teile eines Paketes, begnügen. Pferde konnte er jedoch nicht entbehren, so sehr wir ihn auch in Versuchung führten. Als der Handel ab- geschlossen war, hielt jede Partei die andre für übervorteilt. Nun baten wir Sampo Singi, das Schaf zu schlachte»! und zu zerlegen, damr sollte er als Lohn für seine Gastfreiheit und für die uns erwiesen» Freundlichkeit das Fell behalten dürfen; hiermit war ev sehr zufrieden. Ich beobachtete mit diplomatischer Gleichgültig- *) Aus: Sven Hedin„Im Herzen von Asien". 8 illustrierte Bände, 20 M.(Leipzig, F. A. Brockhaus.) keit, wie«r dabei vorging. Er legte das Tier auf die linke Seite und band ihm drei Beine zusammen, das linke Vorderbein aber ließ er frei. Dann schnürte er ihm einen dünnen, Iveichen Leder- riemen mchrcremale sehr fest um das Maul. Darauf legte er den Kopf des Schafes so, daß die beiden wagcrcchten, Korkzieher ahn- lichen Hörner den Boden berührten, und stellte sich auf sie. Das Schaf lag jetzt wie in einem Schraubstock mit seinem Kops am Boden festgenagelt. Als Sampo Singi so weit war, steckte er Daumen und Zeigefinger der rechten Hand in die Nasenlöcher-des gefangenen Schafes, um es durch Ersticken zu töten. Ich sah heimlich nach der Uhr, loievicl Minuten hierzu crfodcrlich sein würden, vergaß nachher aber, das Resultat aufzuschreiben; doch erinnere ich mich, daß es eine geraume Zeit dauerte und für mich eine entsetzliche Pein war, das arme Tier zappeln und zucken zu sehen, während seine Augen immer weiter aus ihren Höhlen traten. Die ganze Zeit über betete der Alte mit verzweifelter Zungcngeläufigkcit„Om mani padme hum", was mich an die Art der Muselmänner, Schafe zu töten, er- innerte. Wie um ihr eignes Gclvissen zu beruhigen und dem Schöpfer zu schmeicheln, plappern auch sie Gebete zum Lobe des Ewigen her, während sich der kalte Stahl von unschuldigem Blute rötet. Endlich wurde das Schaf still, seine Beine fielen schlaff nieder, und Sampo Singi richtete sich auf. Es war hart, diese Tierquälerei mitanzusehen, ohne sie verhindern zu dürfen. Ich hütete mich aber wohl, mich und meine Gefühle zu verraten, und im übrigen ist auch jede Einmischung in alte, feststehende Gebräuche völlig nutzlos. Sodann frühstückte» wir miteinander von den gekauften Milch- speisen, und die Hunde erhielten zum Lohn für ihren tadellosen Wachtdicnst eine tüchtige Portion Fleisch. Die Frau war von ihrem Zeuge derart entzückt, daß sie ganz den Appetit verloren hatte und nur bald diesem, bald jenem von uns freundlich zunickte. Ihre Kleidung war die der Männer; daS struppige schwarze Haar war in zwei Zöpfe geteilt, stand aber eigentlich in rattenschwanzähnlichcn Büscheln nach allen Ecken und Enden. Sic trug Filzstiefel mit einfacher Bunt- stickerci. die einst recht hübsch gcioese» war. Wie sie es angefangen hatte, so fabelhaft schmutzig z» werden, wie sie war, begriff ich nicht, beneidete sie aber aufrichtig darum. Meine vermutlich feinere Haut wurde unaufhörlich vom Regen„rein" gewaschen, auf ihrer Haut aber saß die Schmutzschicht so dick und kompakt, daß sie mir Aussicht auf Erfolg als Treibbeet für Frühkartoffeln hätte benutzt werden können. Tic Poren in der Gesichtshaut der Tibetcr müssen verschwunden sein; jedenfalls ist es sicher, daß ihre Oeffnungen beständig verstopft bleiben. Sampo Singi hals uns bereitwillig beim Belade» unsrer Tiere, Das Zelt war von all den Regenschauern, die es eingesogen hatte, doppelt so schwer geworden. Der ehrliche