Mnt«rhalt«ngsblatl des Horivärts Nr. 254. Mittwoch, den 30. Dezomber. 1903 as Verbrecken äes Erztcs. 32] Roman von I. H. R o s n y Autorisierte Uebertragung von M. v. B e r t h o f. „Also behält er alle Hoffnung für die Zukunft?" „Wie kann ich das wissen?" v,m> bildete sich ein, daß Marguerite es war, die sich die Zukunft offen zu halten wünschte. „Wie sollte es auch anders sein?" begann er wieder. „In dem Augenblick, wo man ihm erlaubt, wieder anzufragen, läßt man ihm jede Hoffnung. Sfann er nicht alles vorwegnehmen?" Sie verstand, doch ohne einen andren Grund darin zu finden, als daß er darüber gekränkt war. Sie fragte sanft: „Was hätte ich denn thun sollen?" Diese Frage versetzte Herbeline in große Verlegenheit! Wenn er Iveniger aufgeregt gewesen wäre, hätte er dem Gc- sprach eine andre Wendung gegeben. So aber ging die Eifer- sucht mit ibm durch: „Sie hätten ihm Ihren Wunsch klar machen müssen, diese lliiterrednng möge die letzte derartige zwischen Ihnen sein." ...konnte ich das? Die Begegnung sollte doch nur ganz kurz sein: ich hatte es Ihnen ja versprochen." Sie erreichten den Wald..Eine Allee, deren Bäume sich zu Wölbungen verbanden, öffnete sich von ihnen. Gierig atmete Herbeline den Duft der Erde und des Laubes, und bei den ersten Schritten, den sie ins Halbdunkel machten, schien es ibin, als beträten sie einen neuen Boden, auf dein viele Dinge, die sie noch bis vor einen Augenblick ge trennt. Plötzlich wie verschwunden waren. Er fragte mit fast leiser Stimme: „(Glauben Sie, ihn lieben zu tonnen?" „Rein, ich glaube es nicht." „Gestern glalibten Sie, auf diese Frage noch gar nichts antworteri zu können." Margnerite erbebte am ganzen Körper, antwortete aber schnell: „Ja. vor Ihren letzten Worten." Diese Worte ertiiliten Guy mit einer tröstlichen Empfindung, er staimuelte: „Also werden Sie ihn niemals lieben?" „Niemals." „Um meinetwillen?" Die Stimme des jungen BLidchens wurde etwas schwächer, aber sie zögerte keinen Augenblick zu sagen: „lim Ihretwillen, ja." „Ohne jedes Bedauern?" „Ohne jedes Bedauern!" „lind wenn. er Ihnen gefallen hätte?" „Selbst wenn. er mir gefallen hätte.". „Also geschah es nur, mir zn gehorchen?" „Ja." „Einzig und allein deshalb?" „Unk Ihnen keinen Kimtnier zu bereiten." Die Freude fiel vor Guy ab. wie ein Stein in den Abgrund rollt. Es enveckte eine sonderbare Bitterkeit in ihm. daß sie ihm hloß keinen Kummer machen wollte. Dann be- ganil er wieder herb: „Ans Dankbarkeit vielleicht?" Und mit grausamer Ironie fügte er in Gedanken hinzu: „Der Dankbarkeit der Bestoytenen dem Diel> gegenüber!" „Ja." sagte sie lebhaft,„gewiß aus Dankbarkeit, aber mich ans Zuneigung." „Also aus Freundschaft, mit einem Wort?" „Ja?" Er hatte sie auf einen Weg geführt, wo sehr dichtes grünes Moos im tiefen Schatten wuchs. Hie und da steckten einige Sträucher ihre dornigen Aeste vor. Guy hieb sie mit seinem Stock ab und bahnte ihr den Weg. „Aber," fuhr er hartnäckig fort.„Sie unirden doch nicht aus Freimdschaft der Liebe' entsagen?" „Ich perstehe Sie nicht." sagte sie mit klagender Stimme. »Ich lveiß gar nicht, was Sie mich fragen. Das ist ja, als ob Sie von etivas sprechen würden, das mir nie geschehen könnte. Wie soll ich eine Antwort darauf finden?" Er biß sich auf die Lippen, ivütend über sich selbst. Aber nichts war im stände, ihn von seinem Wunsch und seinem Bestreben nach einer Anttvort abzubringen, die seiner Leidenschaft entsprach. „Verdrießt es Sie. daß ich Sie liebe?" fragte er. „Es erschreckt mich," anttvortete sie ganz leise. „Ist das alles? Tragen Sie mir deshalb nichts nach?" „Ich könnte Ihnen nie etwas nachtragen." „Acb, wie süß könnten diese Worte für mich klingen!" rief er aus. MargueriteuS Kleid blieb an einem Dorn hänge», er beugte sich nieder, um sie zu befreien. Als er den zarten Stoff in den Händen hielt, überkam ihn eine Trunkenheit, mit leidenschaftlichem Ausdruck drückte er seine Lippen darauf. „Acki. wenn Sie wüßten!" ftainineltc er.„Ich hatte zu lieben geglaubt... aber altes was ich vorher empfundeu. ist schwach und farblos gegen das Gefühl, das mich jetzt beherrscht. Margnerite! Wenn das Schicksal meine Wünsche erfüllen wollte, ich würde ohne Bedenken alles für einen Kuß. einen wahren Liebestuß von Ihren Lippen hingeben!" Schwankend blieb sie stehen, als hätte ibr jemand einen Schlag versetzt, und so leichenblaß, als hätte sie das Bewußtsein verloren. Doch als er sie stützen wollte, machte sie sich los und sagte mit gebrochener Stinnne: „Nein, nein, es ist nichts!" Seine Liebe für sie lvar nicht Leidenschaft allein. Diese beiden Jahre, in denen er sie beschützt, hatten ihn mit einer Zärtlichkeit für sie erfüllt, die die letzten Tage nur noch vertieft hatten. Als er sie leiden sah. wurde er von Rene erfüllt und rief: „Verzeihen Sie