Mnterhaltungsblatl des vorwärts Nr. 37. Sonntag, den 21. Februar. 1904 (Nachdttllk verboten.) 4) Bftber Maters. Nomon Don George N! o o r s. „Absichtlich!?" rief entriistet der„Kleine Teufel".„Wie wir noch'ne Viertelmeile vom Ziel waren, ließ ich Silber- schwänz Plötzlich den Zügel, ohne daß„Gingcr" es merkte, und die ganzen letzten fünfzig Meter war ich ihm um'ne halbe Länge voraus.„Ginger" reitet eben nicht besser als alle die andren feineil Herrenreiter." „Seht Ihr," sagte Mr. Swindles,„er verträgt eher eine Ohrfeige vom Küchenmädchen, als die Idee, daß ein Gentleman ihn beim Rennen schlagen köilnte. Wenn es noch sein Kollege Tininan wäre, hätte cS nichts zu bedeutcil— was,„Kleiner Teufel"?" �„Das soll mir keiner sagen," cntgegeuete Mr. Leopold, „daß Baylcaf auf eine Meile geschlagen werden kann— also muß da irgend ein Unterschied iin Gewicht gewesen sein. Außerdem, glaub' ich, ging die Probe bloß auf dreiviertel Meile— die Meile war geflunkert." �„Ich sollte meinen," warf Mr. Swindles dagegen ein, „daß die Pferde genau abgewogen sind. Und wenn der Silberschwanz bei dem Gewicht den Bayleaf schlagen konilte, dann wird ihm auf Goodwood so leicht keiner beikommeu." Vorwärts gelehnt, die Arme auf dm Tisch gestützt, große Stücke Käse auf den Spitzen ihrer Messer, horchten die Mädchen und der Iocken zu, wie Mr. Leopold und Mr. Swindles die Chancen diskutierten, die ihr Herr hatte, den Stewards Cub- Preis mit Silberschwailz zu gewinnen. „Aber er läßt sie imnier wieder und wieder Probe laufen," rief Mr. Swindles aus,„und wie oft Hab' ich ihm schon ge- sagt, er soll das lassen. Was soll das nützen, Hab' ich gesagt. Man läßt keine Pferde so offen Probe laufen, die noch nicht in guter Form sind. Tie ganze Strecke wimmelt ja von Auf- Passern. Tie Hunde lauern ja schon so auf alles, daß man nicht mehr einein Gaul die Mähne streicheln kann, ohne daß es morgen in den Zeitungen steht. Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich würde der Gesellschaft zeigen—" Mr. Swindles goß rasch sein Bier hinunter und setzte das Glas so hart auf den Tisch, als wollte er einen der Svione niederschlagen. Alles schwieg eine Weile, dann sagte Mr. Leopold: „Kommen Sie in niein Zimmer, wir wollen dort eine Pfeife zusammen rauchen. Mr. Arthur wird wohl herunter kommen, vielleicht sagt er uns, welch' ein Gewicht er heute morgen geritten hat." „Sie alter, schlauer Fuchs, Sie!" sagte Mr. Swindles, erhob sich und wischte seine glattrasierten Lippen mit dem Handrücken ab.„Sie wollen uns doch nicht weismachen, daß Sie von nichts wissen, was? Wollen Sie uns vielleicht ein- reden, daß der„Alte" Ihnen nicht jedes Wort erzählt, wenn Sie ihm morgens sein heißes Wasser auf sein Zimmer bringen?" Mr. Leopold ließ ein leises Lachen ertönen und ging dann mit sehr geheimnisvoller Miene Mr. Swindles voran aus dem Zimmer. Esther sah ihnen iit großer Verwirrung nach. Sie hatte von Rennplätzen stets nur gehört, daß es schandbare Orte seien, auf denen Männer ruiniert würden, und man hatte ihr- gesagt, daß Wetten eine Sünde sei: in diesem Hause aber schien man an gar nichts andres z« denken. Nein, das war kein Aufenthalt für ein christlich erzogenes Mädchen! „Wir wollen wieder ein bißche« im Roman lesen," sagte Margarete.„Sie haben ja schon die neue Nummer. Das letzte war, wie er die Opernsängerin bitten will, mit ihm zu entfliehen." Sarah zog eine illustrierte Zeitung aus der Tasche und begann laut vorzulesen. III. Esther gehörte zur Brüdergemeinde von Plymonth. � In ihrer Kirche— wenn man das Haus, in dem ihr Gottesdienst stattfand, überhaupt so nennen konnte— gab es weder Heiligenbilder noch Gewänder, noch Musik, noch selbst eine Anregung der Einbildungskraft durch vorgeschriebene Gebete. Vom Leben wußte sie nichts als das, was sie selbst erfahren hatte. Von Schauspielen des Leidens und der Leidenschaften kannte sie nur die. die in der Bibel erzählt wurden. Der Roman in der illustrierten Zeitschrift, dem„Family Reader"» war die erste Darstellung des Lebens, die sie kennen lernte, und was darin erzählt und gethan wurde, erregte und be- wegte sie wie noch nie zuvor etwas. Die Schauspielerin, die Heldin dieser Geschichte, gestand Norris, daß sie ihn liebe. Sie befanden sich auf einem Balkon, der Hinnnel über ihnen war blau, der Mond schien, die warinen Düfte von Reseda und Rosen drangen vom Garten zu ihnen empor. Der Mann trug einen Frackanzug und Brillantknöpfe im Vorhemd, die Schauspielerin hatte runde, weiße Arme. Schon vor Jahren hatten sie einander geliebt, und die seltsamsten Dinge waren passiert, um sie wieder zusammenzubringen: fast gegen ihren Willen gefesselt, konnte Esther nicht anders als zuhören. Als das Kapitel aber beendet war, zwang sie das anerzogene Puritanergcfühl, etwas dagegen zu sagen. „Es ist doch sicher eine Sünde, solche Geschichten zu lesen." sagte sie. Sarah sah sie erstaunt an. Grober erwiderte: „Wozu sitzen Sie eigentlich noch hier? Hat Mrs. Latch denn gar keine Beschäftigung für Sie?" llnd Sarah, die plötzlich zum Bewußtsein der Situation erwachte, sagte: „Aus Ihrer letzten Stelle hat man Ihnen wohl nicht er- laubt, Romane zu lesen? Das waren gewiß so... eklige, fromme Leute?" - Die Sache hätte hiermit beendet sein können, wenn Margarete nicht plötzlich erzählt hätte, daß Esther eine ganze Kiste voller Bücher besäße. „Die Bücher möcht' ich sehen," sagte Sarah.