Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 23. Dienstag, den 9. Februar. 1904 LK1 JViobc. (Nachdruck verboten) Roman von Jonas Lie. Enore klemmte das Monocle ins Auge. „Sie gleichen sich doch alle aufs Haar; sie mögen in der Luft bauen oder mit Mauersteinen, schließlich rückt doch stets ein männliches Wesen ein." Und was war das nur einmal mit Berthea, die heute auf der Auktion in Lystad gewesen war? War sie mit diesem Gecken, dem Auktionator Schöllberg, verlobt oder nicht? Oder war Mussi ein Schäfchen, das sich auf eine so verwickelte Sache nicht verstand? Jetzt erblickte er Schulteiß, der aus der Hausthür kam, und rief ihm forciert zu, indem er den Hut lüftete: „Man befindet sich wieder im Familicnheim, diesem moralischen Viehhmis, wo man mit dem Futter der Illusionen groß gezogen und fett gemacht wird— um geschlachtet zu werden, wenn man auf den Weltmarkt kommt— wie? Man bedarf hin und wieder einmal einer kleinen Rekreation von dem täglichen Kampf auf einer Laufbahn, wo man gerade nicht zu laufen scheint," nickte er, während er die Treppe zu ihm hinaufstieg. „Und dann befindet man sich wieder in diesem Niet- und Nagelfesten— nagelfest bis auf die Anschauungen hinab. Oder kann man sich etwas Satanischeres von Betrug vor- stellen als so ein sicher eingehegtes Heim, wo man einhergeht und sich Illusionen über das macht, was man will, und wo man doch dreimal täglich sein gutes Essen und Trinken und des Nachts sein Bett findet. Man kommt in die Welt hinaus, den ganzen Sack voller Arglosigkeit," höhnte er. Im selben Augenblick trat Frau Beute ein, und das Kaffeegeschirr wurde gebracht. „Ich sollte meinen, es sei gut, wenn man nicht zu viel davon einbüßte, Endrc," entgegnete Frau Baarvig:„es ist doch schließlich der unbefangene Glaube, der den Mut auf- recht hält." „Da hör' ich den Hammer schon wieder nageln! Der Glaube an was? Daran, daß es gerecht und gut in der Welt zugeht?" lachte er höhnisch. „Ach ja, man kann Enttäuschungen erleben, aber man hat doch auch schließlich etivas. das einen aufrecht hält." „Nagel und Hammerschlag! Ja, wir sind schrecklich selbstgerecht— hier im Zimmer, besonders wenn wir hier auf unsernr grünen Zweig sitzen. Ich komme heim wie ein be- gossener Pudel nach dieser Kinderlehre: diese unverwüstliche Naivität! Aber die scheint mit dazu zu gehören, unaufhörlich in den Familien produziert zu werden, damit es noch Leute giebt, die sich an der Nase herumführen und übers Ohr hauen lassen. Das scheint so die weise Einrichtung der Natur selber zu sein." „Ich verbitte mir diese Scherze, Endre," wies Frau Beute heftig ab. „Ich schweige ja auch schon, Mutter." „Meinst Du etwa, Ich hätte Euch Kindern während des Heranwachsens ein in moralischer Beziehung schmutziges Heim bereiten sollen? Sprich Dich aus, Endre." „Ach nein, aber so ein wenig Zugluft und Spalten und Risse nach der Schlechtigkeit der Welt hinaus, das hätte nicht schaden können, ein wenig frühe Erfahrungen in Bezug auf diese goldene Gerechtigkeit. Man soll nicht betrügen, nicht hintergehen, wohl aber sich betrügen, sich hintergehen lassen. Doch ich will Deine Idylle nicht stören. Mutter." Endre schlug das eine Bein über das andre und schickte sich an. den Kaffee hinunter zu schlürfen. „Wenn ich nur wüßte, weshalb ich es nicht habe er- reichen können zu debütieren!" begann er abermals heftig. „Jntriguen und Schleichwege, Schmeichelei, Speichelleckerei, Klatsch und Privatinteressen! Hätte ich es nur von Hause aus gelernt, einige dieser Räder in Bewegung zu setzen, ich auch! Sonst— man mag einen Resonanzboden für eireir Shakespeare und einen Goethe haben, mag noch so tiefe Auf- fassung und so viel Gefühl besitzen— kommt da hingegen einer mit einer Adlernase oder einem charakteristischen Kinn oder zwei Augen, die rollen, daß man nur das Weiße sieht— mit andren Worten: ist man keine Coulisse, so wird man der- warfen. Und ist man eine Coulisse, hat man nur das Lächeli; auszustellen, d i e Stimme, um damit zu zittern, dies Greinen, das in der Entfernung gerührt aussieht, so— man mag noch so dumm und leer und hinilos sein:„dem müssen wir Shakespeare geben"—„der inuß Schiller spielen!" Das ist der Mann nach der Gerechtigkeit der Welt— eben weil er eine leere, leere Coulisse ist." �„Wahrlich, Herr Endre, der ewige Kampf zwischen der Schale und dem Geist," bestätigte Schulteiß. „Sonst weiß ich so gut, wie sie aufzufassen wären," fuhr Endre fort.„Ich habe meine großen Zweifel�ob ich nicht im Grunde Kritiker bin. Man empfindet kaum eine solche brennende Indignation, ohne daß ein Beruf dahinter steckt. Die Welt hat es in hohem Grade nötig, zu sehen, was Kritik ist. Und die Stellung würde mit einem Schlage so außer- ordentlich günstig werden, Mutter, so angenehm, so ersprieß- lich, so fett. Statt einer von denen zu sein, die kritisiert werden, eins von den Objekten, würde man plötzlich einer von denen, die kritisieren, die zischen oder klatschen können, ganz nach Belieben, die einen armen Schauspieler mit einem Atem- zug ums Leben bringen können.