Nomade wünsckitc unS glückliche Reise nach Lhasa und angenehmen Aufenthalt in dieser Stadt, und der Lama ver- sicherte, er habe dies in so manierlicher Weise gcthan, daß ihm die lamaistischcn Finessen sichtlich nicht fremd seien. Es war ihm äugen- schcinlich nicht darum zu thun, uns noch hier zu behalten; sonst hätte er uns gewiß vor dem bevorstehenden Tagemarsche gewarnt. Er sagte nur, daß wir einen Paß zu überschreiten hätte» und daß der Weg nach Lhasa überall deutlich erkennbar sei, weiter nichts. Wir versprachen, ihn auf dem Rückwege Ivicdcr aufzusuchen, Wir thaten dies auch, aber ohne Erfolg, denn er hatte seine Penaten bereits nach andren Weideplätzen geflüchtet.—> kleines fcinlleton. th. Bei den Puppen. Ein großer Saal, über dem das Glüh- licht flimmert, loeiche Teppiche auf dem Boden, reich gedeckte Tafeln voll Blumen, Silber und Krystall. Zierliche geputzte Figürchen an allen Ecken und Enden. Es ist Kindcrball. Die kleinen Dämchen prunken in Sammet und Seide, die kleinen Herrchen schauen loichtig und geziert darein. Ein paar sind gerade bei der Verbeugung, andre präsentieren Kuchen und Bäckereien, ein Dritter hat den Arm um die Taille seiner Partnerin gelegt, als wollten beide jeden Moment davonwalzen. Sie thun es aber nicht, sie bleiben ruhig stehen, immer mit dein gleichen dumm-holdscligcn Puppenlächcln. ES sind nämlich Puppen; der große Saal ist das prächtig dekorierte Schaufenster eines Groß- bazars. WcihnachtsauSstellung. Draußen vor den Scheiben staut sich die Menge. Alles bleibt stehen, Alt und Jung, Arm mid Reich, staunt, bewundert, lacht und giebt seine Meinung zum besten. Selbst die Allereiligsten, die eben noch im Sturmschritt liefen, hemmen den Fuß, sobald sie an die Puppen kommen. Die Puppen beherrschen die Straße. Man hat für nichts mehr Auge und Ohr, als für sie, nicht einmal für die armen Kinder, die frierend am Straßenrand stehen und mit dünnen, zitternden Stimmchen ihre armseligr Weihnachtsware auSschreicn:„'n Sechser die Knarre,'n Jroschen der Hampelmann I" Was gelten alle Hampelmänner und alle armen Kinder der Welt? Die Puppen sind Trumpf. Am seligsten sind die Kinder. Die Kleinsten sind durch die Barrieren hindurch geklettert; da stehen sie nun und drücken das Naschen an die Scheiben und können sich kaum trennen:„Ach, Mama, sieh mal, sieh mal!" »Mama, da stehe» Gläser auf dem Tisch!* »Nch, Mama, die Himmelblaue will tanzend „Ja, die will tanzen!" Die hellen Kindcraugcn strahlen und leuchten, und die Mamas machen glückliche Gesichter. Es ist alles ein Jubel und ein Freuen, ein ganz lvunschloscs Freuen. Diese Allcrklcinstcn haben noch gar nicht daS Begehren nach all der Herrlichkeit dadrinnen; sie jubeln schon, daß die Herrlichkeit bloß da ist, und daß sie sie betrachten können. Und die Großen jubeln mit. „Nein, sieh bloß die Pllppcn l" „Die Himmelblaue ist die allerschvnste!" »Aber die kosten lvaS! Solche große ist ja mitcr zwanzig Mark nicht zu haben. Ich Hab' Lieschen inal eine schenken wollen, aber so was ist nichts für..." Ein leiser Seufzer. Er klingt von einem andren Lippenpaar zurück. Die junge Frau mit den» schmalen, verhärmten Gesicht zieht das abgetragene Capes fester um die Schulter und geht rasch weiter.