„Ich wette, es sind alles Gebetbücher." „Sie können zu mir sagen, was Sie wollen— ineine Religion aber dürfen Sie mir nicht angreifen." „Ihre Religion angreifen? Das thue ich doch gar nicht. Ich sage nur, daß ich glaube, Sie haben noch nie ein andres Buch als ein Gebetbuch gelesen." „Wir gebrauchen gar keine Gebetbücher." „Was für Bücher haben Sie denn sonst gelesen?" Esther zögerte, ihre Miene verriet sie, und Sarah, die die Wahrheit vermutete, sagte schnell:. �, „Ich glaube, daß Sie überhaupt nicht lesen können! Ich wette zwei Pence, daß Sie nicht eine Zeile hier in diesem Blatte lesen können." � Esther schob die dargereichte Zeitung zurück und verließ das Zimmer, Kummer und Demütigung im Herzen. Woodview und alles, was dazu gehört, wurde ihr unerträglich, und ohne danach zu fragen, daß sich die Köchin darüber beklagen könnte, lief sie auf ihr Zimmer hinauf und schloß sich ein. Warum, warum, fragte sie sich leidenschaftlich, machte es ihnen allen Vergnügen, sie so zu quälen? War es denn ihre Schuld, daß sie nicht lesen gelernt hatte? Da waren die Bücher, die sie um ihrer Mutter willen so liebte, die Bucher, die solche Schande über sie gebracht hatten. Nicht einmal ihre Titel konnte sie lesen, und das Bewußtsein ihrer Unwissenheit lastete schwer auf ihrer Brust. Die Bibliothek war bunt genug. Da war„Peter Parleys Kalender".„Freundliche Erinnerungen an fremde Länder", Tie Kinder der Abtei".„Onkel Toms Hütte", Lambs„Er- zählungen nach Shakespeares Dramen", ein„Kochbuch", Rodas„Mission der Liebe",„Die heilige Schrift" und die englische Kirchenagcnde. Sie drehte die Bücher in ihrer Hand hin und her und dachte, welche Geheimnisse diese ihr unverständlichen Druck- typen wohl enthalten könnten. Buchstaben waren für sie ein ebenso großes Geheimnis wie die Sterne. Esther Waters stammte aus Barnstaple. Sie war nach den strengen Gesetzen der Plymouthcr Brüdergemeinde erzogen worden, und ihre frühesten Erinne- rungen bezogen sich fast nur auf Gebete und das Bild eines schlichten, friedlichen Familienlebens. Dies Leben hatte ge- dauert, bis sie zehn Jahre alt war: dann starb ihr Vater. Er war Stubenmaler gewesen und war in früher Jugend. schon durch schlechte Gesellschaft zum Trunk verleitet worden. Er war oftmals nicht im stände gewesen, zur Arbeit zu gehen, und eines Tages, als er auf dem Gerüst saß, siel er betrunken herab. Als er im Hospital lag, schrie und flehte er zu Gott, ihn von seinen Leiden zu erlösen. Da sagten die Brüder: „Tlt hast noch nie zuvor an Gott gedacht, habe jetzt Geduld, dl, wirst wieder geftuid werden, Gott ist barmherzig mit dir. Willst du ihn aber nun nicht kennen lernen und ihn« danken aus dem Grunde deines Herzens?" John Waters Herz war gerührt, er wurde ein Mitglied der Brüderschaft und wies die Gefährten von früher, die ihm nicht folgen wollten, zurück. Durch seine Bekehrung und spätere Frömmigkeit gewann er die Sympathie von Mary Thornby. Marys Vater wollte aber nicht eher die Ein- willigung zur Heirat geben, als bis John sich verpflichtete, den gefährlichen Berus eines Haus- und Stubenmalers auf- zugeben. John Waters willigte ein, und der alte James Tlioriiby, der durch ein Antiquitätengeschäft sich genügend Geld erworben hatte, trat unter gewissen Bedingungen sein Geschäft an das junge Ehepaar ab, so daß John nun, unter Leitung seines Schwiegervaters, einen ganz einträglichen Handel in altem Glas, alten Schmucksachen und alten Möbeln betrieb. Der Brüderschaft gefiel sein Gewerbe nicht, und mehr als einmal sagte sie zu ihm: „Natürlich hast du das mit dem Herrn selbst abzumachen. Diese Sachen aber"— womit sie das alte Glas und die alten Schmucksachen meinten—„sind oft sehr geeignet, schwächere Brüder in Versuchung zu führen. Aber natürlich hast du das selber mit Gott abzumachen." John Waters selbst wurde oft von Skrupeln geplagt, ob tvohl sein Gewerbe durchaus rechtlich wäre, aber die sanfte Stimme und die Augen seiner Frau, und das Leiden, welches er von seinem Unfall zurückbehalten hatte und welches ihn für einen andren Beruf untauglich machte, besiegten seine religiösen Skrupel, rind er blieb bis an sein Lebensende Händler in alten Kunstsachen: nur