Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 36. Freitag, den 19. Februar. 1904 (Nachdruck verboten.) si Gfther Alaters. Romcm von George Moore. Mrs. Latch hatte noch keii: Wort zu ihr gesprochen. Heute morgen, als sie in die Gliche kam, schien es Esther, als sähe sich die Gestrenge mit der Miene eines Menschen um, der gern eine« Grund zum Tadeln und Schelten entdecken möchte. Sie hatte mit kurzen Worten Esther befohlen, sich zu beeilen rind den Tisch von neuem zu decken. Die Männer und Jungen, die zuerst gefrühstückt hatten, waren die Stallbediensteten: nun inustte das Frühstück für die andre Tienerschaft bereitet werden. Die Person im dunkelgrünen Kleide, die ihre blaurote Nase so hoch trucs, war die Kammerjungfer Mist Grover. Sie richtete gelegentlich ein herablassendes Wort an Sarah Tncker, ein langes, mageres Mädchen mit dünnein, sommersprossigem Gesicht und dunkelrotem Haar. Der Haushofineister fühlte sich herite nicht wohl uiid kam nicht zum Frühstück herunter. Esther mußte ihm eine Tasse Thee aufs Zimmer tragen. Dann hatte sie Teller zu waschen, Messer und Gabeln zu Puten, und als sie damit fertig war, gab es Kohl, Kartoffeln, Zwiebeln zuzubereiten. Töpfe mit Wasser zu füllen und Feuerung herbeizuschaffen. Sie arbeitete tüchtig hintereinander weg und wartete dabei auf das Erscheinen der Mrs. Barfield, die, wie sie hörte, stets um zehn Uhr in die Küche kam, um das Mittagessen zu bestellen. Es war jetzt cttnas nach neun. Die Rennpferde kamen eben wieder durch das Gitter zurück. Margarete rief einen kleiiieir, vertrockneten Mann mit gelbem Antlitz an: „Nun, Vir. Randal, glauben Sie, daß der„Alte" zufrieden ist?" John gab keine deutliche Antwort: er murmelte nur ctwaS und schien durch sein ganze» Benehmen andeuten zu wollen, daß er das weibliche Interesse für Wetten und Rennen verachte: und als nun noch Sarah und die Grover ihm den Korridor herab entgegeneilten, ihn festhielten und mit Fragen überschütteten, cb Silberschwanz die Probe bestanden habe, schob er sie ärgerlich beiseite und erklärte, dast er, wenn er Be- sitzer von Rennpferden wäre, nicht einen weiblichen Dienstboten im Hause halten würde. „Rein verflucht dies Geschnatter! Seine Probe be- standen! Was zum Teufel verstehen denn diese Weiber davon?" Das weitere murmelte John in seinen hohen Hemd- kragen hinein, während er nach seinem Zimmer eilte und die Thür hinter sich zudrückte. „Ist das ein ekelhafter kleiner Kerl!" sagte Sarah,„er hätte uns doch sagen können, wer gewonnen hat. Er kennt den„Alien" doch schon so lange, dast er mit einen: Blick auf sein Gesicht weist, ob alles in Ordnung ist oder nicht." „Man kann wahrhaftig nicht mehr mit'nein Burschen abends am Parkgitter ein Wort reden," rief Margarete, „ohne dast es John nicht gleich am nächsten Morgen weist. Peggy*) bastt ihn: Jhrnvistt doch, wie sie immer im Llücken- garten auf und ab spaziert, um den jungen Johnson zu treffen, wenn er nach Hause kommt." „Ich verbitt' es mir. in meiner Küche zu klatschen," rief MrS Latch.„Seht Ihr das Mädchen da nicht? Die kann nicht mal mit ihren Sachen durch!" Esther wäre ganz gut mit ihrer Arbeit fertig geworden, wenn nicht der Lunch für die Herrschaft zu besorgen gewesen wäre. Mist Mary erwartete Gaste zum Tennisspiel. Es gab gebratene Hühner, Koteletts ü In Soubiso und Curry"): zum Dessert gab es ein Gelee und ein Blancmanger, eine Art Flammeri. Esther wußte noch nicht, wo alle Sachen standen, und es wurde somit viel Zeit unnütz verloren. „Rühren Sie sich nur ja nicht," rief die alte Köchin von Zeit zu Zeit,„da kann ich es mir ebenso gut selber suchen." Auch Mr. Randal geriet in schlechte Laune, denn sie hatte die heißen Teller nicht bereit und konnte noch nicht unter- Speise. ) Diimmitiv für Margaret, Gretchen. ) Gewürztes Fleisch mit Reis, eine in England sehr beliebte scheiden, welche für die Herrschaft waren und ivelche für die Küche. Doch sah sie nun schon ein, dast sie nicht heftig oder zornig werden durfte, daß die einzige Möglichkeit, sich ihre Stelle zu sichern, darin bestand, sich möglichst unbemerkt und still zu verhalten. Sie mußte eben lernen, sich zu ducken, mußte und wollte es. In dieser Stimmung und mit diesem Ent- schluß betrat sie daS Zimmer der Dienerschaft, in dem gegessen wurde. * Es waren nur zehn oder zwölf um den Tisch versammelt. aber sie saßen so dicht beisammen, dast sie ihr viel zahlreicher erschienen, und wohl die Hälfte dieser Gesichter, die sich sämt- lich ihr zuwandten, als sie sich neben Margarete Gale setzte, waren ihr unbekannt. Da waren die vier häßlichen kleinen Jungen. die sie auf den mageren Pferden gesehen