Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 29. Mittwoch, den 10. Februar. 1904 201 l�siobe. (Nachdruck verboten.) Noiiian von Jonas L i c. Oben ans derHöhe sah derDoktorLicht vonElvsät herüber- schimmern, und über dem Sägewerk lag ein bleicher, mond- artiger Schein. Heute konnte er zum erstenmal seit einem Jahr durch das Sägewerk fahren und sich wieder als Mensch fühlen. „Du hast nichts damit zu lhun, Baarvig, nicht das geringste, hast dich auf keine Thorhciten eingelassen: das Ganze geht mich nichts an, niag es nun auf oder ab gehen. „Hin, hm! Das will ich denn nun doch nicht sagen: ginge Kjel um die Ecke, so... Er hat doch gezeigt, das; er etwas für seinen Vater thun konnte, hat ihn vielleicht Versprechungen und Verpflichtimgen gekostet außer meinen zweitausend: er sah, daß es mir ans Leben ging... „Von nun an will ich nur an mich und an meinen Kram denken. „Armer Junge! Er kam heute morgen so unruhig und abgehcht heraus. Muß sich nun so kümmerlich hindurch- winden durch diese abscheuliche Geschichte mit dem Schwarz- Wald! Natürlich, ewig Papiere und Verlegenheiten! Und er allein sott das Ganze auSfechten und bei den andren den Mut aufrecht halten... Hätte er nur die fünfunddreißig disponibel für den Aascralwald! Und dabei stets von Theklas spähenden Augen bewacht! Sie mit all ihren Theorien ist wirklich nicht dazu geeignet, ihn: unter schwankenden, un- sicheren Verhältnissen beizustehen. „Fünfunddreißigtauscnd— fünfunddreißigtausend... und der Junge wäre wieder oben auf, wäre wieder frisch und mutig, ebenso frei und fröhlich, wie ich heute bin!" Er faßte in seine Brusttasche. Die Pferdehufe donnerten iiber die kleine Brücke, die zu dem Sägewerk führte. Ein starkes Licht, von den Reflektoren der Paraffinlampen unter dem Dacke herrührend, fiel blendend auf ihn und das Pferd. „Hui! Fiele ein Funke hier zwischen die Hobelspäne, so daß alles in hellen Flammen stünde, dann wäre der Junge geborgen. „Gott bewahr uns—" Plötzlich unangenehm berührt von dem Gedanken, peitschte er auf den Braunen los, so daß das Karriol wieder in der Finsternis dahin rasselte. Erst oben auf dem Doktor- Hügel hemmte er die Fahrt. 11. Die Idee, für die Thekla so unermüdlich kämpfte, hatte— das konnte sie sich mit Befriedigung sagen— ein gewisses Aufsehen erregt. ES hatte eine ungemein zahlreich besuchte Versammlung stattgefunden zur Bildung eines„Vereins für reformierte Kinderpflege": eine ganze Menge jüngerer Frauen hatten sich eingefunden, und im übrigen waren die Bänke dicht besetzt gewesen mit niiitterllich interessierten Personen. Auf Doktor Stcnvigs freundlichst einleitenden Vortrag war eine eifrige und warm interessierte Diskussion gefolgt, während welcher die verschiedenen Ansichten heiß lind scharf geäußert wurden. Selbst die bekannte Autorität des Doktors auf diesem Gebiete konnte nicht verhindern, daß ganz entgegen- gesetzte Anschauungen aufgestellt und ganz ungeniert vcr- fochten wurden. Die Diskussion hatte volle zwei Stunden und fllnfunddreißig Minuten gewährt, das Abstimmen mit eingerechnet, und nach einem harten Kampf, niit vierzehn Stimmen gegen neun, hatte sich dann der Verein konstituiert auf Grund der von Doktor Stenvig aufgestellten und von Thekla hartnäckig vcrfochtenen Grundsätze. In dein Bewußtsein, daß eine tüchtige Schlacht gegen die veralteten Anschauungen und Vorurteile geliefert war, die Augen noch strahlend infolge des Eifers, der bei der Beweisführung und dem Wortwechsel entwickelt worden, das Blut wallend vor Sieges frcude, saß Thekla auf dem Heimwege im Schlitten neben Stenvig, der es übernommen hatte, sie nach der Versammlung zu Doktor Baarvigs zu fahren, wo sie ihren kleinen Baard abhole« wollte. Mit der gewissenhaftesten Genauigkeit durchlief sie unter Anrufung seines Urteils Glied für Glied die Fehler, die sie hie und da während der Debatte bei Verteidigung seiner Ideen möglicherweise begangen hatte. Stenvigs Aufmerksamkeit war in Anspruch genommen durch den warmen, scharfen, für ihn so schmeichelhaften Meinungsaustausch. Die Zügel hingen lose und das Pferd arbeitete sich jetzt mühsam den Doktorhügel hinan. „Ja. dann hätten wir also heute unfern ersten eigent- lichen Sieg für unsre Grundsätze errungen." meinte er mit einem warmen Handschlags in ihre behandschuhte Rechte. „Wir wollen es nicht dabei bewenden lassen, Frau Thekla." Da zuckte Thekla plötzlich zusammen: der festliche Schimmer, der über ihrem Antlitz lag, verschwand und machte einem grübelnden, unsicheren Ausdruck Platz. „Für mich giebt es nichts Herrlicheres als ideelles, ge- meinsames Empfinden, Stenvig, und deswegen, sind die geistigen Bande „Diejenigen, die das sicherste Freundschaftsverhältnis schaffen," bemerkte der Doktor enthusiastisch. „Ja, so wie es zwischen uns besteht, Stenvig." seuicte sie.