Mnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 245. Mittwoch, den 16. Dezember. 1903 (Nachdvui? verboten.) Das Verbrechen des Hrztes. 23) Roman von I. H. RoSny. Autorisierte Uebertragung von M. v. B e r t h o f. Plötzlich breitete sich ein Schatten, eine ganz ansicrordent- liche Leere über den Raum und auf jenes Stück Himmel, das Zwischen den Bäumen des Parks hindurchfah? Marguerite war gegangen. Guy hörte noch ihre silberhelle Stimme, ihr Kleid, wie es im Fortgehen über den Teppich raschelte. Per- drusi ergriff ihn, ein wildes, unerträgliches Gefühl des Vew drusses. Alle, die ihn umgaben, seine Frau, seine Schwiegermutter, wurden zu Phantomen, zu sonderbaren, unwirklichen �Erscheinungen. Es schien ihm unmöglich, daß die weiteren Stunden dieses Tages vorübergehen sollten, ohne das; er sie wiedersah, ohne sie zu hören, ihre Nähe einzuatmen, und wäre es auch nur fiir eineil Augenblick. Und diesmal hatte er doch die Vorahnung von etwas Gefährlichem, das stärker war als sein Wille, stärker als alles andre. Er wollte sich dagegen stemmen, er gebot sich selbst, an der Seite des Lagers zu bleiben, ans dem diejenige ruhte, die die Hoffnung seiner Nachkommenschaft in sich trug. Und er sagte mit unendlicher Sanftmut: „Fühlst Du Dich wieder wohl, incin Lieb?" Sie reichte ihm die Hand und antwortete bewegt: „Ja, mir ist wieder ganz wohl... ich bin glücklich... ich liebe Dich." Diese Worte erweckten sein Unbehagen. Leicht wendete er den Blick von den Augen seiner Frau weg. Dann hatte er eine Regung von Zuversicht und log, aber mit dem Gefühl, sie vor einer Gefahr zu schützen: „Wir werden uns immer lieben!" Er tonnte sich deS Gefühls nicht erwehren, das; er nie, selbst«licht an jenem schrecklichen Tag, an dem sie ihm ihr Wort gegeben, während er das gestohlene Geld an seiner Brust verborgen trug, so geheuchelt hatte wie eben jetzt. Inzwischen hatte sie die Augen geschlossen. Sie lächelte. dann erlosch das Lächeln. Sie begann etwas tiefer zu atmen, bis sie endlich einschlief. Er neigte sich über sie, horchte aus ihren Atem, fühlte leicht ihren Puls und sagte zu Madame Monteaur, die eben wieder ins Zimmer trat: „Sie schläft, es geht ganz gut." Die Leere, die Langeweile, die ihn drückten, schienen ihm imnier entsetzlicher. Er war wie der Gefangene, der den Abend erwartet, um nur den Riegel an seiner Zelle zu hören. Die Uhr, die die Stunden wies, marterte ihn. Wie sollte er nur entweichen, hinlaufen, nur ihr Kleid, ihr Antlitz zu sehen? Plötzlich erbebte er von innerer Freude; ein Ausweg war ihm eingefallen! Nur die Heftigkeit seines Wunsches hatte ihm den Weg, ihn zu erfüllen, verhüllt. Und er sagte: „Ich werde gerade noch Zeit genug haben, Ihren Kranken Zu besuchen..." Es war ein kleiner Bauernjimgc, an dem die alte Dame Anteil nahm, eines jener merkwürdigen Geschöpfe, wie sie die Natur manchmal unter den Menschen auftauchen läßt als den ersten Versuch zu einem Zukünftigen Geschlecht. Die ganz außerordentliche Schwäche seiner Nerven hatte etwas Er- greifbares für Madame Monteaux. die dabei an sich selbst denken mußte. Sie hoffte, Herbeline würde ihn wieder her- stellen. Er selbst war nicht dieser Ansicht uild erklärte sich für unfähig, ihn zu heilen. „Ich werde kaum eine Stunde fortbleiben," flüsterte er. ».Ich könnte schwören, daß Madcleine bis dahin noch nicht er- Wacht sein wird..." Um rascher fortzukommen, nahm er sein Rad. Die Fahrt ihat ihm gut. Er liebte es, die Lust zu durchschneiden, liebte es, wenn die Landschaft in ihrer griinen Ueppigkeit an ihm vorüberflog. In weniger als zehn Minuten hatte er die Hütte erreicht, in der der Schützling feiner Schwiegermutter hauste. Arn Ende einer langen, sumpfigen Pfütze lag eine aufs Gerate- Wohl mit Mörtel, Sand und Steinen bctvorfene Hütte, eine uralte Behausung, ganz überwuchert von Moos. Flechten und Leinkraut. Die Leute, die hier hausten, bearbeiteten mit dem Aufgebot aller Kraft eine schlammige Erde, die kein Getreide trug und die jene Pflanzen überwucherten, welche in der Feuchtigkeit gedeihen. Guy trat ein, ohne anzuklopfen. Eine alte, gichtbrüchige Bäuerin erhob sich mit einem Schwall näselnder Worte, ein Jüngling wendete dem Eintretenden ein Gesicht zu, das so weiß«nie Kreide war. steine übergroßen, runden Augen mußten selbst im Finsteru sehen. Er� hatte sehr ivenige und ganz flachsblonde Haare, einen Mund, der kleiner war als der eines neugeborenen Kindes, und dementsprechende Wange», eine sehr große Stirn, die bei dieser kleinen Gestalt unförmlich erschien, und einen so langen Hals, wie ihn wahrscheinlich kein andres menschliches Wesen aufzuweisen hatte. Auch sein klapperdürrer Körper, seine Extremitäten von beunruhigender Zartheit konnten mit nichts andern verglichen werden. Er zitterte beständig vor Fieber und Kälte. War dieser junge Mensch