Nnterhattungsblatt des Horwärts Nr. 248. Sonntag, den 20. Dezember. 1903 (Nlichdnick verboten.) Das Verbrechen des Hrztes, 2G1 Roman von I. H. R os it y. Autorisierte Ucbcrtragnng voit M. v. B e r t h o f. An denTagen, woPhilibertMarguerite nicht treffen konnte, nahm er zu einem besonderen Mittel Zuflucht, nm sie trotzdem zu sehen. Sein Besitz beherrschte die Gegend. Durch einen langen Durchstich konnte man das Sandsteingebätide. das die Dnfren.s bewohnten, überblicken. Mit seinem Fernglas, das er berufs- mäßig zu gebrauchen verstand, konnte er die kleinsten.Einzel- Heiken im Garten und aus der Wiese beobachten. Wenn Margucrite im Freien erschien und nicht gerade unter den Bäumen dahinging, war sie ihn? so nahe, als stünde sie a?lt seiner eignen Terrasse— umsomehr als er jenes durchdringende Auge hatte, ohne das die Bilder, die nian durch das Glas heranzieht, nicht sehr ivirksan? sind. So konnte er sie mit Muße beobachten und sich überzeugen, daß sie auch in der Einsamkeit ihren ganzen Zauber behielt. Er mußte seine Indiskretion sehr bald büßen. Fn weniger als zebn Tagen war Jean Philibert toll verliebt. Weit davon entfernt, sich dagegen zu wehren, that er noch eii? übriges dazu. Donzagucs gehörte zu jenen Männern, die, nicht damit zufrieden, der Liebe zu begegnen, ihr noch nach- jagen. Er machte sich aus den Gemütsbewegriugei? einen förmlichen Beruf und schreckte vor keinen Folgen zurück. Ihm bangte selbst nicht vor der Ehe. Reich an väterlichen? Erbe und a?? weiteren Aussichten, war es längst bei ihin beschlossene Sache, der Frage der Mitgift nur eine sehr geringe Bedeutung einzuräumen. Währei?d der vielen Shinden, die er auf seinem 'Observatorilim zubrachte, Prüfte er alle Möglichkeiten dds neue?? Abenteuers ui?d fand keine davon abschreckend. Wenn er eii?e Familie gründen sollte,?var es??icht herrlich, dieses entzückende Geschöpf zu dessei? Stammmuttcr z» machen? Jeai? Philibert schrieb sich die Straft zu, die Liebe jeder Frau zu erhalten, und vor allein die seiner eigne??. Er übersah seine Zukunft, er sah seine Jahre in einen?.beglückenden Hein? verfließen und ohne sich vollständig in diese?? Gedantei? ein- z?lleben, befaßte er sich doch geri???lit ih???. Jetzt hieß es also nur noch der Sache näher treten. Zunächst verließ er sich auf seinen eignen Spürsinn. Bei seinen zahlreichen Ausfliigen auf jungfräulichem Boden hatw er sich eine getvisse Fertigkeit im Sondieren angeeignet. Er folgte Marguerite, beobachtete ihre geheimen?l??d ofsei?ei? Wege.?i?id alles, was er sah, oi?thüllte ihm nur ei??e?i??sch?lldige. naive Existenz. Nur eines entging ihm, da er seine Besuche in Aulnettes stets am Nachmittag inachte: die Züsamnienk?ii?stc des jungen Mädchens?nit Herbeli??e. Er versuchte es auf sehr diskrete Weise, ihr de?? Hof g?? machen, stieß aber a?if ei??e so verblüffende Harmloftgkeit, daß er es sich gesagt sei?? ließ. Nun schl?lg er einen andren We- ein. Er wendete sich an Madame Montcaur, die ihm für ein erstes Verhör ganz geeig??et erschien. Mit lebhafte?? Farben schilderte er die verführerischen Eige??schaften des jungen Mädchc!?s. Sie gebrauchte Worte, die nur geeignet wäre??, dw Gefühle eines Verliebten?ioch z?? steigern. Die Worte Madeleines waren wohl lveiüger hochtrabend, dafür aber um so überzeugender. Sie s?ichte das Verhält?ik' DufrbneS zu ihrem Man?re ins rechte Licht z?? slelle??. Sie lobte den Vater??icht?veniger als die Tochter. Da sie die Gefühle Donzagues' erriet, betonte sie absichtlich die Abkunft von Du fröne lind räumte ihm ei>?eu Platz in ihrer eigne?? Ge- sellschaft ein. Philibert ivar jetzt?lberze?lgt, daß ein Ge??tlenia?l i?ui? ei?tscheide??d weiter gehe?? dürfte, und diese Ueberzcuguug er- höhte seine Leidei?fa>aft. Er kam jetzt noch häufiger aufs Schloß, trotz Herbelines zurückhaltenden Beneh?nc??s, das er übrigeils gar nicht?nerkte. Der Charakter des Doktors blieb ihm ebe??so rätselhaft lvie allen a??dren. Er hielt ih?? für eine?? schtveigsamcn Berufsmenschen, für einen Mann, den die kleine?? Ereignisse des täglichen Lebens gleichgiiltig ließen, sprach wenig mit ihm und belvies ihm eine gewisse Hochacht????g. Eii?es Nachmittags schritt Jeai? Philibert langsain durch die Magi?olien-Allee???? Park vo?? Aulnettes. Das Wetter war geivitterschwiil: du?lkles, silberrimfäumtes Gra?? stieg von? Westen herauf, u??d der Himmel zeigte???ir?ioch eine kleii?o Gruppe blauer J?iselchen. Dieses Wetter regte de?? Spazier- gänger sehr auf. Er atinete init Wollust den Das? der Bä?i!ne, er dachle an Marguerite D??fröne. Plötzlich sah er sie vor sich. In diesem grünlich-violette?? Schii?