„Zwanzig Mark! Zlvanzig Mark siir'iie Puppe und unsereins hat lauin Arbeit und Brot!" Sie rnurmelt es vor sich hin. Eine Schar Backfische koinmt des Weges. Alle elegant und sehr begierig. Wollen schon die Dornen herausbeißen, aber nun sehen sie die Puppen und irun verschwindet alle Damenhafligkeit. „Ach sieh mal, sieh mal I" Derselbe Ruf wie bei den Allertlemsten. „Käthe, sieh doch bloß die Blauscidene! Ach solche»miß ich haben!" „Nein, ich mochte lieber die mit den» roten Sammetkleid und den» große»» Spitzenkragen." „Ich mochte überhaupt keine Puppen, ich lasse»nir nur Schmuck- fachen schenken I Puppen sind kindisch." Die Größte riünpft dasNäSchen. „Na ja, Erna thut sich." Die andern lachen und schubsen sie »iild fangen wieder von den Puppen an:„Solche große kriege ich"; zeigt Käthe:„Die kostet schon bloß unangezogen dreißig Mark, und Man»a läßt ihr'»» seidnes Kleid machen»nit hochstehend gebrannten PlisseeS. Ich Hab' schon gehorcht." „Ach und ich... ich kriege'ne Kochmaschine»nit Nickclgeschirr und'n Speise-Sportlvagen, da ist alles Geschirr drauf, was nian für'ne Theegesellschaft braucht. Man kann es von» Salon in de»» Garten fahre»», und denn zieht man'ne Klappe auf uird der Wagen ist gleich'„ Speisetisch." „An, den kriegst Du?" die andern staunen. „Ader der ist theuer", sagt eine Kleine bewundernd, solch' Wage»» kostet fast hundert Mark." „Na was thut i» das?" Die andre lächelte überlegen.„Mein kleiner Bruder bekommt'n Kriegsschiff, da hat Papa sogar hundert- fünfzig Mark für bezahlt." „Wir sind doch nicht Grete Meißner", fällt Käthe spöttisch ein. _„Ja. Ivas sagt Ihr bloß zu Grete Meißner? Die kriegt jeden Weihnachten dieselbe Puppe, bloß mit'nein neuen Kleid. Und daS näht ihr noch ihre Mutter selber." „Na ja. die Mcißners sind auch so arm, die Mutter näht ja überhaupt für andre Leute." „Und Grete hat'ne Freistelle in der Schule, weil sie so viel kann." _„Wißt Ihr, lieber»nöchte ich nichts können, als bloß auf'»»er Freistelle in der Schule sein." Allgemeines Gelächter, sie nehmen sich»nieder Arm in Arn» und trippeln geziert davon.— Aber die Lücke vor dem Fenster schließt sich sofort und immer von neuen, klingt das„Ach sieh' mal!" „Da sind ja auch ganz kleine Puppen, guck doch mal, die da hinten Reigen tanzen. Davon könnte ich zivei für Gretchen nehmen." „Aber Ella!" Die Dame mit den» breiten Persianakragcn sagt es in» Tone höchster Entrüstung. „Na warum denn nicht? Sind die denn nicht reizend?" „Aber, Ella, das sind ja Fünfgroschenpuppen. Die kannst Du wohl für arme Kinder nehmen, aber doch nicht siir Deine Nichte." „Na ich sehe doch nicht so weit." Die andre entschuldigt sich förnilich:„Für arme Kinder gebe i ch überhaupt keine Puppen, da gebe ich Strickshawls und wollene Strümpfe, das ist für d i e lange gut genug." „Ach iiberhaupt diese Wohltätigkeit, wenn ich nicht unsrer Stellung wegen müßte, ich thäte überhaupt nicht mit." „Ja, es ist eine schauderhafte Last und..." ihre Rede verklingt iin Straßcnlärm.— Aber Neue kommen an ihre Stelle und»ininer Neue und immer tveiter klingt das Rufen, Lachen, Bewundern, Hoffen und Seufzen vor den Puppen. Am Straßenrand die dünnen Kinderstimmchen verhallen im» gehört im Wind:„ n Sechser die Knarre,"'»» Groschen der Hampelmann!"