NnlerhaltMgsblatt des Horwürls Nr. 10. Donnerstag, den 14. Januar. 1904 10) I�iobe. (Nachdruck verboten.) Roman von Jonas L i c. Ter Doktor lieb sich von Zeit zu Zeit blicken als gast- freier Wirt, hie und da einige Worte äußernd. Mt einer ziemlich undurchdringlichen Haltung und einem eignen Ans druck beobachtete er hin und wieder den Cigarettenrauch, der gleich einer dichten Nebelwolke über der Damengruppe hinzog. Und schmal und dünn, den gelben Zopf iiber den Rücken herabhängend, tauchte Berthcas runder fiwpf mit der Stumpf- nase und den blanken Augen neugierig hier und da auf. Ihr Blick mied den hübschen, brünetten Kandidaten Varberg,>venn cr zu ihr hinüber sah, immer beharrlicher, so daß er sich ihr schließlich näherte und zu scherzen und zu fragen begann. schrecklich interessant war, sagte, sie sei eine Knospe, die sich bald zur Rose entfalten würde. Minka sah man seltener, sie glitt mit einem unruhig nervösen, gedrückten Lächeln aus und ein. Cie gab sich den Anschein, als habe sie viel zu thun. Wenn sie mit wollte, mußte sie natürlich ihre Ausrüstung und ihre Toilette ordnen, ihr Kleid aufheften und so weiter. Als sie über den Gang huschte, winkte der Vater ihr zu, ins Studierzimmer zu kommen. „Minka, ach, hör einmal! Du möchtest diese Fußtour wohl gern mitmachen?" sagte er, als sie hineingekommen war. „Ja, außerordentlich gern, Vater. Ich habe ja niemals so etwas mitgemacht." „Ich tvill Dir nur sagen, meine liebe Minka— hm, ja— wie soll ich es Dir nur beibringen, ohne Dich allzu sehr zu be- trüben?— Aber als Doktor, siehst Tu, und Dein Vater, so bin ich nicht ohne Besorgnis, ob D« wohl die Gesundheit zu dieser langen, anstrengenden Wanderung durch den Wald und die Wildnis hast.— Nein, nein, Kind, ich will Dir nichts vcr- bieten, will eS nur Deinem eignen ltrtcil anheimstellen, Wenn Du nun plöhlich ermüdetest und tief im Walde krank liegen bliebst?" „Ach, ich fühle es so gut, so sicher, daß ich das nicht thue. Würde ich krank," hier übcrinanutm die Thränen sie,„so könnte es nur daher kommen, daß ich nicht mit dürfte." „Du darfst ja!" schrie er, bedachte sich aber wieder. „Hör je!:t einmal. Minka. wenn— wenn— bedenk' einmal— ich sage es Dir in aller Güte, will Dich durchaus nicht Zwingen— aber wenn Du diese Tour aufgiebst, so sollst Tu zu Deinem achtzehnten Geburtstage im September eine— goldene Uhr haben— mit einer wirklich schönen Kette," fügte cr hinzu, als er sah, daß ein Unwetter in Minkas Mienen aufzog. Sie sah ihn bleich und starr an. „Nein, nein, Vater," rief sie ganz außer sich aus„Wenn Du es mir verbietest, so werde ich zu Hause bleiben. Für jGold gebe ich es aber nicht auf." „Nun, nun—• ua, ja! So brauchst Du es nicht auf- zufassen. Du iveißt ja. ich verbiete Dir nichts. Aber Tu wirst doch begreifen, daß ich Dich auf dies mit der Gesundheit aufmerksam inachen mußte. So, so— so. so �— Ja, weiter wollte ich nichts von Dir, Minka. Sagt Deine Mutter ja, so weißt Du wohl, daß ich nicht nein sage.— Nun, nur nicht betrübt sein, Kind! Aber Tu solltest Dich doch ein wenig in acht nehmen vor den beiden Schlapscn, den beiden fremden Hauptstadtlöwen. Tu bist ja ein vernünftiges Mädchen und es ist nicht gesagt, daß sie so viel Bildung besitzen.— Ja, weiter wollte ich Dir nichts sagen; ich meinte nur, eine goldene Ilhr würde Dir noch mehr Freude bereiten." „Und Du läßt sie wirklich mit?" kam der Doktor dunkel- rot im Gesicht ins Schlafzimmer zu seiner Frau, die dort saß und nähte und das Touristenkleid aufheftete. „Können wir wohl anders, Du—" „So, meinetwegen, ich verstehe mich auf nichts mehr, absolut ans nichts mehr. In früheren Zeiten tviirde ein solches Jndenwaldgercnne mit fremden Mannsleuten ein junges Mädchen in der Leute Mund gebracht haben, ihr Ruf wäre ruiniert gewesen, sage ich Dir." „Ich weiß, daß es mir nur gut gcthan haben würde, kenn sie mir ein wenig mehr Freiheit gelassen hätten, als ich jung war." „Ja, Du, Beute—" „Ich war gewiß auch nicht anders als die übrigen Mädchen. Wir gingen ja einher wie die Schafe in der Bucht. Sittsam oder unsittsam, wurden»vir alle gleich erfahrungs- lose Gänse, die mit allen möglichen Ideen voll gepfropft wurden. Als wir dann älter wurden, mußten wir von vorn anfangen zu lernen." „Solche Waldpartie in allerhand Gesellschaft, ist das etwas für ein anständiges Mädchen? Glaubst Du wirklich, daß irgend ein Mann in einer ordentlichen Stellung so eine Landstreicherin nimmt?" „Man denkt jetzt anders. Baarvig; ich glaube, daß manch ei» Mann sich nickt daran stoßen würde. Sieh doch nur einmal Kjel und Thekla Feiring an." „Laß Kjel, bitte, aus dein Spiel," brauste cr auf.