>i?:er hatte sie einen gai?z arißerordentliche?? Reiz. Sie näherte sich?i?it ihrem jringc??, elastischen Schritt,?nit einen? leichten Wiegen der Hüfte??; im»vechsclnde?? Licht schiene?? ihre Auge?? bald hell, bald d?ii?kel. Er blieb stehen, ohne ihr eii? Wort z?? sage??, aber schon ivar sie niit einen? leichte?? Gruß an ihm vorüber ?li?d verschwand iinmer uiehr hinter den Magnolien. Dieser Augei?blick war entscheidend. Wie der kleine. lockere Steii? die Lawine ii?s Rolle?? bri??gt, so hatte die Er- söheinung des j"ngc!? Mädchens alle iveiteren Bedenke?? in de?? Schlu>?d gestürzt. Philibert fühlte, daß sei?? Leben für ih?? keinen Reiz haben lviirde, we???? Marguerite es?iicht teilte. Er beschleunigte seilte?? Schritt,????? nach Aulnettes zu gelalige??, t»?d ivar ganch bewegt, als er vor de?? Talnen erschien. Er zögerte ilicht, das Gespräch a?if den ciiizigen Gegenstand hinzuleitc??, der ihn interessierte, und that es ohne alle?? Rückhalt. Madaine Monteaur zeigte sich iiberrascht, aber Riadelcine, die schon seit eii?igen Tage?? etlvaS Aehnliches erlvartctc, tialni? die Eröffnung ruhig entgegen. Sie war es a?lch, die zunächst antwortete? „Ich glaube, daß es ein Glück für unsre kleiile Frenndii? sein lvird; und für Sie auch," fügte sie niit einetn Läckieli? hiilzu.„Aber Sie lpisse??,»vir köniien Ihnen in gar keiner Eigenschaft eii?e Aiitivort geben." „O, doch!" entgegnete er lebhaft.„Ick? ivürde sogar zu l'°haupten ivagcn, daß alles von Ihne?? abhätigt. Nehmen Sie ineine Aiigelegenheit in Ihre Hand lind ich halte sie für entschieden." „Wir lviinschen ja inchts Besseres," antlvortete Madame Herbeline...Aber lvie ivollei? Sic das verstanden lvissen? Sollen wir mit Herr?? Diifröue oder niit Marglierite oder mit beiden sprechen?" „Ziiel'sr mit ihr." „Fürchten Sie liicht," warf Madame Motiteaur ein,„daß sie?ic?ch etivas z?? jung ist? Sie lvissen, das; sie eben erst sechzehn Jahre alt geivoroen ist— llnd ihr Vater hat ebenso wie lvir selbst gar nicht die Möglichkeit ins Auge gefaßt, vor vier Jahre?? a?? ihre Verheiratung z?? denken." Dieser Einwurf brachte Donzagues a?is der Fasstiug. Er lvt?ßte nichts andres zu antivorten als? „Sie scheint aber doch eine ausgezeichnete.stonstitution zu haben?" „Die hat sie auch," eiitgcgnete die alte Dame.„Aber sie ist i?ach nicht vollkoimnen. entlvickelt. Trotz ihrer schwarzen Äuge»? und Haare koinnit. Marguerite lvie die Mädche»? des' Nordens etivas. lailgsa??? in ihrein Wachstun? vorlvärts. Es iväre klug, tve?»? sie sich ietzt??och llicht verheiratete." Philibert machte eine Gcberdc der Enttäufchnng, sein Gesichtsansdrlick ivurde traurig. „Es gicbt vielleicht eii? Mittel, um alle Teile zu be- friedigen," fiel Madeleine ei?i.„Würden Sie eine lange Per- lobungszeit fürchten?" „Nein!" rief der junge Mann aufatniend.„Ich lvill ein Jahr, auch zwei Jahre ivarteu, wen?? es sei?? iniiß. wenn ick? ihr Versprechen mir habe. Ich glaube, daß sie der Treue fähig ist..." „Ich bi?? davon überzeugt," sagte Kestimint Madame Montcaur.„Sie ist ebenso lo?)al lvie ihr Vater und ist noch bestimmter. Wen?? sie etlvas verspricht, da???? hält sie es a?lch; lvelln sie einmal liebt, da???? wird ihr Herz liicht bald ab- we??dig!" „Ich will sie glücklich machen!" rief Doilzagtles voll Feuer.„Helfen Sie?nir, sprechen Sie für mich. Wenn Sie es ernstlich»volle??, da»??? wird sie ineine Fra?!." „Nun, rechnen Sie auf lins!" sagte Madeleine.„Wir werden alles thun, was in unsrer Macht steht." „Immer vormiSgcfetzt, daß Sie in den Aufschub willigen!" bestand Madame Monteaux. «Ich liefery mich Ihnen mit gebundenen Händen aus/' sagte er mit Wiwne. Als er gegangen war. sahen Madame Monteaux und ihre Tochter sich einige Zeit schweigend an. „Das ist ja wie ein Märchen!" sagte endlich die junge Frau.„Du weißt, wie mich das immer beunruhigt hat. Dieses Kind ist etwas unbedacht herausgezogen worden. Je mehr man für sie gethan hat, desto mehr ist nzan ihr schuldig. Diese Heirat wäre eine Rettung für sie." (Fortsetzung folgt.). (Nachdruck verboten.) 6emeinäeausscKul9-8it2img. Ein Bild aus dem Leben. Von Lina L c i d l. Schiver geärgert sitzt der Lehrer, der heute Abend wieder einmal seines Amtes als Gemeindcschreiber zu walten hat, vor dem alten- bedeckten Tisch. Ist es doch schon halb acht Uhr durch und noch immer läßt sich kein Ausschußmitglied blicken, obwohl die Sitzung schon für sieben Uhr angesagt war. Mißmutig blättert er in den vor ihm liegenden Schreibereien. „Das kann übrigens wieder lustig werden hcutl" meint er. Tic Sache Schuldhuber— das ist so tvas für die Großprügelbergcr." Draußen nähern sich Schritte, und lautes Reden wird ver- nchmbar.