— — Ter Letzte seines Berufs. Der„Frankfurter Zeitung" wird aus Paris geschrieben: Bor einigen Tagen starb hoch in Jahren eine der populärste» Persönlichkeiten von Paris,„Is Pere Jean", wie er im Volksmunde hieß. Er war einer der wenigen, die ihr von der steigenden Bildung der Masten verdrängtes Gelvcrbe bis in die Gegenwart herübergerettet haben. Seitdem seine össentliche Schreib- stube verschwunden, existiert in Paris nur mehr eine einzige gleiche. Wer vom Ostbahnhof kommt, bemerkt an der Mauer des Gefängnisses St. Lazare eine grüne Baracke mit ein paar Fenstern. Durch die Thür tritt man in einen langen schmalen Raum, in dem eine mit Wachstuch überzogene Sitzbank, ein paar Stühle, Aktenständer und zwei Tische stehen. Ein Gcschwistcrpaar, ein junger Mann und seine noch jüngere Schwester, jiiid die Inhaber. Sie habe» das.Geschäft des„ecnvain public", fcflS seit 1824 an dieser Stelle betrieben wird. von ihrem Vater geerbt, und geben ihren Erwerb noch lange nicht ver- lorcn. Das„kaire la lettre", die Abfassung von Briefen, die früher den weitaus größten Teil ausmachte»md sehr einträglich war. ist zwar ans einen ganz kleinen Ilmfang zusamniengeschrumpft. immerhin giebt es noch eine ganze Anzahl von Briefen anzufertigen. Temr mit der Federführung allein ist es noch nicht getan, und wenn vielen die Hand auch gelenkig genug ist. ihn Schriftzüge zu malen, so hapert es mit der Orthographie. Dam» kommt die Anfertigung von Vitt- schristcn aller Art, die mit ihren mannigfaltigen obligatorische» Formeln selbst für weniger Ungebildete noch iinmer eine Geheim- Wissenschaft bleiben. Wie der Inhaber der Bude bei St. Lazare versichert, hat er sogar so viel zu thun, daß er sich eine Schreib- Maschine anschaffen mußte, und daß er jetzt mit der Absicht uingeht, das Geschäft in ein bequemeres geschlossenes Lokal zu verlegen. Freilich, ihre Liebesbriefe können die meisten Menschen heute selbst schreiben, aber sie haben andre neue Bedürfnisse bekoinmcn, für welche der„ecrivain public" ein unentbehrlicher Helfer geworden ist. Die vornehme Dame, die ihren Brief viel bester stilisieren könnte als der öffentliche Schreiber, kommt, weil ihre eigene Schrift sie ver- raten könnte, die li»e-mere, die ihren Fehltritt nicht entdecken lasse»! will und sich bei der Amme auf de»» Lande nach der Kleinc», erkundigt. Dann aber— und dieser Zweig des Betriebs mehrt sich mit jedem Tag — folgt die Reihe der Kunden, die— eine Rede zu halten haben und nicht reich genug an Ideen sind. So nianche der schönen Ergüsse, welche die Ehrenpräsidenten der populären Gesangvereine, Turn- bereine uslv. bei festlichen Gelegenheiten von sich geben, stamme» ans dem Kopfe des„ecrivain", dam» die Ansprachen bei Begräbnissen, bei Hochzeiten. Endlich ist der„ecrivain" auch der Dichter Von Ge- legcnhcitsgcdichte», von Trinksprüchen und andren„Improvisationen". Nicht nxnig zur Erhaltung des Geiverbcs tragen auch die Liebhaber von Orden und Verdienstmedaillen bei. Zunächst»nuß der„ecrivain"' »nit entscheiden, ob inan überhaupt Aussicht aus den„merite agricole" oder diese und jene Auszeichnung hat. Dann besorgt er,»oenn der Kandidat keine Beziehungen hat, die Vcrmittelung»»»it den ein- flußrcichen Leuten, seien diese auch nur der bei den Deputierten- »vahlcn maßgebende Kneipwirt des Bezirks. So also, meint der letzte öffentliche Schreiber von Paris, muh man sich dem Fortschritt an- zupassen verstehen und man erleidet keinen Schaden.