hatte; aber sie er- kannte sie nicht gleich wieder; und ihr fast gegenüber, neben der Kammerjungfer, saß ein kleiner Mann von etwa vierzig Jahren, mit fahlem, sandfarbenem Haar. Er hatte be- deutende Anlage zur Korpulenz, und ein rundgeschnittener kleiner Barl wuchs auf seinen bleichen Wangen. Mr. Randal saß am oberen Endo des Tisches und teilte den Pudding aus. Er nannte den kleinen Mann mit den: sandfarbenen Haar Mr. Swiiidles: aber Esther erfuhr nachher, daß sein eigent- sicher Name Ward, und daß er der oberste Reitknecht Barfields war. Ferner entdeckte sie, dast der rothaarige kleine Junge, der von allen der„Kleine Teufel" genannt wurde, durchaus nicht so hieß, und sie sah ihn ganz erstaunt an, als er ihr leise ins Ohr flüsterte, daß er viel drum geben würde, mal tüchtig in den Pudding dort hineinbeißen zu dürfen, doch sei derselbe so riesig nahrhaft, dast er nicht mal wagen dürfte, daran zu riechen. Als er sab, daß das junge Mädchen ihn nicht ver- stand, fügte er erklärend hinzu: „Sie wissen doch, daß-ich mein Gewicht stets unter sechs Stein*) halten muß; aber das wird mir manchmal ver- teufelt schwer." Esther gefiel der nette kleine Kerl, und sie suchte ihn zu überreden, etwas von dem Pudding zu essen, wenn er ihn so gern mochte. Aber Mr. Swindles ersuchte sie über den Tisch hinüber. solche Tinge hier zu lassen, und da sich hierdurch die Auf- merksamkeit der ganzen Gesellschaft auf den Knaben richtete. erstaunte Esther über die große Bewunderung, die man ihm zollte, und die wichtige Stellung, die er hier, trotz seiner winzigen Gestalt, einzunehmen schien, während man die gröstebcn Jungen fast gar nicht beachtete. Ein Junge mit langer Nase, trüben Augen und schmaler Brust, der auf der andren Seite des Tisches zur Linken von Mr. Swindles saß, schien der Hanswurst der Gesellschaft zu sein; er wurde nn- ablässig von allen geneckt, und namentlich Mr. Swindles wurde nicht müde, den Jungen aufzuziehen. Jetzt eben er- zählte er. welches Pech der arme Jim mit dem„Alten" ge- habt hätte. „Warum nennt man ihn denn immer Mr. Leopold, wenn er eigentlich Mr. Randal heißt?" wagte Esther den„Kleinen Teufel" zu fragen. „Nach Leopold Rothschild." antwortete der„Kleine Teufel",„er ist fast ebenso reich wie der. Beim«City and Sub"**) hat er einen Haufen Geld gewonnen: schade, daß Sie nicht da waren, da hätten Sie auch waS wetten können." „Ich habe die Eity noch nie gesehen," antwortete Esther unschuldig. „Was? Nie die„City and Sub" geiehen? O! ich war mit dabei, hatte eine Menge Geld gesetzt und drückte mich einen Moment von meinen Pferden, als ich gerade iinbemerkt war. Der Tinman kriegte mich aber sogleich beim Ohr er kam wie toll angeschossen—'s ist ü greulicher Kerl, der Tinmau. Aber, Donnerwetter! da bekäin ich es eklig vom „Alten". Er war wütend auf mich." Die Teller sämtlicher Jungen, mit Ausnahme� des „Kleinen Teufels", warm jetzt vollgehäuft mit Beefsteak, Kartoffeln und Gemüse, ebenso auch Esthers Teller. Mr. Leopold, Mr. Swindles. das Hausmädchen und die *) 38 Kilogramm. •*) City and Sub— City and Suburban, der City- und Vor» stadtpreis. AZchm speisten von einer Hammelkeule, und ein ganz kleines Stückchen davon wurde auch dem«Kleinen Teufel" hinüber- gereicht. „Das soll nun ein Mittagessen für einen Menschen sein!" rief er verächtlich aus. Er nahm Messer und Gabel zur Hand und sagte, indem er zu essen begann:„Sie brauchten wohl noch niemals drei Pfund abzunehmen. Nein, das brauchen Mädchen ja nie, und dabei habe ich solch' eine Neigung, dick zu werden, man sollte es kaum glauben; wenn ich nicht jeden zweiten Tag bis nach Portslade und wieder zurück marschiere, nehme ich sofort drei oder vier Pfund zu. Na, dann geht's gleich los mit der Medizin, und dann bin ich ganz geliefert. Können Sie Medizin nehmen?" „Ich habe einmal drei Beecham-Pillen eingenommen." „Ach, Pillen! Das ist gar nichts! Können Sie Ricinusöl nehmen?" Esther blickte den kleinen Jungen ganz erstaunt an. Swindles hatte die Frage gehört und brach in lautes Ge- lächter(ms. Nun wollten alle wissen, worüber gelacht wurde, und da Esther das Gefühl hatte, daß man sie necken wollte, verweigerte sie jede Antwort. Die erste Portion Pudding und Hammelbraten hatte den schärfsten Hunger gestillt, und, bevor sie um eine zweite Portion baten, stützten sie sich alle mit den Ellbogen auf den Tisch, saßen da mit offenem Munde, lauschten, plauderten und lachten. Es war ein kahles, häßliches Zimmer, von einem einzigen Fenster erhellt, in dessen Umrahmung das strenge Antlitz der Mrs. Latch wie eine dunkelgraue Silhouette er- schien. Das Fenster blickte auf einen der kleinen Hinterhöfe hinaus, und das spärliche Nordlicht warf graue Schatten aus die lachenden, aufhorchenden Gesichter. „Ihr wißt doch—" sagte Mr. Swindles und sah Jim an, als wollte er sich vergewissern, ob der Junge auch noch da wäre und seinen sarkastischen Bemerkungen nickst entschlüpfen könnte.