Mnterhalwngsblalt des Horwärts Nr. 13. Dienstag, den 19. Januar. 1904 (Nachdruck vsrkoien.) 13Z l�iobe. -Roman von JonaS Lie. „Wie idyllisch, Mutter, tvie idyllisch! Eine Hütte und em Herz! Aber das ist nun gerade das Altmodische, ivas sich nicht verlohnt... Da unten im Sägewerk in dem alten Hause wohnen, wo man das Getöse der Sägen immerwährend hört, rnit einer Frau, die Verlangen nach alledem hat, was man heutzutage beansprucht. Und dann in geschäftlicher Beziehung nicht ansläildig repräsentieren z?? können.>vie ich als ver- heirateter Man?? ii? meiner geschäftlichen Stellung thun lnus;, wenn ich- nur ehret? einigermasjen solvente?? Eindruck attf meine Mitmenschen machen lind nicht h? eine ganz andre Sphäre Hinabsinken will, wo man tnir, weif; Gott, den Kredit sofort klindigel? würde. Ich habe das alles griindlick überlegt, lind das, waS mir bei Deinem Hüttensystem blühen würde, liebe Mutter, tväre sicherer Konkurs," „Es giebt troyden? etwas, tvas Getiügsamkeit heistt, Kjel," entgegnete die Mutter scharf,„und zwei so jlmge Leute lvie—" „Und dann auf der a?iden? Seite, Vater," unterbrach Kiel sie eifrig,„auf der Kreditseite... Mai? muß sich die Sackte nur ganz klar machen: die Frau ztlsriedei?, das ist eilte Zeitersparnis, eh? Haus, ii? dem man seine guten Verbindungen anknüpft, sich zun? Verkehr alles das aussticht, was ili geschäftlicher Beziehung ai? der Spipe steht... Man bratlcht nicht im Lande nmher z?i reisen, um sich eine Namensunterschrift für ei» Papier zu erbetteln, hat AtiSficht, Direktor der Sparbank zu lverden, und Garantie, das; das Geld, was man gebraucht, efnem??icht zu?n?rechter Zeit gekündigt lvird. Und so weiter, und so tveiter. Die Folgen von dem, was tnan jginfllif; haben nennt, sind gar nicht aufzuzählen." „Papiere, Papiere," tviederholte der Doktor heftig, „weshalb»?us;r Du absolut Papiere haben? Erweitere Dein Geschäft allmählich, je nachdem Di? Geld verdienst." „Ja, das ist der wunde Punkt: nun sind wir wieder glücklich so weit!" sagte Kjel, stehen bleibend, als ob er in? Gninde daran verzweifelte, so total tinbegreiflichei' Köpfen seine Pläne auseinander zu sehe??.„Ich lvill versuchen, eS Dir zu erklären, Vater, tvill Dir sagei?, daß eil? Geschäftsmann, der tvirklich betriebsam ist, stets Geld nötig hat. Das Geld ist gleichsatn das Wasser, das die Räder treibt. Je tüchtiger er arbeitet,?i?n so mehr ist er in Geldverlegeiilteit. Und dann handelt es sich natürlich darum, sich einen Weg zn Einfluß und Kredit lind besonders zur Macht in dei? Geldinstituten zu bahnen. Wäre ich nur Sparbankdirektor, so das; sich jeder Geschäftsrnaitii im Distrikt ai? mich tvendm müßte, wenn er Geld haben lvollte, ja dani?—" Eil? lautes Stöhnen ward hörbar. Frau Bellte seufzte. „Gott mag wissen, weshalb Du Dich hier hinein mischest, Mutter, Du hast?inr Angst lind Unruhe davon. Ich sollte meinen, es ist meine Angelegenheit, und ich m?ls; dafür ei??- stehen. Oder will Vater vielleicht das HauS für mich bezahlen, ja, dal??? danke ich verbindlichst," scherzte er. „Der Junge muß thun, was er will, Mutter, es hilft doch alles nichts," meinte der Doktor. „Ich finde nur. Du hättest lvenigstcns daran detikei? können, Dehlern Vater etwas von dem zurückzuzahlen, was Du ihm schuldest, Kjel. Das macht einen sehr unzuverlässigen Eindruck." „Das ist lvirtlich nobel gedacht, gerade jetzt, wirklich sebr wcilig zartfühlend," brauste Kjel auf.„Ja, und dam? war da noch etwas, was ich mit Thekla verabredet hatte. Euch heute nachmittag zu sagen, daß wir beschlossen haben, uns noch vor Weihnacht zu verheiraten lind dann de» Bau so lveit fertig zu schaffen, daß wir zum Sommer das neue Haus beziehen können." Die Adern an des Doktors Stirn schlvollen auf, er sah Beute an und sie sah ihn an. „Deine Mutter ist der Ansicht, Kjel, daß Du mit den? iHeiraten wie auch mit dem Bauen warten sollst, bis Du etwas Reelles hast, worauf Du Deinen Hausstand begründen kannst." vMit andren Worten, bis ich reich werde, bis ich mein Sägewerk verkaufen und mich als Rentier zurückziehen kann— so in circa dreißig Jahren, ja. ja. Nein, Thekla und ich wollen alle Chancen rniteinander teilen und in Zukunft Seite an Seite den Stürmen des Lebens trotzen. Und ich dulde es auch nicht, daß Thekla noch länger dies mühselige Sklaven- leben bei dem Voigt fortsetzt.— So, nun kennt Ihr unsre Pläne," rief er, das Zimmer verlassend.„So ganz wie ein unmündiges Kind lasse ich mich wirklich nicht mehr behandeln." Vente sah bleich, enipört, zornig aus. „Ja, Baarvig, ich finde, diesem Vorhaben miissen wir uns mit Händen und Füßen widersetzen, so weit unser Einfluß nur irgend reicht. Danu haben wir jedenfalls gethan, was in unsrer Macht stand. Denn die Sache kann nun und nimmer gut gehen, wenn sie in diesem Stil begonnen lvird." „Da hör' einer diese Frau! Stets ohne das geringste Verständnis, wo es sich um diesen Jungen handelt!" braliste der Doktor auf.