Unterhattungsblatt des Jorwürls Nr. 14. Mittwoch, den 20. Januar. 1904 k??l!chdnilk verböte».) Ii] fftobc. Noman von Jonas L i e. ..Ich sage Dir. Minka, laß das Geheul!" Der Doktor stampfte auf den Boden. ..Ja, da haben wir sie nun, von irgend einem von diesen schwebenden Einfällen besessen: jetzt will sie zur Stadt, Tod und Teufel, absolut zur Stadt, in höhere Luft.— Aber siehst Tu, mein Kind, daraus wird nun einmal nichts, nichts, ehe Du Dir Geld verschaffen und für Dich selber sorgen kannst. Von heute an soll nun dafür gesorgt werden, daß Du ein gesünderes Leben führst: vor allen Dingen muß Deine Gesundheit wieder hergestellt werden. Ich will dies, Bente. Sie soll einen Teil der häuslichen Angelegenheiten, den Du für passend hältst, übernehmen und die volle Verantwortung dafür tragen, soll Plätten, Strümpfe stopfen und nähen, so daß sie ihre Zeit wie ein nützlicher Mensch ausfüllt." „Tu kannst mich zwingen, Vater, aber dann weiß ich auch, was ich denke," sagte Minka erbleichend.„Ich habe incin gutes Recht, mich zu entwickeln imd meiner Ratur Rechnung zu tragen, und wenn das mit Füßen getreten werden soll—" Von der Diele her ertönte Kjels Lachen lind seine laute Unterhaltung mit Thekla. „Es mag genug sein, Minka," unterbrach der Doktor sie Plötzlich barsch, eine Bewegung mit der Hand machend. „Ich verbitte mir jegliche Zurschaustellung häuslicher Scenen vor— Fremden." Tie Thür ging auf und herein trat Thekla, lachend und ein wenig trippelnd, scheinbar durch einen Puff in den Rücken aus dem Gleichgewicht gebracht. Kjel einen beleidigten Blick zusendend, suchte sie schnell ihre Haltung wieder zu gewinnen, und setzte sich in den iitorb- stuhl neben Fnm Baarvig, während Lijel lärmend lind über- legen hinter ihr drein durch das Zimmer schlenderte. „Wir wollten ja noch nnt Deinem Vater und Deiner Mutter überlegen," erinnerte sie ihn. Kjel blieb stehen, die Fingerspitzen in die Westentasche steckend, lind äußerte leichthin: „Ja, nämlich, daß Thekla und ich am Donnerstag zur Stadt wollen,»in Aussteuer einzukaufen. Ich habe ans- gerechnet, daß es am billigsten wird, wenn wir die Sache auf einmal abmachen— das Ameublement und alles, so daß es gleich für das neue Haus paßt." „Hm, ja, dazu gehört Geld, Kjel," wandte der Doktor ein wenig scharf ein. „Pah, kann in der Bank jetzt so viel bekommen, wie ich nur will— und Abzahlung nach Belieben. Ob ich den Wechsel auf ein oder zwei Tausend ausstelle, das ist für W Leute ganz einerlei." „Tann hat es wohl eigentlich keinen Zweck, Deine Eltern um ihre Meinung zu befragen," versetzte Frau Baarvig in kühlem Ton mit stark zusaminengepreßten Lippen. Theklas kleine runde, schwarze Augen sahen die Doktorin sehr bestimmt an: „Ich möchte doch noch ganz ausdrücklich bemerken, daß ich nicht das geringste damit zu thun habe, wie viel Kjel an- schafft. Ich habe mir von ihm nur das eine ausgebeten, daß das, was gekauft wird, nach unserm eignen Geschmack ist." „Es ist nur das," fuhr Kjel fort, indem er den Finger gegen die Nase legte und dem Vater über die andren hinweg verständnisvoll zublinzelte,„daß ich ein paar Hundert ge- Winne, allenvenigstens, und wenn ich etwas Schwein habe, auch drei, falls ich gleich zwei Tausend aufnehme und en gros einkaufe." „Niemand wurde sich Wohl mehr freuen als ich, Kjel, wenn Du reich würdest," entgegnete Frau Bente mit einem tiefen, tiefen Seufzer—„bei all Deinen Berechnungen und Spekulationen," fügte sie nach einer kleinen Weile halblaut hinzu. „Die kleinliche Oekonomie im täglichen Leben leidet vielleicht em wenig darunter, Mutter. Den Schilling sparen und den Thaler springen lassen," warf Kjel verächtlich hin, während er mit scharrenden, selbstbewußten Schritten durch das Ziniiner schlenderte. „Ich sitze hier schon eine ganze Weile und beobachte Dich, Minka," unterbrach Thekla das peinliche Schweigen.„Fehlt Dir etwas? Du siehst so elend aus." Theklas lebhafte Augen glitten forschend von dem Doktor zu Frau Beute hinüber und wieder zurück. Dann wechselte sie eiiieii Blick mit Minka und erhielt ein Kopfschütteln zur Antwort. „In einer Familie wie die unsre muß man sich so viele Entsagungen auferlegen, aber man kann trotzdem glücklich sein," sagte Frau Bente sehr ernsthaft, während ein scharfer Blick Thekla traf.