„Na endlich!" atmet der Lehrer auf. Der Albanöder, der Falterhofbauer, der zugleich Beigeordneter ist, und der.söachcnbcrgcr betreten gleichzeitig die Gemcindestube. „Grüaß Gott. Herr Lehrer I Ist uns ein tvengcrl spät worden heut." „Guten Abend I" Der Hacknmbcrger, dem der kurz angebundene Ton und die- unwilligen Blicke des Lehrers nicht entgangen sind, stößt den Albanödcr mit dem Ellbogen und lispelt ihm zu:„Du, der hat aber eine Grauten! Dem sind wir schon wieder z'lang ausbliebe» l" Ter Albanöder, der nicht besonders gut hört, scheint dies auch von anderen vorauszusetzen, denn ganz laut gicbt er zur Antwort: „Der kann grantig sein von mir ausl Ist. ja sonst auch noch niemand da. Wann ich dies vermeint' hätr', hätr' ich mir noch besser die Weil lassen mit dem Hergchn. Ist mir eh noch so nötig eingangcn daheim, daß ich g'mcint Hab. ich kann schier gar uit fort." Mit allen Anzeichen dcS Bedauerns über den unnötigen Zeit- Verlust läßt er sich dann auf eine der in der Nähe des Tisches stehenden schmalen Holzbänke nieder. Die beiden andern folge» seinem Beispiele. Räuspern und Husten, zwischen hindurch Ausspucke», wird vernehmbar.„Jetzt kommt der Ltohlgrubcr!" vermutet der Albanöder ganz richtig. Diesem ans dem Fuße folgt der Schlehbaucr, das würdige Gcmcindcobcrhaiipt. „So, jetzt bin ick» auch da beim Dasein!" führt er sich ei». „Na, dann kann's ja losgehen!" meint der Lehrer und trijft Anstalten, die Sitzung zu eröffnen. „Ist ja der jlcrschbaumcr noch nit dal" meint aber der Bürger- meister. Ach ja, richtig, das eine Ausschußmitglied fehlte noch. So sehr dies den Lehrer kränkte, so mußte er sich dock) noch weiter in Geduld fassen. Deirn so lange der hohe Rat noch nicht vollzählig war, so lange durfte er auch nicht beginnen. „Sitzt's Euch halt her da zu uus auf d' Bank!" lädt der Falter- Hofbauer die beiden Zuletztgekominencn ein, indem er selbst, Platz machend, bis ans obere Ende der Bank rückt.„Weil Ihr fürs Steh» auch nit besser zahlt werdet." Ein paar schwere, ungeduldige Seufzer zittern über den Tisch. „Geh, hau e. Pris Herl" fordert der Hachenbergcr den Kohl- gruber auf. Der will dem Wunsche nachkommen, sucht aber seine sämtlichen Taschen vergeblich nach dem Schnupftabak aus. Schließlich bedauert er:„Da kann ich Dir leider Gottes nit aushelfe» diesmal. Ich meinet, ich hält' incin Tabakglasl in der andern Hosen drin stecke» lassen, wie ich mich umgezogen Hab vorhin." That schon not, es extra hervorzuheben, daß anläßlich der Aus- schuß-Sitzung immer Klcidcrwcchsel vorgenommen wurde. Gemerkt hätte mau nichts davon. Der ganze Raum war erfüllt von einem eigentümlich beizenden Stallgcruch. Der Lehrer ging, das Fenster zu öffnen. Da atmete er doch noch lieber die Schulstubenluft ein; obwohl es da auch nicht immer gerade duftete. „Thut's zu lassen, thut'ö zu lassen I" wird ihm aber vom Faltcrhofbauern ängstlich gewehrt.„Geht ein wcngcrl ein Zugluft draußen, hent." „Aber der Kcrschbaumcr braucht wieder eine Läng', bis er herbeikommt!" ärgert sich der Bürgermeister und alle stimmen ihm lebhaft bei. Endlich, wenige Mnuien vor acht llhr, kommt der Säumige angetrappt. »Heut Hütt' ich mich bald ein wcngcrl vcrschautl" entschuldigt er sich und läßt sich ohne weiteres auf die Bank niederfallen.»Ist aber noch nix aus der Zeit, gelt nein?" „Nun, ich denke, daß es wahrlich nimmer zu früh ist, wenn wir einmal anfangen können I" meint der Lehrer, nimmt einen Bogen vom Tisch auf und beginnt vorzulesen: „Die Häuslerswitwc Margarata Schuld.. „Gelt, jetzt bin ich seit dem nimmer zu Dir kommen, daß ich Dich fragen Hütt' können: wie habts Euch denn nachher z'sam- g'strittcn neulich. Du und der Metzgernatzi? Wie viel hat er Dir denn geben für DeincnOchsen?" Trotz der wiederholten energischen Ruhestiftungsvcrsuche hatte mau den Vorlesenden unterbrochen und ein neues Gespräch ein- geleitet. Da dieses Thema natürlich viel interessanter war, als das. über welches sie zu verhandeln gekommen waren, so wurde es gierig aufgegriffen. In zuvorkommendster Weise gab der Bürgermeister. a» den die Ochsenftage gerichtet war, Auskunft:.Ick» Hab' ihn uit herlasscn um das bißl Geld. Dies tväre ja schier bald gar kein Gebot g'wcsc». das mir der Natzi für den Ochsen gemacht hat." „Recht hast than! Gieb ihn nur nit her um den nächst besten Schanderling I So muß man seine War' nit runtersetzen, weißt. Ein solches Prachtstück, wie Dein Ochs is, kannst allemal verkaufen und um einen richtigen Preis." „Sell mein ich auchl" stimmt der Falterhofbaucr unter bei- fälligem Kopfnicken zu. Dann srägt er, an alle gewendet:„Was ists denn, hat keiner nix innc worden, ob dem Mittermeir seine Stute schon a'worfen wird habe»?" „Jo," meldet sich der Kcrschbaumcr.„A Hengstl hat er kriegt, ein mentisch schöns. Ter Mittermeir hat mirs selber erzählt. Drei Tag ists jetzt alt." „Na— a sool" wundert sich der Kohlgrnber.