einige Artikel, gegen die die Brüder ganz besonders eingenommen waren, gab er im Geschäft auf. Als er starb, versuchte seine Frau das Geschäft fort- zuführen, aber ihr Vater, der inzwischen alt und schwach ge- worden war, vermochte ihr nicht mehr dabei zu helfen. Im folgenden Jahre verlor sie ihre beiden Eltern, viele Ver- Änderungen gingen in Barnstaple vor sich: man baute neue Häuser, am vornehmeren Ende der Stadt etablierte sich ein größerer und schönerer Laden als der ihrige: kurz, Mrs. Waters sah sich endlich gezwungen, ihr Geschäft fast für ein Butterbrot zu verkaufen und noch einmal zu heiraten. In ihrer zweiten Ehe bekam sie viele Kinder aufeinander: die Wiege war eigentlich niemals leer, und Esther wurde nur noch die kleine Kinderwärterin genannt. Sie wurde nach und nach besorgt um ihre arnie Mutter, deren Gesundheit durch die zahlreichen Kindbetten sehr gelitten hatte. Mutter und Tochter konnte man abends oft sehen, eine mit einem Baby an der Brust, die andre mit einem anderthalb Jahre alten Kinde auf dem Arm. Esther wagte gar nicht mehr, ihre Mutter allein zu lassen, llin ihr besser helfen zu können, verließ sie die Schule, und so war es gekommen, daß sie nicht lesen ge- lernt hatte. Eine der vielen Ursache» zum Zank zwischen Mrs. Saunders und ihrem Manne waren ihre Besuche im Gebet- hause: er meinte, sie solle lieber zu Hause bleiben und nach den Kindern sehen. Er beschrildigte sie wohl auch des un- erlaubten Umganges mit den Brüdern und sagte mitunter, -nur um sie zu strafen:„Diese Woche werde ich fünf Schillinge mehr iin Wirtshause ausgeben, das wird Dich vielleicht besser lehren als Schläge, daß ich keinen von Deinen heuchlerischen Freunden in meinem Hause sehen will." So kam es denn, daß die Faniilie Saunders nur selten genug zu essen hatte, und Esther zerbrach sich oftmals stundenlang darüber den Kopf, woher sie Nahrung für ihre kranke Mutter und für die hungrigen kleinen Geschwister nehmen sollte. Aber Saunders, obwohl er viel Geld ins Wirtshaus trug, betrank sich nur selten und war nie ohne Arbeit. Er strich Lokomotiven an, war sehr geschickt in seinein Beruf und verdiente zwischen fünfundzwanzig und dreißig Schilling pro Woche. Er war ein hochmütiger Mensch, aber so geldgierig. daß er alles that,»venu es ihm nur Gewinn brachte. Er war ein heißblütiger Politiker, verkaufte aber ungeniert seine Ctinime dein, der am höchsten dafür zahlte, und als Esther siebzehn Jahre alt war und er nicht mehr für sie sorgen wollte, zwang er sie, das Haus zu verlassen und eine Stellung an- ztmehmen, ohne sich nur darum zu kümmern, welcher Art die Stellung oder der Charakter der Menschen war, zu denen sie ging. Sie waren schon seit vielen Monaten von Barnstaple fortgezogen und wohnten nun in einer kleinen Seitenstraße der Vaurhall Bridge Road, in der Nähe der Fabrik, in welcher Saunders arbeitete: und seit sie in London wohnten, war Esther beständig in Stellung. Er sei nicht verpflichtet, sie zu erhalten, sagte er, Sie sei nicht sein Kind, er habe genug eigne Kinder. (Fortsetzung folgt, f Zwlfcbcn Babel und Bibel. Im Cirkus Schumann zu Berlin spielt sich allabendlich mit un- vernnndertem Glanz die in Trikot gewandete Wissenschaflsttügödie ab, die sich„Babel" nennt. Man weiß, daß nur die unheilige Hälfte im Titel geblieben ist. Ursprünglich stand„Babel und Bibel" auf den Plakaten. Wer die Gewaltigen der Generalsynode empörten sich, daß das Buch der Bücher in dem Titel eines CirkusstückeZ ge- nannt würde, obwohl doch CirknS genau das gleiche Wort wie Kirche ist. und so schnitt die Polizei die Bibel ab. Doch mit diesem Titel- schicksal ist die Bedeutung der Pantomime bei weitem nicht er- schöpft. Auch nicht darin ruht ihre epochale Neuerung, daß hier zum erstenmal Wissenschaft getanzt, geritten, gespritzt, geschwommen wird, daß sie sich in behaglichen Schenkeln und erweiterten Hälsen, in Wollperrücken und Seidenflitter, Glühlampen und Pappguirlanden materialisiert— nein, sie offenbart in einer überwältigenden Demonstration, um mit dem Grafen Bülow zu reden, die politische Psyche unserer Zeit. Und darum sollte man die Erinnerung an dies Wunderwerk über die Vergänglichkeit einer Saison ernsthaft retten. So wie man das Stück heute sieht, ist es das gemeinsame Erzeugnis nicht nur der Schneiderei, Beleuchtungsrcchnik.Pserdedressur und Choristinnenreiz, sondern in seinem typischen Wesen das gärende Kompromißprodutt zwischen dem nach Wahrheit ringenden dichterischen Genius und der in der Polizeizensur verkörperten Seelenwache über fromme Sittlichkeit. Hier ist das Problem gelöst, das Graf Oriola in seinem Plaidoyer für die SeccssionSmalerei austoarf: die Kunst muß frei sein, aber sie darf nicht frech sein, es ist die Wahrheit zwar erlaubt, aber streng verboten, die