Nnterhattungsblatt des vorwärts Nr. 12. Sonntag, den 17. Januar. 1904 sNachdrnrl verboten.) 12) I�iobe. RVmcin von Jonas L i e. Berthen schrieb, ivährend ihre Thränen ans dat- Papier herabtropften, so daß man ihre Berziveiflniig air der Tinte iiud dein Papier erkennen konnte Arndt Vertrieb sich den langen Vormittag, indem er unten im Holzschauer eine lang geplante Arbeit fiir den Winter ausführte und sich Kufen zu seinem Schlitten anfertigte. Der Stallbock fand sich hin und wieder neugierig in der offenen Stalltbiir ein und schaute ihm aufmerksam zu. Ein Bauer brachte auf dem Rückwege aus der Kirche ein Paar Auerhähnc in die Küche— eine der gewöhnlichen Sendungen, ein Honorar tu natura für ärztliche Behairdlung. Co war dies das erste Herbstwild dieser Art. Doktor Baarvig ivollte während der Schonzeit nichts von Vögeln wissen. Im Wildfang stand dann Arndt lebhaft interessiert. J2r strich die gesträubten Nackenfedern zurück. „Sieh nur, Minka"— er breitete den Flügel des Auer- Hahns aus—„das Loch, wo der Schuß hineingegangen ist, gerade da hinein; es ist gewiß nicht lauge her, seit er gc- schössen ist, er ist beinahe noch warm— fühl' ihn einmal an!— Weiß Gott, sie wagt es nicht. Bist Du wirklich bange?" Die beiden Vögel hingen dort an dem Nagel im Wildfang mit rot geränderten, halb geschlossenen Augen; aus dem Sctmabel guckten Tannennadeln heraus und hin und wieder fiel ein Bluttropfen in eine kleine Blutlache herab. Minka stand da mid starrte sie an. „Du wagst nicht'mal, ihnen den Schnabel zu öffne»— sieh hier," fuhr Arndt fort. „Komm nicht au den Kopf," rief Minka erbleichend, mit einem Ausdruck unsagbarer Angst,„siehst Du nicht die toten Augen, die er auf uns richtet? Rühr ihn nicht au. rühr ihn nicht an, sage ich Dir, Tu sollst ihn nicht anrühren." Sie schauderte und lief hinein. Kurz vor Mittag strömte eine ganze Schar von Kirch- gängern auf dem Hofe zusammen. Man trug einen blutenden Mann auf die Truppe zu. Es war derselbe Bauer, der am Vormittag die Auerhähne gebracht. Er war wie leblos neben dem Ehausseestein gefunden worden, eine klaffende Wunde im Kopf. Das Pferd war auf einem der Hügel durchgegangen, der Wagen war umgeworfen und hinterher geschleift. Der Mann lag dort auf der Tragbahre, das leichenblasse Gesicht dein Beschauer zugewendet, und der dimkelrote Streif der Wunde verlor sich in dein nassen, von Blut zusammen- gefilzten Haar. Die Augen starrteii so unheimlich, hornartig; die Netzhaut war rot geädert von unterlaufenem Blut und die Lider waren halb geöffnet. Minka und Arndt kamen heransgestürzt und drängten sich vor, um zit sehen. Plötzlich stieß Minka einen wilden Schrei au?. Aus dem Munde des Doktors, der auf die Treppe hinaus- kam, erscholl ein kurzes, heftiges:„Ins Haus mit Euch, Kinder!" und der Mann wurde ins Haus getrageil und auf das lange Wachstuchsofa im Stlidicrzimmcr gelegt. Schulteiß stand wie gewöhnlich beobachtend oben am Treppenfenster, als Minka sonderbar verstört die Treppe hinaufgestürzt kam. Sie schlug hastig die Richtung nach dem Saal hin ein, aber als sie ihn erblickte, rief sie mit einer Arm- bewegung, als wolle sie den Anblick abwehren: „Die Atmen, die wcrd' ich nie wieder los!" «Aber, Fräulein Minka, wie konnten Sie nur so un- vorsichtig sein, Ihre zarten Nerven einem so erschütternden Eindruck auszusetzen?" „Genau dieselben roten Augen wie bei dein Auerhahn. Sie starrten so leblos, als wüßten sie etwas, was tief in mir liegt und wovor ich schrecklich bange sein muß, als bediene sich irgend eine Seele oder ei» Geist dieser Augen, um mich anzusehen und mir zu drohen." Sie öffnete die Thür zum Saal, guckte hinein, schlug sie aber schnell wieder zu. „Ich glaube, ich kann nicht allein sein; ich will hier bleiben, bis wir zu Tische gerufen werden." Sie setzte sich auf einen der Balken, die an der schrägen Wand entlang liefen, und barg das Gesicht in den Händen. „Ich glaube, Fräulein Minka, man muß einen Unterschied machen zwischen Naturemdrücken und wirklichen Geisteroffenbarungen," begann Schnlteiß vorsichsig.„Nein, nein, ich behalte mir vor— ich will durchaus nicht die Möglichkeit bestreiten— aber solche blutunterlaufene Augen können an und für sich sehr wohl-—" «Ich sage Ihnen, es waren nicht die Augen; es war etwas ganz andres, was mir etwas zu sagen hatte... Ach, ich kann es nicht ertragen, sie wollen etwas von mir, sie zwingen mich gleichsam, zerren an mir," murmelte sie vor sich hin. Plötzlich sprang sie ans. „Jetzt glaube ich wirklich allen Ernstes daran, Schnlteiß, an all das, was Barberg mir im Sommer ans unserm Ausflug erzählt hat. Jetzt ist es mir erst so recht klar geworden, daß jedes Wort davon wahr ist; jetzt besitze ich die Erfahrung." Sie starrte grübelnd vor sich hin. „Was kann der Geist mir nur zu sagen haben, was kann es