„Ihr wißt doch, wie schnell der„Alte" spricht, und wie er es nicht leiden kann, noch einmal zu wiederholen, was er gesagt hat. Da nun unser guter Jim dies auch weiß, so antwortet er ihm iinmer:„Jawohl, jawohl, Herr."—„Hast du mich auch gut verstanden?" sagt der„Alte".„Jawohl, ja- wohl, Herr!" antwortet Jim, der nicht ein Wort verstanden hat, sich aber daraus verläßt, daß wir es ihm sagen werden. Kaum ist der„Alte" außer Hörweite, so kommt auch schon mein guter Jim an:„Was sollte ich doch thun? Was hat er gesagt?" Nun aber waren wir andern heute alle weit voraus gewesen und Jim allein mit dem„Alten". Wie gewöhnlich sagt der:„Hast du mich auch gut verstanden?" und wie ge- wöhnlich antwortet Jim:„Jawohl, jawohl, Herr!" Als Jim nun zu uns herankam, ahnte ich schon gleich, was passieren würde, und sagte ihm:„Wenn du nicht ganz genau verstanden hast, was er gesagt hat, rate ich dir, lieber zurückzugehen und zu fragen." Jim aber behauptete, er habe ihn ganz genau verstanden.„So, na, was hat er dir denn aufgetragen?" fragte ich.„Er hat mir gesagt." sagt Jim,„ich soll die Mähre bis dort ganz hinaus, bis ans Ende der Rennbahn reiten, wo er mich erwarten würde." Mir kam das gleich komisch vor. Ich konnte mir nicht denken, daß der„Alte" ein Pferd wie Firefly einen solchen Galopp machen lassen würde. Jim aber schwor, er habe recht gehört, und beide sausten davon. bis jenseits von Southwickhill. Ich konnte von weitem nur sehen, wie der„Alto" ganz wild mit den Armen in der Luft herumfuchtelte; was er sagte, konnte ich nicht hören; das wird Euch Jim erzählen. Er hat's Dir gut gegeben, was. Du alter Grützkopf?" sagte Mr. Swindles und gab dem Jungen einen Klaps auf die Schulter. „Ihr könnt lachen, so viel Ihr wollt. Ich bleibe dabei, daß er mir gesagt hat, mit dreioiertel Geschwindigkeit zu ihm hin zu galoppieren," erwiderte Jim, und um die Unterhaltung auf ein andres Thema zu bringen, bat er Mr. Leopold, ihm noch einmal Pudding aufzulegen. Und die hungrigen Augen des„Kleinen Teufels" verfolgten eifrig jeden Bissen, den der Grützkopf in den Mund steckte. Als er sah, daß Esther kein Bier trank, rief er: „Na, so was lebt nicht! Wenn man Ihnen zusieht, was Sie essen und trinken, könnte man beinahe glauben, daß Sie auf Goodwood den Silberschwanz zu reiten hätten." Die Bemerkung wurde mit allgemeinem Gelächter auf- genommen, und wie berauscht von seinem Erfolge schlang der ».Kleine Teufel" seine beiden Arme um Esther und sagte: „So, nun geht's los, jetzt halten Sie Ihr Pferd gut im Zügel tmd dann—" Aber der„Kleine Teufel" hatte sich verrechnet. Er hatte nicht geglaubt, daß dies sittsame, ruhige, kleine Mädchen im stände sein würde, so aufzuflammen, und eine tüchtige Ohr- feige ließ ihn heulend und erschreckt in seinen Stuhl zurück- fallen. „Ekliges Frauenzimmer!" wimmerte er,„können Sie denn keinen Scherz verstehen?" Aber Esther war jetzt empört. Von der ganzen Unter- Haltung während des Mittagsessens hatte sie auch nicht ein Wort verstanden und hatte im Vollbewußtsein ihrer Armut und Unwissenheit sich eingebildet, daß manche der bissigen Bemerkungen des„Kleinen Teufels" auf sie gemiinzt waren; und während sie sich jetzt vergeblich bemühte, ihre Empörung herunterzuwürgen, drang ein wahrer Regen von Schimpf- Worten von den andren kleinen Jungen undeutlich an ihre Ohren. „Ekliges, dreckiges, bossiges Geschöpf!" riefen sie; „Küchenbesen" und so weiter; auch verstand sie nichts von der geflüsterten Beratung der Jungen, die ein Komplott schmiedeten, sie„zu ducken", wenn sie an den Ställen vorbei- käme. Die ganze Gesellschaft sah etwas verlegen aus, nament- lich Grover und Mr. Leopold. Margarete aber sagte: „Nun werden diese frechen Jockeybengels bald merken, daß das Dienstbotenzimmer hier kein Pferdestall ist. Sie dürften hier gar nicht hereingelassen werden." Mr. Leopold nickte und befahl dem„Kleinen Teufel", mit seinem Geheule aufzuhören; er fügte hinzu:„So weh kann es Dir gar nicht gethan haben, sei nicht so albern und Hab' Dich nicht so. Komm, trockne Deine Thränen und iß ein Stück Johannisbeerkuchen, oder mach', daß Tu raus- kommst. Mr. Swindles will uns jetzt erzählen, wie das Versuchsrennen ausgefallen ist. Wir wissen, daß Silber- schwänz gewonnen hat. Aber wir haben noch nickst gehört, wie, wo und warum, und wie die Gewichte waren." „Hm!" sagte Mr. Swindles,„da kann ich Ihnen nur folgendes sagen: „Ich ritt bis auf ein, zwei Pfund mit acht Stein sieben*), und der„Rake" hat, das wissen Sie ja, höchstens sieben Pfund unter dem Bayleaf.