Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 1. Freitag, den 1. Januar. 1904 l�liobe. sNnchdrnik vcrkotcn.) Stoman von Jonas L i e. 1. In der Studiersmbe fand eine Scene statt. Bleich vor Erregung schnellte der Doktor in die Höhe und glitt über den Fußboden, als wolle er die ersten Pas zu einem Holling") machen. Er zerknitterte einen Brief in der Hand. Die Reste desselben. Zwei, drei Bogen, lagen zerstreut auf dem Pult und über den Instrumenten. „Hütt' ich ibn nur hier! Hütt' ich ihn nur hier!" Er schaute zu der Decke empor und atmete schwer auf. „Das: er es wagt, mir so etwas zu bieten, solchen ellen- langen Blödsinn!" „Nun ja, Baarvig, wir müssen uns doch auch ein wenig darein finden, wenn die Kinder eine Weile unschlüssig umher- tasten, ehe sie mit sich im reinen sind. Die Jugend will heut- zutage ihren eignen Willen haben, will zu dem werden, worin sie ihr Glück sieht," entgegnete seine Frau: sie stand am Bücher- schrank und folgte ihm mit den Augen. „llns darein finden, uns darein finden— nein!" Er bohrte ihr seinen Blick förmlich ins Gesicht und sagte langsam: „Nein, Bente, ich finde mich nicht darein!" Die ruhigen grauen Augen, denen er begegnete, waren fester als die seinen. Und es war auch nicht seine Absicht, zu schrecken oder zu imponieren: er wollte ihr nur sein innerstes Innere zeigen und sie überzeugen, so daß sie gründlich begriff, daß kein Widerspruch, kein Ueberreden nütze, daß überhmipt jeglicher Versuch, ihn hinterher, wenn er wieder ruhig ge- worden war, zur Vernunft bringen zu wollen, zwecklos sein würde. Nachdem er hastig das Zimmer durchmessen hatte, wobei er gleichsam einen Gegenstand suchte, an dem er seine choleri- scheu Wallungen'auslassen konnte, ließ er seinen Körper krachend wieder in den Arbeitsstuhl fallen. „Ne— e. Bente, diesmal sind wir am Ende angelangt. Weiter kommt er nicht,— nee— c, keinen Schritt weiter." Er faltete die Hände mit der schwermütigen Nesignatioi: des intelligenten Mannes. „Erst war es die Theologie. Aber daraus konnte nichts werden. Denn er besaß nicht mehr den Glauben, nein,— nicht mehr den vollen, unverfälschten Glauben, so wie sie ihn da drinnen auf der Universität lehren." „Ja, Baarvig, das muß man doch respektieren!" „Ach was, als ob sie es in alten Zeiten-so genau und haarscharf mit dem Glauben genommen hätten! Da genügte ein dritthalbjähriges Studium, und mit dreitcmsend Kronen konnte man auskoimneu. Aber, meinetwegen... Dann sollte es die Philologie sein und die Sprachwurzeln. Darin fühlte er sich wie ein„angehender Entdecker". War es nicht so. Du? Der angehende Entdecker der Wege zum Ursprung des Menschengeschlechts und dem Leben von der Urzeit an. Er war„entzündet von der Forscherbegicr": schrieb von„dem Feuer des Forschers", als wenn er ein echter Nordpolfahrer werden tvollte: ja, Bente. Und statt ihn ein wenig herab zu stimmen und zu ernüchtern, antwortetest Du im selben Tone. Ihr schwebtet immer in höheren Sphären/ „Glaubst Du, daß es so verkehrt war, daß ich den Jungen stützte? Endre ist nun einmal so beschaffen, daß er, um arbeite» zu können, in einer erhöhten Stimmung leben muß." „Ach ja, also erst Prophet,— Endre, der Prophet! Und dann Endre, der Entdecker! Hi. hi, ha, ha!" Der Dokror schüttelte den Kopf und schwenkte den Brief in der Luft. ..Und nun, Endre, der Sänger!— Ja. weiß Gott, er will Sänger werden!" Er sprang aus und hielt ihr den Brief hin. „Das steht hier, das steht hier, sage ich Dir!" schrie er. „Er will singen, Tu, der Junge will singen— will die Welt mit der Macht seiner Töne fangen," travestierte er. Cr drehte sich rund hemm und versuchte einige Opern töne anzustimmen, die sich mühsam seiner Kehle entrangen. Dann blieb er un- schlüssig stehen, während ihm die Adern an den Schläfen schwollen. *) Der Holling ist ein in Norwegen gebräuchlicher Svniigtanz. „Wenn ich doch nur einen Schlaganfall bekäme!" „Gott bewahre Dich vor Deiner eignen Heftigkeit, Baarvig: ich wollte, Dn vergriffest Dich an mir, um einen Ableiter zu haben. Deine Frau würdest Du doch wohl nicht gleich ganz totschlagen, wie?" fügte sie mit einer eignen, warmen Färbung der Stimme hinzu. „Ja, so daß das Haus brotlos dastünde— und zum Hineinbeißen nichts weiter da wäre als die nüchternen, kahlen Wände," setzte er mit verbissener Schadenfreude seinen vorhin begonnenen Gedankengang fort. „Dann würde erstens einmal nichts aus dem Geldbrief jeden ersten des Monats. Und dann könnte er ja sin— gen, so daß ihm der Magen vor Hunger wie ein Posthorn heulte— g-cich die ganze Skala vom hohen? an nehmen. Ein Mittag- essen würde freilich nicht daraus— nein, ganz und gar nicht, Und dann»vürde am Ende die gesunde Vernunft kommen, so daß es vielleicht nicht mehr zu sehr unter seiner Würde wäre. über solche unbedeutende Dinge wie das Mittag- und