„Kjel gehört nun einmal zu den Menschen, die ihr Interesse?>icht teilen können. Er ist mit Leib und Seele da,>vo er ist. Friiher war sein ganzes Denken und Trachten auf das Sägewerk konzentriert, jetzt ist es bei der Braut. Gerade seine Stärke kannst Du niemals begreifen, Beute. Das Richtigste lvird doch sein, daß er sie ganz hin- bekommt, dann kommt alles wieder in Ordnung. Was hat er nun seit Anfang des Winters wohl weiter gethan, als zu Voigt Preuß zu fahren? So daß es, lvie ich höre, auf dem Sägewerk beinahe siebender Bescheid geworden ist, der Herr sei nicht zu sprechen. Das wird nicht anders, so lange sie ver- lobt sind— das sehe ich ein. Laß sie sich nur je eher je lieber verheiraten." ES entstand ein Schweigen, nur nnterbrochen durch das Knistern der Zeitung, in der der Doktor las. Oben wurden Schritte hörbar und hin und wieder drang durch die regengraue, dachtropfende Nachmittagsstille das Klappern der Küchenthür und ein Geräusch, als kratze sich jemand die Füße ab. Minka glitt lautlos herein. Sic suchte«ach etwas in dem Notenbrett oder auf dem Klavier, konnte es aber scheinbar nicht finden. Dann setzte sie ihr Suchen im Nähtisch mid auf der Konsole zwischen den Nippsachen und den Photo- graphien fort. „Es ist nur mein Fingerhut, den ich—" erklärte sie, lvähreud ihre Hände mit tätzenartiger Gelvandtheik vorsichtig hcrnmtasteten, um nichts herunter zu stoßen.„Nein, da ist er auch nicht." Sie sah sich nach andren möglichen Stellen um. „Am Donnerstag will also Thekla zur Stadt und Aussteuer einkaufen," warf sie dann gleichgültig hin. „So? Davon haben Vater und ich ja noch nichts gehört." Die Stimme der Mutter zitterte vor Erregung. „Wenigstens sprachen sie davon, sie und Kjel, und da dachte ich—" „Ach, Mutter," beruhigte der Doktor, als er sah, daß sie da saß und wie Permchtet die Wände um Hilfe anzuflehen schien.„Sie haben ganz vorzügliche Bremsen. Können sich unmöglich weiter versteigen, als lvie das Geld reicht!" „Hoch, hoch über unsren Köpfen!" murmelte Beute. „Du hast ein Talent, alles schwarz, kohlschwarz zu selten,* brauste der Doktor auf. Er wußte ja, daß es nicht zu er- tragen war, wenn Beute anfing zu verzweifeln.„Weshalb siehst Dli da und windest Dich so, Minka?" rief er Plötzlich aus.„Ist es mit Dir auch nicht in Ordnung?— Weiß Gott, Mutter, ich glaube, Du übst einen solchen Druck auf daS ganze Haus aus, daß wir schließlich noch alle miteinander verrückt werden." „Und ich— ich— lvollte mir sagen," stammelte Minka, „ich habe mir die Sache nnii wirklich so lange überlegt~ schon seit dein Sommer— daß— das; ich gern einmal mit Euch darüber sprechen möchte— Euch fragen, ob es sich nicht machen ließe, daß ich den Winter in der Hauptstadt zubringe. Ich möchte so gern einmal ein wenig aus eigne Hand leben. Ich fühle, daß ich alle meine Selbständigkeit einbüße, wenn ich immer nur Kind und Tochter des Hauses bin. Und des- wegen dachte ich, daß Kjel und Thekla sich jetzt so gut nach einer Familie umsehen könnten, bei der ich lvohnen kann." „Sehr nett, das ist ja höchst pfiffig allsgedacht, ganz merkwürdig gut arrangiert; das geht ja wie geschmiert: Du. wenn Du nur das nötige Geld fjotteft, um Deinen Aufcuthalt zu bezahlen. Ja, ja, das war ja auch ein Einfall." „Minka denkt wohl an ihre weitere Ausbildung," kam ihr die Mutter zu Hilfe. „Ich sehne mich so entsetzlich, in die?Selt hinaus zu komnien aus diesem ewigen.Einerlei!" platzte Minka heraus, ohne sich weiter Zwang anzulegen. „Ja, Mutter und ich sehnen uns, weis; Gott, auch! Ich möchte so unendlich gern in der Stadt von einer Pension leben, statt hier draußen tagaus, tagein herumzufahren und zu praktizieren. Ich finde, offen gestanden, Tu solltest Dich schämen, Minka. Gerade jetzt, wo wir, wie Tu weißt, an allen Ecken rnid Kanten Geld brauchen, mit einem solchen Verlangen zu kommen!" „Ja, wenn ich nicht fortkomme, wenn ich auch den ganzen Wiuter hier zubringen soll— nein, dann mache ich mir»ichto mehr aus dem Leben, nein, nein," schrie sie verzweifelt, während die Augen in ihrem bleiche» Gesicht funkelten. „Es ist Bleichsucht, nichts als Bleichsucht, Beute. Stahl- Pillen soll sie haben, tüchtig körperliche Arbeit iin Hause, statt all dieses verschrobenen, überspannten geistigen Krams. Tri siehst ja, ivozu das führt. Beute.— Gott bewahr' mich, lvie sie alles übertreibt!" Er hemmte plötzlich seine Schritte:„Weshalb kann Dir nun Minka zum Beispiel nicht in der Wirtschaft helfen? Wes- halb mußt Tu absolut den ganzen Tag vom frühen Morgen an herumtraben, während Dein Fräulein Tochter schläft und ruht und Ruhe haben muß, um interessante Werke zu lesen und auf ihre Seele und ihre Gefühle und ihre Stinimungen acht zu geben? Weshalb, frage ich," donnerte er.