„Da wirds bei meiner Bläß auch nimmer lang währen nachher, bis sie kälbert." „Wie wird's denn der Schmidbaucm-Ahnl gehn? Die soll ja gar so elendig beinandcr sei», seit ein paar Tagen," fällt da einem ein, Nun Ivird's dem Lehrer aber doch zu bunt. „Zum Donnerwetter I" fährt er dazwischen.„Entlveder wir kommen zur Sache, oder ich gehe einfach weg. Ich habe noch mehr zu thun heute." „Freilich, freilichl" beschwichtigt der Bürgermeister.„Gleich fangen wir a» jetzt, gleich auf der Stell' I" Und sich in Positur setzend:„Also Männer, thur's es derweil gut sein lassen mit Euern« „Tischkurs". Ties iönnts darnach auch wieder ausschwatze». Jetzt haben wir Sitzung. Z'tvcgcn der Schuldhuber RoSl ihrem ledigen Kind handelt es sich. Habt» vielleicht eh schon ein Wissen drum?" Ein paar Bauern brummen„Mhml" während die andern ver- ncinend de» Kopf schütteln. „Also, nachher thiit'S halt recht fleißig aufpassen ans dies, lvaZ Euch jetzt fürg'lcsen wird!" Nach mehrmaligem, einleitendem Räuspern liest der Lehrer kaut vor:„Tic Häuslerswitwe Margareta Schuldhuber erschien vor wenige» Tagen beim hiesigen(ilemeindevorstand und gab dortsclbst zur Kenntnis, daß sie wegen der zeitraubenden Pflege ihres Enkels Zcphcrin, des illegitimen Sohnes ihrer seit acht Monaten in der Krcis-Jrrenanstalt untergebrachten Tochter Rosalia, nicht mehr in der Lage sei. sich wie bisher ihr Brot zu verdienen, nock? viel Ivcnigcr für die Erziehnngskosten des Kindes aufkommen zu können. Die Margareta Schuldhuber stellt deshalb a» die Gemeinde Großprügel- berg das Ansuchen, ihr einen jährlichen Zuschuß von fünfzig Mark gewähren zu»vollen. Sollte dieser ihrer Bitte nicht nachgegeben werden, so sähe sie sich gezwungen, das Kind wegzugeben und sämt- lichc Erziehungskostcn der Gemeinde aufzubürden." „A soo war die g'sottcnl" Ter Hache nberger schnellt von der Bank ans.„Ein Geld möcht sie gar haben? Weil unsre G'man eh noch keine Lasten und keine Zahlungen hat mit dem Häuslg'schlamp aufeinander! Wie lang ist'S denn her jetzt? Vier Wochen mit Hundsschanden, daß wir bare 125 Mark an die Narrenhaus- Verwaltung g'schickt haben als Kostgeld für die Rosl. Und jetzt dürften wir gar für ihren Bangert auch noch zahlen! Die kam mir in mein'» Magen, diel" „Und fünfzig Mark möcht' sie gleich haben!" sekundiert der Falterhofbaucr.„Ich ließ mirs noch g'fallc». wenn sie grab' zlvanzig begehren that." „Ja, meinst leicht Tu, daß wir der zwanzig Mark geben?" schreit der Albanöder.„Möcht wissen, für was? Etwa, daß sie ihren faulen Körper nir abzuriegeln braucht? Da wär's ein Leichtes, wenn eins sonst nix z' thun brauchet, als wie den ganzen Tag für einen solchen Bammcrliug hinsitze». Sell glaub' ich schon, daß ihn dies g'fallcn thät, der Schuldhuberin. Die scheut eh d' Arbeit, als wie der Teufel den Weihbruniien." „Jetzt hast eS einmal erraten! Arbeitsscheu ist siel" bestätigt der Hachenbergcr. Da Hab ich Zeugen und Beweis dafür. Was meints denn, daß meine Bäuerin für eine Antwort kriegt hat der- selm, lote sie g'meint hat, die alt' Schuldhuberin sollt' auf ein paar Tag zu uns kommen zum Erdäpfel klauben?"� Wie alle gespannt aufhorchen, äfft er eiiie krächzende Weiber» stimme nach:„Ich lhät ja von Herzen gern kommen, Hachenbcrgerin» aber ich kann ja nit von meinem Zepherinerl tvrg, schau!" Alle, mit Ausnahme des Lehrers, lachen. „Und einer solchen soll man noch was zahlen auch? Einer solchen, die frei stinkt vor lauter Faulsein? Dies war doch schon eine himmelschreiende Sünd, was solches!" „Als wie ivciin sie den Bangert nit diermal einen Tag allein laffen könnt l DttiffcnS andre Lent' auch ffjuti. W!e viele müssen nit ihre Kinder einsperren daheim und müssen ans d' Arbeit fortgehnl" „Hast recht! Hundert mal für einmal kommt dies vor. Mutz sich eins halt auch richten danach. Bei unserm Häuölweib ist gleich so. Tie richt' dem kleinen Kind allemal noch einen mordsgrotzen Brotschnuller her, bevor sie fortgeht, da hat eS nachher den ganzen Tag durchi was zum suzeln. Wmms diermal auch ein tmngerl schreit, z'mcgen dem halber ist's noch gar lang nit aus. Hört schon wieder auf, wenn es sich genug plärrt hat!" Unruhig rückt der Lehrer auf seinem Stuhle hin und her. „Zur Lache,- wenn ich bitten darf! Zur Sache! Derlei Weit- schweifigkciten haben doch nicht den mindesten Zweck!" «Was geht denn dies Euch an?" fällt der Kohlgrubcr ihm grob in die Rede.„Wer mutz denn das Geld hergeben, Ihr oder wir? Und z'tvcgcn waS sind wir denn sonst beinander heut, als datz loir die Lach ausschwatzen-, wie es der Brauch ist? Aber der G'moa- schreibcr har da nix dreinz'redcn, verstanden?" „Stader ein wengcrl, Kohlgrubcr, stadcr ein wengerll" bc- schlvichtigt der Bürgermeister.