Autorität zu erschüttern. Der Verfasser des Babclwerkö hat in bewunderungswürdiger Weise das rechte Mittel gefunden. Er ver- einigte Delitzsch, Stöcker und Hirsch Hildesheimer, er versöhnte Babel und Bibel, er zog eine Diagonale zwischen Offenbarung und Geschichte: er entsprach dadurch sowohl den Ansprüchen eines ge- prüften Archäologen und den Errungenschaffen der Bibelkritiker aus der Schule Wellhausens wie er die Autorität der Sittenpolizei, die froinnten Gewissen der in den Logen andächtigen Gardelieutenants, das naiv-christliche Gemüt der Agrarier ans dem ersten Platz und die berlinisch aufgeklärte revolutionäre Galerie— jedem das Seine I— durchaus zu beftiedigen verstand. Man weiß, daß der Cirkus- Dichter durch die Babel— Bibel- Vorträge des Professor Delitzsch zu seinen» Vorwand für einige hundert hüpfende und gestikulierende Fräuleins angeregt worden ist. Er sagt das ii» seine»» Vorspiel selber, allwo der Professor»u»d der Theologe vor ihres Fürsten Throne sich darüber streiten, ob die Welt mit seiner erhabenen und aller-allerhöchst seligen Majestät Kohlrabi (assyrisch: Hainmurabi') beginnt oder aber niir Adam und Eva inr Paradiese, die im crstcrcu Falle nur Plagiate an den Eingebungen S. M. Kohlrabi wären. Wie ist der Streit zu lösen? Tie'modische Wissenschaft gebot, dem Assyrer den Vorrang zu lassen. Dagegen verlangte ebenso gebieterisch die religiöse Autorität die Anerkeliniiiig der biblischen Schöpfungslehre. Und da nach der Bibel die durch die polizeiliche Censur vertretene Welt noch lange nicht so alt ist, wie nach deir Aeiychriften des Prof. Delitzsch die Herrlichkeit von Babylon, so war hier ein Rätsel aufgegeben, an dessen Lösung auch ein füttsimdzwanzigfacher Löwen- und Tiger-Bäudiger verzagen möchte. Es scheint nun, als ob der Dichter in ftevclndcin Titancntrotz zuerst in seinem Werke der Babel- Weisheit gefolgt wäre. Da aber griff die Polizei rettend ein, ver- langte den Schwur auf die Bibel, und die ganze Dichttmg schien in Frage gestellt. Indessen, die Kostüme waren bereits fertig ge- schneidert— es mußte Rat geschafft werden. Jetzt, in der höchste»» Not, bewährte sich der allrettcnde Genius der mittlere» Linie. Eine kühne Eingebung und es war das hergestellt, was man nun jeden Abend sieht, ohne daß sich bisher eine Jrrfinnsepidemie unter den Zuschauern beobachten ließe, und was als wnndcrsamsteS Sinnbild heutiger Geistesverfassung von Ewigkeitswert ist. Erst kommt Delitzsch: S. M. Kohlrabi herrscht und Semiramis kultiviert die hängenden Gärten. Nachdem darüber ein Jahrtausend verflossen — d a n n e r st!— tritt die Offenbarung in Kraft. Die Welt wird nach biblischem Rezept geschaffen und das erste *) Diesen neuesten und zwingendsten Beweis für den Zufammei»- hang der allassyrifchen und modernen Kultur hat Prof. Delitzsch bisher übersehen. Und doch ist er evident. Hamur ist, wie jeder Kenner der Schrammeln lveiß, gleich Humor, und Hiimor ist, wie jeder Leser dieser Sonntagspredigteil spürt, gleich Kohl— Also l Menschenpaar hüpft mit, sicher übertriebene Vorstellungen erweckenden, Riesenfeigenblättern über die Arena. Die assyrische Welt wird so eine allererste Generalprobe vor der Weltschöpfnng, Nach einem Jahrtausend bunter Menschengeschichte wird erst die richtige Welt erschaffen, und auf die Weise wird noch eindringlich die Verruchtheit des Heidentums demonstriert, das schon vor der Weltschvpfung zu existieren sich anmaßte. Zugleich aber kam jedes zu seinen. Recht.: Erst Babel, dann Bibel, erst Delitzsch, dann die Generalsynode. Ist aber in solchem Cirkusspah nicht wirklich auf die lustigste Weise die ganze wirre Halbheit und blöde Kompromißsucht unserer herrschenden Bildung verhöhnt? Ist das nicht die Welt, die sich an Ausgrabungen protzend delektiert uud zugleich auf die Dogmen der Kirche schwört, die Moses uud Darwin gleichermaßen anerkennt, die alle Widersprüche Jahr für Jahr wiederkäuend verdaut, die mit der Vernunft zu Bette geht und mit dem Glauben erwacht... So ist die Schule, so das Leben, so torkelt die Wissenschaft brüderlich mit der Legende: Semiranns vor der Weltschöpfung... Die Cirkuscriuncruugen wurden in mir nmuter, als ich eine in diesen Tagen erschienene neue Broschüre von Professor Delitzsch in die Hände nahm:„Babel und Bibel. Ein Rückblick und Aus- blicke Die ganze Delitzsch-Episode ist ja nichts wie eine Anwendung jener ausgleichenden und vermittelnden Poesie unsrcs Trikotpoeten. Die Vernunftkritik der Offenbarung hatte seit dem 17. Jahrhundert, die historisch-philologisch-archäologische Forschung im 10. Jahrhundert die biblische Schriftensammlung gepflügt, uud die öffentliche Bildung blieb unberührt, als sei gar nichts geschehen. Plötzlich aber interessiert sich ein Fürst für die kleinen Funde, die ein Gelehrter zur