„Sind wir nicht zwei einsame Menschep des Geistes, die in einer andren Welt leben als dw übrigen?" Stenvig schaute plötzlich zum Schlitten hinaus.„Wunder- volle Aussicht hier vom Hügel herab," bemerkte er,„über das ganze Flcißthal, bis es dort zwischen den Waldhügeln ver- schwindet." Da trat ein resoluter Ausdruck auf Frau Theklas Züge. Sie heftete die beiden schwarzen Stacheln fest aus ihn. „Wir haben uns unsre eignen Sitten und Gebräuche ge- schaffen, wir können es schon wagen, unsre eigne Sprache zu führen, unserm Drang nachzugeben, Stenvig! Und ich wenigstens habe den Drang, mir völlige Klarheit zu ver- schaffen. Sie wissen sehr wohl, wie es um mich steht, daß ich mich— ich gestehe es offen— in eine Ehe mit einem Manne verirrt habe, für den der Begriff„Princip"—„höhere Interessen" nur leere Worte sind, der gerade so gut einem ganz andren Elemente angehören könnte, als in dem ich atmen kann. Sie wissen, daß ich ihin meine befriedigenden Er- klärungcn gegeben habe, daß meine einzige Hoffnung in all der Hoffnungslosigkeit nur darauf hinausging, meinen kleinen Board aus diesem lebendigen Begrabensein zu erretten. Das war das einzige, was mir Kraft gab, das Leben zu ertragen— bis Sie kamen, Doktor Stenvig. Und Sie werden das Be- dürfnis eines weiblichen Geistesgenossen nach Klarheit und offener Auseinandersetzung begreifen, Klarheit über Ihre Ge- danken und Absichten— für den Fall, daß ich mich losreiße. Ich sage ganz freinuitig, daß es von Ihnen abhängt, ob ich es fiir mich und für meinen Sohn verantworten kann, die Kette zu zersprengen. Ich schäine mich nicht der Frage; ich kämpfe für meine Freiheit, für mein geistiges Leben." Doktor Stenvig starrte in die Luft hinaus, den rötlich gelbe» Schnurrbart in tiefem Sinnen in die Höhe gezogen. „Wahrlich, meine gnädige Frau," rief er in seiner klaren. schneidigen Weise aus,„es ist einer der großen Zweifel meines persönlichen Lebens, ob ein Mensch von Geist überhaupt das Recht hat, sich auf ein die Freiheit so bindendes Verhältnis ein- zulassen, wie es die Ehe ist, ohne sozusagen dazu gezwungen und von der unwiderstehlichsten Leidenschaft dazu getrieben zu sein, denn die einzige Entschuldigung dafür ist, daß man nolens volens wieder in den Naturzustand hineingezogen wird." Er legte seine Hand freundschaftlich vertraulich auf die ihre:„Ich fühle mich auf das tiefste ergriffe» von Ihrer unglücklichen Situation, und um Ihre Offenheit und Auf- richtigkeit mit demselben Vertrauen zu vergelten, so will ich nicht leugnen, daß das persönliche Gefallen eine große, eine sehr große Rolle gespielt hat und daß eine Zukunft unter Ihren Augen wohl das Gefühl bis zu einem Grade verstärken konnte, daß... Aber fiir eine jugendliche Neigung derart. die alle Sinne und Gedanken verwirrt, ist doch eigentlich gar kein Platz in unserm Verhältnis gewesen, war es doch im wesentlichen nur eine Entwicklung und Befreiung zu gegen- seitig stärkender Klarheit und Herrschaft über die Lebens- fragen. Wie die Sachen jetzt liegen, finde ich die Situation für meine Person noch zu unklar... „Sie sind— hü. hü!"— hier folgte ein Peitschenknall— „meine Freundin und geistige Kampfgenossin, ein Verhältnis, das, wie ich hoffe, an Stärke und Innigkeit gewinnen wird, je mehr wir mit einander arbeiten.— Hü, hü?— Es ist hier oben auf dem Elvsäter Gebiet wirklich ganz gefährlich glatt!" Frau Thekla war bei den Schwiegereltern aus dem Schlitten gestiegen und ins Zimmer getreten. Sie hatte kaum gegrüßt und sich unter wiederholten un- geduldigen Aeußerungen über die Hitze ihrer Pelzmütze und des kostbaren, mit Iltispelzwerk verbrämten Mantels ent» ledigt. Tann warf sie sich in eine Sofaccke und blickte der- stimmt, wortkarg um sich. Massi schob ihr ein Fußkissen hin, sah aber ganz unsicher und verblüfft zu ihr auf; es war ihr fast, als habe sie das Kissen mit den Füßen von sich gestoßen. „Nun, Schwägerin," begann Endre,„hat man etwa die Schlacht verloren? Sollen die Wiegen hier in diesem wider- haarigen Distrikt künstig auf den alten Gängeln geschaukelt werden?" „Nein, nian hat die Schlacht gewonnen, wenn Du die Güte haben willst, es zu übernehmen. Deine Mntter durch diese Nachricht zu betrüben; ich möchte ungern Trauer hier im Hause verursachein „Und nun soll ich noch Chokolade trinken bei der Hitze, die hier schon im voraus herrscht!" stöhnte sie, ihr Kleid am Halse öffnend.