nur sein? Will er mich warnen vor etwas Zukünftigem, etwas geradezll Unheilbringendem?" „Wenn es wirklich eine Mitteilung sein sollte, was ich jedoch noch immer bezweifle—" „Dürfte ich Sie ein für allemal bitten, mich mit Ihrem überlegenen Dozieren über diese Sache zu verschonen, Herr Schnlteiß; was ich weiß, da? weiß ich. Und wenn Sie nur kritisieren und bezweifeln wollen, so ist es ebenso gut, wenn ich gar nicht mehr mit Ihnen darüber rede." Sie machte eine Miene, als wolle Sie geben. „Ich überlegen— docicrend? Ihrer inneren Ueber- zeugung gegenüber, die mir beilig ist? Nein, nein, Fräulein Minka,"— er schlug sich ans die Brust—„hier können Sie ruhig alle Ihre Gedanken versenken wie in einen Brunnen. Und glauben Sic wirklich, glauben Sie wirklich selber, daß es irgend eine Materialisation eines Geistes, irgend ein körperliches Sichcinkleiden durch den eigentümlichen Schimmer in dem Auge gewesen ist— wahrlich die feinste, denkbare Geistcrsprache— glauben Sie das wirklich, so glaube ich es. mich, so wahr ich Ihnen glaube." „Aber meinen Sie, daß es nur eine Warnung gewesen ist?" begann Minka abermals. „Wohl kanm etwas andres. Sicher nur eine warnende Stimme." „Meinen Sic— glauben Sie? Es dnrchschauerte mich eisig vor Entsetzen. Aber waS könnte es nur sein? Es ist eine Unruhe in mir, als würde ich gezogen, erwartet— erwartet— „Denken Sie nur," lachte sie plötzlich,„es wurde mir heute vormittag plötzlich klar, daß ich um jede» Preis m die Hauptstadt müsse. Es kam so über mich, gleich nachdem ich die Auerhähnc gesehen hatte; ist das nicht sonderbar, Herr Schnlteiß, ganz sonderbar, so schaurig mystisch? Aber was kann das nur sein, das gerade mit mir zu schaffen hat," fuhr sie vor sich hinstarrend fort.„Kaun es irgend jemand sein, der sich nach mir sehnt, der an mich denkt, etwas von mir will?" „Ach nein, nein, Fräulein Minka," wies Schulteiß es plötzlich ganz entschieden ab,„alles/ alles deutet hier auf eine Warnung hin; es ist nur, ganz ausschließlich, eine warnende Stimme, gewesen oder vielmehr etwas beinahe Feindliches." „Ja. so fasse ich es nun aber wirklich nicht auf.— Ich hätte wohl Luft, noch mehr zu scheu," unterbrach, sie sich Plötz- lich.„Wir müssen versuchen, es herauszubringen, Herr Schulteiß, wir müssen. Wenn Sie damit einverstanden sind, so versuchen wir es mit der Geisterschrift, die Barberg mir er- klärt hat. Aber niemand darf davon wissen. Es bleibt dabei, daß wir es versuchen... Es ist nur ein rundes Stück Papier. auf dem man irgend etwas als Zeiger anbringt und auf das rings umher große Buchstaben gezeichnet sind. Dann drehen wir es herum und stellen die Antworten zusammen.— Hören Sie, jetzt rufen sie uns zu Tische.— Aber heute nachmittag, um die Kaffeezeit, fangen wir damit an..." Während Minka und Schnlteiß sich in der ruhrgen Nach« Mittagsstunde oben im Schulzimmer mit Fragen und Ant- wortep ans der Geisterwelt beschäftigten, saß der Doktor unten im Wohnzimmer zwischen Zeitungen und Zeitschristen. Im Laufe der geschäftigen Woche wurde stets allerlei Lektüre für den Sonntag zurückgelegt. Von Zeit zu Zeit legte er das Blatt oder das Heft hin. trat ans Fenster und sah hinaus. Das Wetter war noch trüber geworden, die Feuchtigkeit lag wie ein Schleier auf den Fensterscheiben und es tropfte unablässig herab. Ilm diese Zeit erwartete er Kjel mit seiner Braut, Thekla Feiring: Kjel war schon am frühen Morgen mit seinem Gig zu Voigt Preus; gefahren. Der Doktor sah immer häufiger nach der Ii Hr. Da rollte der Gig vor die Thür. „Hier ist die Post, Vater," sagte Kjel, ins Zimmer tretend. Der Blick des Doktors überflog forschend den Inhalt lind sah dann scharf zu Bente hinüber, die dem Sohne haslig gefolgt war— heiß und nervös infolge eines Briefes von Endre, den sie in der Tasche zerknitterte und in den sie ge- nügend hineingcguckt hatte, um zu sehen, daß er wiederum Anspruch auf eine unvermutete Geldsumme machte. ES war gleichsam eine stillschweigende liebercinkunft, daß dem Doktor diese Korrespondenz mit Endre vorenthalten wurde. „lind einen neueil Reisepelz, Mutter," rief Kjel, Thekla an die Hand nehmend und sie präsentierend,„in der Stadt destellt. Ich bekam ihn heute morgen gerade noch rechtzeitig, um ihn ihr mitnehmeil zu können. Elegant, wie?~ llebrigens verdammt teuer, feines, weiches Grauwerk in- wendig und ein Jltiskragen." Thekla findet ihn hübsch. „Wenn Du nur selber sehen könntest, wie er Dich kleidet," eiferte Kjel, während er ihn ihr abhalf.„Das sage ich Dir, in mlserm Haus soll ein Trumeau sein, so daß Tu Dich von Kopf bis zu Fuß sehen kannst.