Nnlerhaltungsvlatt des Vorwärts Nr. 244. Dienstag, den 16. Dezember. 1903 lNachdruck bcrßslen.) Dae Verbrechen des Hrztes» 22] Roman von I. H. RoZny. Autorisierte Uebcrtragung von M. v. Bertha f. In wenigen Sprüngen setzte Guy über das Dickicht, das ihm die Aussicht verbarg. In einer Entfernung von fünfzig Schritten erblickte er ein schmutziges, zerlumptes Geschöpf, einen von der Sonne gebräunten Idioten, mit einer mächtigen Schafmähne, der Marguerite verfolgte. Leicht und mit entzückenden Bewegungen, tvie man sich die Göttin Artemis oder die Tochter des Lyraon vorstellt, floh sie. Aber sie stolperte über eine Baumwurzel, und der Blöd- sinnige war nahe daran, sie einzuholen, als Guy, der seinen Lauf nicht unterbrochen hatte, wie ein Blitz dahergeschossen kam mtö mit einem mächtigen Faustschlag den Verfolger zu Boden schleuderte. Ileberrascht und gebändigt durch den plötzliche» Angriff, nahm der Mensch eine flehende Stellung ein: „Hab' mir nur einen kleinen Spaß machen wollen, nichts Schlechtes-, gar nichts Schlechtes. Ein guter Junge bin ich, kein böser..." „Fort mit Dir!" rief Guy noch ganz wütend,„oder mau wird Dich gleich den? Feldhüter übergeben..." Der Vagabuiid ließ es sich nicht zweimal sagen, schlich nach dem Ufer hm und war int Augenblick verschwunden. Guy wandte sich zu dem jungen Mädchen. Da stand sie vor ihm. bleich, den Busen von jenen leichten Wogen gehoben, dessen Anblick so gefährlich ist, ihre großen Augen voll Ber> trauen, Dankbarkeit und Bewunderung ans Herbeline gc- richtet. Sie versuchte zu lächeln, dann überkam sie ein Zittern, sie wurde noch bleicher und schwankte. Er hatte nur eben noch die Zeit, sie aufzufangen. Als er den jungen warmen Körper in seinen Armen fühlte, den Tust der üppigen Haare einatmete, erblaßte auch er. Eine Art von.Entsetzen weitete ihm die Augen. Die ganze Kom- plikation unsrer Gedaitken und Gefühle, aller in uns durch Jahrhunderte der Eivilisation angehäufter Widerstand können es nicht hindern, daß in jener Epoche unsres Lebens eine einzige Bewegung über unser ganzes Schicksal entscheiden kann. Am Morgen dieses Tages war Guy noch nicht von der Schönheit Marguerites ergriffen gewesen. Herbeline bewunderte Marguerite aufrichtig, aber ohne jeden Hintergedanken. Er hätte sich eher in irgend ein Kammerkätzchen verschaut, als in dieses blendende Geschöpf. Und das hätte so seilt ganzes Leben lang bleiben kömten. Von Jahr zu Jahr— so geht es in der Regel— wäre es ihm unmöglicher geworden, sich m sie zu verlieben. Da kam eine Bewegung, die, wenn sie die Zukunft auch noch nicht klar enthüllte, sie doch zum mindesten bedrohte. Als er Marguerite bewußtlos in seineu Armen auf- gesaitgen hatte, als er fühlte, wie sie schwerer und schwerer wurde, und er gezwungen war, sie fester zu umschließen, da hatteit dunkle Mächte sich in ihm erhoben. Nun war er nur mehr ein Mann, der eilte entzückende Jungfrau in seine» Armen hielt. Ter Instinkt hatte binnen zwei Minutzen das Denken verscheucht, tvie die großen Aequiuoktialstürme ein gebrechliches Fahrzeug hinwegfegen. Und doch ermannte er sich, brachte das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein, und als er sie vorließ, hätte er sich für ganz gefeit halten können, Aber seit dem Morgen erfüllte ihn nur ein einziges Bild vollständig. Während er au seinen Schriften arbeitete, fühlte er, wie seilte Aufmerksamkeit davoneilte, tvie das Wasser einer Quelle durch die Ritzen des Erdreiches rieselt. Ein Duft durchströmte hartnäckig den Raum: der Duft der üppigen, dunklen Haare, dieser frischen Haut. Alles schien umsonst, jede Beschäftigung leer, jeder Wunsch unvernünftig, der über das jttnge, ohnmächtige Kind im Schatten der Weiden hinausging. Er widersetzte sich, aber vielleicht wegen des festen Vor- trauens, das er in seineu Willen hatte, kämpfte er nicht stark genug dagegen an. Er überließ sich dem Eindruck mit einer Art von Nachgiebigkeit, wie etwas, das gar keine Folgen haben konnte. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß er sich so vollkommen ergriffen fühlte. Gewiß, er hatte seine Frau heiß geliebt und begehrt, aber in seine Liebe und in seine Wünsche hatte sich zu viel Berechnung mit eingeschlichen. Madeleine Monteaur war doch immer das reiche junge Mädchen gewesen, sie hatte den Ehrgeiz ebenso sehr wie die Sinne gereizt, sie war ebenso sehr das Ziel des Ehrgeizes wie das der Leidenschaft gewesen. Mit Marguerite erwachte ein reiner Instinkt, ein Fieber der Schönheit und des Begehrens wilder Zärtlichkeit, dem in der Vergangenheit der Gefühle Herbelines nichts andre? gleichkam. Seine Jugend, wo thal- sächlich die Arbeit die Liebe aufzehrte, war eher in Enthaltsam- keit verflossen. Die„große Leidenschaft" war an ihm vor- übergegangeit wie jene duftenden Ufer, an denen ein Schiff voruberstreist, ohne an ihnen anzulegen. Und plötzlich fühlte er in seinem Herzen diese wunderbare Sache, die