Ilnterhaltungsblatt des Horwärt s Nr. 250. Ncittivoch. den 23. Dezember. 1903 (Rlichdriilk verboten.) Vas Verbrecken äes Rrztce, -■■j Roman von I. H. R o s n y. Antolnsierte llebertragung von M. v. Berthof. Marguerite hielt die Augen auf Guh gerichtet, und dieser Blick, in deni sich das Weib, das Kind, das Tier und die Göttin zusammenfanden, zog ein ganzes Netz von Schönheit über ihn. „Tie Arbeit langweilt Tie nicht allzu sehr?" begann er »ach kurzem Schweigen. ..Nein, sie macht mir Vergnügen. Habe ich es Ihnen nicht schon gesagt?" „Sie haben es mir schon einigemalc gesagt, aber ich höre es gern, wenn Sie es wiederholen. Also, jetzt wäre es Ihre Pflicht, vollkomnie» glücklich zu sein!" Das strahlende Gesicht zeigte nicht gerade ein Lächeln, aber jenes erschauernde Behagen, das wie der Hauch eines Lächelns erscheint. „Ich bin auch sehr glücklich," sagte Marguerite. „Sie wüuschen gar nichts mehr?" „Gar nichts." „Keine Träume, kein Ausflug ins Land der Phantasie?" Viele Träume, aber keinen, der mich ein glücklicheres Los ersehnen liehe." „Daun." und Gnh konnte es nicht hindern, das; seine Stimme jetzt ein wenig bebte,„wären Sie also nicht sebr ge- neigt, über Ihre Zukunft zu sprechen?" Ein leises Zittern bewegte die feinen Augenlider. „Nicht über eine bestimmte Zukunft- das Unbestimmte ist mir angenehnker..." „Sie denken also nicht ans Heiraten?" Er ballte krampfhaft die Iänsie, aber dennoch verriet sich seine Beivcguug, ein Zucken des Mundes. „Ans Heiraten?" fragte sie erstaunt,„nein, niemals..." Er seufzte, seine Schläfen waren feucht. Doch eine»u- widerskchliche Gewalt drängte ihn. fortzufahren. „Ein Heiratsantrag würde Ihnen demnach sehr über- raschend kommen?" „Ein Heiratsantrag?" fragte sie mit nnbestiiuiuter Angst. „Ja. wirklich, das wäre etwas sehr Ueberraschcndes für mich." „Was würden Sie antworten?" drängte er. Sie hatte sich zuriickgetelmt. Eine Bewegung stieg in ihr ans. hob ihre Brust und brachte Licht i» ihre Augen, jenes bläuliche, das in den Augen schöner Frauen so berauschend wirkt. „Was köuute ich jetzt antworten?" sprach sie.«Mir scheint, ich müßte erst lauge nachdenken, sehr lange, viele Monate vielleicht, lind dann..." Ihre ganze graziöse Person drückte fragende Unruhe aus. „Und dann möchten Sie wohl auch wissen, wer es ist?" sprach er mit einer Bitterkeit, die er nicht zu unterdrücken vermochte. Sie antwortete nicht. Ihre Augen drangen förmlich ineinander ein. Er fühlte, lvie sein Geheimnis ihm langsam, schmerzlich, wie ein verivnndeter Bogel entfloh. Mit rauher Stimme sagte er: „Und wenn es ein Märchenprinz lväre, jung, schön, reich?" Er wollte seine Blicke losreißen, aber er konnte es nicht. Eine fahle Blässe überzog sein Gesicht, und er sah. wie sich Sekunde um Sekunde seine Bewegung in Margueritens Zügen »viderspiegeltc lvie eine gewitterschlvcrc Wolke in der Wasser- fläche eines Teiches. „Jung, schön und reich!" sprach sie träumerisch.„Da gehörte uock etwas andres dazu." „Und zwar?" fragte er begierig. „Ich müßte ihn lieben." Sie schwiegen. Etwas, das mir mit ihnen selbst»nieder verschwinden konnte,>var eben ans dem Grund ihrer Seelen entstände». Mir sie war es nur die Enthüllung der Gefühle eines andren Wesens. Aber welche geheimnisvolle, unerlaubte Triebe weckte das in ibr, wie magnetisch wirkte es ans ihr ganzes Wesen! Bor einigen Minuten noch wäre der Mann, der vor ihr stand, vielleicht der letzte gewesen, den sie spontan, anS freiem Antrieb geliebt hätte. Er war ihr Schutzgeist. der ans einer Höhe stand, von der sie. mit Ausnahme ihrer beinahe tindlicheii Gefühle, alles trennte. Aber die Liebe ist nicht unbedingt eine nntonome Gewalt. Sie ist sogar oft das gerade Gegenteil davon. Der Mann besonders kann seine Liebe einem Weibe suggerieren und kann trotzdem mir um- somehr geliebt werden. Kaum war die Ahnung der Leidenschaft Hcrbclincs über Marguerite gekommen, als sie sich von einer Schwäche ersaßt fühlte, die sie keinem andren gegenüber gefühlt hätte. Ihre ganze Tantbarkeit wurde zur Erregung. Sie war sich übrigens nur dunkel dessen bewußt,>vas in ihr vorging, und hätte Herbeline in diesem Augenblick und nie wieder in dieser Art init ihr sprechen könne», dann hätte sie vielleicht alles ver- gessen. Die Zahl der Gefühle, die ans Mangel an Gelegen- heit nicht zum Erblühen kommen, ist unendlich viel größer als die Zahl derer, die zum Ziele führen. Er war lvie vernichtet bei dem Gedanken, daß sie wußte, was in ihm vorging oder es»venigstens erriet. Endlich hatte er die Augen weggewendet. Gesenkten Hauptes, lvie ein Schuldbeladener, stand er vor ihr. Doch da er begriff, das; er sprechen mußte, so sagte er: „Ich habe Ilnien noch immer nicht den Namen genannt. Es ist Jean Philibcrt Donzagucs..." «Ach was!" rief sie neugierig.