„Ginger" reitet so ziemlich gleich schwer wie ich— sagen wir rund acht Stein sieben, das, glaube ich, kann er machen—, und der„Kkeine Teufel" reitet jetzt— na, das wissen wir ja— über sechs Stein, in seinem gewöhn- lichen Anzüge sechs Stein sieben." „Ja, ja, aber wer kann wissen, ob nicht sieben, vielleicht gar zehn Pfund Blei im Sattelzeug steckten?" „Der„Kleine Teufel" sagt nein, nicht wahr,„Kleiner Teufel"?" „Ich weiß nicht, es ist mir auch egal, aber ich will mich nicht von'nein Küchenmädchen hauen lassen!" „Ach! Nun aber halt's Maul oder mach', daß Du raus- kommst, wir haben nun genug davon gehört," sagte Mr. Leopold. „Also ich startete nach Vorschrift.„Ginger" war mir etwa dreiviertel Pferdelänge voraus, aber da war er schon fast aus dem Sattel raus. Ter„Alte" stand dreiviertel Meile von unserm Start, und das nahm„Ginger" ziemlich leicht, aber nun hieß es: Weiter bis nach der Mühle, und das ge- wann der„Kleine Teufel" mit'ner halben Pferdelänge, das heißt, wenn„Ginger" ihn nicht vielleicht absichtlich hat ge- Winnen lassen." (Fortsetzung folgt.); Berliner Kunftlalons» In dem Kassircrschen Kunstsalon begegnet man wieder einmal einem, an dem man immer seine Freude hat: W i l h e l m.T r ü b n e r. In unbcirrter Tüchtigkeit geht er seinen Weg. Er eilt nicht. Er wird nicht unruhig, ob er das Ziel erreicht, Wuchtig und schwer ist sein Schritt. Und ruhig blickt das Auge. _ Da ist eine alte Frau von ihm. Er betont besonders:„mit zwei Händen". Es ist überflüssig hervorzuheben, daß diese Hände energisch und sachlich-liebevoll modelliert sind. Es sind Wvische Hände und doch ganz persönlich charaktcrisier-t. Die Hände einer Alten, deren Leben Sorge und Mühe war. Und noch ein andres redet aus dem famosen Kopf. Ein fester Blick, hinter dem allerlei verborgen schlummert, das das Leben zudeckte, aber uicht verschüttete. Und der Mund ist stumm. Schumi sind die Lippen und die Züge zerfurcht, aber nicht hart. Ein wenig ist der Mund geöffnet, wie das bei alten Leuten oft der Fall ist. Sie sehen viel und sie verschließen viel. Beinahe scheint es manchmal, als wäre ihr Blick nach innen gewandt. Und doch sind diese Leute immer Zeit ihres Lebens Wirklichkcits- öl Kilogramm. naturcn gewesen, T;a6cu cS sein müssen. Geredet haben Leute dieser Art nicht viel. Pflichten habe» sie übernommen, stillschweigend und das sittliche Muh gefühlt, nicht viel gehadert und gerechtet darum. Es wird einem warin und ernst bei solchen Bildern, in denen eine tiefe, sittliche Volkskrasi überzeugend festgehalten ist. Die gleiche, charakteristische Tprachc reden die Landschaften: „Waldeingang",„Landschaft.",«Gemüsegarten",„Schlotz Lichtenberg im Ödcinvald". Schmer und grau und, gegen die sprühenden Landschaften unsrcr modernen Künstler gehalten, beinahe lichtlos. Tics ist nur das erste Emvfindcn. Tiefe Natur ist persönlich gesehen. Nicht im Fluge eines vorüberhiischendc» Momentes, dem die Phantasie nachhilft, sondern weise Wahl glich aus, glättete das Kraffe, schuf. Tas ruhige, ge- festigte Empfinden eines vollkräftigen Mannes, der nicht das Flunkern liebt, der aber auch nicht still sich mit dem Errungenen begnügt, redet daraus. Ein männliches Streben. » Eine Stufe tiefer kommen wir zu L u c i e n S i m o n. Auch er hat zwei Bilder, die in fest umrissener Art alte Leute darstellen. Tiefe müssen mis früherer Zeit stammen. Sie sind schwer in Ton und Farbe. Namentlich der Alte, der neben seiner Frau auf dem Sofa sitzt, ist fein plastisch modelliert. Tann entwickelt sich Farbe nnd Licht. Seltsam wirkt— düster und warm zugleich, farbig und dock, dunkel im Gcsamtton— der„Tanzsaal in der Bretagne". Ist es nur da? Fremdartige, das sich in den volllichei, Charaktertypen da ausspricht in Kostüm und Geste— etwas Schtoer-Leidenschaftliches, Ercentrisches und doch Plumpes—: etwa eine Mischung von Germanen- und Galliertnm? Von da geht der Weg der Farbe immer mehr aufwärts zum Lickck. Ein Akt in der Stube, die Kleider liegen nebenbei ans dem Stuhl, erinnert in der Stellung der halb im Stuhl liegenden Figur an einen gleichen Vorwurf Bcsnards. Toch ist eine 5>lust dazwischen wie zwischen banger Wirklichkeit und Traum. Bei Bcsnard war etwas Persönliches fühlbar. Hier weist man nicht recht wozu? Es werden so unendlich viel Akte gemalt, dast man nach der Berechtigung forscht, sobald wieder einer auftaucht, namentlich, wen» er prätentiös austritt, wie dieser hier und schon durch die Größe seines Formats