Hwterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 39. Mittwoch, den 24. Februar. 1904 (Nachdruck o erbaten.) ci Brther Maters. Roinan Don George Moor e. Mrs. Barfield oder, wie moii sie iiamite. die„Heilige", gehörte gleich Esther der Sekte an, die unter dein Namen der Plymouthbrüder bekannt war. Sie war die Tochter eines Pächters des alten Squires gewesen, eines sehr alten Mannes Ramens Elliot. Dieser Elliot hatte sein Lebenlang aus einer Armseligen Farm oerbracht, war mit niemand befreundet und hatte sich stets mit allen tüchtig herumgeschlagen, namentlich mit dem Squire uich den armen Holzdieben. Noch seht sah man ihn mitunter auf den Bergeil spazieren gehen, in einem langen, schwarzem fest zugeknöpften Rock und einem tief über das dünne graue Gesicht herabgezogenen ivcicheu Filzhut. Die Hübsche Fanny Elliot hatte das Herz des Squires gewonnen, als er sie zum erstenmal sah: hon da an fand er stets einen Vorwand, um nach dieser Farm zu reiten; man sah ihn oft, sehr oft den Weg dahin nehmen, aber bevor Acts; Elliot ver- sprach, Mrs. Barfield zu werden, nrnstte der Squire ihr ver- sprechen, der Brüderschaft beizutreten und niemals wieder zu wetten. Die jetzigen Mitglieder der Familie Barfield er- klärten, das; diese Heirat den socialen Ruin der Familie be- deutete, aber weniger beteiligte Zuschauer nannten es eine sehr passende Heirat, denn sie hatten nicht vergessen, wie kaum drei Generationen zurück die Barsields nichts andres gewesen waren, als Fuhrhalter: erst die vorige Generation war in den Rang der besseren Familien emporgestiegen, und ihre Feinde und Neider behaupteten, das; sie in dieser Generation schon ans �ihr ursprüngliches Niveau zurückgesunken wären. Der Squire hielt eine Zeitlang sein Versprechen. Die Rennpferde verschwanden rnis den Ställen von Woodvielv, und erst nach der Geburt seiner beiden.Linder geschah es. das; er eines seiner Jagdpferde in einem Steeplechaserennen mitlaufen liest: von da an dauerte es gar nicht lange und der Rennstall in Woodvielv war wieder voll. Es gab Thränen, Streit und Zank, aber die Zeit verlangt Lonzessionen von eincni jeden. Mrs. Barfield zankte sich nicht mehr mit ihrem Manne wegen seiner Rennpferde, wofür er sie wiederum nicht mehr ait der Ausiibung ihrer religiösen Pflichten hindern durfte. Sie konnte zu ihren religiösen Versammlungen gehen, wann sie wollte, uild die Bibel lesen, wann und>vo es ihr gefiel. Zu ihren Gewohnheiten gehörte eS, die weiblichen Dienstboten jeden Sonntagnachmittag cme halbe Stunde im Bibliothekzimmer zu versammeln und ihnen das Leben Jesu zu erklären. Mrs. Barsields Güte leuchtete förmlich aus ihrem kleinen ovalen Gesicht hervor. Ihr rötlichblondes Haar wurde am Scheitel schon dünn und sie trug es glatt hinter die Ohren zurückgestricheir, so wie man es auf alten Bildern sieht. Obwohl sie fast fünfzig Jahre zählte, war ihre Gestalt fast so schlank wie die eines jungen Mädchens. Esther fühlte sich durch ihren religiösen Glauben zu ihr hingezogen, und wenn beim Beten ihre Blicke einander begegneten, begriistten sie sich in dein Gefühl tiesinnerster llebereinstinmnmg. Eine ganze Welt von Freude begann sich jetzt in Esthers Herz hinein- zustehlen. Sie wußte jetzt, dast sie nicht länger allein und einsam unter Fremden war, sie wußte, daß sie und ihre Herrin durch ein starkes Band verbunden waren. Ter Anblick Mrs. Barsields erfüllte sie mit Erinnerungen an ihre fromm ver- lebte Linderzeit: sie sah sich wieder wie damals in dem alten Trödelladen, wie sie sich da in einer Atmotsphäre von Fröminigkeit und Beten bewegte, wie sie die herrliche fromme Geschichte wieder und wieder hörte und wie sie in dem Glauben an diese Geschichte herangewachsen irnir. Glückselig beantwortete sie die Fragen, die ihre Herrin an sie richtete, und erfreute jene durch ihre gründliche Lenntnis des heiligen Buches. Aber Mrs. Barfield hatte die Sitte eingeführt, die Mädchen abwechselnd eiinge Verse aus dein Neuen Testament laut vorlesen zu lassen, und Esther fühlte, dast man ihr nun ihr Geheimnis bald entreisten würde. Eines Tages hatte Sarah einen Vers gelesen und Mrs. Barfield hatte ihn er- klärt: jetzt las Margarete: während Esther zuhörte, dachte sie nach, ob sie nicht Krankheit vorschützen sollte, um schnell das Zimmer verlassen zu können, aber sie hatte nicht den Mut dazu: und tvährend sie noch voller Angst und Aufregung darüber nachsann, rief ihr Mrs. Barfield schoir zu, weiter- zulesen. Tief beschämt über die Blöße, die sie sich nun geben mußte, liest sie den Kopf hängen, und als Mrs. Barfield ihr noch einmal sagte, weiterzulesen, schüttelte sie den Kopf. „Können Sie nicht lesen, Esther?" hörte sie eine gütige Stimme fragen, und der Klang dieser Stimme schien die ge- tvaltsam zurückgedrängten