Abend- essen nachzudenken. „Ja. denn es durfte hier im Hause ja niemals erwähnt werden, daß er sich um so materieller, gemeiner Gründe willen, als da ist die Erwerbung des täglichen Brotes, dem Studium der Theologie, oder der Philologie widmete. Es geschah stets mit einem höheren Ziel vor Augen. Ich habe dies Lurus- raisonnement niemals verstanden, habe nur ein Gefühl des Unbehagens dabei gehabt, als sei eine Katze im Zimmer. Und dazu hast Du redlich das Deine beigetragen, Beute! Hast sie stets in diescni Hochtrabenden, Idealen bestärkt." „Wir leben in einer neuen Zeit, Baarvig. ES ist jetzt nicht mehr so ohne Auswege wie in meiner Jugend, wo einem nichts weiter übrig blieb, als das zu nehmen, was sich gerade bot, und zu resignieren und wieder zu resignieren." „Ja, sie schnüffeln und schnüffeln herum, um das zu finden,„worin sie ihr Glück zu sehen glauben", wie Du vorhin so schön sagtest.' Sie haben es jetzt so damit heraus, ein „inneres Wesen" zu besitzen,— müssen sich vor allen Dingen darüber klar werden, zu welchem Tagediebsleben sie wohl am meisten Lust haben. Es ist heutzutage ihre heiligste Pflicht, das zu ergründen." „Dil bist klug und auch intelligent genug, Baarvig: aber Du schreitest nicht mit der Zeit vorwärts. Du lehnst Dich vor- sätzlich dagegen auf." „Meinst Du? Ha, ha, ha! Ja, er opfert sich jetzt natür- lich der Kunst— der Kunst des Gesanges! Heißt es nicht sa im modernen Kauderwelsch?" „Lieber Baarvig, willst Du nicht einmal versuchen, die Sache etwas ruhiger anzusehen?" „Du kaufst, ich schwör' es Dir zu, Bente," schrie er,„Du kaufst doch, weiß Gott, Schuhe, um warme Füße zu haben, nicht aber um dem Schusterstaude aufzuhelfen. Pah! Wie ich diese Räisonnements hasse!" Er wiederholte die letzten Worte einmal über das andre, sich mit der Hand ungeduldig über den großen Schädel fahrend. Es entstand eine Pause, während welcher Frau Baarvigs zarte Gestalt sich ihm leise näherte. Gleich einer sanften Tier- bändigerin ließ sie die Finger beschwichtigend und beruhigend durch sein Haar gleiten. »Ja, sag' mir, daß es ein Jammer um mich ist. Beute; ich bin vollblütig, und ich bin im Recht, darf aber wegen Eures verdammten weichlichen Rncksichtnehmens und um Eurer Zärtlichkeit willen nach keiner Richtung hin ausschlagen. Du kannst mir's glauben, ich sterbe noch einmal einzig und allein daran!" „Wenn wir nur so weit kämen, daß wir vernünftig zu- sammen darüber reden könnten, so solltest Du sehen, welch' eine Erleichterung das ist," tröstete Frau Beute jetzt, wo die Macht des Paroxismus gebrochen schien. „Vienrndzwanzig— vierundzwanzig Seiten voll blühenden Unsinns, voll geschraubter, imbcciler Eingebildet- heit. Natürlich, keiner der Professoren ist es wert, ihm die Schuhe zu putzen. Sein Fach produziere jetzt alljährlich nur einen neuen Schub kurzsichtiger Pedanten, die nach Rom und Griechenland gehören und in unsrer Zeit umher gehen, vls hätten sie jahrhundertelang im verzauberten Berge gesessen. und aus all diesem Rauch und Dunst und diesem ganzen über» ftfminlcn Gebräu heraus kommt dann schließlich der eigentliche Kernpunkt: Jetzt will er Sänger werden! Pah!" Er begleitete diesen Ausruf mit einem schmatzenden Laut der Lippen und starrte sie wie geistesabwesend an. „Nein, Du,»er hat keinen Frieden vor seinem Gewissen. so lange er in dem Bewußtsein lebt, daß er seinen Beruf ver- fehlt hat", das schreibt er selber." „Lieber Baarvig, Tu solltest jetzt doch an etwas andres denken, als wie Tu mich plagen und peinigen kannst. Trauern wir denn nicht beide um unsre Jungen, mein Freund?" „llnd dann kann er es nicht vertragen, seine Zukunft an eins dieser Spießbürgermetiers zu binden, sich als Staats- beamter in kleinlichem Zuckeltrapp um dasselbe geistlose Bor- schriftsmäßige zu bewegen, so daß es längst vergessen ist, daß es überhaupt etwas giebt, waS man als Eingebung eines freien Willens bezeichnet. Verstehst Du wohl. Beute, Willens- cingebling!" „Ja, mein Freund, mach' Tu Dir Luft. Ich fühle es Dir nach, wie nötig es Dir ist, und Tu thust mir leid." Sie redete ihm zu Munde, während ihr sinnender Ausdruck davon zeugte, daß in ihr etwas gärte. '„Er würde es als Erniedrigung empfinden, schreibt er, wenn er so ein Beamter werden sollte; er würde sich wie ein lebloser Gegenstand vorkommen, wie der Zapfen an einer Maschinerie— ha, ha! Hörst Du wohl, Du bist mit dem Zapfen an einer Maschinerie verheiratet, Beute! Aber wenn er meint, daß er noch einen roten Heller von mir bekommt, so..." Er warf den zu einem Ball zusammengeknittcrten Brief ans den Tisch. „lieber einen Punkt sind wir uns aber doch einig, Baarvig,— wir wollen doch beide das Beste aus dem Jungen machen, was wir nur können, llnd mich hat eine tödliche Angst ergriffen," sie beugte sich in großer Erregung über ihn, und ihre Stimme sank zum Flüsterton herab.