„Ich sage Dir, Beute— kurz und gut, ich frage Dich: Sind wir dazu verurteilt, dazu gezwungen, Minka so wegzuwerfen?" Frau Beute atmete schwer, während sie hastig weiter nähte. „Ich weiß ivenigstens keinen besseren Rat, als den Kindern die Zügel schießen zu lassen, damit sie es lernen, die Freiheit zu gebrauchen. Denn eines steht fest, wenn wir ihnen ihre Freiheit vorenthalten, so verliere» wir sie ganz und gar." Jetzt kam Minka durch den Saal herein, nni das Kleid anzuprobieren. „War Vater besorgt wegeil der Tour, Mutter, war cr deswegen hier oben, um mit Dir darüber zu reden?" forschte Minka, als sie allein waren. „Es ist nur, weil es das erste Mal ist, daß Du so allein auf eigne Hand aus sollst," umging Frau Beute die Frage. „Diese routinierten Städter verstehen sich so gut aus den Unterschied zwischen Faselei und Komplimente» und dem, was wirklich so gemeint ist. Und Du weißt ja, daß man nicht alles, was sie vorbringen, für bare Münze nehmen darf." „Ich bin doch wirklich auch nicht mehr so ganz die liebe Unschuld voin Lande, Mutter! Niemarch von ihnen allen kann sich mit Thekla Feiring messen, lind außerdem will ich Dir nur sagen, glaube ich, daß ich ans der Höhe der Situation bin." „Hm," murmelte die Mutter, den Faden im Munde, „ich dachte gerade nicht an die interessanten Fragen und Ge spräche, Minka: in der Beziehung brauchst Du wohl nicht be- sorgt zn sein. jEs ist mebr— wie soll ich nur sagen?— ihre persönliche Art und Weise, miteinander zu verkehren. Man gleitet so leicht in ein vertrauliches oder in ein freundschaft- liches Verhältnis und all dergleichen— und dann nimmt ein junges Mädchen wie Du leicht alles für gute Ware, was diese—" „Ach, Mutter, das ist wirklich zum Lachen. Du fürchtest Dich vor Conrmachereien und Verliebtheiten und so etwas! Ach nein, wir haben so ganz andre Interessen heutzutage... Sich zu verheiraten und sich einen Herrn und Meister ans den Hals zn schaffen, dazu ist immer noch Zeit genug." � „Ja, siehst Dil, man ist so geneigt, die Personen im Lichte- der Ideale zu erblicke», als deren Ritter sie sich ans- werfen: aber es ist nicht gesagt, daß das allemal zutrifft, Minka." Minka schüttelte überlegen den Kopf. „Liebste Mutter, bilde Dir doch nur nicht ein, daß wir an so etwas denken. Das tvar vielleicht in alten Zeiten der Fall.— Ach, Mutter, beste Mutter, willst Du Vater nicht bitten, daß er mir seinen Krimstecher leiht? Ich wollte ihn so am Riemen über der Schulter tragen. Tu— das sieht so sportsmäßig aus. „Du brauchst nicht bange zu sein, daß ich mir den Kopf verdrehen lassen werde, Mutter," scherzte sie.„Ach. ich freue mich so, daß ich es gar nicht sagen kann. Ich weiß, daß ich heute nacht kein Auge schließen werde. Wie dumm, daß ich mich nun noch mehrmals unten im Zimmer in diesem alten Sommerkleid sehen lassen muß, während die andren in ihren flotten Touristenkostiiinen einherstolzieren.— Es nützt Luise Lund wirklich nichts mit all ihrem feinen Ehcviot und ihrem Messinggürtcl: Thekla ist viel chilcr— sie hat den echten Schnitt, wie angeboren, sagte Kjel sofort, als er sie sah.— � Es war wirklich ein guter Einfall von ihm, daß er die Milch- satten aus dem Vorratshaus auf die Treppe hinausormgen Itcfj; es fmirbe dadurch mit einem Schlage so ländlich. Und dann sah ich sehr wohl, dah er Thekla zublinzelte und daß sie sich amüsierten; sie hatten es gleich heraus, daß Luise nicht ans Rauchen gewöhnt war.— Ach nein, Mutter, nähe es nicht in der Taille ein; es kann gern noch ein wenig weiter sein, so flott wie Anna Rists, daß man auf den ersten Blick sehen kann, daß kein Korsett darunter ist. „Fertig, Mutter?— Tann ziehe ich es gleich an.— Es könnte gewiß immer noch etwas kürzer sein," meinte Minka, sich musteritv.„Theklas ist viel kürzer, das giebt solchen freien Schwung." „Thekla ist kurztaillig und hat ganz andre Beine wie Tu, Minka. Dich würde es nicht kleiden, es würde vielmehr ein wenig stummelig aussehen." „Mutter, Tli vergißt doch nicht, um den Krimstecher zu bitten?" „Sieh zu, ob Tu nicht etwas essen kannst, Minka, Tu hast ja das Abeubrot ganz überschlagen." «Ich bin wirklich nicht im stände, Mutter," rief sie zurück, indem sie den Saal durcheilte... Wie gewöhnlich bewegte sich Schulteiß im Kreise um die Ereignisse herum, stets in genügendem Abstand, um nicht attrapiert zu werden. Plötzlich aber bahnte er sich, strahlend anfgerälimt und sich nach allen Seiten hin verneigend, den Weg mitten durch die Zimmer, wo die Gesellschaft sich jetzt in sehr gehobener Stimmung um eine Bowle mit einem Sommertrank vereinigte, den Kjcl aus allerhand mystischen Ingredienzien zusammenzusetzen wußte. Wäre es bei ihn: auf dem Sägewerk gewesen, so dürste vielleicht etwas Champagner mit hineingekommen sein, deutete er an. lForisetzung folgt.), I�ebensfükrungen. Es ist keine Zufälligkeit, wenn in der jüngsten Gegenwart das psychologische Interesse am menschlichen Individuum so ausfallend laut betont wird. Man kann es ruhig auf die Nährwurzeln des Cocialismus zurückleitcn, von dem jenes Kraft und Leben empfangen hat, wie die ganze moderne Kunst und Litteratur, die ja ebenfalls von dorther Ausstrahlungen sind. Ter SocialiSmuS hat uns die Augen über uns selbst aufgcthan. Wir haben erkannt, daß wir bisher nur Bruchstücke des Mensel, tumS