Unterhallungsblatl des Vorwärts Nr. 43. Dienstag, den 1. März. 1904 -(Nachdruck verboten.) Bfthcr Alaters. Roman von George Moore. Mit Ausnahme zweier junger Herren, die von den Damen eingeladen worden waren, war nur die Familie bei- sammen. Miß Mary saß neben ihrem Vater, vorn auf dem Bock, und sah sehr schön aus in ihrem blau und weißen fileide. Peggys schwarzes Haar sah schwärzer aus denn je, unter dem weißseidenen Sonnenschirm, mit dem sie fortwährend hin und her winkte, während sie auf dem Wagen aufrecht dastand, zu allen sprechend und rufend, bis der„Alte" ihr ärgerlich befahl, sich hinzusetzen, da er abfahren wollte. Da ließen William und der Kutscher die 5iöpfe der vorderen Pferde los, liefen neben ihnen her und schwangen sich dann plötzlich auf ihre Plätze hinauf. Auch Mr. Leopolds kleines, gelbes Gesicht sah man im Vorbeifahren zwischen den Kisten, Kasten und Regen- mänteln, die das Innere der Kutsche anfüllten. „O! wie schmuck sah William aus in seiner prachwollen neuen Livree! Jeder fand das— Sarah, Margarete und Miß Grover! Wie schade, daß Sic ihn nicht gesehen haben!" Mrs. Latch gab hierauf keine Antwort, und es fiel Esther ein, wie verhaßt der alten Frau die Livree ihres Sohnes war: es that ihr leid, daß sie die Worte gesprochen hatte; denn, dachte das Mädchen, vielleicht wird sie mich nun noch weniger leiden können als zuvor. Mrs. Latch bewegte sich mit schnellen, kurzen Schritten in der Küche hin und her, bald öffnete sie den Backofen, bald schloß sie ihn wieder, dann blickte sie zum Fenster hinaus. Da sie die andren Dienstboten dort noch stehen sah und sicher war, von ihnen nicht gehört zu werden, sagte sie: „Glauben Sie, daß er viel auf dieses Rennen gesetzt hat?" „O, Mrs. Latch, wie kann ich das wissen? Aber das Pferd wird ja ganz gewiß gewinnen." „Ganz gewiß gewinnen! Die Worte habe ich früher auch schon gehört: die Pferde gewinnen immer ganz gewiß. Also Sie sind mich schon ganz so geworden, wie die andern hier!" und sie richtete sich steif empor. „O, ich weiß wohl, daß es unrecht ist, zu wetten, aber was kann ein armes Mädchen wie ich dagegen thun? lind hätte William mir nicht so sehr zugeredet, so hätte ich das Los neulich auch nicht genommen.", „Mögen Sie den William denn so gern?" „Er ist sehr gut zu mir geivcsen: sehr gut— damals, als--" „— ich böse war: ja, ich weiß es. ich war im Anfang recht schlecht auf Sie zu sprechen: aber Sie wissen ja nicht, warum. Ich hatte damals viele Sorgen, und ich konnte nicht— aber Sie sind mir deshalb doch nicht böse? Ich werde es wieder gut mackicn, wahrhaftig. Sie sollen bei mir kochen lernen." „O, Mrs. Latch. wirklich?" „Ja, ja: als Sie neulich abends mit ihm spazieren gingen, hat er Ihnen da erzählt, ob er viel ans das Pferd gesetzt hat?" „Er sprach viel von dem Rennen, natürlich, das thun ja alle, aber er hat mir nicht gesagt, wieviel er gesetzt hat." „Natürlich nicht, das thun sie nie. Bitte, sagen Sic ihm nicht, daß ich Sie danach gefragt habe." „O nein, Mrs. Latch, ich verspreche es Ihnen." „Es würde ja doch nichts nützen: er würde nur böse werden, böse auf mich: ich fürchte, jetzt ist es überhaupt schon zu spät; wenn sie erst einmal damit angefangen haben, dann ist es gerade so. wie mit dem Trinken. Ich wünschte, er wäre verheiratet, dann würde er es vielleicht bleiben lassen. Ver- heiratet mit einer Fra», die Einfluß auf ihn hätte, mit einer starkeii. klugen Frau. Ich habe manchmal schon gedacht, daß Sie vielleicht so eine wären." In diesem Augenblick betraten Sarah uild die Grover plaudernd die Küche. Sie fragten Mrs. Latch, wie