„Sollte vielleicht gerade all dies überströmende Gefühl von Stimmungen bei ihm der Ausdruck einer Künstlernatur sein? Ach, Baarvig, wenn wir nun schuld daran sind, daß seine Begabung ans ein Gebiet gedrängt wurde, wo sie nicht hingehörte? Ich ver- stehe so wenig davon, kann es nicht durchschauen... Er ist nun einmal so geartet, daß er sich bei allem, was er vor- nimmt, in einer gewissen erhöhten Stimmung befinden muß. llnd wir wollen ja, wollen ja, wollen ja alles für den Jungen thun, damit er sich selber finden und nicht unglücklich werden möge," rief sie mit einer solchen Gewaltsamkeit der Empfindung aus, daß der Doktor sofort fühlte, er müsse dagegen an- gehen. „Ja, nun ist er eine Künstlernatur geworden!" rief er auS und sprang auf.„Jetzt ist wohl auch gar bei ihr eine Schraube losgegangen! Nein, keinen roten Heller!" Er riß die Tür nach dem Nebenzimmer auf, so daß das Holzwerk bebte. „Aber Vater!" klang es ihm entgegen. Es war seine älteste, achtzehnjährige Tochter Minka, die erschrocken mit ihrem Klavierüben inne hielt. „Ach, es hat nichts zu bedeuten, mein liebes Kind," sagte er mit verbissenem Ton.„Es handelt sich nur um Deinen Bruder Endre. Er will die Philologie aufgeben und Sän— ger werden!" rief er ihr in seiner Wut halb singend nach dem Klavier hinüber,„llnd Deine Mutter fängt schon an, über seine Künstlernatur nachzugrübeln." „Ja, aber Vater," wandte Minka ein,„wenn er nun wirklich den Beruf in sich fühlt!" „Ten Beruf— den Berus? Ich glaube, das ganze Haus ist aus Redensarten zusammengesetzt." Ein wenig unsicher meinte Minka: „Aber Endre hat ja eine so schöne Stimme! Wenn er in Gesellschaft ist, bitten sie ihn stets zu singen." l Fortsetzung folgt, h Oer Siwelternarr. Der Mensch war gerad' am Silvesterabend geboren worden, während die Welt sich in Punsch, Gelächter und Johlen aufzulösen trachtete. Die Hebamme hatte es eilig; sie wollte noch rechtzeitig zum Bleigiesten kommen, um zu erfahren, ob der Traum ihres Lebens endlich im neuen Jahr erfüllt werden würde: einen ver- spätcten Majoratsherrn gegen Barzahlung eines Tausendmarkscheins von der Nabelschnur zu lösen. Zu solcher Gunst des Schicksals war der silvesterliche Blcigutz um so notwendiger, als in ihrem Bezirke nur armes Volk lebte, das seine Säuglinge in Lumpen bettete und dessen Eltcrngefühle sich zunächst in der Furcht vor der unvermeidlichen Honoricrung der weisen Frau erschöpften. Sie empfanden den Eintritt der würdigen und umfangreichen Dame wie den Besuch eines Exekutors; und sie war ja auch so etwas wie eine Zwangsvollstreckerin des Lebens. Im Falle unsres Menschen aber. der, wie meine scharfsinnigen Leser sofort vermutet haben, mit dem Silvesternarren des Titels identisch ist, mußte die brave Frau in der Hast einen kleinen Kunstfehler begangen haben. Vielleicht hatte sie den Säugling in der Gegend des Zwerchfells zu derb an- gepackt oder sie hatte versehentlich die Lachmuskeln, um sie vor jeder erblichen Verunreinigung zu schützen, mit Höllenstein gebeizt— sicher ist, wie auch immer die Anatomie und Physiologie über den Fall denken mag: der Silvesternarr war seit seiner Geburt unfähig zu lachen. Als ihn einmal ein Spielgenosse an den Fußsohlen kitzelte, gab es eine unterdrückte Erplosion des Lachens; der Junge fiel in Krämpfe, klagte über Schmerzen im ganzen Leibe und erlitt einen Bruchschaden. Er blieb ein Stummer der Freude, stumm, aber nicht taub. UebrigenZ begab sich die Geschichte vor unkontrollierbar langer Zeit, damals, als die Märchen noch Wirklichkeiten waren. Wie der lachstummc Silvesternarr heranwuchs, ward die Sehn- sucht in ihm immer stärker. Lachen zu hören. Aber die Menschen waren verdrossen. Sie ächzten unter der Onal ihres Daseins und bezogen ihre Lustigkeit aus gegorenen Kartoffeln. Das bekümmerte den Silvester- narr, der ein Grübler und Schwärmer war, und er ging unter die Menschen und heckte allerlei lustige Geschichten und bunte Schwanke und stachelnde Spottworte aus und erzählte sie aller Welt, also, daß, wohin er auch kam, sofort ein Gelächter entstand. Seitdem kam der Narr zu hohem Ruf. Er hielt das Volk bei guter Laune, tticb sie durch seine Ermunterungen zu vielerlei guten Dingen, und indem er die Widersacher des Menschentunis in die Flucht peitschte, erhob er das Leben der Freunde, half ihnen über schlimme Stunde» hinweggleiten und im Lachen schwere Pein anSschütten. Cr war unermüdlich in krausen Erfindungen, und sein Humor heilte Hunger, Liebe, Pest und Wahnsinn. Einmal an einem schönen Frühlingstage sah er, wie ein Lebensmüder an einem blühenden Apfelbaum just Anstalten traf, sich einen Strick um den Hals zu legen. Ruhig begann der Silvesternarr eine Geschichte zu erzählen. Der Selbstivürger begann herzlich zu lachen und hielt sich am Ast fest, daß die Schlinge locker bliebe und er das Ende der Geschichte abwarten könnte.