besaßen. TaS Individuum in seinem Verhältnis zu sich selbst und zu den Mitlebcndcn, das In- dividuum in seiner Abhängigkeit von ökonomisclien llmständen, vom „Milieu", das ist von seiner makrokosmischen Umgebung, das In- dividuum endlich in seiner Willens- und Machtbcihätignng, wie in seiner Einordnung in die Gesamtheit suche» wir kennen zu lernen. Tos kann nun am sichersten auch durch persönliche LebcnSschilde- rungcn oder Mcmorabilien geschehen. In ihnen osfenbart sia, nickt bloß das Wesen eines Menschen, sonder» wir erhalten gleichzeitig Aufschlüsse über gewisse Zustände und Ereignisse, die gerade dieser Zeit angehören. Daher sind uns Memoiren so wertvoll geworden; in ihnen haben Ivir, Iva» wir suchen:„Doenments hnniains". Schriftsteller. Gelehrte, Künstler gaben von jeher da» Meiste und An- rcgcndsie. lind das ist selbstverständlich, denn sie erleben viel und sie erleben es„interessant". Von ihrer Persönlichkeit spinnen sich tausenderlei Vcrbindungssäden zur Allgemeinheit hinüber. Ihr Wirken und Schaffe» gehört bi» zu einem gewissen Grade der All- «zemeinheit. Sobald wir ihrer Schöpfungen teilhaftig werden, ve- ginnen wir auch an den Urhebern selber persönlichen Anteil zu nehmen. Tics Interesse erhöht sich mit der Bedeutung dessen, was sie. die Künstler und Dichter, uns zu sagen haben. Ist nun vollcnds «in Theater der Crt, von welchem aus sie auf uns wirken, so stehen sie uns noch viel näher. Denn das Theater ist eine Votkssachc, tme sehr auch das kapitalistische Regime der Verwirklichung dieses Gc- danken» noch Hemmnisse entgegenstellt. Weil aber die Bühncnkunst ein Faktor von kultureller Bedeutung ist und sein soll, so erklärt sich auch wohl das Interesse, das wir an großen Künstlern zu nehmen gewohnt sind. Ihr Name ward uns ja geläufig; ihre darstellerischen oder gesanglichen Leistungen haben wir jahraus, jahrein vor Augen und Ohren gehabt. Um wieviel anreizender muß es demnach erscheinen, wenn sie uns Gelegenheit geben, die ganze Spur ihres Erdenwallcns noch einmal in„Lebenscrinnerunge»", die jie der Oefscutlichkcit vorlege», zu verfolgen. Allzu häusig geschieht das nun Mar nickt, und noch viel weniger pflegen solche Denkwürdigkeiten über anekdotischen, das eigne„Ich" eitel bespiegelnden Krimskrams hinauszugehen. In solchem Falle schrumpft das Gebotene auf Rullwert zusammen. Steht das Publikum aber einem Werke, lvic Ludwig Barnay»„E r i n e r u» g en"*) gegenüber, so lohnt es gewiß der Anteilnahme. Hier har es einmal Pollwertigesl m) Zwei Bände.(Egon Fleischet u. Eo., Berlin 1903.) Ten Berlinern wird die Wirksamkeit dieses Bühnen- künstlers noch lebendig genug im Gedächtnis sein, obwohl er sich schon seit einigen Iahren von aller Thcaterei zurückgezogen hat. Den Berufskollegen selber wird er aber stets unvergeßlich bleibet?. Denn er war c» ja. der vor nun 32 Iahren die Deutsche Bühnen- geuoffenschaft gründete. Sie in erster Linie haben ernste Per- anlassung, die„Lebenserinnerungen" BarnahS ihrer Privatbücherei einzuverleiben,; denn diese bilden ein Ltonclsrä cvoi-K ol life im bestew Sinne des Wortes, und lassen sich getrost Rötschcr»„Seydelmann" anreihen. Barnays menschliche wie künstlerische Persönlichkeit tritt uns daraus in voller Ganzheit entgegen, und wir gewahren außerdem. dah auch ein schriftstellerisch begabter Geist zu uns redet, Ties Moment erhebt Barnays Werk zu einer Leistung von littcrar- ästhetischcnt Wert, neben dein theatcrgcschichtlichcn an sich. Der Autor schildert sein eigne» Künstlerleben von Anfang aus. Das chronistische Verfahren konnte hierbei nicht umgangen werden. Aber indem Barnay die einzelnen Phasen seiner Entwicklung mit kritischen Raisonnement» über Zustände, Persönlichkeiten, allerlei charakteristische Vorgänge und Verhältnisse begleitet, vertiefte er seine Selbst- biographie zu einer Arbeit, aus welcher die Spccialforsckung so manchen Nutzen ziehen wird. Selbständige Kapitel bilden da, neber» sununarischen, gründlich erwogenen Betrachtungen über Pariser, Londoner, niederländische, amerikanische, italienische iind russische Schauspielkunst sowie bedeutende Vertreter derselben, vor allem die Schilderungen der Meininger, dann die authentischen Darstellungen über das Zuftandekoinmen der Bühnengcnosscnschaft, über das Deutsche und Berliner Theater, wovon hier noch weiter die Rede sein soll. Durch das alle» blickt aber schon da» Porträt des gereiften, auf der Höhe seiner Leistungen stehenden Künstlers, der im Kampfe um Existenz und Lorbeer seine viel beneidete und heftig befehdete Position zu verteidigen hat. Dieser Lebensabschnitt kann" im Detail gewiß amüsant verlaufen. Im allgemeinen wird er doch jene anologcn Konturen ausweise«, welche sich aus dem Zusammcnprall einer starken Jndividuatilät mit den jeweiligen menschlick-gesellschaft- lichen, wie zeitlichen, örtlichen und künstlerischen Macktsaktorcn von selbst ergeben Wie aber fast immer an einem Gemälde die Skizze interessiert, die seine Grundlage