„Kannst es ja auf eine manierliche Art auch sagen, wannst positiv meinst, datz Tu an was einen An- stand findest. Ta mutz man nit gleich allemal eine solche Gröbert haben! A bihl drandeuken, wem eins vor seiner hat, weißt!" „Ta sollt man noch lang umschneiden auch müssen!" meint der Zurechtgewiesene mürrisch einlenkend,„'s Maul auf, oder den Beutel auf! Und ick, zahl einnial nix für die alt' Trud,— ich nit!" „Ich auch nit!" „Und ich erst recht nit! Kein Fünferl kriegt sie mir nit!" „Ja. wann die andern nix zahlen, nachher g'frcuts mich auch nit, datz ich was hergib," läßt sich nun der Kcrschbaumer vernehmen, Iii- sich bis jetzt so ziemlich passiv verhalten hatte. „Wer, Leute, so nehmt doch nur Vernunft an!" Trotzdem es in ihm wegen der groben Abfertigung noch kochte, konnte der Lehrer sich nicht enthalten, für die arme Alte einzutreten.„Ihr werdet doch nicht glauben, daß jemand andrer das Kind umsonst zu sich nimmt? Ich meine, die alte, schwache Person müßte sich die er- betenen fünfzig Mark sauer genug verdienen. Und vielleicht thut die Schuldhuberin sogar noch ein übriges und gicbt sich lieber mit Iveniger zufrieden, als datz sie das Kind hcrlätzt. So viel ich weiß. hängt sie mit Leib und Seele an dem Zepherin. Latzt Euch dock, das arme Kind erbarmen!" fährt er dringlicher fort.„Nirgends sonst würde es eine gleich sorgfältige Pflege finden." „Jetzt schauts mir nit den an!" spöttelt der Kohlgrubcr.„Eine Pfleg' müht der Bangert gar haben, eine Pfleg' l— Und eine sorgfältige auch noch! Hahahal Datz ich nit rutsch!" „Dn sollst einen Fried' geben jetzt!" Streng verweisend sieht der Bürgermeister den Krakehler au.«Für heut hast Dein Maul schon weit genug ausg' rissen." „Aber in dem Fach, da mutz ich ihm recht gebe», dem Kohl- grnber," nimmt der Hachenberger diesen in«chutz.„Was haben denn uns-rc Kinder leicht für eine Pfleg'? Sagr's es nur grad selber! Eine ganze Woche kommt kcinS auf einen Ann nauf, zwegeu dem halber kricgens doch große Schädeln her." „Mordsgrotzc auch noch!" „Also— nachher sind wir ja schon wieder bcinander auch!" fällt der Kohlgrubcr triumphierend ein.„Was anders Hab' ich ja eh nit g'meint, als datz dies eine ganz unnötige Ausgab' wär', ivenn wir für die Pfleg' was zahlen thäten. Rein ein»aus- gschmitznes Geld wär's, dies. Und was das andre anbelangt, für die Kost und die Gewandung, da schätz' ich, datz fünfzehn, zwanzig Mark Sach genug sind im Jahr." „Zu tot genug ist's!" Ter Kerschbanmer zweifelt jedoch.„Ist doch schier ein bitzl wenig genug," mcint er. Der Kohlgruber läßt ihn aber gar nicht lang zu Worte kommen. ..War' schon schön!" schnauzt er ihn ab.„Was frißt denn ein solcher Daundcrling leicht schon? Nit recht viel mehr wie eine Flieg'n. Und mit der G'wandung, da rcitzr's auch den Haufen»och»it naus. Die etlichen Hadern, die so ein Bamtz braucht I Da wenn eins einen alten Kittel z'reitzt oder ein schwitziges Bctttuch. nachhcr tricgt'S eh so viel Windel» draus, datz es das Kind ein ganzes Jahr lang ncinwickcln kann drein." Der Hachenbcrgcr nickte diesen Ausführungen wohlgefällig zu: „Recht hast, Kohlgruber, vollkommen rcchtl Mehr wie zwanzig Mark zahle» wir justcment nit. und wann sie noch wohlfeiler hergeht die G'schicht—»a ja, nachher ist's eh g'scheiter." „Jetzt wär' ich aber samt dem selber auch schon bald froh, lvcnn die Sach' ein End' nähm'I" schimpft der Bürgermeister.„Tics ist ja zum Davonlaufen hergerichtet was solches I" Von ganzem Herzen stimmte der Lehrer in diese letztere An- sicht mit ein. „Jetzt mutz ich grad auch noch g'schwind ein Wörtl drein- schwatzen!" meldete der Faltcrhofbaucr sich nun zunt Wort.„Habens alleweil eine Lamentation und eine Streiterei über das viele Zahlen und schmeißen das Geld dock) haufcnwcis naus!" „Was?"„Wie?"„Wer schmeißt o Geld autzi?" „Ihr thut est Die Gmoa thm'Sl Oder ist etwa dies nit die reinst Verschwendung, datz Ihr für die Schuldhuber Rosl so viel zahlt? Für was denn? Meint's leicht Ihr, datz die g'scheit narrisch ist? Seid's dumm genug, lvenn Ihr dies glaubt! Stellen thut sie sich grad so, dmnit datz sie in der Anstalt drin bleiben kann. Versteht sich, hat ja das schönst' Machen drin! Gut?' essen und gut z' trinken und keine Arbeit haben dabei! Ties ist der grad ein g'mähtcs Wiesel." „Herr, verzeihe ihnen, sie wissen nicht, was sie reden!" seufzt der Lehrer. Verstellen sollte das arme Mädchen sich! Das über den Schurkenstreich ihres Geliebten, eines reichen Bauernsohnes. oder vielmehr über die rücksichtslose Art und Weise, in der ihr die traurige Thatsache mitgeteilt wurde, urplötzlich den Verstand vcr- loren hatte. Nach Amerika war er durchgebrannt, der Schuft, und hatte sich so mit einem Schlage seiner Vater- und Alimentations- pflichten zu entziehen gewußt. Auf des Lehrers Betreiben ist die Rosl dann vor etwa acht Monaten in der Krcis-Jrrenanstalt unter- gebracht worden.