—- Ja, es ist wirklich nichts »oeiter über das Ganze zu sagen, über den ganzen Schwindel," warf er blasiert hin,„nichts weiter, als daß man die größte Lust bekomnit, zu krepieren. Das Leben hat einen so geringen Wert. Hätte man wenigstens noch etwas von diesem schnöden Mammon, denn dann gleitet alles in dieser rechtschaffenem Welt. Notabene, falls Sie mir überhaupt eine befriedigende Erklärung geben können, Schulteiß, ob es sich wirklich der Mühe verlohnt, einen Willen durchzusetzen? Die Chinesen sagen, das Leben ist zu kurz, als daß es sich verlohnte, sich reich zu sparen." Schulteiß zuckte zusammen. Er saß geistesabwesend da, nur von einem einzigen Gedanken heseclt— dem Wunsch, etwas iiber Minka zu erfahre». „Aber so eingefahren sind lvir init dieser„braven Welt", in der Personen von Geist und Idealität bei Schaftsköpfen petitionieren müssen, daß Leute wie wir beide, Schulteiß, die wir so gründlich zu kurz kommen mit unsrer Ladung von Idealität, nur ziehen, nur ziehen, statt hin und wieder'mal über so eine kleine Dynamitpatrone nachzusinnen, tvie sie Arndt da draußen zu seinem Zeitvertreib gebraucht, hin und wieder von einem gewissen Verlangen ergriffen zu werde», eineiil Zittern, einem Sausen, einer Erregung im Blut— und paff. die ganze Geschichte über den Haufen... Ich meine nur so ein kleines Spiel mit dem Gedanken, Mutter... Das Un- begreifliche, weshalb wir ein gualvolles, verdrehtes, dummes. niederträchtiges Dasein so übertrieben hochschätzen, so das; wir uns förmlich mit den Nägeln daran festklammern, während nur ein kleiner Schlag aus das Zündhütchen in der Patrone uns von dem Ganzen befreien, die Thür sprengen kann, die vielleicht zu einer größeren Schaubühne führt als wie diese, deren wir so griindlich überdrüssig sind, jgin stolzer Geist wirft—" „Ein stolzer Geist führt nicht dergleichen widerliche, jämmerliche Reden, Endre," rief Frau Baarvig aus.„Tri mußt es nicht übel nehmen, daß ich es sage? giebt es aber jemand, in dessen Hand ich das Dynamit ruhig legen würde, ohne etwas Weiteres zu befürchten als Deklamationen und Wortgeklingel, so bist Du es"— empört nahm sie das Kaffee- brett lind verließ das Zimmer. „Herr Endre— verzeihen Sie— Ihr Fräulein Schwester," beugte sich Schulteiß vor,„wie— darf ich mir die Frage erlauben— wie—" „Kann Sie grüßen, Schulteiß, kann Sie von ihr grüßen... Ja, ja." sagte er lang gezogen,„neue Bahnen, wissen Sie— etwas, was von Natur in sie gelegt ist. Lassen Sie die Sache aber unter uns bleiben, Schulteiß! Man fand sie neulich) in einem hypnotischen Schlaf. Ahnte hinterher nichts davon. Sonderbar! Sie ist ei» bebender Nervenstrang, sieht sich zliweilen in doppelter Gestalt. Sie hat ein nicht ge- ringes Aufsehen in der Stadt erregt. Man spricht Davon, daß Finsland ein ganzes psychologisches Stlidiurn an ihr ge- macht hat, daß er sie als Hauptperson l» einer dramatischen Dichtung verwenden will." Schulteiß' Antlitz verklärte sich plötzlich. „HZchst, höchst interessant l Gegenstand der kühlen Re- flexian eines Dichters, tritt nur inspirierend als Seele in sein Werk— giebt sich aber nicht hin, giebt sich aber nicht hin— ist eine freie Kraft, ist sich ihrer Persönlichkeit bettnißt! Wahrlich, ein Resultat!" Der Doktor befand sich auf dem Heimweg von seiner Praxis. Er hatte Armenbesuche gemacht auf langen, beschwer- lichen Nebenwegen und saß nun, als der Tag zur Neige ging, wieder in seinem Karriol, gemächlich die breite Landstraße dahin rollend. Seit langer Zeit hatte er sich nicht so leicht und stark gefühlt, war er nicht auf einem alten, stoßenden Gaul zwei Meilen da drinnen im Walde geritten und hatte die letzte hügelige, unwegsame Viertelmeile zu Fuß zurückgelegt, als fei es nichts. Schneidig, zwanzig Jahre in den Beinen! Er steckte die Hand in die Brusttasche, wo sein Taschenbuch lag, und fühlte danach... Er hatte diese Bewegung heute wieder und wieder ge- macht, seit ihn Kjel am Morgen oben am Wege unterhalb des Sägewerkes angehalten und ihm sein Papier gebracht hatte: das auf dem Board Baarvig stand und das ihn so viele ver- zweifelte Stunden gekostet hatte: um alles in der Welt wollte er die nicht noch einmal durchleben. Er fühlte, wie er daran gealtert hatte, daß er krepiert sein würde, wenn nicht endlich die Erlösung gekommen wäre. Aber nun lag es wohl ver- wahrt dort. Unwillkürlich fühlte er noch einmal nach der Brusttasche. Das war doch wirklich prächtig von Kjel? ... Es war ihm, als habe er diese ganze Zeit hindurch keine rechte Ruhe Zum Denken gehabt; eingeschüchtert, ab- gehetzt vor Angst war er umher gegangen, hatte daheim im Grunde alles gehen lassen, wie es ging, nur um diese! einen willen. Potztausend, wie