fast wie ein Wunder denjenigen überkommt, der sie in seinen jungen Lebensjahren nicht gekannt hat. Er hätte entsetzt sein sollen. Er war es auch im allerersten Anfang gewesen. Dann, nach einem Grundgesetz der großen Leidenschaften in ihren Uranfängen, hatte er'den Ein- druck einer köstlichen Reinheit. Kein körperlicher Vorkehr schien ihm erforderlich, um sich neben Marguerite DufrSne. glücklich zu fühlen, lind da er, bei der völligen Abwesenheit jedes männlichen Elements, auch gar keine Eifersucht, kein aufrührerisches Gefühl empfand, überredete er sich leicht, daß er ohne jede Gefahr die Gefühle würde genießen können, die seine Brust schwellten. Er stellte sich sogar vor, daß in einigelt Monaten alles vorbei sein würde, daß er davon zurückkehren würde wie von einem herrlichen tiiid harmlosen Anssliig ins Land der Liebe. 8. Es war einige Tage später, Herbeline hatte seilte Bücher ganz ausgegeben. Im Schatten einer Platane auf der Wiese, in einen Schaukelstuhl hingestreckt, genoß er die Freuden der Stunde. Wenige Schritte von ihm entfernt las Madeleine in eittent Buche, noch etwas»veiter saß Madame Monteaur ganz vergraben in einem alten Lehustuhl ttttd unterhielt sich von Zeit zu Zeit mit Marguerite.&■:< war ein Bild des voll- kommenften Friedens, eines jener schönen Bilder nienschlicheu Glücks, das der Vorübergehende, der es bei einer Wegbiegung zu Gesicht bekommt, mit einem Seufzer des Neides betrachtet. Und thatsächlich waren diese vier Personen auch sehr glücklich. Guy lvar es vielleicht»och mehr als die drei andreti, obgleich er Anfälle von Beängstigungen hatte, die bei der Leidenschaft nicht ausbleiben, aber die sich zu Anfang in Ekstase auflösen, wie kleine Bäche im großen Flitsse verlaufe». Hinter der vorgehaltenen Zeitung, die er in den Hände» hielt, beobachtete er die Bewegungen des jungen Mädchens. Marguerite war im Sommer schöner als zu jeder andren Jahreszeit. Ihr matter Teint, der keinem rosige» Hauch sein Leuchten verdankte, schimmerte ebenso sehr iin Schatten wie in der Sonne. Wenn ein. Sonnenstrahl auf ihren Hals fiel, t dann erbebte Guy vor Bewunderung. Weiin sie ihre schwanen Augen auf den Park richtete, dann fühlte er sich vor Zart- lichkeit vergehen. Er erwartete die Wiederkehr gewisser Be- wegungcn mit der Begehrlichkeit eines Kindes uud dabei mit einer gewissen mystischen Exaltation. Er fühlte sich sanfter, nachgiebiger als je in seinem Leben. Durch seine weuig altruistische Seele fuhr eine großmütige Hingabe, ein Be- dürfnis, hilfreich zu sein, ein alles umfassendes Wohlwollen. Uud er glaubte, me zuvor mehr Hingabe für Madame Mon- teaux und seine Frau gefühlt zu haben. Es war init einem Worte eine jener großen Stundet!, wo das Wesen den höchste» Grad seiner Vollkommenheit erreicht, eine Stunde, die so merk- würdig mit den größten Verirrungen des Herzens zusammen- fällt, mit aller beginnenden Niedrigkeit, allem Verrat. Madeleines Stimme unterbrach seine Betrachtungen. Die junge Frau sagte: „Wie souderbar! Mir wird ans einmal so kalt, als stünden tvir mitten im Winter." Er drehte sich um, sah sie blaß und hinfällig..Ihre Augen irrten umher. Dann schlössen sie sich. Sie fiel in Ohnmacht. Da tvar er auch schon an ihrer Seite und stand ihr hilfreich bei. Da sie stets ihr Uäfchchen mit Riechsalz bei sich hatte, beschränkte er sich darauf, nur etwas Wasser zu ver- langen. Er öffnete ihr Mieder, rieb ihr Stirn und Schläfen ein. Die Mutter, Marguerite, die Jungfern waren um sie bemüht. „Man inub sie etwas in Ruhe lassen: sie braucht Haupt- sächlich frische Luft," sagte Guy. Und zu Madame Monteaux, die ganz verzweifelt war, gewendet, fuhr er liebevoll fort: „Es hat wirklich nichts zu bedeuten, Mama, dieser Anfall birgt gar keine Gefahr." Madeleine kam wieder zu sich. Sic ergriff die Hand ihres Gatten, Thränen netzten ihre Wimpern, jene Thränen, die Angst, Schwäche und Rührung ausdrücken. Er wurde dadurch sehr bewegt, und noch mehr, als er Margucritens Blicken begegnete. „Jetzt ist es vorüber," sagte er.„Aber Du mußt noch ein Wenig ruhen." Am ganzen Körper zitternd, ergriff Madeleine Guys Arm, und von der Dienerschaft unterstützt, brachte er sie in ihr Zimmer. Dort kam fie so vollständig wieder zu sich, das; er dafür gutstehen konnte, es würde im Laufe des Tages keinen neuerlichen Anfall geben. Lange blieb er am Rande des Bettes sitzen, auf denr sie ausgestreckt lag. Er war fast heiter, da er den Ursprung dieser Ohninacht kannte. Sein Herz war erfüllt von einer unendlichen Zärtlichkeit, von einen« unbestinimtei« Vatergefühl und grosten Hoffnungen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Stromreckt rnicl Sckiffakrtsabgaben. Das deutsche Zollivesen ist ursprünglich römischer Herkunft. Schon Kaiser Augustus lieh auf dem Rhein Abgaben erheben, deren Ertrag zum Unterhalt der dortigen Legionen bestimmt war. Auch sonst mutzten an den Grenzen der germanischen Provinzen Zölle für eingehende Waren entrichtet werden: anfangs 3'/- Proz., im 4. Jahrhundert 12V, Proz. der Einfuhr. Insbesondere seit dem Ende des 1. Jahrhunderts griff ein friedliches Ncbcneiiiandcrivohncn von Deutschen und Römern Platz. Deshalb stieg hier der Handel zu hoher Blüte. Unter Trojan bestand auf dem Rhein neben einer .Kriegs- eine förmliche Handelsflotte. So nimmt es nicht wunder, wenn das im Lateinischen glcichmätzig für Markt- und Durchgangs- abgaben gebrauchte Wort teloneum oder tolonenm noch heute als „Zoll"(altsächsisch toi) in der dcutscfic!