Mnlerhattungsblatt des Horwürts Nr. 20. Donnerstag, den 23. Januar. 1904 20� Niobe. (Nnchdviiä verboten.) Noman Von Jonas L i e. ..Alier dann sind Sie ja nervöser als die nervöseste Dame. Herr Finsland." lachte Minka.„Ich will versuchen, unter lauter frommen Blumen etwas auszuwählen, was Ihre srin- l'ilduncwkraft nicht in solche Erregung versetzt." ..Lassen Sie die Einbildungskrast. bitte, unberührt, die Illusion— die ist gleichbedeutend mit dem Leben, Fräulein Ätinka." rief er heftig aus.„Je stärker wir sie besitzen, um so intensiver leben»vir.«in so glanzvoller und lebenstrunkener wirbeln wir iin Sonnenschein umher, bis— bis... Ja, können Sie es mir sagen, die Seifenblase, die das große, schwarze Loch, das Nichts, umgiebt." „Und das sagen Sie, der Sie ein Dichter sind? Und noch dazu jetzt, zu einer Zcit� da man fast in die Geisterwelt hinein- greifen kann?" rief sie voller Ueberzeugung aus.. Wir haben ja ganz unztvcideutige Antworten daher." Er lächelte init einem Schatten von Schwermut. „Die beste Antwort über da� Dasein erhält man, wenn man mit einein Totenkopf redet. Der antwortet stets daS- selbe, Predigt stets von dem dunklen Loch. Nein, die Seifen- blasen, das ist auch ein Glaube. Das ist eines jeden Gedicht vom Leben, eines jeden Schönheitsphantasie. Und, sie zu vervielfältigen, sie unS so glänzend schön und farbenreich zu machen, so voll von Glücksverheitzungen, daß wir dummes Gewürm trotz alledem einen Augenblick jubeln, das ist die Aufgabe. Das heißt, ich inache die Seifenblase erst für inich selber, und dann für die andren. Und das ist ja ein befriedigender Beruf," spottete er.„Ein wenig Sonnenschein in ein halb- dunkles Loch hinein scheinen zu lassen. Sind wir etlvas andres als Schmetterlinge, die unterwegs eingeholt werden, weshalb sollen wir da nicht fliegen und flattern, so lange wir es können." Minka ward allmählich, während er sprach, in eine Stimnnlng versetzt, in eine neue Welt, wo dieser junge Mann, der den.stopf so hübsch auf den Schultern trug, ihr mit einer so wehmütigen stlarheit betvies, wie alles in einem herrlich flimmcruden, goldig- bleichen Sonnenuntergang dalag, mit einem so tvunderlichcn Todesschauer der Vergänglichkeit dar- unter. Wie war er doch reich an Seele, wie war er doch un- glücklich mit seinem tiefen Blick. Sein Ausdruck war trotzig, satirisch. Sie waren ganz in ihre Unterhaltung vertieft, als Berthen auf sie zu geschlendert kam, den Strohhut im Nacken, mastosen- artig, schneidig. Sie naschte hier eine Johannisbeere, dort eine Himbeere. „Dreht sich da? Gespräch um Geister?" warf sie endlich spitz hin.„Ja, denn»venu sich Minka in die Geistertvelt vertieft, sie und Ingenieur Varberg, dann bin ich auf meiner Hut." Sie hob einen Zweig mit schweren roten Johannisbeeren in die Höhe. „Ich esse nur," schwatzte sie und kaute mit den frischen, unregelmäßigen weißen Zähnen.„Aber Minka— die denkt!" „Du, Minka," rief sie ihr dann halblaut, vertraulich über die Hecke hinweg zu.„Ich sah Varberg eben unten auf dem Wege. Er wird gewiß ungeduldig, tvenn er nach Dir fragt und Dich nicht findet. Soll ich ihn hierher führen?" „Ach nein» Berthea," Minka tvies es mit einem ge- zwungenen Lachen ab,„so schrecklich amüsant ist er doch wirklich nicht." Berthea summte eine Melodie leise vor sich hin, griff ein paarmal ins Gebüsch, Pflückte einige Johannisbeeren und zog sich zurück. Gleich darauf war sie oben an der Gartenpforte und eilte den Weg hinab, an dein Vorratshaus vorüber. „Ja, Minka denkt wirklich, daß ich stets ein Kind bleiben soll, sie will ganz allein—" Sie schlenderte den Weg entlang, biS sie Varberg be- geguete: „Machen Sie es tvie ich. Herr Varberg, ich Hab' inich zurückgezogen. Sie thun den ganzen Nachmittag nichts weiter als sich über Lebensstagcn ergehen— da unten im Garten, Minka, und dann ein Dichter, der Finsland heißt, Alver Finsland— haben Sie je so einen Nainen gehört, Alver— ja, er ist übrigens nicht häßlich— der macht allen Geistertvesen den Garaus, und Minka ist ganz tvie aus- getauscht, ganz weg. Ich kam ihnen sehr ungelegen, aber versuchen' Sie es einmal, Herr Varberg, tvenn Sic mehr Glück haben, so... Auf Wiedersehen, Varberg, ich will mich einmal nach dem Vater umsehen." Sie schlenkerte den Hut am Hutbande hin tmd her, während sie vorwärts eilte, sah sich dann um, streckte Varberg die Zunge aus und wollte sich ausschütten vor Lachen. Varberg zeigte sich im oberen Ende des Gartens. Er stocherte mit seinem Stock in den Beeten herum, in der Er- Wartung, daß Minka kommen würde. stein Ziveifel, daß sie ihn dort uisteu noch besser sah, als er sie! sie lvandte aber den stopf kranipfbaft ab. „Da, Herr Varberg, Morellen!" Massi kain eilig auf ihn zu gelaufen: sie hielt ihm einen storb hin.