gebildet hat, so gewinnt auch jeuer Teil im Leben eines Menschen, da er sich entwickelte und wie er wurde, unser besonderes Interesse. Auch Barnay» Jugend liefert den schon so oft erhärteten Beweis für das Ringen um da» Erreichen des Kunstideals. Wieder empfangen wir die Bestätigung, daß, wer die Höhe echter Künstlerschafl erklimmen will, einen schweren Lcidcnsgang z» gehen hat. Er blieb auch Barnay nicht er- spart, obgleich er den Vorzug hatte, wohlhabende Eltern zu besitzen. ?lber was will dieser Vorteil viel besagen, sofern einer, wie der junge Barnay, so ganz aus der Art schlägt und eigne Wege wandelt! Der Künstler wurde am It. Februar 1842 zu Budapest geboren. Seine ersten Kinderjahre fielen in die ungarische Revolution. Bombardements, Judenverfolgungen, Straßcnkrawallc spielten sich nicht bloß«inmal ab. Der Sturm um die Freiheit, der das Volk erregte, bildet gewissermaßen die Grnndinclodie in Barnays Wesen. Ein Stürmer imi) Dränger war auch er. Wenigstens als Künstler. Tic ihm eigne Begeisterung in allem, was er anpackt, dieser Elan. das mutige Drauflosgehen ohne Maske, ohne Versteckenspicl, das Wagnis de» offenen Worte», der unbeirrbaren Einschlüsse und Thatcn, was ist es ander» sonst, als da» überkommene Erbteil seines Heimat- voltc» I Eine besondere Veranlagung fürs Theater zeigte er vorerst nicht. Aber im Eltcrnyause gingen bedeutende Musiker und Theater- leute aus und ein. Da nimmt's nicht wunder, daß Barnay sehr früh für da» Theater Neigung faßte. Mit cinciii„Knalleffekt" verließ er als Fünfzehnjähriger heimlich das Elternhaus. Eine mütterlicherseits ihm applizierte Ohrfeige gab dazu die Veranlassung. Auf nach Wicnl Und zur Bühne! Aber das war nicht so einfach. Wer mochte einen so jungen Menschen, der zwar fürchterlich deklamierte, aber keine Rolle studiert hatte und, was das wichtigste, keinen elterlichen Erlaubnisschein aufweisen komite, anstellen! Schließlich mußte ihn doch die Mutter vom Hungertodc erlösen. Er wurde nun Student beim Pokytechnikuui. Aber c» war damit nichts gewonnen. Also wieder nach Hause. Was mußte Barnay nicht alle».lernen", bevor er als Achtzehnjähriger endgültig zum Theater gelangte. Erst war er Lehrling in einem Speditionsgeschäft, spater Lehrling in einer ManufakturltXtrcn-Haiidlnng. dann Hilfsbeamter im Bureau des Vaters, Korrespondent, Buchhalter. Kassierer ii» Budapest und Obcrnngam, dann Student. Maurer— kurz alles mögliche und unmögliche. Tic Neigung fürs Theater hatte nicht locker gelassen. In Trautenau trat er endlich am?. Mai 1800 unter dem Namen Lacroix als kontraktlich verpflichteter Mime auf. Dann ging's nach Braunau. Hier ereilte ihn aber schon die Nemesis:„Wegen Zu- sammcnlebcn» mit einer Katholischen"(Kollegin) mußte er die Stadt auf Anorduuug des Prälaten binnen zweimal 24 Stunden verlassen... Nach vergeblichen Wandcrjahrcn durch böhmische und mährische Nester erhielt er„Engagement" in Mährisch-Wcißkircheir. Von da ging's nach Leipnit, Teschen, Plößnitz und dann nach Pest, Mit der Mutier ausgesöhnt, betrat er aus ihr Betreiben die Bühns der Vaterstadt unter seinem wirklichen Namen. Der Erfolg ver- söhnte dann auch den Vater mit dcni Sohne. Beinahe ein Jahr lang blieb er hier. ES folgten Gastspiele in Graz und Laibach. Laubo in Wien wollte ihn ans Hosburg-Thcater fesseln. Barnay schlug das Angebot aus und ging nach Dcutsckland. Hier begann nun erst seine eigentliche Künsilerlansbahn. Aber wie gründlich und rastlos ai er hier cmtfj an seiner künstlerischen und allgemeinen Durch- ildung gearbeitet I So ausgerüstet, erklomm er allmählich die höchste Staffel der Kunst und des Ruhmes. Ucberall, wohin er kam, wo er auftrat, ob in England, oder Rustland, ob in Holland. Amerika oder in Deutsch- land, hieß die Kunstparole: Barnayl— Bis er 1898 der Bühne Batet sagte, war er in 98 Städten Europas und Amerikas an 3868 Abenden in 371 Stücken und in-löZ verschiedenen Rollen aufgetreten. 1721 mal hatte er auf der Bühne heiraten, 1129 mal ver- schicdcne Tode sterben müssen. Mit der offenen Gradheit seines Charakters hing es auch wohl zusammen, daß Barnay nur ein einziges Mal einer Hofbühne(Weimar) als ständiges Mitglied angehörte. Das Odium des Umstürzlers hing ihm jahrelang an von einer Rede, die er auf einem Frankfurter Temokratentage gehalten hatte. Für Barnays Berliner Zeit ist von besondrer Wichtigkeit sein hervor- ragender Anteil an der Gründung deS„Deutschen" und seine sechs- jährige Direktion sthätigkeit am„Berliner Theater". Mannigfachen Samen hat er hier ausgestreut. Seine Bemühungen um eine den Bolksinicrcsscn dienende Bühne, die Einführung von ständigen Abonnements, wie von billigen, aber erstklassigen Sonntags-Nach- mittagsvorstclluugen, auch solcher fiir reifere Schüler und Schülerinnen, sollen ihm verdienstlich angerechnet bleiben. Nicht minder sein energisches Eintreten für die sociale und wirtschaftliche Besserstellung der Bühnenkünstler. So manches pekuniäre Opfer hat er da