bald sie ihr Mittag bekommen könnten; je eher, um so lieber wäre es ihnen, denn die„Heilige" hatte ihnen erlaubt, heute auch auszugehen, lind sie brauchten vor acht llhr nicht zurück zu sein. Die„Heilige" wäre eine ganz famose Herrin, siejirauchte heute keinen einzigen zur Bedienung, hätte sie gesagt, sie würde sich selbst ihr Frühstück vom Eßzimmer holen: wahr- haftig, solch'ne Dame fände man nicht oft. Mrs. Latch sagte Esther, sie solle sich mit dem Esten sputen, nnd um ein Uhr waren sie alle damit fertig. Sarah und Margarete wollten nach Brighton fahren, lim Einkäufe zu machen. Die Grover wollte nach Worthing gehen, um den Nachmittag bei der Frau eines Beamte» der Brighton and South Coast-Eisenbahn zu- zubringen. Mrs. Latch ging in ihr Zimmer hinauf, um ein Schläfchen zu machen. Es wurde einsamer und einsamer in der großen Küche: Esther nähte, die Arbeit siel ihr aus der Hand und sie dachte nach, waS sie wohl thun könnte, um sich auch ein wenig zu amüsieren. Sie beschloß, an den Strand hinabzugehen. Sogleich setzte sie ihren Hut auf: sie hatte das Meer seit ihren Kinderjahren nicht mehr gesehen, aber noch konnte sie sich die Er- innerung an die mächtigen Schiffe, die in den Hafen einliefen, während Segel auf Segel fiel, und an die ebenso mächtigen Schiffe, die aus dem Hafen herausglitten, während Segel auf Segel stieg, und der Wind sich in ihnen versing und sie vor- wärts trieb, wachrufen. Sie iiberschritt eine mit steifschwänzigen Löweir dekorierte Hängebrücke, die sich über den verschilften Fluß spannte. Sie ging über eine lange Strecke Wiesenland und kletterte dann den Damin hinauf; da lag das Meer vor ihr, still, leise murrend wie ein gefangenes Raubtier. Die Sonne am Himmel schien mit der Glut eines Backofens herab, und unter einem halbverfallenen Badehaus guckten Seerosen hervor. Esther liebte das Meer, aber hier schien es ihr einsam und still, wie ein Gefängnis. Sie blickte an dem öden, bäum- und strauchlosen Ufer entlang, an dem sich eine endlose Kette kleiner Städtchen hinzog, und plötzlich flogen ihre Gedanken un- willkürlich zu William hin. Sie mußte an jenen Abend denke», an dem sie mit ihm hier spazieren gegangen war; jeder Augen- blick stand deutlich vor ihrer Seele; von dem Moment an, da sie ihn kommen sah, bis zu dem Augenblick, da sie in der Stille des Abends Arm in Arm vor den Stallgebäuden standen und horchten, wie Silberschwanz sich von Zeit zu Zeit bewegte. William hatte ihr erklärt, wie sie, wenn das Pferd siegte, sieben Schillinge gewonnen haben würde. Sie wußte jetzt schon, daß William sich nichts aus Sarah machte, und das Bewußtsein, daß er sie gern hatte, hatte ihrem ganzen Leben eine höhere Bedeutung und ein deutlicheres Ziel gegeben. So in ihrem Trauni versunken, saß sie da— der Traum wurde undeutlicher — verschwamm mehr und mehr»— und entschwand endlich gänzlich, als sie in Schlaf versank.— * Als sie die Augen öffnete, sah sie über sich am Himmel ganze Herden weißer Schäfchenwolken vorüberziehen: sie ver- folgte sie mit den Augen und bemerkte, wie sie gegen Westen zu sich rosiger zu färben begannen. Nicht weit entfernt von ihr sah sie die Gestalt einer großen, melancholisch aussehenden Frau sitzen. Sie kam ihr bebannt vor. Esther stand auf und näherte sich ihr. „Guten Abend, Mrs. Randal," sagte sie und freute sich, jemand gefunden zu haben, mit dem sie reden konnte.