wollte er Beute heute begrüßen! Dos Karriol r ollte so bequem, einschläfernd auf dem ebenen Wege dahin. Er hatte zu viel um die Ohren gehabt mit allen möglichen Leuten und Patienten und Strapazen, um sich so richtig in die Situation hinein zu versetzen, sie zu begreifen, zu genießen. „Ach ja"— er atmete mit einem gewissen Wohlbehagen auf—„mir ist wirklich zu Mute, als sei ich wieder der alte Baarvig... Die häuslichen Angelegenheiten müssen Hand- fester angegriffen werden. Es ist in der letzten Zeit keine rechte Kontrolle über Berthea und Miuka geführt worden; es wird die höchste Zeit, daß man ein wenig an die Zu- kunft denkt. „Und Endre treibt sich wieder zu Hause herum. So ein nervöses, krankhaftes Sichselbstbeschaiiyn mit verschrobenen Reflexionen, sein eignes, höchst sonderbares Ich in bengalischer Beleuchtung: man kann ihn nicht dazu bringen, irgend eine Arbeit gewissenhaft auszuführen. „Die Sache ist: er taugt zu nichts, ist ganz unmöglich, sobald nur von anhaltender, pflichtgctrcucr Arbeit die Rede ist. „Hätte natürlich im Heranwachsen scharf genommen werden müssen. Eine Dekomposition oder Verbrennung der Willenskraft, bis die Fähigkeit zu handeln schließlich durch die reine, bloße Vorstellung ersetzt wird— und jegliche Arbeit wird ihm unleidlich. „Und dann bekommen sie diese heiligen Gefühle, die ge- pflegt werden müssen, fühlen sich berufen," murmelte er nach einer Weile bitter.„Den Teufel auch, lange Jahre hindurch geduldig arbeiten, bei den Büchern oder bei dem Spaten und dem Pflug, oder Schwielen von der Holzaxt bekommen, wenn man statt dessen auf einem Hügel stehen und groß thun und von sich, von seinem eignen interessanten Ich reden kann... „Man hat das Gefühl von etwas Anormalem, Nebel- haftem. Absolut eine ganz allgemeine Schwächung des Ge- Hirns heutzutage, die in allerlei Nervenkrankheiten e�isartet. ,.... Hätte wohl Lust, wieder jung zu sein und mich der Sache zu widmen, sie gründlich klar zu legen. Wahr- scheinlich eine Folge davon, daß während der Lebzeit unsres Geschlechts eine so überwältigende Menge eingreifender Er- findungen und Entdeckungen gemacht sind, daß das Gehirn nicht im stände ist, sie aufzunehmen und zu verdauen. Die Konsequenzen jeder einzelnen, so weit reichenden verändern in dem Maße die Möglichkeiten und Begriffe, daß erst eine kommende Generation und vielleicht erst die darauf kommende, die in der neuen Civilisation geboren ist, fähig sein wird, sie sich einzuverleiben. Wenn wir plötzlich eine tägliche Post- Verbindung mit dem Mars bekämen, so würden wir nicht länger als eine halbe Stunde darüber staunen und uns nach Verlauf einer Woche daran gewöhnt haben. Wir haben keine Zeit, uns die Folgen auszumalen, denn schon erfolgt ein neuer Stoß auf das Gehirn, eine ganz neue Kulturepoche, die wie ein Bergrutsch über die Menschheit hereinbricht." Der Doktor fuhr und stlhr, während seine Ideen mit einem Hauch des jugendlichen Ehrgeizes, der aus der Zeit stammte, als die Rede davon war, ob er die Universitäts» carriere einschlagen sollte, über den wissenschaftlichen Aufgaben schwebten, die gerade in der Jetztzeit seinem Fach den ersten Platz anwiesen. Ein einsamer, rötlicher Stern über den Waldesgipfeln verflocht sich in seinen Gedankengang. Er konnte kaum die Zaunpfähle an der Seite des Weges erkennen. Hin und wieder wurde er angerufen, mußte halten und vorsichtig einem Fuder Holz ausbiegen, das durch die Finsternis dahin knarrte und zur Bahn sollte. Er kam auf den langen, sandigen Höhenrücken hinaus und Peitschte nun drauf los. Der Braune kannte die Strecke, die er in scharfem Trabe nehmen mußte, nachdem sein Herr so lange Geduld geübt halte, und lief mit einem Anlauf die steile Anhöhe hinan, von der man eine Aussicht auf den Tottorhügcl hatte. (Fortsetzung folgt.)j Hus dem l�ulMeben. Es würde sich lohnen, daß einmal ein Vertreter der Kunsilvisscn- schaft und ein Vertreter der Volkswirtschaft sich znsauimcnthätcn, und zwei Erscheinungen von einander abgrenzten, die für manchm in eins zu fallen scheinen: den künstlerischen Wert einer Leistung und ihren Marktwert. Sie stehen keineswegs, wie ein Optimist an- nehmen könnte, in gerader Proportion, aber auch nicht, wie ein Pessimist annehmen möchte, in umgekehrter Proportion zu einander. Manchmal gehen sie wirklich Hand in Hand; manchmal stehen sie einander völlig entgegen; meistens aber findet ein ganz verwickeltes Verhältnis zwischen ihnen statt. Nicht bald ist uns diese Sachlage so klar geworden, wie bei den verschiedenen Erfolgen, den einige junge Geigenkünstler der letzten Mustkzcit errungen haben. Der kleine Geiger Veczey hat durch seine thatsächlich sehr große, wenn auch noch lange nicht über alle Kritik erhobene Kunst beim Publikum solche Erfolge gehabt, daß es geradezu schon schwer war, ihn zu hören, und zwar bedurfte es dazu anscheinend gar keiner äußeren