gebracht, so manch kerniges Wort gewagt, so manchen kräftigen Vorstoß zur Befreiung von Vorurteilen unternommen. Wer das erfahren will, der muh schon zu Barnays„Erinnerungen" greisen. Wer sich über Menschen und künstlerische Tinge RatS erholen will, der mag sich auch gleich an Barnays ehrlicher Begeisterung, an seinem jrohen Wagcmute, an seiner scharfsichtigen, vor keiner accredilicrten Größe oder geheiligten Kunsttradition ängstlich zurückweichenden Be- nrteilung aufrichten. Barnay, als ein durchs Kampfleben gestählter Charakter, der sich beispielsweise auch darin gezeigt hat, wie der Mann trotz aller großartigsten Gewinnstangcbote seinen Rücktritt von jeglicher Bühnenihätigkeit vollzog und solchen von jedem Kollegen vollzogen zu sehen wünscht, wird ihm ein verläßlicher Berater und Lehrer sein. Nur möchte darüber nicht vergesscir werden, Barnays vcrschiedcinliche und allzu auffällige Verbeugungen vor fürstlichen Gunstbeweisen als ein seiner sonst so durchaus sympathischen Art künstlich beigemischtes Ferment wegzutilgen. Echtes Kunsttum hat mit Hosluft und Lakaicnschaft absolut nichts gemein— und soll es nicht haben. Von den Brettern, die eine„Welt" bedeuten, handelt auch ein Buch, das Lina Fuhr unter dem Titel„Von Sorgen und Sonne*) soeben herausgegeben hat. Es präsentiert sich in der Hauptsache aber mehr als ein Beitrag zur Theatergcschichte der fünfziger Jahre. Die noch lebende Verfafferin, eine fünfundsiebzig- jährige Greisin, gehörte von ihrem 14. bis 26. Jahre der Bühne an. Ihre Erinnerungen reichen allerdings weiter zurück in die Zeit der Duodez-.tzöfe von Kassel und Hannover. Abgesehen von den Schil- derungen deS persönlichen sorgenvollen Kunsilcbcns enthält das Buch auch einige. Einflechtungen allgemeiner zeit- und sittcngcschichtlicher Natur. Eine nicht uninteressante Darstellung erfährt da besonders das zopsige, von engherzigstem Partikularismus eingeschnürte Leben in Stuttgart, Mitte der vierziger Jahre. Ueber das Fntriguenspiel bei Hofe, über den Stuttgarter„Kartosfelkricg" und so manches andre hätte man indessen gewünscht, mehr zu erfahren, als bloße anekdotische Andeutungen. Ebenso erweckt das Kapitel„Königs- bcrgcr Sturmgesellen" größere Erwartungen. Man hofft über die revolutionäre Bewegung in der Stadt der„reinen Vernunft" manches Neue zu hören. Die Verfasserin kommt aber über die Rcminisccnz nicht hinaus. Es lvird einiger littcrarischer und politischer Persönlich- leiten gedacht, wie Johann Jacobys. Rudolf Gottschalls, Ludwig Walcsrodes und besonders des originellen Dichters Albert Dulk, von welchem eine ergötzliche Episode zum besten gegeben wird. Natürlich drang die freiheitliche Bewegung selbst ins Theater.„Wenn die Schncllpost am Abend eintraf, gelangten die neuen Nachrichten zuerst dorthin. Rudolf Gottschall(dmuals Dramaturg bei Direktor Woltersdorff), Albert Dulk oder selbst der Rcgiflcur A. Wolfs traten aus die Bühne mitten in das zärtlichste LiebeSduett und lasen die tclcgraphischcn Depeschen, vor; oder auch aus dem Publikum heraus wurde Stille geboten, Studenten im Parterre bestiegen die Bänke und verkündeten, was eben Neues von Berlin(über die dortigen politischen Vorgänge) gemeldet worden war. Wir Schauspieler selbst rnuhtcn Kokarden tragen, und alles ging drunter und drüber. Aus den Straßen war es bewegt. Die Stimmung des Voltes schwoll drohend an. die Polizei war machtlos. Selbsthilfe schien geboten. Junge, mutige Leute thatcn sich zusammen und gründeten eine frei- »villige Bürgerschutzioehr. Alte Schläger und Schärpen, hohe Stiesel und Sporen wurden hcrvorgcsucht, und am Abend zog diese bunte Garde auf Posten, nachts auf Patrouillcngänge."... Es kommen dann noch die Schilderungen mannigfacher„Knnstlerfahrtcn" und endlich Mitteilungen aus dem Berliner litterarischen Leben. Eine Anzahl von Berühmtheiten spaziert da vorüber, auch Lassalle; doch «vird nirgends tiefer geschöpft, als der seuilletonistischc Plaudcrton Verträgt. Anspruchslose Leser wird das Buch unterhalten. Auf specifisch ostpreußischem Boden stehen die Erinnerungen, *) Erinnerungen ans Kunst und Leben. Bearbeitet von Dr. Heim. Hub. Houben(Berlin. B. Behrs Verlag. 1994). welche L. Passarge*) zum Verfasser haben. Passarge, der erste Vermittler Jbsenscher Gedichte und einiger Dramen, hat sich durch Heimats-Novellcn, Reiseschilderungen aus verschiedenen Weltteilen und als Uebersctzer bekannt gemacht. In dem vorliegenden Büchlein erzählt er sein Jugendleben. Manch interessantes Streiflicht auf ostprcußischc Verhältnisse bis um die Mitte des vorigen Jahrhunderts wird da gegeben. Ländliche Sitten und Zustände, Königsberger Schuldinge und Kunstereignisse werden teils mit sarkastischem Humor. teils mit didaktischer Breite erörtert. Wie unter dem alten Fritz dis Regierung auf den wunderlichen Plan kam,„die Seideniudustrie durch eigne Raupenzucht vom Auslände zu emanzipieren, weshalb sie namentlich auch die Pfarrer angewiesen hatte, für die Anpflanzung