— Wir haben den ganzen Weg entlang nichts weiter gethan, als über unser Haus geredet. sEs soll ein ganz modernes, zeitgeniäßes Haus sein und für zwei selbständige Persönlichkeiten eingerichtet." „Hm," meinte der Doktor,„das ließe sich ja am leichtesten machen, wenn jedes wie bisher in einem Hause für sich wohnt." „Ja, Tu mußt nicht glauben, daß Thekla in ein alt- modisches Haus einzieht, Vater! Tie Zimmer müssen hoch und hell sein.— Nicht wahr, Thekla?" Thekla war verschwunden. Sie wußte, was jetzt ver- handelt werden sollte. „Ja, ich gehe wirklich mit dem Gedanken um. zu bauen: wenn man alles berechnet, so wird es doch das Vorteilhafteste," warf er mit einem Achselzucken hin: er fing an, im Zimmer aus und nieder zu gehen,„wird es doch das Vorteilhafteste." „Gott bewahre. Kjel, das Geld— das Geld!" Kiel wandte sich hastig um und sagte in beißendem Ton: „Es fragt sich nur, was am meisten kostet, Vater, so ans ein fünf Jahre berechnet, zu bauen oder nicht zu bauen: Geld, ja freilich gehört Geld dazu... Aber eS gilt einen Unterschied zu machen zwischen dem Geld, das man sieht, und dem, was mau nicht sieht. Wie ein Bettler aufzutreten, das ist jetzt gerade das Allerkostbarste, worauf man versallen kann." Der Doktor sah nicht gerade so aus, als wenn die Argumente des Sohnes ihn befriedigten: er schüttelte den Kopf von Zeit zu Zeit mißbilligend. „Siehst Du. Kjel," wandte Frau Bente vorsichtig ein, „sowohl für den Vater als auch für mich würde es eine große Beruhigung sein, wenn Dil mit dem Bauen wartetest, bis Du Dir ein kleines Kapstal zurückgelegt hast." (Fortsetzung folgt.), Sonntagsplauclerei. Es scheint eine neue Geschichte; doch ist sie ewig alt. Ei» Jüngling liebt ein Mädchen. Unebenbürtig l Neben der Litteratur läuft dank der Erfindung der Vuchdruckerlunst die Affaire von dem Grafen und dem Nähmädchen einher, worüber im Laufe der Jahr- hunderte mehr Thränen vergossen worden sind als über alle Greuel der Menschheit zusammengenommen, über Krieg und Pest, über Gewalt und Not, über Hunger und Sklaverei. Aber das Motiv bleibt unerschöpflich. Heute kann man im Deutschen Reich sogar mit dem Vortrag solchen unsterblichen Jammers zu dem Ruhm eines Aufrührers gelangen, ein innerer Feind werden, gegen den die ganze Armee mobilisiert werden mutz. Franz Adam Bcycrlein hat das Nähmädchcn von ein ein Unter- ossizier erzeugt werden lassen. Der Herr Graf ist ein Lieutenant. er ist mithin der Vorgesetzte seines antzerehelichen Schwiegervaters. Das Ganze ist durchgeistigt von Uniformen neuesten SulS. Und unter den grell anlkcgenden ftoiiBfteltn vornehmste!, Röcken glühen durchweg edelste Seelen, stark und leidenschaftlich, menschlich und patriotisch, mit einem Worte: militärische Seelen. DaS Stück könnte zu Kaisers Geburtstag von Soldaten gespielt werden, so Vater- ländisch und dynastisch ist es. Der sironprinz hat denn auch bei seiner Erstaufsührung loacker gellatscht. DaS Schauspiel bot keinerlei Kultur- anklage, nicht einmal cm Kulturbild. Aber zum grellen Zeitgemälde wurde die Wirkung des Theaterstücks. Der enthusiastische Kronprinz wurde disciplinansch zur Ordnung gerufen. In allen Garnisonen wurde Offizieren und Bkannschaften der Besuch deS Dramas verboten, in Frankfurt a. M. versuchte die Militärbehörde sogar die Aufführung im Stadttheater zu hintertreiben. So kann man unschuldig zum Revolutioniir verurteilt werden... Ich will gegen Bcyerleins„Zapfenstreich", der seit ein paarMonaten das Glück der Thcaterdirektoren ist, nichts Schlimmes sagen. ES ist ein ordentlich gemachtes, bühnengerechtes Theaterstück, lind da es bei uns an Talenten fehlt, die wenigstens das Handwcrtsmähige ihres GetoerbeS beherrschen, so mag man sich, ohne Skrupel, auch diese uniformierte Geschichte von dem Grafen und dem Nähmädchcn ansehen. Aber das Mitzverständnis mutz doch nun endlich von dem gute» Franz Adain abgewehrt werden, als ob in ihn» ein Rebell stecke. Die Garnison- censoren sind wirklich von einem argen Schalk geblendet, der ihnen einblies, der Pleihedichter sei eine Gefahr für die Armee. Bcycrlein ist ganz im Gegenteil ein Typ jener Entkräftung deS bürgerlichen Geistes, der sich im Höchstfall als sentimentales Philistertum auf- bläht und„Auswüchse" künstlerisch bedauert. Im„Zapfenstreich" werden nicht einmal Auswüchse gekitzelt. Der Militarismus tritt als Zuschneider in die Erscheinung; er giebt das Kostüm und leiht den Konflikt. Tic Uniform ist echt, aber der Konflikt loird sorgsam verbogen, damit sich scinc Spitze ja nicht gegen die geheiligte Jnstitufton richte. Ja, der Verfasser opfert patriotisch das Herzblut seines Stoffes, nur un, das ii, der That gewaltige nitd revolutionäre Problem, das ihm sein Theatcrwitz in die Hände spielte, ans dem Wege zu räumen. So wird der„Zapfenstreich" zu einer Anklage gegen jene zahme Littcratenängstlichkeit, die keine Härte und keinen Hätz kennt, die der Notwendigkeit tendenziöser Wellanschammg unter dem Vorwand des künstlerischen Grundsatzes unpersönlicher Objektivität aus