Empfindungen plötzlich freizugeben, so dast das Mädchen, anstatt zu antworten, in eiir leidenschaft- liches Weinen ausbrach. Sie litt unsäglich und empfand jetzt nur noch dieses Leiden, bis eine gütige Hand sie faßte und aus dem Zimmer führte. Und diese Hand war es auch, welche die Bitterkeit auS ihrem Herzen hinwegwischte, die darin aufgequollen war, als sie das.Kichern der andren Atädcheir vernommen hatte. Es wurde Mrs. Barfield nicht leicht, sie zum Sprechen zu bringen. Aber schon die ersten Worte, welche Esther äußerte, zeigten ihrer Herrin, das; auf dem Herzen dieses Mädchens weit mehr lastete, als sie in wenigen Momenten erzählen konnte. Akrs. Barfield entschloß sich, die Sache gründlich zu untersuchen, und zwar sofort. Sie schickte die andern Mädchen hinaus und ging mit Esther in das Bibliothekzimmer zurück. Esther sagte ihrer Herrin alles; wie unendlich viel sie für Mrs. Latch arbeiten mußte, wie die andern Dienstboten sie verspotteten und verfolgten wegen ihrer Frömmigkeit. Während der Unterhaltung fiel auch eine Anspielung mls die Rennpferde, und Esther sah bei dieser Gelegenheit einen Aus- druck von Kummer aus Mrs. Barsields Antlitz. „Ich will Sie Lesen lehren, Esther," sagte sie.„Jeden Sonntag nach unsrer Bibelstunde, wenn die andern fort sind, werde ich Sie eine halbe Stunde unterrichten; es ist nicht schwer: Sic werden es bald lernen." Und von nun ait widmete Mrs. Barfield wirklich jeden Sonntagnachmittag eine halbe Stunde dem Unterricht ihres Kücheilmädchcns. Diese halben Stunden waren wie helle Sonnenblicke in den langen Arbeitswochen des Dienst- mädchens: lag ein solcher Sonnenblick kaum hinter ihr, so sah sie schon den kommenden vor sich schimmern. Aber obwohl sie einen ganz gliten Verstand besaß, machte Esther keine schnellen Fortschritte, und all ihr Fleiß und ihr Wunsch, zu lernen, schienen ihr kaum zu helfen. Mrs. Barfield war er- staunt über die Langsamkeit in den Fortschritten ihrer Schülerin und schrieb eö ihrer eignen Unfähigkeit im Unter- richten und der kurzen Zeit, die sie dem Unterricht nur widmen konnte, zu. Esthers Unfähigkeit, Silben zusammenzusetzen und Worte zu begreifen, war auffallend.>var seltsam, wie alles, was gedruckt oder geschrieben war, sie nur zu ver- wirren schien.— IV. Esthers Stellung in Woodview war nun eine ganz sichere geworden. Die übrigen Dienstboten erkannten die Thatsache an, aber gewannen sie darmit nicht lieber. Mrs. Latch hinderte sie nach wie vor, so viel sie konnte, ettvas von ihr zu lernen, nur wagte sie nicht, sie auch jetzt noch überanzustrengen. Von Mr. Leopold sah sie fast so wenig wie von den Herrschaften oben, nur im Korridor begegnete sie ihm mitunter, sonst saß er meist in seinem kleinen Büfsettzinnner. Dorthin begab sich„Ginger" sehr oft, um zu rauchen, nnd durch die halb offen stehende Thür konnte Esther seine dünne Figur sehen, die aus dem Tische saß und mit den Beinen schaukelte. In der Küche bildete Mr. Leopolds tiefes Wissen ein unerschöpfliches Thema der Bewunderung. Seilte Erinnerungen an die Rennen von vor mehr denn dreißig Jahren inter- cssierten alle. Er hatte all die früheren berühmten Renn- Pferde gekannt, die der„Alte" besessen, trainiert und geritten hatte, und wußte Dutzende von Anekdoten über die Pferde und ihre Besitzer zu erzählen.„Gingers" Antlitz beschattete sich stets, wenn seines Vaters Reitkunst gelobt wurde, und wenn er alsdann das Büffettzimmer verließ, kicherte Swindles in sich hinein. „Wenn ich..Ginger" ärgern will, sage ich immer nur: Ah! Niemals wird es wieder einen Gentlemait-Jock*) geben, der so famos reitet, wie der„Alte" in seiner besten Zeit!" Herrenreiter. Alle saßen sie gern im Büssettzimmer, und um es Mr. Leopold recht behaglich zu machen, Pflegte Mr. Swindles das Wolfsfell, das zum Wagen gehörte, mit hereinzubringen und über Mr. Leopolds Lehnstuhl zu breiten; und der kleine Mann mit dem gelben Gesicht rollte sich dann recht behaglich hinein und diskutierte, während er seine lange dünne Pfeife rauchte, die Pro und Kontra des nächsten Rennens; wenn «Ginger" ihm widersprach, ging er zu dem Büffett und ent- nahm einer Schublade einen Jahrgang von„Bells Life" oder einige Nummern vom„Sportsman". In Mr. Leopolds Büffett hatte wohl seit vierzig Jahren kein Mensch einen Blick hineinwerfen dürfen; er hütete es sorgsam vor jedermanns Augen, und es schien die mannig- faltigsten Sachen zu enthalten, denn fast alles, was man ver- langte, holte er von dort hervor; es schien die Nützlichkeit eines Porzellan- und Eisenladens mit der einer Apotheke zu verbinden. Tas Büffettzimmer hatte seine ganz besondere Etikette und Disnplin. Tie kleinen Jockcyjungeu wurden hier nur selten zugelassen, außer wenn er die Absicht hatte, zum Stiefelwichsen oder