mir, Marguerite!" Sie lächelte ihm. zn. ihre Blässe schwand und ganz vergnügt sagte sie: „Das ist nicht recht, wir dürfen uns nicht mehr allein treffen." Die Einsainkeit»var so vollständig, der ganze große Wald so in Schweigen versunken, daß sie meilenweit von jeder inenschlichen Behausung entfernt schienen. Bei dem Gedanken, daß er sie, wenn sie dieses Dickicht verlassen, nie wieder so wie jetzt sehen würde, brach ihm das Herz und er rief mit flehender Stinime: „Wenn ich Sie nie wieder allein sehen soll, wenn immer jemand zUnscheii uns stehen soll, dann will ich lieber sterben!" Das sind die hochtrabenden Worte, die man Frauen gegenüber stets gebraucht. Daraus fliegen sie alte, selbst ohne Liebe, ans Furcht, ans Mitteid. „Sterben!" sagte sie mit zärtlicher Naivetät.„Aber Sie sollen nicht sterben..." Verzweifelt rang sie die Hände. Und er, seinen Vorteil bemerkend, sagte:. „Wir> verden ja niemand etwas BoseS.zusugen! Wenn ich nur wüßte, daß Sie mich lieben... ich würde gar nichts vertangen, als Sie hie und da in meine Arme zu schließen: das allein wäre mein höchstes Glück.", Er hatte seine Arme vorgestreckt, zog sie sanft an sich mit flehendem Ausdruck in den Augen. Sie. unwissend wie sie war. überzeugt, daß Guy nichts Schlechtes von ihr wollen könne, fühlte ihre Kraft schwinden Ihr Busen hob sich, ihre Augen waren trunken von Zärtlichkeit. Plötzlich fühlte er ihren schönen, schlanken, mannen Körper an seiner Brust wie an jenem Morgen, an dem seine Liebe erwacht lvar. aber diesmal tbat sie es frenoillig. „Sie lieben inich also?" fragte er trunken. „Ich liebe Skst" antwortete sie schlicht. Da. in einer jener geistigen Visionen, die einen Augen- blick dauern und Bände füllen könnten, ergriff ihn das Eni- setzen vor dem. mos unfehlbar geschehen mußte. Er sah das furchtbare Geschick, das, weil er ein Verbrechen begangen hatte, wollte, daß das Opfer auch noch in andrer Weise dem Räuber vorfalle. Er sah alt die entsetzlichen Konsequenzen dieses zweiten Verbrechens, die Entehrung lind das Unglück des Wesens, das er liebte, den Jammer DufmieS. die Ber- ziveiflnng seiner Frau und seiner Schwiegermutter. Aber wie sollte derjenige, der dem Anblick des Geldes nicht hatte widerstehen können, einer heftigen Leidenschaft Widerstand entgegensetzen? Margneritens warmer Körper, ihre bebende Gestalt, das schöne, hingebende Antlitz ließen alle Gewissens- bisse verstummen und nur die Begierde blieb wach. Er drückte einen langen, gierigen Kuß auf ihre rote» Lippen, er zog das Kind tiefer in den Wald hinein nach einem naheliegenden Jagdpavillon. Sie folgte ihm fast ohne Widerstand, beinahe geistesabwesend, schivautend, zu jedem Opfer bereit. 12. Nach seinem ersten ftall.tvar Guy manchmal von Verachtung gegen sich selbst erfüllt gewesen. Aber alles in allern genommen, glaubte er nicht ernstlich daran, ein Derbrechen begangen zu haben. Da er überdies überzeugt war, alles wieder gut machen zu können, erfüllte ihn eigentlich noch öfter der Stolz, einer der Mächtigen dieser Erde geworden zu sein. Als er Margnerite entehrt hatte, da vollzog sich ein� voll- kommener Umsturz in seinem ganzen Wesen. Nun wußte er sich vollkommen gefallen. Er verzweifelte daran, sich jemals vor seinem eignen Gewissen zu rechtfertigen, und seine Zukunft fing an, ihm vollständig gleichgültig zu werden. Die Arbeiten, die er begonnen hatte, erschienen ihm überflüssig und nichts- sagend. Er ließ sie stehen, wenn er auch den Schein ivahrte, als arbeite er mehr als je an ihnen. Das geschah, weil er das Bedürfnis fühlte, allein zu fein. Stundenlang schloß Herbeline sich mit Manuskripten ein, die er nicht einmal ansah, mit Abhandlungen, in denen er gar nicht las. Das Zusammensein mit seiner Zrau und seiner Schwiegermutter war ihm zur Dual geworden. Er fühlte es von Stunde zu Stunde, wie sie ihm fremd mtd fremder wurde», er schäinte sich, mit ihnen zu leben, den Gatten der einen, den Sohn der andren vorzustellen. Die Ruhestunden nach den Mahlzeiten, die ihm früher so lieb gewesen, Waren jetzt die schrecklichsten des ganzen Tages. Er mußte sich beständig be° obachten und heucheln, zu einer Zeit, wo aller Zwang ihm unerträglich war. Die einzigen Augenblicke des Dergessens warnt für ihn die,>vo er mit Margnerite allein war. Er erkaufte sie mit endlosen Listen und mit der Zähigkeit eines Indianers. Der kleinste Zufall konnte ihn verraten. Wäre er von minder ver- trancnsvollen Seelen umgeben gewesen, die Spaltung hätte nach wenigen Tagen entdeckt werden müssen. Sie wäre ganz gewiß zu Tage getreten, tvenn Donzagues, durch die Gewißheit, vor dem Herbst zu keiner Entscheidung zu gelangen, gereizt, es nicht vorgezogen lsiitte, wieder zu verreisen. Diesem Um- stände hatten sie es zu verdanken, daß ihre Zusammenkünste bis zu einem