Bestätigung längst gesicherter Erkenntnis vortrug, und nun ging es wie ein Lauffeuer der Aufklärung über das deutsche Publikum. Selbst manch ein Prediger auf den Gutshöfen Ostclbicns begann zu erwägen, ob es nicht Zeit sei, mit höchstem Privilegio assyrisch zu predigen. Aber die Sache verlief wie bei dein Cirkusstück. Herr Delitzsch wollte— so lourde verkündigt,— in einem letzten Vortrag auch gegen das Neue Testainent die Keilschriften ins Feld führen. In- zwischen wurde jedoch festgestellt, daß ein guter Professor die Offenbarung nicht anrempeln dürfe. Alsbald wurde der Friede zwischen Forschung und Autorität eilig geschlossen. Die biblische Wcltschöpfung wurde zwischen Assyrien mid Berlin eingegliedert, der verheißene Vortrag wurde nie gehalten. Die Gcucralsynode ist noch nicht verpflichtet, Hammurabi anzuerkennen. In seiner neuen Broschüre schreitet Delitzsch nicht in der Tarifie- rung der assyrisch-jüdischen Worthandelsverbindungen fort. Die Entdeckung, daß sich auch Moses schon in Babylon findet, verspricht er für eine zukünftige Abhandlung. Jetzt setzt er sich vielmehr lediglich mit christlichen uud jüdischen Rabinern auseinander, die ihm mit grausam gespitzten Federn auf den Leib gerückt wären. Mit bescheidenem Stolz stellt er eine Statistik seines Erfolges fest: Seine ersten beiden Vorträge hätten nur 30 uud 29 Seiten enthalten. Dennoch belief sich schon im September 1903 die Babel-Bibcl-Litteratnr,„nach Ausscheidung alles völlig Wertlosen", auf circa 1320 kleine uud über 300 große Zeituugs- uud Zeilschriftcnartikel. dazu 28 Broschüren... eine nicht zu be- wältigendc Fülle ausländischer Zeitungsausschnitte." Dazu kommen Briefe, die ganze Erde umspannend, von Kalkutta bis Kalifornien, von Nonvegcn bis Kapstadt. Alle Stände habe» sich an dieser Briefstcllerei beteiligt. Die Vorträge wurden übersetzt inS Englische, Italienische, Dänische, Schwedische, Czechische, llugarische. So launisch sind die Wege des Schicksals I Denn dieser ganze Verbrauch von Papier, Tinte, Drnckschwärze, Geist und Briefmarken wäre unter- blieben, wenn Herr Delitzsch seine Vorträge nicht in Anwesenheit seines Landesherrn gehalten hätte. Der gute Professor diinlt sich— nach dem Erfolg leicht er- klärlich— noch immer als ein Held, der gegen die ganze Welt der Theologe» auf die Wahrheit feiner Wissenschaft pocht, der beiveist, daß die jüdische Liltcratur nicht vom Himmel gefallen sei, ivas einige Leute schon früher gewußt haben sollen. Aber Herr Delitzsch hat doch zugleich gelernt, ein assyrischer Ketzer und ein gläubiger Christ zu sein. Als er seine Entdeckung in die Welt hiuansschlcuderte, der jüdische Gottesname„Jahwe" käme schon im alten Babylon vor, glaubte man, er wolle damit beweisen, daß der Monotheismus babylonischen Ursprungs sei. Wie hat man ihn nur so mißverstehen können! Die Geschichte war ganz anders. Sie war nämlich so: die Ahnen Mosis hatten schon den Jahwc-Glaubcn, bannt stiegen sie herab„zu der immer reichbesetzten Tafel Babyloniens". Aber dieser Monotheismus ging rasch unter in dein eingebürgerten Polytheisnius, der die Staatsreligion war, reichte noch gerade aus, um auf ein paar Ziegelsteine Jahlve-ähnliche Worte zu zaubern, bis dann---- ich ipiire, die Geschichte wird zu kompliziert, ich weiß nun wirklich immer noch nicht, ob Hannnurabi den Monotheismus erfunden hat oder nicht, was er schon des- halb viel eher als Moses und die Propheten hätte leisten können, iveil er ein König von Gottes Gnaden war, während die benannten Juden doch nur zweifelhafte bürgerliche Agitatoren waren. Wie aber steht es nun mit der angerempelte» Offenbarung? Da ist der gute Delitzsch einfach unerbittlich tapfer. Er bekämpft mit heroischer Wildheil die Meinung, daß Gott das alte Testament wörtlich diktiert haben könnte, er leugnet die Berbalinspiratiou. Damit jedoch ist der OffcubarungSglaube so toenig vernichtet, daß Delitzsch vielmehr— ein Schlauberger— de» Angriff auf die falsche Offen- barung dadurch vor Ketzergerichten zu schützen sucht, daß er seine eigenen Vorträge für ein Werk richtiger Offen« barung erklärt. Zwar sind ihm die Broschüren und Vorträge nicht wörtlich aus dem Jenseits diktiert worden— das wäre eben die falsche„Verbalinspiration"— wohl aber predigt er Dankbarkeit „für diese neuen, den Menschen von Gott bescheertcn Er- kennwisse" und er nennt es„eine Forderung der Wahr- haftigkeit, daß wir uns beizeiten bestreben, dem Buch(dem alten Testament), das wir unsren Kindern in die Hand geben und unsrer Nachkommen vererben als das Fundament, auf dem sie stehen sollen im Leben und im Sterben, die uns von Gott be- schiede neu geläuterten Erkenntnisse— will sagen die Delitzschs Babel-Wissenschaft— dienstbar zu machen." Auch hegt Herr Delitzsch die„feste Glaubensllberzeugung",„daß