den, Wege läuft, in der nichts grollt und gärt, und die, weil sie mit den Problemen eben nur spielt. des- halb das Entzücken des bürgerlichen Publikums bildet. Diese Tantiemekunst ist unparteiisch wie der„Lokal-Anzcigcr" und von ausgleichender Gerechtigkeit wie die Regierung deS Grafen Bülow. Das gewandte Zwergtuin nnsrer deutschen Schriftstellerei lätzt sich an,„Zapfenstreich" vorzüglich studieren, weil der Verfasser geradezu zum Engclmacher seines Spröhlings geivorden ist. Mau hat den Otto Erich Hartleben wegen der spekulativen Theoterei seines„Rosemnontag" arg gescholten. Und doch ist diese Offiziers- tragödie eine Höllenmaschine neben der süßen Gelenkigkeit des „Zapfenstreich". In,„Rosenmontag" überholte doch immer wieder der Satiriker den Stückarbcitcr, die Stacheln drangen durch alle behagliche Verfettung. Seine Offiziere sind Gestalten deS Spottes, selbst kanaillös. Herr Beyerlein kennt nur brave, bravere und bravste Uniformträger. Das Laster der Schlimmsten ist lediglich ein bihchen holde verliebte Schwäche und Unfreiheit gegenüber der Konvention. Sonst sind sie alle edel, hilfreich und gut, wie das in der deutschen Armee nicht anders zu erwarten ist. Die eine That- fache schließt alle Kritik ein: die Berliner Censur, die mit Erfolg den letzten Keim des öffentliche» Lebens in den Knnstdarbielnngen aus- gerodet hat. fand in VeyerleinS Werk kein Wort zu streichen und zit mildern: Eine Revolution, die im voraus den Stil der Polizei hat. Ein Rebell mit allerhöchste» Privilegien. Und doch hatte Beyerlein ans seinem Wege den Konflikt gc- funden, der nur gestaltet zu werden brauchte, nm zur gewaltigen Anklage gegen das militärische System sich empor zu recken. Der junge Offizier hat eine Buhlschaft mit der Tochter seines Unter- gebenen. Als Offizier kann er das Mädchen, das er liebt, nicht heiraten, und als Civilist lvill er es nicht, sein vornehmes Blut sträubt siäi gegen daS Plebejertum. Nun lvird der Vater, der seine tiefste Meuichlichkeit durch die Anmaßung der Kaste und den Zwang der DiSciplin zertreten fühlt, den jungen Herrn niederschlagen. Herr Beyerlein hütet sich vor solchen, Greuel. Das wäre ein Ver- brechen wider die Armee, das wäre brutale Tendenz, und über solche veralteten Mittel sind unsre Vtodepoeten hinaus. Beyerlein erinnert sich vielmehr der bekannten Erscheinung, daß unsre deuischen Unteroffiziere in geichlechtlichcn Dingen von antzerordenllichen. Zart- gefühl sind, so kann denn unser Uutcroffizicr nanirgemätz die Lieder- lichkeit nicht leiden, und er mutz nicht den Lieutenaiit, sondern seine Tochter erschießen, nachdem sie sich, um den Geliebten aus der vermeiiillichen Gefahr zu retten— wie sehr verkannte sie das gute Herz Beyerleins I— als Dirne denunziert. Als Moral bleibt übrig: Unteroffizier-Jungftauen laßt Euch nicht mit Lieutenants ein, das kann Euer Tod werden, wenn Euer Vater— Hopla l— dennoch es sehen sollte. Vielleicht hat Beyerlein den Ausweg aus seinem dramatischen Konflikt mit dem Militarismus von, alten Lessing gelernt. Aber Lessing war ein Empörer und kannte iwcki incht die nnlde und selige Technik tendenzfreier Unparteilichkeit, deren Wellanschammg durch daS Wiener Wort umschrieben wird: Menschen, Menschen san mer alle. LessingS Emilia Galotti liebt nicht den prinzlichcn Verftihrer, sondern sie soll von ihm vergewaltigt werden. So etwas würde im monarchischen Deutschland von heute schon nicht möglich sein. Emiliens Vater. Odoardo. zückt erst den Dolch gegen den Prinzen und seinen Kuppler. Aber Emilia widerspricht mit dem furchtbaren Worte: „Dieses Leben ist alles, was die Lasterhasten haben." Und der Vater tötet die Tochter nicht, weil sie die Geliebte des Prinzen geworden, sondern weil sie so tief sinken konnte, den Prinzen zu lieben. Also überzeugt Emilia den Vater, den Dolchstoß gegen sie zu richten: „Gewalt! Gewalt! wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Ge- walt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt!— Ich habe Blut, mein Vater; so jugendliches, so warmes Blut als eine. Auch meine Sinne sind Sinne. Ich stehe für nichts." Darum ersticht Odoardo Emilien. Und zum Prinzen spricht er majestätsbeleidigend:„Prinz! Gefällt sie Ihnen noch? Reizt sie noch Ihre Lüste? Noch in diesem Blute, das wider Sie um Rache schreiet?" Gott behüte Beyerlein vor solchen altmodischen Tiraden! Das wäre ja GesinnungS- tüchtigfeit. Und auch an„Kabale und Liebe" mag man denken, lveim man die Fortschritte der bürgerlichen Litteratur ermessen will. In Schillers stärkstem Drama glüht bis zum heutigen Tage das Blut der stau- zösischcn Revolution. Schwefelflammeu brechen aus jedem Wort hervor. Herr Beyerlein würde sicherlich nicht so stillosen Tyrannentrotz gestaltet haben. Sein Präsident wäre ein lieber Kerl geworden und der Wurm ein