Nnlerhallungsblatt des Vorwärts Nr. 233._ Donnerstag, den 81. Dezember. ✓ 1903 (Nachdruck bcvDoten.) Das Verbrechen dea Hrztes» 83} Roinan von I. H. R o s n y. Autorisierte Uebertragung von M. v. Verth of. (Cchluß.) Nach und nach fanden sich freilich— nicht in seinem Vause, aber außerhalb desselben— Menschen, die erst etwas witterten und dann den Dingen nachspähten. .Einige Tage vor der llebersiedelnng begann das Ge- heimnis in den Hütten, die Meierhöfe, die Wächterhäuschen einzudringen. Es stieg ins Schloß hinauf und umzingelte so in gewissen! Sinne die ganze Besitzung. Es gelangte bis zur Dienerschaft Herbelines und blieb dort einige Tage ruhen. Da geschah es, daß ein Stubenmädchen sich einen Diebstahl zu Schulden kommen ließ, entdeckt und fortgeschickt wurde, und das entschied über sein Schicksal. An einem Dienstag im September erhielt Madeleine einen Brief. Es war klipp und klar eine Denunziation. Die junge Frau war allein, als man ihr den Brief übergab. Da sie fühlte, daß ihre Straft diesem Schlag nicht standhalten würde, fand sie noch den Mut, zur Thür zu eilen und sich einzuschließen, dann sank sie in den nächsten Lehnstuhl hin. Ihre Ohnmacht war nur von kurzer Dauer. Sie atmete etwas Aether ein, kam wieder zu sich und überlas noch einmal den Brief. Sie glaubte kein Wort davon, aber ihre Aufregung war so groß, als hätte sie die Eewißheit des Verrats. Diese junge Frau, die für bestinnnte Entschlüsse geschaffen war, zögerte keinen Augenblick. Was sie zu thun hatte, stand in ihrem Geiste ganz fest, ohne jedes sonst übliche schwanken. Sie kannte ihre Mutter und wußte, daß sie zu schwach war, um zu ihrer Vertrauten gemacht zu werden. Sie hatte die Kraft, die ganze Sache über achtundvierzig Stunden bei sich zu verschließen, und fühlte sich seltsamerweise, ab- gesehen von der Schlaflosigkeit, kräftiger als gewöhnlich. Die ganze Zeit beobachtete sie, erinnerte sich an das vorangegangene Vorgehen ihres Mannes, lind doch hatte sie auch am über- nächsten Tage noch nichts Bemerkenswertes herausfinden können, mit Ausnahme der eNvas gedrückten Stimmung Herbelines. An diesem Tage ging er kurz nach dem Früh- stück fort. Sie wartete ungefähr eine Viertelstunde, nahm einen Schlüssel zu sich, den sie schon seit dem Vorabend bereit hielt, und ließ ihren Wagen anspannen. Im Iagdpavillon war es, wo sich die Liebenden am häufigsten trafen. Es blieb der entlegenste Ort, und sie konnten auf verschiedenen Wegen hingelangen. Kürzlich erst hatte Herbeline einige Veränderungen an der Einrichtung vornehmen lassen, unter den! Vorwand, daß er ihn im Herbst zu Jagd- zwecken benützen wolle, was trotz der Nähe des Schlosses gar keinen Verdacht erweckte. An diesem Nachmittag erwartete er Margucrite. Sie kam einige Minuten nach ihm.— Durch die Vorhänge, die das kleine Fenster des Jagd- Pavillons umschlossen, betrachteten sie gemeinsam das ver- blassende Grün der großen Bäume. Ganz auf der äußersten Spitze eines Zweiges ließ sich ein Sperling von Zeit zu Zeit hören, eine Elster durchforschte die Umgebung, indem sie sich bald tanzend erhob, bald regungslos auf dem Zaun saß und mit malitiösen Blicken nach den Fensterläden schaute, tlnd oft ging ein starker Windstoß durch die Zweige, daß es wie das Brausen des Meeres und des Flusses klang. „In diesen Tagen übersiedeln wir nach Paris!" sagte Guy träumerisch.„Ich ängstige mich davor. Ich kann ohne Dich nicht leben und hundert Hindernisse werden sich uns dort in den Weg stellen. Nein! das kann so nicht weiter fortgehen!" Sie antwortete nicht. Was hätte sie mich sagen sollen? Sie hatte ihr junges Leben hingegeben, über das hinaus sah sie nicht. Ihre Unerfahrenheit verbarg ihr die Zukunft. Aber die traurige Art, in der Guy sprach, wirkte auf sie zurück. J|in leichtes Frösteln, der Schauer vor dem Scheiden, ergriff sie. „Nein!" rief er aus,„nein, das kann so nicht fortgehen. Wir müssen frei einander angehören!" „Jeder wird dabei unglücklich sein," antwortete sie. _„Wir können keinem etwas ersparen," gab er düster zurück.„Schließlich kommt alles, an den Tag und so auch unser Geheimnis, lind dann— Dein Glück geht allem andren voran." So dachte er in aller Aufrichtigkeit. Da er sie vor sich selbst nicht zu schützen gewußt hatte, blieb ihm nichts andres zu thun übrig, als ihr beiderseitiges Geschick vollständig zu vereinen. Es war das letzte Mittel, das ihm ihrig blieb, um feine beiden Verbrechen wieder gut zu machei»• Jeden Tag dachte er ernstlicher darübeiW-ich. «Ich komme erst nach den andren an die Reihe," sagte sie traurig.