„Wach liegen in Erregung über die Zukunft der Frau und allerlei Grübeleien! Natürlich kein Gedanke an Schlaf, weil man den Körper den ganzen Tag hindurch nicht bewegt hat, bleich und krank. Weshalb, im Namen des gesunden Menschen- Verstandes, können wir nicht eins unsrer Mädchen tuirdigen und Minka im Hause helfen lassen?" „Minka ist nicht für das Praktische angelegt, Baarvig: es liegt nicht für sie; sonst, weißt Tu ja, hätte ich ebenfalls daran gedacht." „Weshalb nicht dafür angelegt?" fuhr der Doktor fort. „In. weil sie ganz davon entwöhnt ist, Hände und Körper und Kräfte zu praktischer Arbeit zu gebrauchen. Alle diese verdammten unpraktischen Interessen waren ja viel höher I" (Fortsetzung folgt.) (Nochdruck verboten.) SuclgetvoU2ug rnict Rechnungslegung. ES war einmal ein Diarai, der hatte als Beamter eine staatliche Kasse zu führen. Treu und gewissenhaft waltete er seines Amtes und sah mit ruhigem Gewissen den angemeldeten und nicht an- gemeldeten Kontrollen entgegen. Eines Tages kam denn auch wieder einmal der bärbeißige Kalkulator der Oberbehörde und befahl ihm, die RechiinngSbücher vorzulegen und die Kasse umzustürzen: er that, wie ihm geheißen und ivarrcte in guter Ruhe das Ergebnis ab. Plötzlich erhob sich derLievisor und sprach mithochrotemKopfe und strengem Blicke:„ES fehlt ein Groschen, wo ist er?" Das wußte natürlich unser Kassierer nicht, denn sonst hätte er eS ja in den Nechniragsbüchern angeschrieben gehabt; aber mit großer Geistesgegenwart praktizierte er heimlich einen Groschen aus seiner Tasche nutcr das Geld der Kasse und bat dann mit harmloser Miene den Revisor, ihm das Gxld nochmals vorzählen zu dürfen. Brummend stimmte dieser zu und der Kassierer zählte und zählte; plötzlich aber schrie der Revisor auf:„Eo ist ein Groschen zuviel da, woher kommt er?" Der Kassierer, der den Groschen nicht wieder fortnehmen konnte, wußte wohl, woher er ki m, aber er hütete sich etwas zu sagen. Darauf wurde ein Protokoll ausgenommen und eine Untersuchimg nach dem geheimnisvollen Ursprung des Groschens begann. Sie ivär sehr griind- lich und dauerte sehr lange. Hin und her wanderten die Aktenstöße zwischen den einzelnen Aemtern, ininicr höher und höher schwoll die Papierflut. Und als der Kassierer nach pielen, vielen Jahren starb, nachdem er noch auf dem Totenbette seinem Enkeltinde das furcht- bare Geheimnis jenes Groschens verraten hatte, mußte man einen Anbau an das Amtsgebändc machen, um die Akten über den Groschen unterbringen zu können... Mit solchen und ähnlichen Anekdoten pflegt man sich in den Kreisen der Burcankratie über die genaue Kontrolle im Staatswesen lustig zu machen._ In der That mag diese wohl hie und da einmal in einem Einzelfall den Spott herausfordern: im allgemeinen aber muß der Grundsatz gelten, daß die Kontrolle über die Berlvendung der Stcuergroschen des Volkes nicht genau und streng genug, geschweige denn allzu streng sein kann. Beispiele lehren uns dcis. Wir criimern nur daran, daß die Prozentpatrioteu Krupp und Stumm bei den Panzcrplatteii-Liefcruiigeii für die Kriegsmarine lange Jahre hindurch das deutsche Volk in der im» würdigsieu Weise überteuert haben. Aber auch andre Unzuträglich» leiten kommen immer wieder vor und werden oft mir durch einen Zufall entdeckt. In einer der ersten Sitzungen der iieucn Budgetkommission des Reichstags, über deren Aufgaben und Thätigkcit wir in imsenn letzten ctatsrechtlichen Artikel gehandelt haben, wurden, ivie nnsem Lesern aus dem politischen Teile misres Blattes bekannt ist(vergl. die Notiz:„Koloniale Tanzhusaren" in Nr. 12 des„Vorwärts" vom l5. Januar), nahezu nnglanbliche Zustände in der Kolonialabteilnng dee> Auswärtigen Amtes aufgedeckt: der Direktor jener Abteilung hat ohne Rücksicht auf das Etatsrecht des Reichstages Gelder. die zu andren Zwecken bewilligt worden waren, seit zwei Jahren zur Bezahlung von zwei sogenannten Kolonial- Attaches in Paris und in London ausgegeben und außerdem noch eine Etatüberschreitmig im Betrage von 8Ö an, über welche Summen sie im kommenden Etatsjahre (1. April bis 31. Marz) verfügen können, und zugleich werden den Behörden die entsprechenden Kredite eröffnet. lieber alles Geld. welches die Behörden auf diese Kredite erheben und auch über alle ihre andern Einnahmen sowie über die Ausgaben müssen sie auf Grund einer genau vorgeschriebenen Buch- sührimg schriftliche und fortlanfende, jederzeit„evident" zu haltende, d. h. auf den Tag stimmende Aufzeichnungen machen. Außerdem haben sie noch einen Ausweis über den ihnen anvertrauten Bestand von Geräten, Vorräten usw. am Schluß jeden Rechnungs- jahrcs nnziifertigen und weiterzuführen, sie müssen eine Inventars- siermig machen. Ein Beispiel solcher Inventarisierung kleinsten Maß- stabes kann mau in jedem Eisenbahnwagen finden, der in einem Fernzuge läuft: da ist genau angegeben, lvie viele