schon sehr merkwürdig durch seine Erlckieinung, so war er es noch mehr durch seine Sinne. Er hatte ein so feines Gefühl, das; er die zartesten Schwankungen in der Atmosphäre bemerkte und fähig gewesen wäre, alle Erscheinungen voraus- zusagen. Sein Geruchssinn war nicht weniger entwickelt. Er glich beinahe dem der Hunde, und wie diesen Tieren waren auch ihm die Düfte und aromatischen Gerüche verhaßt. Da- gegen war sein Gehör schwach und besonders wenig entwickelt: er konnte kaum sprechen, verstand die Silbeneinteilung schlecht und hatte keine Idee von niusikalischem Gehör. Sein Blick eines Tagblinden reichte nicht weit und ermüdete bald: er erkannte schwer die Gesichter und vergaß ihre Bildung nach kurzer Zeit. Kraft seiner Intuition und seiner geistigen und sensitiven Feinsühligkcit gelang es ihm, fast alles zu erraten, was inan ihm sagte— und manchmal sogar das, was man dachte. Er reizte in hohem Grade die wissenschaftliche Neugier Herbelines, der nicht ganz einig mit sich war, ob er ihn als einen rückständigen Typus ansehen sollte oder im Gegenteil als einen ersten Vusuch einer neuen menschlichen Gattung. Jedenfalls war seine Schwäche ganz außerordentlich, und der Doktor war erstaunt, daß er mit einem so reduzierten Lungen- system und einer so schlechten Blutcirknlation überhaupt leben tonnte, llnd dennoch lebte er. Seit sechzehn Jahren leistete er zehn Todesursachen Widerstand, die ihn unausgesetzt be- drohten. Bei Guys Ankunft hatte er eine lebhafte, nervöse Aufregung an den Tag gelegt, in der man eine sonderbare Mischung von Furcht und Freude bemerken konnte. Die Art, wie er den Blick wegwendete, als der Arzt sich ihm genähert hatte, zeigte einen augenscheinlichen Widerwillen, eine Art fnrchtsammcn Hasses. Andrerseits reichte er ihm die Hand mit der Beflissenheit eines Tieres, das eine Belohnung er- wartet. Herbeline fühlte dein Kranken den Puls, dann auS- kultierte er ihn. „Haben Sie geschlafen?" fragte er ihn. Ter Kranke erriet mehr als er hörte. „Ja, besser geschlafen," stotterte er mühselig. „Und Sie sind ohne besondere Mühe aufgewacht?" fragte Herbeline weiter. Der Kranke machte ein Zeichen, daß er nicht verstanden habe. „Sie fühlten sich nicht müde, als Sie erwachten?" fragte Herbeline neuerdings. „Ich bin immer müde... ich war etwas weniger müde" „Also soll ich Ihnen noch Mittel verschreiben?" DaS Gesicht des Kranken drückte eine glühende Begehrlichkeit aus. „Ja. ja... ich fiihle mich so wohl, bevor ich einschlafe mit der Medizin. Aber sie ist schon aus." Herbeline wühlte in seiner Tasche. Die runden Augen glänzten, indem sie seinen Bewegungen folgten. Der Doktor holte ein kleines, flaches Fläfchchen mit weißen Pillen heraus und übergab es der Alten, die während der ganzen Zeit keine Miene verzogen und keinen Laut hervorgebracht hatte. „Drei Pillen vor dem Schlafengehen," sagte er.„Nicht eine einzige mehr, sonst würde das Medikament eine schlechte Wirkung haben." Der Kranke ließ ein leises, fröhliches Lachen hören, doch als Herbeline hmausging, folgte er ihm mit einem Blick voll Haß und Furcht. — 9 Draußen angelangt, machte sich Gut) mit der größten Geschwindigkeit wieder auf den Weg. Er fuhr einige Zeit längs des Flusses dahin, überschritt eine kleine Brücke und be- fand sich vor einem Hause aus gelbein Sandstein, das ganz umhüllt und übersponnen war von leuchtenden Glycinen. Ein alter Obstgarten voll ehrtvürdiger Birnbäume, voll knorriger Apfelbäume und Kirschbäume folgte. Herbeline begann das Herz zu klopfen. Das war die köstliche Stunde, in der die Schatten der großen Bäume sich, immer länger werdend, über die Wiesen und das helle Wasser hinstrecken. Tic Sonne strömte im Untergehen ihre ganze Glut aus. Ringsum lag tiefes Schweigen. Selbst die In- fetten schwiegen, und die Vögel hatten ihr Abendlied noch nicht begonnen. Kaum daß man in der Ferne das Rauschen des Wassers vernahm, die ängstliche Flucht einiger Tiere, ein leises Knistern in den Pflanzen, und manchmal beim Aufatmen ein leises Rauschen der Blätter. Dieser Augenblick war für Hcrbeline ergreifend. An einer Ecke der Wiese stand er still und betrachtete das leuchtende Haus mit einer Art von Bewunderung. Was wollte er hier? Wie war es nur gekommen, daß er seit wenigen Tagen dies Haus, das ihm früher so gleichgültig gewesen war, ihm jetzt so sonderbar, fast phantastisch erschien? Er zögerte: er dachte daran, zu fliehen, und machte eine Bewegung, um wieder aufs Rad zu steige». Aver er fühlte, wie vergeblich fein Widerstand war, und so schritt er auf die glycinen- geschmückte Fassade zu. Eine behäbige Frau erschien auf dein Vorplatz und grüßte, da sie Guy erkannte. „Herr Dufröne ist noch nicht nach Hause gekommen," sagte sie:„aber das Fräulein ist da... im Garten." „Ich habe nur einige Worte zu sagen," entgegnete der Doktor.