Hilfe. Während nun sozusagen alle Welt toll mit diesem Jungen war, zog eine andre Erscheinung fast völlig un- bemcrlt cm uns vorüber, die doch mindestens ebensoviel, wenn nicht noch mehr Anerkennung verdienen würde. Es ist dies die Onarkett- gcsellschaft des Herrn S t e i n d e l aus Stuttgart mit seinen drei im jugendlichsten Alter stehenden Söhnen. Von der Kritik und von sonstigen Fachleuten aufs beste anerkannt, hat diese Gesellschaft doch nicht im entferntesten de« Erfolg jenes Sologeigers erlangt; und sie hat anscheinend noch mit all den Schwierigkeiten der An- künbigung usw. zu kämpfen, die dem bloßen, noch nicht durch den Marktwert ergänzten Kunstwerk bcschieden sind. Die Steindels spielen hier noch dazu in dem akustisch und social ungünstigsten Saal, dem Oberlichtsaal der Philharmouic. Wir hatten leider ihre ersten Abende versäumt und konnten erst den vor kurzem statt- gefundenen dritten anhören. Ter älteste der Knaben, Bruno, spielt Klavier, der zweite. Mar, Eello, der dritte, Albin, Violine, und Vater Steindel spielt Bratsche. Vor allem fällt eine Erscheinung auf, die wenigstens wir noch bei keiner Kamytermusik-Gesellschaft bemerkt haben: die drei Jungen spielen alles auswendig, während sonst das Auswcndigspiclcn eine Sololcistung zu verblcÜien pflegt. Schon diese Art des Spieles zeugt von der gediegenen musikalischen Bildung, die der Vater, anscheinend der einzige musikalische Lehrer seiner Kinder, ihnen gegeben hat. Und nun die Hauptsache: das Spiel ist thatsächlich so künstlerisch, daß es sich wohl mit jeder be- stehenden Kammcrmusik-Leistung messen kann und den allermeisten, namentlich an Genauigkeit, Feinheit und Milde, überlegen ist. Allerdings können wir auch hier«ine Klage nicht unterdrücken, die wir schon oft vorgebracht haben, und mit der wir uns weniger gegen die Steindels, als gegen die derzeit noch übliche Auffassung der musikalischen Vortragsaufgabe wenden. Es wird wirklich gar zu zart. sogar zu weich gespielt; die Konturen treten nicht fest genug, die Accente nicht scharf genug hervor. Bruno Steindel, der Klavier- spieler, zeigt, wie hier sehr bewußte Absicht waltet: sein Solospicl ist markiger als seine Teilnahme am Kammermusik- Spiel. Wir meinen, es walte hier ein Mißverständnis über den Wert der Unter- ordnung im Zusammenspiel. Unterordnen heißt nicht: zurück- treten, sondern: zurücktreten und hervortreten, wann eben jedes der beiden nach dem Zusammenhange nötig ist. Unter jenen Um- ständen kommen bei Steindel weichere Stticke, wie namentlich die langsameren Sätze, besser heraus als die prägnanteren, namentlich als die verschiedenen Scherzi. Das alles hindert natürlich nicht, daß wir von einer geradezu entzückenden Erinnerung an diese Ein- drücke sprechen und die wackere bescheidene Gesellschaft der Auf- merksamkcit nicht nur engerer, sondern auch der weitesten Kreise von Kunstfreunden empfehlen können. Ein Beweis für unsre Meinung von dem Ueberwiegcn eines allzu lveichen und accentarmcn Vortrages bei der größten künstleri- schen Feinheit und Milde ist auch eine Künstlerin, über die wir uns schon mehrmals geäußert haben, und die uns doch immer wieder dazu drängt, über sie einige Worte zu sagen: dir berühmte Sängerin Lilli Lehmann. Ihr nculicher, für diesmal letzter Lieder- abend, bot nur Gesänge von Schubert. Zarte, nicht zu große Linien führende Gesänge, also beispielsweise„Die Sterne", gelingen ihr so gut, daß man an dieser ruhigen und doch herzcnswarmen Vor- nehmheit, welche die Künstlerin entfaltet, im wahren Sinne des Wortes seine Herzensfreude haben kann. Obwohl ihr schwierigere Aufgaben in der Höhe der Tonlage manchmal nur mehr etwas mühsam gelingen, verfügt sie dennoch über eine mustergültige Technik. Am meisten fiel uns wieder ihre Herrschaft über die verschiedenen Klangfarben auf, mit denen sie verschiedene Empfindungen äußern kann. So verstand sie es zum Beispiel, im„Erlkönig" die Stimmen des Königs und seiner Töchter anscheinend tonlos, wie aus einer andren Welt, und thatsächkich mit einem so musterhaften Ton zu singen, daß man nicht bald wieder einen solchen Eindruck im gesamten und im einzelnen verzeichnen kann. Lieder jedoch, wie das ins Große gehende„Tie Allmacht" und hinwieder das ganz zarte „Tu bist die Ruh'" lassen doch die Kunst der Sängerin als merllich beschränkt erscheinen, zumal wenn ein Lied, wie das letztgenannte, wiederholt wird; dann wirkt die Beschränkung ans technisch guten Gesang und auf eine innige Herzenswärmc, die in den Vortrag hineingelegt wird, schließlich doch geradezu etwas langweilig. In all dem sehen wir den Kampf zwischen älteren und neueren Auffassungen der Kunst, wenn nicht toben, so doch leise sich kündigen. Seit�einigcr Zeit entfaltet sich auf dem Gebiete des Mäimergesaiigcs der Streit um alte und neue Kunst, und bekanntlich wird mit großem Eifer das schlichte Volkslied gegen das reiche Kunstlied ausgespielt. Vor uns liegt eine Broschüre, von Adolf Prümers, Musik- direktor in Münster, betitelt:„Sikcher oder Hegar? Ein Wort über den deutschen Männergesang und seine Litteratnr".