gewissen Grade geregelt werden konnten. Um Margueritc mehr Freiheit zu verschaffen, schickte Guy ihren Bater jetzt öfter nach Paris. War er dann mit dem jungen Mädchen wirklich ganz allein, daim verschwand alles andre. Er genoß jene nnsag- baren Zreuden, die alle Derbrechen aus Leidenschaft begreiflich zu machen vermögen. Da entwickelte sich jenes herrliche Drama, dem jedes Jahrhundert neue Schönheit hinzufügt, und so ans unfrer Liebe etwas durchaus andres gestaltet hat, als der wilde Trieb der ersten primitiven Menschen tvar. Die heißeste Sinnlichkeit verband sich mit der tiefsten, feinfühligsten, demütigsten Zärtlichkeit und gleichzeitig mit den leuchtendsten Phantasiegebilden. In seiner Seele venmzjgten sich, wenn man so sagen darf, die prächtigsten Nuancen des Purpurs und des Scharlachs mit den abgetöntesten, zartesten, erlesensten Nuancen. Er gehörte ihr wahrhaft und ganz, er sagte zu ihr: „Wenn Du willst, dann fliehen wir; auf einen Wink von Dir verlasse ich alles, was mir lieb ist, die Menschen und die Tinge..Es giebt nichts, was neben Deinem Wunsch und Willen zählt..." Aber dem widersetzte sie sich hartnäckig. Zu allen Opfern bereit, denn sie liebte nicht minder als sie geliebt wurde, konnte sie sich dennoch nicht entschließen,.Herbeline gesunken und ver- armt zu sehen. Sie rechnete nicht mit der Zukunft, und war nicht unglücklich. Das war. Weil sie ihre ganze Seele in die Hände ihres Geliebten gelegt hatte. Sie folgte blindlings seiner Leitung. Sic fuhr fort zu glauben, daß er nichts Schlechtes begehen konnte. Sic hoffte, daß es seiner Kraft gelingen würde, schließlich doch noch die Harmonie in allen Existenzen wieder herzustellen, ohne daß irgend jemand dabei zu Schaden kaut. Sie fragte sich nicht mehr, wie das möglich sein sollte, so wenig der Fanatiker Rechenschaft über die Handlungen ihres Gottes verlangen. Tie Frauen haben ja die Fähigkeit, sich mit Leichtigkeit in die merkwürdigsten Situationen zu fügen, ohne sich durch sie sonderlich verwirren zu lassen. Dielleicht überblicken sie, da sie mehr Instinkt haben, besser als der Mann, wie wenig all tinsre Voraussicht in dem furchtbaren Dersteckenspicl des Zufalls im Gnmde zu be- deuten hat. Margnerite fühlte sich glücklich, wenn sie Guy nur glücklich glaubte, und da sie ihn immer glücklich sah, wenn er mit ihr zusammen war, erwachte ihre Unruhe nur von Zeit zu Zeit.— So verstrichen zwei Monate. Dreimal wöchentlich fuhr Herbeline nach Paris, und diese Besuche genügten vollständig für seine sehr spärlichen Sommer- Klientel. Was die durchreisenden Patienten betraf, so über- ließ er sie gern seinen.siollegen, wenn sie nicht eben energisch auf seine Behandlung bestanden. Er wurde fünf- oder sechs- mal bei sehr wichtigen Fällen verlangt, und diese Ausnahmen waren ihm gar nickt unwillkommen, da sie unvorhergesehene Zusammenkünfte mit Ddarguerite ermöglichten. Der Beginn des Herbstes nahte heran. Allmählich begann die Natur abzusterben. Anfangs erschien sie im Ver- blühen nur um so reicher. Schon meldete sich jenes leuchtende Vergehen, das im Oktober die Wälder in Gold und Schwefel- gelb, in warmes Braun und feuriges Rot taucht und in diesen Schmuck eine wahre Zauberwelt schafft. Madcleine und Madame Monteaux begannen sich mit dem Gedanken an die Rückkehr in die Stadt zu befassen. Besorgt fragte sich Guy, wie er in Paris seine Zusammen- fünfte mit Margnerite bewerkstelligen würde. Sie war ihm, so glaubte er. unentbehrlich geworden. Alle Arten von Mög- lichteiten spukten ihm im Kopfe, und die waghalsigsten schienen ihm die ausführbarsten. Die ausdauernde Vertrauensseligkeit seiner Umgebung hatte auch ihn in Sicherheit gewiegt. Und dann werden diejenigen, die das erste Mal straflos ans- gegangen sind, ivaghalsiger. Und er wurde waghalsig. Seine Vorsicht war immer wach und die List, mit der er zu Werke ging, ließ auch das kleinste nickt außer acht: aber die Zusammenkünfte fanden nun öfter statt. (Schluß folgt.) (Nachdruck mtotcu.) Zwei finanzreforrner. Wenn etwas faul is: im Staate Dänemark, so kommen den Hcrrscvenden sctmchtcriie Reformideen, und wenn die Sache schon derartig oberfaul ist. daß es zwar noch, nicht bricht, jedoch vernehmlich kracht, so soll es an eine Finanzreform gehen. Tann heißt es, den regierenden Herrschaften ans die Finger passen: denn die Geschichte lehrt, daß die mit den Ideen der Finanzkiinsiler beglückten Völker nach der Reform gewöhnlich tiefer in der Tinte sitzen, als vorher. Unter den bekanntesten Finanzreformern der Vergangenheit sind die, lvelche durch erhöhten Steuerdruck das gestörte Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben wieder herzustellen strebten, noch die Harmlosesten. Harmlos wenigstens im Vergleich zu den wcltgeschicht- lichcit Gaunern, die unter dem hochtönenden