„Stören Sie Fräulein Tufrene nicht. Ich gehe in den Garten, wäre es auch nur, um die Kirschbäume zu be- wundern..." „Ja, was die anlangt, so sind eS wirklich schöne Kirschbäume," sagte die Frau. l Fortsetzung folgt, iNachdruck verboten.) Der fang der pelztiere in Nordamerika. In Amerika liegt der Pclzhandcl zum größten Teil in den Händen mächtiger Gesellschaften. Auf Alaska haben zwei amcrilanifchc Gesellschaften und in jtanada die HudsonS-Bai-Comvany das Feld ihrer Thätigkftt. Nur wenige dürften eine Ahnung vmi dem Alter, Wesen und der Bedeutung der Hudsons-Bai-Company haben. 2ic ist jedoch nicht nur das älteste, sondern auch das crsolgreichstc bestehende KolonialuntAnchmen Englands. Sie datiert nämlich aus dem Jahre tti70. Damals erteilte die englische Krone dem Vetter des Königs, Prinzen Rupert, ein Monopol für Handel und Schiffahrt in allen Gewässern, zu denen die Hudsonstrahe führt sowie den Besitz aller von jener bespülten Länder. Als einzigen Entgelt sollte die Eompagnic dem König jährlich zwei Elche und zwei schwarze Biber abliefern. Das Gebiet um die Hudsonbai war nicht herrenlos. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts durchstreiften es französische Jäger und Goldsucher, welche sich gegen das Erscheinen des englischen Wettbewerbes zur Wehr setzten; auch waren die Schwierigkeiten der Meerfahrt nach jenen entlegenen, eisstarrenden Ländern damals sehr groß und gefährlich). Die Eompagnic aber wurde, trotzdem sie nur über ein Kapital von 210 000 M. verfügte, aller dieser Schwierigkeiten Herr. Obwohl die Franzosen wiederholt über ihre Ansiedelungen herfielen, ihre Bor- rätc beschlagnahmten und ihre Schiffe wegnahmen, wußte die englische Gesellschaft gute Geschäfte zn inachen. Eine Parlamentskommissio» hatte festgestellt, daß sie von 1690 bis 1800 durchschnittlich jährlich 60— 70 Proz. Dividende verteilte und selbst in den ersten 20 Jahren, 1670— 1690 trotz aller Äriegsnöte 230 000 M. Gewinn erzielt hatte. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts zählte di-> Hudsons-Bai- Eompanh 239 Teilhaber mit einem Kapital von 8 Millionen Mark. Sie besaß damals im Norden Kanadas vom Atlantischen bis zum Stillen Oceau 136 Stationen mit 1400 Beamten und beschäftigte einen Dampfer und 6 Segelschiffe. Noch heute wirft der Handel mit Fellen und Pelzen einen Reingewinn von 21,2 Millionen M. ab. Solche Summen werden allerdings erklärlich, wenn man sich ver- gegemvärtigt, mit lvelche Mitteln sie erworben werden. Heber die Preise, die die Pelze im europäischen Handel besaßen und noch be- fitzen, ließ man natürlich die kanadischen und besonders die indianischen Jäger so viel wie möglich im Dunkeln, ein Princip, dem die Hudsons- Bai-Company ebenso wie ihre würdigsten Nebenbuhlerinnen, z. B. frir Alaska-Commercial- Company, die Western Fürs and Trading- '8— Company und die North-Wcst-Trading-Compaich bisher treu ge- blieben sind. Besonders die Hudson- und die später mit ihr vereinigte North-West-Company leisteten hierin das denkbar Möglichste. Mail tauschte die Pelze gegen Erzeugnisse europäischer Industrie ein und lieferte den Jägern eine Flinte für 40 Biber, ein Messer für 6, 1 Pfund Pulver für 3 usw. Bei dem wilden und wüsten Abenteurer- leben, welchem sich die meisten kanadischen Pelzjäger ergaben, ge- rieten dieselben mich bald Schulden halber in Abhängigkeit den Händler, die das Gebiet durchstreiften und an günstig gelegenen Orten Forts und Handelsstationen errichten ließen. Zwar war den Händlern von Seiten ihrer Gesellschaften verboten, den Jägern geistige Getränke zu verkaufen, in Wahrheit stand dieses Verbot aber nur ans dem Papier, und selbst die Neuzeit hat wenig oder gar nichts an diesen Verhältnissen geändert. Die llntcrhändlcr treiben auch heute noch den Handel mit Spirituosen, teils im Interesse und mit Wissen ihrer Gesellschaft, teils auf eigene-Rechnung und erübrigen dabei Gewinne, weit höher, als ihre Vorgesetzten erzielen, obgleich letztere häusig 500 Proz. verdienen. Wie die indianischen Pelz- jägcr bei diesem Ausbeutungssystem fahren, bedarf wohl weiter keiner weiteren Erörterung. Im Tauschhandel mit dem indianischen Jägcr hielt man an dem Grundsätze fest, für die kostbaren Pelze verhältnismäßig weniger zu bezahlen als für die geringeren Sorten, wodurch Ivenigstcns die Ausrottimg der edleren Pelztiere verhindert wurde. Tie Preisliste. nach welcher gcgcntvärtig die Händler der Hudsonsbay-Compant) mit den indimiischen Jägern verkehren, ist folgende: 1 Flinte für 15 Biber- bälge, 1 Dutzend Messer für 3 Bibcrbälgc, 1 Axt für 2 Biberbälge, 1 Anzug, je nach Verbrämung für 6— 8 Bibcrbälgc, 1 Pfund Pulver für 15 Bibcrbälgc, 1 wollene Decke für vier Bibcrbälge, 1 Kamm für einen Bibcrbalg, einen Spiegel für einen Biberbalg, 1 Pfund Perlen für einen Bilberbalg und 1 Pfund Tabak