(Leipzig 1903, Hermann Seemann Nachfolger.) Die Brofchüre schlägt im allgemeinen den richtigen Weg ein, zeigt aber, ivieviel nötig ist, um in diesen Dingen über eigensinnige Feindschaft oder bloße freundliche Ausgleichung hinwegzukommen. Mit Recht wendet sich der Verfasser gegen unechte Volklieder, gegen die Versimpelung der Männcrchor- Lirteratur. gegen die Liedertafel- Musik, gegen die Schmachtlappen-Fabrikate: er bedauert, daß der übermäßigen Be- geisterung für das Volkslied leider eine Unierschätzung des Kunstliedes gegenüber steht, die sich nicht ganz rechtfertigen läßt.„Das Kunstlied muß Kunstlied bleiben, es darf nicht im Volkslied auf- gehen." Und neben dieser richtigen Ansicht finden wir nun Ausfälle gegen die moderne„cffekthafcherische Komposttionsmanier", die bezeugen. was wir gesagt haben. Der Verfasser nennt den„Erlkönig" von Schubert ein abschreckendes Beispiel dafür:„Die Ängstschreie des von: Erlkönig verfolgten Kiindcs klingen wie gräßliche Fieber- Phantasien, der Vater des Kindes dagegen verfügt über ein er- jtaunlichcs Maß von philisterhaftem Phlegma, und Erlkönig ist geil vor Liebe— zu einem Knaben!" Man könnte Schuberts Kunst kaum besser würdigen, als es hier zu lesen ist. zumal tvenn man das Lied in einer solchen Interpretation gehört hat. wie lvir im vorigen rine angeführt haben. Der Verfasser stellt den Komponisten des bekannte» Volksliedes„Ich weiß nicht, was soll eS bedeuten", und den bekannten, kunstvollen, aber lange nicht extrem modernen Hegar einander so gegenüber, daß er die Vorteile beider vereinigt wünscht. „Dem Volksliede muß ein Hegar erstehen, dem Kunstliedc ein Silcher; beide vereint werden das deutsche Lied zu dem vollendetsten Kunstwerke erheben, wie es die deutsche Nation sich erhofft." Noch von einer Seite her werden wir in der jüngsten Zeit an den Kampf zwischen altem und neuem erinnert. Nachdem schon seit einigen Jahrzehnten in der Kirchenmusik eine konscrvatwe Richtung, der sogenannte„Eäcilianismus", in ähnlicher Weise für Rückkehr zu älterer Kirchenmusik eingetreten ist, wie in der bildenden Kunst zu Gunsten der mittelalterlichen Stile eingetreten wird, hat der gegen- wärtige Papst eine eingehende Ankündigung seiner Reformidccn er- lassen. Es ist nicht nötig, an Stelle dieses Wortes.Reformideen" das Wort„Reaktionsideen" zu setzen. Diese Sache ist nämlich nicht so einfach, daß wir sie mit einer Entrüstung über ein Zurück- schrauben abtun könnten. Vor allem scheint die Kirchenmusik in eine Schleudern hineingeraten zu sein, die tatsächlich ein reformieren- des Dreinfahren verlangt: und was Deutsche, wie der am Schluß unsrcr Betrachtungen zu nennende Mann, aus Italien erzählen, spricht wahrlich für alles andre eher, als für ein Zurückbleiben deutscher Tonkunst hinter italienischer. Dies ist der eine Punkt in jenen päpstlichen Bestrebungen. Zweiten s kann man keiner Institution verdenken, daß sie ihre Angelegenheiten nach eignem Gutdünken ordnet; und eine aufmerksame Betrachtung kunstgeschicht- licher Verhältnisse zeigt in dieser bildlichen lvie in der tönenden Kunst eine wesentliche Verschiedenheit zwischen der bloßen Behandlung religiöser Swfse mit weltlicher Busfassnng, und einer aus internen Interessen hervorgehenden religiösen Kunst. Anders aber steht es drittens mit dem in jenen Bestrebungen vor- liegenden Versuch, die Entlvickluug zurückzuschrauben. Wenn man sich in der bildenden Zkunst gegen eine Streichung dessen wehren darf. was die Kirche selber seit Jahrhunderten geschaffen und bekundet hat. so gebührt zwar auch hier alle Achtung den Bestrebungen, die sich z. B. in der Zusammenberufung eines kirchenmusikalischen Kongresses auf Ostern nach Rom kundtun; allein das 6. und l6. Jahr- hundert sind eben nicht das Ende alles Könnens, von der Aus- schlietzung weiblicher Stimmen aus der Kirche wollen wir gar nicht sprechen. Wohl aber bekümmert uns, daß auch von dieser Seite wieder die Vokalmusik als die einzig richtige Tonkunst und die. Jnstrumcntalkunst als etwas Minderwertiges aufgefaßt wird. In' Berlin hat im 19. Jahrhundert ein Mann gewirkt, Eduard August Grell(1399— 1886), langjähriger Dirigent der Sing- akademie, der vielleicht schärfste Gegner der Jnstrumentalmustk als eines Verfalles der reinen Kunst. Bon einem solchen Manne find allerdings um so mehr Verdienste für die von ihm bevorzugte Kunst- gattnng zu erwarten. Und daß diese Verdienste Grells nachwirken, zeigte uns allerdings ein Konzert mit Bortrag:„Chorgesang in dritthalb Jahrtausenden", von Professor Theodor Krause. Er ist der Begründer der(nur aus Männern und Knaben bestehen- den) Kirchenchöre der Nikolai- und der Marienkirche. Sein