treuer Diener seines Herrn. Die Verhältnisse, die Verhältnisse wären an allem Schuld gewesen. Wer kann gegen die Verhältnisse? So ist das Leben. Menschen, Menschen san mer alle I Beyerlein ist— o über den verblendeten Militärboykott des Militarismus I— der getreueste Eckehart des Militarismus. Das hat er schon in seinem Roman„Jena oder Sedan" bewiesen, der die mißverstandene Sensation des letzten Jahres Ivar. Sein Schauplatz soll Pirna sein, ist aber höchstens Bärne. Freilich im Gegensatz zum Drama, das die Per- sonen nur um dcS theatralischen Kniffs willen in Uniformen steckt, kratzt der Roman zart an der Oberfläche: Zu viel Litzen, zu viel Paradcdrill, zu viel Sekt, Karten und zu viel Liebe mit und ohne Infektion. Wenn aber diese kleinen Ucbel beseitigt sind, so strahlt der Militarismus, frisch ausgesiedet. Man niuß die Traditionen nun hochhalten, die guten, alten, Rückkehr zur Heroenzcit Wilhelms des Großen. So sieht der Revolutionär aus, der nebst- dem noch in Anlehnung an Nicolaus II., Bertha Suttner und Haag Cigarettcnplaudereien über den ewigen Frieden bevorzugt. Mir aber scheint: Will man Jena reformieren, darf man die Sedanlcgende nicht ausspinnen. Der Lieutenant Bilse hat aus seiner kleinen Garnison Geschichten erzählt, die litterarisch einen elenden Schmarren darstellen, die aber, wie innner stiintperhast, von einem Amateur ohne Retouche photographiert sind. Neben dieser dürren, plumpen und brutalen Wirklichkeit sckimeckt Beyerleins Roman von Borax mit süßestem Lakritzensaft. Der selige Veilchenstesser schaut auch durch die ernstere Maske deS poetisierten und liebevoll benörgeltcn Militarismus durch; vielleicht ist der Veilchenstesser gar realistischer als die Figuren des„Zapfenstreich" und aus„Jena oder Sedan". Der Fall Beyerlein zeigt die Ohnmacht unsrcr deutschen Litteratur, die großen Probleme des öffentlichen Lebens stark und ehrlich zu bewältigen. Die tausendfältige Abhängigkeit von der Staatsgewalt und dem kauskrästigen, kulturlosen Publikum hat diese scheue Kunst der Halbheit und des Vorüberhuschens geschaffen. In Deutschland ist die Kunst immer nur Zierrat. Anregung, Gewürz, Zerstreuung, im besten Falle nachdenklich sammelnde Erbauung des LebenS, sie ist aber keine Macht, kein Kämpfer des Lebens imd darum mich kein Führer zum Leben. Trotzdem wirkt die bloße Berührung der politischen und gesell- schaftlichen Probleme schon Anstoß und Verfolgung. Das beweist, in unsrcm Beispiel, nur die Schwachnervigkeit des militärischen Systems. das offenbar gar nichts mehr vertragen kann. Würde man sich den Beyerlein recht ansehen, so würde man Sonntags Mannschaften tmd Offiziere statt in die Kirche in den„Zapfenstreich" führen. Denn er ist nicht mehr und nicht weniger als der glatte litterarische Garnisonprediger des Militarismus.—.Joe. Kleines feuUleton. >— Ter blitzende Gegenstand. Ucber eine Wiener Gerichtsverhandlung berichtet das„Extrablatt": Richter(zum Angeklagten):„Sie heißen?" An gell,(deklamierend):„Ret viel und Joseph Novak." Richter:„Wohin sind Sie zuständig?" An gell.:„Natürlich nach Wien." Richter:„Sie, ich würde Ihnen raten, hier einen andren Ton anzuschlagen l" Auge kl.(zum Gerichistuche vortretend, in gütigem Töne): «Mein lieber Herr kaiferlickM Rat, ich... ich muß mich doch der- teidigen können I" Der Angeklagte soll in einer dunklen Nacht des vorigen Monats ein dunkles Verbrechen versucht haben, indem er auf einen barm- losen Passanten einen„blitzenden Gegenstand" ohne jeden Grund zückte. Der Passant lief davon und Nova! glaubte, da muffe er ihm nachlaufen. Er schrie, er müsse„den Pülcher" unbedingt haben. .Damals war es reiner Alkohol, der Novak rebellisch gemacht hatte. Er war nachmittags ausgegangen, um einen„verlorenen Sohn" z» suchen. Er suchte auch einige Zeit und ging dann seinen gewohnten Weg ins Wirtshaus. Angekl.(entrüstet):„Aber einen blitzenden Gegenstand, (nachdenkend) einen blitzenden Gegenstand? Ah, der hat meine Schnapsflasche für einen Dolch gehalten. Ja. ja. die blitzt immer."... Ter R i ch t e r fragt den Zeugen, ob es möglich ist. daß es sich um eine Flasche gehandelt hat. Ter Zeuge sagt verwirrt, das wisse er nicht. Richter(zum Angeklagte»):„WaS haben Sic denn mit der Flasche wollen?" Angekl.:„Ich Hab' sie am Nepomuk Vogl-Platz heraus» genommen, um g'schwind einen Schluck zu machen." Der Richter sprach den Angeklagten, der sich zu einer Rede anschickte, rasch frei. Ter strafbare Thatbcstand ließ sich ja nicht nachweisen.