« Sprache fortlebt. Die fränlischcn Könige, die über Gallien und einen grotzen Teil dcS heutigen Deutschland geboten, galten als die Rechtsnachfolger der alten Volksgcincindc. Es kam der Grundsatz ans, alles Herren- lose, d. h. nicht angebaute Land, sei Königscigen. Dieses königliche Borrecht, dieses„Regal" auf den grötztcn Teil des Bodens umfaßt naturgemäß in erster Linie die Land- und Heerstrahen, solvie die Ströme. Wie für das herrenlose Land, so bestand auch für sie die Beschränkung, das; sie nur mit der Bewilligung des Königs in Privat- besitz übergehen konnten. Mochte jemand Herr der Ufer eines Flusses sei», das Wasser selbst blieb köiglichcn Rechts. Die fortschreitende Be- siedelung engte das Bodcnrcgal iinmer mehr ein, so datz es schlietzlich in dem mittelalterlichen Strotzen- und Stromrcgal seine natürliche Fort- setzung fand. Hatte das römische Recht dem Klima und der geographische» Lage Italiens entsprechend das öffentliche Interesse an den Flüssen in ihrem Wassergehalt gefunden und daher alle„nicht versiegenden" Gewässer dem öffentlichen Recht unterstellt, so legte das deutsche Recht die Betonung aus die flictzcndeu Gewässer. SLefscntliche Flüsse waren nur die schiffbare» Gewässer, diese aber auch mit Einschlutz ihrer noch nicht schiffbaren Qucllflüsfe. „Jcgelich vlizindc wazzir heizet des richcs sträzc", sagt das Görlitzer Landrecht, ein Grundsatz, von dem das Mittelalter erst sehr spät zu Gunsten der Tcrritorialhcrren abgewichen ist. Zum Regal gehörte namentlich die Gerichtsbarkeit auf dein Strom, das Geleits- und Leinpfadrecht, die Befugnis zur Herstellung ilnd Ausnutzung von Hafen-, Fähr-, Brücken-, Mühlcnanlagcu und sonstigen Wasser- bauten; ferner das dem Strandrecht entsprechende„Grundruhrrccht", das havarierte Schisse und ihre Ladung dem Inhaber der Stroin- Hoheit zusprach. Als der wichtigste HairdelSstroa Teutschlands im Mittelalter hat der Rhein für die Ausbildung des deutschen Stronirechts natür- kich die grötztc Bedeutung. Hier finden sich in deutscher Zeit ver- hältnismätzig sehr früh bereits zahlreiche Wajscrzölle. So bestand der Wormser Zoll schon unter Ludwig dem Frommen; der von Oppenheim Ivird urkundlich 1003 crlvahnt als ein dem Abt von Lorsch durch Heinrich II. verliehenes Privileg; der Höchster Zoll ward 1157 aufgehoben, um kurze Zeit darauf lvicder eingeführt zu tv«rden; der von Boppard, gleich dem benachbarten von St. Goar ein alter kaiserlicher Zoll, kam bereits 091 durch Otto III. an das Kloster St. Martin zu Worms; der kaiserliche Zoll von Coblenz fiel 1018 an Trier. Unter der großen Anzahl der übrigen Zoll- stätten an« Rhein sei nur noch die von„Bautsberg"(Vogtsberg. Rheinstein) deshalb crlvahnt, weil hier der Zoll, bevor er eine Schisfahrtsabgabe wurde, ein Judcnzoll war: die des Weges ziehen- den Juden hatten eine Steuer zu entrichte», Ivährend Christen frei ausgingen. Um aus den Wanderern die zollpflichtigen Juden aus- findig zu machen, bediente man sich kleiner, auf de» Geruch abgerichteter Hunde. Später fand es dann der feudale GeschästSinstinkt vorteilhafter, beide, Juden wie Christen zu besteuern und den Wegezoll auf das Wasser auszudehnen. Schon Karl der Große hatte bestimmt, von den Kauflcutc» sollten nur herkömmliche und zu Recht bestehende Abgaben an Wege-. Schiff- und Brückengeld erhoben werden. Wie er die Absperrung der Straßen nach altfränkischer Sitte durch Seile und Schlagbäume verbot, so mich die Abschlictzung der Flüsse durch Seile und Ketten. um den Schissen den Durchgang unter Brücken zum Zwecke der Zoll- aufläge zu ivehrcn. Uebcrhaupt stellte er den Grundsatz auf, die Handelsabgaben müßten der dem Verkehr geleisteten Hilfe entspringen. Da aber die Zölle im Mittelalter eine Hanptcimiahmcqucllc der Könige bildeten, wurde diese gesunde Norm schon unter de» nächsten Nachfolgern Karls für iinmer verlassen. Durch Vcrtauf und Ver- Pfändung wie auch durch Verschenkung gerieten die Zollrechte in den folgenden Jahrhunderten in die Hände der Großen. Diese ver- pfändeten nicht selten die ihnen Lbcrlasscnen Zölle weiter, so dost die Zollverhältnisse sich höchst verwickelt gestalteten und um die Wende des 12. Jahrhunderts kaum mehr z» übersehen lvaren. Schon Friedrich I. und Friedrich II. hatte» wiederholt unge- rechtfertigte Zölle, insbesondere an, Rhein und Main beseitigt. In« Jahre 1287 