für 2 Biberbälge. Dabei gilt ein schwarzer Fuchs— 20 Biberbälgen, 1 Silberfuchs gleich 10 Bibcrbälgcn, 1 weißer Fuchs= 2 Biberbälgcn usw. Außer diesen großen Gesellschaften operiere» zahlreiche Trapper auf eigne Rechnung und eine Menge Händler wagen sich in die Jagdgründe der Jndimier und Pelzjäger, in jene Lmidstrickje jnit Hoheit Schncebergen, ausgedehnten Waldrcgioncn, unzähligen Seen und gewaltigen Strömen, um in dieser Heimat der Pelztiere selbst direkt ihren Bedarf an Fellen zn decken. Jene Indianer und Trapper, die uns aus unserer Jugendzeit traute Bekannte sind, führen dort ein Leben voll Leiden und Entbehrungen und doch voll Freuden, da sie in der Einsamkeit des Nordens frei von jedem Zwmig und Gesetz ihrer Jagdleidenschaft fröhnen können. Sobald der erste Schnee gegen Mitte Oktober fällt, dringe» jene Trapper in das geheimnisvolle Dunkel der Wälder; sie nehmen nur einen Schlitten mit sich, den sie selbst oder einige Hunde ziehen. Auf diesem©cfähit liegt nun alles Material, das sie für das Leben in der Einsamkeit nötig haben. Es ist wahrlich nur wenig: einige Decken, Munition, Fallen, bisweilen ein Zelt; das ist das ganze Gepäck; an Lebensmitteln nehmen sie fast gar nichts mit. Die Tiere, die ihnen zur Beute fallen, müssen diesen Abenteurern die gesamte Nahrung liefern, der Fuchs wie der Haje, die Otter Ivie der Biber. und besonders das Elcnticr. Für diese Natnrsöhne sind alle Tiere des Waldes eßbar. Einmal ans dem Jagdgebiet angekommen, richten sie sich„häuslich" ein, entweder unter einem Zelte oder in einer einsam stehenden Hütte. Von hier aus unternimmt der Trapper täglich lveite Ausflüge, um die Fallen aufzustellen, um sie zu be- suche»; niemals hat er Ruhe, unaufhörlich muß er seine Gerätschaften überwachen, nur nicht die Frucht seiner Arbeit zu verlieren. Der Vielfraß ist hinter ihm her, alle seine Betvegungcn verfolgend, um die Fallen streichend, bereit, jedes Tier, das in sie gerät, zu ergreifen und so dem Jägcr seine sichere Beute zu entreißen. Die Fallen tvcrdcn mif bisweilen 40 Kilometer langen Linie» aufgestellt; sie mifzuftellen und niit Ködern zu versehen, ist eine schwere, wochenlang dauernde Arbeit. Alles das muß ausgeführt werden bei einer Kälte von 40— 50 Grad oder bei so furchtbarem Schneesturm, daß man kaum einige Schritte vor sich sehen kann. Hören wir die Erzählung eines berühmten Trappers an:„Ich hatte drei Linien von Fallen vorzubereiten, die in Form eines T aufgestellt toarcn und 40 Meilen Länge hatten. Diese Arbeit dauerte 6 Woche», mitten iin strengsten Winter und mitten in einem so dichten Wald, daß ich. um meinen Rückzug zu sichern, mit einem Bcilhicb an den Bäumen die Spur, die ich verfolgte, markieren mutzte. Als endlich die Aufstellung beendet war. war ich noch nicht am Ende meiner Arbeit. Alle drei Tage mußte ich jede Fallcnlinic besuchen, wenn meine Beute nicht von dem Vielfraß oder Luchs geraubt werden sollte; und kam ich abends ermüdet zurück, so hieß eS zunächst die Felle präparieren." Das kostbarste Pelztier des Nordens ist der Sccottcr. Er findet sich besonders zahlreich an der Nordwcstküste und auf der Insel Alaska. Schon die unter Führung Cooks ausgcrüstrte Erpcdition nach der Westseite Amerikas crlvarb eine Menge loscharcr Sccoitcr- bälge durch Tauschhandel, also wahrscheinlich fast umsonst; sie wurden mit ungeheurem Gewinn in China Vcrivcrtet. Im Jahre 1300 verkaufte man in Kanton die Sceottcrbälge mit 400— 500 M., die Ruten mit 40— 100 M. Infolge der eifrigen Nachstellungen ist aber der Otter seltener geworden, und die Preise sind daher fast um das Doppelte gestiegen. Tie Ottcrnjagd geschieht meistens in Kähnen und ivird Haupt- sächlich nur von den eingeborenen roten Jägern der Aordtvejrtüste 979 und von tcn Meuten bctncbm. Im Frühjcchr begeben sich hunderte von Book» auf den Ottcrnfang in die hohe See hinaus. Sic teilen sich in verschiedene Abteilungen von 16— 20 Kähnen. Solvie sich der Kopf eines Sceotters zeigt, trifft ihn auch schon ein wohlgczieltcr Pfeilschuß, das Bott, von welchem der Schuß kam, folgt sofort dem Tiere, während die andren einen Kreis bilden, der das crstcrc zum Mittelpunkt hat. Sobald mm der Otter wieder empor taucht, geben sämrliche Jäger ihre Pfeilschiisse ab. bis das Tier verendet im Wasser schchinum jmb von den Jägern ins Boot gezogen wird. Bei der geringen Stärke des Sceottcr erfordert die Jagd auf dieselben aus gezeichnete Schützen, und besonders die Aleuten haben eine außer- ordentliche Geschicklichkeit in der Handhabung des Vogens bei der Jagd auf dieses Tier erlangt. Im Winter ziehen sich die Ottern auf die einsamen Inseln der Westküste zurück, wo sie in Schluchten und Jelsspaltcn einschlafen. Der Jäger sucht sich dann unmerklich an das schlafende Tier heranzuschleichen und tötet es durch einen Büchsen- schuß, bevor