„Ich und Arndt haben seit dem Mittagessen den Baum für Muster leer gepflückt. Endre ist nänilich gekommen und dann ein Dichter. Sie sind alle da unten. Er soll diesen Sommer bei dem Wege- Inspektor wohnen und Gedichte machen über den Elf, über unfern Elf," erklärte sie. Barbergs Züge wurden scharf. Er stand eine Weile un- schlüssig da, schlenderte dann langsam hinab und ließ sich vorstellen. Inzwischen hatte sich auch der ihm verhaßte Cchulteißi den andren zugesellt und unterhielt sich mit Endre. Minka begrüßte ihn ungeheuer freundlich mit den schönen weißen Zähnen, wie einen guten Bekannten, ihre ganze Auf- merksaiukcit konzentrierte sich aber auf die Unterhaltung. Und Endre begegnete ihm aufs liebenswürdigste, während der Dichter nur ein leichtes Kopfnicken für ihn hatte, und sich in seiner Unterhaltung mit Minka nicht stören ließ. „lind dann, vor allen Dingen, Fräulein Minka, es ist unschön," eiferte FinSland,„der Geisterglaube ist unschön� Das Leben wird mit etwas Schattenlosem, Körperlosem, Schreckeinflößendem beschwert, mit etwas, das nicht ganz um» gebracht ist, einem Toten, der nicht völlig tot ist, Jzur halb« wcgs. Statt daß dem Leben ein Ziel gesteckt ist, etwas Zähes, Schleimiges, Naßkaltes, mit einem Hauch von Grabeslust, Wenn Eäsar, Homer, Shakespeare, Goethe und Byron sterben, so sollen sie»ms hinterher des Nachts um die Beine kriechen, wie die kalten Kröten!" „Ja, ja, ja!" schaltete Schultciß entzückt ein.„Und dann soll jeder Hans Narr und geistiger Quacksalber daS Recht haben, sie erscheinen zu lassen, als zöge er an einem Glocken- straug: Napoleon und Hannibal und Friedrich den Großcir und Virgil. Gestatten Sie mir, glauben Sie nicht auch, Herv Poet, daß dies die Hölle sein inüßte, zu der sie verdammt sind, ihr Fegefeuer!" � „Unschön, unschön durch lind durch." lachte Finsland. „steine hervorragende Persönlichkeit würde etwas � wagen, würde die Brust dem Messer bieten, um schließlich ein ruhe- loses, sellfzendeS Gespenst zu werden, mit dem man Kindern und dem gewöhnlichen Volk bange macht." „Ja, wenn die Sache vom Schönheitsstandpunkte aus. entschieden werden soll, so—" bemerkte Varberg spöttisch, „ich glaube, die wissenschaftliche Erfahrung in Bezug auf Fakta..." „Wenn wir uns an die Erfahrung halten wollen," schmetterte Schnlteiß ans dein Gebüsch heraus,„so ist es höchst auffallend und sonderbar, daß ein Geist iloch liiemals Geld aus der Kasse in eiiiem Bankgeschäft eiitwendet hat. Es würde höchst bequem für die Kassierer sein, die in Verlegenheit kämen, hi, hi, hi, dieAufmerksainkeit aufMedien zu lenken; wir würden iinsre alten.Herenprozesse modernisieren." „Einein Manne wie Flammarion, dem Astronomen, dcnZ Gelehrten, darf man doch wohl kaum die Urteilsfähigkeit ab- streiten," fuhr Varberg unverdrossen fort.„Seine„Be- rechneten Welten"...".. „Freilich, freilich, Herr Varberg. das kennen wir. blN Schnlteiß an.„Diese berechneten Welten, ans denen wir nach dem Tode von einem'Himmelskörper auf den andern befördert werden, wie man einen Schiffer nach und nach auf größeren und größeren Fahrzeugen anstellt.. „Und ich bin der Ansicht, je weniger Geist, um so mehr Geister," entschied Finsland. „Ja, man kann das Höchste und Beste bespotten und be- tmtzelm Das ist leicht erkauft, Herr Poet, besonders, wenn man seine Force im Phantasieren hat," entgegnete Varberg kühl. Minka erhielt einen hastigen Blick. Sie kannte ihn sehr wohl, wenn sie sich unterstünde— „So leicht erkauft, so leicht erkaust!" Schulteiß schwelgte in seinem'Eifer.„Ich will Ihnen ehvas sagen," er zwinkerte mit den Augen, und das Kinn wurde verächtlich spitz,„die Religionsstifter sind stets Leute von Geist gewesen. Sie haben die Hoffnung mis Unsterblichkeit nie ertötet, sie haben niemals eine bloße banale Wiederholung gepredigt— eine Schiffer- beförderung. Was sie am tiefsten angedeutet haben, ist stets eine ganze Bewußtseinsverwandlung in das sür uns Un- faßliche gewesen, wenn ich mich so ausdrücken darf, Herr, Herr Varberg, in etwas, das eine gewisse Aehnlichkeit mit Ihrer sogenannte,:„vierten Dimension" hat, wo unsre Begriffe nicht mehr ausreichen. Und nicht nur eine vierte, sondern eine fünfte, eine sechste, eine siebente und so weiter, in mümtum," schrie er.„Etwas Aehnliches scheint ein Mohammed zu der- künden, wenn er davon redet, daß er bis in die vielen Himmel verzückt ist, und Paulus kann darauf angespielt haben, wenn er sagt, daß er Dinge gesehen und gehört hat, die auszusprechen die Menschen keine Sprache haben." „Man mutz glauben, was man zu glauben vermag," rief der Dichter aus.