Messerpützen sich ihrer Dienste zu ver- sichern. William aber durfte hereinkonnnen und war sehr stolz auf dieses Recht. Für diese halbe Stunde im Büffelt- ziinmer gab er jederzeit mit Freuden den Spaziergang mit Sarah auf. Als aber Mrs. Latch von seinen Besuchen dort hörte, beschattete sich ihr Gesicht, und der Lärm, den sie mit ihren Töpfen und Kesseln machte, war fürchterlich. Mrs. Barficld hatte das gleiche Entsetzen vor dem Büffettzimmer wie ihre Köchin und nannte Mr. Leopold nur„jenen kleinen Mann". Obwohl er nach außen hin der Haushofmeister war, hatte er doch nie aufgehört, des„Alten" persönlicher Diener zu sein. Er»mir ein übriggebliebenes Jnventarstück aus Mr. Barsields Junggeselleilleben, und Mrs. Barfield schrieb es seinem Einfluß allein zu, daß ihr Mann zuin Laster des Wettens und Rennens zurückgekehrt>var. Legenden ver- hängnisvollster Art hatten sich um Mr. Leopold und sein Büffettzimmer schon lailgc gebildet, und Esther hielt in ihrer naiven Denkweise gar bald diesen kleinen Raum mit seinem Tabaksqualm uud überall herumstehenden Brannllveingläsern für ein Symbol von allein Gottlosen und Sündhaften, und weirn sie an der Thür vorüber mußte, hielt sie fich�die Ohren zu, um das laute Reden nicht zu hören, tliid senkte instinktiv die Blicke zu Boden. Liebe zu Gott und Gottesfurcht waren die stärksten Principien Esthers, aber wir sind doch zuerst Menschen, dann Christen: die menschliche Natur ist stärker als der stärkste Puritanismus, und in dieser Zeit war Esther vor allen Dingen ein blühendes junges Mädchen. Ihre zivanzig Jahre stürmten in ihr; sie war jetzt nicht mehr übermüdet, und neues frisches Blut floß in ihren Adern; sie sang heiter bei ihrer Arbeit und erfreute sich an dem Blick in den Hof, den sie dabei hatte. Sie sah den jungen Vögeln zu in den grünen Bäumen und Sträuchern, dem Gärtner, der hin und her ging mit Pflanzen und Blumen in den Händen, den Katzen, die in der Sonne saßen und sich reckten oder den jungen Damen entgegenliefen, die ihnen Schüsseln mit Milch brachten; dann sab' sie auch immer die Rennpferde hinaus- und wieder zurückführen; mitunter waren sie so beschmutzt, wenn sie heimkamen, daß ein Teil ihrer Toilette im Hofe besorgt wurde. Von ihrem Küchcnfenster aus sah sie dann, wie das schöne Tier niit einer Kette an dem Haken in der Mauer befestigt wurde, und wie der kleine Junge in Hemdärnieln und aufgekrempelten Hosen an die Arbeit ging. Ohne Furcht vor dem Pferde zu haben, schrie er es an und zwang es zum Gehorsam mit dein Stock, wenn es, gekitzelt durch die Bürste, mit der sein Bauch gereinigt wurde, stoßen und beißen wollte. Tann sah sie die Jungen, die, wenn ihre Arbeit vorüber war, dort miteinander rangen und Ball spielten, und das blasse, dünne Gesicht des„Kleinen Teufels", der ihnen neidisch zusah. Sie sah den„Kleinen Teufel", wie er herauskam, fertig zu seinein langen Spazier- laus hin und zurück nach Portslade, in einen, wie er es nannte, „glühend heißen Ofen von lkebcrzieher" gehüllt. Esther sehnte sich öfter danach, sich mal mit diesen Jungen herumzubalgen. Sie war jetzt schon sehr beliebt bei ihnen; einmal trafen sie im Heuschuppen zusammen, da amüsierten sie sich köstlich, indem sie einaiidcr mit Heu bewarfen; mit- unter wallte ihr heißes Blut aus und sie wurde ärgerlich, aber sowie sie die andern lachen hörte, wurde sie auch wieder sröh- lich und heiter. Mitunter gingen sie auch in Gedanken ver- sunken nebeneinander her, bis einer � plötzlich dem nächsü n einen so geschickten Stoß versetzte, daß die ganze Gesell schast umfiel und auf dem Grase herumrollte, wobei sie vor Ver» gnügen laut schrieen. Dann kam der Tag, wo ihr der„Grütz- köpf" anvertraute, daß er verliebt sei; wie sie sich da amüsiert hatte, und wie sie ihn glauben gemacht hatte, daß sie eiser- süchtig sei! Sie hatte einen Strick genommen, ihn sich um den Hals gelegt, als ob sie sich erhängen wollte, hatte die Enden desselben um einen Baumast geschlungen und war dann niedergekniet, wie zum Gebet. Ter arme„Grützkops" konnte es nicht länger aushalten, er sprang zu ihr hin und schwor, daß, wenn sie ihm versprechen würde, sich nicht zu erhängen, er nie wieder ein andres Mädchen ansehen wollte; da aber sprangen die andern Jungen, die von weitem zugesehen hatten, plötzlich dazu. Wie die den„Grützkopf" neckten! Er war in Thränen ausgebrochen und hatte Esther so leid gethan, daß sie sich aus Mitleid fast hätte entschließen können, ihn zu heiraten. Ihr Leben wurde immer schöner und schöner jetzt; sie kehrte sich nicht mehr daran, daß Mrs. Latch sie nichts lehren wollte vom Kochen und Backen, auch an Sarahs An- spielungen aus ihre Unwissenheit hatte sie sich nachgerade ge- wöhnt.