— „Könnt's leicht recht haben, mit dem, was Du g'sagt hast I"■ meint der Hachenbcrger nachdenklich.„Wann die Rosl auch ein solches faules Trum ist, wie ihre Mutter, nachher wird's schon stimmen. Na wart', derer helfen wir schon für ihre Krankheit! Die thun wir einfach wieder raus aus der Anstalt. Da kann sie an einen Ort in Dienst einstchn und wir legen ihr sofort Beschlag auf den Lohn. Da ist der Katz gleich g'streut nachher! Ist doch ganz ivas anders dies, als wie wann wir alleweil brav zahlen müssen." „Heijoh! Autza mutz sie— gleich auf der Stell niutz sie autzal" „Ties ist a Schlvatz, der keine Heimat hat!" winkt der Bürger- nieister den Durcheinairderschrcienden, ab.„Die Rosl ist narrisch und bleibt narrisch, da braucht'S Euch gar nit lang' aufz'haltcn drüber. Und wami's wirklich so wär', wie Ihr Euch einbildet, wann sie wirklich nit„g'scheit" narrisch wär', nachher müßten wir sie erst recht drin lassen im Narrenhaus. Denn grad dieselb'n, die keine ausg'machten Narren sind, die grad so a bitzl annarrisch sind, die sind ani allermeisten zum scheuen. Die stifte» das allermchrste Unheil an. Anzünden thun, sie, d'Leut' bringen sie mn..." „Ah soo meinst?" fragt der Hachenbcrger staunend, überwältigt von des Bürgermeisters Weisheit.„Da müssen wir sie freilich drin lassen nachher. Da wär' eins ja sein eignes Leben nit sicher..." „Also— um wieder zur Sache zu kommen: wie verhält es sich denn eigentlich mit dem Kind?" verschafft der Lehrer sich mit dröhnender Stimme Gehör.„Fünfzehn, zwanzig Mark wollt Ihr an die Witwe Schuldhuber zahlen, so viel ich vorhin verstanden habe? Ter Kvhlgncher nannte diese Summe, wenn ich recht gehört habe." „Wer? Ich?" fährt der auf.„Ich? Da werdet Ihr Euch irren!" „Ihr sagtet doch von fünfzehn bis zwanzig Mark, welche Ihr für Kost und Kleidung ansetzen wolltet?" „Für Kost und G'wandung. ja, dicS Hab' ich g'sagt.'Aber dies Hab' ich nit g'sagt, datz dies Geld die alt' Schuldhuberin in d' Händ' kriegt! Fürs Kind wird dies zahlt, verstanden, aber nit ftir das alt' Fegciscn l Die kriegt mir kein Fünfcrl z' Gesicht, die..." „Keinen roten Heller geben wir der!" „Na, jetzt fangt's nur nit wieder aufS neue das Streiten an,"- beschwichtigt der Bürgermeister.„Da müssen wir ihr halt den Zepherin nehmen nachher und müssen schauen, datz wir ihn wo anders unterbringen." „Wird sich kaum anders nmis gchn, ja!" „Da mutz ich ihn aber hellauf versteigern lassen auf der G'moa. Wer daS geringste Angebot macht, der kann ihn haben. Oder ivillst ihn Tu hau,.Hachenberger? Du kannst umgchn mit solchen Sachen. hast schon einmal ein Kostkind aufzogen, so viel mir erinnerlich ist." „Ich nit, ich!" wehrt der Hachenbcrger mit beiden Händen ab. „Ich lvill ihn nit, den Bamtzcn, pfüat Dich Gott, neinl Um die ganz' Welt thnt' ich mir kein solches Kreuz nimmer auf. Wenn ich noch z'ruckdenk', was ich mit der Flickschneider Nanni ihren Kaspert alles ausg'standen hab'l Meine Bäuerin, die hat keinen g'scheitcn Kochlöffel und keinen ganzen Besenstiel nimmer im Haus g'habt. Allessamt haben Ivir abg'schlagcn, an dem Büsfclkopf. an dem elendigen. Und wie er nachher ein wengcrl handsamcr worden wär' dahin, wie ich ihn ein bitzl zu der Arbeit brauchen Hütt' könne», da ist er nachher auf und davon, der Malefizkerl, der verächtlich'!'" „Kein Wunder, bei einer solchen Behandlung I" entrüstet sich der Lehrer. „Jetzt mutz sich der auch seinen Schnabel nochmal wetze» P brüllt der Kohlgruber ihn a».„Was vcrsiehbs denn Ihr davon, wia die ledigen Kinder behandelt werden müssen? Ich sag's halt alleweil..." „Ja. ja, es ist schon recht, wir Wissens schon!" schneidet der Bürgermeister ihm das Wort ab. Und zu den Uebrigen sagt er: „Ich mein, wir inachen Feierabend für hcutl Wir allein können da dock) nix Gewisses ausmachen, da mutz alleweil die ganz' G'moa einberufen werden." „Freilich, da muß die ganz G'moa z'sanlm'kommenl" „Nachher schieben wir ab jetzt." „Gehn wir heim, ja." „Ich mein, ich geh'»och ein wcngerl zum Wirt rini." Mit eilige» Schritten trachtet der Kcrschbaumer hinaus. „Schau, laß Dir ein wengcrl die Weil, ich geh' auch mit DirP mcint der Albanöder. „Guatc Nacht! Guatc Nacht! Pfüat Gott bcinander!" „So, jetzt wünsch' ich Euch halt eine recht gnate, g'ruhsame Nacht!" Der Bürgermeister verabschiedet sich als Letzter. Er reicht dem Lehrer die Hand.„Und nix für unguat, gelt nein? Ta geht'S halt allemal ein wenaerl bitzia her bei einem solchen G'schäkt." „Mite Nacht. Herr Bürgermeister!