Namen einer Ftnanz-- reform einen ungeheuren Schwindel in die Welt gesetzt haben. Tiefer Edlen gedachte Goethe, als er im„Faust" den Teufel auch einmal die Maske des Finanzreformers vornehmen ließ. Tas heilige römische Reich ist im größten Talles, kein Geld in Bänken: die Einkünfte sind verpfändet, die Soldaten seit langem ohne Löhnung, so daß sie auseinander laufen wollen. Niemand weiß einen Ausweg. Mephisto erscheint daher als Retter in der Not mit einem Finanzreform-Vorschlag, der zwar Bedenken erregt, aber trotz- dem als einziges Auskunstsmittel vom Kaiser acccpnert wird. Es werden inassenhast Scheine gedruckt mit der Aufschrift: „Zu wissen sei es jedem, der's begehrt, Ter Zettel hier ist tausend.Kronen tvert. Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand, Unzahl vergrab ätcn Guts im.Kaiserland, Run ist gesorgt, damit der reick>e Sckxttz, Sogleich gehoben, diene zum Ersatz." All' Rot hat nun ein Ende. Mau schwimmt im Reichtum— bis die Welt innc wird, daß die..lln.zahl vergrab'neu Guts"»ur auf dem Papier existiert: die papierene Herrlichkeit endigt also mit einem ungeheuren Krach, und die Geldnot ist schlimmer, als vor der mephistophelischen Finanzreform. Tas Ganze ist keine bloße Ausgeburt dichterischer Planta sie. sondern durch ihatsächliche Vorgänge des geschichtlichen Lebens eingegeben. Poetische Freiheit hat Goethe sich nur hinsichtlich der Zeit genommen. Es ist ein Anachronismus, Iveiin er den Papiergeld-- schwindel auf der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit sich zutragen läßt. Ta>var man noch nicht so weit in der kapitalistischen Kultur fortgeschritten, um auf solche genialen Gaunereien zu komme». Tie Finanzreformer deS Reformationszcitalters halsen sich, Ivenn denn absolut keine neue Steuer aufzttbnngen ging, und tue tut auch kein Äivcijctiijut mdjr.jfu stehlen war, gewöhnlich mit der ordinären Falsch- münzerei: indem sie mindcrlrertigc Legierungen als vollwichtige Mün-e in Umlauf sctzlen. Im ökonomisch zurückgebliebenen Teutschland hat diese alt- fränkische Art der Finmizreforui noch im 18. Jahrhundert Bürger- recht besessen. Ter Prcustenlönig Friedrich II. hat bekanntlich nach Anleitung seines Münzjuden Ephraim das ehrbare Handwerk des .Thalcrfälschcnö mit Eifer und Erfolg betrieben. Tamit ivar er nun ganz entschieden hinter seiner Zeit zurück. Ucber ein Menschen- alter vorher schon war in den kapitalistisch entwickelten Nachbar- länder» Frankreich und England die neue Art des FinanzrcsormierenS ä la Mephisto erfunden worden, die schliesslich zlvar auch auf Falsch- münzerei hinauslief und ciue viel riesigere Gaunerei war, aber äusserlich sich zunächst doch anständiger ausnahm und im ganzen gross- artiger angelegt war. Zwei Söhne Albions sind die Urbilder der Finanzrcfornirollen Mephistos, der eine, John Law. ein geborener Schotte, der andre, ein gewisser Blount, aus England gebürtig: sie haben ihr Wesen ungefähr gleichzeitig getrieben; indes gebührt Law um ein paar Jahre die Priorität. In seiner schottischen Heimat ivar dieser Finanzabenteurer mit seinem Papiergeld- Projekt abgeblitzt, obtvobl die Schotten bei ihren englischen Nachbarn deimalS in erster Linie das Beiwort„geldgierig� führten; sie hi essen aber auch ver- schmitzt und fielen auf den faulen Zauber nicht hinein. Um so besseren Erfolg halte Law in den, festländischen Staat, den er an Stelle seines undankbaren Batcrlandes mit dem Projekt beglückte, in Frank- reich, wo er 1716 auftauchte. Tie Regierenden fassen da freilich derart in dcni Sumpf der Finanziwi, dah sie geneigt sein musste», nach einem Strohhalm zu greifen, damit ihnen die Schmutzslutcn nicht über dem klopfe zusammensctssugen. Ludwig XIV. war im Herbst 1715 verstorben und hatte seinen Nachfolgern als wcsenrliche Hinterlassenschaft einer„glanzvollen" und„ruhmreichen" Regierung die nach damaligen Begriffen ganz ungeheuerliche Selmldenlast von zlvei Milliarden Livrrs veriuachi. Aus dem weissgcblutetcn fraitzösischen Volk iwir durch neue Steuern füglich nichts mehr herauszuquetschen. Für Staatsmänner mit so etwas, wie einem Gewissen, hätte also die Parole lauten müssen: Sparsamkeit. Beschneidung der unproduktiven Ausgaben für die Armee und insbesondere für den Hof, der allein jährlich Hunderte von Millionen verschlang. Indes Sparsamkeit war am allerwenigsten die Sache des verschwenderischen Wüstlings, der für den minder- jährigen König Ludwig XV. die Regentschaft führte, des Herzogs Philipp von£ rlcans, und ein Gewissen hielt dieser Ehrenmann für ganz überflüssige» Ballast. Er begann in der That eine Finanz- rcform, aber bei Leibe nicht an seinem eignen Etat: durch strenge Untersuchungen wurden den Staatslicfcranten und Finanzbeamten Millionen abgeknöpft, um die sie den Staat betrogen hatten; dies