„Minka hat soeben erfahren, daß wir nicht in der Lage sind, ihr diesen Winter einen Aufenthalt in der Hauptstadt zu gewähren." .Kjel ging im Zimmer auf und nieder und murmelte und räsonnierte vor sich hin, daß er jetzt nur noch bestärkt werde in seinem: den Schilling sparen und so weiter. „Das ist es, das ist es: ich hatte so viel von diesem Winter gehofft," sagte Minka endlich mit leiser, thränen- erstickter Stimme. „Wir müssen uns daran gewöhnen, Enttäuschiliigen hin- zunehmen, die bleiben niemand erspart," meinte Frau Baarvig. „Ich will gern Tag und Nacht arbeiten," versicherte Minka,„wenn es nur etwas wäre, wofür ich mich interessierte." „Jede Arbeit kann uns intercssicren," wies der Doktor sie kurz ab. Beide Hände in den Taschen, sich in den Hüften wiegend'. sagte Kjel, indem er zu Thekla hinüberschaute, die mit funkelnden Augen da saß: „Ob nicht auch derselbe schöne Satz angewendet werden könnte, um diejenigen zu trösten, die auf der Galeere sitzen, Vater?" „Ja, ich weiß wirklich nicht, wozu ich auf der Welt bin." rief Minka eraltiert aus,„wenn ich das, wofür ich Interesse habe, nicht thun darf. Immer und immer an allen Ecken und Kanten beschränkt zu werden. Es ist, als müsse man er- sticken. Darf ich aber das, wozu ich Lust und Trieb habe. nicht ausführen, so weiß ich auch wirklich nicht, wozu ich dies Leben weiter leben soll." „Dann kannst Du es ja lassen, Minka," erwiderte der Doktor hart. „Ich habe niemals darum gebeten, in die Welt gesetzt zu werden," schluchzte sie. „Du glaubst wohl, ich hätte, die Mütze in der Hand, da gestanden und gedienert und meine Eltern darum gebeten." „So ganz ohne Rechte können doch die Kinder nicht in der Welt dastehen," meinte Thekla beißend.„Es muß doch eine Verantwortung aufgestellt werden, wenigstens zwischen den Menschen." „Gerade das fühlen wir Eltern ja auch so bedrückend," sagte Frau Baarvig.„Ich glaube wohl, ich kann sagen, daß wir uns die Daunen aus der eignen Brust zupfen, so daß wir uns fiir jedes Kind, das wir haben, ganz entblößen, daß wir unser ganzes Dasein und Glück für sie einsetzen. Das ist nur sozusagen unser Instinkt. Und wenn unsre Kinder darüber philosophieren und fragen, weshalb die Welt, in die sie hinein- gesetzt sind, so ist, so können wir ihnen nur unsre verbrauchten Körper und Seelen als Antwort hinhalten, beste Thekla," kam es zitternd, in verhaltener Erregung heraus. Minka war hastig durch das Zimnier geglitten und setzte sich hinter den Stuhl der Mutter, beide Arme leidenschaftlich um ihren Hals schlingend. „Nun, nun, Mutter," scherzte der Doktor,„nimm es nur nicht so tragisch: Du iveißt ja doch, Kinder sind nun einmal Kannibalen." Während der Regen draußen laut und unaufhörlich vom Holzwerk tropfte, drehte sich die Unterhaltung später in der Dänimerstunde lebhaft um die Aussteuer. Man überlegte und plante im Verein mit Minka. Theklas feine Knopfschuhe blitzten hin und wieder in dem Lichtschimmer, der auf den Fußboden fiel, je nachdem sie von dem Schaukelstuhl, über dessen Lehne Kjel mit den Armen hing, hin und her bewegt wurde. Und Berthen, die vor der Ofenplatte auf den Knien lag und die Acpfel beobachtete, die sie auf den Kohlen briet, warf ihre lebhaften Anschauungen dazwischen, da sie ihrer Meinung nach wohl etwas mehr Urteil und Erfahrung besaß, als die andren annahmen. In dem dunkelsten Teil des Zimmers, ein gutes hinter den« Schaukelstuhl, ging Schulteiß auf und nieder, die Hände unter den Rockschößen, mit kleinen, bestimmten Schritten, da nur Platz für kurze Wendungen vorhanden war. Er war eigentlich nur Ohr, gespannt, aus Worten und An- deutnngen aufzuschnappen, ob sie wohl wirklich diese der- hängnisvollc Idee durchgesetzt hatte, den Winter in der Haupt- stadt unter dem Einfluß dieses Herrn zuzubringen. Plötzlich machte er mit einem verklärten Lächeln eine heftige, scharfe Wendung. Keine Rede von einer Reise in die Hauptstadt für Minka Kjel war eine populäre Persönlichkeit; er fuhr Visiten mit seiner Frau, und der stete Witz beim Betreten des Hauses war das frische, muntere;„Neuer Schlitten, neues Bären- fell, neue Frau," er wagte es nicht,„neues Pferd" zu sagen, wie es ihm das erste Mal beinahe entschlüpft wäre. Aber die gelbe Stute war wirklich neu gekauft, und es war ein Traber, der sich sehen lassen konnte, elf Kilometer in drei Viertelsüindcn, in nur anderthalb Stunden hatte er den Weg zurückgelegt, und zwar bergauf zum Voigt. Droben empfing sie der Voigt selber, feierlich, galant in der Dielenthür, bot der jungen Frau den Arm und führte sie an das Sofa in der besten Stube, setzte seinen besten Madeira vor und erklärte, daß er das gleiche gethan haben würde, falls sein Schreiber zum Landrat ernannt worden wäre, wie viel mehr in diesem Falle, wo eS sich lim eine