Gott wie in der Natur und in uns selbst, nämlich in unserm Gewissen und in dem Verlangen unsres Herzens nach Ihm, so auch in der G e- schichte sich uns offenbart, das heißt: sich von uns erkennen läßt, in der Geschichte durch sein alle Menschen uud Völker umfassendes, auf immer höhere Vervollkommnung abzielendes planvolles Walten, wie mir zum Beispiel Alexander der Große mit besonderer Deutlich- keit als ein Werkzeug solch göttlichen Waltens erscheint." Das Christentum ist natürlich im höchsten Maße das Werk dieser richtigen Offenbarung. So endigt der grause Theatcrstrcit wie jedes gefällige Schau- spiel mit der Verlobung der Getrennten und Hadernden. Zwischen Babel und Bibel treibt die Offenbarung ans gerettetem Kahn, nicht so ivohl die Offenbarung des wörtlichen Diktats, aber doch die, aus welcher Herr Delitzsch seine Vorträge hielt. Deshalb mußte ich des erfindungsreichen Cirknspoeten denken, der Semiranns vor der Welt- schöpfung regieren läßt, um Frieden zwischen der richtigen Offen- barung Delitzsch' und der bezweifelten Offenbarung Mosis zu stiften. Nur ist der Cirkusfrieden insofern der gelehrten Methode vorzuziehen, als er getanzt wird, uud manch' junges Herz dabei— so mag ich wenigstens hoffen— lieblich zuni Leben lacht— die ehrlichste und inutigste Wahrheit I— ckoo. kleines fcuUlctcm. tg. Tic Mcnschcnfallc. Ein schmaler, schattiger Psad führt von der Landstraße rechts ab in den Wald. In vielen Biegungen windet er sich hinab bis zum Ufer des breiten Flusses, der hier langsam vorbciplätschert. Früher dehnte sich zwischen der Mündung des Weges und dem Wasser eine kleine Wüste. Sand, Sand uud noch einmal Saud. Nur ein paar kleine grüne Jnselcheu, mit Gras, Unkraut und kümmerlickien Blüten bestanden, schwammen auf der graugclbcn Fläche. Damals hielte» sich die Ausflügler, welche mit der Bahn aus der Stadt kamen, und so gern den schattigen Weg herabpromc- nicrten, nicht lange an dieser Stelle auf. Sie standen wohl einen Augenblick still, sahen hinüber zum Wasser und schüttelten lächelnd den Kopf über die Armut der Gegend. Tann wandten sie sich am Saume dcS Waldes entlang nach den weiter unten am Fluß gelegenen Lokalen, an denen auf der einen Seite die gewundene Landstraße, auf der andern der Fluß vorüberzog. Ucberhaupt: die Lokale! Eins drängte sich ans andre. Uud Ueberfluß an Gästen hatte nie eines. Ter Strom der Ausflügler zerteilte sich in allzuviele Bächlein. Ein Lockmittel über das andre wurde ausgesteckt. den größtmöglichen Anteil an den Groschen, Markstücke» und Thalcrn in die Kaffe zu leiten und ivomöglich die Konkurrenz totzukriegen, aber es nützte nichts. Reich wurde keiner dabei. Und schließlich war schon ein jeder zufrieden, wenn das Dach nicht über dem Kopf zusammenbrach und mau eben sein Aus- kommen harte. Nur einer war unter den Wirten, dem genügte so ein„Durch- würgen" nicht. Ter hatte ein paar pfiffige Acuglein im Gesicht und unter der schiefen Mütze einen Kopf voll kühner Pläne. Dazu über die Matzen viel Zeit, um sich damit zu beschäftigen. Seit langem ging er herum, wie einer, dem etwas ganz Schlaues unter der Schädcldcckc aufgewacht ist. Dazu zeichnete er, schrieb und rechnete Tag für Tag und spazierle. wer weitz wie oft, an der Mündung des einsamen Weges herum, maß, notierte allerlei und rekognoszierte aufs allergenauste die Gegend. Und eines Tages erklärte er, sich in die„Wüste" hinsetzen zu wollen. Seine Kollegen fragten, ob er Geschäfte mit den Hasen und wilden Kaninchen machen wolle. Aber er lächelte nur listig zu allen Einwänden der Konkurrenten, die ihn einfach für„verrückt" erklärten. Er kaufte um ein Spottgeld den ganzen Sandkomplcx am Wasser und noch einen breiten Streifen Wald dazu. Daun gings an ein Graben, Mauern uud Zimmern, bis sich ein grotzes, schmuckes Wirtshaus in der„Wüste" erhov.„Zur Oase" nannte er es, pflanzte Bäume an. schlug Sonnendächer auf und lieh ein paar Fontänen lustig ihr Wasser verspritzen. Es dauerte nicht lange, da war der Wirt der„Oase" ein arg gehaßter Manu bei seinen Konkurrenten. Eigentlich mft Recht. Denn er fing ihnen mit teuflischer Bosheit fast sämtliche Gäste fort. Ten andern blieben zwar die, welche die Landstraße entlang fuhren oder wanderten. Aber der letzteren waren nicht allzuviele, da den einsame Weg lockte. Wer sich aber einmal ahnungslos aus diesen begeben hatte, der war rettungslos der„Oase" verfallen, wollte er nicht nach halbstündiger Wanderung vor den gastlichen Thoren um- kehren. Es gab keinen andern Ausweg, lind die es dennoch der- suchten, ungcschröpft an den Hallen des Wirtes vorübcrzukammcn, mußten es mit zerrissenen Hosen, zerkratzten Fingern und dergleichen bezahlen. Denn dann war es notwendig, daß sie erst einige Zäune von Stacheldraht überstiegen, nachdem sie sich durch