„Ich glaube, daß ich hier stehe und die Herr- lichsten Kirschen zusammen mit Fräulein Minka verzehre; und was glauben denn Sie, mein Fräulein?" „In Bezug auf Geister? Ich bin ganz Ihrer Ansicht, daß der Gedanke daran durchaus nicht poetisch ist. Und auch nicht sonderlich amüsant," fügte sie aussätzig hinzu, den Kopf ganz in den Busch hineinsteckend, un, eine unter den Zweigen hängende Beere zu pflücken..,?lbcr deswegen können sie doch existieren," fügte sie dann feige parierend hinzu; sie ahnte und fühlte Varbcrgs drohende Miene und seinen geladenen Blick. „Und noch ein bißchen mehr, Minka," scherzte Endre, der ganz ohne Verständnis für die Sache und außerhalb der Situation war.„Wenn man wirklich an dergleichen glauben soll, so— warum will man dann nicht an einen einzigen großen Mann, an einen lieben Gott auf einmal glauben, statt an alle diese Specialgeister, sonst kommen wir ganz aus den Standpunkt der Neger. Du sollst Dich von dieser Dichtersecle flicht zum Unglauben verleiten lassen, sage ich Dir." „Es kommt mir vor, Herr Endre," meinte Schulteiß, sich die Hände vergnügt reibend, als sie zun« Thee ins Haus gingen,„als ob Herr Varberg heute einmal gründlich blamiert ist. Hm, hm, er ist unser großer, pupulärer Philosoph hier in der Gegend. Und, und— Sie gaben es ihm gehörig mit diesen Specialgeistern." „Ich— ich sollte es Varberg gegeben haben,.. So— ich?" „Ja, ganz brillant. Sie trafen den Nagel auf den Kopf. Fräulein Minka hätte niemals ein überzeugenderes Schlag- wort bekommen können. Und Ihr Freund, der Dichter, ich beuge mich in Ehrfurcht. Wenn man diese Kontraste bei Licht besieht— hm, den populären Philosophen und dann diesen Mann des Geistes. Es ist wie ein Berg und eine Höhle, wie ein Berg und eine Höhle—" Minka empfand im Laufe des Abends Varbcrgs Augen kälter und kälter und immer drohender. Der kalte Schweiß trat ihr auf die Stirn, während sie sich demütig wie ein Hund unter seinen Willen und seine vermeintlichen Winke beugte, und forciert freundlich eine Unterhaltung anzuknüpfen und sich besonders aufmerksam zu erzeigen suchte. Es lag wie ein Alp aus ihr, sie war in wahrhaft tvahn- sinniger Angst vor diesem verschlossenen, scharfen Gesicht, das sie bis in ihre feinste:: Nervenstränge hinein züchtigte und kommandierte, All dies Schreckliche, Dunkle, Mystische, das vor ihrer erregten Einbildungskraft stand, alle diese Schreckgestalten, wie man sie auf einem dunklen Bodenraum sieht, und in die sie gewaltsan: hineingedrängt worden war, sie hatte heute die Bodenluke offen stehen sehen, ein stechender Sonnenschein, in dem eine wilde Tagcsfreude spielte, war hineingeströmt, keine Rücksichten, nichts zwischen der Sonne und dieser Erde! Sie saß am Klavier. Feuer und Krämpfe in den Finger» spitze», und begleitete Endres Gesang. Während einer seiner Bravournumniern stand Varberg dicht neben ihr am Klavier. „Dürfte ich Sie ivohl bitten, Fräulein Minka, mir das Buch zu geben, das Sie gütigst für mich verwahrt haben?" sagte er ganz kurz, sobald der Gesang beendet war. Es klang wie das kalte, schneidende Blatt einer Säge� Sie stürzte hinauf, suchte nach den: Kommodenschlüssel, der im Schubfach steckte und holte das in Leinwand gebundene Buch mit den spiritistischen Aufzeichnungen. Im Halbdunkel sah sie ihn schon unten an der Treppe mit Hut und Staubmantel stehen. „Aber, Varberg, weshalb gehen Sie so von nur?" fragte sie ganz ängstlich. „lind danach fragen Sie, Minka, nachdem Sie es gewagt haben, mit elendem Lachen und Höhnen alles das zu verraten, was uns geistig mit einander verband." „Aber, lieber Varberg, hätte ich geahnt, daß unser Lachen Ihnen in: geringsten peinlich sei..." „Unser Lachen... Der Dichter und Fräulein Minka, das ist jetzt wir, eine Firma: wir!" Er wandte sich un: und ging, ohne sich an sie zu kehren; plötzlich aber blieb er stehen, und sie fühlte seine Hand fest und schwer auf ihrer Schulter. „Daß Sie es wagen konnten, daß Sie es wagen konnten!" Er sandte ihr förmlich Funken in die Augen hinein, starr, hartnäckig unterjochend, mit diesem stillen, sicheren Lächeln, das stets im stände war, ihren Willen zu lähinen. Ihre auf- geschreckte Einbildungskraft fing an, sich eine Porstellung von einem grünäugigen Tiger zu bilden. Die Hand ruhte schwerer und schwerer auf ihr, es war, als wolle sie sie in die Knie zwingen. Sie lächelte, ohne mit den Augen zu blinzeln, wußte, daß sie seine' Eitelkeit befriedigen, ihn als Anbeter behalten