„Rein, das geht nicht," rief der Narr, „die Geschichte ist zu lang und ich kann nicht Stunden hindurch zu Dir hinausschreien". Da kletterte der Mann herunter, setzte sich zu dem Narren und lachte so lange, bis er Strick und Tod völlig ver- gessen hatte. Als dieser Heilerfolg ruchbar wurde, beschlossen einige Milliardäre den Silvesternarren zu gründen. Ein riesiges Lachsanatorium für Triiffelkrmike und Sektirre sollte gegründet lverdcn. Der Narr hatte die Verpflichtung zu übeniehmcn, täglich sechsmal frische Witze und Schwänke zu liefern und sollte daftir lebenslänglich dreimal in der Woche warmes Abendbrot kriegen. Aber der Narr war ein Vaga- bond, lief nach dem ersten warmen Abendbrot davon, so daß die armen Trüffelkrankcn und Scktirrcn, die sicki in der Genesung be- funden hatten, unheilbare Rückfälle erlitten. Er blieb lieber ein Freier und strapazierte seine' Phantasie schon für einen sauren Hering und ein Viertel Pfund Schweizerläse, die er freilich mit größerem Behagen verzehrt haben würde, wenn sich die Spender von Hering und Schweizeriäse nicht immer als seine Wohlthäter und Gönner aufgespielt hätten. Ist eS nicht aber auch eine noble Bezahlung, wenn dieser Narr für ein paar leichte luftige Worte, die mühelos den Lippen entflatterten, höchst solide, materiell greifbare, mit saurem Schweiß eingelegte Seefische erhielt! So trieb es der Silvestcniarr viele Fahre hindurch. Ueberall weckte er Gelächter und lachte nie selber. Eines TageS aber fiel es ihm schwer auf die Seele:„Alle nehmen von dir Freude und niemand sorgt, ob auch Du Dich zu freuen vermöchtest." Und er gewahrte. daß er mit jedem Lachen, das er entzündet hatte, selbst immer ärmer geworden sei an Lebensfreude, immer trauriger und ausgezehrter. Seinen ganzen Besitz an Hellem und Heiterem hatte er vergeudet und niemand hatte gemerkt, wie er sich zerrieb. Feindselig wurde er, mißtrauisch, gallig und senkte den Narrenkopf zum Boden. Er konnte nicht lachen, nun konnte er auch nicht mehr Lachen schaffen. Ein böser Aufftand brach aus. als der Narr derart seine Arbeit einstellte, auf die man doch ein historisches Recht hatte— wegen der vielen sauren Heringe und Pfunde Schweizerkäse. „Was belustigst Du uns nicht weiter I" schrie man ihn an. „Weil ich traurig bin und nichts mehr weiß," sagte der Narr düster. „Oho, er ist noch der Alte, er macht wieder Witze," ein vergnügtes Krähen erhob sich.„Ein Spaßmacher, der Gefühl hat, ein Scherzbold, der empfindet, ein Clown, der Tragödie spielt— und überhaupt, wer hat heutzutage in unsrer aufgeklärten Zeit Ge- sühle.. das ist der beste Witz, den er je gemacht. Wir zahlen Dir einen Thaler extra, wem: Du wirkliche lvarme Thränen vergießt; das wäre zu drollig!" So riefen sie durcheinander. Doch der Silvesternarr blieb starr und ernst; nur sein Kopf sank noch ttefer. Er versuchte noch einmal, aus alter Gewohnheit, zu spaßen:»Seht, ich bin nun einmal bis auf weiteres gestorben. Ich kann nicht anders. Verzeiht, daß ich Euch im Stich lasse. Ich mag Euch nicht mehr." „Jetzt beleidigt er uns noch für alle unsre Güte," schrieen erregt die Kunden seiner guten Laune,„Pfui— welche Undank- barkeit!" Der Narr zerbiß seine Lippen, aber er schwieg. Sein Publikum hatte fortan keine Gelegenheit mehr, zu lachen. Seine Gesundheitsverhältnisse verschlechterten sich merklich. Sie starben zahlreich, und niemand hatte mehr Neigung, geboren zu werden. Schließlich hatte inan diesen unerhörten Zustand satt. Man verschwor sich, mit Gewalt den Narren zu zwingen, lnstig zu sein. Er lourde mit Hohnredcn verfolgt. Er sei tot, könne nichts mehr, und habe auch niemals'was Gescheites gethan: Ein Possenreißer, wie sie rudelweise umherlaufen! DaS half nichts I Der Narr schwieg mürrisch. Man ging schärfer vor: Ein Haufen unangenehmer Leute drang plötzlich auf ihn, die beschworen, er wäre ihnen Geld schuldig:„Sei lustig, Narr, oder bezahl'!" Der Narr that Iveder das eine noch das andre. Aber die Schuldforderungen zwickten ihn in allen Gliedern. Er dachte daran, sich irgendwo einen Revolver zu leihen. Lustig wurde er trotzdem nicht. Als alle Mittel sich als vergeblich erwiesen, schalt man ihn einen Schurken, einen gemeinen Kerl, einen Lüdrian, einen Prasser, einen Leuteschinder. Er konnte sich in der anständigen Gesellschaft nicht mehr sehen lassen. Das erfreute ihn zwar, aber Witze riß er immer noch nicht. In dieser Oede kam Silvester heran. Silvester ohne den Narren! Was sollte man nun anfangen ohne ihn.