junge Dame handelte, die stets mit ihm gleicher Ansicht gewesen wäre in Bezug auf die einzige Idee, die heutzutage Werl hätte, nämlich die Leichcnvcrbrenmulg. Jetzt sollte sie die Berechnungen über die Unkosten sehen, in vier verschiedenen Ländern— und die Zahl der Feuerbestattungen im letzten Jahr belaufe sich... Machte Kjel Besuche, so verging stets eine Weile damit, daß er in steifer Haltung dasaß und mit unruhigen Blicken zu Thekla hiniibersah, ob sie auch mit dem Platz, den man ihr angewiesen hatte, zufrieden war. Das war so eine eigne Sache und mußte wie bei einem ersten Mxerzrerritt gehandhabt werden � nämlich die Damen der Gegend darail zu ge- wöhnen, eine, die noch vor zwei Monaten nur Gouvernante bcini Voigt gcwescil war, als eine ihnen an Rang ebenbürtige zu behandeln. Die Erinnerung war noch zu frisch, und die Mienen verzogen sich ja hie rmd da zu einem sauersüßen Lächeln, wenn die neugebackene junge Frau gleich so ent- schieden llnd ohne weiteres auf das Sofa zusteuerte und stch ganz nonchalant hiueinsetzte. (Fortsetzung folgt.); (Nachdruck verboten.) Manclwngen. Von I. Ricard. Autorisierte Ucbersctznng aus dem Französischen. l. Henriette de Marcsville ist 26 Jahre alt und daS Gegenteil von dem, was man eine„moderne Frau" nennt. Bis zu ihrer Ver- hei ratung im Kloster erzogen, sieht sie sich jetzt, vollständig unbekannt mit den Gepflogenheiten der Männer, einer Situation gegenüber, wie sie früher oder später im Leben einer jeden Frau eintritt. Sic versteht tatcinisch, hat viele gelehrte Bücher studiert, kann I. S. Bach i» der Partitur lesen, ist aber noch nicht z» der Erkenntnis gelangt, daß der Ehebruch heutzutage eine ganz banale Erscheinung ist. Närrisch verliebt in ihren Gatten, hat sie die sechs Jahre ihrer Ehe einem abgöttischen Kultus dieses Herrn geweiht, an dem sie kritiklos alles bewundert, seinen Witz, seinen Schnurrbart, seinen Charakter, feine Krawatten. Ein guter Kerl übrigens, dieser Lucicn de Marcsville: heiter, lebenslustig, liebt seine Frau, aber mehr noch die Frauen im allgcntcinen, was ex allen denen, die es wünschen, dcmonstriert. Henriette hat vor kurzem die Entdeckung gemacht, daß ihr Angebeteter eine Geliebte hat; und wie das häufig zu geschehen pflegt, ohne daß man zu sagen vermag, wie oder warum? erfährt sie Schlag auf Schlag eine Reihe höchst bedauernswerter Einzelheiten, die ihr unwiderleglich beweisen, daß besagter Angebeteter sie in diesen ganzen Kchs Jahren hintergangen hat. Entrüstung, Verzweiflung. Sie ist ein reiner, stolzer Charakter. der keinen Pardon keimt. Wie kann sie ihm verzeihen, der ihr ver» traucnsseliges Herz gebrochen hat? Sie vergießt heiße Thronen, aber nur Thränen des Zorns, die brennen, aber nicht besänftigen. Vergebens sucht der Gatte ihr begreiflich zu machen, daß man sehr wohl allen möglichen Frauen nachlaufen und dennoch allein seine Gattin lieben kann. Sie verlangt Scheidung. Jetzt treten die bestürzten Familien beiderseits in Aktion. Man stellt Madame de Maresvillc die schreckliche Unklugheit eines solchen Schrittes vor, den Skandal, den Kummer, den ihre so heißgeliebte Großmutter, den Aerger, den ihr so korrekter Vater empfinden wird. und daß ein solcher Schritt der Heirat ihrer jüngeren Schwester un- bedingt schaden muß. Die Mutter weint, die Schwiegermutter schluchzt, der Beichtvater spricht von ihrem gefährdeten Seelenheil. die Tante, eine noch junge, kluge, sehr moderne Witwe, gicbt ihr zu verstehen, daß die Scheidung heutzutage für dumm und ab- geschmackt gilt. Sie läßt sich also nicht scheide». Aber weiter mit ihrem Gatten leben, das vermag sie nicht. Ihr Entschluß, ihn zu verlassen, ist unerschütterlich. Sie hat leine Kinder, nichts hält sie also. Sie kehrt zu ihren Eltern zurück. Dort kann sie weingstens ein reines Leben führen. Tie Welt sagt: „Anne, kleine Fraul Dieser Maresvillc ist ein Dummkopf! Man läßt sich bei so etwas doch nicht ertappen!" IL Henriette de Maresvillc ist 29 Jahre alt. Sie ist hüsstler als je zuvor. Früher neigte sie zur Korpulenz; der Kummer hat sie schlank erhalten. Sic ist eine zarte Blondine, mit große», nach- denklichcn Augen. Ueber ihrem ganzen Wesen liegt eine sanfte Wehmut. Im ersten Jahre nach der Trennung gicbt sie sich vollständig ihrem Kummer, ihrer Enträuschuug hin. Sie schließt sich ein und ivill niemand sehen, niemand besuchen. Die gelehrten Bücher, die sie liebt, und die Partituren, die sie für Augenblicke ihre Trauer vergessen lassen, sind hauptsächlich ihre Beschäftigung. Nur die Tante. die