—" Weit, weit öffnet der Lehrer die Fenster. �. „Gott sei Dank, für diesmal hätten wir's hinter uns! Freuen wir uns auf die nächste Sitzung!"... kleines feuilleton. e. k. Ostpreußische Weihuachts- und Neujahrsgebränche. In seinen„Jugenderinnerungen" kommt Ludwig Passarge auf einige Volksgebräuche, die damals und zum Teil noch heute im Ost- preußischen lebendig sind, zu sprechen. In Wolittnick(bei Königs- bergt erschienen am Weihnachtsabend der hl. Christ, welcher die trägen Spinnerinnen kräftig durchprügelte, und die hl. drei Könige mit einem sich drehenden Stent: am häufigsten aber Jungen mit einem Brummtopf, einem kleinen Fasse, daran sich ein Strang von Pferde- haaren befand, welche nastgemacht und, mit der Hand gestrichen, kräftig brummten. Dabei fangen sie ihre Wünsche, z. B.: Wir wünschen dem Herrn einen goldenen Tisch, Aus allen vier Ecken gebrätelten Fisch. Wir wünschen dem Herrn eine Kanne mit Wein, Aus daß der Herr kann lustig sein. Wir wünschen der Frau einen goldenen Thron Und überS Jahr einen jungen Sohn. Sehr gefürchtet lvar am Neujahrsabend der NeujahrSbock, bei welchem einer der Knechte mit geschlvärztem Gesicht und einem sehr reellen Kantschn steckte. Seine Ankunft erweckte stets eilten all- gemeinen Aufruhr der Mägde, denn auf diese war es in erster Reihe abgesehen. Die Kinder„griffen(wie auch noch heute) nach Glück", welches unter verdeckten Tellern in folgenden Gestalten auftrat: Himmelsleiter, Totenkopf, Kind, Wiege, Schlüssel, Brot, Geld, Glück usw. Um in die Zuktinft zu blicken, setzte sich die Magd ans den Boden und Ivarf den Pantoffel(„Schlorren") des rechten Fußes rück- wärts über den Kopf. War die Spitze der Werfenden zugclvendet, so blieb sie im Hause, timgekehrt nicht. Wollte die Neugierige den„Zukünftigen" erraten, so setzte sie sich nachts zwischen elf und zwölf Uhr auf einen Stuhl und stellte eineti andern daneben, damit der„Zukünftige" darauf Platz nehme. Oder sie schaute, ein Licht in der Hand haltend, in den Ofen, der ja be- kanntlich auch in den Märchen eine nicht kleine Rolle spielt. Weniger harmlos war das sogenannte„Rosemock-Jagen". Ein Nichtwissender wurde unten an die Bodentreppe mit einem großen Getreidesack gestellt, um den„Rosemock" aufzufangett. Indem er so gespannt auf denselben lvartete, wurde er von oben mit eiitem Eimer Wasser begossen. Ganz unschuldig war das sogenannte„Bleigießen": ferner daS „Häckselche-Pusten", welches darin bestand, daß ein jeder der Teil- nehmer. ivelche rings um einen Tisch saßen, in eilten Haufen Häcksel einen Pfennig warf. In dem Häufchen, welches sodann jeder Mt- spielende zugeteilt erhielt, suchte dieser durch Fortpusten des Häcksels zu crinitteln, ob darin Geld vorhanden oder nicht. Der Inhalt war dann sein Gewinn. Beim„Mehlchenschneiden" Ivttrde ein auf einem Teller auf- gestülptes Häufchen Mehl, nach der Reihe, solange aitgeschnitten, bis eine oben eingesteckte Münze herabfiel. Derjenige, bei welchem dieses geschah, hatte die Aufgabe, die Münze mit dem Munde aus dem Mehl herausztmehmen.— Kulturgeschichtliches. — Ein schweizerisches Sittengesetz aus dem Jahre 180 3. Die„Kölnische Zeitung" schreibt: Vor hundert Jahren, kurz nachdem die sogenannte helvetische Confulta die von Bonaparte entworfene Mcdiationsakte angenommen hatte, erließ der Kleine Rat von Luzern ein 24 Artikel umfassendes neues Sitten- gesetz, das am 11. November 1803 in den katholischen Kirchen ver- lesen wurde und lvorin es tu a. heißt: Ein nicht verheirateter Ntann, der zum erstenmal Vater wird, hat, wenn er nicht über 3000 Fr. Vermögen besitzt, 32 Fr. Strafe zu zahlen: besitzt er mehr, so beträgt die Strafe 04—210 Fr. Bei jedem Rückfall wird die Strafe verdoppelt: für die Mutter beträgt sie in allen Fällen die Hälfte. Der Ehebrecher hat zum erstenmal das Doppelte der Strafe zu( bezahlen, die für ein von unverheirateten Personen stammendes Kind zu erlegen ist, zum zweitenmal daS Dreifache, zum drittenmal daS Vierfache usw. Um öffentliches Aergentis zu vermeiden, sollen die vorerwähnten Vergehen soweit ivie möglich geheim gehalten tverden. JedeS schwangere Mädchen hat persönlich oder durch einen Bevollmächtigten dem Polizei- Präsidenten eine Erklärung abzugeben, worüber es eine Bescheinigung erhält. Wer ein uneheliches Kind außerhalb seiner Gemeinde unter- bringen will, bat hierzu die Erlaubnis des Kleinen Rates einzuholen, der sich vor deren Erteilung vergeloissern soll, ob das Kind in katholischer Gegend erzogen wird.