„Pfannkuchen mit Stumpfsinn", meinte einer, die Wendung gefiel, doch sie genügte nicht, um ihn zum Vicenarren zu ernennen. Da fiel man über den traurigen und stummen Narren her und schleppte ihn mitten in die Silvestergesellschaft. Man sperrte ihm den Mund auf und goß ein Glas Punsch nach dem andern hinein. sAuch das blieb wirkungslos. Er wurde nur finsterer. Als die andren sinnlos schrien, that er aber doch den Mund auf und sagte:„Giebt eS eine elendere Nüchternheit, als Eure Trunkenheit? Wer nur etwas von dem gewaltigen Lebens- rausch in sich spürt, der das tieffte Wesen dieser Welt, der könnte keinen Zusatztropfen künstlichen Rausches mehr ertragen; er würde zerspringen vor dem Uebermaß. Ihr bezecht Euch, weil Ihr den Rausch nicht kennt 1" Man war im Zweifel, ob der Narr mit dieser Weisheit sein Handwerk endlich wieder aufnehmen wollte; einige lachten schüchtern, indessen die Mehrheit entschied sich, daß das Wort nur ein neuer Erceß seiner melancholischen Verstocktheit fei. Sollte man angesichts solcher verbrecherischen Widerspenstigkeit noch Geduld und Rücksicht üben? Niemand konnte das verlangen. Man ergriff also eine große Punsch- terriue und goß sie über den Narren aus. Darauf nahm man einen brennenden Fidibus und zündete die Stiefel des Silveftemarren an. Schnell glomm eine feine, blaue, durchsichtige Flamme ringsum empor— wie eine flammende Bowle stand er da. Als aber das Feuer bis dahin drang, wo das Zwerchfell sich breitet, da schmolz offenbar eine fesselnde Verlötimg. Denn der Narr brach plötzlich in ein tolles Gelächter aus, also daß der Sturm seines Lachens die Flammen ausblies. „Gott sei Dank, nun lacht er wieder," jubelten die andern. Niemand wußte, daß der Narr zun, erstenmal selbst gelacht hatte. Er war aber nur ein ganz klein wenig angebraten.— lloo. kleines Feuilleton. — le. Ein ZuchthanSgesetz, cornrne il fanl. Wir haben— nach Bülow— ein sociales Königtum, und die Scharfmacher erwarten davon neue"ZuchthauSgesetze zur Knebelung der Arbeiterklasse. Beides scheint sich übel zusammenzureimen; aber es hat sich schon öfters gereimt. Nicht allein in den letzten fünfundzwanzig Jahren und im neuen Reich, sondern schon bald vor zweihundert Jahren und im hl. römischen Reich. Da gab eS bereits ein sociales Königtum in Preußen, wie unS die Geschichtsschreiber der Hohen- zollern zu erzählen wissen: wenn man sich aber nach den social- politischen Thaten dieses socialen Königtums umsieht, so entdeckt man nichts als Knebel und Zuchthausgesetze. Damals steckte die dcuffche Industrie noch in den Kinderschuhen. Die Manufakturen wurden m Preußen durch enorme staatliche Unterstützungen auf- gepäppelt; Millionen und Abermillionen Thaler sind den Kapitalisten aus öffentlichen Mitteln zugewandt worden. Anders steht auS, was unter den: Zeichen des socialen Königtums für Arbeiter geschah; ihnen toard mit Erdrosselung des Koalitionsrechtes aufgewartet. Wenn eine massenhafte und organisierte Jndusirie-Arbeiterschast existiert hätte, wäre eine solche Entrechtung natürlich undenkbar ge- Wesen. Man hatte es aber in der? Hauptsache bloß mit den Verbänden der Handwerksgesellen zu thun, wie sie seit mittelalter- lichen Zeiten gegenüber den Zünften der Meister bestanden; selbst deren Beseitigung aber hat den deuffchen Regierungen lange genug zu thun gemacht. Das sociale Königtum Preußens erwarb sich den Ruhm der Führerschaft in diesem Unternehmen, das 1731 zum Ziele führte. Anläufe in der gedachten Richtung waren früher schon öfter gemacht worden; denn die Gcscllenverbünde waren den absoluten Regierungen von jeher ein Dorn im Auge, weil sie sich bei Streitigkeiten erfrechten, in einzelnen Städten wie in ganzen Territorien bestimmte Gewerbe durch Streiks, im damaligen Jargon„Aufftände" genannt, und durch Boykotts oder„Auftreibung" lahm zu legen. Sie hielten stramme Disciplin, indem die Streik- und Boykottbrccher durch Auf- schreiben an der„schwarzen Tafel" der Herbergen in Verruf erklärt wurden, so daß niemand mehr mit ihnen zusammen arbeiten wollte. Die Einzelrcgiernngen konnten nichts dagegen machen, weil sie sonst befurchten mutzten, daß ihren Territorien der Zuzug von Arbeitern aus den andren Vaterländern abgeschnitten würde. Die Reichsgesetzgebung, eine bekanntlich äußerst längsam mahlende Mühle, sollte also gegen die Gcsellenverbände in Aktion treten. Versucht worden ist das schon in den siebziger Jahren deS siebzehnten Jahrhunderts. Nach mehrjährigen Beratungen produzierte der Regcnsbnrger Reichstag ein sogenanntes„Reichsgutachten"— im März 1672 abgefaßt, aber erst im Jahre 1726 publiziert. Seine Bestimmungen gegen das Streiken und Boykottieren haben also bloß auf dem Papier bestanden. Veröffentlicht wurde eS erst, als schon eine viel größere und ernstlichere Aktion gegen die Gesellenverbände begonnen hatte. Den Anlaß gab eine große Reihe von„Ausständen" und„Auf- treibungen", die Während der zwanziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts in Wien, Augsburg, Würzburg, Stuttgart, Mainz und an zahlreichen andren Orten zu