— tt. Der Hagrdormipfel. Seit ctlva fünf Jahren wird keine Apfelsorte so oft erwähnt und viel gerühnit Ivie der Hagedornapfel. J>n Jahre 1899 hat ihn eine viel gelesene Gartenbau-Zeitschrift, „Der praktische Ratgeber", sehr ivarin empfohlen, und seit dieser Zeit ist er von vielen angepflanzt»vordcn. Gelegentlich einer Um- frage über diese Sorte liefen bei der erlvähnten Zeitschrift von den verschiedensten Orten DelitschlandS die günstigsten Berichte ein. Der Hagcdornapfel beginnt nämlich sehr bald zi» tragen, schon im zweiten'" Jahre der Pflanzung, und er trägt alsdam» regelmäßig jedes Jahr. Wer die Sorte also im Jahre 1899 oder auch selbst erst 19(X1 gepflanzt hat, der hat schon mehrere Ernten gemacht und kam» sich über die Eigenschaften des Baumes bereits ein Urteil bilden. Selbstverständlich»verde»» iil»»ner»viedcr iieile oder neu hervor- gesuchte Apfelsorten empfohlen, aber meistens»Verden diese doch bald »vieder vergesse»». Der Hagedornapfel ist jedoch eine Sorte, die allgemein Anerkennung findet, so ivie vorher der Bismarckapfel und noch früher die Goldparmäne Ereignisse im Obstbau gclvesen waren. Der Bismarckapfel hatte allerdings nur durch seii»e frühe Fruchtbarkeit und die Größe seiner Früchte Auffehen erregt, die Goldparmäne aber wird als eine der vorzüglichsten,»vohlschmcckcndsten und dabei anspruchslosen Sorten ihr Ansehen behalte»». Der Hagcdornapfel steht geivissermaßen zlvischcn beiden i»» der Mitte. Er ist außer- ordentlich anspruchslos, auf jedem Boden, der überhaupt zum Obstbau nur noch einigermaßen zu gebrauchen ist, gedeiht er. und er»vachst auch in rauhen Gebirgslagen. so zuin Beispiel ans dem Riesengebirgc in einer McereShöhe bis 750 Meter. Er ist auch im Laube wie in» Holze sehr gesund, und seine Blüte»» sind weder gegen Frost noch gegen Regen ein- pfindlich. Gerade diese Eigenschaft ist von großer Wichtigkeit bei einem Apfel, denn iinr zu oft vernichten Nachtfrost oder anhaltendes Regenwetter zur Zeit der Blüte den ganzen Jahresertrag. Der Baum ist an und für sich sehr fruchtbar, aber erst diese Ikneinpfindlich- keit zur Zeit der Blüte»nacht eine jährliche Ernte ziemlich sicher. Ein Gartenbesitzer aus Rothenburg schreibt, er habe einen Hagedorn- apfcl vor etwa 15 Jahren gepflanzt; zwei Jahre, nachdem er gesetzt war, habe er getragen und von da an kein Jahr geruht. Dabei habe er jedes Jahr überreichlich voll gehangen, seit den letzten vier Jahren habe er gestützt»Verden»nüsscn. Die Frucht des Hagcdornapfcls ist ziemlich groß, glattrund, wachsglänzend und an der Sonnenseite leicht gerötet. Sie ist mm allerdings im Gcschinack nicht gerade vorzüglich, aber sie ist doch auch nicht schlecht und kam» schließlich noch als Tafelapfel gelten. Sie wiegt normalcrlvcise 210 bis 223 Gramin, also beinahe ein halbes Pstind. Allzustark wächst der Hagcdornapfel nicht, von solchen unermüdliche»» Trägern— das gilt ja auch vom Bismarck- apfcl und von der Goldparmäne— lani» man natürlich nicht auch noch ein riesiges Wachstum' verlangen. Als Hochstainm sollte diese Sorte deshalb nicht gepflai»zt werden, sondern als Halbstan»m. Vorzüglich eignet sie sich als Buschbaum. Als solcher baut sie sich so schön, oaß sie ivenig oder gar nicht geschnitten zu lvcrdcn braucht. Solch ein Buschbamn»vird als einjährig» Veredlung, also als kleine dimne Nute gepflanzt und ans vier, fünf — 968— kräftige Augen zuriickgeschnitten. Alsdann wird daraus ein Vusch »md nun kann nian ihn ziemlich frei wachsen lassen, höchstens daß zu dicht stehende Zweige einmal entfernt luerdem Der Hagedorn- cipfel ist übrigens keine neue Apfelsorte, er ist wohl schon ziemlich lange bei unS aus England eingeführt. Dort heißt er Hawthornden, der englische schwer äuszusprechende Name hat ihn, wie eS scheint, bei unS nicht populär werden lassen. Im Jahre 1899 machte ein praktischer Mann den Borschlag, die Sorte Hagedornapfel zu nennen. DaS bedeutet nämlich jener englische Name. Seit der Zeit und seit der Empfehlung des„Praktischen Ratgebers" ist der Hagedornapfel bei allen Obstbaufreunden bekannt und berühmt geworden. Theater. Neues Theater.