konnte, wenn sie sich so recht demütig und zerknirscht stellte, wenn sie ihn wieder seine unbeschränkte Macht über sie empfinden ließe. Sie fühlte, wie er ihr mit der andren Hand sanft über die Schläfe strich, und wie es so wonnig leicht sein würde, nachzugeben. Heute abend aber überkan: sie der Geist der Aufsässigkeit wie ein plötzlicher Wirbelwind, und sie riß sich, jäh er- wachend, los. „Ja, natürlich, natürlich," rief sie mis,„ich darf ja nicht vergessen zu gehorchen, wenn Du am Glockcnstrang ziehst." „An: Glockenstrang... Soll das ein Zkame für die geistige Verbindung, sür die magnetische Leitung zwischen uns sein?" „Für Deinen Egoismus und Deine Tyrannei!" platzte sie heraus. „Minka!" „Ich sagte Glockensirang, und ich meinte Glockenstrang." „Hüte Dich! Ich fürchte fast. Deine Zunge könnte den Glockenstrang zerschneiden, was er auch sein mag!" „Ich will mich nicht wie ein willenloses Ding behandeln lassen," schrie sie.„Ich will es nicht, will es nicht!" „Willenlos— Ah! Als wenn ich nicht mit halbem Auge sehen könnte, woraus das Fräulein eigentlich hinaus will—■ ihre Freiheit will sie haben, un: sich in den: neuen Dichter- licht zu drehen und zu tummeln;'s ist freilich nur ein Irrlicht." sFortsetznng folgt.); (Ncichdnick verboten) Die Bevölkerungsbewegung in frankreieb» In dem Jahrfünft von 1896— 1900 betrug der Geburten» Überschuß in Schweden 108 auf 10 000 Einwohner, in Belgien 109, in Italien 110, in Großbritannien 116, in Norwegen 146, in Teutschland 147 und in Holland 150. In Frankreich aber nur 13 auf 10 000 Einwohner. Der Abstand ist ungeheuerlich und bildet, wie man tveiß, den Gegenstand ernstester Sorge für die; Franzosen. Langes chon hat man die Befürchtuiuzen Malthus' ab- gcthan und erkannt, daß Kraft und Reichtum eines Volkes von der Zahl seiner Kinder nicht weniger abhängt, als von ihrer körper- lichen, geistigen und sittlichen Tüchtigkeit. Schon seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts beobachtet man in Frankreich die Erscheinung abnehmende? Ecburtenhanfigkeit, aber nie hatte sie einen so alarmier enden Charakter, wie in den letzten Jahrzehnten des der- gangenen Säcnlnms. In dem Jahrzehnt 1891— 1900 haben wir in unser n? Nachbarlande sechs Jahre mit einem Geburtenüberschuß von rund Ü?t 000. denen vier mit einem Ueberschutz der Todesfälle von 05 000 über die Geburten entgegenstehen. Der Bevölkerungs- Zuwachs schrumpfte also in jener Zeit auf 249 000 zusammen, nicht einmal 25 000 auf das Jahr. Seit einige» Jahren hat sich nun diese Situation, wie aus einem im„Journal officiel"(Staatsanzciger) veröffentlichten Berichte des Herrn Arthur Fontaine an den französischen Handelsminister her- vorgeht, anscheinend gebessert: in Jahre 1901 war ein Ge- burtcnicherschutz von 72 398, im Jahre 1902 ein solcher von 83 944 zu verzeichnen. Der französische Nationalökonom Paul Leroy- Wcaulicu, der die Bevölkerungsbetvcgung zum Gegenstände seines Specialstudiums gemacht hat, rechnet im„Economiste fran�ais" (Französischer Volkswirt) fix aus, daß Frankreich, wenn dieser Zustand der Dinge anhält, im Jahrzehnt um ungefähr 780 000 Einwohner wachsen werde, mit dem Einwanderungsüberschuß sogar zusammen um 1 200 000. Wie wenig das noch immer ist, lehrt ein Blick auf die deutschen Verhältnisse: wir haben nahezu 800 000 Bevölkerungszuwachs in eine m Jahre zu verzeichnen. Untersucht man die Zahlen der französischen Bevölkerungsstatistik genauer, so zeigt sich aber auch, daß— abgesehen von jedem Vergleich— jene „Verbesserung" durchaus problematischer Natur ist. Sie ist nämlich keineswegs aus einer Erhöhung der Geburtenziffer, sondern ledig- lich aus einer Verminderung der Sterblichkeit entstanden. Auch im Jahre 1902 kamen auf 100 der Bevölkerung in Frankreich nur 2.27 Geburten; der Durchschnitt beträgt aber bei den europäischen Nationen etwa 30 Proz. Mit 845 378 Geburten(Totgeburten nicht inbegriffen) blieb das Jahr 1902 in Frankreich um nicht weniger als 12 000 hinter 1901 zurück, und um rund 7000 hinter dem Durchschnitt des Jahrzehnts 1892— 1901. lind dabei darf man nicht übersehen, daß in Frankreich die Zahl der im heirats- bezw. zeugungsfähigen Alter stehenden Personen relativ erheblich höher ist, als in anderen Ländern. Tie hohe Sterblichkeitsrate, die andre Länder Europas im Ver- gleiche mit Frankreich aufweisen, hat ihren Grund hauptsächlich in der größeren Sterblichkeit der Kinder: wo viele Kinder geboren werden, sterben auch viele Kinder, zumal, wenn wie in Teutschland, die Lebensverhältnisse der großen Masse des Volkes so gut wie alles zu wünschen übrig lassen. Weil Frankreich