junge, kluge, sehr moderne Witwe, darf in ihr Allcrheiligstes eindringen. lliitcr ihrem milden Einfluß verlieren die Empfindungen der jungen Frau langsam an Schärfe. Sie findet wieder ein wenig Geschmack am Leben. Im Berlauf des zweiten Jahres ändert sie etwas ihre Gewohnheiten: sie beginnt sich Ivicdcr für Toiletten zu intcressicrcn und besucht von Zeit zu Zeit eine Gesellschaft. Allmählich erlangt sie ihr seelisches Gleichgewicht wieder. Sie bemerkt, daß alle Ehen, die sie kennt, irgend einen wunden Punkt haben und trotzdem einen ganz harmonischen Eindruck machen. Es ist gewissermaßen ein Trost für sie, daß sie sich nicht als Ausnahme z» fühlen braucht. Sic urteilt jetzt nicht mehr so schross wie früher. Zu ihrer eignen Verwunderung kann sie schon über die hübschen Gc- schichtchcn gegenseitigen Verrats lächeln, wie sie sich beim Fünfuhr-. Thcc so nett erzählen lassen. Im Beginn des dritten Jahres tritt eine weitere Veränderung in ihrem Wesen ein, nämlich ein stärkeres Aufflammen der Lebens- tust. Die gelehrten Bücher und Partituren langweilen sie. Sie liest jetzt andre Bücher, in denen von Liebe und heiterem Lcbeusgenus; die Rede ist. Sie forscht in ihren Erinnerungen aus jener Zeit, als sie noch die liebende, vertrauende Gatrin war, vermag aber kein Echo dieser Gefühle und Empfindungen darin zu cutdecken. Sis fragt sich erstaunt, ob sie ihren Gatten auch wirklich so geliebt hat. wie sie ihn zu lieben glaubte. Von Unruhe und Zweifel geplagt, fragt sie die Tante um Rat. und diese antwortet ihr mit nachsichtigem Lächeln: „Quäle Dich nicht I Genieße Dein Leben, und alles wird gut werden." Ani Ende des dritten Jahres lernt Henriette in einer Gesellschaft eine» reizenden Herrn kennen. Ter Herr ist sehr korrekt, sehr elegant. sehr liebenswürdig und beschäftigt sich viel mit ihr. Auch sie be- schäftigt sich ein wenig mit ihm. In einigen Wochen macht ihre gegenseitige Zuneigung rapide Fortschritte. In Momenten der Ruhe vermag Henriette jetzt schon über ihre tiefe Verzweiflung von ehemals zu läckicln. Die Welt sagt:„Tic kleine Maresvillc scheint endlich zur Ver- nuuft zu kommen." III. Hcuriettc de Maresvillc ist 36 Jahre alt. Ter melancholische An Sdruck ist aus ihren Augen verschwunden: sie strahlen jetzt in reiner, warmer Freude. Sie ist eine der elegantesten Damen von Paris. Man liebt sie grenzenlos— sie ist ja so nachsichtig gegen allel Wenn sie irgend einen Kmnmcr haben, kommen die jungen Frauen bei ihr Trost und Hilfe suchen. Sic lebt nicht nichr bei ihren Eltern, sondern bei der guten Tante, die ihr in ihrem Hause ein reizendes Ncstchen eingerichtet hat. An den Abenden, an denen sie nicht ausgehen, pflegt der korrekte, liebenswürdige Herr, mit dem Madame de Marcsville sich anfänglich ein wenig, jetzt ausschließlich beschäftigt, bei ihnen zu soupieren. Eine reizende Intimität, die durch nichts gestört wird. Wenn sie Zeit findet, über die Vergangenheit nackizudenken. fühlt Henriette deutlich, daß sie ihrem Gatten vergeben hat. Ter arme Kerl! Was hat er denn, im Grunde genommen, so Schlimmes verbrochen? Er hat ein bißchen viel mif einmal geliebt, ja. Aber die Liebe ist doch die einzig wahre Freude auf dieser Welt! Wie dumm von ihr, daß sie aus einer kleinen Komödie gleich eine schreck- lichc Tragödie gemacht hat! Madame de Adaresville lacht über sich selbst, wenn sie an die lächerlich übertriebene Verzweiflung denkt, der sie sich damals hin- gegeben hat. Sie fühlt ein unstillbares Verlangen in sich, die ber- lorenc Zeit wieder einzuholen. Eine» Morgens, als sie allein mit der Tante im Salon plaudert, sagt diese:«Gestehe nur. daß ich recht daran that, Tir damals von der Scheidung abzuraten." „Unbedingt!" erwidert Henriette voll Uebcrzcugung.„Es wäre sogar noch klüger gewesen, wenn ich meinen Gatten gar nicht ver- lassen hätte. Als getrennte Iran ist man doch häufig recht geniert." Die Tante lächelt ihr hübsches, sanftes, ironisches Lächeln und sagt: „Tu kannst zu jeder Zeit zu Deinem Gatten zuri'icktchrcn, wenn Du nur willst. Er hat keinen andren Wunsch. So sagte er mir wenigstens noch gestern in der Oper, als er mich in meiner Loge besuchte, in der Hoffnung, Dich zu treffen. Aber Tu hattest natürlich «twas Besseres zu thun, als„Faust" zu hören! Ja, meine Liebe. der arme Kerl hat seine Schuld reichlich gebüßt. Er langivcilt sich schrecklich, weil er kein Heim hat, niemand, mit dem er plaudern kann.... Er wird Dich mit offenen Armen empfangen oder mit geschlossenen Arme», ganz wie Tu willst." „Und tvas rätst Du