— Völkerkunde. — W i e die Arancos freien, wird von Tr. B. C. Renz in einem Artikel über das Familienleben bei den Tehuelhet und ?lraucos geschildert, der im 1. Heft 1904 der populär-wisscnschaft- lichen Ouartalschrift„Völkerschau"(Leutkirch. Jos. Bernklau) ver- ösfentlicht ist. Der rohe kriegerische Zug des Arauco-Jndianers be- stimmt auch sein Verhältnis zum Weib: Zwar giebt es bei seinem Volk Ehen, die auf Grund gezensciiiger herzlicher Zuneigung geschlossen worden sind, allein bei den meisten kommt doch nur der Wunsch des Mannes in Betracht. Will er ein gewisses Mädchen zum Weib haben, dann teilt er sein Herzensgeheimnis seinen Freunden mit. die ihm durch Geschenke von Pferden, fetten Ochsen. Silber- schmuck und andren Ivertvollcn Gegenständen die Aufbringung des Brautpreises ermöglichen, und nach Überwindung dieses materiellen Hindernisses versammelt er sich mit ihnen in einer mondhellen Nacht zu Pferd in der Nähe der Hütte seiner Auserwählten. In einem gegebenen Augenblick tritt ein halbes Dutzend der Männer ein, sie eröffnen dem Familienvater die Ursache ihres Kommens, streichen die Vorzüge des Bewerbers sowie die Vorteile der gewünschten Ver- bindung möglichst heraus und ersuchen ihn schließlich um sein Ja- wort, was in der Regel gegeben wird. Unterdessen hat sich den Bräutigam bereits dem Lager seiner Braut genaht, ergreift sie bei de» Haren oder Füßen, schleppt sie zum Ausgang der Hütte und schwingt sich mit ihr auf seine» bereitstehenden Renner. Die ernst- gemeinten oder offiziellen Hilferufe der Geraubten bewirken aller- dings, daß dce übrigen Ivciblichen Hausbewohner mit Keulen und Steinen bewaffnet zur Verteidigung herbeieilen, allein die Beuts entrinnt ihnen doch, und auch die Freunde des Bräutigams, die sich mit beruhigenden Worten und Gesten verteidigen, sind bald auf ihren Pferden und eilen unter den Verwünschungen der Weiber dem rasend fliehenden Räuber»ach, bis ihn und seine Beute das Dickicht des nächsten Waldes deckt. Nach einem oder zwei Tagen kommt das Paar wieder aus dem Wald hervor und die Frau folgt nun ihrem Mann in ihr neues Heim, wohin die Freunde des� letzteren die ver- sprochenen Hochzeitsgeschenke bringen, damit der Schwiegervater be- friedigt werden könne. Geber und Neuvermählte überreichen die- lelbeu zusammen; sieht sich der Schwiegervater in seinen Erwartungen nicht getäuscht, so ist er voll Freundlichkeit, während die Schwieger- mutter die Nolle der Cntrüsteteii noch immer fortspielen muß, weshalb sie dem Räuber ihrer Tochter den Rücken kehrt, wenn sie diese auch frägt, ob ihr Mann nicht hungrig sei. Auf die bejahende Antwort desselben bietet sie aber ihr mögliches auf, um ihrer Würde als Gast- geberin alle Ehre zu machen; dennoch dauert die geheuchelte Feind- schast in manchen Fällen jahrelang fort, so daß Schwiegermutter und-Sah» sich nur durch einen Zaun oder sonstige Scheidewand oder bei gegenseitig zugekeh„..m Rücken sprechen. Außer dieser be- schriebenen regelmäßigen Hochzeitsform Hebt es eine zweite, die den Charatter des Kriegerischen in noch ausgeprägterem Maße trägt: Ein Arauco verliebt sich z. B. bei einem öffentliche» Festmahl in eines der amvesenden Mädchen, eilt ans sie zu, ergreift sie und cnt- flieht mit ihr; oder eir w reitet aus, sieht ein einscnn wandelndes oder arbeitendes weibliches Wesen, das ihm gefällt, steigt von seinem Pferd, erfaßt es und galoppiert mit seiner Beute davon. � Allerdings dürfen nach solch romantischen Anwandlungen die Geschenke beim Schtviegervater ebensowenig fehlen, wie bei den regelmäßigen Werbungen.— Medizinisches. ie. Fremdkörper im Ohr. Wenn jemand irgend einen Gegenstand inS Ohr bekommen hat. wie es ja namentlich bei schlecht beanfsichtigten Kindern häufig geschieht, so sollte gar kein Versuch zum Herausziehen des Fremdkörpers gemacht werden, weder von feiten dcS Bewiesenen noch von feiten der Angehörigen oder andrev Personen außer vom Arzt, eS sei denn, daß die Beseitigung ersichtlich nur geringe Schwierigkeit machen kann. Unzählig oft ist es vor- gekommen, daß bei solchen Versuchen die Fremdkörper erst recht tief ins Ohr gedrängt worden sind, bis in den knöchernen Teil des Gehör- ganges und vielleicht sogar bis in die Paukenhöhle. Wenn cS sich nun um Haarnadeln, Zündhölzer und ähnliche spitze Dinge handelt. so können natürlich sehr leicht Verletzungen deS Gehörganges ein- treten. Gewöhnlich wird der Arzt erst dann geholt,>venu der Patient durch Ungeduld und Schmerz dazu gebracht wird, sich allen Iveiteren Versuche» der Hilfe vo» unberufener Seite zu widersetzen. Die Sache ist, wie Dr. Ferdinand Alt in der„Wiener Klinischen Rundschau" ausführt, weit ernster, als sie dem unerfahrenen Laien erscheint. Die Reihe der Todesfälle, die im Gefolge der Einkeilung von Fremdkörpern in die Trommelhöhle durch Erkrankungen des in Mitleidensclmft gezogenen Gehirns vorgekommen sind, ist durchaus nicht gering. Liegt der Fall irgendivie schwierig, wie eS sich oft schon ohne weiteres aus der Natur des ins Ohr eingedrungenen Gegen- stände? schlichen läßt, so sollte nicht der Hausarzt, sondern der Ohren- arzt zugezogen