„Aber ich kenne Herrn Donzagucs noch so wenig." „Es scheint ihm doch zu genügen," meinte er sanft. Abermals schwiegen sie. Sie hatte das dumpfe Gefühl. daß er litt, und fragte sich, was sie»vohl thnn müßte, um ihn zu hcruhigen. So sagte sie: „Das ist mir sehr nnangeiiehm!" Diese Worte lvaren für Guy ivie ei» Wassertropfen säe die Lippen eines Verschmachtenden. „Wirklich?" fragte er heftig. Sie hatte eine Ahnung ihrer Macht. Aber im selben Augenblicke erwachte die weibliche Seele in ihr, sie fürchtete, sich zu bestinlnit anszlidrückcu. „Ich wünschte," sagte sie schmachtend,„man würde den ganzen Sommer lein Wort darüber mit mir sprechen. Ich wünschte, weiter leben zu dürfen, wie ich nun lebe, harmlos, unbekümmert, ohne Gedanken an die Zukunft." „Aber»na» wird ganz' gewiß mit Ihnen darüber spreche!'!" Sie warf ihm einen raschen Blick zn und sah, daß es nötig war. ihn noch etivas zn beschlvichtige». „Wenn man mit mir darüber spricht, dann werde ich inu Gnade bitten, bis nach Schluß der Ferien." „Und dann?" Sie wendete den Kopf ab und entgegnete schüchtern: „Alles kaiiii ich nicht voraussehen!" „Das ist richtig!" gab er zn. Er begriff, daß es unvernünftig und ungeschickt gewesen wäre, mehr zu verlangen. Wenn seine Unrnlie auch anhielt. so war sie doch erträglicher geworden. Er gewann Zeit, und das ist alles, dessen cS bedarf, um die jcklimmsten Be. fiirchtnngcn jener armen Geschöpfe zu beruhigen, deren Leben selbst nur eine kurze Frist ist. „Also," sagte er, indem er Heiterkeit heuchelte,„wir werden Ihre Ferien respektieren!" Dnfrllnc erschien mm. „Also jetzt zn uns beiden!" rief Herbeline. Sowie sie mit einander allein waren, sagte der Doktor: „Es hat sich zufällig ei» Gespräch ergeben, daß ich Marguerite von dem Heiratsantrag des DonzagncS Mit- teilnng machen konnte." „Nun, und.. „Nun, sie hat augenblicklich leine Lust zum Heiraten." � „Und lvie recht hat sie!" rief ihr Vater.„Tie ist ja so glücklich!" „Das sagte sie eben auch... Sie möchte vor Ablauf der Ferien über gar nichts nachdenken. Mir scheint, man sollte ibr diese Frist wirklich gewähren. Wie denken Sie darüber?" „Ich schiebe ja meiner Natur nach die Dinge gern hinaus. Aber in diesem Falle thne ich es lieber denn je. Habe ich Ihnen nicht schon gesagt, dah mir die Ehe wie etwas Trauriges erscheint... wie ein schneller Weg zum Tode?" „Also sind Sie mich der Ansicht, daß vor Oktober gar kein Entschluß gefaßt zu werden braucht? Ich kann also in diesem Sinne mit den Damen oder mit Donzagues sprechen?" »Aber gewiß!" entgegnete Dufröne.„Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich mich in dieser Beziehung nach Ihrer An- ficht richten will?" „Ja wohl.. aber die Sache ist ernst genug, tun darauf zurückzukommen. l Fortsetzung folgt.)! Im Gerzen von Hfkn.> Das ferne Asien hat seit Jahren die Augen der gesamte» Welt iauf sich gelenkt, und gegenwärtig wird die Entwicklung der Tinge im fernsten Osten des ungeheuren Weltteils mit besonderer Spannung verfolgt,— ist es doch leicht möglich, daß Rußland einen zähen Widerstand an dem asiatischen Volk der Japaner findet. Aber nicht nur nach Ostasien, wo auch die gesegnete deutsche Kolonie oder Pachtung Kiautschou liegt, richten sich erwartungsvoll die Blicke, fondern auch im innersten Asien vollziehen sich Ereignisse, die vielleicht noch von besonderer Wichtigkeit werden: Von Indien ist eine militärische Erpedilion der britisch-indischen Arme« auf- gebrochen, um von Westen her in das im Herzen. Asiens gelegene Hochland von Tibet einzudringen und in diesem nominell China untcrthänigen Lande, dem verschlossensten der Welt, das sich gegen Europäer noch viel ausschließender verhält, als China selbst, festen Fuß zu fasten. Schon sind die ersten Pässe überwunden, tibetischer Vodcn betreten, und der Marsch nach der„heiligci» Stadt" L h a s a gerichtet, wo der D a l a i- L a m a thront, der geistliche Herrscher des Landes, dessen Wink auch alle weltlichen Behörden gehorchen. Ob dieses Ziel erreicht wird? Tie militärische Widerstandskraft der Tibctcr ist jedenfalls nur gering, hat das ganze Land doch kaum V/, Million Einwohner, ein verschwindendes Häuflein gegenüber der gewaltigen Macht Britisch-Indiens. Aber dieses kleine Häuflein bewohnt ein Gebiet, das fast viermal so groß ist, als Teutschland, und zum größten Teil aus unwegsamen und unwirtlichen Einöden besteht. Tiber ist das höchstgelegene Hochland der Erde, das nirgends unter 4000 Meter Meereshöhe herabsinkt, also fast überall den Gipfel des Montblancs überragt; die Pässe in seinen Bergen erheben sich nicht selten über öOOO Meter Höhe. Tie natürlichen Schwierig- leiten, die ein hier vordringendes Heer finden muß, sind also kaum vorstcllbar, selbst wenn die eingeborene Bevölkerung den