kinderarm ist, kann es also gar nicht eine so hohe Sterblichkeit erwarten lassen, ivie die andern Länder. Wenn aber nnsre Nachbarn sich mit dieser Er- scheinung über den beunruhigenden Mangel an Regenerativkraft ihres Volkes hinwegzutäuschen suchen, dann dürfen sie doch nichr übersehen, daß die Sterbeziffern der letzten Jahre zwar niedrig waren, aber zu keinerlei Optimismus Anlaß geben: Frankreich hat schon niedrigere gehabt! Es liegt kein Grund vor, die Abnahme der Sterbeziffern in den letzten beiden Jahren als eine dauernde Erscheinung anzu- sprechen, eine solche Hoffnung könnte vielmehr sehr trügen. Jeden- falls müßte Frankreich ganz erhebliche Anstrengungen zur Ver- besscrung seiner öffentlichen Gesundheitspflege machen, ehe eS sich vor einer Abnahme seiner Bevölkerungsziffer durch Sinken der Sterbeziffer gesichert halten dürfte. Die Zahl der Geburten korrespondiert mit der Zahl der Heiraten. Wenn nun auch die Zahl der Heiraten in Frernkreich im Jahre 1902 das Mittel aus dem Jahrzehnt 1892— 1901 überstiegen hat, so war sie doch geringer als die der vorausgehenden drei Jahre 1901, 1900 und 1899. Sie betrug 294 786 gegen durchschnittlich 291 431 in den Jahren 1892— 1901. Daneben ist aber auch die Zahl der Ehescheidungen im Jahre 1902 mit 8431 auf eine früher nicht ge- kannte Höhe gestiegen. Lcroh-Beaulicu meint, es sei unleugbar, daß die Institution der Ehe in Frankreich schwer erschüttert und bedroht sei. Ob das nun, lediglich in Hinsicht auf die Bevölkerungs- zunähme, zu beklagen ist. erscheint deshalb zweifelhaft, weil die Zahl der unehelichen Geburten im Gegensatz zu den ehelichen nicht ab- sondern zugenommen hat. Auf 845 000 Geburten im Jahre 1902 entfielen 74 071 uneheliche, das sind annähernd 9 Proz. Damit er- reichen die unehelichen Geburten in Frankreich beinahe den Prozent- satz der unehelichen Geburten in Teutschland. Seit den Tagen des zweiten Kaiserreichs ist in Frankreich die Gesamtzahl der jährlichen Geburten um 100 000 gesunken, die der unehelichen aber gleich- geblieben. Wenn man die Bevölkerungsbewegung in Frankreich studieren will, dann darf man sich nicht an die Gejamtziffern des ganzen Landes halten, weil die Verhältnisse der verschiedenen Landesteile ganz verschieden sind. Iii einer Gruppe der französischen Teparte- ments ist die Geburtenziffer doppelt so groß, wie üi einer andern. Die Gruppe der Departments mit hoher Geburtenziffer ist ihrer- seits wieder auS zwei verschiedenen Elementen zusammengesetzt: zu ihr gehören die industriell am weitesten vorgeschrittenen und die in der„Aufklärung" am weitesten zurückgebliebenen Gebiete Frankreichs. Dr. Goldstcin hat in einer bekannten Studie über die französischen Bevölkerungsverhältnisse den Nachweis geliefert, daß die geringe Volksvermehrung unsres Nachbarlandes im wesent- liehen den Jndustriedepartements des Nordens zufällt. Wenn die Bevölkerung des ganzen Landes es an Fruchtbarkeit der Industrie- bevölkcrung gleich thäte, dann käme Frankreich mit einer Vermehrung von 300 000 bis 400 000 Seelen im Jahre derjenigen Groß- britanniens beinahe gleich. Neben den Jndustricgcgenden rangieren in der Gruppe der fruchtbaren Departements aber auch diejenigen. in denen noch„Gottesfurcht und fromme Sitte" herrschen, bis Bretagne und die Vendee. Hat man Pommern häufig als dio preußische Vendee bezeichnet, so kann man umgekehrt auch wohl ein- mal die Vendee als das französische Pommern kennzeichnen: der Lmidstrich mit den meisten Großgrundbesitzungen, verhältnismäßig starkem ländlichen Proletariat, hoher Rate der unehelichen Geburten, aber auch der ehelichen. Dort, wo dem Kampfe der jetziger» französischen Regierung gegen den Klerikalismus der schärfte Widerstand entgegengesetzt wurde, dort, wo man um die Schulschwester!» mit den Soldaten und Gendarmen blutige Schlachten ausfocht, ist die Bevölkerungszunahme am allerstärksten: 3,13 Proz. gegen der» Durchschnitt 2,27 Proz. des ganzen Landes. Der reaktionäre Leroy- Bcaulieu sagt deshalb auch:„Aus diesem Grunde halten wir den Kampf der gegenwärtigen Regierung gegen den Glauben und das Erziehungssystem in diesen Gebieten für absolut unpatriotisch. Es giebt kein Werk, das verhängnisvoller für unsre Nation sein könnte." Ter gute Mann vergißt, daß die aufgeklärteste und am meisten modern denkende Volksgruppe Frankreichs, die industrielle, von den Gedanken des Socialismus durchdrungene Bevölkerung der großen Kohlen- und Erzgrubenbezirkc des Nordens und der Textilgcgenden des Pas de Calais, der Vendee und Bretagne in der Volksvermehrung nicht nachstehen; und er wird nicht behaupten