„Früchte d e r V i l b n n g". Komödie in bier Aufzügen von Leo Tolstoj.— Der ausgezeichneten Aufführung unter Vallcntins bewährter Regie gelang eS, die Farben dieser nicht eben beträchtlichen und etwas abgelagerten Komödie des großen russischen Romanschriftstellers in einigen' Partien sehr glück- lich aufzufrischen. An der Jntrigue. die. von außen her gesehen, den Mrttclpunkt deS Stückes bildet, ist freilich nichts zu retten. Die Idee, daß ein Stubenmädchen vom Lande den spiritistischen Hausherrn dadurch zur Nntcrschrift eines Kontraktes im Jnterefte der befteun- deten Dorfgenossen bringt, daß sie ihren Liebsten als Medium präsentiert, im Bunde mit ihm während einer der üblichen Geisterbeschwörungen das Schriftstück auf den Tisch herab- fallen läßt und durch dreimaliges Geisterpochcn zur Unter- fchreibung auffordert ist zu possenhast unwahrscheinlich, um noch als Satire zu wirken; und hinwiederum wird dieser Streich so umständlich und schwerfällig vorbereitet, so bescheiden-schüchtern au?- genutzt, daß eS zu keinem rechten lustigen Posscnlachen kommt. In- dessen hätte das zum bitteren Ernste dieser Komödie auch nicht gepaßt. Die Fabel und die Komik, die sich ihr ettva abgeiv innen ließen, kümmern Tolstoj Ivenig. Er nimmt da das erste Beste, was sich bietet und was so ungefähr geeignet scheint, den Gedanken, denen er Ausdruck geben, den Kontrasten, durch deren anschauliche Vor- führung er die Gewissen schärfen möchte, einen theatermäßigen Zusammenhang zu geben. Es ist das alte, schon in den Jugend- dichtungen TolstojS anklingende Thema, das hier wiederkehrt: die Gegenüberstellung der„Civilisation", der„Bildung", die .sich in TolstojS Geist mit dem Bilde deS hohlen MüßiggmlgerlebenS der russischen Aristokratie unlogisch, aber un- trennbar associicrt hat, und der„Natur", als deren einfältig schlichter Repräsentant dem Dichter der die Scholle beackernde, hart ar- beitende russische Bauer erscheint. Mit einem tiefen demokratischen Instinkt, der die tiefste Shmpathie erweckt, kreuzt sich bei Tolstoj eine eigensinnige, in der Civilisation nur das Negative, die Ber- kümmcrung deS Natürlichen, nicht aber die revolutionäre, gewaltig einer höheren, freieren Natur zustrebende Macht, stehende Ideologie — eine Denkart, die ihre Wurzel hat eben sowohl in der Zurück- gebliebenheit der russischen Verhältnisse, als in dem persönlichen Entwicklungsgang des Dichters, in der Wahlverwandtschaft, mit der ihn urchristliche Vorstellungskreise anziehen. Als„Früchte der Bildung" figuriert in der Komödie ein Haufe geldgesegneter Idioten, Schlvützer und Neurastheniker, Typen aus dem urteilslosen Schwärm, der h'nter jeder neuen Mode herläuft. Der Hausherr hält es mit dem Spiritismus und ist so vernarrt in seinen Glauben, daß er von dem durchsichtigsten Trick gefoppt wird; die Dame des Hauses, eine weinerlich nervöse Tyrannin, hat sich auf die Bacillenfnrcht als Specialität geworfen. Die»mgewaschenen Pelze der Bauern, die, um von ihrem' Manne Land zu kaufen, nach ber Stadt gekommen sind, versetzen die ewig vor Ansteckung Zitternde förmlich in einen Wutkrampf. Die Tochter— eine alberne perpe- tuicrlich lachende GanS, gleich der Mutter ohne jedes Taktgefühl; der Sohn— ein aufgeblasener