Eindring- lingen bereitwilligst Unterstützung angedeihen läßt; ob sie im gegen- teiligen Fall überhaupt übcrwindbar sind, muß zum mindesten zlveifelhaft erscheinen. Einzelheiten über die nähere Geographie Tibets sind noch wenig bekannt. Sehr zur rechten Zeit ist daher gerade jetzt das Buch des schwedischen Reisenden H e d i n erschienen, der im Juni vorigen Jahres nach fast dreijährigem Ausenthalt in Jnner-Asicn, wovon das Durchziehen Tibets ein volles Jahr in Anspruch genommen hatte, in seine Heimat zurückgekehrt ist. Es war ursprünglich nicht Tibet, was Hedin zu seinen Fahrten anreizte. Nördlich von Tibet dehnt sich im östlichste» Teile von Turkcstan die Ivcite Sandwüste Täkla-makan aus, die im Norden und Osten durch den Tarim-Fluß begrenzt wird, dessen Wasser sich in dem geheimnisvollen See Lop-nor verliere». Das Wasser reicht jedoch nicht aus, das Land auf weite Strecken hin fruchtbar zu machen, und östlich vom Tarini und Lop-nor setzt bald wieder in schier endloser Erstrccknng die Sandwüslc Gobi ein. 'Zur Erforschung des Tarim und Lop-nor war Hcdin schon einmal, im Jahre 1L05. ausgezogen. Mehrfach hatte er dabei auch die Wüste Takla-makan durchquert und im Wüstensand vergrabene Ruinen alter Städte an ehemaligen Flußbetten gefunden, ein Zeichen. daß die Flüsse, die von Süden her in das Sandmccr eindringen, ehemals ihre Wasser viel weiter vorschoben, che sie, vom Sande überwältigt, versiegten. Auch am Lop-nor konnte Hcdin ziemlich rasche Veränderungen der Lage feststellen, und er gab der Vermutung Ausdruck, daß dieser See sich früher sehr viel weiter nördlich be- sunden haben muß. Ter endgültigen Lösung dieses geographischen Problems galt Hedins diesmalige Reise in erster Linie; zu diesem Bchufe wollte er auch in die Wüste Gobi eindringe», und erst nach Erledigung dieser Aufgaben südwärts nach Tibet sich wenden, das er von Osten nach Westen zu durchziehen gedachte. Mit geringen Abänderungen wurde dieses Programm auch anS- geführt, und unsrc geographischen Kenntnisse haben durch Hedins Reisen manche wertvolle Bereicherung erfahren. Von K a s ch g a r aus, schon im chinesischen Turkestan gelegen, wo er am 17. August 1800 eintraf, begab Hcdin sich nach Lailik am Tarim; dort baute er sich eine Fähre, mit der er am 17. September aufbrach und 3'/, Monate stromabwärts fuhr, bis die Ivintcrliche Eisdecke der Iveiteren Fahrt Halt gebot. Die Veränderlichkeit des Mußlaufes, von dem eine genaue Karte noch niemals aufgenommen *) Sven v. Hcdin, I m Herzen von Asien, Zehn- tausend Kilometer auf unbekannten Pfaden. 2 Bände. Leipzig, K. A. Brockhaus. 1003.— war, wurde hierbei festgestellt, er hatte sich stellenweise ein andre» Bett gegraben, als Hedin drei Jahre zuvor gefunden hatte. Vom Winterquartier, das bei dem Dörfchen Tura-sallgan-ui aufgeschlagen wurde, machte Hedin einen Ausflug in die Wüste Takla- makan, die auf ihn eine eigentümliche Lockung auszuüben scheint; er durchquerte sie nach Süden und kehrte, auf schon, bekannten» Pfade am Tschertschen-Tarja(Darja-Fluß) entlang und dam» den Tarim hinaufziehend zum Lager zurück. Ter Wüstenausflug hat nach seinem eignen Urteil die darauf verwandten 13. Tage kann» gelohnt, während die Rückkehr reiches geographisches Material zur Erforschung des Flußgebietes brachte. Ein zweiter Ausflug, vom ö. März bis 3. Mai, galt der Er« forschung der noch unbekannten Lop-Wüftc, dem östlichsten Teile der Wüste Gobi. Zunächst wurde sie am Nordrand in östlicher Richtung durchzogen, bis zur Oase Nltimisch-Bulak, und dann nach Süden durchquert, wobei man wieder auf den Lop-nor stoßen mußte. Auch in dieser Wüste entdeckte Hcdin zufällig die Ruinen einer alten. vielleicht vor dem andringenden Sande verlassenen Stadt, Iveshalb der Plan in ihm reifte, zur eingehenderen Untersuchung derselben noch einmal zurückzukehren. Mitte Mai setzte sich die Fähre wieder flußabwärts in Bewegung, und nach gründlicher Feststellung der gegenwärtigen oder vielmehr der damaligen Lage des Lop-nor— der See wandert äugen- blicklich wieder mit ziemlicher Schnelle nach Norden— lvandto Hedin sich südwärts zur Erforschung des bergigen Hochlandes. Von Temirlik aus, das im Juni erreicht wurde, ging die Erpedilion schon fast bis an die Grenze von Tibet; doch blieb in Temirlik das Stand- quartier, weil Hcdin ja zur Wüste zurückkehren wollte. Nach fast halbjähriger Tour durch die Berge traf er im Dezember wieder dort ein, und brach alsbald nach nur fcchslägigcr Ruhe zu einem ausgedehnten Marsche aus, der ih» viele Meilen weit— auf diesem Ausflug wurden im ganzen 2000 Kiloinctcr zurückgelegt— am Südraud der Wüste Gobi hinführte, dann sie nordwärts durch- qucrte, und wieder in westlicher Richtung auf die Oase Mimisch- Bulak zurückkehrte. Auf diesem schwierigen Marsche