es erwacht. Bei der tosenden See und den furchtbaren Schneestürme», die in der kalten Jahreszeit über die Inseln dahm brausen, ist diese Jagd aus den abschüssigen glatte» Felsen lebcns gefährlich und erfordert ungewöhnlichen Mut und große Geschicklichkeit. Ter rote Jäger des Nordens kennt aber keine Furcht. In der einen Hand die Büchse, in der andern die erlegte,» Tiere, springt er von FclS zu Fels; selten kommt es bor, daß ein indianischer Ottcrjägcr bei der Jagd verunglückt. Als edles Pelzwerk im amerikanischen Norden gilt ferner der Nörz, eine Marderart, die fast dem russischen Zobel im Preise gleich- kommt, ebenso der M»k oder Wison, ein naher Bemandtcr des Marders. Auch der Wolwcrin, der wegen seiner Schlauheit dem Jäger sehr selten zur Beute fällt, wird seines kostbaren Pelzes halber geachtet. Hohe Preise haben auch gewisse Fuchsartcn. Rote Füchse gelten ungefähr 12 M., gelbe 16 M., graue 20 M.. blaue 120 M., Silberfüchse 300 M. und schwarze Füchse sogar 000— 700 M. Iltisse und die sogenannten kanadischen Edelmarder konnnen in Menge» vor. Auffällig ist. daß die Marder zeitweilig zu verschwinden scheine». Fast alle zehn Jahre tritt eine Marderarmut ein, die sich über sämtliche Gebiete des amerikanischen Nordens erstreckt. Gc- wältige Ouantitälc» Bälge erhält man von Waschbären und von Eichhörnchen, doch steht letzteres dein russischen im Preise nach. Auch Bären und Luchse kommen zahlreich in Handel. Selbst den sonst mißliebigen Stinktieren wird loegen ihres Balges nachgestellt. Man befreit sie von der Witterung und macht sie dem Marderbalg ähnlich. Die amerikanischen Zobel sind dagegen wenig geschätzt.-— Dr. I. Wiese. (Nachdruck vcrbolcn.) MeiKnacKtslecKemen. Schon in uralter Zeit hat man am Julfcstc im Essen und Trinken das Menschenmögliche geleistet. Und so ist es in den germanischen Nordländern geblieben bis heute: am Julafton, dem heiligen Abend, müssen unbedingt Stockfisch, RciSgrützc, Acl und Branntwein auf dem Tische stehen. Vor allem aber darf der sogenamitc Juleber oder Julbock nicht fehlen— ein auS bestem Mehl gebackcncs Brot, das mittels einer abgedrückten Holzform mit einem Eber oder einem gehörnten Widder in Flachrelief gc- schmückt ist. In manchen Gegenden läßt man das Brot samt Schinken, Käse, Butter, Bier und Branntwein auf dem Tische bis zum 0. oder 13. Januar nicht ausgehen, getreu der Dauer des heidnischen Julfestcs, die zwölf oder zwanzig Tage umfaßte. WaS schließlich vom Julbock übrig bleibt, wird bis zum Frühjahr auf- gehoben, um alsdann den Schweinen, Kühen und Pferden ver- abreicht zu werden, denn der vom Segen durchströmte Julbock wird, falls Tier und Mensch davon bei Beginn des Ackcrns genießen, zu einer glücklichen Ernte verhelfen. Die Bevorzugung gewisser Gerichte für die Weihnachtszeit, wie sie ans diesem»ordskandinavischen Küchenzettel hervortritt, findet sich anderswo ebenfalls. In England hält der wohlhabende Land- bcwoyncr noch jetzt darauf, daß beim Weihnachtsmahl der flammende .Holzhock, der in christlicher Zeit durch den Tannenbaum ersetzt wurde, und der reich verzierte Eberkopf, der ehemals dem Fro geheiligt war. nicht fehlen, lind Ebensowenig dürfen fehlen der mächtige Ochsenlcndcnbratcn, der riesige plump-puckcking und die plump- porrickge, eine dicke, mit Rosinen versetzte Suppe, gekocht aus Kapaun, Pute und GanS oder wenigstens aus einem dieser drei prächtigen Vögel. Tagsüber werden verschiedene NSschcrcic», wie Christmas pyes und Christmas batch, gegessen. Wie schon der Name besagt, sind die Christmas pyes Pasteten, und zwar zubereitet aus Hühner- oder Gänsefleisch, Rindzunge und Eiern samt starken Jnthaten von Rosinen, Zucker, Citronenschalc und verschiedenen Gc- würzen. Gewöhnlich wird ihnen die Form eine Krippe gegeben. Die vielen Gewürze sollen auf die ähnlichen Speisen hinweisen, die die Weisen aus dem Morgcnlandc den, Kinde bei der Anbetung darbrachten. Vule-cakc oder Christmas batch, der sogenannte und viel begehrte Wcihnachtskuchcn, erhält sogar die Form eines Wickelkindes, und die Bäcker, die solche süßen Gaben den Kunden zuschicken, legen großen Wert darauf, daß die Formen ihrer Kunst- gebilde den hochgespannten ästhetischen Anforderungen der Misses möglichst entsprechen. Teutschland steht in der maicricllen Feier der Weihnachten erst recht nicht zurück. Die Leute in Sachsen delektieren sich am Christ- abend an Aepfclsalar und Heringe», aber nur an weiblichen mit Rogen, da die Fülle der Eier Reick, tum im künftigen Jahre bringt. Der Schlesier schwört auf Aiohnklöhe und weibliche Karpfen. Die Brandenburger vertilgen gleichfalls Karpfen, dazu auch Mohnpilcn. Viele Thüringer entzücken sich an dem Viehnohchtsschmuß oder Hahnevackel, zu dem zartes Geknöchel, Backwerk in Form von Bicheln und geflochtenen Zöpfen, sogenannten Kröppelzöppcn, und