Heizschläuche oder Fußteppiche, Wasserflaschen, Trinkgläser usw. in dem Wagen vorhanden fem sollen: man kann sich vorstellen. Ivelchcn Um- fang die Jnventar-Rachweise einer einzigen Eisenbahndirektioir oder etwa einer der kaiserlichen Wersten erreichen I Die ideale Forderung ist natürlich, daß die Verwaltung jederzeit über jeden Drahtstift. jeden Federhalter ebenso genau Rechenschaft ablegen kann wie über 10 000 Tonnen Eisenbahnschienen oder einen Dampf- Hammer; aber es heißt der Gewissenhaftigkeit der Beamtenschaft nicht zu nahe treten, wenn man sagt, daß auch bei den Be- Hörden— mit Wasser gekocht wird, wie Gras Bülow so schön zu sagen pflegt. Die Aufstellung der Abrechnungen erfolgt bei den Aemieru und Stellen nach einem Schema, das dem Schema des Budgets entspricht; denn da eine Entlastung(Dechargierung) nur möglich ist, wenn der Nachweis geliefert wird, daß die einem Amte zur Verfügung gestellten Mittel dem Budget entsprechend ver- wendet worden sind oder daß das Budget verwirklicht worden ist, so müssen Rechnung und Budget vergleichbar sein. Freilich, genau übereinstimmend werden Abrcchmuig und Budget niemals sein, weil sich oftmals Ausgabe», die in einem Etat bewilligt worden sind, über mehrere Jahre erstrecken, oder weil die Verwaltung zu unvorhergesehenen Ausgaben irgendwelcher Art genötigt gewesen ist. Die Prüfung der Rechnung der einzelnen Acmter oder gar die des Central-RechnuiiaSschlnsses, der General-Staatsrechnung, ist deshalb eine sehr komplizierte und zu inaimigfachen Streitfragen Anlaß gebende Arbeit. Nur bei einer weitgehenden Arbeitsteilung ist sie durchführbar. Jede Behörde hat ihre wirtschaftlichen Haudluiigen für ihren speciellen Wirkungskreis in rechnungsmäßiger Darstellung vorzulegen und jede übergeordnete Dienststelle die Rechnungs- ergebniffe der ihr unterstellten Aemter und Kassen auf ihre Richtigkeit und Gesctzniäßigkeit nachzuprüfen. So sckireitet die Kontrolle von Stelle zu Stelle fort und ivird immer centralificrter und allgemeiner, um schließlich in der Gencralstaatsrechnung zusammen- zufließen. In ihr muß die gesamte Finanzgebarung des Staates für die jeweilig abgelaufene Etatspcriode in einer, wie wir schon sagten, dein Budget angeglichenen Form nachweisbar und erkennbar sein. Die obersten Kontrollorgane im Reiche sind der Bundesrat und der Reichstag. Nach dem Artikel 72 der Verfassung des Deutschen Reiches ist es der Reichskanzler, der zur Vorlegung des Centralrechnungsschlusses des Reiches verpflichtet ist:„lieber die Verwendung aller Einnahmen des Reiches ist durch den Reichskanzler dem Bundesrate irad deni Reichstage zur Entlastung jährlich Rechnmig zu legen." Die vom Reichskanzler vorgelegte Siechnung wird aber zunächst einer Vor- Prüfung durch den Rechnungshof des Deutschen Reiches unterzogen. Das ist eine mit der preußischen Ober-RechmuigSkammer zu Potsdam ver- Kunden« Behörde, bei der vor allem das eine verwunderlich erscheint, das; sie noch nicht unter der Last der ihr zugeschickten Slktenberge erstickt ist. Dieser Rechnungshof prüft die vorgelegten Rechnungen auher ans ihre forniale und rechnerische Richtigkeit besonders auch daraufhin, ob bei der Erlverbung, Benutzung uiid Veräußerung von Staats- oder Rcichseigentum und bei der Verwendung der Staats- und Neichseinkünftc, Abgaben und Steuern nach den bestehenden Gesetzen und Vorschriften unter genauer Beobachtung der maß- gebenden Verwaltungsgrundsätze verfahren worden ist! Der Rechnungs- hos ist. wie es in der Natur der Sache liegt, eine sehr neugierige Behörde, da wandern oft die mühsam aufgestellten Rechnungen der Aemter, mit allerhand geheiinnisvollen Strichen und Zeichen und sehr großen „Nasen" versehen, zwei- oder dreimal zurück,, weil über diese oder jene Zahl eine genauere Nachweisung erforderlich ist, oder weil gar irgend eine Addition nicht stimmt. Alle Behörden des Reiches sind verpflichtet, dem Rechnungshöfe auf Verlangen ihre Akten vor- zulegen i und ivenn daraus der Sachverhalt nicht mit genügender Deutlichkeit hervorgeht, dann kann er sogar Kommissare zur Untersuchung an Ort und Stelle senden. Den Unterbehörden erteilt der Rechnungshof selbständig Decharge. Die Prüfungs- arbeiten deS Rechnungshofes werden, wenn sie abgeschlossen sind, dein Reichstage in der Weise nutzbar gemacht, daß ihm ein Bericht über ctiva wahrgenommene Verstöße gegen etatsrechtliche oder gesetz- lichc Bestimmungen erstattet ivird, der der Beratung und Beschluß- fassllng über die Entlastung deS Reichskanzlers wegen der geführten Verwaltung zur Grundlage dient. Aber, so höre ich meine Leser fragen, wie ist es dann nur möglich, daß trotz dieser sorgfältigen Kontrolle so arge Verstöße gegen da? Etatsrecht, wie der vom Kolonialdircktor Dr. Stübcl be- gangene, vorkommen können? Ans dem einfachen Grunde, weil die Rechnungsprüfung naturgemäß sehr