stand die Karawane dicht vor der Katastrophe; sie hätte die Oase vielleicht nicht erreicht, wenn sie nicht noch vor ihr, allerdings schon in ihrer Nähe, Wasser gefunden hätte. Von Altimisch-Bulat ging es ans dem schon einmal gegangenen Wege südlich in die Wüste zu den Ruinen, bei denen die Expedition sich eine volle Woche mit Ausgrabnngeic aufhielt. Aus den aufgefundenen Schriftzeichcn, die der deutsche Stznologc H i m l» in Wiesbaden entziffert hat, geht hervor, daß Hcdin an den Trümmern der alten Stadt L o ü- l a n stand, der Hauptstadt eines gleichnamigen Königreiches, das sich in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung unter chinesischer Ober- Herrschaft befand. Die gefundenen Papiere stammen sämtlich ans den Jahren 204— 270 n. Chr. Der weitere Zug nach Süden Ivar langsam. Ivcil Hedin ein genaues Nivellement des WegeS ausnahm; er stellte dadurch fest. daß das Nordufer des Lop-nor, das 8'/, Kilometer vom alten Loulan entfernt ist, 2'/- Meter tiefer lag als dieses, daß aber zu- nächst südlich von Loulan noch eine Bodensenkung, ein vollständiges Becken passiert wurde, offenbar das Becken des alten Lop-nor, an dessen Ufer sich einstmals die jetzt im Wüstensand schlummernde Stadt, deren ausgegrabene Reste von Kunst und Gciverbeslciß zeugen, erhob. Während dieser Reise, durch die Hedins Anschauung über die Natur des Lop-nor vollkommen bestätigt wurde, war das Stand- quartier wieder nach Norden, nach Abdall am Tarim, kurz vor seiner Mündung in den See, oder richtiger, seiner allmählichen Ver- sumpfung und Versandung verlegt worden. Von hier brach nun die ganze Karawane im April 1902 auf, um südwärts über die Berge ziehend Tibet zu erreichen, das dann auf noch unbctretenem Pfade gen Westen durchwandert werden sollte. Tics ist die schivierigste Reise, die Hedin je vollführt hat. Eine stattliche Karawane, 30 Kamele, 45 Pferde und Maulesel, 00 Schafe und 30 Leute zogen am 17. Mai 1001 ans Tscharchlik aus,>vo die Karawane ver- vollskändigt war. Hier in noch nicht 1000 Meter Meereshöhe ahnten die Wenigsten die Schwierigkeiten, die ihnen bevorstanden. Rur 0 Kamele und 1 Pferd ereichten das Ziel, das Städtchen L c h in dein britisch-indischen Vasallenstaat Kaschmir, und auch von den Menschen waren eine ganze Anzahl den Beschwerden der mühseligen Wanderung erlegen. „Ich gehe lieber zehnmal durch die Gobi- Wüste, als einmal zur Winterszeit durch Tibet," ruft Hcdin im Hinblick aus seine Verluste an Menschen- und Ticrlcbcn auS.„Man kann sich keinen Begriff davon machen, was dies kostet; es ist eine lvahrc via Dolorosa (ein wahrer Schmerzcnswcg) I" Und dabei fand er an der Grenze jeder Provinz, die er passierte, ein militärisches Aufgebot zu seiner Unterstützung und eine Anzahl Tibctcr, die ihm ans Befehl des Dalai-Lama Lebensmittel und Aaks — das vortreffliche Zug-»nd Lasttier des Himalaya das ruhig und stchcr über die höchsten" Pässe und schwierigsten Bergpfade steigt-— m reichlicher Zahl zuführten. Ohne diese Hilfe der gutmüligci» Bewohner des Landes wäre wohl kein einziges Tier der Karawane» dann aber wohl auch kaum ein Mensch lebend bis zum britischen Gebiete gelangt........ Mit dem Zuge nach Tibet verband Hcdin noch eine Nebenabnchti er ivollte versuchen, als mongolischer Pilger verkleidet, die jeden» Europäer verschlossene heilige Stadt Lhasa zu erreichen._ Was bezweckte er eigentlich mit diesem abeuteuerlichen Versuch? Er sagt selbst:„Ek war in der TTjat wahnsinnig, das lasst sich nicht leugnen, das Leben zu riskieren, nur aus Lust, Lhasa zu sehen, das in seiner Topographie und seinem Aussehen durch Beschreibungen, starten und Photographien von�Punditcn' und Burjadcn weit besser bekannt ist, als die meisten Städte des innersten Asien. Tuch ich muh ehrlich gestehen, dah ich mich nach den zwei Iahren ruhiger, friedvoller Wanderungen durch unbewohnte Teile des Kontinents und nach all meiner strebsamen Arbeit nun einmal nach einen, wirklich haar- sträubenden Abenteuer sehnte. Ich fühlte das unwiderstehliche Bc- dürfnis, meine Person in eine Lage zu bringen, in der das Leben auf dem Spiele stand... Thatsächlich sehnte ich mich mehr nach dem Abenteuer, als gerade nach Lhasa." Man versteht diese Absicht Hcdins vielleicht, wenn man hört, dah er erst 3" Aber zum Teil ist durch diese Parenthese die Absicht seiner Reise durch Tibet mißglückt, soweit sie nämlich nicht auf rein geographischem Gebiet liegt.