mußte Kaiser Rudolf allgeniein verordne»,„daß alle seit Kaiser Friedrich eingeführten neuen Zölle aufgehoben sein sollten", mit Ausnahme der vom Reich erteilten, und der Schwaben- spiegcl, eine damals aufkommende Sammlung von Gesetzes- bestiminungen, setzte betreffs der unrechtmäßigen Zölle fest,..alle Zölle... die im Römischen Reiche seint, die seint eyncs Römischen Königs und wer sie haben Ivill, er seh Psaff oder Ley, der muß sie haben von dem Römischen Reich und von dem Römischen Künig und wer deß nit enthut, der frcfelt am Römischen Reich." Auch die Kirche griff gegen das Zollunlvesen ein, indem sie alle unrechtmäßigen Zollerhcber exkommunizierte, d. h. nach damaliger Auffassung sie aller bürgerlichen Rechte verlustig erklärte. Mit dem 13. Jahrhundert beginnt die Ausbildung der Landes- Herrschaften und damit der Uebergang der Regalien in die Hände der Tcrritorialfürstcn. Während bei einigen der königlichen Privilegien, wie z. B. beim Siraßenregal, der Uebergang sich rasch und wie von selbst vollzog, währte er bei anderen lange Zeit. Sc» schließt erst mit dem Ende des 15. Jahrhunderts die Entwicklung für das Stromregal ab. Noch 1450 erteilte Kaiser Friedrich III. den Kurfürsten von Brandenburg die Erlaubnis,„daß sie in allen ihren landen zu ihrer und der land notdurft aus ihren wassern, Ivo. lvic und wann sie wollen, mühten aufrichten, bauen und derer nach ihrem gefallen gebrauchen und genießen sollen und mögen". Aber Iveit entfernt, dein Zollnnlvcsen zu steuern, hat die landesherrliche Gewalt dasselbe erst recht üppig ins Kraut schießen lassen. Das gilt nicht nur von den Straßen-, das gilt insbesondere von den Stromabgaben, da in jener kommunitationslosen Zeit Handel und Transitverkehr sich vorwiegend aus die Flüsse angewiesen sahen. Durchweg entbehrten die Zollsätze selbst in den einzelnen Territorien jeder einheitlichen Regelung. Die Zollpflichtigen waren der Willkür der jeweiligen Erhebcr nahezu völlig preisgegeben. Weigerte sich ein Schiffer, die geforderten Gebühren zu zahlen, so lud man kurzer Hand die ganze Ladung zum Zlveck der Revision aus. Die hierdurch erwachsenden Kosten erreichten meist die Höhe deS Zolles selber. Nicht selten handelten die Schiffshcrren mit den Zollcrhebcrn in aller Form, um einen möglichst geringen Satz heraus- zuschlagen. Im allgemeinen aber lvard bei der Unsicherheit und Willkür der Erhebung gezahlt, was man verlangte. Tic Folge ivar, daß der Kaufmann erst nach der Ankunft am Bcstiiiunuiigsvrt den Kostcnwcrt seiner Waren abzuschätzen vermochte. Selbst ausländische Chronisten wissen von der drakonischen Strenge, dem„ivütigeii Unsinn" zu berichten, womit die Territorialherren am Rhein schon in« 14. Jahrhundert die Waffcrzöllc zu handhaben verstanden. Vor keiner Frcvclthat scheue man zurück und verlange„ungewöhnliche, ganz im- erträgliche" Zölle,„ohne sich lveder durch die Furcht Gottes oder das Ansehen des Königs Einhalt thun zu lassen". Nicht besser als am Rhein sah es auf den anderen Strömen Deutschlands aus. So gab es noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts um das Jahr 1818 ans der Weser von Minden bis Bremen nicht tvenigcr als 22 Zölle, von denen 7 allein dem König von Hannover gehörten. Tie vorbei- fahrenden Schiffe lvaren gezwungen, bei jeder Zollstation mizulcgciB und ihre Ladung durchsuchen zu lasten. Durchweg dauerte die Visitation eine Stunde, so datz also ans der ganzen Strecke allein an Zeit ein voller Tag verloren ging. Ans der Aller gab es drei. ans der Leine 5 ha»iiöversche Zölle.„Auf der Fahrt von Hannover bis Bremen abwärts hatte jedes Schiff durchschnittlich 200 Thalcr Zoll zu zahlen; auswärts galten doppelte Sätze." Auf den östlicher gelegenen Strömen sah es noch trostloser aus. Wie die Zölle im allgemeinen ivirlten, erhellt zur Genüge aus der einen Thatsache, daß noch im 18. Jahrhundert ein Holzfloß von Mainz bis Tortrecht 35 000 Florin an Stromabgabcn kostete. — 9 Für den Feudalherrn war eben der Handel eine blähe Finanzquelle. Was er zur Förderung desselben that, beschränkte sich neben der Erhebung der Zölle darauf, zu Gunsten einzelner Gilden und Personen Freibriefe und Privilegien zu verkaufen, Kaufhäuser, Lagerhäuser. Krahne» u. ä. zu errichten, die natürlich loiedernm gegen Entgelt benutzt werden»mißten, und gegebenenfalls das Stapelrecht nach Kräften auszubeuten. In den rheinischen Städten, denen das Stapelrccht früh durch kaiserliches Privileg verliehen wordcir, bestand «S darin, daß die Waren aller den Stroin auf- und abgehenden Schiffe drei Tage in» städtischen Kaufhause feilgeboten'»verde» „uißten. In erster Linie lvar es dabei ans die festgesetzten Abgaben, »nie Krahne»-, Schiffskarcher-, Kaufhmls- und andre Gebühren ab- gesehen. Abgaben, von denen die Güter der»lncntbehrlichsten und nützlichsten Stände, der Fürsten, des Adels und der Geistlichkeit natürlich frei blieben. Die bedeutendste Handelsstadt