„So, Deine Mutter ging hinaus, um sie zu kochen. Es ist wohl Bertheas Wirtschaftswoche, das kann ich mir denken, da Frau Baarvig alles selber thun muß. Wo ist sie denn heute? Ist hier in der Umgegend eine Lustbarkeit, an der sie teilnehmen konnte? Man kann wohl fragen, wo ist die junge Dame eigentlich? Ihre Interessen scheinen so mannigfaltig zu sein. Ist sie von Herr» Auktionator Schöl- berg in Anspruch genommen, mit ihm verlobt, oder ist es der arme kleine Student drüben im Pfarrhof? Höchst leichtlebig! Berthea kann ohne die geringste Schwierigkeit eine flotte Auktionsmiene aufsetzen oder ein stilles, geistliches Gesicht machen, je nachdem." „Ich muß mich wirklich über Teinc sanfte Zunge wundern, Thekla. Könntest Tu nicht zum Beispiel ein klein wenig mit- teilsamer über die berühmte Versammlung sein, die heute stattgefunden hat? Ich dürste förmlich danach, etwas über die Schlacht zu hören, fange wirklich an, tödlich neugierig zu werden." Thekla würdigte ihn keines Wortes. „Nun. fort mit der trüben Schwermut! Ich mache Dir das Anerbieten, über die Sache auf die beste, schönste, eleganteste Weise in einer Zeitung zu referieren, es als ein Ereignis, ein Zeichen der Zeit hier auf dem Lande dar- zustellen. Ja, pfropf es nur in mich hinein, dann will ich es schon mit der passenden Sauce servieren. Ich übe mich äugen- blicklich in der journalistischen Technik, bereite mich vor—" „Verzeih', Endre, aber es giebt schon unnützes Gewäsch zur Genüge in der Welt, lind dies ist gerade etwas, wofür Du ganz und gar kein Verständnis hast— eine reelle Handlung. Ja, denke Dir, wir wollen vorläufig gar nicht von uns reden machen, nicht eher, als bis wir wirklich etwas aus- gerichtet haben. Du findest gewiß, daß dies die verkehrte Weltordnung ist, Endre," schloß sie unbarmherzig spöttisch. „Nein, jetzt hast Tu zu viel Aehnlichkeit mit einem Säge- blatt, Thekla: man hört förmlich, wie es schneidet," entgegnete er, sie flüchtig durch sein Monocle fixierend.„Man sollte fast glauben, daß es die Nachwehen einer häuslichen Sceue sind." „Ach nein, das weißt Du ja. dort ist alles glatt: das letzte, was ja gar nichts zu bedeuten hat— in Kjels Augen hat nämlich niemals irgend etwas das geringste zu bedeuten— ist, daß einer feiner Compagnons im Begriff steht, Konkurs zu machen. Aber das scheint ja nur ein großes Glück zu sein: wenigstens mußte ich seine Auseinandersetzungen so auffassen." (Fortsetzung folgt.). I�ants tbcoretifcbc philofophie. Der einsame Denker, dessen Leben vor hundert Jahren, am i2. Februar 1804, nach langem, trübem Siechtum erlosch, war der größten einer in der ruhmvollen Geschichte des menschlichen Ge- dankcns, einer, an dessen Werk das stolze Gefühl der Macht und Kraft des Geistes sich immer wieder neu entzündet. Und diese Freude ist ganz unabhängig davon, ob und wie weit man der Deutung, welche er den Tingen giebt, meint beistimmen zu können. Sein Leben, nach mnen ein Gedankendrama voll der spannendsten Verwicklungen und Katastrophen, war äußerlich ein ebenmäßig stilles, arm an Wcchselfällcn und Eindrücken. Er, der die Welt bcivcgcn sollte, ist selbst nie weiter als ein paar.Ncilen über die Mauern seiner Vaterstadt hinausgekommen. 1724 in Königsberg geboren, der Sohn eines einfachen Handwerkers, besuchte er hier die Lateinschule und dann die Universität. Vom Studium der Theologie wandte er sich zu dem der Physik. Mathematik und Philosophie. Nach langjähriger Hauslehrerschaft in der Provinz habilitierte er sich 17SS als Privatdocent an der Königsberger Universität, hatte aber, trotzdem in demselben Jahr schon seine später so berühmte, die Laplacesche Hypothese von der Entstehung des Sonnensystems vorwegnehmende„Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels" erschien, anderthalb Jahrzehnte auf eine amt- liche Professur zu warten. Seine philosophischen Arbeiten in den sechziger Jahren, darunter die auch stilistisch glänzenden„Träume eines Geistersehers", zeigen, daß er mit der in Deutschland herrschenden Wolffschen Metaphysik damals bereits gebrochen hatte. Und langsam bildet sich nun, indem er die Grundsätze der mathe- malischen Wissenschaft und metaphysischer, eine Erkenntnis über die Erfahrung hinaus versprechenden Scheinwisscnschaft vergleid&cnd untersucht, im folgenden Jahrzehnt der ihm eigentümliche„kritische" Standpunkt heraus, die Methode, nach der er den inneren Zusammen- hang und die Bedingungen menschlicher Erkenntnis systematisch zu durchforschen unternahm. 