verblüfft. Räumlich fein ist ein kleines Bild mit verschiedenen Männertypen:„Männer-Asyl". All diese Köpfe hintereinander und übereinander, und im Hintergrund die graue Wand mit der geöffneten Thür— unmerklich vertieft sich so der Raum. Feines Farbengesühl bekundet ein Bild:«Tic Dienerin". Vor einem geöffneten Kück, enschrank, dessen Innenwände blau gehalten sind— allerlei Töpfe und Teller bauen sich auf den Regalen auf— steht das Mädchen in schwarzem Kleid und hält ein Tablett mit Ge- schirr. Das Grau der Teller, die blaue Wand des Schrankes, das schwarze Kleid und die meiste Haube geben eine feine Zusammen- stinnnung. Dieses Farbengesühl. das uns ein wenig fremd ist, zeigt sich auch in einem frei ausgebauten Stilllebcn. L. Simon versteht vornehm und zurückhaltend zu charakterisieren. Tas sieht man an einem Tamenporträt. Dieses Zurücktreten, dem man doch anmerkt, dast der Künstler nicht aus Oberflächlichkeit handelt, sondern das Bezeichnende doch ficht, berührt angenehm. Nimmt man nun»och die beiden letzten, ganz farbigen, freien Landschaften, so stehen Anfang und Ende der Laufbahn wie Gegen- sätze gegeneinander. Es ist wie ein lehrreicher Diskurs, den uns Kassirer mit diesem Maler gicbt. Nickst das erste Mal. Ter ur- fprünglick, schwerfarbige Maler geht über zum Licht, zur Farbe, die im Licht sich bewegt. Es ist eine beinahe typische Entwicklung, die die frühere Generation unsrer Künstler durchmachte. In jedem Einzelnen wiederholt sich ein Allgemeines. Toch hier— kehrt man gern znin Anfang zurück, zu den Porträts der Alten. Es ist weniger Lernen hier zu sehen. Aber mehr Eharaktcr. Oder ist auch der— gelernt? Man weist es bei Simon nicht recht. Doch das stählt man, dast er zu denen gehört, die ehrlich lernten. Auf einein Selbstporträt sperrt Philipp Klein gähnend seinen Rachen. Das heistt, er gähnt nicht, sondern er lacht. Lacht so. dast beide Reihen Zähne sichtbar find. ES lönnte ein Rcklameplakat stär Odol oder sonst ein Zahnwasfer sein. Dieses Porträt erinnert in seiner erdigen Farbe und seinein absichtlich bravourösen Strich aufdringlich an Franz Hals. So geht es einem überhaupt inst diesem Künstler. Sein Porträt ist typisch für seine Künst. Er stört sich selbst nicht. Er ist unbeschwert. Viele andre junge Künstler stehen sich selbst immer im Wege und kommen nicht an sich vorbei. Sie wollen zu viel. Klein erledigt seine Sache immer flott und mit Geschmack. Er ist ein Begabter— unleugbar. Aber ei« Künstler? Er malt Landschaften, die sich zwanglos räumlich vertiefen und die Farben leuchten auf der Fläche des Sees. Es ist alles gut ge- geben. Kein Zuviel stört. Es könnte ganz gut sein. Flugs setzt er ein hübsches, tokctt gekleidetes Dämchen ans Ufer. Oder er setzt ein Liebespaar, das sich umschlungen hält, ans die Bank. Nicht ctlva träumerisch. Einfach eben so— man thut'S so. Es macht sich nett. Diese triviale Oberflächlichkeit deutet die Grenze an. Dabei hat er Fähigkeiten. Das„Porträt des Dr. E." zeigt das. Es ist sachlich und ruhig. Freilich auch nichts weiter als technisch gut gemalt. Wer es stört nichts. o Sowie man mehr erwartet als Geschmack, den die Zeit u»b zeitliches Können bildete, versagt er. Seine„Stillleben" sind ge- Ichmackvoll. Weiter nichts. Sie sind mit Geschmack heruntergcpinselt. Man spürt die Fixigkeit und die Schneidigkeit des Bewusttseins: Was bin ich doch sllr ein Kerl! Eine längst verflossene Malerzeit taucht wieder auf. Man glaubte sie. überiouuden. Diese Zeit des Aeusterlich-Genialen. Das breite Lachen ist charakteristisch aus dem Selbstporträt. Am Eignen fehlts! Am eignen Sehen, Suchen und Erringen. Wo er das geben soll, wird er simpel. Der eigne Elan, der inner- liche Schwung— da hapert's. Das kennzeichnet ihn als Nach- ahmer, der Gewonnenes leicht übernimmt, diese äustere Maler- Verve. Ihn beschwert nichts. Natürlich kehlt auch der„Akt am Kamin" nicht und der Halbakt mit den, interessanten Gcsichtchcn. Am besten wirkt das erwähnte Porträt des Dr. E. Ei» gut Teil danach kommen die Landschaften und die Stillleben, Es ist eine Talentprobc. Ms viel mehr kam, man es nicht gelten lassen. Das Weitere must erst die Zulunft weisen. Er hat noch zu viel Unruhe in sich. Doch: es ist besser, talenwolle Nachahmer zu sehen, als„nfähige Kopse, die partout etwas bedeuten wollen. » Ausdringlicher wirst schon RobertBreyer. Sein Geschmack schweist schon hinüber ins Affektiert-Süstlichc. Nur eine moderne Pose täuscht darüber hinweg. Von künstlerischem Wollen ist bei ihm so viel wie nichts zu spüre». Er giebt ein„Porträt der Frau St.". Raffiniert effektvoll soll es wohl sein— diese schlanke, blonde Dame, die