„Ich habe gefehlt, also es ist nur gerecht, wenn ich verzichten muß." „Du häst nicht gefehlt!" rief er mit Heftigkeit.„Ich bin es, der Dich ins Verderben gezogen hat. Ich bin doppelt strafbar, ich habe in doppelter Weise Dein teures Leben be- raubt..." Mit einer Art von Wut betonte er das Wort„doppelt", der Wut des Verbrechens über sich selbst, und in die Knie sinkend, küßte er die Hände des jungen Mädchens. „Du warst glücklich," sagte er,„das glücklichste, reiz- vollste, anbetungswürdigste Geschöpf dieser Welt..., und ich habe es gewagt. Dich in meinen Sturz init hinabzuziehen! Ich habe eS gewagt, Dir ineine Liebe aufzuztvingen. Schweige! Du hast nichts verbrochen; Du hast Dich meinem Wahnwitz geopfert. Du hast mir Dein eigenstes Selbst gegeben, wie Du mir Dein Leben hingegeben hättest, tlnd da es nur ein Mittel giebt, dieses Verbrechen wieder gut zu machen, so muß nian eben zu diesem Mittel greifen, tlnd dann..., das alles sind ja bloß Worte, aber ich kann einfach ohne Dich nicht weiter- leben!" Sie blickte traurig durch die Spalten der Vorhänge ins Freie hinaus. Plötzlich fuhr sie zurück und wurde leichenblaß.. „Was giebt's?" fragte er sich aufrichtend. „Deine Frau!" sagte sie mit erlöschender Stimme. Er erschrak, aber nur ganz kurz, und die Arme über die Brust gekreuzt, flüsterte er: „tlm so besser! Das Schicksal hat entschieden!" Unten hörte man das Knarren des Schlosses. Man ver- nahm einen leichten und doch zögernden Schritt die Treppe heraufkommen, dann öffnete sich die Thür, und Madelcine er- schien auf der Schwelle. Sie war kreideweiß, aber aus ihrer ganzen Haltung sprach die festeste Entschlossenheit. Als ihr Blick die Gestalt des jungen Mädchens traf, hatte sie einen kurzen Zornesanfall, Sie schrie: „Was habe ich Dir gethan, Du Unselige! Haben wie Dich nicht wie eine Tochter und eine Schwester bei uns auf- genommen? Wer hätte auf den Gedanken kommen sotten, daß Du es sein würdest, die mich und Deinen Mitschuldigen ins Unglück bringt. Denn daran zweifle nicht, er wird nie wieder glücklich sein! Sein Leben ist gerade so vernichtet wie das Deine und das meine!" Marguerite zitterte an allen Gliedern. Unfähig, auch nur ein Wort zu erwidern, von tiefstem Schmerz und Be- dauern erfüllt, wagte sie nicht einmal, ihre flehenden Blicke auf Madcleine zu richten. Guy fühlte, daß sie diesen Auftritt nicht ertragen konnte. Trotz des tiefsten Mitleids für seine Frau, unterbrach er sie doch gebieterisch: „Sie ist schuldlos! Ich allein bin der Schuldige, ich allein muß Deine Vorwürfe über mich ergehen lassen." Er faßte sanft Margueritens Hand und sagte:„Geh' in einer Viertelstunde werde ich zu Dir kommen-.,." Schwankend ging Margucrite hinaus, Guy und Madelcine warteten mit gesenkten Blicken, bis sie den Pavillon verlassen hatte. Dann sprach er mit ruhiger „Ich erkenne mich Tic gegenüber tief schuldig, Madeleine. Meine Schuld soll und kann nicht vergeben werden.." Sie hatte eine Rechtfertigung erwartet. Ausreden, irgend einen Versuch, das Geschehene in ein andres Licht zu bringen. Einen Augenblick durch diese bestimmte Erklärung entwaffnet, stammelte sie: „Soll damit gesagt sein, daß Tu alle Konsequenzen auf Dich nimmst?" „Nlle." „Wir werden nicht mehr zusaimnen leben können." „Ich weiß es." jErgriffen sah sie ihn au. Voll Verzweiflung schrie sie auf: „Warum hast Du das gethan?" „Ich hatte wahrscheinlich nicht die Kraft, eS zu vermeiden." „Tu liebst sie also sehr?" „Ja!" „Ach!" seufzte sie schmerzlich.«Tu hast mich eben nie geliebt." Er wollte nicht, daß sie das glaube, obgleich in seinem innersten Herzen seine vergangene Liebe ihm wie etwas recht Laues und Schwächliches erschien. „Ich habe Dich dennoch geliebt," sagte er ernst. Trotz ihrer Leiden, war es ein süßer Trost siir Madeleine, diese Worte zu hören. Sie sagte: „Was habe ich gethan. daß Tu mich zu lieben aufgehört?" „Nichts, Du warst die Vollkommenheit selbst. Ich bin ein Elender. Ich verdiene nur Deinen Haß und Deine Ver- achtung... Ich habe Dein Leben in einer entsetzlichen Weise vernichtet. Dir bleibt nur eines zu thun übrig: mich für ewig aus Deiner Gegenwart zu verbannen." Madeleine war mit ganz klaren, ganz festen Entschlüssen gekommen. Aber sie war dennoch eine Frau, die trotz allem diesen Mann liebte, und als sie ihn so entschlossen sich der Lage fügen sah, wurde ihr Herz von Schmerz erfüllt. „Und wenn ich dennoch verzeihen könnte?" „Tu würdest unglücklich sein! Ich könnte mit dem Bc- wnßtsein meines Verrates nicht an Deiner Seite leben. Es ist ein trauriges Geschick. Die Versöhnung geht über unsre Kraft. Laß uns beide wieder frei sein." „Und Dein Kind?" „Die Kinder uneiniger Eltern sind nicht glücklich. Ich weiß, daß Du es mir nicht ganz vorenthalten wirst. Tu bist gut und großmütig, und ohne alle Kleinlichkeit. Gieb dieses elende Strandgut, das Guy Herbeline heißt, auf..." Entsetzt gab sie keine' Antwort. Ein langes tragisches Schweigen, während dessen sie beide regungslos, mit gesenkten Blicken dastanden. Endlich verneigte er sich langsanl vor ihr und flüsterte ganz leise:„Vergieb! Lebe Wohl!"