Vor» trag hat mit der Unterstützung seiner Sänger uns thatsächlich eine so interessante llebcrschau über die Entwicklung der Chormusik seit den alten Griechen gegeben, daß wir gerne noch dabei verweilen. Auch manche etlvaS gravitätische Abschlvetfungen des würdigen alten Herrn könnte man in de.n Kauf nehmen, obschon au ihrer Stell« nähere historische Erläuterungen erwünscht gewesen wären. Aus- gehend von einer Erinnerung an den größten Musiker, den Berlin nach seiner Meinung hervorgebracht, und dem es noch immer keinen Straßennamen gewidmet hat, nämlich an Grell, ließ uns der Bor- tragende einen griechischen, mehrere mittelalterliche und einige neuere Chorgcsänge hören. Am auffälligsten war wohl das Beispiel von H n c b a l d aus dem 9. Jahrhundert, einer Zeit, in welcher die Mehrstimmigkeit nur erst in der allerprimitivsten Weis« angefangen hatte. Wir hörten die viel verrufenen, schauderhaften Gesänge in parallelen Quinten und Oktaven; es schien uns nicht schwer, auch dem eine Vernunft abzugewinnen, sobald wir nicht mehr mit der Erinnerung an das uns geläufige zuhörten. Ucbcrraschend schön klang ein Beispiel aus der Zeit der künstlichsten mittelalterlichen Kunst von G. Dnfay(16. Jahrhundert). Dann kam das alte Volkslied:„JnSbrnck, ich muß dich lassen", aus dem später der Choral wurde:„O Welt ich muß dich lassen". Von G. Fr. Händel an fühlten wir uns auf modernem Boden. Gerne nahmen wir unier den abschlicßndcn Stücken auch einige volksliedartige Gesänge des Vortragenden selber entgegen, namentlich ein schlichtes und doch kunstvolles„Herbstlied für Kinder". In der Anpassung an das Wort stehen wir hier allerdings noch bei ziemlich konservativen Gepflogen- heitcn. Ueberraschend weich klangen, was sonst so selten ist. die von Professor Krause gezogenen Knabenstimmen. Ihnen und eben jener großen Künstlerin Lilli Lehmann ist aber noch eines gemein, das die(Üesangskunst früherer Jahrzehnte von der heutigen sehr merklich unterscheidet: die allzu große Weichheit in der Aussprache der Konso- uanten. Unsre heutigen Betrachtungen haben vielleicht von selber etwas gezeigt, das in diesen Dingen leicht übersehen wird: daß nämlich der Kampf zwischen altem und neuem nichts weniger als ein Kampf zwischen zwei Parteien ist, sondern sich aus einer Fülle von Gegen- sätzen und Uebereinstimmungen zusammensetzt, die eben gekannt und nicht bloß durch den Haß gegen das eine oder das andre erledigt sein wollen.— sz. kleines feuilleton. — Ein Bogeliuörder. Zur Lebensweise unsres Eichhörnchens hat ein jüngerer westfälischer Naturforscher, Paul Wemer. zahlreiche Beobachtungen zusammengetragen, die manches Neue bringen. Wcmer unterscheidet drei Nestarteu: 1. Zuflnchts- oder Lustnester, in den äußersten Zweigen von Birken, Eichen, Buchen ec. aus Laub mit etwas Moospolsterung erbaut; sie dienen, ihrem Namen gemäß, nur zu vorübergehendem Anfenthalt. 2. Notncster, in den Astgabeln der Kiefern, Fichten und Eichel:; sie sind fester gebaut und dienen zur Ausnahme der Jungen, wenn das Hauptnest in Gefahr erscheint. (Zuweilen schleppen die Eltern ihre Jungen in der Not auch in die Nester von Eichelhähern, Krähen, Bussarden.) 3. Hauptnester, fest erbaut und in Astgabeln an den Stamm geschmiegt, so daß das Nest auch bei Sturm möglichst wenig erschüttert wird, oder in hohlen Bäumen oder auch wohl auf der Erde im Heidekraut, überdeckt von einem Kieseruzweige. Mehrfach entdeckte Wemer Hauptnester, die durch eine Zwischenwand in zwei Kammern geteilt waren und in dieser Wand ein mit einer aus Moos und Laub verfertigten Klappe geschlossenes Loch besaßen. I» solchen Nester:: fand Wemer mehrmals die Federn von gcrlchften Meisen und Goldhähnchen, und da er diese Vögel lviederholt ihre Nachtruhe in Eichhörnchcimestern hatte aussuchen sehen, so stieg in ihm der Verdacht auf, daß das Eichhörnchen der Mörder seiner Gäste sei. Bei weiteren Beobachtungen gelang es in verschiedenen Fälle«:, das Eich- Horn auf frischer That zu ertappen. Dasselbe lauert in der Nähe oder in der zweiten Kammer des Fangnestes, bis die Vögel m der Dämmerung in das Nest schlüpfe» und überfällt dieselben dann plötzlich. Um sich ein möglichst sicheres Bild von dem Umfange dieser Mördereien zu machen, untersuchte Wem« den Mageninhalt von Sö Eichhörnchen; in S7 Fällen fand er die Reste von Vögeln.— („Die Unischan".) Theater. Berliner Theater.„Stella und Antonie", Schauspiel in vier Akten von Otto Julius Bierbaum.