Eield kam aber nicht etwa den Staatsfinanzen zu gute, sondern der Herzog von Orleans und seine Spicssgesellen verjubelten eS. Do wuchsen die Staatsschulden in ein paar Jahren auf zweiundeinc- halbe Milliarde an; die Staatseinkünfte waren auf Jahre hinaus verpfändet. Man stand vor dem Bankerott, und da erschien denn der erfindungsreiche Schotte Law als rettender Engel, dessen staats- kundiger Leitung die Regierenden sich blindlings überlicssen. Er versprach nichts Geringeres, als den ganzen Schuldenberg, wie mit einem Zaubcrschlag, in kürzester Zeit abzutragen. Ter Tausend- künstler verfuhr ganz nach jenem inephistophelischc» Rezept für eine Finmizreforui. Tic„Unzahl vcrgrabüic» Guts" sollte über dem grossen Wasser, in Rordautcrika, zu finden sein, wo Frankreich da- mals grosse Gebiete bcsass: die weiten Gebiete am Mississippi, die unter Ludwig XI V. eindeckt und nach ihm Louisiana benannt worden ivarcn, wurden dem Publikum als ein zweites Peru, ein Torado angepriesen, das in seinem Boden uncrschöpsliche Schätze an Gold und Silber berge, die nur darauf warteten, gehoben zu ivcrden. Die Hauvtgründung Lalvs wird darum gewöhnlich als „Mississippi- Gesellschaft" bezeichnet; offiziell hiess sie„Occident- Compagnie"(gegründet 1717). Sie war ein Aktienunternchmc» unter staatlicher Aegide und stand in engster Verbindung mit einer gleichfalls durch Law ins Leben gerufenen Zettelbank, die 1718 für eine königliche erklärt lvard. Der Zweck beider Unternehmungen war, die Staatsschulden zu decken und bares Geld in die leeren Staats- fassen zu bringen. Beiden Zielen sollten die Aktien der Mississippi- ttzescllschafr, dem letzteren ausserdem das Papiergeld der Zettclbank dienen. Tie Aktiengesellschaft sollte nämlich von dem für Aktien ein- kommenden Bargelde der Regierung Borichüsic machen, die sie in stand setzte», den StaarSgläudigeru zn kündigen; der Einfachheit halber wurden diese eingeladen, ihre StaatSpapierc gleich gegen Aktien umzutauschen, und das liehen sie sich nicht zweimal sagen, iveil die Schuldscheine der Regierung, die mehr als Fünfzig vom Hundert verloren hatten, bei der Einlage für Mississippi-Aktie» zum vollen Wert angenommen wurden. Tie Masse des geldbesitzendcn Publikums licss sich durch die Ricscngcwinnc anlocken, die im Prospelt der Compagine versprochen wurden: der von Lato atwgeworsene Köder einer sofortigen Tividende von 8 Proz. zog. Eine uuglaub- liche Spekulation ging los. die dahin führte, dass die Aktien schliesslich auf dem Zehnfachen des Nominalpreises standen. Adel. Geistlichkeit und Bürgertum. Iver nur irgend Geld hatte, alles riss sich um die Afticn. Wie ausserordentlich die Geldgier auch die sonst so steifen und förmliche» Aristokraten crfassr hatte, davon werden tolle Stückchen erzählt. Tas'Beste findet sich in einem Brief der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans, einer pfälzischen Prinzessin, deren Korrespondenz kullnrgeschichtlich ungemein wertvoll ist. Sie berichtet unter dem 2V. November 1710, sechs der vornehmsten Damen hätten dem vielbeschäftigten und schwer zu sprechenden Law im Hof eines Gebäudes aufgcpasst, um ihn dazu zu bewege», dah er ihnen von den Mississippi-Aktirn abliesse. Law Ivar sehr eilig, wollte nicht hören tlnd sagte schliesslich:�„Meine Tarnen, ich bitte tausendmal hin Verzeihung. aber wenn Sie mich nicht loslassen, so muh ich platzen, dcnn ich habe ein Bedürfnis zu p..., das ich unmöglich länger anhalten kann." Worauf die Damen kaltblütig antworteten:„Nun wohl, mein Herr, p... Sic nur, hören Sie uns aber auch an." Und sie blieben ruhig dabei stehen, um mittlerlvcilc ihr Gesuch vorzutragen. Doch die Papiergeldgeschäfte der Zcrtelbank gingen anfangs famos; denn es Ivar gerade eine W ährungsvc rschlecht e ning vorgenommen worden, und die Bant versprach, die Zahlung ihrer Roten nach der alten Währung zu leisten. Als nun aber immer neue Hunderte von Millionen Livres in Papiergeld ausgegeben wurde», als das Papiergeld Zwangskurs bekam, als Verbote ergingen, Zahlungen über 10(1 Livres anders als in Papier zu machen, mehr als 50« Livres in gemünztem Geld« zn besitzen, da ergriff weite .0 reise daö Misstranen, ob dcnn auch wirklich Deckung für diese Papicnnassen vorhanden sei. Die Deckung konnte natürlich mir in den Goldbergcn der Mississippi-Gesellschaft bestehe», und lvenn diese etwa blosse Ehimäre waren, so war es nul dem Papiergeld und den Alticn allemal Essig. Sobald der Zweifel, ob die„Unzahl vergrabnc» Guts" in Louisiana auch wirklich vorhanden sei, erst cnisilpift erhoben wurde, ivar der Krach unvermeidlich: denn nach verslogenein Goldficbcr konme sich füglich niemand einer Illusion darüber hingeben, dah die Prärien im Mississippithal rasch realisier- bare Werte von der nötigen Ricscnhöhe gar nicht