— Aus dem Pflanzenleben. — Eine lebende Fontäne. Im Jahre 1672 schrieb der Botaniker I. Muntingh von der Zimmerpflanze Colocasia anti- guoinun sDütenblume), daß sie des Nachts durch ihre Blätter Wasser ausspritze, wenn die Blätter halb offen und noch aufgerollt sind. „Das Wasser strömt in einem Bogen wie eine Fontane aus, so dünn und fein als ein Haupthaar, jedoch so, daß ein williger und aufmerksamer Beobachter eS sehen und seine Hand darunter- haltend, sich überzeugen kann, daß sie von einem reinen Wasser naß wird. Wenn die Blätter ganz offen sind, nimmt diese 5kraft ab, und sie geben dann aus den Blattspitzen ganze Wassertropfen, so klar wie Krystall, welche auf die Erde fallen und sie befeuchten...."„Dieses Wunder der Natur", fährt er fort, „tvird dem gefälligen Leser nicht nur sonderbar, sondern vielleicht unglaublich erscheinen, obgleich die Sache ivahrhaflig und un- bezweifelbar ist und auch oft von ehrlichen und vortrefflichen Leuten in meinem Garten gesehen und mit Erstaunen anerkannt ist, wenn ich ihnen dieselbe zeigte." Thatsächlich Wurde diese so anschaulich beschriebene seltsame Er- scheinung viel bezweifelt und da sie nicht wieder beobachtet wurde, auch ganz geleugnet. Vor kurzem aber Wurden die Angaben Mun- tinghs wieder in ihre Rechte eingesetzt und von Professor Hans Molisch vollinhaltlich bestätigt. Demnach findet au den jungen, ein- gerollten Blättern der Colocäsien und verwandter Blattpflanzen thai- sächlich unter günstigen Umständen ein ständiges Emporschlendern kleiner Waffertröpfchen statt(in der Minnute bis zu 190 Tröpfchen l). was eine wahre, kleine Fontäne vortäuscht. Am intensivsten arbeitet dieser lebende Springbrunnen des Nachts tntd an trüben Tagen, um bei Sonnenschein fast ganz zu versiegen. Schon dies deutete darauf hin, was durch die Untersuchung bestätigt Wurde, daß die Wasserabscheidung nicht? als ein sehr lebhafter TranspirationSvorgaug ist. Nicht geklärt dagegen ist eS noch, warum die Ausspritzung der Tröpfchen in Intervallen erfolgt, obwohl die Ansicht von Molisch, daß dabei der bei dem Austritt deS Wassers sich geltend machende kapillare Widerstand in den Wasserspalten eine Rolle spielt, viel Wahrscheinlichkeit für sich hat. Dies hübsche Phänomen läßt sich bei GlaShausexemplaren att Regentagen sehr leicht beobachten und es ist nur verwunderlich, daß es so lange bezweifelt werden konnte.— („Umschau.") Humoristisches. — Marktweiber-Jux. Junge verheiratete Frau (die zum erstenmal auf den Markt geht):„Ist das aber auch ein Weibchen, liebe Frau? Ich möchte meinem Manne heute eine Rognerfattee machen!' F i schh ä u d ler in:„Natürli', gnä' Frau— dces sch'n S' doch an dem lieben G' s i ch t e r l!"— — SSor Übung. Dorf b ade r(zum Lehrbuben): „Jockel, zieh' mir d' Stiefel aus, damit Du auch allmählich's Z a h n z i e h' n lernst!"— — Seine Ansicht. Bauern Wirt(bei dem ein jtmgeS Ehepaar eingekehrt ist):„Die ganzen Knödel haben s' auf- gegessen... nä, das ist auch nur eine V c r it u it f t h e i r a t gewesen!"—(„Fliegende Blätter.") Notizen. — Einen Preis von 3000 Mark schreibt der Verlag der „Hamburger Nachrichten" für eine Erzählung aus, die in Nie dersachsen spielt. Letzter EinliefertuigStermin ist der 1. Juli 1904.— — Vom Verlag Dr. I, Marchlewski u. Co., München, ist unS zugegangen:„Die Doktorsfamilie im hohen Norde n", ein Buch für die Jugend von A. Gjems-Selmer. Mit einer Um- schlagszeichnung von Willy Schwarz. Preis gebunden 2 M.— — Ernst von Wildenbruchs neues Bühnenstück„Der unsterbliche Felix" ist auch vom Wiener Bnrgtheater zur Aufführung angenommen worden.— — H tt m p e r d i tt ck s Oper„Hansel und G r e t e l" wird nächstens neuinsceniert tntd neuausgestattet im O p e r n h a u s e gegeben werden. Die neuen Dekorationen iverden im Hoftheater- Atelier von HanS Kautski gemalt.— — Raucheneggcrs Oper„Zlatorog" fand bei der Erstaufführung im Elberfelder Stadttheatcr eine gute Aufnahme.— — Eine neue dreiakttge Operette von Franz Lchar„Der Göttergatte" wird noch in diesem Winter im Wiener Karl- Theater die Erstaufführung erleben.— — DaS Defizit des PensionSfonds der Wiener Hofoper hat jetzt rund 473000 Kronen erreicht.— — Der„ D e ti t s ch e 51 ü n st l e r b u n d" in Weimar hat Graf Kalkrenth zum Präsidenten und Klinger, Liebermann, v. Uhde und Graf Harry Keßler als Vicepräsidenten gewählt.— — Die Meldung der„Münchener Neuesten Nachrichten", daß an der Münchener Akademie dieKnrse wegen fehlender Modellgelder vorzeitig geschlossen werdet: mußten, ertveist sich als falsch. Der bayrische Landtag hat im vorigen Jahre alle geforderten Mittel im vollen Umfange von 28 000 M. genehmigt.— c. Der„Obelisk des Mont Pelöe" ist jetzt in dem Lavakegel verschwunden, der sich um ihn gebildet hat.— Verantwottl. Redakteur: Julius Kaliski in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buckdrttckerei und Verlagsanstalt Paul Singer& Co., Berlin 8W