„Ich wollte die Tibcter sehen, mit ihnen reden und aussindig machen, weshalb sie die Europäer so verabscheuen," sagt er bei Besprechung seiner Absichten. Aber er war bei seiner schwierigen Wanderung beständig von Wlitär überwacht und kam dadurch nicht in die Lage, in irgend welche Verbindung mit den Bewohnern des Landes zu treten und ihre Sitten und Lcbensgewohnheitcn zu erforschen. Tb freilich viel daniit verloren ist, ist eine andere Frage; so hervor- ragende Eigenschafien Hedin als geographischer Foqcher hat, so wenig ist er vielleicht geeignet, unbefangen über Volkssitrcn zu urteilen. Rilr ein Beispiel seiner geringen Vorurteilslosigkeit: Ein Mo- hammedaner. der schon 1805 die unglücklich verlaufene erste Wüsten- reise mit ihm mitgemacht und sich dort sehr bewährt hatte, wurde auch diesmal angestellt und erhielt einen besonderen Vertrauens- Posten, auf dem er sich aber erhebliche Veruntreuungen und andre Ungchörigkeite» zu Schulden kommen lieh. Als Hedin diese Sache erzählt, zieht er folgende Moral aus ihr:„Traue nie einem Masel- mann!... In moralischer Hinsicht ist diese Rasse schlecht." Auch sein langes und inniges Zusammensein mit einem chincsi- . scheu Lama ans Ka ra- schal) c— derselbe hatte sich nach llcber- Windung seiner Gcwissensbedenkcn dazu gewinnen lassen, ihn nach Lhasa zu begleiten— hat er anscheinend nicht benutzt, um näheres über den Lamaismus und Tibet, wo der Lama wiederholt gewesen Ivar, zii erfahren; vielmehr scheint dieser junge 27jährige Mann, den Hedin„einen der besten Menschen nennt, mit denen er zu thu» gehabt halte," seinerseits den Verkehr benutzt zu haben, um sich besser zu unterrichten. Wenigstens erzählt Hcdin:„Er hegte großes In- terefse für das Christentum und bat mich oft. ihm meinen Glanben auseinanderzusetzen: nach seiner Ansicht hatten wir so viele Berührungspunkte. das; ich eigentlich ebenso berechtigt war wie irgend ein Buddhist, die Wallfahrt zu machen." Aber trotz solcher kleinen Ausstellungen legt die Reise, die unser geographisches Wissen in mehrfacher Hinsicht bereichert hat, Zeugnis ab von mutiger Energie und zäher Ausdauer, denjenigen Eigen- schaften, die daS Menschengeschlecht insgesamt vorwärts treibe». zii höherer Entwicklung führen, und wir können H c d i n nicht ganz Unrecht geben, wenn er seine» Krititcrn zuruft:„Ihr, die Ihr mit Eurer großen Weisheit und Eurem«»erprobte» Mute eine solche Reise und ihre Resultate beurteilt, Ihr mögt es selbst einmal versuchen l"—_ Bt. Kleines feuilleton. — Tanne und Fichte. Was in Berlin unter dem Namen „WcihnachtSlannc" auf den Markt kommt, ist zu 70 Proz. Fichte. Die richtige Tanne nennt man hier„Silbertanne", und die ab- geschnittenen Fichtenwipfel, an denen noch manchntal die Zapfen hängen,„Doppcltannen". Dafür kennt jeder Berliner, der einmal im Grunctvald gewesen, die langnadcligc Föhre oder Kiefer als „Fichte". Und so ist es denn glücklich soweit, dah kaum der Zehnte mehr weih, ob er seinen WeihnachtSbaunr als Tanne oder Fichte ansprechen soll. Das Jahr über schweigt ja meistens der Streit, aber vor Weihnachten kommen jedesmal Bricschen an die Redaktion: Ich und mein Freund Fritze haben gewettet. Er sagt, sein Baum sei eine Tanne; ich halte ihn für eine gemeine Fichte. Wer hat nun recht usw. nsiv. Dann muh der Briefkasten herhalten. Aber dessen Raum ist beschränkt. Deshalb wollen wir die treffenden Ausführungen hierhersetzen, die G. Rauhut über unser Thema in der letzten Runmicr der ,. Nerthus" macht: ... Die Tanne ist der echte deutsche Weihnachtsbaum, da ihre Heimat so recht eigentlich der mitteldeutsche Wald ist. Auf den mittleren Höhenzügen Denlkchlands wächst die Tanne wild und erhebt sich in guter Lage als schlanker, im Alter bis zur halben Höhe astfreier Baum von dreißig bis fünfzig Meter Höhe. Sie dehnt ihr wildes Vorkommen in Osten bis etwa zur Weichsel hin ans, geht aber nicht in die russische Ebene hinüber, ebenso wie sie im Westen mit den linksrheinischen Berg- zügcn abschneidet und beispielsweise in England ganz fehlt. Im Norden überschreitet sie Deutschlands Grenzen nicht, und im Süden setzen die Alpen ihr eine natürliche Grenze. Selbstredend kommt sie kultiviert weit über die Hinrisse dieses Bezirkes hinaus vor, obgleich sie ziemlich kälte- scheu ist und schon im Klima von St. Petersburg erfriert. Ter Bstbau der Tanne ist ungemein regelmäßig in Etage» über- einander gruppiert, und je nach dem Standort des Baumes sind die einzelnen Astquirle dicht aneinancinander gedrängt oder weit ans- einandcrgcrückt. In» Schatten werden die Zwischenräume größer, in freier, sonniger Lage kleiner, ebenso wie an schattiger Stelle die Nadeln viel vereinzelter und dünner stehen als oit denjenigen Stämmen, welche die Sonne durchglüht und der Sturm zerzaust. Die Nadeln der Tanne stehen in zwei Zeilen links und rechts von, Ast che», bald völlig flach in einer Ebene liegend, bald mehr oder weniger aufwärts g e k r ü m m t und dann dem Auge die charakteristische weihe Unterseite darbietend, aus welcher der Name Weihtanne bracht. Die einzelne Nadel ist flach ge- drückt, deutlich in ein Stiel