1781 erschien sein epochemachendes Haupt- Werk:„Kritik der reinen Vernunft". 1786 die„Kritik der praktischen Vernunft" und 1783 die„Kritik der Urteilskraft", ein Buch, das in merkwürdiger Zusammenfassung eine geniale Analyse des ästhetisch künstlerischen Sinnes mit tiefgründigen Betrachtungen über den Zweckbegriff in der wissenschaftiichen Naturcrklärung verbindet. Um diesen Hauptstamm gruppiert sich, fortspinnend, erläuternd und er- gänzend, eine Reihe andrer•Schriften, so u. a. die„Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft", die„Grundlegung zur Metaphysik der Sitten", die„Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft". Aus der Fülle der kleineren Aufsätze sei hier nur der bedeutsamste„Idee zu einer allgemeinen Geschichte in Weltbürger- licher Absicht" genannt. Sein letztes Werk war die im Jahre 1737 erschienene, seine rcchtsphilosophischen Ansichten entwickelnde„Meta- Physik der Sitten". Tann endlich, trotz allen Ringens, versiegte dem mehr als Siebzigjährigen die produktive Kraft. Er ist immer für sich geblieben, wie Spinoza; die Freundschaft ersetzte ihm die Ehe. Seiner schlichten Art lag jede Spur von Ueberhebung fern; die einfachen Tugenden Wahrhaftigkeit und Rechtschaffenheit galten ihm, wie in seinen ethischen Schriften, so auch in dem eignen Leben als das den Wert des Menschen Be- stimmende. Ein tiefer Idealismus, ein Glaube an Vernunft und Recht als die Mächte, die in Staat und Gesellschaft herrschen sollen und herrschen werde», verbindet ihn den Besten seiner Zeit. Daß seit ewigen Jahrzehnten das Interesse für die Kantische Philosophie, in Sonderheit für die„Kritik der reinen Vernunft", zu neuer Lebendigkeit erwacht ist, bedeutet nicht, wie wohl gelegentlich gesagt wurde, einen Rückfall in lleberwundcncs, keinerlei Neigung für antiquarischen Eklekticisnius, sondern ist im Gegenteil ein Zeichen sich vertiefender Einsicht. Die Stellung dieses Werkes innerhalb der Philosophie läßt sich etwa mit der des Marxschcn„Kapital" auf ökonomisch-theoretischem Gebiete vergleichen, es ist das einstweilen höchst entwickeltste, umfassendste und scharfsinnigste System, durch welches also der Weg zu irgend einer weiteren Entwicklung notwendig hindurchführt. Wie Turgot, Smith, Ricardo einem leichter eingehen und in ihren Theorien erst viel plausibler erscheinen als Marx. ähnlich ist das Verhältnis der Locke und Humc, überhaupt der englischen Erfahrungsphilosophie zu Kant, lind ganz so wie bei Marx ist auch bei Kant die viel beklagte Dunkelheit nicht Stilmanier, sondern der Ausdruck einer tieferen, methodisch gründlicheren Durch- forschung der Probleme. Wie heute anerkanntermaßen jede theoretisch- ökonomische Arbeit, die etwas bedeuten soll, ein Nachdenke» der Marxschen Methoden und Lösungen, so hat jede fruchtbare erkcnntnis- theoretische Arbeit ein Durchdenken der Kantischen Vcrnunftlritik zur unentbehrlichen Voraussetzung. Es sei versucht, den eigenartigen Standpunkt von Kants theoretischem Philosophieren in einigen Wesenszügen kurz hier zu skizzieren. Schon vor Kant hatte sich die philosophische Forschung, ermüder durch die Fruchtlosigkeit metaphysischer Spekulationen, dem fundamentalen Problem, wie denn überhaupt mensch- liche Erkenntnis zu stände komme und welche Garantien der Zuverlässigkeit sie biete, zu- gewandt. In dieser Bahn bewegten sich die Untersuchungen der schon genannten großen Engländer, Lockcs und Humes, die rück- wirkend in bestimmender Weise den ganzen Geist des Aufklärungs» Zeitalters beeinflußt haben. L o ck e s„Untersuchung über den menschlichen Verstand"(1690) hob in Anknüpfung an schon früher entwickelte Theorien mit vollem Nachdruck die subjektive Be- dingtheit aller unsrer Vorstellungen hervor; Farbe, Klang, Geruch. Geschmack, die sinnlichen Bestimmungen, die wir unwillkürlich als objektwe Eigenschaften der Dinge, als etwas ihnen an und für sich Zukommendes denken, erweisen sich, so lehrt er, als bloße Empfindungszustände unsres Ich, als Arten, wie wir selbst kraft unsrer so und so organisierten Sinnlichkeit von den Dingen asficicrt werden. Noch mehr, sogar die objektive Wirklichkeit des Weltbildes. das, wenn alle jene sinnlichen Qualitäten der Farbe des Tones weg- gelöscht sind, uns verbleibt, hält er für etwas nicht mit völliger Evidenz erweisbares. Es ist