„Ich habe hier ein wenig geschlafen." „Guten Abend. Fräulein, Sie sind aus Woodview, nicht wahr?" „Ja, ich bin das Kllchenmädchen dort: die andren sind heute alle zum Rennen gefabren. Es gab heute nichts bei uns zu thun. deshalb kam ich hierher." Zuerst antwortete Mrs. Randal gar nicht; dann sagte sie, es sei ein schöner Tag für Goodwood. Esther meinte das Gleiche, und wieder schwiegen beide. Mrs. Randals Lippen bewegten sich leise, als wollten sie etwas sagen— aber sie sprach nicht und erhob sich bald darauf...„ „Ich glaube, es muß bald Zeit zum Thee sein; ich muß nach Hause: wenn Sie keine Eile haben, nach Woodmew Zurückzukommen, könnten Sie ja vielleicht mit mir kommen Thee trinken?". Esther war ganz erstaunt über diese Herablassung, und die beiden Frauen schritten schweigend nebeneinander her, über die Wiesen hinweg, die zwischen dem Meeresufer und dem Flusse lagen, lieber die lange, dünnbeinige Brücke waren Züge vorübergcrast und hatten gleichsam so etwas �re den Haiich einer Kunde aus Goodwood zurückgelassen: und Mrs, Randal, als hätte sie Furcht vor den Nachrichten, die sie er- halten würde, sagte, als sie die Thür ihres Häuschens aufschloß: „Jetzt ist dort schon alles entschieden! Die Leute in jenen Zügen wußten ganz genau, wer gesiegt hat." ..Ja." sagte Esther,„die wußten es. und mir ist es gerade so, als ob ich es auch wüßte. Ich bin überzeugt, daß Silber- schwänz gewonnen hat." Mrs. Randals Häuschen sah von innen genau so kläglich aus, wie sie selbst. Die Möbel waren spärlich und hatten gleichsam ein vereinsamtes und hungriges Aussehen. In der Zuckerdose befanden sich noch ein Paar Zuckerstücke. Mrs. Randal sah aus, als wollte sie jeden Augenblick zu weinen an- fangen. Als sie den Theetisch deckte, ließ sie einen Teller fallen, sie stand dann da und betrachtete die Scherben mit»vehmütiger Miene: als Esther um einen Theclöffel bat, brach sie endlich völlig zusammen. „Ich kann Ihnen keinen Lössel geben." stöhnte sie.„Das hatte ich ja ganz vergessen: oh, ich durste Sic nicht zum Thee zn mir einladen!" „Aber, Mrs. Randal, das thut ja gar nichts, es gcht ja auch so, ich kann meinen Thee mit irgend etwas umrühren, geben Sie mir eine Stricknadel." „Nein, ich hätte das nicht vergessen dürfen; ich durfte Sie nicht zum Thee einladen; aber ich war so traurig und es war so einsam hier im Hause, ich konnte es kaum mehr ertragen; während ich zu Ihnen sprach, brauchte ich wenigstens einmal nicht zn denken, und ich wollte nicht mehr denken, bevor das Rennen vorüber war; wenn Silberschwanz verloren hat, sind wir vollständig ruiniert.— Was dann aus uns werden soll. ich weiß es nicht... Fünfzehn Jahre lang ertrage ich das nun schon. In guten Zeiten habe ich stets so wenig wie mög- lich verbraucht; und in schlechten Zeiten fast gar nichts; ich habe lieber gehungert und entbehrt; aber was waren selbst die schlimmsten Entbehrungen im Vergleich mit der ewigen peinigenden Angst!... Tie Angst, zu sehen, wie er herein- koinmt... mit totenbleichem Gesicht... und wie er sagt: „Um ein Haar hätte er gesiegt!" oder:„Wenn er nicht im letzten Augenblick zusammengebrochen märe, er hätte bestimmt gewonnen!"... Ich wußte wohl, daß es meine Pflicht als gute Frau war, ihm stets zur Seite zu stehen und ihn zu trösten, und wenn er mir sagte:„Ich habe heute den Lohn eines ganzen halben Jahres verloren, und weiß nun nicht, wie wir durch- kommen sollen," so habe ich stets mein möglichstes gcthan, um uns über Wasser zu halten... Ich habe zehntauscndmal mehr ertragen, als ich Ihnen hier so schnell erzählen kann!... Wer kann alle die Leiden der Frau eines Spielers überhaupt erzählen!?... Wie, meinen Sie, war mir wohl zu Mute, als ich einmal mitten in dkr Nacht von ihm aus dem Schlaf geweckt wurde mit den Worten:„Ich kann nicht sterben, Annie, ohne dir Adieu zn sagen!"