aufzuweisen hätten. Der Herzog von Orleans beschleunigte den unvermeidlichen Zu- sammciibruch durch eine Massnahme, die ihn verhüten sollte. Am LI. Mai 1720 setzte er den Wert der Banknoten ans die Hälfte herab, um das„ivahrc Verhältnis" wieder herzustellen. In Vor- aussicht des Effeiis hatre Laiv heftig, aber vergeblich widersprochen. Es erfolgte ein Anstunn auf die Bank, sie konnte nicht zahlen, vcr- wickelte natürlich die Mississippi-tÄesellschaft in ihr Geschick und das ganze Papicrgcbäudc fiel ein. Tie ungedeckten Passiva der beiden bankrotten Unternehmungen betrugen zwei Milliarden. Circa 20 000 Familien waren an den Bettelstab gebracht, und eine un- geheure Krise zog ganz Frankreich in Mitleidenschaft. Ter Staat war natürlich nach der Finanzreform ebenso verschuldet, wie zuvor; reicher Ivar er bloss um einen betrügerischen Staatsbankrott. In- dessen lvarcn doch Finanzen reformiert worden, nämlich die der grosse» Spekulanten, die ihre Aktien rechtzeitig an die Dummen iveiterverkausr und auf diese Weise ungeheure Rcichriimcr eingesackt hatten; die vorwhinc Umgebung des Prinzregenlen war alle Schulden mit blossem Papier losgeworden und hatte ordentlich Güter zugekauft. Leer ausgegangen war dagegen der Vater des ganzen Schwindels, John Law. Er entkam mit grösstcr Lebens- gcsahr durch die Unterstützung des Regenten aus dem wütenden Frankreich und starb als armer Teufel i» Venedig. Um dieselbe Zeit, als in Frankreich die Mississippi-Seifenblase platzte, begann in England die„South Sea Bubble", die Südsee- Seifenblase, aufzusteigen. Tics Projekt, pon dem Gcldmallec Blount ausgeheckt, sah dem Lawschen so ähnlich, wie ein Ei dein andren, und war also zum Scheitern prädestiniert, die öffentliche Meinung siel aber doch darauf hinein. England war während des Mtnschcnalters, seit die„glornüche" Revolution von 1088, mit Marx z» spreckum, die kapitalistischen PluSmacher ans Ruder ge- bracht hatte, mit der respektablen Schuld« nbürdc von 5,0 Millionen Pfund leine Milliarde Mark) belastet worden. Zur Behebung der finanzielle» Schwierigkeiten schlug nun Blount eine Aktiengesellschaft vor, die für das Monopol des Handels mit der Südsce die Staats- schulden übernehmen und tilgen sollte. Woher ans der Südsce die Schätze zur Deckung kommen sollten, ist unerfindlich. Das Publikum glaubte aber daran, zumal als Blount ausstreute, dass die Er- Werbung einiger Plätze in Peru demnächst erfolge» werde. Die Aktien der 1720 gestifteten Südscc-Gcscllschast sanken also reissenden Absatz: gegen Staatsschuldenscheine und lmreS Geld. Die näm- liche» Knrstreibcrcicn wie in Frankreich setzten ein und brachten die Aktien von 100 Pfund auf einen Verkausspreis von 1000 Pfund. Das darin dokumentierte Goldficbcr war dem französischen durchaus ebenbürtig. Ebensowenig blieb natürlich der ungeheure Krach aus, als die ruhige Ucberlegung zurückkehrte und die Schätze der Südsce als Luftschlösser bewerten lieh. 1721 begannen die„Stocks" zu falle», und nun platzte die Blase. Die Passiva des Bankrotts lvarcn »ocki grösser, als im Falle der Mississippi- Gesellschaft. Die Südsee- Gcselischaft hatte nämlich dem Speknlationsgeist der Engländer nicht genügt, sondern war durch circa 100 verwandte llnternehmnngcn kleineren Stils ergänzt worden, die mit der Original- Seifenblase zusammen ein Nominalkapital von sechs Milliarden darstellten. Die Krisis, die über das Land hereinbrach, Ivar furchtbar. Ihr Geld verloren hatten natürlich banptsäckilich die ileinenLeute, die sich hatten verlocken lassen, die grohcnGauner dagegen hatten ihr Schäfchen ins Trockene gebracht. DaS Parlament ver- suchte zlvar, den Hereingefallenen zu dem Ihrigen zu verhelfe»; daS lvar aber verlorene Liebesmüh', die Spekulanten hatten ihren Raub in Sicherheit gebracht. Eine satirische Schilderung des ganzen Schwindels hat nnS der berühmteste englische Schriftsteller jener Zeit, Jonathan Sivist. in seiner„Ballade über den Südsee-Plan" hinterlassen. Er ve- handelt in dem Gedicht die Sache mit Humor. Mit grimmigen, Ernst: dagegen hat er nachher das Facit seiner Beobachtungen während hf? Siidsee-StÄvindels gezogen, als ec in, letzten Teil dsö „OSiilliiter" die Goldgier seiner Ärndslente mit flammenden Worten geigelt. Da findet man ilm schon hart bis an die Schwelle der Erleimtnis vorgedrungen, tvelche„Finanzreform" den- modernen Völkern allein lo irklich helfen kann. Wenn er konstatiert, daß die wenigen Reichen von der Arbeit der vielen Armen leben, daß diese für Hnngerlöhnc schaffen müssen, um ein paar Leute ini Ueberfluß leben zu lassen, daß es wenige Länder gicvr, die nicht die doppelte Anzahl Einwohner ernähren könnten, aber noch weniger, wo nicht ein Drittel des Volkes selbst am Notwendigsten Mangel leidet,— mit alledem bekundet Swift, wie ihm der Kapitalismus mit seinen lieb-- liche» Krisenfrüchten Dialektik eingepaukt und die lleberzeugung ge- bracht hat, daß eine gründliche Finanzreform die Beseitigung der Klassenherrschaft und der Ausbeutung voraussetzt.