Tangenichts, in seiner leutseligen Laune womöglich noch beleidigender, als wenn er mit seinem Aergcr laut herausplatzt, immer auf der Jagd, dem Vater oder der' Mutter Hundertrubel-Scheine abzupressen. Und die Freunde deS Hauses find der Familie wert. Die drei demiitigen, wahrlich nicht sonderlich gescheuten noch entschiedenen Väuerlcin, die den gnädigen Herrn vergebens bitten, doch gegen eine Abschlagszahlung den versprochenen Acker der Dorf- gemeinde zu überlassen,'— die, eine Zielscheibe faden Gespöttes, von der Borhalle in die Leutestube zurückgeschickt lverden, nchnien sich, »md zwar ohne Spur irgendwelcher Idealisierung, im Kontrast zu dieser Gesellschaft geradewegs wie Männer und Weise ans. Der eindrucksvollste Teil des Dramas ist der zweite Akt, wo die drei, verwundert ob all' deö Neuen, das sie gcschen, unten bei», Gesinde ihren Thee trinken. Die Köchin erzählt wie eS bei den, Essen der Herrschaften hergeht, was da gestopft und vergeudet wird; sie schildert einen Ball, spricht von de» armen Mädchen, die in dem Hause ihre Unschuld verlieren »md dann erbarmunpfcoS also Pflaster gesetzt lverden. Staunend, kopfschüttelnd, halblaut inißbilllgend hören die Fremden zu, aber »infähig in ihrem abgestunipften, arbeitsmüden Bauernsinn zu einer jäh aufwallenden Empörung. WaS ist, das muß wohl alles sein l Nur der alte, nach vierzigjährigem Dienste fortgejagte Koch, der Trunkenbold, den die Köchin, wenn er sonst kein Obdach findet, heimlich bei sich aufnimmt, ballt, auS seinem Ofenversteck heruuterkriechend, einmal die Faust und stößt, halb delirierend. Ilüche aus tv.der das blutsaugerische, erbarmungslose Gesindel, daS da oben sein Wesen treibt. Epigrammatisch schließt die Tcene damit, daß die Herrschasten und Gäste bei ihrem Spiel lärmend in die Gcsindcstube dringen und die eingeschlafenen Bauern von den Bänken schrecken. Die letzten beiden Aufzüge, die magere Jntrigue»md die Auflösung wirken im Verhältnis hierzu nur matt. DaS Spiel verdiente alles Lob. Lucie Höflich gab ein allerliebstes, flinkes und munter-anschlägigcs Stubenmädchen, Tini Senders entwickelte als„die dicke Dame" in der Gesellschaft eine elementare, wahrhaft gierige Geschwätzigkeit von höchst charakteristischer Komik, Tilla D u r i e u x exekutierte flott die schwierige Lachrolle des gnädigen Fräuleins, die Krone aber waren die prächtigen drei Bauern der Herren T h u r n c r, Lich o und Arnold.—-dt. Aus dem Pflanzenleben. ie. Die Pflege der Guttapercha bäume hat sich wegen des dauernd steigenden Bedarfs an dem wichtigen Stoff in der elektrischen Industrie als eine unabweislichc Forderung heraus-- gestellt. Man hat in den Guttaperchatväldcrn von Jndoncsten zu lange rücksichtslosen Raubbau getrieben, der jetzt seine üblen Folgen trägt. Die Holländer haben allerdings Versuche mit der künstlichen Anpslauzinig gemacht, wozu der Botanische Garten bon Buitcnzorg benutzt wurde. Nachdem dort Bäume der besten Art aufgezogen sind. giebt der Gouverneur bon Java aufs freigiebigste an alle die sich mit der Anpflanzung zu beschäftigen gedenken, Samen ab. Die Sämereien lverden aufs sorgfältigste in Holzkohle und in luftdicht verschlossenen Zinnbüchsen verpackt. Die Versuche, die mit der Ueberführnng junger bewurzelter Pflanzen gemacht worden sind, haben Ivenig Erfolg gehabt. Von 199 999 Pflanzen, die von Java nach Singapur gesandt wurden, um auf der Halbinsel Malakka, wo die Guttaperchabäume fast gänzlich ausgerottet