chen verschmälert und an der Spitze abgerundet, die Oberseite ist dunkelgrün, die Unterseite zeigt zlvei breite, weihe, leicht vertiefte Streifen. Von der Besonnung des Baumes und der Höhenlage, in welcher er wächst, hängt die Färbung der Nadeln außerordentlich ab. Je sonniger, je höher über dem Meeresspiegel der Standort liegt, um so kräftiger ist das Grün, um so leuchtender das Weih der in der Höhe immer breiter werdende» Streifen der Unterseite, so daß Bergtaimen oft ein ganz andres und viel schöneres Bild gewähren als die Tannen der Ebene. Einzelne Bäume zeigen ein gelbliches, zuweilen fast fuchsiges Aussehen; sie standen an zu trockener Stelle im vollen Sonnenlicht und krankten am Ucberfluß der Hitze, welche nicht durch die genügende Wasser, zuftlhr gemildert wurde. Die Blüten der Tanne sind im Mai und Juni an den Enden der Aeste leicht zu finden, besonders die dicht zusammen- sitzenden gelben Kätzchen der männlichen Blüten, deren be- ftnchtcnden Staub der Wind oft in ganzen Wolken ver- släuht. Eil, oder das andre Körnchen des Blütenstaubes wird dann aus die winzigen Zäpfchen der weiblichen Blüten geweht, welche gleichfalls, aber einzeln, an den Zweigenden sitzen und violett gefärbt sind. Ist die Bestäubung erfolgt, so geht durch Auswachsen des männlichen Staubkornes langsam die Befruchtung vor sich, und in zwei Jahren wird aus der weichen, kleinen Blüte der starre, große, hartschuppiae Tannenzapse n. welcher senk- je e ch k v o n, Ast c m p o r st e h t. Unter jeder Schuppe birgt er zwei hartschalige, braune Samenkörner mit zartem Flügclanhang. Die Sommerhitze läßt die Zapfcnschuppcn auseinanderklaffen, der Wind schüttelt das Flügclkorn heraus und treibt es fort vom Mutterherzen, bis cS irgendwo zur Erde sinkt, fich einbettet und keimt. Der zarte Keimling trägt sechs bis zehn sternförmig gestellte Keimnadeln»nd eine Centraltnospc. aus welcher der Trieb hervorbricht, der zwei bis drei Jahrhunderte langsam fortwächst, wenn nicht des Menschen Hand oder des Sturmes Gewalt ihm ein vorzeitiges Ende bereiten. Das Tannenholz ist weiß»nd weich, daher nur von geringen, Werte. während das Harz der Tanne als weißer oder Straßburger Terpentin hochgeschätzt ist. Die Fichte wächst wild durch ganz Nord- und Mitteleuropa bis zu dci, Pyrenäen und bis zu den Bergen Oberitaliens. Jcnsefts des Urals geht sie im südlichen Sibirien bis in die Ge- lände des Annirs; sie kommt wild vor in der Krim und im Kankasns, aber sie fehlt den Balkanländcrn und überhaupt dem Süden, während sie enorme Kälte verträgt und zu denjenigen Bäumen gehört, welche an, weitesten gegen Norden vordringen, ebenso wie sie in den Bergen beträchtlich höher als die Tanne steigt. Im Riescngcbiroe geht die Fichte sogar noch höher als da-? Knieholz. Während dieses schon in halber Höhe des Koppenkegels zurückbleibt. stehen Fichten noch dicht unter der Kapelle in den Felsenriffen nach dem Aupagrnnde hin. Freilich sind cS zweigige, wctterzerzauste Gesellen. aber sie halten aus, werden uralt und sorgen für Nachwuchs. Die sogenannten Banmleichen des Ricsciigebirges und Altvaters, oft inachtige Siämmc in den höchsten Lagen des Kammes, sind abgestorbene Fichte», und die sogenannte» Wettcrtaimci, der Hoch- gebirge. die meist an den exponiertesten Stellen stehen, find fast immer nicht Tannen, sondern Fichten. Der rauhrindige. rotbraune Stamm d e r F i ch t e ist nie so schlank wie die glatte, aschgrau b c r i n d e t e Tanne und bleibt auch in der Höhenentwicklung gegen diese zurück. Dagegen übertrifft die Fichte die Tanne in der Ausdauer, da gesunde Fichten- stämme von fast fünfhundcrtjährigem Alter bekannt sind. Während die Tanne sich horizontal verzweigt, hat die Fichte oft die Neigung, ihre Aeste etlvas hängen zu lassen; cS gießt sogar Formen, welche, ähnlich den Trancroäumen. schlaff herabhängende Aeste tragen. Höchst ausfällig sind diese schlaffen Formen, wenn gleichzeitig die Entwicklung der Seitenzweige der Hmiptästc unterbleibt. Es entstehen dam, sogenannte Schlangenfichten, deren Zweige in der That an grüne Schlangen erinnern. Andrerseits treten in, Hochgebirge' eigenartig verkümmerte Fichten auf, bald l.l-Z Ivitizige. kainn fuschohe> dichte Kegel- oder Kugrltmsche. bald sogar als radförnng entwickelte Massen von großem Ilmfang. aber sehr geringer Höhe. Derartige ogvergformen bleiben anch in der Ebene lange konstant in ihrem Wachstum und bilden dann einen oft sehr schönen Gartenschmnck. Die Verästelung der Fichte ist sehr diel wirrer und unregelmäßiger als die der Tanne, die Duirle Iveit weniger gleichmäßig und mit abgestorbenen Seitenästchen belastet. Die Nadeln der Fichte umgeben den Zweig von allen Seiten, nicht nur in zwei Reihen, sind beiderseits hellgrün, kurz und nadel- förmig, von