Heringe samt einem guten Trunk gehören. Andre Thüringer ziehen Sauerkraut. Klump und den aus feinem Gcrstcnniehl gcbackcncn „Jiddcnkuchen", der einer Mazze ähnlich ist, samt Kaffee vor. So wären noch zahlreiche andre Beispiele für die außerordentlich gc- dicgene kulinarische Feier des Wcihnachtsfcstes in deutsche» Gauen beizubringen. Wohl das richtigste trifft der Holsteiner, wenn et den heiligen Abend Vullbunksabend, VollbauchSabcnd, nennt. Gewisie Näschereien, die vor Jahrhunderten mehr auf den Ort ihrer Herstellung beschränkt blieben, sind inzwischen in Deutschland zur ausgedehntesten Aufnahme gelangt. Zu ihnen gehört in erster Linie der Nürnberger Pfeffer- oder Lebkuchen, dann der Königsberger Marzipan und bis zu einem gewissen Grade die Printe. die speciell in Aachen und in Köln erzeugt loird, sowie der Kölner Spekulatius. Gewiß ist in dem Pfefferkuchen ein gewisses Quantum Pfeffer enthalten, aber aus dieser verhältnismäßig geringen Menge den Namen des Kuchens herleiten zu wollen, würde sehr verfehlt sein. Im Pfefferkuchen komme» noch andre Gcivürze vor, wie Ingwer. Zimmct, Nägclchcn, Mustatmiß und Anis. Und da nun Pfeffer als das vorzüglichste aller Gewürze galt, so wurden unter ihm in mittelalterlicher Zeit und auch noch erheblich später überhaupt alle Gewürze verstanden, die man zur Küche benutzte. Man liebte damals die Speisen überaus stark zu würzen, erheblich mehr als jetzt, und hielt sie erst in solcher Zubereitung für lecker und fei». Billig waren die Gewürze zur damaligen Zeit nicht, und am allertvenigstcn der Pfeffer, wenn er auch nicht mehr solche schwindelnde Höhr wie zu Plinius Tagen erreichte, da er sogar mit Gold und Silber in gleichem Werte stand. Indem mau also die Gcivürze unter dem Sammelname» Pfeffer zusammenfaßte, lag die Absicht vor, treffend anzudeuten, daß sie teuer und Ivcscntlich für den Gourmand bestimmt feie». In Köln am Rhein wird denn auch der Feinschmecker schon seit alter Zeit mit dem Namen Pfesferlecker be- ehrt, eine Bezeichnung, die auch die Kinder anwenden, wen» sie umer sich ein Leckermaul hänseln ivollcn. Da der bewußte Näni- bcrgcr Kuchen ebenfalls recht lecker und reich an Gewürze» ist, so ist ihm zur scharfen Charakterificrmig. das Wort„Pcffer" schon früh- zeitig vorgesetzt worden. Nürnberger Pfefferkuchen war bereits im Mittelalter eine sehr geschätzte Näscherei. Mehrfach wird er in den alten Chronite» und sonstigen schriftlichen Ucberlicfcrungc» genannt. So sind in den Nachweisen über die Festlichkeiten im Februar 1100 siebe» Tafeln Pcsfer- oder Lebkuchen, die Tafel für ciiiundzwanzig Pfennig, auf- gezählt. Nürnbergs frühzeitige Leistuugsfähigkeit in der Herstellung von Pfefferkuchen ist erklärlich, wenn man beachtet, daß die Stadt sich durch ihre Handelsverbindungen die erforderlichen Gcivürze leicht beschaffen konnte und, was besonders ins Gelvicht fällt, einen Ueberslutz an Honig besaß. Honig ist ja ein Hauptbestandteil des Pfefferkuchens, daher der Name Honigkuchen nicht minder häusig als die beiden andren Bezeichnungen vorkommt. Honig bezogen die Nürnberger ans dem großen Rcichsivalde vor ihren Thoren, der ob seines süßen Segens urkundlich als„des heiligen römischen Reiches Bienciigartcn" benannt wurde. In den» Walde tricben.die Biciicnwirtc ihr Handiverk. Sic hießen„Zeidler", nach dem Zcitworte„zcidcln", unter dem das Schneiden der Honig- scheiden aus dem Bienenstocke verstanden wird. Anfänglich hatte man sich mir mit dem Ausbeuten der wilden Bienenschwärme befaßt, war aber, bald zu einem systematische» und sehr ergiebigen Betriebe der Waldbicnenzucht übergegangen. Auf den Waldordnungen cnt- standen große Dörfer, die Zeidcldörser, deren Zahl im Mittelalter siebemnidzwanzig betrug, und zu denen zwciundneunzig Zadel- guter gehörten. Wein, der Wald auch kaiserliches Eigentum>var und nur der Kaiser das Recht zum Zcidcln verlieh, so war den Rürn- bcrgcr» doch die beste Gelegenheit geboten, den schönsten Honig zu einem billigen Preise zu erlangen. Und nun möge ein altes Pfcfferkuchen-Rczcpt aus dem An- fange des achtzehnten Jahrhunderts folge». Es lautet wörtlich: „Nimm ein Pfund Zucker, zwey Pftmd Honig, laß es miteinander reden, mische Weihen- und Rocken-Mehl, so viel genug zu einem tarken Teige, darunter, thnc darunter fünf Loth Ingwer, vier Loth Zimmct, vier Loth Negeleiu, Muscatcn-Nüsse und langen Pfeffer. jedes zwei Loth, alles verstoßen, anderthalb Loth gantzcn Aniß, drucke es in Formen, backe es, und wenn es aus den Ofen kommt, bestreiche es mit Wasser." Ein andres Rezept aus ebenderselben Zeit empfiehlt neben da» Honig noch braunen Syrup, fügt ferner noch Cardemonen, zer- lchnittenen Citronat, zerstückte Mandeln»nd ein Lot Potaschc oder Wcinstein-Saltz" hinzu und hält sich ausschließlich an Weizenmehl, Wesentlich anders ist die Herstellung der Pfefferkuchen seit jenen Tagen nicht geworden; im Grunde genommen ist die Mischung noch immer dieselbe tvie vor Hunderten von Jahren.