so hübsch aus dem Bilde herauSguckt� vor eine», roten Seidenvorhaug, an dem polierten Tisch lehnend. Da ist alles effektvoll genmlt. Das Kleid, der Vorhang, der polierte Tisch I Namentlich der war ein gefundenes Objekt. Und da alle diese Rafsinierthcit noch nicht genügt, bekam die schanke, blonde Dame noch ciiici, weißen Kakadu aus die Schulter gesetzt. So ist's nun eine Herzfreudc für jedes malerisch empfindende Gemüt. Ein andres Porträt einer Dame mit Kind ist zu bunt. Es wirkt nicht ein- hciilich. Und die Ebarakteristik ist hohl und äußerlich. Und der Technik fehlt das Rückgrat. Dieser Maler kau n. Möchte er doch ein wenig wollen. Auch hier giebt's aparte Stilllebcn zu sehen. Hellblauen Flieder in zartgrüner Vase. Und feine Tassen. Und Obst. Diese Stillleben-Mauie— apart gemalte Farbenfreuden— das ist bezeichnend. Mit Leo V. K ö n i g erheben wir uns wieder ein loci, ig. Er verfügt über eiiici, breiten, gesättigten Strich und hat Freude an niigebrochenei, Farben. Etwas Abglättung könnte ihm nicht schaden. Doch hat er Sinn für das Eharaktcristiichc einer Person. Seine Porträts beweisen das. Und auch für das innere Leben seiner Menschen. Vor allein: mm,| mcrtt bei ihm Persönlichkeit. Diese hindert ihn vielleicht manchmal, so ungehindert frei zu schalten, wie Klein und Breyer. Wo er sieh aber dam, festhakt, da kommt etwas Bleibenderes, Schwereres zu stände. Etwas, das nicht so leicht Iviegt. Was Flau in auszeichnet, der bei A in e l a n g ausstellt, das ist die Wucht, mit der er aus einem centralen Empfinden heraus gestaltet. Es ist etwas Musikalisches, Auslösendes, Schweisendes in seiner Kunst. Unter den Bildhauern»nsrer Zeit nimmt er einen eignen Platz ein. Er will zu dem Mittelpunkt hin, dem Sinn der Welt, der ihm Drang, Bewegung ist. Schaffen ist Ausströmen dieser Kraft. Es befreit die Menschen von alle», Zeitlichen, Zufälligen. und richtet sein Augenmerk auf das Seelische. Innerlichst- Wirkende. So find seine Gestalten zeitlos und doch im schärfsten Sinne zeitlich. Eine Kraft spricht daraus, die frei von Nachahn,»ng ihren Weg sucht. Seine Menschenpaare— eines im Kampf und eines in Verzückung— sind ein deutlicher Beweis für die Fähigkeit, innerliche Regungen äußerlich vollendet umzugestalten und der der Natur folgende künstlerische Wille steht auf gleicher Höhe mit der zur Anschauung zu bringenden inneren Idee.— E r n st S ch ii r. kleines feuilleton. lcx. Ziergehölze mit eßbaren Früchtem Seit vielen Jahr- Hunderten hat sich kein neuer Baun, oder Strauch in Teutschland eingebürgert, der eßbare Früchte lieferte� Alle unsre vcrbrciietcn Obst- und Fruchtgehölze, die bci_ uns ursprünglich nicht einheimisch waren, Hauspflaume, Sauerkirsche, Weinstock, Walnuß, Pfirsich, Aprikose sind bereits i», frühe» Mittelalter zu uns gelommen. Seitdem ist Teutschland nicht mehr mit Bäumen oder Sträuchern. die eßbare und zwar wirklich schmackhafte Früchte besitzen, bereichert .worden. In neuester Zeit, in der sich ja der menschlich.' Unter- nehmungsgeist nach allen Richtungen hin erprobt, find nun allerdings solche Gehölzpflanzen eingeführt worden, oft mit sehr viel Reklame. aber eine größere Verbreitung haben sie doch nicht gefunden. Tas liegt nun sicher daran, daß die gerühmten Früchte keinen besonderen Wert besitzen und daß sie schließlich entbehrlich sind. Aber da der Reichtum an genießbaren Früchten in unsrer kälteren, gemäßigten Zone entfernt nicht so groß ist, wie in den milderen oder gar heißen Ländern, so sollte man diesen neu eingeführten Fruchtgehölzei, immer» hü, einige Ausnicrksamkeit schenken. Ost hat die Einführung neuer Nahrungspflanzen— z. B. der Kartoffel und neuerdmgs der Tomate — zunächst schwer mit den Vorurteilen des Volkes zu kämpfen, so könnte es ja möglicherweise mit der Einbürgerung dieser Gehölze auch sein. Unter den Ncueinführungen verdienen vielleicht zwei be- sondere Beachtung, weil sie, wenn selbst ihre Früchte weniger An- klang finden sollten, doch noch immer einen großen Zierivert besitzen. An erster Stelle ist die eßbare Oelweide(Eleagmis longipes) zu erwähnen, die aus Japan stannnt. Sie ist keine Weide, sondern gehört einer Pflmizenfamilie an, die noch eher nnsren Kern- und Steinobstgewächsen nahe steht. Tie Oelweide bildet einen kleinen Strauch von einem bis anderthalb Metern Höhe mit hübschen läng- lichen, graugrünen Blättern. Im Mai hängt sich der kleine Strauch mit zahlreichen gelben Blüten, die sehr angenehm riechen. Am schönsten aber nimmt sich die Oelweide aus, lvcnn sie im Sommer mit Früchten beladen ist. Sie pflegt sehr dicht mit Früchten bedeckt zu sein, und diese geben ihr einen