«ie war immer noch sehr arm und hatte bei lveitem nicht Kleider genug, und ihr Leben bot immer noch genug Plackereien und Mühen jeder Art; aber es gab auch Freuden und Belohnungen für sie. So zum Beispiel kam Mrs. Barfield stets zu ihr, wenn sie etwas schnell haben wollte, und auch Miß Mary wandte sich lieber an sie als an die Köchin, wenn sie Milch für ihre Katzen oder Futter für ihre Kaninchen brauchte. » Ter„Alte" und seine Rennpferde, die„Heilige" und ihr Gewächshaus— das war der Inhalt des Lebens in Woodview. Tie wenigen Gäste, die dort hinkamen, wurden meist von Miß Mary empfangen und im Salon oder aus dem Tennisplätze unterhalten. Mrs. Barfield empfing niemand; sie war zu- frieden, wenn man sie in ihrem alten, abgetragenen Kleide— ein von ihrer Tochter beiseite geworfenes Kleidungsstück— und ihrem alten Hut mit einer verblaßten Mohnblume auf dem Kopfe, ruhig herumlaufen ließ. In diesem Anzug ging sie durch ihre Gewächshäuser, begoß, pflanzte und pflegte ihre Blunien. Diese Pflanzen waren ihr, mit Ausyahme ihrer Kinder, das liebste auf der Welt! Sic behandelte sie in der That fast wie ihre Kinder und konnte den ganzen Tag iiber im Gewächshause sitzen, sie reinigen und von Insekten be- freien, während die glühende Sonne durch die Glasscheiben ihr ans Rücken und Schultern herabbrannte. Kannen und Eimer voll Wasser schleppte sie selbst den langen Gartenweg hinab bis zum Gewächshause hin uud klagte doch nie über Müdigkeit. Schelten konnte sie überhaupt nur, wenn Miß Mary ihre Lieblinge zu füttern vergaß. Sie hatte deren eine große Anzahl: Kaninchen, Katzen. Vögel, und die ganze Sorge für diese Tiere ruhte auf ihren Schultern. Sie konnte es nicht mit ansehen, daß diese armen, stummen Geschöpfe hungerten, und ging darum lieber selbst nach der Küche und den Ställen, um ihnen Futter zu besorgen. Aber mitunter war es mehr Arbeit, als zwei Hände zu bewältigen vermochten, und sie schickte in solchen Fällen Esther niit Stücken Fleisch und Brot und Schäfchen voll Milch zu den armen Vögeln hin, die Mary mitleidslos vergessen hatte. „Ich will gar keine Lieblinge mehr halten," pflegte sie zu sagen.„Miß Mary will nicht nach ihnen sehen, und die ganze Mühe fällt auf meine Schultern. Seht bloß diese armen Katzen an. wie hungrig sie sein müssen, daß sie so um einen herumkriechen und miauen!" Sie sprach gern von ihrer unerschöpfliche» Liebe für stumme Geschöpfe, namentlich mit Esther, und brachte das Mädchen so allmählich dahin, ihr die Geschichte ihres eignen Lebens zu erzählen. Tie„Heilige" hörte gern, wenn Esther von ihrem Vater und dem kleine» Trödlerladen in Barnstaple erzählte, sowie von den Betabenden und dem Ernst und der Frömmigkeit dieser Brüder. Die Verhältnisse, in denen sie nun so lange schon lebte, hatten ihre einst so festgewurzelten Gewohnheiten etwas verwischt; die Religion war bei ihr wie ein blühender Garten, etwas weniger gut gepflegt als früher, darum aber noch ebenso heiß geliebt; und während sie Esthers Geschichte anhörte, zog ihr eignes früheres Leben noch einmal an ihrer Seele vorbei, und diese Erinnerungen erfüllten sie mit stiller Seligkeit, (Fortsetzung folgt.)! Em dem JVIiiftklebem Während litterarische Leistungen heutzuiagc doch schon einiger- mästen rechtlich geschützt sind und namentlich eine Anerkennung dieses Rechtes allmählich auch in der össcntlichcn Meinung finden, liegen die rechtlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse der musikalischen Leistungen noch fast völlig im Argen. Riefst nur, das; wirtschaftliche Acguivalcnte für musikalische Konipositionen weit spärlicher sind, als solche für litterarische, sind jene auch jedem Belieben der fremdesten Leute, die sie aufführen ivollen, preisgegeben. Nack manchen ziernlich erfolglosen Anläufen zur Neberwindung dieser Miststände ist nun die„Genossenschaft deutscher Tonsetzer", die seit ungefähr einem Jahre besteht, niit allem Eiser daran, in diesen Ber- hältnifseu Wandel zu schaffen. Tic hat soeben in einer Denkschrift ihre Absichten und Einrichtungen und ihre Bcantivortringen von An- griffen kundgegeben:„Die Anstalt für ni u s i k a l i s ch e s Aufführungsrcch t. Zur Aufklärung und Abwehr."