wollen, daß für sie dieselben psychologischen Motive gelten könnten, wie für jene. Absolut und relativ geht die Volkszahl Frankreichs dort zurück, wo der Eigen- tumsfanatismus kleiner Besitzer zu einer traditionellen künstlichen Beschränkung der Kinderzahl geführt hat. Diese Verirrung kann, wie nicht zu leugnen ist, durch religiöse und„altfränkische" An- schauungen eingedämmt werden, so lange das eben dauert; sie wird aber sicher eingedämmt durch den Socialismus, der die Hoffnungsfreudigkeit und Lebenstüchtigkeit des Einzelmenschen er- höht und das Recht der Ungeborenen zu achten lehrt. Die Zukunft der französischen Rasse ist dann nicht gesichert, wenn man den Ein- fluß der Finsterlinge verstärkt, sondern nur dann, wenn man das Volk von den Schäden des kapitalistischen Eigentumsrechtes erlöst.—> kleines Feuilleton. Id. B.-W.-B. Privatier Bastlmeicr, ehemals Bäckermeister, könnt' es sich schon leisten, so alle Jahre wo anders hin eine„Spritz- tour" zu machen—„dera Büldung z'wegen." Diesmal hatte er's auf's Land der„Marjankas" und„ZwetschgenkuLdK" abgesehen. Also nach Prag, mit Retourbillet, dessen mysteriöser Ausdruck , B.-W.-B." unsern„G'schwollenen" aber gar nicht interessierte. Die Fahrt ab„München-C" war flott gegangen, das Examen vor den„Aksisaks"(Zollbeamten) an der Grenzstation glücklich über- standen, und schon gegen abend rollt der Train in die Halle des Prag-Smichover Westbahnhoss hinein. Gleich daraus reißt der Schaffner die Coupvthllr auf: „Prag-Smichov! Alles aussteigen\" B a st l m e i e r(verwundert):„Woas...? Fallt mir net ein. I Hab' mei' Retourkart'n in d' Stadt." Protzig zeigt er dem Schaffner das Billet. Schaffner(nach genauer Musterung mit Nachdruck):„So hab'n„B.-W.-B. Sö müss'n hier auSsteig'n, oder So zohl'n 22 Kreuzer Zuschlag." B a st l m e i e r(aufbrausend):„Woas—„B.- W.- B." I— I— und 22 Kreuza draufzahl'n...? Schneck'n I Moancn's eppa, i bin aa so an Hanmiel, so an g'scheerter?— Herr... Oba- konduktür I Na, er kimnit scho' I" Zugführer:(herantretend):„WaS gievt's?" B a st l m e i e r:„Herr Obakonduklär, da Konduktär will do' 22 Kreuzer von mir. Wia keimn' i da d'rzua? I Hab' doch mei' Retourkart'n!" Zugführer(ärgerlich über die Beschlverde, zum Schaffner): „Sie, Liska, wie können's sich erlauben, von dem Herrn 22 Kreuzer zu verlangen?" Schaffner(sich stramm hinstellend):„Ich pitte Herrn Zugführer— der Mann Hot B.-W.-B." Zugführer(Bastlnieier anschnauzend):„Sie hab'n B.-W.-B. und beschweren sich noch? Sic steigen entweder aus oder zahln'S 22 Kreuzer! Basta I" B a st l m e i e r(süchtig):„Woas geht mir Eahnere B.-W.-B." an? Kruzitürk'n!(Er stürzt aus den auftauchenden Stationschef zu) „Herr Inspektor, i bitt' Eahne, da Konduktär verlangt 22 Kreuzer Nachzahlung. Wia kemm' i da d'rzua? I Hab doch mei' Retour- kart n nach Prag l" StationSchef(ärgerlich, daß der Zug, der schon ab- geläutet ist, noch aufgehalten wird):„Sie haben Retourbillet? Unmöglich!(Er ruft den Zugführer und den Schaffner heran.) „Warum lassen Sie den Herrn nicht fahren? Er braucht nicht zahlen. Er hat Retourbillet!"— Zugführer(militärisch antretend. Im tiefsten Brummboß): „Ich melde gehorsamst, der Herr hat B.-W.-B." Stationschcf(zu Bastlnieier, entrüstet):„Was? Sie haben B.-W.-B.? Zeigen Sie Ihr Billet I"— B a st lm e i er, der nicht weiß, was mit ihnr vorgeht, überreicht dem Stationschef das Billet. Station 5 chef(setzt gravitätisch den goldenen Zwicker auf die Nase und mustert das Billet, brüllt dann Bastlmeier Ivüdnid an): „Was wollen Sie? Sie haben B.-W.-B. l Sie zahlen 22 jireuzer l" Damit wendet er sich barsch ab und giebt das Abfahrtszeichen: „Einsteigen!" Die Wagcnthiiren klappen zu; die Lokomotive pfeift; schon setzt sich der Train in Betvegung; Bastlmeier hat kaum noch Zeit inS Coups zn springen, wo er sich prustend vor Aerger niedersetzt. „Dös hat ma d rvon", raunzt er giftig,„tvenn ina nur sein ouat's Miinchna Deutsch kannl B.-W.-B.— da kenn' si' d'r Tuifa ans l" Seufzend zahlt er dein Schaffner den Zuschlag, der ihm nun „B.-W.-B." in„B ö h m i s ch e r W e st- B a h n h o s" verdeutscht. „Ah bah— gengat's mit Eahnere saudumme Sprach I" knurrt Bastlmeier, ärgerlich über das schadenfrohe Gelächter der Coupö- Insassen.„B ö h m' s ch e Wirtschaft, b ö h m' s ch e... I habt's mi' verstand'n?"... Und damit drückt er sich stolz verächtlich in die Ecke.