-- Und er ging seinem Geschick entgegen. Auf der Landstraße begegnete er Madeleinens Wagen und beauftragte den Diener, seiner Herrin entgegenzufahren. Dann schlug er einen Seitenweg ein, der zur» Fluß führte. jEr ging mit großen Schritten. Tiestraurig, aber ganz ent- schlössen, dachte er an die Zukunft, und die Zukunft erschien ihm viel weniger düster, als vor Madeleinens Erscheinen. Seine Lage war jetzt doch wenigstens klar. Er konnte eine letzte Hofftrung auf Wiederherstellung fassen, urrd was die Harrptsnche war, jetzt war er unlöslich mit derjenigen verbunden, die er beraubt und entehrt hatte. „Jni Leben und im Tode!" wiederholte er vor sich hin, mit einer Art schmerzlicher Eraltation. Guy fühlte sich als der Sklave von Margucritens Glück. Der Wald öffnete sich, ein kleiner Hügel lag vor ihm. Er erklomm ihn rasch, der Fluß wurde zwischen den Pappeln sichtbar. Plötzlich schwankte er und stieß einen furchtbaren, herzzerreißenden Schrei aus. Als Marguerite sich auf dem Flußpfad allein fand, wurde sie von einer Art Wahnsinn erfaßt. Ihrer jugendlichen, un- wissenden Seele erschien diese Katastrophe als etwas Schreck- liches, als das Ende aller Dinge. Sie ging ganz verloren, ohne zu wissen, wohin sie ihre Schritte richten sollte. Tie Gedanken jagten sich verworren und unklar in ihrem Kopfe wie eine Herde, die die Flucht ergreift. Für sehr junge Wesen stürzen solche Augenblicke die Bedeutung aller Dinge um: sie rauben ihnen fast den Verstand. Guy hatte einen furcht- baren Mißgriff begangen, als er das junge Mädchen allein gehen ließ. Ter entfesselten Gewalt eines allzu feurigen Ge- Wissens preisgegeben, war sie alles im stände. Madeleincns Erscheinung, ihr bleiches, verächtliches Antlitz, vor allem aber die Worte der jungen Frau waren gleichsam das Leitmotiv ihrer schmerzlichen Aufregung. In diesem Augenblick hatte sie den unbedingten Glauben an ihre Worte. Sie glaubte wirklich, daß Guy ganz unglücklich sein würde, und dieser Gedanke ließ sie in Jammer ausbrechen. Eine Todeskälte Fuhr durch ihre Glieder. Sie hatte ein unbestimmtes Gefühl, l daß sie nicht verantwortlich für das Geschehene sei. aber sonderbarerweise kam sie sich um so gefallener, um so ver- derblicher vor, als eines jener Wesen, die für ein schreckliches Geschick bestimmt sind, dessen bloße Gegenwart mehr Böses anrichtet, als die schlechtesten Handlungen andrer. Hatte es nicht geniigt, daß sie in der Familie, wo alle so gut und so groß- mütig gegen sie waren, eindringe, um den Fluch über sie zu bringen? War sie nicht wie eine Geißel gewesen, die alles tötet, was sie erreichen kann? Ihre Aufregung wuchs immer mehr und mehr, und in demselben Grade floh sie schneller und schneller. Das Fieber brannte in ihren Adern, die Augen leuchteten entsetzt, in kurzen Zwischenräumen sprach sie halblaut vor sich hin. Ter Fluß tauchte in dem Augenblick vor ihr auf, wo die Krisis ihren Paroxismus erreichte, in dem Augenblick, wo Marguerite sich selbst ebenso gefährlich geworden war, wie der unerbitt- lichste Mörder. Wenn Guy sie in diesem Augenblick erreicht und sie in seine Anne geschlossen hätte, dann hätte sich alles in Weiicen und Schluchzcir aufgelöst. Aber das unerbittliche Geschick häng! oft an einzelnen Augenblicken. Herbelinc hatte eben den Wald verlassen, als Marguerite in ihrer unendlichen Herzensangst das fließende Wasser bc- trachtete, diese furchtbare hypnotische Kraft, die ein Wesen den unsichtbaren Mächten überliefert. Sie stieß einen leisen Schrei aus. Ihre ganze Seele flog zu Guy und zri ihrem Vater, und mit emenr Sprung stürzte sie in den Abgrund, wie die'Vögel in den Tropen dem sie fascinierenden Kopf der Schlange zufliegen... Wie ein Blitz flog Guy dahin. Aber wie sehr er auch eilte, zehn Minuten vergingen doch, ehe er das Ufer des Flusses er- reichte. Als er an die Stelle gelangte, an der er Marguerite verschwinden sah, sah er nur noch die flüchtigen Wellen, die Bäume lind das. Gras. Stromabwärts deckte ein Gebüsch von Weiden ein wenig die Strömung, eines der Ufer machte dort eine Biegung. Er durchsuchte das freie Wasser, dann lief er zu den Weiden hin. Nichts! Er enttleidcte sich teilweise. Er durchsuchte