verzeichnen waren. Vor allen» der Augsburger Schuhmacherstreik des Jahres 1727 machte viel von sich reden wegen eines„TreibebriefS", den die Schuster gegen die Stadt erlassen hatten. Die? Schriftstück, das in ganz Deuffchland verbreitet ward, lautete folgendermaßen: „Liebe Brüder, loir haben einen Abschied inachen müssen, mit diesem lzu dem Zweck), daß wir unsre alte Gerechtigkeit be- halten, und berichten Euch, daß keiner nacher Augsburg reisen thut, was ein braver Kerl ist, oder gehe er hin und arbeitet er in Augs- bürg, so wird er seinen verdienten Lohn schon empfangen, was aber, das wird er schon erfahren." Diese Aufforderung, Zuzug fem- zuhalten, war ja nun nicht eben übermäßig geschickt abgefaßt und erregte ein allseitiges Geschrei nach Schutz für die Arbeitswilligen. Hauptrufer im Streit war das sociale Königtum Preußens, damals vertreten durch Friedrich Wilhelm I., der nach der Hohenzollernlegende „der größte, innere König" seines Geschlechts war. Hier sehen wir nun seine bedeutendste socialpolitische That, zu der ihn der Vater seiner Wirtschaftspolitik, der Direktor der neumärkischen Kriegs- und Domänenkammer, Geheimrat Hille in Küstrin, angetrieben hat. In dem Brief, wodurch er den König zur Einleitung einer Reichsaktion gegen die koalierten Gesellen scharf machte, heißt eS u. a.,„diese Leute" bildeten sich ein, einen besonderen Staat im Staate darzustellen,„da sie doch vor weiter nichts als vor Arbeitsgehilfen vor Lohn zu considerieren sind". Sie schmeichelten sich mit einer chimärischen Unabhängigkeit, setzten ihre Handwerksbräuche über die landesherrlichen Gesetze, und ihr Uebermut werde um so größer, „nachdem sie viel Gelegenheit finden, Ew. königl. Majestät Be- fehlen sich widersetzen zu können". Diesem Unfug muß dadurch ein Ende gemacht werden, daß der König„die schwartzc Taffeln, Gesellen- Laden, Privilcgia und ihre übrigen Götzen" mit Schimpf und Schande zerstören läßt, damit sie sich nicht inehr einbilden, eine besondere Korporation zu bilden. sondern einsehen, daß nur„Wohlverhalten" und die Zeugnisse des Gewerles ihnen forthelfen können. Es werde nicht Ivenig zu„Dero" Ruhm beitragen, wenn den Mißständen ein Ende gemacht würde; „solches scheinet anjetzo umb so viel leichter zu scyn, da andere Puissanccn(Mächte) auch darüber klagen". Der König folgte den Hilleschen Eingebungen, und Preußen ergriff also in Rcgensburg die Jmttative zu einem Vorgehen gegen die Gcsellenverbände, wobei vor allem. Sachsen eifrigen Beistand leistete. Das Ergebnis war ein Rcichstagsbeschluß des Jahres 173!, der alsbald vom Kaiser bestätigt und in Preußen 1732 als„Reichspatent" verkündet wurde. Es war ein Zuchthausgesetz. comme il kaut; wie eS sein muß— nach scharfmacherischen» Ideal. Von dem Gmndsatz ausgehend, daß eS ein„Mißbrauch" sei, wenn die Handwerker sich vereinigen und„um keinen geringeren Lohn arbeiten wollen", machte das Gesetz den Gcscllcnvcrbänden ohne Umstände den GarauS und verbot jeden Wunsch, eine neue Organi- sation zu bilden, unter Bedrohung mit Gefängnis»md Zuchthaus, ja. mit den» Tode bei„hochgetriebener Renitenz, auch würcklich vcr- ursachtem Unheil". Derselbe Strafkodex galt für„Wider- setzlichkeiten" gegen Meister und Obrigkeit. Wer zun,„Aufftchen" und„Auftreiben" reizt, soll als Aufwiegler betrachtet, ver- haftet und dem Zuchthause überantwortet werden. Jede Gerichts- barkeit der Gesellen über Meister oder Genossen wird untersagt. Weiter werden samtliche Gesellen unter Polizeiaufsicht gestellt, indem verfügt wird, daß die Gesellen fiirS Wandern ein obrigkeitliches Zeugnisbuch, die„Kundschaft" erhalten, lvorin ihre Fühnrng— ob „treu, fleißig, still, friedsam und ehrlich" oder aber nicht— bekundet wird; wer etwas verbrochen hat, erhält kein Zeugnis vor verbüßter Strafe. Wandernde Gesellen ohne Führungszeugnis dürfen von keinem Meister angenommen und sollen von der Polizei als Vaga- bunden behandelt werden. Dies ist bloß eine Blütenlese aus dem Gesetzmonstmrn, das— mit einen» Wori— die Gesellen zu ivillen- losen Sklave»» von Meister und Obrigkeit machen sollte. Die Ge- seilen versuchten natürlich sich zu widersetzen; ma>»chcrorts zogen sie zu Hunderten von bannen. Aber sie unterlagen dem gleichmäßigen Druck, der in allen deutschen Staaten gciiöt wurde: das Reichspatent ward fast überall durchgeführt So ein„Reichspatent" würden uusre Scharfmacher höher bewerten, als alle andern Patente zusammen, und sie würden sich auch gern ein„sociales Königtum" zuni Alleingebrauch patentieren lassen, �Sas also ihre Herzenswünsche verwirklichte: die focialpolitischen Ge- schäfte der Unternehmer sind bloß heute etwas schwieriger zu bc- sorgen, als in der guten alten Zeit.