...„Ja, das ist mir passiert;... das war damals, als Harlequin beim Liverpoolcup geschlagen wurde...„Meine einzige Hoffnung ist," sagte er damals, „daß es dir möglich sein wird, euch über Bord zu halten. Ich weiß, der„Alte">vird für euch thun, was er kann; aber auch er hat furchtbare Verluste gehabt, und kann nicht viel machen. Tu mußt nicht zu schlecht von mir denken, Annie, aber ich habe wirklich viel ausgehalten: nun kann ich nicht mehr, und das beste, was ich noch für euch thun kann. ist. für immer zu verschwinden."... Ja, so sprach er... nicht wahr, das ist hübsch, wenn man von seinem Mann so was in der dunklen Nacht ins Ohr gesagt kriegt!... Es blieb mir keine Zeit, nach dem Doktor zu schicken; ich sprang rasch aus dem Bett, machte Feuer, setzte Wasser zum Kochen auf und nötigte ihn dann, mehrere Gläser heißes Salzwasser zu trinken, so lange, bis er das Laudanum wieder von sich gegeben hatte."—. Esther hörte der traurigen Geschichte zu und mußte an den kleinen Mann denken, den sie Tag für Tag sah, stets so ernst, so ordentlich, so nüchtern und melancholisch: dem man weiß Gott nicht ansah, daß er derartig Erschütterndes erlebt haben konnte. Und der machte solche Streiche! „So lange ich nur an mich zu denken hatte," fuhr die Frau fort,„war es mir ziemlich gleichgültig! Nun aber wachsen die Kinder heran; daran sollte auch er denken, Gott allein weiß, was aus ihnen werden wird I... John wäre der beste aller Männer, wenn er nicht diesen einen Fehler hätte; aber er kann dem Wetten ebensowenig widerstehen, wie der Säufer der Schnapsflasche!" Plötzlich drang ein heiserer Ruf an ihre Ohren: „Der Sieger... der Sieger... beim Stewardsrup!.,, beim Steivardscup!" (Fortsetzung folgt.),' (Nnchdrnil verboten.) Ivette GefcUrchaft! Von E. G. G l ü ck. Autorisierte Ucbersetzung aus dem Französischen. (Acht Uhr morgens. Herr Alcide Ploussot und seine Gattin. Madame Joscphine Ploussot, stürzen nach dem Bahnhof von Bois- des-Champs, einer kleinen Stadt östlich von Paris.) Ploussot:„Wir laufen ganz umsonst! Unser Zug ist doch schon längst fort!" Madame Ploussot:„Das glaube ich nicht. Die Züge verspäten sich immer!" Ploussot(mit einer Bestimmtheit im Ton, wie sie allein langjährige Erfahrung verleiht):„Sie verspäten sich immer, wenn man auf sie wartet. Verspätet man sich aber selbst ewmal, so... Eine nette Gesellschaft, Iosephincl" Madame Ploussot(außer Atem):„Zch kann nicht mehr!" Ploussot:„WaS gilt die Wette, daß der Zug heute pünkt- lich eintrifft?" (Schimpfend und fluchend langen sie auf dem Bahnhofe an. Als Herr und Frau Ploussot den Bahnsteig betreten, zeigt die Uhr 8,10, aber der Zug 8.0S ist noch nicht gemeldet.) Madame Ploussot(triumphierend):„Siehst Du. daß ich recht hatte? Ter Zug ist noch nicht dal" Ploussot:„Eine nette Gesellschaft! Sei versichert, die Verspätung erfolgt nicht uns zuliebe!" Madame Ploussot:„Auf alle Fälle, da diese Verspätung uns einen guten Dienst erweist, dürfen wir uns dieses Mal nicht beklagen." Ploussot:„Doch! Wir müssen trotzdem protestieren! Des Princips wegen!