langwierig ist und immer erst das zweite oder gar dritte zurückliegende Jahr behandelt. Im Laufe des Jahres 1904 hatte müssen der Rechnungshof die Sünde des Kolonialdircktors aus dem Jahre 1902 entdecken und bei der nächsten Etatberatung wäre die Sache dann, wie man sagt,„zum Klappen gekommen". Die RechttinigSkontinission deS Reichstages hätte sich mit der Sache be- schäftigcn und auf Grund des Berichts des Rechnungshofes von dem Reichskanzler oder seinem Untergebenen Aufklärung fordern müssen. Der Kolonialdirektor behauptet nun, er habe sich im guten Glauben befunden und gemeint, er Hütte dürfen die Gelder, die er ausgegeben hat. für Kolonialattachös vcrivciidci! t in der Rechnungskommission des Reichstages lväre es schwer gewesen, diesen Einwand sofort auf seine Stich- haltigkeit und seine angebliche Begründung zu prüfen, denn die Mit- glicder der Ncchnungskvmmisfion sind nicht immer genau darüber unterrichtet, von welchen Gesichtspunkten aus seiner Zeit die Budget- kommission dem Reichstage die Bewilligung irgend einer der zahl- losen Etatspositionen vorgeschlagen hatte, welche Erwägungen sich daran geknüpft hatten usw. Man hat deshalb neuerdings vor- geschlagen, die Arbeiten der Elatsaufstellung und der Rechnungsprüfung miteinander zu vereinigen. Dadurch würde die genaueste Kontinuität in den Geschäften zu erreiche» sein und die Nachprüfung des Geschäfts- gcbahrens der Reichsregiernng viel sorgsamer vorgenommen iverden können; nur würde die Arbeitslast der in eine solche Kommission mit doppelter Aufgabe entsendeten Parlamentarier außerordentlich groß sein und ihre Kräfte bis auf den letzten Rest in Anspruch nehmen. Wer kann das aber den Abgeordneten zumuten, die wegen der Bor- cnthaltuug von Diäten doch noch der Erlverbung ihres Lebensunterhalts nachgehen müssen? Hier wird die Diätenveriveigerung geradezu zu einer Verhinderung der besten Methode der Rechnungsprüfung. Wie not- wendig aber eine scharfe Beaufsichtigung ist, lehrt doch gerade der Jall Stübcl. Wer giebt uns die Gewißheit, daß es nur einen Stübel giebt? Und läßt sich nicht auch denken, daß irgend jemand anders einmal mit weniger Anspruch auf guten Glauben solche oder ähn- liche Verfehlungen begeht wie dieser Herr? Die Zahlenreihen des Budgets, so sagten wir schon einmal an dieser Stelle, sind das Sündenregister der Klasscnpolitik � wir müssen sie lesen lernen— tvir müsten sie aber überdies auch noch im einzelnen prüfen lernen. Mißtrauen ist die Tilgend und die Stärke der Demokratie.— 3. kleines feuitteton. — Heiteres aus der Schule. In einer schwäbischen Volksschule war beim Unterricht in der biblischen Geschichle gerade das Thema „Die Änfftndung von Moses von der Tochter Pharaos" an der Reihe. Bei dieser Gelegenheit fragte der Lehrer ein kleines Mädchen: „Weißt Du auch, mein Kind, warum Moses im Binsenkörbchen fo geweint hat?" Worauf die kleine Schwäbin prompt zur Antlvort gab: „Er wird's S ch l o z e r l e(Lutscher für Säuglinge) verlöre gehabt habe." In einem rheinischen Weinorte amtierte ein junger Lehrer, der mit einem„Ortsmädchen" verlobt war. Zu Ostern kam des Lehrers zukünftige kleine Schwägerin zur Schule, und als er die Kleine, wie alle andren neuen Schülerinnen, nach ihrem und der Eltern Namen ftagte, machte Mariechai ein gar erstauntes Geficht und dann sagte sie: „Ach Du brauchst nich zu frage— Du limmst doch alle Dag zu unsrer Annal"— Ein pfälzischer Schulinfpektor ftagte bei der Prüfung: „Kannst Du mir sagen, warum der Krebs immer rückwärts in seinen Schlupfwinkel geht?" Karlchen antwortet: „Damit er sich net erum ze drehe braucht, wann er wieder c r a u s g e h t." Ein Gegenstück zu diesem kleinen Phlegmatikus wohnt in einem Taunusörtchen. Dort fragte der Lehrer in der Schule: „Warum schläft der Hase mit offenen Augen?" Und der kleine Weise antwortete: „Damit hä, wenn der Jäger kommt, hä ihm sehen kann!" Ein Schuldircktor inspizierte eine Klasse, in der auch sein Neffe unterrichtet wurde. Er stellte folgende Fragen: „Müller, wie heißt die„Die Frau" auf französisch Z „La komme!" „Schulze, wie heißt„Deine Frau"?" „Da kemme!" „Lehmann,„Seine Frau"?" „8a komme!" „Nun, Julius, und„Meine Frau"?" „Tante Thercsel"— („Frankfurter Zeitung".) Theater. Deutsches Theater.„Novella d' Andrea." Schauspiel in vier Akten von Ludwig Fulda.