herrlichen Schmuck. Sie sind so groß wie Kirschen, ihre Farbe ist aber mehr brannrot, ein angenehmer rötlicher Bronzeton, und ihre Gestalt ist etwas länglich. Im Ge- schmack halten sie etwa die Mitte zwischen Kirschen und Pflaumen. Unangenehm dürfte der Geschmack wohl keinem sein, für manchen sind die Früchte geradezu eine Delikatesse. Ob sie aber allgemein Anklang finden werden, das muß erst die Zukunft lehren. Einen Vorzug haben die Früchte noch. Sie reifen zu einer Zeit, Ivo an Früchten gerade Mangel herrscht, nämlich im August, wenn Kirschen und Beeren- obst vorüber und Birnen und Aepfel noch nicht recht reif oder tvohl- schmeckend sind. So ist denn ein Versuch mir der eßbaren Oeliveide sehr anzuraten: die größeren Baumschulen besitzen sie. Dasselbe gilt von der eßbaren Eberesche(Sorbiis auouparia fructu dulci). Dieser Baum ist nichts als eine Abart unsrer bekannten Eberesche, die mit ihren zierlich gefiederten Blättern, ihren leuchtenden weißen Blütcndolden und ihren herrlichen scharlachroten Früchten eine der schönsten einheimischen Gehölz- pflanzen darstellt. Dieselben zierenden Eigenschaften besitzt nun auch die Abart mit den etzbaren Früchten, wie sie denn überhaupt äußerlich der Stammart vollständig gleicht. Sie stamnit aus dem nordöstlichen Oestreich und wird namentlich in Südrußland viel angebaut. Ihre Früchte haben einen süßsäuerlichen würzigen Geschmack, können aber auch wie Vreißclbecren eingemacht werden und liefern alsdann ein er- fischendes, wohlschmeckendes Kompott. Tie Eberesche gedeiht ebenso wie die eßbare Oelweide auf jedem nicht ganz sterilen Boden, beide sind in keiner Beziehung anspruchsvoll, beide sind auch vollkommen wintcrhart. Wer gern interessante Neuheiten in seinem Garten an- pflanzt, der möge also die beiden Gehölze anschaffen, er wird, selbst wenn ihn die materielle Seite derselben nicht befriedigen sollte, doch die Schönheit dieser beiden Pflanzen anerkennen müssen.— u. Warum brechen die Lauipencvlinder? Die Hrnchtiirsache des Zerbrechcns von Lampenchlindern ist natürlich die Ungeschicklichkeit der Menschen. Aber selbst wenn man die Lanipcncylinder nicht auf die Erde wirft, sie nicht gegen metallene Gegenstände stößt und— ein sehr beliebtes Zrrstönlngsmjttel— sie auch nicht schief auf die Lampe steckt, sie al'o im allgemeinen sorgfältig behandelt, sind die Cylinder der Petroleumlampe doch iveniger lauge zu be- halten als die der Gaslanipen. Die Ursache ist im Petroleum selbst zu suchen. Bei seiner Reinigung erhält es einen freilich geringen, aber immerhin schädlichen Gehalt von Schwefelsäure. Beim Brennen gelangt diese Säure auf den Cylinder und setzt sich besonder? stark an der Stelle über der Einschnürung an. Von dort ist sie. da sie sehr fest haftet, auch beim gewöhnlichen Reinigen der Cylinder kaum zu entfernen, sie bildet vielmehr mit den» Glase eine chemische Verbindung, und in- folge davon ist der Cylinder an der bezeichnete» Stelle weniger widerstandsfähig und zerbricht dort sehr leicht.— Aus dem Tierleben. k Tiere als Spaßmacher. Ueber dieses Thema schreibt Henri Coupin in der„Revue" einen unterhaltenden Artikel, in dem er eine Anzahl Beobachtungen aus dem Tierleben zusammen- stellt. Ter Sinn für Spähe, der so verbreitet bei den Menschen ist, kommt auch bei manchen Tieren vor. Tie Possen, die die Tiere ver- anstalten, haben jedoch nicht nur den Zweck, sie zu belustigen, oft dienen sie auch dazu, sich zu rächen oder sich irgend einen Vorteil zu verschaffen. Einen Fall einer richtigen„Komödie" hat Levaillant von einem seiner Affen berichtet, Kecs, den er im Verdacht hatte, daß er ihm Eier stehle.„Ich stellte mich eines Tages auf die Lauer, um zu warten, bis die Henne durch ihr Gackern ankündigte, daß sie ein Ei gelegt hatte. KecS lag gerade auf meinem Wagen; kaum hatte er das erste Gackern des Huhnes gehört, als er sofort herabsprang, um das Ei zu holen. Als er mich sah, blieb er plötzlich stehen und nahm eine völlig gleichgültige Haltung an. wiegte sich einige Zeit auf den Hinterfüßen, blinzelte unschuldig mit den Augen, kurz, brauchte alle List, um mich von seiner Fährte abzubringen und über sein Vor- haben zu täuschen." Man könnte glauben, daß es sich um ein Kind handelt, das bei einem Vergehen ertappt ist. Tie Hunde haben oft ein Ziel, wenn sie ihre Verstellung vollführem Ich hatte einen Hund, der zu hinken anfing, um nicht bestraft zu werden, wenn er aus dem Hause kam, dessen Betreten ihm verboten war. Und zwar hinkte er nm so stärker, einen je größeren Raub er begangen hatte, so daß schließlich seine Durchtriebenheit ihm zum Schaden wurde, da sie mit Sicherheit anzeigte, daß