— Dem Pfesferkuchci, stehen an Geschmack und Ansehen am nächsten die„icderrheinischcn Printen; sie sind nur fester in der Masio und etwas dünner im Volumen. Ihr Name stimmt übcrein mit dem englischen„Print", das nicht, nur Druck und Abdruck, sondern auch Eindruck und Form bedeutet. Die Formen spielen bei den Printen eine hervorragende Rolle, wenigstens bei denen von Köln, wo man sie benutzt, um der Printe die Gestalt des hl. Nikolaus, des kinderfreundlichen Bischofs von Mira, zu geben, der an jedem fünften Dezember in der Nacht seinen Umgang hält, um die fleißigen Buben und Mädchen mit Näschereien, hingegen die faulen und un- gezogenen mit einer Rute zu bescheren. Der schon erwähnte Kölner Spekulatius ist ein mürbes, süßes Gebäck, das den Cakes ähnelt und in verschiedenen Formen verkauft wird. Seinen Namen trägt er vielleicht von dem lateinischen „speculor", englisch„to spcculate", weil man nachgrübeln muß, um die Figuren zu erkennen. Heilige Gestalten, Wickclkinder, Sterne, Hähne, Eber, Pferde, Steinböcke werden im Spekulatius mit Vorliebe nachgebildet. Von erheblichem Alter ist auch der Marzipan, der in Königs- berg seine vornehmste Pflege gefunden hat. Sein Vorkommen ist schon im Mittelalter nachweisbar. Aus dem Anfange des acht- zehnten Jahrhunderts lautet ein Rezept, Marzipan zu machen, wie folgt:„Auf ein Pfund Mandeln nimm ein Pfund Zucker, stoße die Mandeln gantz klein, und denn nimm den Zucker und die Mandeln, auch das Weiße bon Ehern, mache einen Teig daraus, formire was und wie Du es haben wilt, tnache einen Rand daran, und kneip es gantz krauß, trockne cS an der Lufft, so ist es recht." Und weiter heißt es über den„Goß auf die Marcipanen":„Nimm Eyerweiß so viel als Du wilt, schlagS mit einem kleinen Besgen erst recht wohl, und denn das Wässergen unter den Schaum genommen und Zucker, rühre es wobl unter einander, tbue ein wenig stark Mehl dran, so ist es recht."— GeorgBuß. Kleines feuületon. Tanzstunde.(Nachdruck verboten.) Die Zehnminutenpause ist zu Ende. Das Gaslicht, das zur Hälfte abgedreht getvefen ist, brennt nun init voller Flamme. Ter Klavierspieler zupft seine Krawatte znrecht und setzt sich mit einem Grinsen, daS ein paar wachsgelbe Zähne zeigt, bor sein Instrument. Ein garstiges Männchen, selten nüchtern, mit ungewöhnlich großen, horneingefahten Gläsern vor den Augen. Zuerst klimpert er mir einer Hand und präludiert hierauf pianissimo. Die Mädchen, welche Arm in Arm im Tanzsaale promeniert haben, nehmen ihre Plätze auf den mit Plüsch überzogenen Bänken ein. In der Mitte, unter dem Spiegel mit dem breiten Gold- rahmen, stoßen sich zwei kichernde Backfischlcin mit dem Ellbogen, um sich so auf irgend etwas riesig Interessantes aufmerksam zu machen. Die Blonde stopft sich hastig ein- Hand voll Zuckerln in den Mund, während Gusti ihr Lachen, so gut es oben geht, hinter dem Japnnfächer aus Papier zu verbergen sucht. Hihihi... hi... 's ist wirklich zu komisch... „Du Janni, die dumme GanS schau Dir nur an. Die schneuzt sich alle fünf Minuten, damit sie ibr neues Battisitaschentuch zeigen kann. Hehche... bihi..." „Na, die braucht sich nichts darauf einzubilden. Die hat uns gerade noch hier gefehlt." „Und was diese Person für eine Erctelsrisur bat, geradezu rtelhaft." „Und das Crcmcrleid! ist ihr auch viel zu kurz." Sie zloinkern sich mit den vor Schadenfreude blitzenden Augen verständnisinnig zu, schlenkern mit den Füßen und lachen. Das Fräulein im Crcmeklcid sitzt feierlich, wie bei einer Sonntagsprcdigt da.„WaZ nur diese blöden Fratzen fortwährend zu lachen haben," denkt sie.— Unter einem verstaubten Malartbouguct kauert ein nicht mehr junges Mädchen. Klein von Gestalt, hektisch rote Flecken auf den Wangen. Sie ha! eine blauschwarze Sammelbluse an, die sie äußerst unvorteilhaft kleidet, und ist viel zu sehr geschnürt.— Ob sie wieder den ganzen Abend hier hocken wird?— Sie möchte am liebsten weinen... Neben ihr hat sich die Mizzi niedergelassen, da?„Hausmeister- mizzerl", wie sie genannt wird. Ein Gesichtel, wie man cS den Porzellaupuppen inalt. Sie trägt ihr FirmungSklcid, das de- kollcticrt wurde und welches— bereits etwas zu eng— die für ihr Alter sehr entwickelten Formen reizend durchschimmern läßt. Mizzi summt ein Lied vor sick> hin. Tändelnd läßt sie dabei das Ende ihres Zopfes durch die Finger gleiten. Sie ist nicht im geringsten aufgeregt. Man wird sich wie immer um sie reißen, trotzdem sie ungeschickt ist... Tie beste Tänzerin von allen, das ist die dunkeläugige Srcffi. Sie ist neugierig, ob man endlich einmal die vierte Figur der Quadrille lernen wird... Tie Tanzmeisterin klatscht in die Hände.