rautenförmigem bis f a st rundem Querschnitt und tragen eine scharfe, st e ch e n d e Spitze. Die Nadeln der Fichte fallen sofort mit d c m T r o ck e n w c r d c n des Astes ab, während die Tannennadeln noch wochenlang sitzen bleiben. Daher ist die Fichte in der Stube ein unsauberer Gast, welcher schon nach wenigen Tagen seine Nadeln abzuwerfen beginnt und kaum die übliche Woche von Weihnachten bis Silvester aushnlt. Blühen, Fruchten und Keimen vollziehen sich gerade so wie an der Tanne, nur hängen die Fichtenzapfen vom Baume herab, während, wie schon gesagt, die Tannenzapfen aufrecht stehen. Die Fichtenzapfen fallen ganz vom Baume, während die Tannenzapfen sich in einzelnen Schuppen abblättern und die feste Mittelsäule des Zapfens oft noch lange aufrecht stehen blcibr. nach- dem längst schon die letzte Schuppe davon geflattert ist. Alle die langen, fast chlindrischen Zapfen, ivelche auf den Martt kommen, sind Fichtenzapfen. Tannenzapfen kommen niemals im Wcihnachts- verkehr vor.... «s. Die Entwicklung des Farbensinnes. Vor einer Reihe von Fahren stellte Gladstone auf Grund der Thatsachc, daß die alte griechische Littcratnr auffallend wenige Worte zur Farbenbezeichnung besitzt, die Ansicht auf. daß der Farbensinn, wie wir ihn heute vcr- stehen, eine verhältnismäßig späte Erwerbung des Menschen wäre. Diese Theorie wurde bei ihrer Entstehung heftig bekämpft und ist bis heute nicht zu einer allgemeinen Annahme gelangt. Wir müssen darauf verzichten, eine Vorstellung davon zn gewinnen, wie die alten Griechen des Homer die Farben gesehen haben, denn unter den heutigen Menschenrasten giebt es wohl kaum eine, die den Griechen jener Zeit in socialer und geistiger Entwicklung genau entspräche. Es ist aber nicht zu übersehen, daß es auch nicht ganz an Tbatsächen fehlt, die zu Gmiste» der Lehre Gladstones sprechen. Wir ivissen z. B.. daß gewisse Verfeinerungen de? Farbensinnes dnrck Erziehung er- reichbar sind, und es giebt auch Zcugnisie dafür, daß bei einigender niedere» Menschcnrapen die Empfindlichkeit eines besonderen Sinnes in dieser oder jener Beziehung nicht genau dieselbe ist wie bei den höher entwickelten Rassen, Genaue Messungen, die über den Stand- Punkt der Naturvölker in diesen Dingen Auskunft geben könnten, sind bisher nur äußerst selten gemacht worden, aberman ist jetzt doch wenigstens auf die Notwendigleit solcher Untersuchungen aufmerksam geworden, und so tonnen tvir vielleicht von einer nicht zn fernen Zeit eine Aufklärung der gewiß nicht unwichtigen Frage über die Entwicklung der Sinne und ihrer Leistungen erwarten. Angebahnt ist die Lösung dieser Aufgabe durch die psychometrischen Arbeiten, die Dt. Rivers gc- legcutlich der von der Universität Cambridge zu den Antipoden ent- sandte» Expedition unter den Eingeborenen der Murray- Inseln in der TorreS- Straße ausgeführt und jetzt beschrieben hat. Seine Beobachtungen sind sehr beachtenswert, denn er fand unter andcrm, daß bei diesen Naturmenschen der Farbensinn in auffallendem Grade mangelhaft war, und der Einwand, daß cö ihnen nur an bezeichnen- den Worten fehlte, hat sicki nicht als stichhaltig erwiesen. Wo die Sprache am meisten versagte, da zeigte sichtlich auch die Sinneskraft die bedeutendsten Mängel. Die Leute des dortigen MenschenstammeS konnten im allgemeinen Rot und Gelb erkennen, Grün noch in besonderen Fällen; für diese Farben hatten sie auck 'Namen, aber ihre Bolftellungen von Blau waren gaiiz unbestimmt und vcrniischten sich mit Blaugrün und Schmntzigbrann. Nur eine blaue Farbe von besonders ausgesprochener Qualität schien ihnen einigen Eindruck zu machen. Merkwürdig ivar die Thatsache, daß die bei uns so häufige Farbenblindheit für Rot und Grün bei jenen Naturmenschen gar nicht vorzukommen schien. JFii den äußeren Teilen der Netzhaut war anch die EmpffiiMichteit für Blau fast vollständig, eine zweite sonderbare Thatsachc. Die andren Sinneskräfte zeigten auch merklicklc Abweichungen von den Fähigkeiten, über die der Kulturmensch verfügt, obgleich nicht in so hohem Grade wie der Farbensinn. Die Gchörsscharfe tvar geringer als beim Europäer, so auch die Empsindlichkeit für Schmerz und für Gewichtsunterschiede, Feiner dagegen tvar der Tastsinn, die Schncllig- leit der Aufnahme für Geräusche etwa die gleiche wie bei den Europi.tn, die für GesichtSreize geringer. Eigentümlich ist anch. daß diese Menschen zwar eine Empsindnng für den bitteren Ge- schmack eines Stoffes, aber lein Wort zu seiner Bezeichnung haben,— Humoristisches. — S ch w i» d- A n e t d o t e n(mW der soeben erschienenen S ch w i n d- N n m m c r der Münchener„F u g e n d"): Em Kollege lud den alten Meister in sein Atelier, uin die ziem- licki umfangreickie Skizze eines Gemäldes, das die Sintflut darstellen sollle, zu betrachten, ochivind erschien und saß eine Weile still und nachdenklich vor der Leinwand, bis er endlich langsam begann:»Das freut mich— nein, das front mich—* Verimtwortt. Nedalteur: Julius Kaliski in Berlin.