werden. Die nicht in der Ohrenheilkunde geschulten Aerzte greifen nämlich gewöhnlich zur Pincetle, die aber nicht helfen kann, falls der Fremdkörper den Raum des GehörgangeS völlig aus- füllt, sehe toohl aber schaden kann. Die Hauptgcfahr besteht in der Verunreinigung der Par�kenhöhlc durch den Frenidkörper, die wegen der leichten Reizbarkeit der dort befindlichen Schleimhäute zu folgen- schweren Ansteckungen Veranlassung geben kann. Dr.. Alt empfiehlt zur Entfernung eines Fremdkörpers zunächst einen Versuch mit Aus- fpülungen, die in den meisten Fällen schon zum ipiel führen werden, namentlich, wenn cS sich um harte Gegenstände handelt, wie Steincheii, Koralle», Glasperlen oder ins Ohr gelangte Tierchen. Schwieriger wird die Behandlung, wenn die Eindringlinge in Fruchtkernen, Erbsen, Bohnen und ähnlichem bestehen, die unter dem Einfluß bon Wasser quellen. Alsdann ist besser Oel zu wählen oder vor der Ausspritzung etwas Alkohol inS Ohr zn träufeln. Das mechanische Herausziehen versucht der Ohrenarzt erst, wemr die AnZ- fpülungen erfolglos geblieben sind und wenn er sich außerdem über- zeugt hat. daß der Patient genügend stillhalten wird, so daß Ver- letzunge» durch das Instrument)'.icht zn befürchten sind, andrcnfalls mutz der Kranke vor dem Eingriff betäubt werden. Die ganze Be- Handlung wird natürlich ihn so schwieriger sein, je mehr Versuche vorher von unberufener Seite gemacht worden sind und zn einer Reizung und Verletzung des GehörgangeS geführt haben. Dr. Alt hat zur Entfernung von Fremdkörpern aus dem Ohr bereits Operationen vornehmen müssen, bei denen die Ablösung der Ohrmuschel notwendig war, um genügend an die betreffende Stelle herankommen zu können, zuweilen sogar noch die Entfernung von Knoche ntcilen mis den Wänden de? Gchoreanges. Dies toar der Fall bei einem achtjährigen Kind, das sich einen Stein ins Ohr gesteckt hatte, den die Angehörigen und der ohrenärztlich nicht geschulte Arzt zn ciit- fernen vergeblich versucht hatten der Fremdkörper lag ganz hinten am Trommelfell, in das bereits ein Loch gestoßen war. Selbstverständlich trat auch nach der geglückten Operation noch eine Eiterung des Mittelohrs ein. zumal das Trommelfell schon vorher entzündet gewesen war. jedoch wurde das Gehör»ach 14 Tagen vollständig wieder hergestellt. �— Aus dein Tierreiche. Die Fosf a. Eine ganz eigenartige Tierwelt findet sich auf der Insel Madagaskar. Trotzdem sie dem afrikanischen Fest- laude so nahe liegt, hat sie doch mit derjenigen in Mittelafrika ldnrchaus keine Aehnlichkeit. Besonders charakteristisch sind für Madagaskar die Halbaffen und einige sonderbare Nagetiere: aber auch andre Tierklassen zeichnen sich durch höchst interessante Formen aus. Z« den bemerkenswerten Raubtieren gehört die Fossa oder Frettkatze. Das Tier lebt vorzugsweise im Innern der südlichen Gegenden Madagaskars. Im ganzen Gesichtsausdrnck und dem Zahnbau gleicht es den echten Katzen, jedoch ist der Schädel etwas gestreckter. In der gestreckten Gestalt, den niedrigen Beinen, den langen Schnurren und der starkentwickelten Asterdrüsentasche ähnelt es eher den Schleichkatzen. Der ganze Körperbau drückt Geschmeidig- keil aus. Der kleinschnauzige Kopf trägt»ngewöhnlich breite Ohren und mittelgroße Augen. Der schmächtige Körper cndigl in einem langet', chlindrischen, gleichmäßig behaarten Schwanz. Die kurzen Füße sind kräftig, die Fußsohlen nackt und schwielig, und die fünf bis zu den Spitzen verbundenen Zehen sind mit vollständig zurück- ziehbaren Krallen bewaffnet. Die kurzen, feine», etwas gekräuselten Haare sind braun und strohgelb geringelt: der Pelz erscheint hell- bräunlich rot, am Bauche ettva-? heller. Di« Länge dcS Körpers beträgt 80 Ccntimcter ohne den Centimeter langen Schwanz. Das Tier zeichnet sich durch außerordentlicbe Wildheit aus. Telfair, der es zuerst in der Gefangenschaft beobachtete, berichtet von ihm, daß es, so anmutig es auch erscheinen möge, im Verhältnis zn seiner gc- ringen Größe doch das wildeste, wütendste aller Tiere sei; es siehe an Mordlust. Blutdurst und Zcrstörungssucht nicht einmal dem Tiger nach. Die Muskelkraft und Beweglichkeit der Glieder sei sehr groß. Von seinem Leben in der Freiheit weiß man bis jetzt mir wenig. Es nährt sich von kleinen Säugetieren und Vögeln. Auch die Hühner- Höfe der Bewohner Madagaskars sucht es gerne auf: kein Zaun ist zu hoch, leine Spalte zu eng. es klettert hinüber und zwängt sich hindurch. Die Beute verzehrt die Fossa nicht an Ort und Stelle. sondern schleppt sie mit sich fort, um sie in ihrem Schlupfwinkel in aller Ruhe zu zerreißen. Wird die Fossa auf ihren Raubzügen von einem Menschen überrascht und in die Enge getrieben, so setzt sie sich sehr energisch zur Wehr und kann ihm mit ihren spitzen, sckiarfcn Krallen erhebliche Verwundungen zufügen. Gewöhnlich weiß sie jedoch den Nachstellungen mit großer Schlauheit zu entgehen. Ihre Räubereien führt sie vorzugsweise des Nack'tS aus. So vertritt die Fossa in Madagaskar die Stelle des deutschen Marders,»ur ist sie noch bedeutend gefährlicher.