die Binsen, in denen der Körper verborgen liegen könnte, dann fing er verzweiflungsvoll wieder zu laufen an. Welleil durchschnitten jetzt die glänzende Oberfläche. Guy folgte jeder einzelnen, ohne jedes Resultat. Die Zeit verging: schon eine halbe Stunde setzte er seine Nachforschungen fort. Er hatte geschrieen, um die Landlcute herbeizurufen, aber seine Stimme verlor sich in der Einsamkeit. „Ich werde sie nie mehr wiedersehen! Ich werde sie nie mehr wiedersehen�" schluchzte er. Fast in dem Augenblick entdeckte er etwas Blaues auf der andren Seite des Flusses nebeil einem mächtigen Granit- felsen. Er warf sich in den Fluß, schwamm hinüber, erreichte den Felsen und erblickte Marguerite in dem klarcii Wasser. In diesem Augenblick wurde sein ganzes Wesen zur That. Er faßte sie schlciinigst um die Mitte und schtvamm init ihr ans ttfer. Da erst ergriffen ihn Verzweiflung und Eiit- setzen. Mit einem Blick des Wahnsinns sah er auf das immer noch schöne, fahle Antlitz, die mächtigen Haare, den jugend- lichen Körper, den er vor kurzem noch so leidenschaftlich ans Herz geschlossen hatte. Itnd er schrie auf: „Siel, da, das Werk von Guy Herbelinc!" Er stürzte sich auf sie, er drückte einen heißen Liebeskuß auf ihre kalten Lippen, und bei dieser Berührung durchdrang ihn eilte große Hoffnung. Er begann nun gegen den Tod zu kämpfen. Es dauerte lange: es war furchtbar, entsetzlich. Umsonst vergeudete er seine ganze Kraft, sein ganzes Wissen. Als die blutige Abendröte sich über den Fluß breitete, auskultierte er sie zum letztenmal, befühlte nach allen Seiten diesen armen, eiskalten Körper und sah, daß es für immre vorüber war. Da setzte er sich ins Gras, nahm sie auf seinen Schoß und bedeckte sie mit unzähligen Küssen: „Ich habe Dich bcstohlen, ich habe Dich getötet! Weil ein verarmter Arzt eines Abends vor einer geöffneten Geld- lade stand, mußtest Tu in Deiner Jugend und Schönheit zu Grunde gehen! Weil ein Elender nach Reichtum strebte, mußtest Du, Geliebte, sterben! Tu warst geschaffen, um geliebt zu werden! Das Glück lag in Dir, Tu armes, kleines Mädchen von ManteS!... Marguerite! Marguerite! Ich habe Dich getötet, und doch konntest nur Du allein mein Glück sein! Ach! wie warst Tu reizend! Kein Mann hätte Dir widerstanden, wenn Tu nur gewollt hättest. Und ich war es, der Dich besessen hat; ich. Dein Räuber, Dein Mörder! Von allen Männern gerade ich, der nicht hätte wagen dürfen, den Saum Deines Kleides mit seinen Lippen zu berühren! Ich habe Dich besessen, denn ich sollte Dich töten. Ties hatte das Schicksal bestimmt und ich habe es vollbracht." Und wie in einer Fallucination erstanden plötzlich vor seinem Geiste alle Ereignisse, die sein Verbrechen nach sich ge- zogen hatte. Mit entsetzlicher Klarheit sah und durchlebte er nochmals all seine Handlungen, die einander unerbittlich, wie nach einem Naturgesetze, gefolgt waren.... Verwirrt strich er sich mit der Hand über die Stirn, dann drückte er nochmals verztveiflungsvoll die Lippen auf ihren Mund und versuchte ihr Leben einzuhaucheir, aber sie blieb regungslos und starr. Da flog ein wehmütiges Lächeln über seine Züge:„Ich mußte Dich töten, Geliebte, aber ich sollte auch mit Dir sterben," flüsterte er,„komm, laß uns gehen."—_ Er erhob sich schwankend, die schwere Last auf seinen Armen; noch einmal ruhten seine Lippen auf dem Mund, den er so sehr geliebt, dann versanken sie beide in den Wellen, die die Abendröte blutig färbte.—• (Nachdruck verbolcn.) „Mas ilt Mabrbeit?" Von Emil R o s e n o w. Dcr Lüutcr der Kirchcngemcindc des llcinen Provinzialstädichcns hielt Crbauungsstunde. Er war seines Zeichens ein Schuster; im Ncbcuamte besorgte er das Läutewerk der Kirche, daher nannten ihn die Leute: den Lauter. Das Amt hatte er schon seit dreißig Jahren inne. Fast kein Toter lag auf dem Kirchhofe, dem er nicht zur letzten Fahrt geläutet hätte. Drei Pastoren hatte der Mann überdauert und hatte an jedem Sonntag die diesen: entsprechende Predigt gehört. Von all' dem war etwas in ihm haften geblieben. Bei dem taktmäßigcn Anziehen der Glockenstränge auf dem finsteren Kirchturm, während der Morgen- frühe und der Abenddämmerung, war er ein Philosoph geworden. Sein Geist war über den Schusterschemel hinausgewachsen und hatte einen Stich inS Genialische bekommen. Die strenggläubigen Theorien dreißigjähriger Predigten, der Mysticismus spiritistischer Sekten, die überall unter den armen hoffnungslosen Leuten kleiner sächsischer Orte Anhang haben, hatten den Grund zu der Philosophie des Lautcrs gelegt. So versammelte er denn Sonntagnachmittag seine Anhänger in der