mir?" „Tas Zweckmäßigste, wie immer, meine Liebe: das Leben, siehst Du, ist nur kompliziert, wenn man es so will. Versteht man dagegen, die Tinge richtig zu nehmen, so..." » Madame de Maresville ist in ihr eheliches Heim zurückgekehrt und hat ihrem Gatten den korretten, eleganten, liebenswürdigen Herrn vorgestellt! sie haben sich rasch verständigt. Henriette und Lucien sind jetzt die besten Kameraden. Tie Welt sagt:„Sehr vernünftig von ihr, wieder mit Mores- ville zusammenzugehen. Sie ist eine kluge Fraul"— Kleines femlleton* bc. Die Gesellschaft. ES war nicht mehr zu umgehen. Es mußte sein. Ealculators hatten auch schon„zum Thec" gebeten und bei Rcndant Reumanns sollte nächste Woche das große Abend- essen stattfinden. Abendessen— das hieß Häringssalat und Butter- brot mit kaltem Braten. Aber gleichviel, eS war Abendessen, man konnte tvirklich nicht noch länger hinter„diesen kleinen Beamten" zurückstehen. Tie Rechnungsrätin betonte es sehr energisch, und die beiden Töchter gaben ihr Recht. Adelheid, die sonst so sanfte, kam sogar ordentlich ins Feuer; nur Ida meinte sehr bedenklich:„da Ivird Papa wieder brummen." Das that er allerdings, seine Jüngste hatte richtig prophezciht. Er wollte von der Gesellschaft nichts wissen; wenn sie schon gegeben werden mußte, konnte sie im Februar gegeben werden, da war auch noch Zeit und die meisten schrieben ab, weil sie zu„saisonmüdc" waren. „DaS geht nun aber ans keinen Fall, Männchen," die Rcchnungs- rätin sprach in wahren Flötentönen.„Wir haben die Verpflichtung dazu. Man kann sich doch als anständiger Mensch seinen Ber- pslichtungcn nicht entziehen." „Rein, Papa, das können wir nicht," kam Adelheid der Mutter mit sanftem Vorwurf zu Hilfe:„Man redet schon darüber. Papa, daß wir so lange warten lassen." „Gcheimrat Lcnzens Gretchen hat mich schon gefragt, ob wir den Winter„still" verbringen," bemerkte Ida. „Laß sie fragen." „Und sag' wenigstens nicht immer Gehcimrat," fiel die Mutter ein, aber diesmal nicht in Flötentönen,„er ist bloß Geheimer Rechnungsrat, und nächstes Jahr sind wir's hoffentlich auch." Dann wandte sie sich wieder zu dem Gatten:„Nein, Männchen, Tu mutzt Dich wirklich d'rin fügen, wir nehmen jede Einladung an, also müssen wir uns revanchieren; es soll wohl heißen, wir hätten kein Geld dazu?" „Na meinetwegen, dann gieb Deine Gesellschaft." „Meine Gesellschaft? Das ist Deine Gesellschaft, die geben wir imscrm Stand zu Ehren, da sind wir einfach zu verpflichtet." „Ich bin ja auch schon ganz still." Der Rat brrimmtc wieder: »Thu. was Du willst, nur laß mich zufrieden." „Als ob ich die Absicht hätte. Dich zu inkommodieren." Die Rättn wurde pikiert:„Gieb mir nur daS nötige Geld, dann laß ich Dich vollkommen in Ruhe." „So, wirklich? Wie liebenswürdig! Na, da hast Du füns- undzwanzig Mark," er warf ihr daö Gelt auf den Tischt Die Rätin nahm es jedoch nicht aus:„Was soll ich denn damit?" „Ach daß langt nicht? Na, mehr giebt eS nicht." Der Rat war sehr energisch. „Da haben wir ja aber knapp den Wein für. Papachen." sagte Adelheid. „Ach, Ihr wollt Wein trinken? Ach so!" Papachcn nicktet «Na, das werdet Ihr Euch wohl verkneifen müssen, das können wir nicht,'n paar Kaste» Lagerbier thun's auch." „Ich soll Bier vorsetzen? Flaschenbier? Na. dann gieb Deine Gesellschaft allein." Tic Rätin geriet in flammende Entrüstung. „das ist ja gerade wie bei CalculatorS, bei Lenze us giebt es auch immer Wein." „Tann werden sie es wohl können!" „Und Ivir werden es könne» müssen,— wir könnten auch Gc- heimer Nechnuugsrat sein, wir sind das einfach unsrer Stellung schuldig. Aber Tu hast natürlich kein Gefühl dafiir, daß eine Stellung Verpflichtungen auferlegt." Tic Räti» Ivar wütend. Der Rat knurrte; das Knurren klang aber schon etwas nach- giebiger; da»n besann er sich jedoch noch auf einen Ausweg:„Wir haben ja gar nicht genug Weingläser.. „Die borgen wir uns von Tante Auguste." sagte Ida rasch. „Ich bin schon bei ihr gewesen und Hab' gefragt." „Wollt Ihr die etwa auch einladen? lind das müht Ihr doch, wenn Ihr Euch Gläser borgt." „Ich werde die BuchhalterZsrau einladen!" sagte die Rätin verächtlich.