— Technisches. ca. Schutzvorrichtungen für Kachelofen- Feuerungen. Das während des Schüren? und Nachschüttens Veraniwortl. Redakteur: Julius Kaliski, Berlin. sehr häufig vorkommende Herausfallen von brennendem Material aus dem FeuerungSraume ist bis jetzt ein sehr großer Nachteil der Kachelofen-Feucrungen, da die Dielen und Tcppiche hierbei verbrannt werden und sogar Zimmerbrände entstehen können. Eine neue Schutzvorrichtung für Kachelofen-Feucrungen, welche diese Hebel- stände vermeiden soll, besteht aus einer mit einem kastenähnlichen Teile versehenen Platte, welche im Innern der Ofenthürzarge mittels Zapfen horizontal drehbar befestigt und mit Zuglöchern versehen ist. Die Platte, welche gleichzeitig die sogenannte Zugthür ersetzt, kann nach außen so weit heruntergeklappt werden, daß sich ihr äußerster Rand noch um ein beträchtliches unter dem Niveau der Herdobcrfläche befindet, wodurch das Nachschütten und Schüren unbehindert erfolgen- kann. DaS aus dem Fcuerungsraum hcransfalleude Brennmaterial wird nun in dem jetzt unmittelbar vor der Fcuerungsöfsining befind- lichc», kästenähnliche» Teile der Platte aufgefaiigcn und beim Herauf- klappen derselben wieder in den Fenermigsrauin zurückgeworfen. Das Modell der Stirnplatten, welche mit dieser Vorrichtung aus- gestattet werden sollen, bedarf keiner Aenderrmg. Die Vorrichtung ist von Fachleuten als sehr praktisch bezeichnet worden.— Humoristisches. — I nt D i c Ii st e i f e r. Bürger in e ist c r izum Feuerwehr- Kommandanten):„Aber, Herr Hauptmann, dort prügeln sich ja die Feuerwehrleute I" K o m m a n d a n t:„Da wird halt jeder wieder z n e r st re tten wollen 1"— — Drastisch.„... Hnserm Freund Müller scheint es ja immer besser zu gehen!... Früher ging e r herum, als ob i h ni die Hühner'S Brot gefressen hätten, und jetzt thut er schon, als ob er die Hühner fressen könnte!"—" — Aus w e g. Musikant(Geld einsammelnd):„Bitte, für die Musik!" Bauer:„Da is a' Zehnerl für mich! Für mein' Bub'il zahl' i' nix— i' Hab' ihm schon d' Ohr'n zu'bund'n!"— („Fliegende Blätter.") Notizen. — Eliten Preis von hundert M a r k schreibt der deutsche Knnstverein in Berlin für daS beste lyrische Gedicht auS. Alles Nähere durch die Geschäftsstelle des Vereins(Berlin, Schöne- berger Ufer 32).— — Karl V l e i b t r e n S Schauspiel„Der Heilskönig" wurde bei der Erstaufftihrmig im P o s e n e r Stadt-Thcater wenig beifällig aufgenommen. — Rudolf HawclS Komödie„Politiker" erzielte bei der Erstatisiührnng im Wiener R a i m n n d- T h e a t e r einen starken Erfolg.— — DaS Münchener Ucberbrettl„Die Elf Scharfrichter" soll nach de»,„B. T." gänzlich verkracht sein.— — Alfred B r u n e a u beabsichtigt Z o l a s Roman ,. I. a Faule de 1' A b b e Mouret"(„Die Sünde des Priesters") in ein Drama umzuarbeiten, das von einer sinfonischen Musik be- gleitet sein soll.— — In dem Wettbewerb um Farbenskizze n für die Bemaltttig der östlichen Wandflächen des PlenarsitzuilgS-Saales im Rcichstags-Gebände hat das Preisgericht von den ueuil eingeladenen Bewerbern drei mit P r c i s e n von je 1000 M a r k ausgezeichnet mid zwar Professor Arthur Kampf, Professor W. Friedrich(Berlin), Angela Jaul(München). Die Entscheidung über den Auftrag hat sich das Preisgericht noch vorbehalte».— — Die Ausstellung der B e r l i n e r S e c e s s i o n wird anfangs Mai im alten Hanse, Ecke der Kant- und Nhlandstraße, er- öffnet iverden.— — Ein neues Museum für arabische K n n st ist in Kairo eröffnet worden. Die bisher in der Moschee ElHakim vor- einigten Proben sarazenischer Kunst sind in das neue Museum über- geführt worden.— a. Der Preis de? Thoriums, dieses unentbehrlichen Materials für die Fabrikation von Glühstrümpfen. ist in den letzten Jahren gewaltig gestiegen, seit eine große amerikanische Gesellschaft, welche selbst Thoriumsandgrubeii(Monazitgruben) in Nordamerika besitzt, alle Rechte an den bisher für Deutschland ansgebelltetcn brasilianischen Monazitgruben angekauft hat und den Export von brasiliaüischem Sande nach Europa nach Möglichkeit zn verhindern sucht.— — Der erste Steuermann vom Geestemünder Fischdampfer „Württemberg" berichtet, daß daS Schiff auf Ol 0 N. 16° 45' SO. mit dem Vordersteven auf einen schlafenden Walfisch auf- gestoßen ist, so daß das Schiff leck sprang. Nach der Kollision färbte sich die See um das Schiff herum blutrot, das Tier arbeitete furchtbar und warf große Wassermafsen an Deck, wurde aber bald nicht mehr gesehen.— — Druck und Verlag: BorwärtsBuchdruckerei u.VcrlagSanstaltPaul SingerKTp., Berlin SW«