höchst wahrscheinlich und wir müssen wohl glauben, daß es in Raum und Zeit bewegte auf einander und auf uns selbst wirkende Körper giebt, aber eine unmittelbare Gelvißhcit davon besinn wir bei der Subjektivität derjenigen Empfindungen, durch bereit Vermittelung und Verarbeitung wir allein zu dieser Anschauung gelangen, nicht. H u m e hat. den Faden weiterspinnend, dann den Gesetzen, nach denen die einzelnen sinnlichen Wahrnehmungen und Wahrnehmungs- komplexe in der Erinnerung sich verbwden, mit einander»afsociiert" sind, nachgespürt und den Versuch gemacht, zwei der Grundbegriffe alles menschlichen Erkennens, den des„Dinges" und den der „Ursächlichkeit", als bloße Resultate jenes psychologischen Assoeiations-Mcchanisnrus nachzuweisen,— also als Bestimmungen, die in den Wahrnehmungen selbst nicht direkt enthalten sind, die wir vielmehr zu ihnen Hinzuthun, und von denen es darum doppelt zweifelhaft ist, ob ihnen in Wirklichkeit irgend etwas ent- spreche. Die Gewohnheit, gewisse Tast- und Gcsichtseindrücke immer wieder vereinigt zu finden(etwa im Bilde eines Baumes) veranlasse uns, über die Konstatierung der einfachen Thatsache des Zusammen- seins hinausgehen und diese sich gleichbleibende Impression als ein selbständig für sich seiendes, konstantes, mit bestimmten Eigenschaften ausgestattetes Ding zu denken. Und ganz ähnlich schiebe unser Geist, wenn er zwei Vorgänge immer wieder auf einander folgen sieht(etwa den Hammerschlag auf glühendes Eisen und das Sprühen der Funken), diesem Nacheinander, das er zu er« warten gewohnt ist, die in der Wahrnehmung selbst gar nicht ent- haltene Idee der Kausalität unter, indem er den einen Vorgang als Ursache, den andren als Wirkung auffaßt. Nur in der Mathe- m a t i k, die nach Humes Ansicht ihre Lehrsätze aus rein begriff- I i ch e r Zergliederung herleitet, und in der einfachen B e- schreibung von Thatsachcn gebe es daher ein sicheres Er- kennen, in dem der Geist die durch die Beschränktheit seines Wesens ihm gezogenen Grenzen nicht überschreitet. Der Erklärung der Thatsache» dagegen, obwohl sich eine solche praktisch nicht vermeiden lasse, sei schon immer eine unbewiesene und unbeweisbare Voraus- setzung— eben die der Kausalität beigemischt. Ganz missichtslos aber und eine leere Anmaßung des Geistes sind alle die Versuche, durch derart problematische Begriffe zum Kern und Wesen des Seienden vorzudringen— ein metaphysisches Gaukelspiel.— Es war dieser Humeschc Skepticismus, der Kant, nach seinem eignen Zeugnis,„aus dem dogmatischen Schlummer aufgerüttelt hat". Tie Subjektivität unsres Weltbildes in der von Locke hervorgehobenen, durch die Naturwissenschaft bestätigten Bedeutung, daß die sinn- I i ch e n Empfindungen der Farbe usw. nicht die Kopie, die adäquate Wicderspicgelung dinglicher Eigenschaften, seien, sondern ein wesensverschicdencs, durch die Organisation unsrer Sinnlichkeit bedingtes, setzt Kant in seiner kritischen Forschung als er- wiesen voraus und fragt dann weiter: was außer jenem in der Er- fahrung gegebenem Enipfindungsniatcrial, niit ihm zusaimncn- hängend, als k o n st i t u i e r e n d e s E l e m e u t unsres Vorstellens im menschlichen Geiste sich aufzeigen lasse, und inwiefern und in welchem Umfange durch dieses andre ettva eine für die Gesamt- heit der Erfahrungswelt gültige, durch keine Skepsis anfechtbare Erkenntnis gesichert sei? Seine Problemstellung. das inuß man sich vergegenwärtigen, ist so von vornherein eine principiell andre als die"Humes. Die von Hume in den Vordergrund gerückte Frage, auf Airlaß welcher Reize und Associationsvorgänge in dem psychologischen Mechanismus solche allgemeinen Vor- stellungcn, wie der Tinglichkeit und Kausalität, sich gebildet haben mögen, scheidet für Kant aus dem Kreis der Untersuchung vorerst ganz aus. Nicht nach den psychologischen Entstehungs- a n l ä s s e n der Grundbegriffe, nach ihrer Funktion im menschlichen Geiste, nach ihrer Bedeutung für das Zustandekommen der Erfahrung, nach ihrem Erkenntnis- werte wird hier gefragt. Und um so begründeter scheint diese Art methodischen Vorgehens, da jede psychologisch- genetische Betrachtung, wie die Humes, indem sie den Entstehungs- bedingungen der Begriffe nachforscht, den Begriff der B e- dingt heit oder Kausalität, dessen Gültigkeit dann später angefochten wird, bei der psychologischen Ableitung und Erklärung irgendwie doch selbst benutzt, sich so im Zirkel bewegend. Kants Prüfung der Struktur, der Tragweite und Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens, hebt an niit der berühmten Unter- scheidung zwischen dem unendlich mannigfaltigen, wechselnden In- halt des unsrer Anschauung Gebotenen und der allen diesen Inhalten gemeinsamen Grundform, des räumlichen Neben- einander und zeitlichen Nacheinander. Alle Anschauungen sind uns als Naumflächcn erfüllende Anschauungen, alle Anschauungen und Empfindungen zudem als ein Zeiterfüllendcs gegeben. Ganz gleichgültig, ob unser Geist bereits eine abstrakte Vorstellung des Raumes und der Zeit gebildet hat oder nicht, immer ist unser An- schauen zugleich ein Einordnen des Angeschauten in ein um- sassendercs Raumbild, unser Empfinden zugleich ein Einordnen des Empfundenen in eine Aufeinanderfolge, d. h. in einen zeit- bestimmten Ablauf, der Empfindungen. Raum und Zeit sind nicht Gattungsbegriffe, unter die die einzelnen Raum- und Zeit- abschnitte als besondere Exemplare sich logisch subsummieren lassen, sondern umfassende, kontinuierliche Anschauung, in die� alle einzelnen Raum- und Zcitvorstcllungcn als homogene Teile jenes Ganzen eingefügt sind. Woher diese in den Empfindungen bereits mit enthaltene Form der Anschauung uns stamme, diese Frage wird ebensowenig wie die Frage nach dem Ursprung der Empfindungen aufgeworfen. Kant konstatiert nur wie dach Vorhandensein des Empfindungsablaufs, so das Vorhandensein dieser dem Em- pfindungsablauf geincinsauien, ihn umspannenden, seine Anordnung bedingenden Anschauungsformen als eine in unserer Eub« jektivität, im Wesen des menschlichen Geistes gegebene und vorausgesetzte Fundamentalthatsache. Auf diesem Grund- Verhältnis im Geiste basiere, folgert er weiter, auch die Sicherheit der Mathematik. Sie sei nicht eine Begriffe nach Regeln der formalen Logik zergliedernde Wissenschaft, wie Hume annahm, sondern gewähre über das bloße Zergliedern hinaus neue anschauliche Er- kenntnis, eine Erkenntnis, die aus dem Wesen jener unsrer funda- mentalen Anschauungsformcn selbst geschöpft sei und darum ebenso allgemein undnotwendigwie jeneAnschauungs- formen im ganzen Umkreis unsrer Erfahrung gelte. Der Raum als unsre Anschauung ist ein überall homogener und so muß z. B. auch der unmittelbar aus der Raumanschauung hergeleitete Satz, daß der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten die gerade Linie sei, für jeden uns in einer möglichen Erfahrung gegebenen Raumteil richtig sein. Indessen das bloß räumlich und zeitlich gruppierte Neben- und Nacheinander von Anschauungen und Empfindungen drückt noch bei weitem nicht das ganze Wesen des in der Erfahrung uns ge- gebenen Weltbildes aus: und ein Verstand, dem keine andren Regeln als die der formalen Logik gegeben wären, würde die klaffende Lücke. die zwischen einem so gruppierten Ablauf bloßer Wahrnehmungen und unsrer wirklichen Wcltaufsassung besteht, nie haben ausfüllen können. Es ist diese Einsicht, durch welche Kant, von Humes scharf- sinniger Anzweiflung des Kausalitätsbegriffes angeregt, zur Idee seiner„transcendentalen Logik" geführt wird. Während der ge- wöhnlichen Ansicht, die Welt der Dinge als etwas(auf Grund physio- logischer Anreize) rein durch die sinnliche Empfindung Gegebenes erscheint, erkennt er, daß dies Gegebene selbst schon eine ursprüng- liehe, von der formalen Logik unterschiedene Thätigkeit des Ver- standes, ein Hineintragen begrifflicher Beziehungen in das sinnliche Anschauungsmaterial, eine Umformung und Verarbeitung desselben in sich enthalte. Der Humesche Gedanke, daß wir über das bloße Wahrnehmen des Neben- und Nacheinander hinausgehen, ihm ein Neues hinzufügen, indem wir daS im Räume regelmäßig verknüpft Erscheinende als„Ding", die in der Zeit regelmäßig aufeinander folgenden Vorgänge nach dem Schema von„Ursache und Wirkung" denken, kehrt hier in einer andren und vertiefenden Wendung wieder. Was bei Hume als ein sozusagen zufälliges seelisches Neben- Produkt, als eine unser Urteil fälschende Zugabe erscheint, das gilt dem Kantischen Denken ganz ähnlich wie die Anschauungsform von Raum und Zeit als ein ursprünglich in der Struktur des menschlichen Erkenntnisvermögens begründetes, das Erkennen nicht verfälschendes, sondern überhaupt erst ermöglichendes Moment, als eine Funktion unsres Verstandes, die ebenso untrennbar mit ihm verbunden ist und sich daher mit demselben Ansprüche auf Allgemeingültigkeit ankündigt, wie die Regeln der formalen Logik. Würden wir die Wahrnehmungen nicht von vornherein als irgendwie in einem notwendigen Konnexe miteinander