— Aus dem Pfianzenleben. tz. Zimmerpflanzen aus Samen zu ziehen. Gegen Ausgang des Winters, wenn die Sonne bereits sehr viel Kraft hat, ist die Zeit am günstigsten zur Anzucht von Zimmerpflanzen. Die Anzucht aus Samen ist noch wenig im Volke verbreitet, Der Grund dafür liegt wohl darin, daß allerdings die meisten Zimmer- pflanzen schwer oder ohne Hilfe eines Gewächshauses gar nicht an- zuziehen sind. Indes gicbt es doch auch eine Anzahl sehr dankbarer und für die Kultur in der Stube sehr geeigneter Pflanzen, deren Ansaat aus Samen durchaus keine Schwierigkeit nmcht. Zweierlei brauchen diese Samenkörner gewöhnlich zuni Keimen: Wärme und Feuchtigkeit. Aber gerade im Februar und Mirz ist der Ofen noch warm genug, und wir brauchen den Blumentopf, in �cm die Samenkörner ausgesät sind, nur dicht an den Ofen zu stellen, um uns diese Wärme für die Pflanzenzucht dienstbar zu machen. Denn Licht brauchen die Samenkörner nicht, während sie keimen. Aber am Ofen dörrt die Erde im Blumentopf gar leicht ans. Das darf nun freilich nicht geschehen. Es muß also oft gegossen werden. Man er- leichtert sich jedoch die Mühe des Gießens ganz bedeutend, wenn man über den Topf eine Glasscheibe(oder cvent. Glasscherben) legt. Alsdann bleibt die Feuchtigkeit der Erde sehr lange erhalte». Zur Aussaat eignen sich zunächst die durch schöne lauge schwert- artige Blätter ausgezeichneten Drakänen, Cordyliuen und Uuecas. Empfehlenswert sind besonders folgende Arten: Dracsens draco, Cordylinc australis und Yucca aloelolia. Das Wachstum dieser Pflanzen ist allerdings nicht so flott, daß man schon im ersten Jahre stattliche Exemplare von ihnen bekäme. Dafür iverden sie im Laufe der Zeit um so imposanter. Alle drei Arten lieben nahrhafte Erde. Bei der Anzucht aus Samen benutzt mau jedoch ganz im allgemeinen sehr lockere sandige Erde und pflanzt die Sämlinge, wenn sie zwei wirkliche Blätter bekoinmen haben, in tleine Töpfe um. Will man gleich im ersten Jahre etwas für seine Mühe haben, so säe man australische Acacia-Arten(nicht mit unsrer Akazie zu verwechseln, die nichts mit ihnen zu thun hat), also z. B. Acacia lophanta und Acacia dealbata. Diese Aeacias, die in ihrer Heimat Australien schattenlose Wälder bilden, wachsen sehr rasw, sind sehr anspruchslos und wirken durch ihre graziöse, doppelt gefiederte Bclaubung sehr zierend. Sie lieben mehr trockenen, leichten Boden und im Winter keine zu große Wärme. Besonders schnellwüchsig ist aber der Eucalhptus(Eue. globulus), der in seiner Heimat Australien eine Riesenhöhe erreicht. Im Zimmer werden Exemplare im Laufe des Sommers leicht einen Meter hoch. Sie sehen mit ihren bläulich- grünen Blättern sehr seltsam aus. Auch die bekannte Ealla (C aethiopica), die mit ihren blendend weiße» großen Blüten- scheiden so herrlich aussieht, läßt sich leicht aus Samen ziehen. Das gilt auch für Kakteen, diese ivachsen allerdings sehr langsam, und im ersten Jahre bringt es so eine Pflanze womöglich nicht über Erbsen- größe hinaus. A'ocr seine bizarre Form zeigt doch schon so ein Miniatur-Kaktus. Bezieht man aus einer Samenhandlung eine Mischung von Kalrecnsamen, so kann man eventuell doch auf billige und interessante Weise zu einer Sammlung verschiedenartiger wert- voller Pflanzen kommen. Auch einzelne Pflanzen lassen sich leicht aus Samen anzichcn. Gewöhnlich bekommt man die Samenkörner aber erst im Frühjahr. Am leichtesten anzuziehen sind Phoenix canariensis, Kcittia Belin'oreana, Corypha australis, Charoaerops excclsa. Die Palmen lieben eine nahrhaflc, humusreiche Erde und viel Wasier. Sie können häufig umgepflanzt iverden, doch dürfen dabei die Wurzeln nicht beschädigt werden. Palmen treiben ofr auch tm Winter, und das scheint ihnen weniger zu schaden als andren Zinunergewächsen. Man hat sich gewöhnt, die Palmen als sehr kost- bare, schwer zu kultivierende Gewächse zu betrachten. Da? sind sie im allgemeinen auck. Aber die erwähnten Arten sind so anspruchslose Zimmerpflanzen, daß sie sicher in kurzer Zeit auch in der Wohnung des Arbeiters öfters Unterkunft finden werden.— Bergbau. ie. Eine einzigartige Industrie ist die Gewinnung von I ch t h v o l'i m a r w e u d e l- G e b i r g e. Von Zirl am Inn, einige Meilen, westlich von Innsbruck gelegen, führt eine Straße nordwärts zwischen dem Karwendel- und Wettcrsiern-Gcbirgc hin- durch nach Mittenwald und weiter nach Partcnkirchen. An dieser Straße auf östreichischer Seite liegt in einer Wteercshöhe von etwas über 1000 Meter das Dörfchen Tccfeld, in dessen unmittelbarer Nähe das rohe Ocl aus dem Boden gewonnen wird, aus dem die der- schicdcncn Jchthhol-Präparate hergestellt werden. DaS Gestein ist ein grauer unter dem Namen Oelstein oder Stinkstcin bekannter Schiefer, der auch noch an vielen andren Orten im Karwendel-- Gebirge, auch auf bayrischer Seite, an die Oberfläche hervortritt. Er kommt in Adern von 20— ICO Cenkimeter Dicke vor. Auf den Schichtflächen