„Ida hat sagen müssen,'s war für einen Herrenabend. den Tu giebjt." „Und das hat sie natürlich geglaubt," kicherte Adelheid,„und borgt uns sogar noch ihre silbernen Messer und Gabeln..." „Na, davon haben wir doch aber selbst genügt" Der Rat geriet in Verwunderung. „Wer doch keine silbernen!.. Das Gesicht der Rätt» nahm einen triumphierenden Ausdruck an:„Ja, siehst Tu wohl, ich de»!' an alles. Was meinst Tu, wie sich die Lenz ärgert, wenn sie bei uns silberne Messer und Gabeln findet." „Die ärgert sich schief." lachte Adelheid,„aber es ist doch wirk- lich gut. daß Tante Auguste'nc reiche Schlächtcrmeisterstochter ist.'" „Nun kann- sie einem wenigstens silberne Messer und Gabeln pumpen." Ida stimmte in das Lachen der Schwester ei», die Rätin schüttelte jedoch den Kopf:„Wir schweifen ja ab. Kinderl Also hör' mal. Männchen, ich will Frikassee machen lassen und nachher Brot, Ausschnitt und Käse geben, na. und dann noch Dessert und Früchte. Nicht wahr. Tu siehst doch selber ein. daß ich das alles nicht mit fünfundzwanzig Mark für zwanzig Personen« herrichten kann." „Frikassee und zwanzig Personen?" Der Rat fuhr sich in die Haare:„Du ladest wohl die ganze Bekanntschaft aus einmal?" „Na, Männchen, daS ist doch ein Abmachen, und ich Hab' wirklich nur die Nötigsten auf der Liste." die Rätin that sehr unschuldig, „und, Männchen, Frikassee muß schon sein; bei Lcnzens gab es Hasenbraten, da können wir doch nicht Heringssalat machen, wie Rcndant Neumanns. LenzenS sollen doch nicht denken, daß sie nichv könne», Ivcil er seit vier Wochen den„Geheimen" hat." „Herrsch, ich sage ja auch schon kein Wort mehr!" Der Rat hielt sich die Ohre» zu:„Mackit dock, meinetwegen, was Ihr wollt. Wie viel lostet den» also die Geschichte?" „Na. laß mal nachrechnen." die Rätin zählte an den Fingern: „Ida zieht ihr Foulardklcid an, aber Heidchen muß eine neue seidene Bluse haben und ich brauche eine Spitzcugarnitur... also alles in allem so— achtzig bis neunzig Mark." „Achtzig Mark?" Jetzt sprang der Rat in die Höhe:„Achtzig Mark? DaS kann ich nicht, das habe ich einfach nicht, ich hao's nicht!" Er lief mit großen Schritten im Zimmer umher. Tie Rätin runzelte die Stirn:„Nun red' doch nicht. Männchen, Du hast hundert im Sekretär, ich weiß es." „Was Hab' ich?" Er blieb stehen:„Jawohl, Hab' ich's. Hundertfünfundzwanzig sogar; Du weißt aber auch, Ivozu es ist. Davon bekomm: noch fünfzig Mark der Tapezierer fürs Dekorieren von Weihnachten her, und vierzig sind für die MonatSrcchnung beim Kaufmann, und der Schuhmacher, und mein Schneider..." „Na ja. wenn Tu so rechnest, Oskar..." Die Rätin lehnte sich hochmütig zurück.„Wenn Du zuerst an die Handwerker denkst; i ci> denke zuerst an unsrc Verpflichtungen. Du hast aber eben kein Gefühl dafür, loozu wir in unscrm Stand vcrpslichtct sind."—> Völkerkunde. Die H er e r o. sNachdruck verboten.) Die Herero— man vc- tone die letzte Silbe— gehören zu der weitverbreiteten südafrikanischen Völkerfamilie der Bantuncger. Während einer großen Völkerwanderung, die schon im achtzehnten Jahrhundert begann und sich bis weit in daS neunzehnte hinein fortsetzte, gelangten sie. be- gleitet von ungeheueren Rinderherden, in den nördlichen Teil des heutigen deutschen Schutzgebietes(Südwestafrika), wo ein großer Teil des Stammes in fortwährenden Kriegen, die erst vor etwa zehn Jahren ihr Ende fanden, aufgerieben wurde. Die Herero unterscheiden sich in ihrem ThpuS nur wenig von den andren Banttwölkern. Außerordentlich groß und kräftig gc- wachsen, gehören sie zur dolichokcphalen Rasse. Aus dem langen und schmalem Schädel springt eine groß entwickelte und stark gc- krümmte Ätase hervor. Die Lippen sind aufgeworfen, aber nicht wulstig, das Kopfhaar dicht, der Bartwuchs schwach und der ganze übrige Körper ist von dichten Flaumhaaren bedeckt. Mit ihren pro- portionswidrig langen Vorderarmen bieten sie kein anziehendes Bild, und zu dem ziemlich abstoßenden Anblick gesellt sich ein die Nase gröblich beleidigender Geruch, der von ihnen ausströmt und den bc- kannten eigentümlichen Negergeruch noch Iveit übertrifft, weil sie der Gewohnheit sich zu waschen gründlich abhold sind, und sich statt dessen den ganzen Körper mit einer Salbe einschmieren, die aus ranziger Butter, dicker, saurer Milch und Ockerfarbe bereitet wird, Die Mäunerlleidung der kakaobrauncn Gestalten besteht aus Fellen, die von einem um die Hüsten gezogenen Riemen herab- hängen, Lederbändern, die um die Knie geschlungen sind, und Sandalen, Die Frauen dagegen, die in ihrer Jugend junonische Gestalten mit wohlgeformten"Gesichtszügen und schönen braunen Augen sind, im Alter dagegen tiefäugigen, runzligen Hexen gleichen, tragen auf ihren glattrasierten Köpfen lederne Hauben mit einem Besatz von gläsernen oder eisernen Perlen, um die Schultern einen über die Brust zusammengehaltenen Ledermantel und um die Hüsten eine lederne Decke, den„Karoß", der bis zu