— {je. Kabinrttsjustiz. Jin Jahre 1741 erließ der Herzog Ernst August I. von Sachfcn-Weimar(gestorben 1748) eine„Mühlen- ordnung", d. h. ein Gesetz über das Mühlcngewerbe, in welchem die herkömmlichen Uebcrforderungen der Mahlgäste strengstens untersagt und mit schwerer Geldstrafe bedroht wurden. Die Regierung kümmerte sich nicht in« geringsten darum, ob das Gesetz befolgt wurde oder incht; nach Jahresfrist erschien jedoch plötzlich zu jeder- rnanns Ueberraschuirg ein neues geharnischtes Edikt folgenden Inhalts:„Männiglich toerde sich zu erinnern Ivisiei«, was Ihre Durchlaucht für eine heilsame Mühlenordnung hätten ausgehen lassen. Da nun aber, das; alle Müller Diebe seien, Welt- und offenkundig, und daher mit Bestimmtheit anzunehmen sei, daß kein einziger solcher landesvätcrlichen Verordnung nachgelebt habe, so sollten sie nunmehr kraft dieses Mandats in der«vohlverdienten Strafe oondemniert und gehalten sein, solche fördersanist an die herzogliche Rentkasse zu entrichten, oder aber zu gewärtigen haben, daß besagte Strafgelder durch militärische Exekution bcigetriebcn würden." Vergebens beteuerten nun die ungehört Verdammten in zahllosen Eingaben die Reinheit ihres Melles und ihres GeivisjenS, der Herzog blieb bei seiner Ansicht, daß ein ehrlicher Müller ein Unding sei, und die mehr oder ivenigcr bedauernswerten Opfer dieses Vorurteils mußten wirklich die angesetzte Strafe bezahlen.— Theater. Schauspielhaus.„Die Schule der Ehemänner". Lustspiel in drei Aufzügen von M o l i ö r e.„Lästige S ch ö n- h'e i t Drainatisckies Gedicht in einem Aufzug von L u d iv i g Fulda.„Herbstzauber". Ein Mondscheinscenchen von R u- dolf Presber.— Der„Schule der Ehemänner" merkt«nan es nicht gerade an, daß ihr Verfasser einer der größten Lnstspieldichter aller Zeiten gewesen. Der Ansatz zur belehrenden Charaklerkomodie läßt hier nicht recht die übermütig ausgelassene Possenstimmnna, wie in den„Gezierten", und das Schwankhafte läßt nicht recht die feinere Zeichnung, die man vom Lustspiel crivartet, aufkommen. Rur Sganarcll hat individuellere Züge. Daß dieser eigenlvillige, tyrannische Kauz, dessen gepriesene Erziehcuigsgnmdsätze auf ein«lnerträglicheS Abspcrrungssystem Hinanslaufen, von seinem hübscheu Mündel gründlich angeführt wird, ist incht mehr als billig. Aber inan sieht nicht, wenigstens nicht deutlich genug, nicht in genügend interessanter Weise, wie seine im Stücke so nachdrücklich hervorgehobene Feindschaft gegen Ccremoniell und modische Kleidertracht init jener Pädagogen- Narrheit, die in der Gestalt verspottet werden soll, zusammenhängt. „Schule der Ehemänner" nennt die Komödie sich, weil sie am Beispiele der beiden nni ihre Mündel freienden Vormünder demonstrieren möchte, Ivie Herrschsucht, Zlvaiig nnd Argwohn und Ivie nachgiebiges Vertrauen auf Mädchenherzen wirken. Ar ist, der Leonore jeden Ball besuchen läßt, erhält, obwohl schon hoch betagt� als Lohn die Hand der jungen Dame, und Sganarell, der gallige Sonderling, der wie ein Drache seine Jsabella hütet, zieht als' Geprellter unter Hohn- gelächter ab. Ahnungslos trägt er die Briefchen des listigen Fräulein? zu dem Galan, bringt sie mit ihm zusammen, hört, jedes ihrer an den jungen Mann gerichteten Worte auf sich selbst beziehend, strahlend Jf'abellaS Liebeserklärung an, und hilft ihr schließlich gar zur Flucht. Diese amüsanten Scenen in« zweiten und im dritten Akt kamen in der Aufführung de? Schauspielhauses trefflich zur Geltung und fanden reichen Beifall. Sehr drollig bei aller Bosheit war der Sganarcll Vollmers, der auch in dieser Rolle seine alte Kunst beivährte; in der anmutig- schalkhaften Jsabella Fräulein A r n st ä d t S hatte er die beste Partnerin. Dem Molivreschen von Fulda meisterhaft übersetzten Lustspiel ging ein neuer Fuldascher Einakter„ L ä st i g e Schönheit" in spanischem Kostüm und spanischen Trochäen voraus. Eine Donna Klara(Fräulein Poppe), unzufrieden, daß inan immer nur ihrem schönem Gesicht, nie ihren« Geist und Herzen Komplimente macht, kapriciert sich, den Mann ihrer Liebe maskiert allein durch die Reize der Konversation zu erobern, was ihr niit glänzenden« Erfolg gelingt. Die Plauderei hat einige feine Züge, doch sie ermüdete durch Red- seligkeit. 55 schloß den Abend RudolfPresbers romantische Mondichemscene„ H e r b st z a u b e r die schon aus den Aufführungen Veraiitwörtl. Redakteur: Jnlilis Kali-ki. Berlin.— Aruck und Verlaa: in„Schall und Rauch" bekannt ist. Sie erschien hier, unkerstlltzt durch die unvergleichliche Jnscenierung und Darstellung de? Schauspiel- Hauses, um vieles stiniinungsvoller. aber doch nicht stimmungsvoll genug,«im das gekünstelt Allegorische in ihr vergessen zu machen.