worden sind, aufgezogen zu lverden, blieben nur 4— 5999 am Leben. Man hat sich jetzt überhaupt daran gewöhnt, größere Guttaperchalieferungen in Zukunft nur noch bon Afrika auS zu erwarten, wo sich noch große Bestände brauch- barer Bäume gefunden haben. Der Botanische Vcrsuchsgarten in Algier hat außerdem ähnliche Untersuchungen angestellt wie die früheren in Vuitenzorg, und dabei ist die wichtige Entdeckung gemacht worden, daß sich an den holzigen Teilen der Zweige des Guttapcrchabaumcs. lvenn er unter angemessene klimatische Ver- Hältnisse gebracht und ordentlich gepflegt wird, grüne Schößlinge entwickeln, die sich leicht als Stecklinge verwerten lassen. ES tvird beabsichtigt, diese FortpflanzungSart zunächst i» den französische» Be- sitzungen WcstafrikaS auszunutzen, wo da» tropische Klima dem Wachstum des Baumes besonders günstig ist. Die nötigen Pflanze» würden aus den britischen Kolonien Westafrikas zu erhalten sein. Da auch in den deutschen Schutzgebieten in Ost- und in Westafrika wertvolle Guttaperchapflanzen gefunden sind, tvird man sich diese neuen Erfahnmgen auch dort zu nutze machen.—• Humoristisches. — Aus Ge n dar in erie-An zeigen.„Meier ist nicht zu- vcrlässig und seine Aussage muß mit Kopf schütteln be- urteilt werden."— — Der Hirt e n h n t. Der verstorbene Bischof H. von P. trug die weiten römischen Hüte. Einmal begegnete ihm auf dem Doinplatze ein Bauernbüblein, das voll Bewunderung vor dem Kirchenhirten stehen blieb und Maul und Augen aufriß. „Lieber Kleiner," sagte der Bischof herablassend,„was gefällt Dir an mir?"„Weilst gar an so an weiten Hut aufhast," ant- wortete daS Biiblcin.„Das verstehst Du nicht, lieber Knabe! DaS ist der Hirtenhut. Der ist noch viel zu klein, der soll den ganzen Erdkreis umspannen," belehrte der Kirchenfürst.„Brüaderl, da werd'S finsta," replicierte der lichtfrcudige Blondkopf aus dem Bayerwalde.— — Der Held. Ein Geck, welcher einer Dame stark den Hof machte, wurde einst von dem Verlobten dieser Dame an einen stillen Ort gelockt und dort windelweich gehauen. Als er dies Abenteuer später im Kreise seiner Freunde zum besten gab, machte er sich natürlich zum Helden.„Ich hatte den Kerl zn Boden geschlagen", erzählte er,„und wollte mich gerade auf ihn werfen, da sprang er auf und lief davon, ich wie Sturmwind hinterher..." „Hast Du ihn denn gekriegt?" ftagtc einer seiner Freunde. ,.J wo, denkt Eklch tzie Gemeinheit, der Kerl warf mir plötzlich seinen Spazierstock ins Kreuz..., na, da ließ ich ihn denn laufen."— („Jugend".» Notizen. — Nobelpreise erhalten: Finsen-Kopeichagen(Medizin», Arrhenins-Stockholm(Physik), Björnftjerne Björnson(Litteratur), Randall Cremer(Friedenspreis). Der Preis für Chemie wurde zwischen dem Ehepaar Curie und Becaucrcl geteilt.— — d AnnunzioS neues Drama„Die Tochter I o r i o S" gelangt im Februar in Mailand zur Erstaufführung; die Duse spielt die weibliche Hauptrolle.— — Am 1. Januar 1994 erscheint bei Ernst WaSmuth(Berlin) „Der Städtebau", Monatsschrift für die künstlerische Aus- gcstaltung der Städte nach ihren wirtschaftlichen, gesundheitlichen und tocialen Grundsätzen. DaS Heft hat 19 Seiten illustrierten Text und 8 Tafeln(Fvnnat 27,5X35). Preis 29 M. pro Jahr.—__ Die nächste Nummer des UnterhaltungSblatteö erscheint am Sonntag, den 13. Dezember. vermituwrtl. RedaNenr: Jultud Kattskt in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckcrei mid Vcrlagsanftalt Paul Singer ft Co., Berlin 8W