Deutschlands in, Mittelalter lvar Mainz. Der Verkehr in der Stadt war äußerst lebhaft. Ein Ehronist bezeugt, wie man„wegen Geti'unmels Ab- und Zugehender sich kaum durch die Straßen hindurchwinden" konnte. Mainz>var das Einporium eiiteS gewaltigen Transitverkehrs, wo die großen Handelsstraßen des Nordens, Englands, Frankreichs, Italiens und des slavischen Ostens sich kreuzten. Hier handelte»nan in, 12. uitd 111. Jahrhundert init»norgenlandischen Waren, ging in» großen Ge- schäftSverkehr selbst sainarkandisches Geld. So lvar denn auch das Mainzer Kaufhaus lange Zeit das bedeuteirdste in ganz Deutschland. Um IlllS von dem Kurfürsten Peter von Eichspalt erbaut, stand cS bis 1812, als eS wegen Baufnlligkeit niedergerissen wurde. Die Pcrwalrung lag den» KaushanSineister ob. Unter ihm standen neben den» Wageineister die Hausknechte, Tagelöhner und Unter- källfer, die insgesamt streng an die Kaufhaus- Ordnung gebunden waren. Sehr charakteristisch ist die letzte Kaufhaus-Ordnung vom Jahre Z7ö9, da sie einen trefflichen Einblick in den Stromdienst während der zlveiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gewährt. Danach hatten die Schiffsrevisorcn, die„Ueberschläger" und Wärter sich sofort auf die ankommenden Schiffe zu begeben, damit kein Schiff„ohne Um- schlag und Nicderlag in der stappelstatt passieret". Die Schiffs- lleute»mißten sich gleich nach ihrer Ankunft auf dem Kaufhaus melden und den Frachtbrief vorlegen. Zum Zweck des UeberschlagS lvurdcn besondere Zettel ausgefertigt„für Naßgut auf der Rente Lonekh, für daS trockne Gut in den» Kaufhaus." Für „heimbliche Anzeig OrdnungÄvidriger Vorfäll erhielten die lieber- schlägcr Vs der Herschaftlichen Bestrafung". Ihr Augenmerk hatten sie besonders darauf zu richten, daß ohne Wissen der Reut- und .ÄaufhauSbeanrten nichts verlauft oder heimlich ein- und ausgeladen »vurde; sie sollten anzeigen, ivcnn Bürger der Stadt den Flössern cntgegenreiten, ihnen Holz abkanftcn und so stapclfrei»nachten, senier Sorge tragen, daß der Fluß durch Floßholz nicht versperrt »verde. Die ausgeladenen Waren»vurden in ein Hand- buch eingetragen mit Vor- und Zunamen des Eigentümers, ob die Waren„proprio oder spedilions- gut sehe". Die iiiiterkäilfer uattcn sich täglich in» Kaufhaus einzufinden und hier für Ordnung zu sorgen. Gegen eine Gebühr von 2l) Kreuzer für jeden Auftrag mußten sie„Ausruffe vollbringen und Ausruffe und Schätzungen anheften". Alle ein- und abgehenden Güter sollten die Knechte placieren und besichtigen,„damit,»van sich ctivas schadhaft vorfinden sollte, man den Eigentümer oder Faktor gegen die Gebühr per Gang od 0 Kreuzer warnen und schabten ab!vci»dcn könne". Sie durften keinerlei Güter„hinter sich in Kommission zum Ber- schleiß aunchnicn", wie auch die Ueberschläger sich durch„einig gcfchcnl oder gab" nicht sollten„verblenden" lassen. Die„Pflicht- schuldige Obliegenheit" der Knechte war es nicht nur,„auff alle ordmlngsloidrige Vorfälle eine besondere Auffsicht zu uehinen undt den Befundt ohne Parthchlichkeit, Haß oder Neydt sogleich ohne Rücksicht gehörend anzuzeigen und nicht zu lvarthen, biß Ein Zlvitracht unter Ihnen entstehet", sondern auch die täglichen Markt- schiffe der Nachbarorte abzupassen und in den Abendstunden nach Schluß des Kallfhauses„ohnvcrmerkt den Rhein auf und ab nach- sehe»», ob nichts Ordnimgslvidrig passiret, solchen, nach alle Morgen ohnnachlässig den Kanffhausmeistern den schuldigen raport abzu- statten". Es liegt auf der Hand, wie derartige Iollplackercien, die sich auf dcinselben Strom gegebenen Falles etliche dutzendmal»vieder- holen, mit eine»», modernen Wirtschaftsleben unverträglich sind. Für die rheinische», Gegenden lvar der feudale Zollllnfug ja große», teils u,it der französischen Occupatio» gefallen. Aber es bedurfte noch allgcn, einer und tiefgehender Kalainitäten, um in den Regierungen des übrigen Deutschland einiges Verständnis für die unab>oe,slichcn Rotwendigkeitc», der Zeit zu wecke»,. Wesentlich die Grenzsperren, die hunderte chinesischer Mauern, waren es, die die Teuerung des Jahres 1816 zu einer schweren Hungersnot Ivcrdcn ließen. Trotzdem vergingen noch weitere fünf Jahre, bevor»nan in, Dresdener Vertrag voin 21. Juni 1821 niit der Aufhebung der Elbzölle den Anfang machte und die Bahn ebnete zu einer freiheitlicheren Gestaltung der Handels- und VerkehrSvcrhältnisse, zun» Zusainmenschluß Deutsch- lands in ein einheitliches Wirtschaftsgebiet.