— ckt. Medizinisches. SS. Gesichtslähmung alSFamili-.nkrankheit. Ob- gleich über die Erblichkeit von Krankheiten noch viel gestritten wird, so kann an der Vererbung wenigstens der Veranlagung zu manchem Leiden nicht wohl gezweifelt werden, da die Erfabrung zu sehr für sie spricht, namentlich bei Geisteskrankheiten und Schwindsucht. Zu- weilen findet sich aber auch bei ganz andren Krankheiten eine auf- salleirde Verbreitung unter nahen Verwandten. Für Nervenleiden im allgemeinen ist dieser Umstand schon früher erkannt worden. und in« Jahre 1887 berichtete E. Neuinann über 37 Fälle von GefichtSlähnmiig, von denen wenigstens 24 ein Vorkommen unter den Verwandten nachlviesen. Jetzt smd diese Beispiele mit Rücksicht auf die Gesichtslähmtmg derart vermehrt worden, daß man von ihr in solchen Fällen geradezu als von einer Fainilienkrankheit sprechen könnte. Es ist vorgekommen, daß in einer Familie nicht weniger als fünf Erkrankungen an diesem Leiden gleichzeitig zi« finden waren. Danach läßt sich kaum niehr bezweifeln. daß auch diese.Krankheit in hohem Grade von einer erblichen Veranlagung abhängig ist. BeinerkenSwert ist die Geschichte von sechs Mitgliedern ein mid derselben Fainilie. Ivie sie in der letzten Ausgabe des„Lancet" von einen« Nervenarzt beschrieben wird. Der erste Patient war ein Mädchen von 17 Jahren, Tochter eines Ragelschmiedes, die cines Abends wahrgenonimen hatte, daß sich ihr Gesicht nach einer Seite gezogen hätte und daß sie ihr rechtes Auge nicht schließen könnte. Der Arzt stellte eine fast vollständige rechtsseitige Gesichtslähmung fest. Die Kranke hatte Schmerzen in der rechten Wange, in« Ober- und Unterkiefer auf derselben Seite nnd im rechten Ohr. Nach zwei Monaten war die Lähmung sehr gebessert und verschwand schließlich ganz. Schon damals erfuhr der Arzt, daß eine ältere Schwester der Kranken im Alter von 16 Jahren gleichfalls einen Anfall von Lähmung der rechten Gesichtshälfte erlitten halte und davon in einen« halben Jahre«vieder hergestellt worden war. Eine dritte Schwester kam che«falls im Alter von 17 Jahre«« zu demselben Arzt«nid berichtete, daß sie am Tage vor- her bei der Arbeit einen Stich in der rechten Gcsichtsseite gc- fühlt und daß ihr rechtes Auge heftig gethränt hätte. Auch hier stellte sich eine Lähnumg heraus. Die Kranke klagte, daß sie einen schlechten Geschmack in« Munde hätte»nd das Essen überhaupt nicht schinecken könnte. Auf dem rechten Ohr war eine leichte Taubheit eingetreten. Wieder nach einiger Zeit begab sich ein Bruder dieser Geichwister wegen einer weniger vollständigen, aber gleichfalls rechts- seitigen Gesichtslähinnng in Behandlung. Diese vier Pa«ici«ten lebten in demselben Hause zusanlnien und in derselben Straße wohnte ein Vetter von ihnen, aus dessen Fainilie ebenfalls zivci Mitglieder an Gesichtslähmung erkrankten. Diese Fälle bestätigen den schon von Neuinann gezogenei« Schluß, daß eine sehr starke Neigung zur Gefichtslähinung angeboren sein kann, obgleich eine heftige Erkältung mindestens die eigentlich erregende Ursache der Erkrankung bilden mag. Es ist auch nicht ganz ausgeschlossen, daß in gewissem Grade eine Ansteckung erfolgen kann, da in der an zweiter Stelle erwähnten Familie auch bei den Mitgliedern Gesichtslähmungen vorkamen, die mit der erstem« nicht blutsverwandt waren.— Humoristisches. — Unter den Linden.„Siehste, Heinrich, auf so' ne neu- modische Bank kann keiner von die heutigen Dichter sitzen." „Warum denn««ich?" „Weil er sich nicht„anlehnen" kann!"— — Verfänglich. Er:„Schocksappernicnt, jedesmal, wenn ich arbeiten will, fehlt mir etwas an«««einem Schreibtisch." Sie:„Was denn, Männchen, Tinte, Feder, Bleistift...?" E r:„Unsinn I D e r 51 o r k e n z i e h e r."— („Lust. Blätter".) Notizen. — Mit Kleists P e n t h e s i l e a" wird im Herbst Paul Lindau seine Direktton im Deutschen Theater eröffnen.— — Tiny Senders, bisher a««« Neuen Theater, tritt mit 1. Februar in den Verband des Wiener Burg-TheaterS.— — Im Münchener Gärtnerplatz-Theater fand Marco BrocinerS Schwank„Ehrenbürger" nur mäßigen Beifall.— — S l e V o g t s Gemälde„D' A n d r a d e"(Ehampagnerlied) wurde, durch Verniittelung des Salons Paul Eassirer, an die Stuttgarter Galerie verkauft. Das Bild war erst der Berliner Galerie vorgeschlagen wordei«, eS wurde jedoch von der Kom- nlission abaelehi«t.— — D i e zwölf größten Städte Rußlands sind lant dem letzten amtlichen Ausweis über die Eii«wohnerzahl: St. PeterS- bürg(1 534 000). Moskau(1 173 000), Warschau(756 000), Odessa (449 000), Lodz(351000), Stiew(319 000), Riga(260 000), Charkow (197 000), Baku(179 000), Wilna(162 000), TifliS(190 000) und Taschkent(156 000).—__ Vorwärts Buckdruckerei u.VerlaaSanstaltPaul Singer ö-Co., Berlin SW.