finden sich oft sehr schöne Abdrücke von Tieren, namentlich von Fischen, die dem Gestein auch in der Paläonrologi« eine gewisse Berühmtheit verliehen haben. Bis auf die letzten Monate wurde die Gewinnung des OelS ausschließlich von den Bauern in kleinstem Maßstab betrieben. In dieser Form ist die Industrie schon Jahrhunderte alt, und die Eigen» schaften des rohen Ocls sind in der Umgebung, wo es durch Hausierer an das Landvolk verkauft wird, seit langem Wohl bekannt. Die Schiefer werden abgebaut, indem kleine Tunnel bis auf 2— 300 Meter in den Berg getrieben werden. Sie enthalten Zu 1— 10 Proz, Ocl, das sich durcki einen durchdringenden Geruch verrät. Sind die Schiefer sehr reich daran, so tritt eS in Tropfen aus dem Gesteil» auS, wenn dies der Sonne ausgesetzt ist. Die Sckncfer lverden zcr- schlagen, die ärmeren bei feite geworfen, die reicheren in handgroßs Stücke zerkleinert. Diese werden dann in große gußeiserne Tiegel gelegt, die etwa 30 Kilogramm ausnehmen. Die Tiegel werden mit einem diirchlochtcn Deckel fest verschlossen und dann umgekehrt. 9— 12 solcher Tiegel werden in einem rechteckigen Raum zusammen- gestellt und von einer etwa V- Meter hohen Mauer von Steinen umgeben. Zwischen die Tiegel wird dann Fichtenholz gelegt und angezündet. Das Ocl wird durch die Hitze aus dem Gestein aus- getrieben, tritt aus den umgekehrten Tiegeln aus und sammelt sich durch kleine Röhren in ein hölzernes Gefäß. Aus letzterem führt toieder eine Röhre zu einem größeren Gefäß, den im Oel enthaltenen Gasen einen Austritt gewährend. Die ganze Anlage stellt eine einfache Art von Destillation dar. Der Vorgang dauert etwa 0 Stunden und wird zweimal täglich vorgenommen, wobei aus 9 Tiegeln ungefähr 19—25 Kilogramm Oel gewonnen werden. Beim Stehen scheiden sich Wasser und Teer vom Ocl aus und werden von der Oberfläche abgeschöpft. Der Ver- fand des OelS geschieht in Petroleumfäffrrn.• Das so enthaltene Rohöl enthält etwa 2V- Proz. Schwefel. Durch Behandlung mit konzentrierter Schwefelsäure und Ammoniak wird das Ammonium- sulphichthyol hergestellt, daS eigentliche Handelsprodukt, da» außer der durch seinen Namen bezeichneten Verbindung noch etwa 50 Proz. Wasser, 5— 7 Proz. schwefelsaures Amman und 1 Proz. eines flüchtigen Ocls enthält, das der Masse den scharfen und durch- dringenden Geruch verleiht. Die Verwendungen der Ichthyol- Präparate in der Heilkunde sind bekannt und neuerdings sehr in der Zunahme begriffen.— Humoristisches. — Die Hauptsache.„Du willst also Schriftsteller werden? Ja, hast Du Dich denn für diese Laufbahn genügend vorbereitet?" „Gewiß, ich habe mir schon ein prächtiges Lineal für die Gedankenstriche gekauft."— — Besorgt. Frau Professor(zu ihrem Gatten, der eine Ferienreise nach Rügen macht):.. und dann, lieber Alfons, nimm Dich in acht, daß Du mit dem guten schwarzen Nock nicht an den Kreide felsen st reif st."— — Im Zweifel. Bauer(angeheitert, am Heimweg vom Wirtshaus):„Sakra, hinter mir pustet's, entweder kommt so ein Malefizauto mobil oder mei' Alte 1"— („Mcggendorfer Blätter".) Notizen. —„Minna v o n B a r n h e l m mit A g n e s S o r ni a in der Titelrolle, geht am S. Januar ncueinstudicrt im Neuen Theater in Sccnc.— — Ger hart Haupt mann's Drama„Rose Bernd" lvird nächstens im Kopenhagener Dagmartheater auf- geführt werden.— — Im Central-Theater findet am 9. Januar die Erst- aufführung vonHenri HerblaysOperctte„DaLSchwalbcn- nest" statt.— Humperdincks„Dornröschen" erzielte im M ü n ch euer H o f t h c a t e r nur einen Achtungserfolg.— — Bildhauer Max Kruse ist auf mehrere Jahre als künst- lerischer Beirat für daS Neue- und Kleine Theater verpstichtet worden.— — Die M ü n ch e n e r S e c e f f i o n eröffnet am 10. Januar im K ü n st l e r h a u f e eine A ti s st e l l u n g.— — Die AuS st elltingSkom miffion der Großen Berliner Kunstausstellung 1904 besteht aus: E r n st Körner(1. Bors.), Werner Schuch(2. Vors.), Wilhelm B e ck m a n n(1. Schriftf.), H a n S M e y e r(2. Schriftfü, Dr. H a r tz c r 1. Schatzm.) und W o l d c m a r Friedrich(2. Schatzm.).— — Die Kosten für die Beteiligung des Deutschen Reiches an der afrikanischen Gradmessung sind auf 350 000 Mark veranschlagt.— — Die letzten Schächte des Silberbcrgwcrkeö Kutten- b e r g(Böhmen) sind geschlossen worden. Die Anfänge dieses Bergbaues reichen ins 13. Jahrhundert zurück. Bergknappen auS Deutschland haben daS Werk in Betrieb gesetzt. In der Blütezeit soll daS Bergwerk wöchentlich 1000 M. Silber getragen haben.— — 1243 Kreuzottern sind im Jahre l902 auf der Insel Rügen gefangen worden. Die größte Brutstätte ist die Schab» (die Landenge zwischen JaSmimd und Wittow).— Vcramivortl. Redakteur: JuliuS Kalieki in Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei und Verlagkanstalt Paul Singer& Co., Berlin SW