den Füßen herabfällt. Als Schmuckgegenstände fügen sich dieser recht decenten Tracht Kettenarmbänder und unsinnig schwere Kupferringe an, deren Metall meistens aus den Otaviminen stammt. Je größer der Wohl- stand des Gatten, desto zahlreicher und schwerer die Ringe, so daß die Frauen der Reichen oft kaum gehen können, sondern mit wunden Knöcheln still auf dem Fleck hocken, was übrigens von ihren Gatten, die ihr Entlaufen befürchten, öfters beabsichtigt sein soll. Außerordentlich giinstig präsentieren sich die Kinder, von denen namentlich die Mädchen von reizvollem Wüchse sind. Auch sie sind am Kopfe in der Weise rasiert, daß nur am Wirbel ein Büschel Haare stehen bleibt, das mit einem durch Eisenperlcn verzierten Riemchcn zu einem Zopfe verflochten wird, Die Frauen werden gegen Hingabe von so und so viel Rindern oder Schafen gekauft, wobei Brüder und gute Freunde zuweilen eine förmliche Weibergemeinschaft konstituieren. An den Knaben wird, sobald sie das achte bis zehnte Lebensjahr erreicht haben, unter großen, rittiellcm Gepränge, wobei zahlreiche Rinder erstickt werden, der Akt der Bcschneidung vorgenommen. Dann folgt nach einigen Tagen das Ausbrechen der unteren Schneidezähne, Ebenso sonderbar ist die Totenbcstattung. Der Leiche wird nämlich der Kopf zwischen die Knie gebunden,' ivorauf sie mit nach Norden ge- wendeten, Gesicht in hockender Stellung beerdigt wird. Die Hcrero werden heute auf etwa 8000(1 Köpfe geschätzt, die sich unter die vier Hauptkapitänschaftcn von Otjimbingne, Omaruru, Waterberg und Okandjose gliedern, Ihr Reichtum besteht in großen Viehherden, Ihre Waffen waren früher der mit einer eisernen Spitze beschlagene Speer und eine von ihnen„Kirri" genannte Wurfkeulc, Heute sind sie ,n, Besitze zahlreicher Gewehre, von denen glücklicherweise die Mehr- zahl von veralteter Konstruktion sind. Der beste Teil des Hcrero- landes ist die Strecke vom AnaSgebirge über Brackwater und Osona bis Okahandja. Das in geringer Tiefe vorhandene Grundwasser in der Ebene des Swakopflusses zeittgt einen reichlichen Graswuchs und hier zwischen Okahandja und Klein-Barmen kann man auch von einem wirklichen Walde reden, der in diesen Gegenden sonst sehr selten ist.— C. R. K r e u s ch n e r. Geographisches. is. Das Land Goschen von heute. Im Lande Goschen, «veniger richtig Gosen genannt, einem Bezirk Unter-AegyptenS, siedelte nach dem Bericht des 1. BucheS Mosis Joseph seinen Vater und seine Brüder an, und von dort aus wurde auch, wie das 2. Buch Mosis erzählt, der Zug nach Kanaan angetreten. Ueber die Geographie dieses Gebietes sind eingehende Studien angestellt »vorden;«vir»vissen daraus, daß wenigstens der wichtigste Teil von Goschen dem heutigen Wadi Tumilat entspricht, der sich als ein weiter Streifen von fruchtbaren Flußablagerungen aus dem oberen Nildelta bis in die Gegend von Jsmailia und zum Suez-Kanal hinzieht. Schon seit dem Altertum Ivurde das Land Goschen von einem Kanal durchzogen, der von dem Pelnsischen Arm des Nildeltas nach den sogenannten Bitterseen verlief und dann weiter zum Roten Meer führte. Diesen, Kanal soll das Wadi Tumilat seine außerordentliche Fruchtbarkeit zu verdanken haben, und zwar bis in die neueste Zeit, Jetzt scheint sich nach Anlage deS Jsmailia-Kanals der Zustand des Landstriches, den Joseph als den schönsten für seinen alten Vater und seine Verlvandten ausivählte, gründlich geändert zu haben. Der Jsmailia- Kanal verläuft mit hohem Wasserstand durch einen durch- lässigen Boden, und das Sickerwasser hat nicht nur dazu geführt, das allgemeine Niveau des Grundtvassers zu heben, sondern auch an vielen Stellen Sodasalze an die Oberfläche gebracht, die selbstverständlich, und unter ihnen namentlich das kohlen- saure Natton, dem Gedeihen der Pflanzenwelt äußerst schädlich sind, Der Wind hat noch dazu mitgeholfen, die ausblühenden Salze zu verbreiten. Das Land ist also durch einen Kanal, der unter gclvöhn- lichen Verhältnissen stets als ein Segen für das durchzogene Gebiet bettachtet wird, von einer fruchtbaren Landschaft in eine Salzwüste verwandelt worden. Das Ministerin», der öffentlichen Arbeiten in Kairo, das einen ausführlichsn Bericht über diese Zustünde entgegen- genommen hat. wird sich mit den Mitteln zur Abhilfe befassen müssen, die nur in einer gründlichen und kostspieligen Entwässcnmg und häufigen Durchwaschung des Bodens bestehen können.