— Bierbamn, der Lyriker und Erzähler, fand mit seinem dramatischen Erstling— das unglückliche Kindcrmärchenspiel, das mir den„Lebenden Liedern" in der Ueberbrettl-Zeit über die Trianonbühne ging, ist billig nicht zu zählen,— eine sehr freundliche Aufnahme. Der Schlustakt brachte freilich eine arge Enttäuschung, nicht nur weil die dramatische Rech- nung nicht aufging, sondern weil sich da zeigte, daß eine solche gar nicht einmal angelegt war. Der Stella, die als Gegenpol Antoniens gedacht ist, fehlt, um zu wirke», jede individuellere Eharakteristik, sie bleibt ein Schema ohne Blut und Leben, das ganz äusterlich benutzt wird, der Liebesepisode Antoniens und Christians zu einer Art Theaterabschlust zu verhelfen. Aber wenn sie auch nicht zum Draina sich runden, in de» einzelnen Scenen ist viel Anmutig- Unterhaltsames, Stimmungsvoll- Farbiges, ein interessantes ab- wechslungsreichcs Anschlagen von Empfindungs- und Gedankenreihcn, und die Figur Antoniens fesselt, ungeachtet mancher gewagten Uli- Wahrscheinlichkeit, durch ihre psychologische Zeichnung. Auch das Rokokokostüin— Bierbaum verlegt sein Stück in den Beginn des achtzehnten Jahrhunderts— stimmt sehr ivohl zu den Impressionen, um die eS dem Dichter zu thun war. Nicht nur Stellas Gesang und Tanz, das Lyrische, Bildhafte, die lose Fügung erinnert an die Tendenzen, die Bierbaum mit seiner Idee der lebenden Bilder vertrat. Christian, der Führer einer wandernden Schauspielertruppe, soll zur Verlobnngsfeier der Comtesse Antonie als Apollo einen Huldigungsprolog improvisieren. Mit blutendem Herzen, das Auge zu Boden geschlagen, beginnt er. Er denkt, er sieht, er fühlt nichts andres als innner nur das eine: Stellas, der über alles Geliebten, schmählichen Verrat. Um eines widerwärtigen Burschen willen, ist ihm sein junges Weib davon gelausen. Moquaitt spottend unter- bricht Antonie den Flug seiner Verse. Wenn der Poet sie feiern wolle, müsse er sie doch zum mindesten auch ansehen. Geblendet von den: Glänze ihrer Schönheit, erhebt sich sein Gedicht zum höchsten Schwung, um dann jählings abzubrechen. Die Gedanken verwirren sich. Antonie scheint ihm Stella und mit einem gellen Aufschrei stürzt er auf sie los, sie zu erdrosseln. Gefesselt wird er abgeführt. Antonie träunit von ihm. Zum erstenmal in ibreni Leben hat sie ein Hauch der wilden Leidenschaft gestreift. Welche ein Abstand zwischen den konventionell-wohltemperierten faden Gefühlen ihres gräflichen Bräutigains und dem verzehrenden Feuer, das in der Brust jenes Unglücklichen lodert I Ein Trieb, auch diese Sensation zu kosten, halb Neugier, halb Neid und Sehnsucht erwacht in dem perversen und verwöhnten Dämchen. Erst freut sie sich, daß sie den Fremden unter Peitschenhieben, die ihm als Strafe des Uebersalles zudiktiert sind, schreien hören wird. Dann im letzten Augenblick gebietet sie Einhalt. Man soll ihn vor sie führen. Ihr Plan ist gefaßt. Christian in seinem zerrissenen Wamse spricht wie einer der Helden aus der Sturm- und Drangperiode. Was seid ihr mit euren zierlichen Manieren, bunten Lügen und mit Gold be- pinselter Moral für ein bettelarmes, naturcntfremdetes Geschlecht. Doch Stella war— Natur—„ein Weib, nichts weiter, ein Kind, nichts weiter. Nichts, nichts als gebende, nehmende Natur, in jedcin Augenblicke ganz und rein wie ein schönes wildes Tier". Aber mit sanfter Gewalt, mitleidig, bewundernd und doch voll berechnender Koketterie, weiß Antonie den Wildling für sich einznfangen Christian, machtlos gegen solche Waffen, neue Liebe im fierzeir, unterwirft sich ihrer Schule und zieht gelehrig, um bei ihr leiben zu dürfen, die Lakaienlivree an. So meisterlick. lvie Fräulein Ida Roland hier spielte, machte diese Scene, der Höhepunkt des Schauspiels, großen Eindruck. Die Komtesse freut sich ihres heimlichen Abenteuers und all der kleinen listigen Jntrigucn, die sie daran knüpft. Es reizt sie, Christians Stolz und Trotz immer von neuem zu brechen. Da erscheint in der Gesellschaft, als Harfen- sängerin verkleidet, Stella; und die Kointesse selbst aus Christians Erregung den Zusammenhang erratend, neugierig auf den Ausgang eines solchen Erperiments, heißt sie, ihre Liebeslieder singen. Stella, dir Landstrcicherin, die Wildkatze, siegt in dem Wettkampf. Wie sie werbend vor ihm singt und tanzt, reißt Christian sich die Livree vom Leibe und stürmt mit seinen, jungen Weibe davon. Der Schluß fällt, wie bereits gesagt, ganz aus dein Rahmen. Stella, zufrieden, ihren Mann zurückerobert zu haben, charinicrt wieder mit aller Welt, und Christian sucht Trost im Trünke. Auf der Hochzeitsreise trifft das gräfliche Paar mit dem Schauspieler- trupp zusammen. Wütend geht Stella auf die verhaßte Neben- buhlcrin los, die sie mit kalter Verachtung abweist. Christian wirft sich vor Antonie auf die 5t»ie und stößt, als sie mit einem Blick des Ekels sich von ihm wendet, das Messer in seine Brust. Die Aufführung im Berliner Theater war sorgsam vorbereitet. Eine bessere Darstellung als die durch Fräulein Ida Roland hätte die Hauptrolle gar nicht finden können. Wie viel Kunst steckte da allein schon in dem stummen Mienenspiel. Herr Mischte vermochte aus dem Christian fteilich keinen lebendigen Menschen zu machen, was wohl überhaupt schwer möglich wäre, aber er beriilied, und das will viel bei dieser Figur sagen, alles Störende. Mit der Stella wußte Fräulein B a r d y wenig anzufangen. In den Neben« rollen erfreute manche tüchtige Leistung.