(Berlin, Karl Hcymanns Verlag 1904). Es kann uns hier nicht darauf an- kommen, in die Einzelheiten dieser Erklärung einzugehen, deren Herausgebcrin ja von den musikalisch besten Namen getragen ist. Es genügt zu sagen, dast uns die Sache einen durchaus guten Ein- druck macht, dast die viele» durcheinander gehenden Sckiwicrigkeiten durch eine glückliche Organisation überwunden zu sein scheinen, und dergleichen mehr. Tust die grasten Konzertagenture» und selbst manche Gruppen von Verlegern der neuen Macht feindselig gegen- überstehen, läht sich denken. Jedenfalls sei dieser Leipziger Bc- Ivegung ein bestes„Glückauf" zugerufen I Bedauerlich sckstint cS uns zu sein, dast die„Jnter- nationale M. n s i k g e s e l l s ch a f t" nicht auf die Höhe gc- langt, auf die sie unter andren Umständen infolge ihres glücklichen Grundgedankens kommen könnte. ES scheinen ganz typische Jehler in ihrer Behandlung gemacht Ivorden zu sein, und wir werden vielleicht mit einem allmählichen Hinschwinden dieser Vereinigung rechnen müssen. Jür uns ist es deswegen bedauerlich, weil wir glauben, dast ivohl nur ein primitiveres Kunstlebcn gänzlich aus sich allein das bestmögliche leisten kann. In unsren vorgeschrittenen Verhältnissen ivird es wohl nicht anders möglich sein, als dast alle künstlerische Praxis von zahlreichen sie ergänzenden praktischen Ver- anstaltungen und theorcrischen Bemühungen mit getragen werde. War in früheren Zeiten eine sogenannte ästhetische Kultur entweder dem ganzen Volke ohne weiteres eigen oder hingegen überhaupt nicht zu erreichen, so ist cS jetzt anders. Wir können nicht nur, sondern müssen auch mit bewuhten Anstrengungen das nachholen, was frühere Zeiten mit ihren weniger verwickelten Verhältnissen sozusagen von selber gegeben haben. In diesem Sinuc brauchen ivir auch eine cnd- lichc Weiterbildung der musikalischen Acsthctik und der Acsrhctik über- Haupt, die ja in Deutschland geradezu eine klassische Blütezeit gehabt hat und sich seither recht dürftig weiterschleppt, lins interessiert im Augenblick ani meisten der Umstand, dast das deutsche Volk zum Lebe» der Kunst ctloas von sich aus mitbringt, das manche gegen- lvärtige Erscheinungen gut erklären kann. Wenn in der That alle .Kunst, und so auch die Musik, der Ausdruck seelischer Erlebnisse und zwar in schönen Formen ist, so Ivcrdcn leicht verschiedene Völker sich in verschiedener Weise auf diese zwei Eigenschaften jeglickcr Kunst verteilen. Ter alte Tichterspruch:„Tas Geheimnis der Form hat mich der Süden gelehrt", findet auch hier seine Bestätigung, verlangt aber eine Ergänzung durch einen andren Spruch:„Tas Geheimnis des Ausdrucks hat mich der Norden gelehrt." Tie allmähliche Bc- freiung des deutschen Kunsrlcbcns von fremdländischem Einslust hatte denn nun auch folgerichtig in der dcutsckcn Musik alles das bevorzugt, ivas teils als Ausdruck im eugcrcn Sinne, teils als Charakteristik, teils als Wahrheit und dergleichen bezeichnet werden kann. Die musikalische Moderne steht wesentlich unter diesem Zeichen. Einen besonderen Anlast zu diesen Betrachtungen bot uns ein Konzert, das vor kurzen! Willy Benda mit dem Philharuionischen Orchester in der Philharmonie gegeben hat. Er brachte drei Nuuuncrn, und zwar jede„zum erstenmal". Unter diesen Erst- ausführungcn befand sich auch die Symphonie Omoll von Franz Schubert, komponiert April 1610, die sogenannte„Tragische Symphonie". ES ist mir nicht möglich, zu glauben, dast diese Symphouie noch überhaupt nirgends aufgeführt sei; vielleicht Ivar es nur eben in Berlin noch nicht geschehe»; bekannt ist sie jedem Musikfreund längstens. Tragisch ist sie nun einmal nicht. Ob nun Schubert oder ein andrer ihr den Namen gegeben hat: jedenfalls ist es immerhin bezeichnend, dast unter einem so tiefgehenden Namen eine grostcnteils sehr hübsche, aber dock, nicht erschütternde, ja sogar. manchmal mehr komische Musik vorgeführt Ivird.— Ganz anders verhielt es sich nun mit einer wirklichen Erstaufführung, mit einer symphonischen Dichtung für grostcs Orchester,„P c n i h e s il c a", nach dem gleichnamigen Trauerspiel Heinrich von Kleists, von dem früh verblichenett Hugo Wolf. Eine sympathische Erläuterung von Dr. Richard Batka führte uns dem Wesen der Dichtung fast näher, als es durch die Aufführung geschehen ist. War nun Herr Benda oder das Orchester oder eine zu geringe Zahl von Proben schuld: kurz, das Werk kam derart ohne eine genügende Betonung seiner Hauptbestandteile heraus, dast schwer über seine» Wert zu urteilen ist. Ahnen lästt sich freilich, dast etwas Bedeutendes in ihm steckt. Mit der Aesthetik deS Hästlichen must man sich vor einem solchen Werk allerdings bereits abgefunden haben.— Durchaus nicht nötig ist dies gegenüver einer andern Erstaufführung jenes Konzertes: der Symphonie D-moIl, op. 8, für großes Orchester, von Walter R a b l. Tas ist nun einmal weder ein häßliches Werk noch ein spezifisches Werk deS Ausdruckes— höchstens des Eindruckes, den auf den Komponisten seine Vorgänger gemacht haben. Es ist so geschickt und gefällig gestaltet, wie manches, was man da und dort zu hören bekommt; der dritte Satz(eine Art Scherzo) sogar recht hübsch; das Ganze gut brauchbar zur Ergänzung eines Programms und vor einem Publikum, daS gegen Reminisccnzenjägcreicn ein- genommen ist. Mit dieser Beurteilung: geschickt und gefällig, müssen wir unÄ über manche Konzerte hinaushclscn, die wir von Zeit zu Zeit