von Maulbeerbäumen Sorge zu tragen", erfahren wir da. Weiter auch einiges über die Einbürgerung der Kartoffel in Ostpreußen. „Die Regierung hielt es damals für ihre Pflicht, in jeder Weise für das private ökonomische Wohlsein der„Unterthanen" zu sorgen und sie für mancherlei Neuerungen geneigt zu niachen. Ein offener Wider- fpruch seitens der Bevölkerung, obwohl sie fest am Althergebrachten hing, war damals ausgeschlossen. Doch bereitete selbst die Einführung der Kartosfellultur die größten Schwierigkeiten, trotz Befehl und Anweisung an die Domänenämter, die Pfarrer und Beamten. Man leistete passiven Widerstand, setzte zwar die Kartoffeln in den Acker. aber aß sie nicht. Den Dienstboten waren sie ganz und gar ein Greuel. Sie hielten sich lieber an ihre grauen Erbsen, dieses echt ostprcußische Gericht, ohne welches es keine gute Abendmahlzeit gab." lieber die Behandlung der Gefangenen, die nicht selten„mit einem dicken eisernen Ring um den Kopf und einem Horn daran", sowie stets mit einer schweren.Kugel an den Füßen belastet wurden, ferner über härteste Prügelstrafen, welcher die Arbeiter seitens ihrer Brot- geber ausgesetzt Ivarcn, Iveiß Passarge manch traurigen Zug zu er- zählen. Er selbst hält die Prügel allerdings für„ein höchst natür- liches Strasmittel" und meint,„die Gesellschaft habe nicht gut gethan, darauf gänzlich zu verzichten"... Und das sagt Passarge, der Geheime Justizrat in Pension I Mit der Heidelberger ersten Studentenzeit bricht das Buch ab. Wir stehen vor dem Jahre 1848. Es ist ein verflixtes Ding mit dein richterlichen Mannesstolz vor Königsthronen. Da lvaren die Ostpreußen Jacoby und unser Robert Schwcichcl doch aus andrem Holz!— Ernst Kreowski. kleines Feuilleton. gc. Ei» altes Tagebuch. Sehr originell und höchst ergötzlich sind die Auszeichnungen, welche ein Augsburger H a li d- w e r k s m c i st e r aus dein Jahre 171S hinterlassen hat. Es sind freilich nur Ivenige Blätter, doch sie geben ein charakteristisches Bild von dem Leben der Reichsstädter in früherer Zeit. Den 1. Mai 1715. Ich ließ heute nebst meinem Weibe zur Ader, weil das Wetter so schon war. Nach dem Essen gingen wir aus ei» Glas Wein in das Wirtshaus in der Froschlache nnd blieben daselbst bis vier Uhr. Die Zeche war 55 Kr. Daiiach machten wir einen Spaziergang vor's Thor und aßen zu Nacht. Mein Weib klagte über Magen- drücken. Deshalb tranken wir noch ein Glas Wein in, Weberhaus. Die Zeche Ivar 39 Kr. Den 2. Mai. Diesen Vorinittag ivar nicht viel zu thun. Ich ging in Mehers Kaffeehans; mein Weib aber hatte von ihren Nachbarinnen Besuch. Im Kaffeehause gefiel rnir's nicht, bezahlte 12 Kr. und ging ins Wirtshaus„Zum Prinzen". Daselbst traf ich verschiedene Bekannte an, blieb also bis gegen zwölf Uhr sitzen und verzehrte 19 Kr. Stach dem Essen kommt eine Kutsche gefahren, welche vor meinen, Hause stille hält; darin saß mein Schwager mit seinem Weibe, die mir eine unverhoffte Freude machen wollten. Weil wir nun alle Rderlässcr waren, mußte ich mich in den Possen schicken und mich ins JägerhäuSchen schleppen lassen. Hier hieß eS:„Was befehlen die Herrschaften? Be- liebt's Forellen, �krebse, Kapaunen. Hechtlcber? Was beliebt zu trinken: Elsasier, Würzburger, Rheinwein. Mosel, Neckar, roten Schaffhauser? Oder was für Wein sind die Herrschaften sonst z» trinken gewohnt?" Ich bestellte zuerst nur einige Hühnchen»nd eine Flasche Ncckarwein. Allein ich sah Ivohl, daß nian mehr von »,ir erioartete, deshalb ließ ich's nachher gehen� wie eS wollte. Hierauf trug man auf, als ob ich Hochzeit daselbst hätte. Die Weiber ließen sich's zlvar trefflich schmecken, allein bei Zahlung der Zeche fiel die Freude in den Brunnen. Jedoch mit 13 Fl. 45 Kr. war das ganze Wesen richtig gemacht und loir lonntcn noch etliche' Krebse mit„ach Hause nehmen. Den 3. Mai. War Sonntag. Wir gingen in die Kirche, nach derselbe», vors Thor, nnd dann ins BäckerhauS ans ein gut Glas Wein, weil man sich doch„ach den, Aderlässen nicht genugsam in acht nehmen kann. Die Zeche war 38 Kr. Den Nachmittag fuhren wir nach Hausstetten. Wir wollten nun zwar recht mäßig sein— aber es kam doch ganz anders— und wir verzehrten in aller Stille 9 Fl. und 56 Kr. Dem, außer uns war sonst niemand von, Mittelstände daselbst. Wir fuhren gegen Abend lviedcr nach Hause, und waren sowohl ich als mein Geldbeutel dieses Schmauses überdrüssig. Die Extra-Aus- gaben für diesen Tag lvaren»och 1 Fl. 27 Kr. Den 4. A!ai. Für braun Bier 14 Kr. Den 5. Mai. Für drei Maß Bier, zwc, Brote und eine Wurst 12 Kr. In, Rnmelspiel verloren 27 Kr.— *) E i n o st p r e u ß i s ch e s I n g e n d l e b e n. Erinnerungen und Kulturbilder.(Leipzig. B. Elischer Nachs. 1993.) Theater. Schauspielhaus.„Der g r ii n e Z w e i g' Schauspiel in drei Aufzügen von Felix Philipp i.