(Sie war früher Balletteuse. Ungefähr 4? Jahre alt, übermäßig gepudert, purpur- gefärbte Lippen, verstärkte Augenbrauen, viel falsches Haar.) Sic trägt einen kurzen fchwarzseidencn Rock und gelbe Sommerschuhe. Die„Damen" und„Herren" bilden einen Kreis um sie. Ihre Stimme klingt verschleimt:„Heute, meine Herrschaften, kommen tvcrcntniortl. Redakteur: Julius ttaltoki in Berlin.— Druck und Verlag: wir zur Polka Mazurka. Sie ist fast so wie die gewöhnliche Polka, nur ist hinter dem dritten Schritte allemal ein Sprung zu thun. Also:' eins— zw— ei— ci, dr— ei„,, hopsl Eins, zwei, drei» hops!.. Unwillkürlich beginnen ihre Schüler mitzuhüpfen: Eins, zwei» drei, hops! Eins,— zwei— drei— hops... Eins zwei, drei, hops... Sie probieren vorläufig jeder für sich selbst. ES geht schon. Bei den Mädchen rascher, bei den junge« Herren ettvaS langsamer.— Da fällt mit einem Male voll das Piano ein. Die Steffi tanzt mit dem Gymnasiasten, die Mizzi mit einem „Einjährigen" von den Jägern und die Fanni mit einem Praktikanten, Sie wollen— für einige Minuten tvcnigstens— alle heute abend selig werden. Alle, alle: die Betti, die Fanni, die Gusti, die Steffi und das Mizzerl, die Therese, die Bertha und Anna... alle... Nur eine, mit einer schtvarzblaucn Sammewlusc, die wird wieder mit der Lehrerin tanzen müssen.— Die Wangen glühen, der Atem jagt. Staub fliegt auf. SJfmt beginnt zu schwitzen. Dreimal wird schon die Mazurka wiederholt. Vergeben, sucht die Tanzmeisterin das Tempo zu mäßigen. Wie die Paare wirbeln! Sie sind ja alle so überglücklich! Und sie tanzen und tanzen.. Eins, zwei, drei, hops! Eins, zwei, drei, Hop-Z... Eugen Schick. Humoristisches. — Gaunerei.„Was I Sie gehören dem Temperenzler- Verein an und trinken solch' ne Menge Bier?" „Wissen S', im Vertrauen, mir hat's der Vorstand erlaubt... wenn d' Leut' an' dicken Temperenzler sehgcn, nacha treten S' lieber bei."— — Raffiniert. A.:„Warum lassen Sie denn Ihre Mandanten immer im Schaukelstuhl Platz nehmen?" Rechtsanwalt:„Das thue ich deswegen: so lang mein Mandant die Wahrheit spricht, sitzt er ruhig und der Stuhl steht still: fängt er aber an zu lügen, so wird er unruhig und dann schaukelt der Stuhl."— — Naheliegend. Dame(dem Vogelhändler den Papagei zurückbringend):„Sie haben mich da mit dem Vogel schön angeführt: er spricht ja gar nicht!" Vogelhändler(beleidigt):„Na, Sie werden ihn halt nicht zu Wort kommen lassen!"—(„Meggcndorfer Blätter".) Notize«. — Max DretzcrS neue Bühnendichtung„Venns Am a- thusia" ist vom Schauspielhaus zur Aufführung erworbe» worden.— — Ferdinand v. S a a r S VolkSschauspicl„Eine Wohl- t h a t" hatte bei der Ausführung im Wiener Burgtheater nur einen mäßigen Erfolg.— — Siegfried Wagners Oper„Der Kobold" wird im Januar im Hamburger Stadttheater, nicht, wie es erst hieß, im Leipziger Stadtthcater, die Erstaufführung erleben.— t. Der Pariser Chemiker Henri M o i s s a n hat gemeinsam mit einem Fachgenossen ein neues Mittel zur Gewinnung von Argon gefunden. Das Gas ist in verhältnismäßig außer- ordentlich geringen Mengen in der Atmosphäre enthalten und hat wegen der Schwierigkeit der Gewinnung bisher noch nicht gründlich untersucht werden tonnen. Moiffan zieht e? aus der Luft, indem er sie durch ein rotglühendes Rohr durch Kupfcrspiralcn streichen läßt. Dabei wird der Sauerstcff der Luft verzehrt, und das austretende Gas besteht aus Stickstoff und Argon. Der Stickstoff wird dann zum größten Teil durch eine Mischung von Magnesium und Kalk be- seitigt, der Rest durch Calcium, daS vis zur Rotglut erhitzt ist. Auf diesem Wege ist es möglich geworden, einen Liter Argon in einem Tage herzustellen.— — Eine Höhe v o n 18 00v Meter erstieg dieser Tage ein in Zürich aufgelassener unbemannter Ballon: die Registtier- axparate zeigten eine Temperatur von b8 Grad unter Null.— — AuS Wladiwostok wird russischen Blättern geschrieben: Der Kamtschatkabiber ist so selten geworden, daß in diesem Jahre mtker den auS dem Norden des Küstengebietes in Wladiwostok ein- getroffenen Pelzwaren nur neun Biberfelle.waren. Auf einer Auktion, die im September in Pettopawlowsk stattfand, wurden fünf Biber- felle für je 1000 Rubel verkauft, während noch vor fünf Jahren der Preis solcher Felle 300 Rubel bettug. Jetzt ist der Kamtschatkabiber fast nur noch am Kap Lopatka zu finden.— — Sein Verhältnis. Aus einem Artikel über Max Licbermann:„Als ihn(Liebermann) einmal ein bekannter Mäcen fragte, warum er denn in einem Jahre so wenig fertige Bilder produziere, warum er nicht dies und das male, da er ja schöne Preise für seine Arbeiten erzielte, antwortete Licbermann— und der ganze Mensch und das Wesen seiner Kunst drückt sich in de» Antwort aus—:„Wissen Sie, lieber Herr, ich bin nicht mit der Kunst verheiratet. Ich habe ein Verhältnis mit ihr."—_ Vorwärts Buckdruckerei und VerlagSanstall Paul Singer& Co., Berlin 3W