— Fuldas neues Schauspiel hatte, wenn man die Energie des Klatschens und die Zahl der Hervorrufe als Nöaßjtav anlegt, einen starken, nur nach dem letzten Akte etwas abgcstowächtcn Erfolg, ähnlich wie vor einigen Wochen im Wiener Burg-Theater. Man fand eS offenbar unrer- haltsam, daß der Verfasser die moderne Frage des Fraucnstudiums in dem Kostüm der Renaistancezeit behandelte. Der Einfall ivar so übel nicht. Fulda versteht sich seine klassischen Molicrcüber- setzungen und seine in der Erfindung fteilich magere„Zwillings- schwester" beweisen es— wie heut nur wenige auf die Kunst des scherzhaften, anmutig pointierenden Vers- und Reimgcplänkelö. Hier hätte bei einer lustspielmäßigen Ausspinnuna deS Einfalls jene Kunst Gelegenheit gehabt, sich frei nach allen Seiten in einem munteren Wortgefecht zu entfalten. Aber der Dichter hat hoher ins Tragische, das ihm so gai nichi liegt, hinauf gewollt und damit seiner Sprache, ivu dem Werk, fast jeden Reiz der Eigenart genommen. Herausgelöst aus dem wohlrhäligen Zwang des Reimes, verlieren seine Verse allen Halt. Tie Eleganz schlägt um in eine glatte, platte, bequeme Redseligkeit. Einschläfernd, monoton ziehen die sünffüßigcn Jamben dieses Stückes, unendlich selten zu einem halb- Wegs eindrucksvollen Bilde sich erhebend, an dem Ohr vorüber. Und auch die tragische Idee ist nicht gerade neu. Denselben scelistste» Konflikt, den Fulda zum Angelpunkte seines Dramas macht, hat früher Fitger in seiner„Hexe" auf dem bewegtet' Hintergründe einer andren Zeit uns vorgeführt. Wie hier die gelehrte Novella den Man», den sie mehr liebt, als alle toten Wissensschätze, an die junge. unbedeutende Schwester verliert, so wendet sich in Fitgers Schauspiel die Liebe EdzarS von der stolzen, rastlos im Erkennlnisdrange vor- wärts strebenden Thalea, der frisch erblühten schwersterlichcn Allmut zu. Fulda hat das Thema, die Gegenüberstellung und Gruppierung der Kontraste aufgenommen, aber ohne das Problem durch irgend eine neue, wirklich interessante Wendung, durch eine feiner nuan- eierte intimere Seelenmalerei zu vertiefen. Farblos wie die Sprache, ist die Psychologie, weit hinter dem, was Fitgcr in der kernigen Prosa seines Schauspiels bot, zurückbleibend. Nur da und dort, zumal im zlveiten Akte, der in das Komödiengenre, freilich in ein stark burleskes, fällt und mit der eigentlichen Handlung nur in lockcrem Zusammenhang steht, erklingt ein frischerer Ton. Novella ist die Tochter des berühmten Bologneser Rechts- gelehrten d'Andrca. Unter seiner Leitung hat sie eine Wissensstaffel nach der andren erklommen. Sie will klug sein, wie die Herren an der Universität, klug wie die junge San Giorgio, der Staats- mann und Doktor der Rechte, dessen Anerkennung ihr der höchste Ruhm dünkt. Unbewußt war es die Hoffnung, seiner Liebe immer würdiger zu werden, die ihren Fleiß gespornt. Glückstrahlend empfängt sie den von einer langen Auslandsreise Heimgekehrten. Er kommt zur rechten Zeit, um Zeuge ihres Triumphes zu sein. Der Rektor der Scholaren, ein halsstarriger Pedant, dem nach berühmten Muskern der Gedanke, daß ein Frauenzimmer um die Doktorenwürde sich bewerben dürfe, ungeheuerlich erscheint, mutz nach vielem Sträuben endlich nachgeben. Novella Ivird zur Prüfung zugelassen, die sie natürlich glanzvoll besteht. Ter zweite Akt spielt in einem Hörsaal der Universität. Das gelehrte Fräulein soll vor dem Examen den Scholaren ibre erste Vor- lcsung halten. Es ist ein wildes, übermütiges Volk. Als Novella im roten Talar hcrcintritt, verstummt der Lärm, um dann sogleich von neuem lauter auszubrechen. Man lacht, man höhnt, man maüft ihr Liebeserklärungen, und schließlich tanzt die Bande singend um sie herum. Ter Prinz von Cypern, ein glühender Verehrer Novellas, dem sie ihre Hand versagt, streckt im Zweikampf einen der Beleidiger zu Boden. Ter Rektor läßt den Hörsaal räumen; und schließlich 6CeiOl Noveila Siegerin. Als die Schüler zur zweiten Stunde herbei- strömen, hat sie ihr Antlitz mit dichtem Schleier verhüllt, und nun auf einmal, tveisi Gott durch welchen Zauber umgewandelt, kritzelt alles mit emsiger Jeder ihre Worte nach. Nach diesem Intermezzo wird die Sache tragisch. Der arglose San Giorgio, dem Novclla als ein über ihr Geschlecht erhobenes Wesen reiner Ecistigkeit erscheint, sucht an ihrem Ehrentage um eine Unterredung nach. Sie denkt nicht anders, als daß er um sie freien werde; er aber bittet sie, bei ihrer kleinen Schwester, die er liebe, Fürsprache für ihn einzulegen. Haß, Eifersucht, Empörung rütteln an Novclla, sie verflucht die armen Bücher. Doch stolz nach außen hin verbirgt sie ihre Niederlage. Schwankenden Schrittes führt sie selbst dem Freund die Schwester zu. Der Schlußakt, der zehn Jahre später spielt, ist nur ein lose angefügter Epilog. Aovella, die berühmte Lehrerin, friert in ihrer Einsamkeit. Aber auch San Giorgio— ein hübscher antiphiliströser Zug, der mit manchem versöhnt— hat kein Glück gefunden in der Ehe. Er sucht die alte Freundin auf und klagt sein Leid. Ter einst so reizenden Bettina trivialer, engbegrenztcr Frauensinn drücke mit Centnerlast auf ihn. In dem ersehnten Bunde sei die beste Kraft des Strebens ihm erstorben. Novclla spricht von ihrer alten Liebe, und nun fällt eS ihm wie Schuppe» von den Augen. Eine Hoffnung blitzt flüchtig auf, er könne sie noch» jetzt gewinnen. Doch mit ruhigem Wort lvehrt sie ihm. Sie hat abgeschlossen und will den Frieden. Begrabenes soll man ruhen lassen. Die Aufführung, in der die beiden Hauptrollen Herrn S o m ni er st o r f f(San Giorgio) und Tcresina Gest»er (Novclla) zugefallen waren, ging über das Niveau des Stückes nicht hinaus. Sic gab korrekt, aber ohne eigene ergänzende Zuthat, tvelche das Interesse hätte erhöhen können, wieder, was in den Versen stand.