engen muffigen Schusterstube und predigte ihnen ein seltsam verworrenes Zeug, hie und da mit einem Körnlein Verstand durch- setzt. Tarin war von Seelenwandcrung und Gcisterschcinung, von Anklopfen und Vorhersagen die Rede. Gerade dieser Mysticismus, mit kirchlich- religiöse» Theorien, Bibelsprüchen und Gesangbuchvcrsen vermischt, bewirkte, daß der Lauter viel Zulauf hatte. Die Kircheu- gemeinde hatte bereits daran Anstoß genommen und hatte dem Mann das Predigen verbieten wollen. Aber wie es so in kleinen Orten ist,!oo die Leute gleich die Ohren spitzen und denken: Aha, der Lavier predigt besser als der Pastor, drum wollen sie's nicht leiden.. kurz, der Pastor hatte noch immer nicht de» richtigen Weg gefunden, es ihn: zu verbieten, und so predigte der Schuster weiter. Auch heute predigte er wieder. Er stand auf dem Podium beim Fenster, wo der Schustcrtisch mit Lampe und Wasserglocke, Schemel und Arbeitsgerät Platz hatte. Letzteres hatte er feierlich unter einem weißen Berrlaken verdeckt. Er hatte einen verschossenen Bratenrock an, den er alljährlich, wenn der Pastor ihn abgetragen hatte, von diesem um ein paar Groschen erstand. Sein blasses Hungcrgesicht hatte zwei dnnkelrote Flecken, die Augen tvaren auf- gerissen, mit den Armen fuchtelte er. in der Luft herum. So predigte er den dichtgedrängte» Zuhörern, die in dem halbdunklcn, nur kümmerlich von einer Petroleumlampe erleuchteten Räume standen und saßen. Ilm dieselbe Zeit lamcn ein paar junge Leute vorüber, die sich drüben im Gasthof an Bockbier gütlich gcthan hatten. Es waren Seminaristen vom Lehrerseminar der kleinen Stadt. Sic hatten sich einen vergnügten Sonntag'gemacht und waren ausgelassener Laune. Wie sie am ArbeitSfenstcr deS Schusters vorbeikämen, hörten sie hinter'm Laden seine eifernde Stimme. „Horch'mal," sagte einer,„d'r Lauter predigt." Sic legten ihre Ohren an die Ladenritzen und aniüsierten sich über den Lauter. Der hatte nämlich die komische Eigenschaft, jeden Satz zweimal zu sagen; zuerst mit Flüsterstimme, gleich einer neuen Offenbarung, dann mir domcerndem Tonfall, gleich der Posaune des jüngsten Gerichts. Als die jungen Leute deS Unsinns genug hatten, traten sie auf die Mitte der Kirchgasse zurück und ein langer Dürrer, der unter den Seminaristen die humanistische Bildung markierte, deklamierte überlaut:„Ist es auch Wah— ah— ah— nsiiut, hat es doch Metho— o— o— de!" Aber da war ein kleiner Ticker, der voll nichtsnutziger Einfälle steckte. Ter hielt dem Gebildeten den Mund zu und, indem er auf das mifgcbrochenc Gassenpflaster deutete, tuschelte er:„Wenn m'r jeder eenen dücht'gen Pflastcrstccn nemm'n, un' schmciß'n'n uff Kommando an den Laden, da möcht'n die drinnen keenen schlechten Schrecken kriegen." Das Ivar kaum gesagt, als schon jeder einen passenden Stein in der Hand hatte. Doch ehe sie den Laden demolieren konnten, öffnete sich die niedrige Hausthür und die frommen Erbauungsteilnehmer, lauter alte Weiber und verhuzelte Männer, betraten die Gasse, denn gegen Abendläuten bremste der Lauter prompt seinen Redestrom. Tie Seminaristen hatten sich eiligst versteckt. Da kam auch schon der Lauter über die Gasse. Er hatte eine brennende Laterne, sowie einen Schlüsselbund in Händen. Noch ganz erregt von seiner Predigt, ging er zur Kirche hinüber. Er öffnete am Glockenturm die schmale Seitenthür, trat hinein, stellte eine Leiter an die Boden- lukc, kletterte vorsichtig hinauf und verschwand auf dem Glocken- boden. Gleich darauf schwangen sich die ersten feierlichen Klänge des Abendläutens über das Städtchen dahin. Die jungen Leute tvaren aus ihrem Winkel hervorgekommen und standen an dem Turnipförtlein.„Wie wär's'n," fragte der kleine Dicke,„wenn m'r dem alten Spiritistenpred'ger'mal's Fürchten beibrächten? Paßt'mal uff, das wird'n Hauptspaß." Er hieß sie, ihm alles geräuschlos nachzuahmen. Er kletterte die Leiter hinauf, die andren ihm nach. Droben steckten sie die Köpfe durch die Boden- luke. Da sahen sie den Lauter inmitten des leeren Bodens stehen. Die Laterne neben der Luke traf mit ihrem Schein den Man» und warf feinen Schatten gespenstig lang an die Turmmauer. Aber der Lauter achtete dessen nicht; ganz vertieft in Gedanken, der Luke den Rücken gewendet, zog er am Glockenjtrange. Der Dicke bedeutete die andren, die Cigarren, welche sie in Händen hielten, umgekehrt zwischen die Zähne zu nehmen, daß das Feuer die Mundhöhle erleuchte. Dann drückte er ihre Köpfe dicht aneinander und gab mit der Faust der Laterne einen Schlag, das; sie klirrend zerbrach und erlöschend dem Lauter zwischen die Beine