—■ A. Conrad y. Kleines feuUleton. — Schwarze Schimpfer. lieber da-Z Schnupfen bei den M a t e n g o in Deutsch- Ostafrika veröffentlicht der Missionar P. Haslinger im„Heidenkind" interessante Beobachtungen. Wenn zwei Matengo sich begegnen, so lautet mindestens das zweite Wort: „Nikutuli l'ikbna!* iGieb mir Tabak!) Ohne Tabak kann der Matengo einmal nicht leben. Ist er als Träger auf dem Wege, so stellt er hier und da seine Last ab mit dem Bemerken:„Nun muß ich eins schnupfen, damit ich neue Kräfte schöpfe!" Ist er auf dein Felde, so. legt er seine.Hacke tveg. um mit Schnupftabak neue Lebens- aeister zu wecken. De» Tabak»emit er seine Nahrung. Darum schimpft denn auch alles, Männer und Weiber, Groß und Klein; selbst Kinder, die noch bon der Rtiitter auf dem Rücken getragen wurden, sah ich mit der Schnupftabaksdose um den Hals. An Schnupftabak ist nun allerdings kein Mangel, denn der Zabak wächst hier leicht auf den Feldern und lvohl jeder Matengo hat auch eine Parzelle mit Tabat bepflanzt. Allerdings muß der Europäer, der ihn rauchen will, starke Nerven haben. Die Tchinipftabakbemkung ist sehr einfach. Ist der Tabak reif geworden, so werden die Blätter abgeschnitten, kommen dann in einen hölzernen Mörser und lverden mit einer, hölzernen Mörserkeule von etwa zwei Bieter Länge gestoßen. Die gestoßenen Tabakblätter läßt man in einem Topfe aus Ton etwa fünf Tage lang liegen, damit sich der Saft absetzen kann. Dann werden die Blätter aus einer Matte zum Trocknen ausgebreitet. Ist das geschehen, so werden zwei Bastscrle kreuzweise auf den Boden des Mörsers gelegt und die getrockneten Blätter' werden mm mit der Keule hinein- gestampft und hineingepreßt. Dadurch entsteht ein barter Klumpen in Kugelform von etwa lÄ Centiinetcr Höbe und 10 Eentimeier Durchmesser. Da ans den Boden zwei Bastieile gelegt wurden, so läßt sicl> der Klumpen nun leicht herausziehen. Beim Verbrauch wird ein Stückchen von dein Kegel abgeschnitten, auf einem Stein zer- rieben, und der Schnupftabak ist fertig. Um ihm aber ein besseres Aroma zu geben, mischen die Matengo oft noch Inthattn hinzu: Kräuter aus dem Walde, besonders aber das abgefallene Ende der Bananenblüten. Letzteres nehmen sie, verbrennen es auf der Scherbe eines zerbrochenen Topfes zu Asche«ud mischen'diese dann mit dem Schimpftabak. Nun sind aber unsre Schwarzen in der Kiiltiic noch nicht so weit vorgeschritten, daß sie schon Tckninpf- tabaks-Dosen nach etiropäischer Art anfertigen könnten. Früher b». halfen sie sich in andrer Weise. Sie rissen Käfern ooil der Größe eines Fingerhutes einfach den Kopf ab, weideten sie aus, trockneten sie an der Sonne und die Tabaksdose war fertig. Wegen ihrer Kleinheit mußten gleich inehrere genommen werden. alle zusammen wurden an einer Schiuir um den Hals gebunden iind das diente zugleich als Zierde. Daß sie aber mit dieser Art Tabaks- dosen nicht recht zufrieden waren, zeigte sich, als die Europäer kamen. Bei diesen sahen sie manches, was ihnen zur besseren Lösung der Tabaksdosensragc dienen konnte. Da waren eS besonders die Patronenhülsen, die von den Europäern weggeworfen, von den Malengo aber mit Gier aufgegriffen wurde». Eine solche weg- geivorsrne Patronenhälse kann unter den Matengo Anlaß ziini Streite werden. Jetzt tragen die„glücklicheren" Matengo statt der Käferleichen vier bis fünf Patronenhülse» um den Hals, in denen ihre Vorräte von Tchniipfrabak aufgespeichert sind.— Eine lustige Telephongeschichte ivird der„Franifurter Zeitung" ans Neunkirchen berichtet: Der Vorsteher eines Dorfes an der Saar erhält von Amtswegen auch einen Fernsprecher. Der Herr Bürgermeister ist persönlich so liebenswürdig, seinen Satrapen, den Ortsvorsteher in H., in dessen Wohnung in die Geheimnisse de» Apparates einzuweihen. Zurückgekehrt nach seinem Amtssitz, bemerkt er, daß er im Drange seiner Amtsgeschäfte den Schirm bei dem Oltsvorfteher hat stehen lasten und klingelt diesen sofort an. ».Hier Ortsvorsteher in H." „Hier Bürgermeister! Herr Vorsteher, sehe«: Sie mal zu, ob ich nicht meine» Schirm bei Ihnen gelassen habe!" Der Angerufene stndet richtig das Regendach in einer Ecke. Er nimmt eS in die Hand und eilt an den Apparat: „Herr Bürgermeister, ja, S' ist e Schirm bei mir steh» geblieb. gllckeii Se mol. ob das lo(dieser da> der Euer iß l" Und dabei hält der würdige Dorfhänptling den Schin» an'-? Telephon.