hören. und von denen man einige Tage später kaum mehr eine andre Er- innerung behalte» hat, als die Konzertprogramme und etwaige Notizen darauf. So hat z. B. der blinde Violoncello- Virtuose Rein hold Schaad gespielt: ganz nett, ohne irgend eine Er- wärmnng. Ein Klavierkomponist und Klavierspieler Richard Richter machte uns mit einem interessanten„Dämonischen Geister- tanz", einer rhapsodischen Tondichtung von ihm selbst, bekannt. Weniger gut gefiel uns sein, übrigens auch auf Liszt ausgedehntes, Klavicrspiel, zumal durch eine Unklarheit in den Stellen der größten Kraft. Eine mit ihm zusammen konzertierende Sängerin Elsa Dietz von Stein fiel uns durch ihr Bemühen nach einer ver- ständnisvollen Accentuierung auf. Rur mühte ihr Klang feiner gc- schult, namentlich der Gegensatz der Register mehr ausgeglichen sein. Sic saug u. a. ein Lied,„Verrat", von Hans P fitz n er, ein durckMus vornehm gehaltenes Jugcndlverk dieses Komponisten, dem wir gern öfter begegnen würden. Mit jenem Lisztspicl nähern wir uns aber bereits der Gegend unsres Konzertlcbcns, in der es nickt so einfach zugeht, dast wir uns mit einem„geschickt und gefällig" verabschiede» könnten. Dem jungen Künstler H e r w a r t h W a l d c n fehlt es keineswegs an gutem Willen, an Originalität und selbst am Können. Allein die» Art und Weise, wie er Liszt und gar erst Beethoven geradezu herunterhaut, führt uns auch über die Aesthetik des Hästlichen hinaus. Oder ivollre er beweisen, dast das Klavier ein abscheuliches In- strument ist, wenn man ihm ein größeres Fortissimo zumutet?— Ter Saal(die Singakademie) wurde in diesem Konzert für jedes Vortragsstück teilweise verdunkelt. Einen besonderen positiven oder negativen Eindruck haben wir davon allerdings nicht gewonnen. Hingegen will uns der Eindruck jener entsetzlichen Fortissimo- Tönv des Klaviercs, den wir hier und auch an manchen andren Stellen gehört, nicht aus der Erinnerung gehen. Warum senden die Friedens- freunde nicht einfach solche Klavierspieler mit ihrem Bcchstcin mitten zwischen die kämpfenden Russen und Japaner hinein?— Vielleicht würde dann der Krieg sofort zu Ende sein. Entschieden zum Spott herausfordernd, und doch keineswegs ohne Ernst und ohne Anrecht auf nähere Beachtung, ist vor kurzem eine neue„Freie Künstlcrvereinigung" vor das Publikum getreten, genannt„Die Unbekannten". Tie äußere Anordnung war so ungeschickt und nachlässig gemacht, daß man schon deswegen das Reckt hätte, kurz über die Sache hinweg zu gehen. Austerdcnl handelte es sich um ein Programm von 10 Nummern, deren mehrere wieder aus einigen Stücken zusammengesetzt waren. Im großen ganzen also der Eindruck einer Schüler- oder Tilcttantenvorstellung; ein teueres und außerdem texrcloscs Programm erhöhte noch die Aus- zeicknung des Abends. Thatsächlich scheinen aber doch einige gute Absichten und tüchtige Kräfte in dieser neuen Sache zu stecken. Wir mußten uns natürlich auf das Anhören von einigen wenigen Nummern beschränken, da Mensche» eben Menschen sind. Besonders siel uns auf, dast Herr Professor K rüger- Ahstedt durch Vor- träge auf dem Fagott die vielbcklagte Einförmigkeit der sonstigen Konzertprogramme überwand. Es scheint uns durchaus cmpfehlcns- wert zu sein, daß auch die Klangfarben der für Solo sonst seltener verwendeten Instrumente dem Publikum ab und zu eigens vertraut gemacht werden. Unter den übrigen Leistungen sei der Vortrag einer Arie durch Fräulein Elsa Keller hervorgehoben; die Sängerin besitzt einen sympathischen vollen Alt und wird hoffentlich einmal Tüchtiges leisten, wenn ihre Stimme noch weniger roh gebildet sein wird. Einstweilen ist vielerlei über unser Opernhaus oder über unsre Opernhäuser zu hören. Tic Gelegenheit wäre so schön gewesen, daß man die unpraktische und kunstwidrige Bude unter den Linden gleich ganz niedergerissen hätte. Allerdings hätte man dann auch noch einiges andre niederreißen solle», das in dieser Bude bisher ge- steckt ist.—____ SZ' Kleines f eiulleton. dl. Auf frischer Erde. Frühjabrssonnel Zwischen Schnee und Regen, zwischen windzcrzausten Wolken ein verirrter Strahl. Er läuft an den hohen Häusern entlang und wirft über ihr verrußtes Grau ein warmes Goldlicht. Er zittert über die dürftigen Bäume am Straßenrand und spiegelt sich flimmernd in den Regentropfen, die noch an den Spitzen der kahlen Zweige hängen. Er huscht über das Pflaster und trinkt das Restchen Schnee, das hier und da noch liegen blieb, er huscht auch hinüber nach dem Neubau, der noch im Wintcrschlafc ruht und liegt'hell und leuchtend auf der freien Erde. Freie Erde— ein kleiner Platz, eng begrenzt, �gerade die Straßenbreite vor dem Neubau, Banstaub, Sand und Müll und doch freie Erde, voll von jenem kühlen, feuchten Duft, den frischgefallener Regen hinterläßt. Die Damen, die vorüber müssen, nehmen ihre 5t(eidcr hoch, lind auch die Männer machen einen weiten Bogen. Skandal, daß hier noch nicht gepflastert isrl Llbschculicher Schmutz! Die Kinder sind ganz andrer Meiming. Freie Erde ist hier, frische, freie Erde!