flog. „Hu— Hu— Hu— ech— cch— cchUI" machten die Kerle und ihr heißer Atem ließ das Feuer der Cigarren aufglimmen, daß ein paar große, feurige, unerklärliche Punkte durch die Finsternis glühten. Ter Lauter ließ den Glockenstraug fahren und prallte gegen die Turmmaucr. „Alle guten Geister loben Gott, den Herrn!" kreischte er. „Hu— Hu— Hu— ech— cch— ech 1 1 1" machten die Kerle. Eine sekundenlange Totenstille. Eben wollten die bierfröhlichen Nichtsnutze, ob der Komik der Situation, ihrer Heiterkeit lauten Ausdruck gebe», als die Scene plötzlich eine schrecklich ernste Wendung bekam. Ter Lauter stieß einen gellenden Angstschrei aus und schlug kopfüber zu Boden. Die jungen Leute purzelten mehr als sie sprangen die Leiter herunter und jagten in die Stadt. Diesen Ausgang ihres BierspatzeS hatten sie sich nicht vermutet. Nun hatte das plötzliche Stocken deS eben begonnenen Abend- ISntenS ein paar Anwohner der Kirchgasse stutzig gemacht. Die traten vor die HauSthüren, hielten Umschau, gingen dann zum Turme hin- über und, da sie wohl die Leiter an der Bodenluke, aber auf dem Glockenturm kein Licht sahen, riefen sie den Lauter an. Keine Ant- Ivort. Da kletterten sie hinauf, leuchteten mit Zündhölzern den Boden ab und fanden den Lauter in seinem Blute liegen. Alsobald ward die ganze Nachbarschaft alarmiert und, von einer großen Menschenmenge begleitet, wurde der arme Schuster für tot in seine Wohnung gebracht. Tot Ivar er nun glücklicherweise nicht. Aber eine längere Krank- heit fesselte den Mann ans Bett. Der Vorfall versetzte das ganze Städtchen in ungeheure Aufregung. Man sprach einige Zeit von nichts andrem als von dem rätselhaften Unfall des LauterS. Währenddessen schwebten die Seminaristen in tausend Aengsten. Sie sahen sich bereits für ihre Misscthat schwer heimgesucht, in allen ihren Karriöre-Aussichten vernichtet. In ihrer Ratlosigkeit beschlossen sie endlich, so groß auch die Strafe sein werde, dem Seminardirektor die Uebcllhat zu bekennen. Der Seminardircktor schalt zunächst in gerechter Empörung das Blaue vom Himmel herunter, wünschte sich in das kleinstc Nest hin, bloß um diese heillose Jugend nicht länger unterrichten zu brauchen, und schwur, er werde nun sofort beim Bürgermeister Anzeige erstatten. Daun aber dauerte ihn die Schande um das Seminar und die möglichen Vorwürfe, die ihn selbst treffen könnten. Er verhieß des- halb den juiigeil Leuten völliges Stillschweigen, wenn sie gelobten, dein Lauter de- und wehmütig Abbitte zu thun. Das gelobten die Ucbelthnter, mit Dank für des Rektors verständigen Entscheid. Unterdessen war der Lauter wieder zu Verstände gekommen. Der Mann begann nun, erst schüchtern, dann aber immer bestimmter und nachdrücklicher zu versichern, ihm sei auf dem Turm ein schreck- liches Ungeheuer erschienen. Unter Donnerkrachen sei die Laterne verlöscht, während in der Bodenluke ein gräßlicher Drachenkopf er- schienen wäre; mit glühenden Augen, Oualin und Glut im Nachen, so habe es sich heulend gegen ihn gewandt, daß er die Besinnung verlor. Diese merkwürdige Erzählung begegnete anfänglich zwar Kopf- schütteln; da aber der Mann ihre Richtigkeit mit Thränen und Schwüren beteuerte, in allen andren Dingen auch ganz ruhig und ohne Exaltation ivar, so daß man an seinem Verstände nicht zweifeln konnte, ward sie schließlich geglaubt. Selbst der Pastor bettachtete den Vorgang als einen solchen,„bei welchem alle menschliche ErklärnngSknnst stockt", und der Postsekretär, der ein„bedenk- licher Kopf" war, wie die Leute sagten, meinte gewichtig, es sei die„materialisierte Manifestation transzendentaler Phänomenal- ©igantome!" Bei solckicr theologischen und wissenschaftlichen Unter- stiitzung rückte der Gespenster-Schuster zu einer allgemein angestaunten Stndtsehenswiirdigkeit empor. Er ging feierlich umher, gleich einem jener urchristlichen Wüstenheiligen, den Engel und Teufel mit ihrem Besuche beehrten. Seine Erbaunngsstunden bekamen einen ge- wältigen Zulauf. Er predigte nur noch über das Kirchturmgespenst, welches mit jeder Predigt mehr ins riesenhaft Schreckliche empor- wuchs. An einen: solchen Predigtsonntag war es, als die Seminaristen in das Haus des Lauters traten. Die Schusterftube war mit Menschen überfüllt, so daß sich die jungen Leute in die Thürecke drücken mußten. Der Lauter stand wie gewöhnlich auf seinem Arbeitspodium unter dem Fenster. Er predigte den atemlos lauschenden Leuten über das Thema:„Was ist Wahrheit?" Liebe Brüder und Schwestern. Was ist Wahrheit? Ja, was ist Wahrheit! Wahrheit ist unbedingt, Ivas ich gesehen habe.. waS ich mit meinen zwce Oogen gesehen habe! Und ich