— Sonst gab cS in den Stücken PhilippiS irgend eine Sensation ein Surrogat, das in gc- tvifser Weise Spannung erregend den Blick von dem inneren dramatischen Deficit abziehen konnte. Man wurde durch An- spielungen auf Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens oder aktuelle Borgänge unterhalten oder bekam doch geschickt erfundene und gruppierte, dekorative Effekte, einige farbige, das Auge fesselnde Bühnenbilder vorgesetzt. Da war im„Großen Licht" z. B. ein mächtiger von einem genialen Architekten— die Genialität seiner Figuren kostete dem Autor nicht?— aufgeführter Dombau, in dessen weitgedehnter Klippel dann zum Schluß mit Fahnen und Ansprachen der Sieg„der deutschen Kunst" verherrlicht wurde; da wurden in dem„Dunklen Thor" unter Führung eines nicht weniger genialen Ingenieurs Tunnel durch Schivcizer Bergricsen gebohrt und stürzten unter furchtbarem Getöse zusammen usw. Nun aber hat Philippi den ver- ioegcnen Einfall gehabt, in seinem neuen Werke einmal ganz ohne jedes äußere Schaustück, ohne nachhelfende Hintergründe, ohne An- spielungen und Aktualitäten sich zu geben, zu zeigen, was er unabhängig von jenen Ingredienzen rein als Dramatiker und Psycholog vermag. Das Resultat war, wie vorauszusehen, außerordentlich mager. Es ist ein mühseliges Zusammenstöppeln in diesem Drama, ein Hinziehen und Verschleppen, ein Erregen von Er- Wartungen, von denen keine einzige— es sei denn die, daß richtig in dem Schlußakt ein Pariser Telegramm den angekündigten Triumph des jungen Malers meldet— erfüllt wird. Vor Jahren ist der junge Mann von Hanse fortgelaufen, da der Vater an sein Talent nicht glauben Ivollte. Er hat geschrieben, er würde nie zurückkehren. ehe er durch den Erfolg bewiesen, waS in ihm stecke. Der erste Akt erregt den Anschein, als solle der ver- lorenc Sohn, der plötzlich wieder bei den Eltern erscheint, am Tag vor ihrer silbernen Hochzeit, der„Held" des Dramas werden. Der kranken Mutter, krank ans Gram über die Flucht dcS Sohnes, die ihn mit rührender Freude empfängt, verbirgt der Junge nicht nur sein Elend, er lügt ihr vor, er habe in der Fremde Geld und Ruhm mit seiner Kunst errungen. Dann, in dem Gespräche mit dcni Vater, muß er die Wahrheit gestehen, daß er gedarbt, gehungert, daß seine Arbeit keine Anerkennung gefunden. Um nicht die Karten vorzeitig aufzudecken. läßt ihn Philippi hier mit krankhaften, thörkchtcn Phrasen um sich werfen. Allein die Cliquen hätten Schuld an seinem Miß- erfolge, von tausend Auszeichnungen falle nur eine dem wirklichen Verdienste zu. Man soll so eine Zeit lang glauben, Hans spiele aus Eigensinn und Selbsivcrblendung die Rolle des verkannten Genies, und der Vater, der ihn beschwört, davon abzulassen und sich um eine vakante Zeichnerstclle zu bewerben, befinde sich im Rechte. Das GehcinmiS, daß Hans, den dieser Rat empört, nicht nur ein verkanntes, sondern ein wirkliches Genie sei, wird mit dramatischer Oekonomie uns erst im zweiten Akte an- vertraut. Da rückt er nämlich mit der Photographie seines neuen in Paris ausgestellten Gemäldes heraus und jeder, der sie in die Hand nimmt, sagt nun: Ach, wie schön I Im übrigen erklärt der Arzt das Herzleiden der Mutter plötzlich als so schlimm, daß sie durchaus nach Nauheim müsse. Aber c-Z fehlt am Gelde. Der Vater, ein armer, rechtschaffner Buchhalter, der mit dankbar inniger Verehrung an seiner Frau hängt, dem einzigen Glück feines Lebens, ist verzweifelt. Hans will, um Geld herbei zu schaffen für die Rettung der Mutter, sich opfern und die vom Vater vorgeschlagene Stelle annehmen. Er verschwindet nunmehr vom Schauplatz. Damit aber die Sache kein vorzeitiges Ende nähme, erscheint Herr Siebenlist, der Fabrikant, bei dem der alte Eschenbach den Jungen unterbringen wollte, in eigner Person beim Buchhalter. Die Vakanz ist schon bc- setzt, aber es gäbe andre Wege, um zu Geld zu kommen. Eschen- dach, sein lieber Freund, könne ja selbst bei ihm eintreten, er zahle besser als die Konkurrenz. Und wenn der Buchhalter ihm einige Geschäftsgeheimnisse, die neuen Muster seines jetzigen Prinzipals verraten wolle, dann würde die Firma Siebenlist, nobel, wie ihre Grundsätze sind, sich gern mit zehn, ja fünfzehntauscnd Mark erkennt- lich zeigen. Natürlich wird Eschenbach, der ehrliche Mann, auf ein so schmähliches Ansinnen nicht eingehen. Auch nicht, um durch eine Kur das Leben seiner Frau vicllcidit um etwas zu verlängern. Entrüstet weist er den Versucher ab, läßt ihn dann ahcr. damit auch für den letzten Akt noch etwas übrig bleibe, am nächsten Tage— dem Tage der silbernen Hochzeit— noch einmal wiederkommen. Eine neue VersnchSsccne. Da tritt die Tochter in das Zimmer als Rettungsengcl. Umarmung. Der Bann ist gebrochen. Wutzischend tritt der Fabrikant den Rückzug an. Prompt trifft darauf das Pariser Telegramm ein: Hans' Bild hat einen Preis erhalten. Und seine Angebete reicht ihm den grünen Zweig— von einem Lorbeerbaum, dem Festschmucke des Zimmers. Ein Bravo klang bei dieser schönen Scene von den oberen Rängen. Der Erfolg dcS grob in dem Birch-Pfeiffer-Stil gearbeiteten Stückes(bei den Schlußscenen allerdings wurde das Publikum denn doch ungeduldig und in den Beifall nach dem letzten Akte mischte sich ein energisches Zischen) ist der in den Hauptrollen vorzüglichen Darstellung geschuldet. Kraußneck legte fein ganzes reiches Können in die Gestalt des alten Eschenbach, Keßlers Ticbenlist war eine Prachtleistung und Nuscha Butze, als Mutter, rührte durch die Töne tiefster Empfindung.