— dt. Freie Volksbühne(im Metropol-Thcater):„ M e d e a � Ein Trauerspiel in vier Akten von Franz Grillparze r.— Das Erscheinungsjahr der„Sappho", 1819. ist zugleich das Jahr der Entstehung dieser Tragödie, welche den Schlußstein der großartigen Trilogie„Da? goldene VlieS" bildet und mit letzterer. 1821 am Wiener Burgtheater ihre erste Aufführuirg erlebte. Fraglos ist die„Medea" der dramatisch wirksaniste Teil des Ganzen, weshalb sie, zum Schaden für das Verständnis des Kunstwerks, ge- wöhnlich allein gegeben wird. So läßt eS sich denn wohl auch begreifen, warum am letzten Sonntag der ganze herrliche erste Akt beinahe ohne jede tiefere Wirkung vorüberging. Freilich mag es nicht jedem Zuschauer gegeben sein, sich gleich ,n die uns immerhin so ungeheuer ferne Zeit Altgriechenlands und in den Stil der klassiischen Dichtung mit allen Sinnen hineinzuvcrsenken. Denn ob- wohl Grillparzcr die Gestalten des Dramas in vollster Menschlichkeit vor uns reden und haildeln läßt, so hat er sie doch über uns er- hoben in jene Regionen, in denen das große außerhalb des Menschlichen thronende Schicksal waltet. Dies sind aber auch gleichzeitig die Linien, in welchen sich die Darstellung bewegen muß. Daher steigen die Anforderungen an die Künstlerschaft der Mitwirkenden auf ein ungewöhnliches Maß, das zu erreichen den wenigsten Schauspielern gelingt, desto schwerer gelingt, je weniger sie Gelegenheit fanden, den klassischen Darslellungsstil mit ihrem innerlichsten Wesen zu verschmelzen. Für die Auffassung der Grillparzerschen„Medea" haben Charlotte Wolter und neben ihr Klara Zicgler ebenso bewunderungswürdige als bisher unerreichbar gebliebene Vorbilder geschaffen. Franziska D a s s o w bewegte sich, ihnen nacheifernd, im ganzen genommen in jenen Linien, welche die große Tragik ahnen ließen. Sie verfügt unleugbar über die schauspielerischen und sprachlichen Mittel, um ergreifend-tragische Momente zu erzeugen. Jin Bestreben einer überzeugenden Nüanciernng der seelischen Vorgänge, die alle Handlungen menschlich rechtfertigen, ließ die Darstellerin diesnial doch noch die vermittelnden Uebergänge vermissen und war zum Schluffe hin weniger hoheitsvoll, als pathetisch. Trotzdem kann ihre Darstellung als eine sebr achtbare Leistung angesehen werden. Josef Klei n stellte den Jason mit viel Fleig und Liebe hin und erhob sich in einigen Scenen zu eindringlicher Kraft der Charakteristik, an der es ihm jedoch im übrigen bei dieser zwischen Haß und„glattsinnigcr" Schurkerei, unmännlicher Unentschlossenheit und Feigheit pendelnden Rolle gebrach. Elsa Kardaetz, annehmbar hinsichtlich ihrer Erscheinung, ließ in Spiel und Rede die überführende Wärme vcr- missen. Georgine Sobjeska brachte in ihrer Gora das barbarische Element zur Geltung. Wenig mochte Gustav Baurepaire als Kreon über einige Unsicherheit hinwegzu- täuschen; noch weniger konnte der Herold Alfred E i n i ck e s be- friedigen. Medeas Kinder fanden in L o t t ch e n und K l ä r ch e n HermeS rührende Vertreter.— s. k. Humoristisches. — Beinahe. Gendarm(der auf dem Amtsburean soeben einen Arrestanten, den er eingefangen, gemessen hat):„Beinah' hätten wir den Kerl erwischt, auf dessen Verhaftung tausend Mark Belohnung ausgesetzt sind! ,. Es fehlen nur noch fünf C e n t i m e t e r dran I"— („Fliegende Blätter".) Notizen. — Der Akademisch- Litterarische Verein plant eine Aufführung der S o p h o k l e i s ch e n„Elektro" in der Wilbrandtschen Uebersetzung.— —„Interview", ein neues Stück von Octave Mir- b e a u. geht dieser Tage ersttnalig im Pariser Theater Grand Guignol rn Scene.— — Der Verlag u n d Vertrieb des Theaters an der Wien für musikalische Bühnenwerke schreibt zwei Preise<3lXX1 und 2000 Kronen) für dreiaktige Operetten» texte aus. Die mit der Schreibmaschine geschriebenen Texte sind bis zum 1. September dieses Jahres einzureichen. Die Preis- Verteilung findet am 1. Januar 1905 statt.— — Etwas ganz Neues. In der letzten Sitzung der Thcaterkonnnission in Baden(Niederöstreich) wurde, wie die Wiener „Zeit" berichtet, der Beschluß gefaßt, dem Direktor des Stadttheaters für das jedesmalige Auftreten eines beim Publikum mißliebigen Mitgliedes ein Pönale von vierzig Kronen aufzuerlegen.— c. Die billigsten Theatervorstellungen hat Japan, von dessen Theatern viele noch ganz im alten Stil ge- leitet werden. Sie sind von 9 Uhr morgens bis 7 oder 8 Uhr abends geöffnet, und es wird die ganze Zeit über gespielt. Der Eintrittspreis bettägt nur 4 Pf. nach unsrem Gclde; dafür hat man das Recht, den ganzen Tag zu bleiben.— Berantwortl. Redakteur: Julius Kaliski« Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckern u. VerlagsaustaltPaul Singer LcCo., Berlin 2 W.