— Aus den, Tierleben. — Den Verlauf der FrühjahrSbesiedelung durch die Vögel in Bayern schildert W, Gallenkainp im dritten Jahresbericht des ornithologischen Vereins München fiir 1901 und 1902. Die Zugrichtung oder besser gesagt die Bestedelungsrichtting für Bayern ist nicht eine südnördliche, sondern eine in der Haupt- fache rein«vestöstliche, und zwar eine in der Gegend von Dinkels- bühl bis Crailsheim beginnende Sttömung, die querdurch das Land ungefähr der Donau entlang bis zum Bayrischen Wald sich er« streckt und gleichzeittg einen Arm in die Gegend von Würzburg, einen andren ,n die von Landsberg a. L. und Kaufbeuren aussendet. Um dieses in drei Zacken ausstrahlende Gebiet frühester Ankunft schließen sich dann konzenttisch die Gebiete etwas späterer Ankunst an. Als solches spätester Besiedelung markieren sich deutlich scharf umgrenzte Gebiete, einS um Ansbach, Nürnberg, Fränkischen Jura, ein zweites in der Gegend südlich der Donau zwischen Ingolstadt und Rcgensburg, Die Temperatur übt vielleicht einen modrfiziercnden Einfluß auf diesen Vorgang aus, ein wesentlich bestimmendes Moment ist sie aber nicht. Als zweiter Faktor wäre vielleicht die Windrichtung zu erwähnen. Die Kurven Gallenkamps decken sich in hohem Maße mit der Landesstruktur Bayerns und decken sich ivenig mit den ungarischen Beobachtungen, Ungarn,„ach Süden zu völlig offen, mit beiden Hauptsirömen in südnördlicher Richtung verlaufend, und nach Norden zu ansteigend, kann, in seine», weiten, gleichmäßigen Gebiet auch ziemlich gleichmäßige Temperattirverhältmsie bezw,-Aenderungen zeigend, sehr wohl niit den meteorologischen Faktorei, fortschreitende Besiedelungsverhältnisse aufweisen, die bei andren Grundlagen und andrer Landesstrukttir sich anders darstellen müßten. Jedenfalls wäre ein großes europäisches Beobachtungsnetz außerordentlich nützlich und notwendig, um die endgültige Lösung solcher Fragen zu bringen, die in einzelnen Ländern nicht gelöst werden können,— („Globus.") H»«uioristisches. — Grund. B a ru ch(zu Pinkus, der die Hände in den Taschen ttägt):„PinkuS, warum biste so schloeigsam?" Pinkus:„Soll ich mer vielleicht erfrieren die Hände bei d e r Kält?"— — Vorsichtig. Besuch:„Nun Hans, zeig mir doch auch einmal Dein Herbarium!" Der kleine Han?(argwöhnisch):„Sind Sie auch kein Vegetarianer?"— — Höchste Zeit. A(der in der Kneipe ans Telephon ge- rufen Ivorden war):„Jetzt kaim ich aber«virklich nickt mehr bleiben l" B:„Was hat denn Deine Frau telephoniert?" A:„Nur fünf Worte:„Entweder... Du kommst.,, oder ich"...l" („Meggendorfer Blätter.") Notizen. o, A u g u st S t r i n d b e r g hat soeben zwei neue Werke ver- öffentlicht, die hauptsächlich die Pracht der nordischen Natur schildern. Der leichte ironische Ton. der in„ S a g o r" herrscht, erinnert an den Strindberg von stüher. ,. E n s a n," beschreibt die Rückkehr des Dichters nach Stockholm nach langen Jahren der Abwesenheit,— en. Unter dem Titel„Le Radium" lvird demnächst in P a r i s eine Zeitschrist erscheinen, die in Monatsheften möglichst vollständige und neue Berichte über die Fortschritte in der Erforschung des Radiuni und seiner Eigenschaften veröffentlichen wird,— — Felix Doermanns neue Komödie„Die Mama" erlebt am 23, Januar im München er Schauspielhause die Erstaufführung,— — Im Wiener Burg-Theater fiel Gustav Davis' Lustspiel„Die Jakobsleiter" bei der ersten Aufführung glatt durch,— — Adolf Oberländer, der Zeichner der Münchener „Fliegenden Blätter", ist von der Berliner Secession zum Ehrenmitgliede ernannt worden.— — Im Verein für innere Medizin berichtete Behring über die Ergebnisse seiner Tuberkulose st udien, Nack seiner Er- fahruug entstehe die Lungenschwindsucht dadurch, daß durch Tuberkulose- ansteckuug im stühcsten Kindcsalter, in der Säuglingszeit, der Grund zu der späteren Lungenschwindsucht gelegt«verde. Die Ansteckung in der späteren Lebenszeit sei nicht gleichgültig, aber sie sei nicht «vcsentlich. Wolle man die Tuberkulose bekämpfen, so müsse man vor allem auf die Säuglingsernährung achten, man müsse verhüten. daß in der Säuglingsmilch Tuberkelbazillen enthalten feien, Behrings Ansichten stehen im Widerspruch mit der ganzen neueren Tuberkulosen- bckämpfung, die davon ausgeht, daß die Entstehung der Lungen- tuberkulöse vornehmlich auf die Einatmung von Tuberkelbazlllen zurückzuführen sei,— t. Der sechste internationale Zoologen! ongreß lvird vom 14. bis 19. August in Bern tagen, Ausflüge sind nach Neuenburg' und an die Jura-Seen zur Besichtigung der Pfahlbauten in Ausficht genommen.— Kerantwortl. Redakteur: Julius Kaliski. Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcEo,.Berlin L Vk.