stehend denken— und das ist wieder nur möglich, indem wir sie als Gegenstände vorstellen, die in Raum und Zeit aufeinander und auf uns selber wirken—, so wäre auch die Thatsache einer in wesentlichen Zügen gemeinsamen und überein st immenden mensch- lichen Erfahrung, die Scheidung bloß subjektiver Eindrücke (wie im Traume) und objektiver von allen anerkannter Wirklichkeit nicht mehr verständlich. Wenn also Zeit und Raum die allgemeinen Formen sind, in die der Ablauf der Anschauungen und Empfindungen eingeordnet wird, so ist nach Kantischer Ansicht in diesem Einordnen und Aufeinander- beziehen zugleich auch immer der Verstand mit seinen Grundbegriffen der Kausalität, der Substantialität usw.— Kant stellt eine ganze Tafel solcher nicht weiter auflösbaren Stammbegriffe auf— mit- thätig. Und nur, weil so in der unbewußten Anordnung und Ver- arbcitung des Empfindungsmaterials bereits„Vernunft" enthalten ist, findet der bewußt reflektierende Verstand in dem Gebenen An- knüpfungspunktc, die Erkenntnis weiter auszubauen. Ebenso entschieden wie Kant auf der Basis solcher Untersuchungen die Erkenntnismöglichieit des in der Erfahrung gegebenen Weltbildes behauptet, ebenso entschieden verneint er in der„Kritik der reinen Vernunft" jede Möglichkeit einer Erkenntnis des„Uebersinnlichen", jede Metaphysik. Tiefer als irgend einer vor ihm hat er den Schleich- wegen dieser philosophischen Scheinwissenschaft nachgespürt und an der Wurzel die Begriffsverwcchselungen aufgedeckt, mit deren Hilfe sie ihre Lieblingsgegenstände Gott. Freiheit und Unsterblichkeit „logisch deduziert". Der durchlaufende, aus dem Geiste seines Systems geschöpfte Gedanke dieser Widerlegung ist, daß die„reinen Begriffe", deren die Mcthaphysik sich bedient, abgetrennt von jede Bedeutung also auch jede Beweiskraft verlieren. (Schluß folgt.),. kleines fciallcton. cz. Kinder.„Mach doch auf l Minna l Mach doch auf Mit Füßen und Fäusten hämmerte der kleine Walter an die Flur- thür. Und schließlich riß er noch an der Klingel. Minna mußte sich erst die Hände trocknen,� weil sie mit dem Aufwaschen des Geschirrs beschäftigt war. Als sie endlich die Thür geöffnet hatte, stürmte Walter mit rotem Gesicht herein, einen Spiel- kameradcn an der Hand, und schrie:„So. Nu komm man'rein. Gustav. Ich werd' Dir alles zeigen!" „Wer ist denn das?" Minna machte Anstatt, dem zweiten ztnaben de» Eintritt zu fc.rwehren.„Portiers Gustav?" Aber Walter zog ihn fort:„Komm', Gustav l Die olle Minna hat gar nichts zu sagen I" „Ihr seht ja gut auSl" Minna lachte beim Anblick der be- schmutzten Gesichter, der beschmierten Anzüge und schwärzlichen Hände.„Wenn ich mit dem Geschirr fertig bin, nehm' ich Euch beide in die Waschwanne." „Wir haben Ringkampf gespielt!" erklärte Walter und seine Augen blitzten.„Du, der Gustav ist aber stark! Er hat mich zweimal geschmissen I" Er sah bewundernd auf seinen kleinen stämmigen Freund, der sich die Hände verlegen an der Jacke abrieb, nachdem er heimlich hinaufgespieen. „Es heißt: geworfen," verbesserte Minna.„Deine Mama hat's Dir schon oft gesagt." „Alle Jungens sagen: geschmissen!" behauptete Walter.„Nicht, Gustav?" „Ja!" Gustav sah mit großen Augen auf und nickte wichtig. „Es heißt: jeschmiffen!" „Meinswejrn." Minna dachte plötzlich an ihr Abwaschwasser. „Jetvorfen oder jeschmissen,— das is janz schnuppe." Damit ging sie in die Küche, während Walter seinen starken Freund in die Kinderstube zog. Gustav blieb schüchtern an der Thür stehen. „Warum kommst Du denn nicht?" rief Walter, der schon dabei war, seine Spielsachen auszupacken.„Sieh mal: das ist'ne Eisen- bahn. Richtige Schienen Hab' ich dazu." Er baute sie auf.„Das ist'ne Weiche, richtig zum Stellen. Und hier, das ist die Lokomotive! Die kann geheizt werden. Und denn fährt der Zug richtig'rum, wie'n richtiger Zug." Gustav trat näher zum Freunde, der auf der Erde saß und den Aufbau vollendete. Neugierig, staunend betrachtete er das Wunder und meinte:„Ich Hab' man so'ne klccne mit ein' Wage». Aber der fährt nich von alleene. Den muß man an de Strippe ziehn." „Och!" Walter wunderte sich.„Du, der is aber noch schöner. Denn kannst Du doch auch auf kier Straße mit spielen." „Ja." Gustav erhöhte die Stimme.