— Druck und Verlag: Ter Kollege fühlte sich bereits geschmeichelt:.Im Ernst, Herr Professor— „Ganz im Ernst: das freut mich— daß das Lnderzeug alles versaufen muß!"— Als Schwind eines Abends mit Professor Wilhelm Waagen (später UniversitätS-Profeffor in Wien-, durch das Karlsthor ging, sagte er zu ihm:„Pasten S' ans, da lommt eine Lackä', die leini ich schon 25 Jahr!"— Sein junger Sohn Hermann ivar einnickf mit einem selbst- gebauten Floß, worauf er ein Segel gesetzt hatte, iveit in den See hinausgefahren. Als Schwind dies hörte, rief er voll Angst:„De n K e r l e r s ch i e ß ich sofort, wenn er kommt! So eine Dumm- heit!" Als das Fahrzeug langsam hcimwärtSsteuert?:„Der kriegt mir Prügel, ivenn er kommt!" Nachher:„Der kriegt mir aber eine Ohrfeig'»!" Als er aber schließlich wohlbehalten landete, umarmte ihn Schwind mit den Worten: „ N o, lv e i l D u nur wieder glücklich da bist!"— Schwind stand am Schaufenster eines KunstladenS in der Nähe der alten Münchener Akademie. Ein Kupferstich nach Lonielins' großem„jüngsten Gericht" tvar dort ausgestellt. Eben ging ein junger Malschüler, den Schwind wohl leiden mochte und dem er sich öfters freundlich bewiesen liattc, vorüber, Schwind winkte ihn heran.„Sic. schann S einmal den Kupfersticki an! Fallr Ihnen nix auf?"— Der Angeredete schaute, aber ver� geblich.„Na, scheu Sie: das m u ß einem dock, auffallc». Das ist eine großzügig gedachte Komposition, keine Frage! Aber warum, frag' ich Sie, warum haben die Kerle allesamt Bauchbinden an?"— Bekannt ist, daß Schwind ein entschiedener Gegner der illickitung Pilotys war, trotz der persönlichen Achtung, die er für denselben bcgtc. Man tvar deshalb mff sein Urteil gespannt, als er zum erstenmal des großen Bildes von Piloty„Nero ans den Rinnen RomS" ansichtig ward. Erst räusperte er sich, dann wies er ans das noch glimmende Sckicit im Vordergründe:„So a Scheit—" sagte er„so a Scheit in ö ch t' ich malen l v n n e n." Sprach's und ging seines Weges.— Professor Piloty hatte sein Atelier im alten Akademiegebäude gerade über dein Schwinds: als Piloty dort ein neues Bild zur Besichtigung ausstellte und viele Leute hiiiaufgiiigcii. fragte Schwind einen Herabkommendcn:„Sagen T' mir, ivas ist denn da oben schon tvieder für ein Unglück geschehen?",— Notizen. — Nach dem neuesten Adreßbuch des Denis ch e n B u ch Handels ist im letzten Jahre die Zahl deutscher BiichbandtüiigS- firmen um 365 gestiegen: sie beträgt jetzt 10(iü in 2121 Städten, darunter 1481 im Deutschen Reich: ausschließlichen VerlagSvnch Handel betrieben 2012, ausschließlichen VerlagS-Knnsthandel 340, ausschiieß lichen Berlags-Musikälienhandel 397 Firmen.— — Der Goncourt- P reis(5000 Fr.) ist F o l> u P li i l i p p e R a» für srinen Roman„ F e in d li ck> e G e>v a l t e n" znerkannt worden,'lau ist dreißig Fahre alt und Ivar früher Gärtner. Der Roman ist ein Ich-Roman, die Lebens- und Leidensgeschichte eines Irrsinnigen.— — Eine Handschrift a n S dem 13, I a h r h u n d e r t mit vielen Miniaturen wurde kürzlich für 50 000 Mark in Ztondon verkauft.— — Die„Ner thus"(Verlag Chr. Adolff, Altona- Ottensen» erscheint von Neujahr ab jeden Zweite» Sonntag. Der Jahreöpreis ist auf 5 M. herabgesetzt.— — Die F r e i c Volksbühne bringt für ihre fünfte Spiel- serie im N,' e l r o p o l- T h e a t c r„ Bl c r c a d e t von Balzac zur Aufführung. Die Titelrolle liegt in Hände» de? Herrn Adolf Klein vom Lesfing- Theatcx. Die erste Vorstellung ist am 29. De- zeinber.— — Im Kleinen Theater findet noch in diesem Winter die Erstaufführung von Heye r in a n s Schauspiel„Ghetto" statt.— — In Bremerhaven soll ein neues Theater mit einem Kostenaufwand von 900 000 M. erbaut werden. Die an der Bausumme noch fehlenden 125 000 M. will man durch Ausgabe von Anteilscheinen aufbringen.— — Der Kapellmeister Bölling, erster Dirigent der BreSlaucr Oper, ist an Stelle Felix Mottls nach Karlsruhe engagiert worden.— — AuS dem Petersburger KLnstlerverein sind 21 Mitglieder ausgeschieden Grund: die Anfnahme eines ScnsationmachcrS und NuditätemnalcrS.— — Ein Preisausschreiben:„D a S deutsche Buch im Zeitalter des Barock und Rokoko" veranstaltet die Gesellschaft der Bibliophilen, Gefordert»vird eine historische Dar- stellung der BnchauSstaitnng und der Wirksamkeit namhafter Künstler. Drucker und Verleger aus»er Zeit von 1900 bis 1750, Manuskripte — etwa 12 Druckbogen Quartformat— sind bis zum 1. Oktober 1905 an Dr. Karl Schüdoekopf in Weimar einzureichen.— Vorwärts Bnihdriickerci und VerlegSanste.lt Paul Singer& Co., Berlin SW