— Dr. H. L a u f e n b e r g. 16—• Kleines Feuilleton. — Die Zahl Neun in volkökundlichcr Beziehung wird von A. L. Lewis in der anthropologischen Zeitschrist„Man" sAugust 1663) einigen Betrachtungen unterzogen. Er geht davon auS, daß in England verschiedene megalithische Denkmäler„die neun Steine" benannt sind, we»,», sie auch ursprünglich aus Iveit»nehr als neun Steinen bestanden. Er vernuitet daher, daß„neun" hier einfach a», die Stelle von„heilig" getreten sei,»ind begründet dieses durch die Bedeutung der Neun bei verschiedenen Völkern. Neunmal umivandcrt bei gewissen Hochzeitsfcierlichkeitcn in Indien der Bräutiga», einen Baum; die Porzellanpagode in China hat neu», Stockwerke; die tatarische Stadt ,,, Peking hat neun Thore. In Mexiko»md Hawaii wurde nach Neunen gezählt. Nenntägig ist das Fest Tibao bei den Tagalen auf den Philippinen. Bei den sibirischen Schamanen spielt die Neunzahl eine große Rolle usw. Neu sind die Ausführungen von Lelvis kcineslvegs, und ansführ- licher und gründlicher über die symbolische und mystische Bedeutung der Neun hat schon Karl Weinhold gehandelt und gezeigt,»vie dabei die Multiplikation der bedeutsamen Drei init der Drei auf die Volks- tüinliche», Gebräuche einwirkte. In der nordischen Mythologie gab es neun Walküren, neun riesige Meerweiber, und im Mittelalter wrirden neun Helden(drei heidnische, drei jüdische, drei christliche) zusainmengruppiert, z. B. am Schönen Brunnen in Nürnberg. Die Anschauung von der Bcdeutilng der Neun findet sich auch i», den kosmischen Vorstellunge», der Azteken, es gehören hierher die novem splierae Celestes der Lateiner, und in, Sanskrit heißt der Körper. ivegen seiner neun Oeffiumgrn, der neu», thorige.— („GlobuS".) — Tanticnici». Der„Frankfurter Zeitung" ivird aus London geschrieben: Mehrere amerikanische„Managers", die soloohl in Amerika wie auch in England eine Anzahl Bühnen unterhalte», haben vor einiger Zeit über die von ihnen gezahlten Tanticinen Angabe», veröffentlicht, welche allen Bühncn-Schriftstellern den Mund wässerig machen müssen. Die Aufführungen von„Charlcys Tante" allein in London brachten dem Verfasser eine Tantieme von 360- bis 400 000 Mark ei»;„Madame Sans Gene" Ivarf in drei aincri- konischen Saisons Herrn, Sardon 146 VW Mark ab, während die darauf folgenden Londoner Aufführungen diese Summe bei iveitem übertroffen haben. Von einem einzigen Manager erhielt Herr Sardon de», a», sehnlichen Betrag von rund 1'/, Millionen Mark als Tantieme von seinen Stücken„Fedora",„La Tosca",„Cleopatra", „Gismonda" und«Theodora",»oovon»>60 060 M. auf die erstell vier Saisons mit„Fedora" entfallen. Allerdings muß der Manager, da die Tairtieme 10 Proz. der Einnahme betrug, die Suminc von 15 Millionen Mark bei den Anfführungc», der fünf Stücke ein- gcironnncir haben. Mr. Bronson Hoivard hatte eine Einnahme von 400 600 M. von cincikl einzigen Stück(..Llieuandoalr�), währeird ein zlveitcs Stück„Aristoemey" weniger erfolgreich war und ihn„nur" 200 660 M. ei», trug.„Dlre Girl I lekt bohind nie", ein Stück, das vor einigen Jahren im Adclphi-Theater in London gespielt wurde, warf den Verfassen» 300 660 M. ab; Mr. Willia», Gilette konnte eine Einnahme von 466 600 M. für zwei Stücke verzeichnen, die nur einige Saisons lebten.— Theater. Deutsches Theater.„Der Meister". Koniödie in drei Akte», von Hermann Bahr.— Die Komödie hatte einen starken und wohlverdienten Erfolg. Nach all den leichten Tändeleien, mit denen der vielgeivaudte Erfinder der„Moderne", die Bühne zu erobern gesucht, überraschte der Ernst, den er hier in der Erfassung und drainatischcn Gestaltung eines sehr bedeutsamen und bislang theatcrftemdcn Problems bezeugt, um so mehr. Es ist ein räsoimicrendcs Thescnstück oder genauer, da der Autor in klmger und gerechter Zurückhaltung für keine der beiden»»»itcinandcr kon- trasticrtcn LebenSauffassnngen Partei ergreift, da er nichts bc- weisen, sonder» nur Gegensiitze anschaulich eindrucksvoll konstatiere», »vill, ein Antithesenstück. Ii, der Art zumal des Ivissenschaftlichcn Denke», s, das Einzelne immer von, Standpunkt des Allgen»einci, anzusehen. die Individuen physiologisch als Exemplare einer aus der � Ticrheit entwickelten Gattung, social als Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse zu betrachten, liegt eine auflösende Tendenz, die sich nicht»mr gegen überkommene religiöse Jdcologicn, sondern auch gegen das»miniltelbare Gefühls- leben und Tricbcmpfinden der Individuen selbst, wie es ans der Basis natürlicher Anlage historisch entwickelt ist, sich richten kann. Der Verstand möchte nur gelten laffei», wofür er hinreichende Gründe einsieht. WaS aber z. B. erscheint grundloser als die schlvärmende Liebe, die sich einbildet, nur in der Vereinigung und zwar der »»»auslöslichen Vereinigung init einen» einzelnen, beiondern Menschen, das Glück des Lebens zu finden? Wird nicht jeder von sehr ver- schicdenen angezogen, hat nicht jede Individualität mit ihre»» Guten zugleich Mängel und Schranken an sich, die jenen Enthusiasmus, sobald ruhige Abwägung eintritt, als lächerliche Illusion erscheine», lassen? Und auch wenn nach den, Verfliegen des Rausches dauemde Sympathie zwei Menschen zusamnicnhält, giebt es darin»— von der Sorge»»in die' Kinder eii»»ial abgesehen— ein Recht des einen auf die Person des aiidcrn, daS jede außerhalb dieses Bundes gesuchte