habe etwa? gesehen.. Ja, gesehen Hab' ich Ivas I Und wo? Nu, uff dem Kirchturm.. Uff dem Ki—i— i— rchtu—u— u— rrrm! Und WaS Hab' ich geseh'n?.. Ja. WaS I Staunet! Brüder und Schwestern.. Staunet! Staunet l Ich habe denLeviathan gesehen! Den Leviathan l Er kam auf mich zu mit glühenden Oogen und sprach zu mir:„Siehe, ich erscheine Dir im Namen Satauas i ich will Dich versuchen!" So ging eS eine Stunde weiter, bis der Gespenster-Schuster er- schöpft auf seinen Schemel sank. Da erhoben sich die Zuhörer und gingen erschüttert hinaus. Ein Teil defilierte an dem Podium vor- bei, um den Wundcrmann noch ehrfürchtig in nächster Nähe zu be- wundern. Llls alle hinaus waren, traten die Seminaristen vor.„Sie werden entschuldigen, Herr Schwabe, wir möchten Sie gütigst unter vier Oogen sprechen." „Sprecht, meine Brüder," sagte der Lauter mit Pathos. „Der Herr Seminardirektor schickt uns her..." „Was will er von mir armem Knecht..?" Da brachten sie unter vielem Stocken, unter Thräncn und Ent- schnldigungen ihre Geschichte vor. Dec-Lauter verstand anfänglich nicht. Dann aber horchte er auf. Er vermochte kein Wort hervorzubringen, und als sie geendet hatten, fiel er käseweiß auf einen Stuhl. „Es ist ja nicht möglich I Es ist ja nicht möglich I" rief er pathetisch. Doch sein Pathos verließ ihn. Eine Jammergestalt, saß er auf dem Stuhl und stotterte in einem fort:„is's denn die Mceglichkect? is's bloß die Meeglichkcct?"... Plötzlich fuhr er auf. Er hatte seine Fassung wiedergewonnen. „Habt Ihr schon mit sonst jemand darüber gesprochen?" „Nee, nee." Sie beteuerten ihr Schweigen. Der Lauter seufzte erleichtert auf.„Versprecht mir, es auch in Zukunft nicht zrr thun." Sie schwuren es.„Euch sei vergeben!" _ Da gingen sie erleichtert hinaus. Der Lauter aber schickte sein Weib umher und ließ für den nächsten ErbauungSabcnd einladen, unter dem Thema:„Der Lcviathan erwiesen durch die Wahrheit!"— kleines feuilleton. — Die Berhindcrung des AbrahmcnS der Milch. Das Abrahmen der Milch, d. h. das Emporsteigen der in der Milch enthaltenen Fettkügelchen in die obersten Schichten wird bekanntlich dadurch gefördert, daß die in Frage kommende Differenz zwischen dem specifischen Gewichte der Milch und den in ihr enthaltenen Butter- kügelchcn durch die Eentrifugalkraft in ihrer Wirkung verstärkt wird. Die Einführung von Centrifugen für die Abscheidung des Rahnrens hat sich in der Molkerei in den letzten Jahrzehnten ganz allgemein eingeführt, die dafür dienende Specialkonstruktionen werden Separatoren genannt, und am verbreitctsten dürfte wohl der von G. P. de Laval irr Stockholm erfundene Alpha-Separator sein, der wie � alle andern jetzt gebräuchlichen Systeme den ununterbrochenen Zufluß frischer Milch und getrennten Abfluß des Rahmes und der Buttermilch gestattet. Man hat nun, und zwar zuerst in Schweden, die Beobachtung gemacht, daß unter Umständen die Trennung des Rahmes durch Eentrifugalkraft nicht oder nur außerordentlich schwer gelingt. Verantwortlich für diesen Umstand ist eine zn starke Be- wegung der Milch vor der Separation, durch diese werden rrämlich die Fettkügelchen in so kleine Teilchen zerrissen, daß ihr Auftrieb, trotzdem die Eentrifugalkraft zu Hilfe genommen wird, innerhalb der schweren Milch nur höchst gering ist, weil ja die dem Auftrieb hinderliche Reibung in der Flüssigkeit langsanrer abnimmt, als das Gewicht des Fettkügelchens, wenn dieses zerkleinert wird. Dieselbe Beobachtung kann man beim Buttern machen. Geschieht dies mit zu heftiger Bewegung, so ist die Butterabschcidung eine langsame und ungenügende und man hat sich daher in beiden Fällen vor einer starken Durchschüttelung der Milch zu hüten. Run giebt es aber auch Fälle, in denen daS Abrahmen der Milch eine unerwünschte Erscheinung ist und zwar dann, wenn man die Milch aus längere Zeit genießbar erhalten will, und das ist der Fall bei sterilisierter Milch, aber auch bei Milch, die im gekühlten Veranlwortl. Redakteur: Julius Knltöti in Berlin.- Druck und Verlag: Zustand einen längeren Eisenbahntransport durchzumachen hat. In diesen Fällen verliert die Milch an Brauchbarkeit durch Absetzen des Rahmes sehr, und es muß als ein sinnreicher Gedanke be- zeichnet werden, wenn der Franzose Gaulin die vorhin berührte Erscheinung dazu benutzt, mn das Absetzen dcS Rahmes hint- anzuhalten. Er zerteilt nämlich, wie die„Technische Rundschau" mit- teilt, die in der Milch vorhandenen Fettkügelchen dadurch, daß er die Milch unter einem Drucke von 2ö0 Atmosphären und bei einer Temperatur von 85 Grad Celsius durch sehr feine Kanäle, deren Oeffnungen mit polierten Achatscheiben nahezu verschlossen sind, hindurchpreßt. Die Buttcrkügelchcn werden dadurch in selbst mikro- skopisch nur noch schwer sichtbare kleinste Kügelchen zerrissen und die Absetzung des Rahmes geschieht alsdann, wie man schätzen kann, etwa' 50— 100 mal so langsam, als wenn die Butterkügelchen ihre natürliche Größe behalten.' Gaudin nennt diese Milch homogenisierte Milch; man kann annehmen, daß ihre Verwendung eine um so größere Zukunft hat, als die Vorbehandlung nicht kostspielig ist.