— dt. Kleines Theater.„Die Doppelgänger- Komödie" von Adolf P> a n l.— Reizend respektlos setzt die Schnurre ein. Irgendwo in einem..neu-barbarischen Königreich" hat die Natur sich eines argen Majestätsverbrechens schuldig gemacht, indem sie die er- habenen Züge des Herrschers zum Verwechseln ähnlich in dem Gesicht eines armen Geigers wiederholte. Ter König ist über das frivole Spiet des Himmels im höchsten Maße indigniert, um so mehr, da dieser ganz gemeine Kerl sein Doppelgängertum in raffinierter Weise dazu ausnutzt, um sich auf der Straße von den getreuen Unterthanen als Majestät mihochcn zu lassen. Mitten in die Rede des Königs tönt von draußen lautes Vivatrufen herein. Er sieht den Geiger, der, gekleidet wie er selbst, soeben ans dein Richtplatz einen Verurteilten begnadigt hat, an der Spitze des begeisterten Volkes in den Schloßhof ziehen, legt an und schießt. Die Massen dringen ein und der freche Doppelgänger läßt den König als Attentäter auf des Königs heilige Person verhaften. Das Geigcrlein als Herrscher! Welch' lustig feine Satire auf das Gottesgnadentum hätte das t verde» können. Aber sei es, daß Adolf Paul nichts Gescheiteres einfiel, sei es. daß er das Beste, was er sagen wollte, unter der Censur nicht sagen durfte, das Spiel verpufft uack! einigen Ansätzen in lvirkungs- losen Ulk. Schließlich wird gar, nur um den Knoten zu lösen, auck eine kleine»iclodramatischc Anleihe nicht verschmäht. Ganz drollig, obwohl in Komik und treffendem SarkaSmuö iveit bintcr dem, was man erwarten sollte, zurückbleibend, ist mit ihren Serenissimus- und Kellermann-Späßen die Ministersitzung unter dem neuen Herrn. So verrückt der Geiger in der Königsrolle sich gcberdct,— er droht den Ministern, ihnen in ungnädiger Stimmung den Kopf vor die Füße zu legen, will eine Aera grandioser socialer Reformen mit einem internationalen Geigorkongreß beginnen nsiv. usw.— keinem der in Demut ersterbendem Herrschaften kommt ein Zweifel, daß sie den angestammten Monarchen vor sich haben. Der geistige Unteischied scheint also ebenso unmerklich, tvic der physische. Einzig die Königin entdeckt die Täuschung, doch ohne darum Groll zu zeigen. Bei aller sonstigen Gleichheit des Doppelgängers traut sie ihm einige, bei dein Gemahl schmerzlich vermißte Qualitäten zu, und ist so init dem Taustlie sehr zufrieden. Erst die Unmanier des Geigers, der von ihr nichts wissen will, macht sie zu seiner Feindin. Recht schwach ist, wie sdiou angedeutet, die Entwirrung. Des Geigers Frau kommt aus die Nachricht, daß man ihren Mann als Attentäter eingesperrt, mit Geige und Ficdelvogcn anfs Schloß gelaufen, uni Gnade für den Go- fangenen zu erstehen. In der Audienz verrät der neugebackene König sich mit einem Wort, und da? eifersüchtige Weib will nun den windigen Ausreißer durchaus zurückhaben. Als sie zu schreien an- sängt, wird sie gleichfalls nngespcrrt. Doch— die Geige ist liegen geblieben, und als am nächsten Morgen der gekrönte Mustkus mit schrecklichem Champagnerkater aufwacht, fiedelt er, den.Kopfschmerz zu verscheuchen, auf dem geliebten Jnstrumeu! frisch drauf los. Die Königin, im Einverständnis mit des Geigers Frau, hat das voraus gesehen und die Minister, die ihrer früheren Anklage nicht glauben wollten, vor der Thür versammelt. Die loyalen Herrn sind auch jetzt noch nicht überzeugt. Zwar Majestät hat früher nie gegeigt, doch lviTnim sollte er's»ich! tönneu. Ivenn er's einmal zu wollen geruht. Aber der Geiger selbst hat das Regieren satt und kapituliert. Die gefangene Mafestät, die eben hingerichtet werde»! sollte, wird wieder eingesetzt in ihre Rechte und fährt im nicke rbrockienen Werk der VolkSvcglückung»vcitcr fort. Der Svickmann aber darf zum Dank dafür, daß er der.Königin nicht zu„nahe gecreten", frei des Weges ziehen.— In dieser Masse buntgehäufter Abenteuer geht die Einheit des Gedankens, wie des Stils verloren. Glänzend war die Darstellung. Reicher gab mit feiner Nüancierung beide Figuren, den König mit einem komisch träbenden, die Sätze zerhackenden Organ, das ganz vorzüglich zu der Rolle paßte, den Geiger als irren, aufgeblasenen Phantasten. TillaDurieux mit dein lang vorgestreckten schmalen Halse, dem geheinmis- vollen Lächeln und dein leisen singenden Ton der Sprache ivar eine »vundervolle Märcheukönigui, ein Mittelding von Mensch und Puppe, gerade wie es die Art der Komödie verlangte. H: d tv i g W a n g e l machte aus der Geigersfrau, was sich der Rolls irgend abgewinnen ließ; und tadellos exekutierte der schivarzbefrackie Ministerchor seine schwierige Ensemble-Aufgabe— eine Musterleistung der Regie. llnd doch, das Stück tvar zu zerfahren, um selbst in dieser Auf- sührung Eindruck machen zu können. In der Sonntagvorstellung, der ich beiwohnte, klang der' Beifall schwach— schwächer als in der Premiere laut den ZeirnngSmeldungen—»nid hatte nach dem letzten, dem schwächsten Akte,»nik sehr energischem Zischen zu kämvfen.