— Was weiß das Großstadtkilrd von freier Erde? Steine sind sein Spielplatz, Steine im Hofe, Steine auf der Straße, kalte, harte, rarihe Steine. Und hier ist freie Erde, Erde, die man mit den Händen formen, darin man wühlen, graben, bauen kann. Freie Erde im goldenen Lichtband wärmender Früfahrssonnenstrahlen. Wie eine Oase in der Wüste liegt sie in dem Steinmeer, wie ein riefiger Magnet,'der seine unsichtbaren Strablen weit hinausschickt und alles zu sich hinzieht, alles, was Kind heißt. In hellen Haufen kommen sie getripvclt, gesprungen, gerannt und gelaufen. Große, kleine, allcrkleinfte aus den nahen Häusern und aus den fernen, selbst aus den entlegenen Nebenstraßen. Kinder der Armut im dürftigen Röckchen mit schmalen, kränklichen Gesichtern und„besiere" Kinder mit blühenden Wangen. Es kribbelt und wimmelt auf dem braunen Fleck wie in einem Ameisenhaufen! Und es giebt hier weder arm noch reich, weder hoch und niedrig, e? kst alle? ein?. Rufen, Lachen, Rennen und Jagen. Reifenspringen. Murnrel- schieben, Tricseldrehen, Backen und'Graben,„Himmel und Hölle", auch ein ganz klein bißchen Zank und Streit, wenn einer eilte Munnel„stibitzen" will... Frühling l Frühling im Winter. Die Sonne leuchtet. Was thut es, daß sie wieder schwinden muß. uird daß im nächsten Augenblick bielleicht schon wieder die Flocken fliegen? Jetzt ist sie da und glänzt und lacht, und all die Kinde rangen glänzen und lachen mit. Es steigt ein Jubel auf von diesem Stückchen Erde, wie Lercben- trillern über junger Saat.—— Da auf einmal ein jäher Schrei:„Es regnet— es regnet!" Ein Lachen und ein Kreischen, im Nu ist alles zerstoben. Die Sonne hat sich wieder versteckt, der Sturm pfeift durch die Straße und peitscht den Regen vor sich her, der Platz vor dem Neu- bau liegt verlassen.— — Eine neue Deutung des Wortes Hansa giebt der Breslauer Professor Colmar Scvaube in der Festschrift des germanistischen Seminars in Breslau.(Leipzig, Teubner.) Nach dieser Aufstellung bedeutet Hansa ursprünglich nictit Hande.lsgenossen- schaft, sondern vielmehr die Handelsabgabe, die von den Kauf- lcuten beim Eintritt in die Kaufmannsgilde erhoben wurde. Sckaube bringt für seine Ansicht ein ungemein reichhaltiges Material bei. So heißt eS in einem Privileg, daß iin Jabrc 1127 Herzog Wilhelm von der Normandie den Bürgern von 2t. Omer in Französisch- Flandern gab, daß die Bürger dieser Stadt, wenn sie zu Handels- geschäfteu nach den kaiserlichen Ländern reisten, keine Hansa zu ent- 'richten haben sollten. Eine Kaufmannsgilde bestand dornais auch schon in dieser Stadt, aber sie führte stets nur den Namen einer «ilcka nrcrcatom. Ter Name Hansa kommt dafür erst in den französisch abgefaßten Statuten aus dem 13. Jahrhundert vor. Der gleiche Sachverhalt ist für die meisten handeltreibenden Städte Hollands und Flanderns nachweisbar, so in Gent, Antwerpen, Groningen, Dordrecht, Middelburg und vielen andren. Den Bürgern von Lübeck gewährte im Jahre 1138 Kaiser Friedrich I. Verkehrs- freiheit im ganzen Herzogtum Sachsen und ebenso fremden Kauf- leuten in Lübeck ohne Entrichtung von Zoll und Hansa: in einer Urkunde des Erzbisckiofs von Köln vom Jahre 1259, worin dieser Kölns Stapelrecht bestätigt, wird ein altes, als Hanse bezeichnetes Recht erwähnt, demzufolge jeder Bürger der Sradt einriß fremden Kaustnann, der dem Stapelrecht Kölns zuwiderhandelte, ergreifen und strafen konnte. Auw nach Frankreich und nach Mittel- und Obcrdeutschland ist das Wort vorgedrungen, es findet sich unter andcrm in Regensburg, Wien und Steiermark. Im Französischen bedeutet haireer: gegen Zahlung der Hanse ein Handelsrecht— später überhaupt ein Recht— erhalten oder verleiben: insbesondere ist in passivischem Sinne Iiance(ein Gehäufte r) jemand, der gegen Leistung der Abgabe in das damit verbundene Recht aufgenommen ist. Mit dieser Abgabe hängt das Amt der Hansgrafen als der Be- amten zusammen, die mit der Erhebung und Verwaltung dieser Ab- gäbe betraut waren: sie begegnen uns zuerst in den Statuten der Stadt Lille vom Jahre 1235 und wurden aus dem bezeichneten Amt in der Folge zu den städtischen Kämmerern und Schatzmeistern der Städte überhaupt. In Bremen bestand dieses Hansgrafeuamt, aller- dings mit geänderten Beftignissen, bis zum Jahre 1879. Daß es nicht den Lorsteher der Hanfagenosscnschaft bedeutet, geht nach Schaube unzweideutig aus seinem Material hervor, indem unter 13 verschiedenen Orten oder Gegenden, wo ein Hansgraf erwähnt wird, er zwölfmal nicht der Vorsteber einer solchen Genossenschaft ist. Erst um die Mitte des 13. Jahrhunderts, zuerst bei der nach England handeltreibenden Genossenschaft der flandrischen Städte, kommt der Name Hansa im Sinne von Hairdelsgenosieufchaft auf.