das Unterholz des Waldes, durch Brombeergcbüsch, Tannen und verkrüppelte jviefcrn hindurchgearbeitet hatten. Die meisten dieser Wagemutigen ergaben sich bald in ihr Schick- sal, kehrten auf halbem Wege um und tasteten sich zurück zum Ein- gang der„Oase", allwo mit breitem, freundlichem Lächeln der Wirt stand und die„Verlaufenen" höflich zum Sitzen einlud, ja, ihnen noch die Stühle abwischte und ihnen eventuell Nadel und Zwirn anbot, den Schaden am Anzug vorläufig zu reparieren— eine Einladung, welcher die Erschöpften willig nachkamen. Daß nicht ein Frechling einfach den Garten durchschritt, um an der andern Seite das Lokal zollfrei zu verlassen, darüber wachten gar scharf die pfiffigen Acuglein. Bei solchen Versuchen entlud sich sittliche Entrüstung über den Häuptern der Dreisten—„wovon meinen Sie denn, soll so ein armer Wirt leben?"— aber diese Entrüstung wandelte sich sofort in liebenswürdige Höflichkeit, sobald die Zwangsgäste seufzend in die Tasche griffen:„fteUiierl..." Von den übrigen Wirten haben bis jetzt zwei bankrott gemacht. Ten andern wackelt das Dach über dem Kopf und sie sitzen fortwährend beisammen und beraten, wie dem Unfug der„Monschenfalle" ein Ende gemacht werden könnte. Jüngst haben sie eine Petition an die zuständigen Behörden beschlossen, und am Bahnhof wollen sie Zettel verteilen lasse», welche das Publikum vor der Gefahr warnen sollen. Der Wirt der„Oase" lächelt zu alle» diesen Versuchen. Sind die Ausflügler erst eine Strecke auf der Chaussee gewandert, haben sie den von Automobilen und sonstigen Vehikeln verursachten Staub geschluckt, so biegen sie trotz aller Warnung in den schattigen Weg ein, zufrieden, den grauen Wolken entrinnen zu können.„Und im übrigen," meint der Wirt,„man wird wohl sein Eigentum ein- zäunen dürfen." Er hat noch mehr Pläne. Es ärgert ihn schon lange, daß der Wasserweg noch frei ist„und die da unten alles schlucken". Deshalb baut er gegenwärtig eine Anlegestelle für Dampfer, um im kommen- den Sommer auch von dieser Seite harmlose Gemüter in seine Falle zu locken.— Theater. Neues Theater.„Medca". Tragödie von Euripideö. —„Als ich vor etwa zehn Jahren aus einer guten Vorstellung der Grillparzerschen„Medca" kam, sagte ich zu meinem Freunde: Sehr schön, aber vor allem ist mir doch klar geworden, ein wie großer Dichter Euripides ist." Mit diesen Worten leitete der Uebersetzer, v. Wilamowitz-Möllendorf, eine auf die Aufführung des altgriechischcn Dramas vorbereitende Besprechung in der Tages- presse ein. So bereitwillig man auch die Macht und die Kühnheit des letzten der drei großen griechischen Tragiker wird anerkeimcn wollen, und so gewiß sein Werk das Original ist, auf dem die Schöpfung des neueren Dramatikers fußt, durch welches sie erst möglich geworden,— das feinsinnig umgeformte, im Geist und in der Technik modernem Enipfiudcn angepaßte Nachbild Grillparzcrs ist, was immer Psychologen dagegen sagen mögen, viel reicher an lebendiger Wirkung. Bei allem leidenschaftlichen Pathos der Tragödie deS Euripides wird»ran ein gewisses Gefühl der Kälte rricht loS. Die Wechselrcde Mcdeas mit dem Chor der Korinthischen Frauen befremdet, nicht nur, weil wir des Chorus auf der Bühne überhaupt entwöhnt sind, sondern auch, weil die klagende Znstinnmmg der Griechinnen mit der Isolierung Mcdeas auf hcllenischenr Boden, mit ihrer Heimat- losen Einsamkeit schlecht harnroniert, und weil darüber hinaus es völlig unverständlich bleibt, wie Medea es wagen darf, ohne Furcht des Verrates ihre Rachepläne vor jenen zu enthülle». Ter rein passive Charakter des Chors steht hier mit den Voraussetzungen des Stückes im Widerspruch. Warum jammern diese Griechcnfraric» immer nur, da ein Wort von ihnen, ein Wort, wie es die Pflicht der Stannnverwandtschaft schon gebieten würde, den Schlag, den alle fürchten, aufzuhalten vernröchte. Wie ganz anders glaubwürdig als Mitwisserin und Vertraute erscheint im Gegensatz hierzu die alte Wärterin, die Amme aus den» Kolchcrland. in Grillparzcrs Trauer- spiel, und mit welcher Kunst ist da der von Euripides nur flüchtig angedeutete Gegensatz zwischen der Frenrden und dem Griechentum vertieft, wie anschaulich, das tiefste Mitleid weckend, tritt da die Isolierung der von dem Heiniatboden Losgerissenen uns vor Augen I lind ebenso, tvie die Verlassenheit, kommt auch das Mutter- gefühl der Unglückseligen in dem neueren Drama, das einem großen Teil unsrer Leser ja aus den Aufführungen der„Freien Volks- bühne" bekannt ist. zu unvergleichlich stärkerem Ausdruck. Auch des Euripides Medea liebt ihre Söhne, die sie im Wahnsinn eifer- süchtigen Zornes, um sich an dem verräterischen Gatten zu rächen, ermordet, auch sie preßt die dem Tod Geweihten an die Brust, schaudert zuerst vor dem Entsetzlichen zurück und rechtfertigt