— 10— Technisches. (pr. Elektrischer Antrieb in der Textilindustrie� Der Antrieb der Webstühle in den»techanischen Webereien erfolgte bisher mittels Riemenüberttagung von den TraiiSmiffionen, die von den Dampfmaschinen angetrieben lverden. So sehr mau mm auch die Transmissionsanlagen im Laufe der Zeit verbessert hat, die ihnen eigentümlichen Mißstände und Mängel konnte man wohl. mildern, aber sie lvaren doch nicht zu beseitigen. Beim geivöhn- lichen mechanischen Betriebe ist es iiäinlich erforderlich. Wellen- leiluiigen in deir Arbeitssälen zu legen, die nicht nur teuer sind, sondern die auch ziemlick viel Raum ein- nehmeit und immerhin nicht unerhebliches Geräusch ver- Ursache». Außerdem kömmt in Betracht, daß die langen Riemen« antriebe_ zu vielen Unfällen iind dadurch zu Arbeitsstörungeil Veraiilastimg geben. Allerdings hat inan durch entsprechende Ein- kleidiingen der gefährlichen Riemenantriebe mit Schutzgittern?c. die Gefahren möglichst einzuschränken gesucht. Aber die Vorteile des elektrischen Bettiebes sind dennocki derart bedeutend, daß eine all- gemeinere Anwendung dieser Errungenschaft der modernen Elektro- technik nur eine Frage der Zeit für jeden gut geleiteten Betrieb, der lvitlnrren.zfähig bleiben ivili, sein kann. In einer großen mechanischen Weberei des Rheinlandes hat man zum Beispiel den eleklrischen Einzelantrieb der Webstühle vor liirzem mit guten Erfolge» durchgeführt. In diesem modern eingerickiteten Betriebe wird jeder Webstuhl durch einen eignen kleinen Drehstrom-Motor angetrieben. Meist entwickeln die zur Ausstellung gekominenen Drehsttom-Motoreir 0.?.— 0.5, Pferdestärken. Von den Scheiben der Motoren wird die Kra ftiibertragung auf die Webstühle durch kurze Riemen bewirkt. Die Vorteile eines solchen elektrischen Einzelantriebes durch Dreh- strom-Motoren bestehen hauptsächlich darin, daß jeder Stuhl von allen andern vollkommen unabhängig ist und sich mithin beliebig an- lind abstellen läßt. Während beim bisherigen TranSmtsstonS- betriebe die Wellenleitungen auch laufen inüsten. lvenii nur einzelne Stühle arbeiten, spart man diese unnötige Arbeitsleistung beim i elektrischen Einzelnntrieb, da es nach dem Äiisschatte» des Antriebs- niotorS keine Leerlaufsarbeit mehr giebt. Humsrißtisches. — Benutzt e G e l e g e n h e i t. In dem curlegene» Winkel eines deutschen.Kleinstaats hatte der Landadel die fürstliche Gewohnheit. auf seinen sogenannten„Schlössern" zum Zeichen seiner Anwesenheit die Fahne wehen zu lassen. Einen bürgerlichen Räch-. varu ärgerte dies und er setzte folgende Annonce in das dortige Blatt:„Wen n a li f S ch l o ß W e i e r b a g e» d i e Fahne weht, s o s i n d gut gemästet e S ch weine ab- zugeben."— — Zu deutlich. Im X. Infanteric-Regiineiit der Garnisonstadt?). bat beim Einzel Exerzieren der Rekruten der Gefreite Herber das Kommando seines Hauptmanns gar zn deutlich nachgeahmt. Der erzürnte Compagnie-Ehef bestraft ihn deswegen mit drei Tagen Mittelarrest. Der Herr Feldwebel verliest am näcknten Tag ans dem Parolebuch der Evuipagnic:„Der Gefreite Herber crbätt drei Tage Mittelarrest, weil er beim Kominandieren die Sliimne seines Conwognic-ChefS»achahmte und>v i e ein O ch S brüllt»."— — A li s eine r G e n d a r m e r i e- A u e i g e.„.. Als ich an rNS Ufer des Flusses kam, fand ich dortielblt die Leiche eines neugeborenen Kindes. Diese Kindsleiche dürfte von einem Dampfschiff herrühren."— („Jugend.") Notizen. — Felix P h i l i p p i S netieS Drama ,. D e r- g r ü n e Z>v e i g" ist die nächste Novität des S chä u sp i e l h a u s c s.— —„Unter sich", efti Einakter von Hermann Bahr. geht am Silvesterabend. zniainmeit mit andren Einaktern, im Kleinen Theater in Eeeire.— — Die Schiller- T h eäter-Aktieugcsellschaft hat im vergangenen Jahre rund l 1 000 M. lleberschuß erzielt. - Im M ü it ch e n e r Volkstheater faitd M a x N e a l-? VoUssiück„Die B a u e r n« B r unHilde" bei der Erstnitssührmig lebhaften Beifall.— ii. E i n Material v o n a u ß e r o r d c u t l i ch kleinem AilS-dehnungSkoeffizienten ist eine Legierung von Stahl init ttti Proz. Nickel. Der Ausdehnungskoeffizient beträgt näinlicti nur 0,0000002>t; d. h. ein Stab a»S solchem Ricketstabl dehnt sich bei einer Erhöhung seiner Temperatur ans.1 Grad Eelsins nur um cZ>i Hnndertmillionstel seiner Länge aus. Dies lviirde bei einem Stab von 10 Meter Länge und einem Temperatnrnnterschied von Millimeter ausmachen. Diese Legierung würde daher ein vorzügliches Material für Uhrenpendel abgeben und die komplizierien Kon»pensatio»spendel vollkommen ersetzen köniien. Von noch größerem praktischen Werte würde sie als Material für Eisenbahnschienen sein, ivrlwe dami ohne den jetzt notwendigen Zwischenraum verlegt werden lömttcn. Das einzige Uebel ist nur, daß Nickel in nicht attzugroßen Mengen in der Natur vorhanden ist.— Verciutwortl. Rctaktenr: In! ins Kattsti in Betttn.— Druck und Verlagc VottvärtS Bitchdruckerei imd Berlcigsanstciü Paul Singer te Co., Berlin AKk