— Kulturgeschichtliches. — In ein neues Licht bringen die Frage nach dem Alter deS Eisens in Aegypten die Fmrde, die in letzter Zeit ge- macht wurden und die ganz bedeutend daS Alter der Eisenkeuntms hinaufrückcn. Das Eisen ist danach den Llegyptern schon in der ältesten Zeit ihrer Kultur bekannt gewesen, und jene haben unrecht, welche behaupten, es sei erst viel später ihnen zur Kenntnis gelangt. Thatsache ist jetzt, daß schon 2000 Jahre, bevor das Eisen in Europa zur Benutzung gelangte, es in Aegypten im Gebrauche war. Wie H. R. Hall ausführt, fand Professor Flindcrs Petrie einen Klumpen bearbeitetes Eisen(steil?), der mit einem Stück Kupfer zusammen- gerostet war, in Nachlässen der sechsten Dynastie, wie aus den übrigen damit vergesellschafteten Funden sich zweifellos ergab, die wahrscheinlich zu einem Gebäude Pepis' l. gehören. Die Funde- sind jetzt im Britischen Museum aufgestellt. Dieser Eisenfund ist der dritte, welcher in daS alte Königreich gehört. Schon 1887 wurde ein Stück Eisen in der großen Pyramide gefunden, und 1882 entdeckte Maspero Eisen in der Pyramide von Abusir(fünfte Dynastie). Der Fund von Petrie, aus der sechsten Dynastie, ist aus Abydos. Die beiden erstcren Funde wurden mit Rücksicht darauf, daß das Eisen in Europa soviel später erst bekannt wird, stark angezweifelt; man glaubte nicht, daß dieses Metall schon im altägyptischen Königreiche bekannt war. Roch 1888 erklärte Montelins, daß im älten und im mittleren Königreiche bis 1500 v. Chr. das Eisen in Aegypten unbekannt gewesen und nur allein Bronze im Gebrauch gewesen sei; er befand sich damit in Uebereiustimmung mit andern Gelehrten, die schon früher zu der gleichen Ansicht ge- langt waren. Gegenüber dem neuen Funde von Professor FlinderS Petrie ist dieses jedoch nicht inehr aufrecht zrr erhalten, und die beiden erwähnten früheren Eisenvorkommnisse treten in ihr Recht und dürfen nicht weiter angezweifelt werden. DaS Eisen aus der Pyramide von Gizeh ist noch 150 Jahre älter als der neue Fund von Abydos. Daß im mittleren Königreiche das Eisen bekamrt war, geht aus einer Entdeckung Maspcros iir der Pyramide von Moham- nreriah bei Esne hervor; es handelt sich um verschiedene Werkzeug- stücke, die der 13. bis 17. Dynastie, etwa 2000 bis 1700 vor Christi, angehören. Ergebnis ist also, daß die Aegyptcr seit der vierten Dynastie, das ist 3700 vor Christi, schon das Eisen kannten und daß die Kenntnis sich alsdann ununterbrochen fortsetzt. In der 10. Dynastie war eS allgemein im Gebrauche, wenn es auch noch keineswegs die Bronze verdrängt hatte. In den langen Tribut- listen der 13. Dynastie ist eS nicht erwähnt, was seine Kenntnis natürlich nicht ausschließt; während der 19. Dynastie kennen wir es aus einem religiösen Texte von Abu Simbel, in welchem berichtet wird, daß der Gott Ptah die Glieder des Königs Ramses II. auS Elctrrum geformt habe, die Knochen aus Bronze und die Arme aus Eisen, das ba-n-pot heißt, und damit haben wir die älteste bisher bekannte schriftliche Erwähnung dieses Metalls. Der hieroglyphische Name hat sich bis heute erhalten, denn im Koptischen heißt das Eisen bouixe.—(„Globus".) Humoristisches. — Ein hoffnungsvoller Jüngling. Dame:„Ihr bestes Zeugnis ist wohl das JnrpfzeugniS?" Student:„Wieso, gnä' Frau?" Dame:„Nun, es ist das einzige, das den Vermerk trägt: „Mit Erfolg!"— — Monumentopolis. Erster Berliner:„Merk- würdig, auf diesem Platze hier steht ja noch kein Denkmal?" Zweiter Berliner:„Das soll wahrscheinlich ein Schmuck« platz bleiben."— („Lustige Blätter".) — N e u j a h r s t o a st eine? Staatserhaltenden: „Meine Herren! DaS verflossene Jahr war Dank der auf- opfemden Thätigkeit unsrer Regierung ein Beispiel musterhafter Ordnung. Es bestand aus 365 Tagen oder 62 Wochen, von denen jede eineir Sorrntag und sechs Wochentage enthielt. Ich glaube, dieser Rückblick crftillt rinS mit inniger Genugthuung und berechtigt uns mit Stolz auszurufen: unsre sorgfältige, von so schönen Er« folgen gekrönte Regierung lebe hoch, hoch, hoch I"— _(„Jugend'.) Vorwärts Buchdnickerei und Verlagsanstalt Paul Singer Li Co.. Berlin SW