„Wo ich se hin haben will, fährt se." „Muß mir Mama auch kaufen." Walter hatte den Spaß an seiner Eisenbahn verloren und machte sich an einen andren Kasten. „Sieh mal: meine Bausteine. Da kann ich'ne Festung mit bau'n und'n ganzes Dorf drum'rum. Und'ne Zugbrücke ist auch dabei." „Auch'» Turm? Und'n Wall und'n Graben? Mit richtijes Wasser drin?" „Nein. Wasser nicht. Das planscht so sehr, sagt Mama. Aber manchmal thu' ich's doch! Paß mal ans!" Er lies hinaus und kam mit einem gefüllten Glase zurück. Dann wurde die Festung„richtig" vollendet. Gustav hatte sich neben Walter nieder- gelassen und beide panschten einträchtiglich miteinander an dem Bau herum. „Ein Schaukelpferd Hab' ich auch! Und'n großen Stall dazu." Walter war in die Ecke gegangen.„Du mußt aber mit anfassen." Den vereinten Anstrengungen gelang es, den störrischen Gaul in die Mitte der Stube zu befördern.„Jetzt erobere ich die Festung!" Walter schaukelte, bis der Aufbau in Trümmern lag.„Mein Theater hast Du noch nicht gesehnl Du, das ist aber fein. Den Vorhang kann man'raufziehn und'runterlassen." Walter packte eine Herrlichkeit nach der andern aus, bis die Stube einem Spielwarenlagcr glich, das von einem Erdbeben heim- gesucht wurde. Gustavs Augen erlvcitcrten sich immer mehr. Er fiel von einem Staunen ins andre. Schließlich stand er da, übersah die Sachen mit einem sehnsüchtigen Blick und fragte:„Is das alles lDeine?" „Alles!" bestätigte Walter.„Die ganze Stube gehört mir." „Die Stube? Du schwindelst ja." „Wahrhaftig!" Walter wunderte sich.„Hast Du denn keine Stube?" „Ja," sagte Gustav,„'ne Stube Hab' ich ooch. Aber da is Bater und Mutter mit drin." „Ach?" „Wir haben man eine Stube. Aber'ne Küche dazu." „Wir haben acht." bemerkte Walter.„Ich Hab' sie'mal ge- zählt. Unk denn: wo die Minna schläft und die Liese. Aber das ist keine Stube. Das ist man bloß'ne Kammer.— Hast Du auch viele Spielsachen?" „Janze Masse." Gustav überlegte.„'Ne Eisenbahn— und— 'ne Fahne— und—'n Trüscl— und'n Wagen." „Mehr nicht? Du, ich schenk' Dir was!" Walter nahm eine großmütige Miene an.„Tu kannst Dir aussuchen. Aber Du stehst mir auch bei, nicht, wenn mir einer was thim will. Dann Hab' ich gar keine Furcht mehr." „Ja." Jetzt wurde Gustav selbstbewußt.„Laß sie man kommen!— Kann ich'mal auf Dein' Pferd reiten?" „Au ja! Wir woll'n Parade spielen! Hier, da ist'ne Trompete. Die kannst Du behalten. Aber beistehen mußt Tu mir." Gustav saß schon auf dem Schaukelpferd und blies in die Trompete. Walter hatte sich ein Glockenspiel geholt, hämmerte nach Kräften darauf herum und ahmte militärische Kommandos nach. Dabei marschierte er zwischen den Trümmern der Festung und der Eisenbahn umher, die Hindernisse mit dem Fuße zur Seite stoßend. Terättättä— kling lingl— terättättä— kling ling!— Der Lärm störte der Mutter Walters den Nachmittagsschlaf. Es dauerte nicht lange, da stand sie in der Thür und sah sich mit entsetzten Augen die Bescherung an.„Aber Walterl" Sic hielt sich die Ohren zu.„Wen hast Du dem: da?" „Gustav! Das ist mein Freund, Mama. Wir haben so schön zusammen gespielt. Er ist furchtbar stark und will mir beistehen!" „So?" Sie musterte den Freund mit scharfen Blicken.„Salon- fähig sieht er grade nickst aus! Wie heißt Du, Junge?" „Gustav Neumann." Er hatte die Trompete sinken lassen und streichelte verlegen die Lederohren des Pferdes. „Was sind Deine Eltern?" „Portjeh." „Ach so. der Schuster von nebenan!— Da hast Tu Dir ja eine nette Gesellschaft ausgesucht, Walterl" Der war ganz verwundert:„Er ist so stark, Mama!" „Also Gustav Neumannl Du wirst jetzt nach Haus gehnl" Gustav kletterte unbeholfen vom Pferde.„Die Tronwete is meine," flüsterte er, halb ängstlich, halb trotzig. Dabei klemmte er sie fest unter den Arm. „Wie?" Walters Mutter entriß ihm das Instrument.„Du willst wohl gar stehlen?" „Er soll nicht gehnl" weinte Walter.„Die Trompete Hab' ich ihm geschenkt." Gustav zögerte. „Tu gehst. Damit basta! Und daß Du Dich nicht wieder hier blicken läßt!" Sie schob ihn unsanft zur Thür hinaus.„Das wäre ja noch schöner!" „Er soll nicht gehen!" schrie Walter aus Leibeslräftcn und schlug mit Händen und Füßen in den Spielsachen herum.„Dal" Er lvarf enicm Eisenbahnwagen in die Ecke.„Gar nichts lvill ich mehr haben l Alles mach' ich entzwei!" „Junge!" Sie faßte ihn mit beiden Armen und küßte ihn. „Walterchcn! Aber sei doch vernünftig. So ein schunchiger Portiers- junge, das ist doch kein Freund für Dich. Sich mal: da ist der Kurt von Gcheimrats und der Felix von Bankiers, die über uns wohnen..." „Die will ich nicht I" Walter schrie.„Ich mag sie nicht, die ollen Bengels l" „Na, Du bist noch zu dumm. Verstehst noch nicht, was sich schickt. Später wirst Du's schon einsehn." Aber Walter schluchzte... Humoristisches. — Magnetismus.