sich selbst, daß die Kinder, wenn sie sie schonen wollte, von der Hand der Feinde fallen würden— aber diese Liebe ist nur ein retardierendes, dem Vollbringen des Furchtbaren sich wirkungslos entgegen- stemmendes Gefühlsmoment, während Grillparzer die That selbst aus dem im Innersten verletzten Mutterinstinkte erwachsen läßt. Daß Jason sie verläßt, hätte diese Medea, so laut sie auch Ver- geltung drohte, vielleicht erduldet: aber daß man ihr die Kinder nehmen will, daß ihr eigen Fleisch und Blut, das einzige, daS sie zu retten hoffte, vor deni Rufe der Mutter flüchtet, das treibt sie unentrinnbar zu dem grausigen Entschluß. Und so erst, indem sich hinter der Eifersucht des Weibes ein Tieferes als letzter Grund er- schließt, wächst diese That, Ivird sie denr Mitgefühl menschlich nahe gebracht. Nichts davon in der verschlagenen Heldin des Euripides. In sichercni Besitz der Kinder, mordet sie, kaltsinnig nur das eine berechnend, wie sie Jason ani grausamsten treffe. Sehr charakteristisch, gewinnt ihr Rachcplan erst dann be- stimmtere Gestalt, als sie von dem Athener Fürsten Aigeus den Schwur erschmeichelt hat, er werde sie in seinem Lande aufnehmen und niemals ausliefern. Mit dem Scheine dcniiitiger Nachgiebigkeit dringt sie in�pen hohlherzigen, kleinlich- streberhaften Jason, der nsit geölter Rede jede seiner Ruchlosigkeiten zur Tugend umzudsuteln iveiß, er möge die Königstochter Krcusa, seine neue Gattin, um Schutz für die 5nnder bitten, wenn die verbannte Mutter Korinth verlassen muß. Ter köstliche Schleier, den, vom Vater geleitet, die Söhne als Mcdeas Gabe der Nebenbuhlerin überreichen sollen, ist mit gehciniem Zaubcrgift getränkt. Bald ertönt Wehgcschrci aus dem Palast. Am Boden hingestreckt, mit gierige»! Ohr, sich weidend an der Rache, lauscht Medea der Schrcckcnskunde, die der Bot: überbringt. Kreusa, die Verhaßte, starb an dein Gift und mit ihr Kreon, der den Bann verhängte. Tann eilt sie in die Gemächer, ihre, des Treulosen Kinder mit eigner Hand zu töten. Zu spät stürzt Jason herbei. Unter Donner und Feuer entführt ein Drachen- gespann die Zauberin in die Lüfte: das Athener Land Ivird sie schützen und aus sicherer Höhe schleudert Medca Worte unversöhnten, höhnischen Grimmes auf den einst Geliebten herab. Tie Monotonie der Leidenschaft, die selbst nach dem Kindermorde nicht zurück- flutet, verbunden mit der Sorge um das eigne Leben, drückt das Mitgefühl mit der Heldin, das Euripides ganz zweifellos im Zu- schauer hat erzeugen wollen, zu Boden. Nicht nur menschlich milder, sondern auch inr Grunde viel überzeugender, poetisch wahrer scheint uns Grillparzers Dranra in der Att. wie es die kranipfhaft wilde Spannung beruhigend auflöst, auSzuklingcn. Rosa Bertens sprach mit wunoervoll markiger Kraft die Verse der Medca. Unter den Nebenrollen ragte Winter st eins sehr charakteristischer Jason und Hedwig Wangels alte Hüterin hervor. Die äußere Jnsccnierung war ebenso einfach, wie künstlerisch stimmungsvoll. Doch zu eine»! großen, zwingenden Eindruck, die Aufnahnie zeigte es, brachte es die Dichtung auch in dieser Dar- stellung nicht. Man war mehr interessiert als erschüttert.— —dt. Hiiiiioriftischcs. — Zu viel verlaugt. Präsident:„Sie gaben vorhin an, Sie hätten den Angeklagten genau gekannt, und jetzt sagen Sie das Gegenteil!... Wie reimt sich das?" Zeuge:„Jesses na, jetz' soll in'r vor G'richt gar no' Veröle m a ch e I"— — Allerdings.„... Sie sind Abstinenzler, mein Herr? Alle Anerkennung!... Uebrigens, ich lebe auch nur von! Wasser I" „Nur vo»! Wasser? Das ist ja doch nicht möglich!" „Wgpuin nicht? Ich bin ja S ch w i m ni l e h r e r I"— — Eingegangen.„Diese Wohnung gefiele mir sehr— aber kann man denn in dem Hause Tcppiche klopfen?" „O ja!" „Auch die Thüren zuschlagen?" „Und ob!" „Und Nachts fidel sein?" „Ganz ungeniert I" „Dann kann ich die Wohnung nicht brauchen I"— („Fliegende Blätter.") Notizen. —„Ora et labora", ein dreiaksiges Schauspiel von H e i j e r m a n s. geht anfangs März erstmalig im Deutschen Theater in Scene: Basserniann spielt die Hauptrolle.— — Im Dresdener Hoftheater sollen am 6. März Kotzebnes ,. Deutsche Klein st ädtcr" im Kostüm der Zeit zur Aufführung konimen.— — Hugo Wolfs Oper„Der Corregidor" hatte bei der Erstaufführung in der W i e n e r H o f o p e r nur einen äußer- lichen Erfolg.— A. Plombierte Zähne aus prähi st arischer Zeit. Bei den Ausgrabungen in Copan(Honduras) fand man Vorderzähne von menschlichen Kiefern mit kunstvollen Plomben versehen. In den Email wurde vom in der Mitte ein feines Blättchen Jadeit, genau passend, mit Ccmcnt eingefügt; auch eigentliche Füllungen fanden sich vor.— Veranttvortl. Redakteur: Julius Kaliski, Berlin.— Druck und Verlag: Vortvärts Buchdruckerei u.VcrlagsanstaltPaul Singer LrCo.,Veclil!LW.