— („Kölnische Zeitung".) — lieber die Bienen in Deutsch-Oftafrika schreibt ein Bene- ditriner in den„MisfionSblättern": Die afrikaniscben Bienen find, wie mir scheint, etwas kleiner als die europäischen und, obwohl wild, nicht so leicht reizbar tvic die europäischen, vorausgesetzt daß man sie in Ruhe läßt. Tritt mau ihnen aber gar zu nahe, sei es, um ihres Honigbesrandeö habhaft zu werden oder gar um sie zu zghmcn oder an europäische Sitten zu gewöhnen, wie i» einem für dieselben bergerichteteir Korbe oder Kasten zu wohnen, wie jene in(Europa, so können sie auch ganz afrikanisch wild werden und einen jämmerlich zurichten. Wachs bildet für diese Bienen offenbar ein besonderes Anziehungsmittel. So weiß ich, daß sich im Jahre 1898 ein Schwärm im Rcisekoffer des Br. Elias einbaute, weil darin einige gelbe Wachskerzen deponiert waren, die auch gleich zum Wabcnhause benutzt wurden. Als Flugloch diente das Schlüsselloch des Koffers: die Waben selbst waren an den Decken de-Z Koffers angebaut. In diesem Frühjahr nistete sich ferner ein Schwärm hier in unsrer Sakristei in einem Schrank ein, tvo ebenfalls Wachskerzen in der Näbe waren und Ivo man sie auch eine Zeitlaug gewähren ließ, da die Bienen anfangs ganz gut waren und man sich für später eine hübsche Portion Honig versprach. Später wurden dieselben aber lästig, so daß deren gewaltsame Entfernung sich als unbedingt notwendig erwies. Die meisten Schwärme finden sich hier in hohlen Bäumen, deren es hier in der hoben Waldwildnis ja massenhaft giebr. lim des Honigs habhaft zu Iverden, räuchern die Schtvarzen die Bäume meistens von unten aus, um nach Vertreibung der Bienen bei Einbruch der Dunkelheit die Honigtvaben zu nehmen, wobei aber meistens der ganze Stock vernichtet wird. Um die Bienen anzulocken, bedienen sich die hiesigen Schtvarzen auch häufig des künstlich ausgehöhlten Stückes eines Baumstammes von 1 bis 1'/- Meter Länge oder auch eines ebenso langen Stückes einer ganzen Baumrinde, die sie, unten und oben mit Deckel und auf einer Seite mit einigen kleinen Löchern versehen, in den Arsten eines höheren. meist schwer zugänglichen Baumes befestigen.?lls Lockspeise wird mitunter ein wenig rohes Wachs oder auch gewisse Blüten und Wurzeln vorher hineingcthan. Doch lverdcn die meisten dieser künft- lichen Bienenhäuschen von den Bienen selbst verschmäht. Im all- gemeinen giebt es noch ziemlich viel Bienen hier, besonders in den angrenzenden trockenen, jedoch Wald- und blütenreichen Hoch. ländern. Eine Weinflasche voll Honig kann man durchschnittlich für 8 bis 19 Pesa(etwa 29 Pf.) kaufen.—• Humoristisches. — Der verkannte H e cht. Junge Frau(die der Köchin zuschaut, wie sie den bereits abgeschuppten Heckt mm_ ausschneidet, und beim Ausnehmen der Eingeweide zu ihrer Ilebcrraschuug dabei zwei kleine Fischchen bemerlti:„Sehen Sie. was Sie für eine dumme Person sind, da haben Sie sich bei dem Fischer ein Weibchen an- hängen lassen."— — B l u m e» s p r a ch e. Gymnasiallehrer:„Ihr Sohn hat mich heute quasi beschimpft, indem er mich mit„Mahlzeit. Herr Professor!" begrüßte, als er mir auf meinem Spaziergang be- gegnete..." Vater:„Unpasiend finde ich diese Form allerdings, indcsieu beschimpft...?" Gymnasiallehrer:„Beschimpft! Allerdings I Wo ich mir gerade eine Distel betrachtete...!" — Replik. A.:„Giebt's bei Euch in der Pfalz auch Reb- Hühner?" B:„Sell will ich meene, alle Beem' hocke boll." A:„Ja sitzen denn die Rebhühner bei Euch auf den Bäumen?" B:„No. wo solle sie denn sitze, wenn hunne schon alles gcrudelt voll is— („Meggendorfer Blätter") Notizen. — Carl W c i ß hat sein Theater in der Großen Frankfurter-- ftraße vom 1. April av auf fünf Jahre an den Direktor des Leipziger Battenberg-Tdeaters, Rkar Fischer, verpachtet.— — Hans PfitznerS romantische Oper„ D i e R o s e vom Liebesgar ten" fand hei der Aufführung im M ü u ch e u c r Hoftheäter eine geteilte Auftiahme.— — Im Hoftheater zu Schwerin hatte die dreiaktige komische Oper„Die Nonne vonGhioceni"� von K o n r a d Schröder bei der Erstaufführung einen starken Erfolg.— — A e g y p t i s ch e Töpfereien aus der elften Dynastie (etwa 2300 v. Cyr.) können, wie der„Frankfurter Zeitung" geschrieben wird, d e u t s ch e Mu s e e n, die dem Publikum ohne Eintrittsgeld geöffnet sind, kostenlos erwerben. Gesuche sind bis zum 29. März an den Direktor der Ausgrabungen zu Bern Hasan, Abu Kirkas in Oberägypten zu richten.— Verantwortl. Redakteur: Julius Kaltski, Berlin.— Druck und Verlag: VoiwärtöBuchdruckerei u.VerlagsanstalrPaul Singer L-Eo., Berlin LIV.