er in der Küche oder Vorratskammer gestohlen hatte. M. W. Groß erzählt folgenden Zug von einem Terrier: „Dieser Terrier fing gern die Fliegen an den Fensterscheiben, aber es ärgerte ihn, daß man sich über ihn lustig machte, lvcnn ihm ein Fang nicht glückte. Eines Tages lachte ich absichtlich übertrieben laut bei jedem Mißlingen von seiner Seite, da ich sehen wollte, lvas er tun würde. Meine Heiterkeit trug dazu bei, ihn noch ungeschickter zu machen. Endlich wurde sein Kummer darüber so groß, daß er in Ermangelung eines wirklichen Fanges sich anstellte, als ob er eine Fliege gefangen hatte; er machte die entsprechenden Bewegungen mit dem Maule und mit der Zunge und rieb seinen Hals gegen den Fußboden, wie um sein Opfer zu zerdrücken— worauf er mich mit triumphierender Miene ansah. Er hatte seine kleine Komödie so gut gespielt, daß er mich sicher getäuscht hätte, lvenn ich nicht zufällig bemerkt hätte, daß die Fliege nocki immer an der Fensterscheibe saß. Ich lenkte seine Aufmerksamkeit auf diese Tatsache und darauf, dag keine tote Fliege am Boden lag; als er sah, daß seine Heuchelei ent- larvt war, zog er sich tiefbeschämt unter ein Möbel zurück." RomancS erzählt eine hübsche Geschichte von der List eines Papageis. Eines Tages hatten die Katze und der Papagei einen Streit; nach einiget» Zornesbezeugungen machten sie aber Frieden, wenigstens anscheinend. Ungefähr eine Stunde später rief Polly, der Papagei, der auf den» Tischrande saß, mit liebevoller Stimme:„Putz, Putz, koinm doch, komm doch Pussy." Bei diesem Ruf kam die Katze Pusiy heran und hob ihren Kopf in aller Unschuld empor. Darauf wartete Polln aber nur, denn er ergriff mit seinem Schnabel eine Milchschale, die in der Nähe stand, goß sie über die Katze aus und flog davon, während Pussy ganz von der Milch bedeckt war."— Humoristisches. — Ans der Schule: Lehrer: Warum tverden die Affen auch Vierhänder genannt?" Schüler:„Bitte, Iveil sie auch mit den Füßen etwas in die Hand nehmen können."— — Aus dem naturgeschichtlichen Auf sah Heft einer höheren Tochter.„Wenn der Herbst kommt, hängt sich die Fledermaus auf,— wegen Mangel an Nahrung."—„?rn Mittelalter wurden die Falken als Jagdhunde benutzt."—„Der Haifisch ist ein Seeräuber,— wenn er fressen will, muß er am Rücken schwimmen, weil er ein verkehrtes Maul hat."— — Schwäbische A e st h e t i k. Ein Berliner und ein Schwabe unterhalten sich über die verschiedenen Litteraturgatrnngen. Der Berliner meint, es sei manchnial nicht ganz leicht, sie von einander zu unterscheiden. Der Schwabe sagt: „Des isch ganz einfach. Des läßt sich bei ene jede Schrift- steller ganz genau angebe. Die, lvo's lang mache, des sein die Romanciers, die, wo's kurz mache, des sein die Novellischte, die. wo's in Verse mache, des sein die Lyriker, un die, wo's in Geschbräch mache, des sein die Dramatiker."—(„Jugend.") Notizen. — Da? bieraktige Schauspiel„Der Teufelskerl" vor» Vernard Shaw geht noch in dieser Saison im Berliner Theater in Scene.— — Wilhelm Weigands fnnfaktige Tragödie„ T e s s a" wurde vom Karlsruher Hoftheater zur Aufführung an- genommen.— — D r e n e r s Komödie ,. D a S Thal des Lebens" ist. nach einigen Strichen, von der Cenfur zur Aufführung am Wiener Carl- Theater zugelassen worden. Beim Gastspiel des Ensembles des Berliner Deutschen Theaters wird das Stück gegeben werden.— — d' A l b e r t s Musikdrama„Tiefland" erlebte mit großem Erfolg in Leipzig die erste deutsche Aufführung.— — Im Mailänder Skala-Theater ist G i a c o m o P il c c i n i s neue Oper„Madame Butterfly" mit Paule» und Trompeten durchgefallen.— — Die Große Berliner Kunstausstellung 1904 und die S e c e s s i o n s- A u S st e l l u n g tverden diesmal an dem- s e l b e ir Tage, ain 39. April, eröffnet.— — Im AuSstellungssaale des K n p f e r st i ch k a b i n e t t S sind gegenwärtig Zeichnungen niederländischer Meister deS 15. und 10. JahrhuirdertS u u d holländischer M e i st e r d e S 17. Jahrhunderts zu sehe».— — An der Colunrbia-Univeriität(Nord-Anierika) haben z w e i P r o f e s s o r e n, die an dieser Hochschule die Lehrstühle für Litteratur»md für schöne Künste inne hatten, ihre Stellungen niedergelegt mit der Begründung, daß die überwiegende Mehr- zahl der Studenten an jener Universität geradezu„Barbaren" seien. und daß es eine bloße Zeitverschweudung bedeute, solchen jungen Leuten irgend welche künstlerische Bildung beibringen zu ivollen.— Die nächste Nummer deS UnterhaltungSblattes erscheint am Sonntag, den 21. Februar. Verantwortl. Redakteur: Julius Kaliski, Berlin.— Druck und Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo..Berliit L�V„