Licbesgunst zu einem Treubruch und Verrat stempelt'{ Ist die eifersüchtig- ausschließende Steigung»nehr als ein künstlich potei,zicrtcr Naturtrieb, den, andre Triebe sich mit gleichem 976 Geltlmgsmispmch gcgcii«6erftettcu können? Derartiges Raisonnement ob richtig oder falich. erfreut sich, wenn eS sich ums allgemeine Theorctisieren handelt, noch mehr, wenn eS darauf ankommt, die eigne Praxis gegen Tadel zu verteidigen, großer Beliebtheit. Aber sobald der Spieß sich gegen einen dieser„Vorurteilslosen" selbst dreht, sobald die eigne Frau etwa Miene»nacht, nach dieser Auf- fasiung ihr Leben einzurichten, da pflegt die Stimmung plötzlich um- zuschlagen: moralische Empörung mit allen ihren alten Stichworten stellt sich da pünktlich»vieder ein. Das Neue, Interessante an der Vahrschcn Komödie ist, daß sie uns in dem„Meister" einen Kerl vorführt, der keine doppelte Buch- führrmg in dieser Hinsicht kennt, der mitten im Zusammenbruche konsegucnt bleibt: dann. aber, daß sie zeigt, wie gerade diese innere Geschlossenheit, die unparteiische kübl-verstandesmäßige Auffassung aller LebenLbcziehungen, zu der natürlichen Anlage der Theorie zusammenwirken, ihn der Fran, die er in seiner Art am liebsten hat. um derenivillen er allen Spott der Welt auf sich nehmen lvill, untviderruflich enifremden. Je. vernünftiger" er zu sein glaubt, um so uncmpsindlichor,„unmenschlicher" erscheint er den andren. Von seiner heitern, glückgehärtetcn und verhärteten Klarheit geht ein eisiger Hauch aus. Einzig der„Meister" EajuS ist in dem Stücke tiefer individualisiert; alle übrigen Personen empfangen nur durch die Beziehung zu ihm, durch die Art, wie sich in"ihnen der Eindruck dieses Mannes»viederspiegelt, ihre Bedeutung. Sonst haben sie kein Interesse. Da ist die Frau, eine Deutsch-Amerikanerin, die in Cajuö' Klinik als erster Assistent rnitarbeitet, und die der kluge und, doch mit wunderbarer Blindheit geschlagene Mann, während sie in Sehnen sich verzehrt, für glücklich und voll befriedigt durch das gemeinsame Wirken hält; da ist ein stolzes schönes Mädchen, des Meisters Sekretärin, die in glühender Betvunderung sich ihm einst hingegeben und, verzweifelt, daß auch sie ihm nicht mehr als eine flüchtige Neigung hat sein können, sich in die Liebe eines arme»», ängstlichen Burschen flüchtet; ein humaner Japaner, der in philosophischen Diskussionen gegen den Meister das Recht deS Herzens verficht, und Casus feindlicher Bruder, der hämische und streberische Medizinalrat. Im crstjii, etwas breitgesponncnen Akte sieht man EajuS auf der Höhe deS Glückes. Die Kraft, mit der er, der auS der Schule entlaufene Bauernjunge seinen Weg sich selbst gebahnt, hat seinen Trotz und seinen Stolz geschwellt. Er lebt in einem Rausch des Schaffensdranges, den flüchtige Liebesabenteuer unterbreche!». Mit lachender Sicherheit steht er dem Leben gegenüber. Stark und klar sein, alle nebligen Illusionen»nid Sentimentalitäten abthun, un- bekümmert, was die andern dazu sagen, das ist das Geheimnis, um das Glück hcrbeizuzwingen. Er möchte die Seelen wie die Körper kurieren und merkt gar nicht, wie brutal, uichtachtcnd er da zu Werke geht. Sein Selbstbewußtsein hat etwas Naiv- Borniertes, manchmal auch RencmmistischcS, aber alles Kleinlich- Eitle liegt ihm ganz fern. DaS zeigt auch sein lustiger Spott über das Ehrendoltordiplom, das ihm eine Pro- fessorcn-Deputation unter Führung des Herrn Bruder überbringt, als offizielle Anerkennung einer kleinen, air einem Erbprinzlein voll- zogcnen Operation. Im zweiten Akr verwandelt sich das Bild! Ein junger hübscher Mensch mit nur bescheidenen Geistesgaben, langjähriger Hausfreund, bittet de» Meister um ein Gespräch. Ein Feuer sei ausgebrochen, er habe sich und die bei ihm in seinem Zimmer ivar: EajuS Frau, nur durch daS Feuster hinaus retten könneu. Hunderte von Menschen hätten es gesehen. Also öffentlicher Skandal! Herr v. Vaniu ist ge- kommen, um sich dem beleidigten Gatten zur Verfiigung zu stellen. Wundervoll war das Spiel RittnerS, wie er den Äanipf der Empfindungen, die jähe Erregung und ihre Vemeisierung durch die Kraft des Willens darstellte. Schweigend niimnt cr die Pistolen auS dem Kasten. Er zielt und trifft das kleine Bild der Frau auf dem 5tamii»: Sie sehen also, daß ich schieße» kam», aber cö fällt mir gar nicht ein, »nich zu duellieren. Sie sagen ja, eS sei nichts vorgefallen zwischen Ihnen lind meiner Frau. Also gut— was kümmert uns das Reden fremder Leute? Die Spannung löst sich; sein Plan ist gesatzi, vor allem gilt es, nichts»mniitz tragisch nehmen. Und cr crnpnndet, einmal zur Besinnung gekommen, das Geschehene auch gar nicht al.' Leid; weder Eifersucht noch Entrüstung regt sich. Sic hat ge- handelt lvie er; solche Seitensprünge m»lß»nan als etwas Siniples, ganz Triviales, SelbsiverstäiidlickieS behandeln. Nicht darüber sprechen ist das beste, dann bleibt alles in, alte»» Geleis. Aber die Frau