— ckt. Humoristisches. — Der blasierte Herr Nudel maier(im Theater zu seiner Frau):„Flenn' uet, Fanni, mir g'hören jetzt zu die feinen Leut', die was k a G' f ü h l uet haben!"— — Ein Neidischer. E r st e r G a st(eine Zeitung, in der er gelesen hat, weglegend):„Dieser Lebaudy, wie ich ihn b e» neidet" Zweiter Gast:„Wieso? Wegen deS lumpigen Sahara» Kaiserreiches?" Erster Gast:„Ach nee. Bloß weil er auf seinen Familien» namen verzichtet ha t." Zweiter Gast:„Heißen Sie etwa auch Lebaudy?" E r st e r Gast:„Nee. Ich heiße E m a n u e l Warzen» Ich wein."— — I m„ T i e r" g a r t e n.(Ein Student zum andern:)„.. und ich sag' Dir, das Kamel büffelt wie ein Roß; hat eine Sau- angst, bei Prüfung gehunzt zu werden.— Schafig, was?"— („Lusttge Blätter.") Notizen. — Er kann sich'S bor den Spiegel stecken. Denn: 26 Stimmen haben das Drama„Der neue Tag"�fiir„Meisterhaft" erklärt, 24 Stimmen sagten, es sei eine„Talentprobe", 12 Nörgler erklärten das Werk für„Mittelmäßig" und 7 Kritiker hielten es für„Verfehlt". Die Zahlen sind zuverlässig. Der Autor des vorgelesenen Stückes, Dr. Franz Servae s, hat sie uns selbst mitgeteilt.— — Ludwig Fuldas Einakter„Lästige Schönheit" geht als nächste Novität am 23. d. M. im S ch n u s p i e l h n u s e in Scene.— — Der Ausschuß zur Vorbereitung des Berliner Sängerwett- ftreites 1904 erläßt folgende? Preisausschreiben. Gefordert werden zwei vierstimmige Männerchöre. Der eine soll im Stile eines volkstümlichen Liedes, der andre im Stile eines Kunstgesanges gehalten sein. Die Vortragsdauer darf zehn Minuten nicht über- schreiten. Für jeden der beiden Ehöre ist ein erster Preis von zwei- hundert, und ein zweiter Preis von hundert Mark ausgesetzt. Die mit einem Kennwort versehenen Kompositionen sind bis zum 20. Februar 19V4 an H. F. I. Dickmann, Berlin, Pallasslraße 17, einzusenden.— — Im Theater des Westens wird M a r s ck> n c r S Dper „Der Templer und die Jüdin", in einer Bearbeitung von Hans Pfitzner zur Aufführung vorbereitet.— — Für ein H a m e r l r n g- D e n k m a l hat der Wiener Stadtrat als ersten Beittag 26 066 Kronen bewilligt.— — Die Zahl der kleinen Planeten, die zwischen der Mars- und Jupiter-Bahn die Sonne unrkreisen, hat S12 erreicht.— — Die Gottfried Keller-Stiftung hat das Bild SegantiniS„Kühe an der Tränke" käusticki erworben.— — Der Unterbau der Wiener Hofoper wird in diesem Sommer vollständig umgebaut; die Kosten sind auf eine Million Kronen veranschlagt.— — Professor Dr. Kröpelin von der Münchencr psychiatrischen Klinik unternimmt eine längere Forschungsreise nach Holländisch-Jndien; er null bei den dortigen Naturvölkern das Vorkommen der Geisteskrankheiten studieren und untersuchen, welchen Einfluß auf die Häufigkeit der Geisteskrankheiten die Kultur» Verhältnisse ausüben.— c. Die Vorliebe für M a u l w n r f S f c I l, die in diesem Winter zur Schau getragen wird, hat in der Normandie und in andren Provinzen Frankreichs, wo der Maulwurf während einiger Zeit sehr häufig war, merkwürdige Wirkungen gehabt. Früher bekam man ungefähr 8 Pf. für jedes Fell; aber seit zwei Monaten bot einer der größten Pelzhändlcr 34 Pf. für jedes Fell, und er erhielt in sechs Wochen 1866 666 Felle. Infolge dieses VertilgungSkriegeS ist es jetzt in manchen Bezirken Frankreichs fast unmöglich, überhaupt noch einen Maulwurf zu finden und Pelzhändler müssen 56 Pf. für jedes Exemplar zahlen.— te. Eßbare Insekten. In einem Artikel über eßbare Insekten, der im„Royal Magazine" veröffentlicht wird, werden mehrere merk- würdige Speisen beschrieben, die von den Bewohnern einiger fremder Länder hoch geschätzt werden. Der Bugong-Schmetterling wird von den australischen Eingeborenen als ein Leckerbissen betrachtet; in Abessinien gilt ein Mahl von Heuschrecken al? ein großer Luxus. Der Prionuskäfer war bei den alten Griechen und Römern hochgeehrt; die Honigbiene wird mit viel Vergnügen von den amcrika- nischen Indianern und Mexikanern verspeist. In Ecntralafrika werden Grashüpfer zur Suppe verwandt, während die Araber sie lieber mit Datteln vermischt zerquetscht cffen. Die lveiße afrikanische Ameise, die ftirchtbare Verwüstungen anrichtet, wird auch gern gegessen; wenn man sie aber zu reichlich ißt, so kamr sie wie ein Gift auf den Esser wirken.' Die Grugru-Raupe, die man in Amerika findet, ist sehr fett; wenn sie geröstet wird, so soll sie an Wohl« gcschmack jede tierische Nahrung übertreffen. Auch daS Heimchen haben die Griechen verzehrt.— Vcrantwortl. Redakteur: Julius Kaliski, Berlin.— Druck und Verlag: VottyärtsBuchdruckcrei».VerlagSausraltPaul Singer LtEo.,BerliuSW.