— dl. Geologisches. SS. D a est) in über Vulkan faulen. In den letzten Monaten ist viel über die sonderbare Erscheinung gesprochen worden. die der Gipfel des Mont Pelö auf Martinique nach dm große» Ausbrüchen dargeboten hat. Der Lava-ObeliSk dieses Berges war so- zusagen eine TageSbcrühmthcit geworden. Seine Bildung, so aiis- fällig sie für den Beschauer gewesen sein mag, scheint aber nichts Unerhörtes zu sein, denn eS wird jetzt darauf aufinerksam gemacht, daß schon in dein Tagebuch, daS Darwin auf seiner Weltreise führte, etwas Aehnliches beschrieben worden ist. Die Schilderung bezieht sich auf die kleine Insel Fernando Nironha, die unweit des Kaps San Roque, der östlichsten Spitze von Südaincrika, im Atlantischen Ocean liegt. Darwin schreibt von dieser Insel:„Die merkwürdigste Er scheinung ist ein kegelförmiger Berg von über 1000 Fuß Höhe, dessen oberer Teil außerordentlich steil ist und an einer Seite sogar über seine Basis überhängt. Das Gestein, ist ein Phonolith, der eine Absonderung in unregelmäßige Säulen zeigt. Wenn man diese isolierte Masse zuerst steht, ist man geneigt zu glauben, daß sie plötzlich in einem halbflüsfigen Zustand ans dem Erdinncrn ausgestoßen worden sei. ?!uf St. Helena jedoch gewahrte ich. daß einige Felsnadeln von ziem- lich gleicher Beschaffenheit und Gestalt durch das Eindringen gc- schinolzener Gesteinsmassen in nachgiebige Schichten gebildet sein »mißten, indem letztere für die getoaltigen Obelisken die Form ab- gegeben hatten," In seinen„Geologischen Beobachtungen" hat Darwin über diese Lavakegel nock» folgendes gesagt:„Auf St. Helena finden sich ähnliche große kegelförmig aufragende Massen von Phono- lithen in fast 1000 Fuß Höhe, die durch das Eindringen von flüssigen, feldspathaltigen Laven in nachgiebige Schichten gebildet worden sind. Wenn dieser Berg(ans Fernando Roronha), was tvahrfcheinlich ist, eiiien ähnlichen lirspruiig gehabt hat, so»miß sich die Abtragung des Bodens hier in einem ungeheuren Maßstab bethätigt haben." Die Aufsassuiig Darwins von der Entstehung solcher Lavasäulen ging also inebr dahin, daß der Lava Erguß dabei unterirdisch erfolgt und erst dadurch später in seiner eigenttimlichen Form zu Tage getreten wäre, daß die ihn ursprünglich einschließenden tveicherm Schichten durch die nagende Wirkung von Regen, Wind und fließendem Wasser eine vollkommene Abtragung erlitten hätten. Daß die Lavasäule von Fernando llloronha noch jetzt besteht und die auffälligste Landmarle im südlichen Atlantischen Ocean bildet, bestätigt ein Mitarbeiter des„America» Journal of Science". Dr. Branner, der sich im Auftrage der Geologischen LandeLnntcr- suchung von Brasilien auf der Insel aufgehalten hat. Er schildert den Berg als völlig uncrsteiglich mid seine Wirtnng auf den Beschauer als sehr grcßartig. Da jetzt am Mont Pelö die Beobachtung geinacht worden ist, daß solche Lavasäule» thatsächtick, wie es Darwin nur verlnurnngstocise geäußert hat, durch de» Auftrieb zähflüssiger Lavamassen, cntstehen könne»», so liegt der Schluß nahe, daß. auch der Obelisk von Fernaudo Noronha auf ähnliche Weise gebildet worden ist, doch könnte die Achnlichkeit der Form auch eine zufällige, die Art des NrfprungS eine verschiedene sein. llcbrigenS hat der lange Zeit in Indien thätig gelvesene Geologe Strachcy darauf hingewiesen, daß sich mif der großen vulkanischen Hochfläche des Dekan gar nicht selten ähnlickse Lavasäulen als Krönung vereinzelter vulkanisch«: Hii-M vorfinden.— Notizen. — B e h e r l e i n S„Zapfenstreich" fand bei der Auf- führnng im Deutschen Volkstheater in Wien nur einen »näßigen Beifall.— — DieNovität de? nächsten P h i l h a r»n o n i s ch e n K o n z e r t S unter Arthur NikischS Leitung(an» 23. d. M.) heißt„Aus dem Mittelalter" und ist in die Form einer Suite gekleidet.— — DaS Ni e d er rh e i nis ch e M u s i k s e st wird an» 22. und 23. Mai in K ö l n abgehalten werden: Edward Elgars Oratorium „Die Apostel"»vird dort die erste deutsche Aufführung erleben.— - In» Bremer Stadt-Theater erzielte die einaktige Märchenoper„Dornröschen" von Oskar Malata einen slarlen Erfolg.— — Der erste deutsche Neuphilologe«tag wird vom 23. bis 27. Mai d. I, in.Köln stattfinden.— Verantwortl. Redakteur: Julius Kaliski Berlin.-— Druck und Berlaa: Vorwärts Bnchöruckerei».BerlaasanstaltPaul Singer LcCo,.Berlin SW.