erzwingt ein Gespräch. Ui»d sehr fein ist eS in dieser lang- hinausgeschobenen Auseinandersetzung der Gatten, lvie die beiden Menschen aneinander vorbeisprcchen, Wesen, die sich nicht verstehen können. Sie will ihm sagen wie alles kam, sie redet von der frierenden Einsamkeit, die sie an seiner Seite empfand, von ihrem Hunger nach sorgender, schlicht-einfältig sich hingebender Liebe, aber indem er ihre Worte in seine Sprache übersetzt, wird etwas ganz andres, etwas Plumpes und Wahres daraus. Er kann nicht anders; was «icht ii» den Rahmen seiner Theorie paßt, dafür fehlt ihm jedes Organ; das weiß cr sich nur als heuchelnde Verdrehllng zu deuten. Und so, indem er sie halten möchtck, indem cr ihr erklärt, daß er ihr ganz und gar nicht böse sei, verwundet er sie am tiefften. Sie verläßt ihn»lud da endlich bei ihrem Scheiden bricht auch in ihm die Stimme der Natur, ein wildes, zorniges Weh, hervor, der Schmerz nicht»»m das Weib, doch um den treuen Kameraden und Mithelfer an seinem Lebenswerke. Eine allerliebste sattrisch-heitere Episode leitet zu den ernsten Scenen dieses letzten Aktes hinüber. Ein feingeschniegeltes Bürschchen, Edelanarchist und Herausgeber der„Fahne", erscheint als Abgesandter eines TugcndbundeS, um dem„Meister" Dank zu sagen, daß er durch seine„heroische That" das„Recht der Frau aus Abenteuer" vor ga»»z Europa proklamiert habe. Gespielt wlirde vortrefflich, auch in den kleinsten Episoden- rollen. RittnerS EajllS Duhr war sckilecbtwea eine Meister- leistnng.—... Humoristisches. - AuS der bureaukr«tischen Praxis.„... Ja mein Lieber, Sie spielen nicht Tarok, Sie tanzen nicht»nit der Frau de-? Bureauchefs— durch bloßes Arbeiten ist noch niemand avanciert!"— — Ein großer M a n n.„So' Nun noch zwei erste Preise— dann bin ich Meisters chafts sp ieler von Dclltschland l... Eigentlich großartiger Gedanke! DaS, waS Goethe in der deutschen Litteratur und Beethoven in der Mufil, das bin ich dann im Tennis! — Salomonisches Urteil. Wirt(zu zwei Bauen», die in Streit geraten sind):„Jetzt wird aber Frieden gemacht I D,r Liiidenbauer, bitt'st den Huber um Verzeihung, daß D' ihm die Flaschü» Wein am Schädel entzwei g'schlagä» haß, und Du Huber— Du zahlst den Wein!—(„Fliegende Blätter".) Notizen. c. Ein R i e s e n g e s ch ä f l im Buchhandel. Die Zeit- schrift„Publishers Circular" schätzt, daß das englische Publikum über 20 Millionen Mark für den Ankauf der„TCucycIopaedia Britaiinica" verausgabt hat. Die Herstelluilgskosteu werden auf 10 Millionen Mark und die Nellamekoiten auf zwei Millionen Mark veranschlagt.— — Die„Neue Gemeinschaft" erklärt in einer an uns gerichteten Zuschrift:„sie hat nicht die geringste Veranlassung zum Selbstmord, sie fühlt sich gegenwärttg kräftiger und schaffcnS- freudiger als je. WaS sie demnäckst durch Tbatcn beweisen wird.— Man zu!— — Die Barthsche„Nation" hat seit Oktober Buchschmuck (Leisten und große, verzierte Anfangsbuchstabens Die Neu- cinführnng scheint aber bei vielen Lesern Mißfallen erregt zu haben. Jetzt veranstaltet das Blatt eine Umfrage, ob die Zeichnungen bei- behalten werden sollen oder nicht.— —„Der Kaufmann*, ein Einakter von F. A. B e y e r l c i n, brachte es bei der Erstaufführung iin Leipziger Schauspiel- Hause nur zu einem Achtungserfolg.— — Im Wiener Burgtheater geht heute ein vicraktlgeS VolkSstück von Ferdinand v. Saar„Eine Wohlthat" erstmalig in Scene.— — Karl BlcibtrcuS ucneS Drania„Der Heils-, k ö i» i g" wird zuerst im Poscncr Stadt-Theater auf- geführt Iverden.— — Im Wiener V o lkS t h e a t e r ist die„Salome" ab- gelehnt worden.— k. Ein Denkmal für Gcoffrcll Ehauccr, den„Vater der englischen Dichtkunst", ist dieser Tage in der Londoner G u i l d- hall Library enthüllt worden.— — Gin nassauischeL V o l k S t r a ch t e n b n ch beabsichiigt der Verein für nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung herauszugeben. In diesem Buch sollen die in früheren Zeiten vor- haildcnei» cigenartigei» Trachten der einzelnen Gegenden NassanS bc- schrieben und durch Abbildungen erläutert werden.— — AuS einer Theaterkritik:„Fräulein... liegt an einer Blinddarmentzündung danieder, von der sie erst in zwei Tagen genesen wird."— Fundort;„Münchcner Neueste Nachrichten" vom 12. Dezember ISO!!.— — WaS ist ein Schlieferl? Bei dem Wiener Bezirks- gcricht Leopoldstadt tlagt ein Gcflügelhändlcr gegen eine Käuferin. »veil sie ihn„Schlieferl" genannt hat. Der Richter fragt einen Sachverständigen:„Was bedeutet Schlicfcrl?" Der Sachverständige antwortet:„Dunkle Existenzen." Der Richter ziemlich laut:„Also dunkle Existenzen." Sofort stürzt der Justizivacht-nann, der den Saaldicnst versteht, zur Thür hinaus und schreit auf den Gang: „Dunkle Existenzen l" Er komntt wieder herein:»Bitte, meldet sich niemand!"— Verantwortl. Nedaltem: JultuS KflliSkt tu Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und BerlagSansta!» Paul Singer& Co., Berlin 3W