(Sich an einen Bahuarbeitcr wendend): Wird der Zug nun bald kommen?" Der Bahnarbeitcr:„Ich glaube, er hat fünfzehn Minuten Verspätung." Ploussot(böse):„Sie glauben! Sic glauben!... Das müssen Sie wissen!" Der Bahnarbeitcr:„Aber, mein Herr..." Ploussot:„Schon gut! Kennen wir schon! Ihr seid alle einer wie der andre. Wenn es darauf ankommt, dem Publiluin klare, präcise Auskunft zu geben... Ihr kümmert Euch den Teufel ums Publikum!" Der Bah narbeiter entfernt sich achsclzuctend. Ploussot(wütend):„Da soll man sich nicht ärgern! Vcr- dient so ein Kerl drei Frank täglich und behandelt die Reisenden. von denen er lebt, so von oben herab, als ob... Wenn ich mal etwas bei der Regierung zu sagen hätte...! Ich würde diesen Herren schon zeigen, was ihre Pflicht ist. Ich würde sie schon aufrütteln, wahrhaftig!" (In diesem Augenblick fährt die Lokomotive, keuchend und schnaufend wie eine dicke, asthmatische Dame, in die Halle ein.) Ploussot(zu seiner Frau):„Schnell! Einsteigen! Hier! Das trifft sich gut— mit uns ist das Coupe gerade voll." (Sie klettern hinein. Die schon darin sitzenden Reisenden werfen ihnen wütende Blicke zu.) Eine massiv gebaute Dame(widerwillig Platz machend):„Mein Gott! Wie eng diese Coupes sind!" Ploussot(sehr liebenswürdig):„Das Wagcnmaterial ist in der That erbärmlich! Pardon. Madame, Sie sitzen auf meinem Ueberzicher." Ein junger Mann, der sehr gelehrt aus- sieht:„Nur die Franzosen können sich so ettvas gefallen lassen. Ich habe Deutschland und England bereist... Ja, dort ist es ein Vergnügen, auf der Eisenbahn zn fahren! Dieser Komfort! Diese Bequemlichkeit!" Ein dekorierter Herr:„Ohl... Das Ausland hat auch seine Schattenseiten. Aber das ist eine Eigentümlichkeit unsrer Nation, daß uns beim Nachbarn alles besser gefällt als bei uns selbst!" Der junge Mann, der sehr gelehrt aus- sieht:„Trotzdem behaupte ich..." Ploussot(lebhaft unterbrechend):„Ich bin vollständig Ihrer Meinung, mein Herr!(Den dekorierten Herrn fixierend): Ich bin ein ebenso guter Patriot wie irgendeiner, aber ich scheue mich nicht, offen zu erklären: Wir Franzosen sind doch noch sehr rück- ständig!" Ein junger Mann, der etwas zu sein scheint? „Den besten Beweis dafür liefert diese Eisenbahn. Unser Zug hat genau sechs Minuten gebraucht, um von Bois-dcs-Champs bis nach Jascville zu fahren." Ploussot:„Sechs Minuten statt drei!" Das ganze Coupe im Chor:„Eine nette Gesellschaft!"' (Ter Zug hält in Jaseville. Reisende öffnen die Thür?, aber die massiv gebaute Dame scheucht sie durch ein energisches, un-. williges:„Besetzt, mein Herr!... Alles besetzt!" zurück. Ein! Pfiff— der Zug setzt sich bereits wieder in Bewegung, als noch im letzten Moment ein dicker, apoplektischcr Herr ins Coupe stürzt.) Das ganze Coupe(in rührender Einmütigkeit):„Be- setzt!" Der apoplektische Herr(zaudert einen Augenblick, entschließt sich dann aber zu bleiben):„Wissen Sie, ich lege keinen — Ii besonderen Wert darauf, hinauszuspringen und bei der Gelegenheit ein Bein zu brechen.. Sie massiv gebaute Dame(ärgerlich):„Sehr an- genehm, unter solchen Verhältnissen zu reisen!" Der apoplektische Herr:„Weni die Eisenbahn- Gesellschast eine genügende Zahl Waggons 2. Klaffe eingestellt hätte, würde ich Ihnen mit meiner Wcnigleit nicht lästig fallen. Ich bitte also um Entschuldigung." Der dekorierte Herr:„Diese Waggons befinden sich in einen: Zustand...1" Eine Dame:„Sie werden nie gefegt!" Madame Ploussot:„Und die Fensterscheiben! Glauben Sie, daß es jemand irgendwann einmal einfällt, sie zu putzen?" Das ganze Coupe(im Chor):„Eine nette Gesellschaft!" (Pause.) Der junge Mann, der sehr gelehrt aussieht: „Sehen Sie bloß! Hier hängt eine Tafel mit einer Inschrift, die geradezu ironisch klingt:„ÄuS hygienischen Gründen ist es verboten, auf die Teppiche zu spucken." Wo sind die Teppiche?" Ploussot:„Hier natürlich nicht. In der l. Klasse freilich..." Der apoplektische Herr:„In der I. Klaffe... Richtig! Da hätte ich einsteigen sollen. Ich bin wirklich dumm. Natürlich! DaZ war mein gutes Recht. Wenn die 2. Klasse besetzt ist, steigt man eben in die i.l Es ist mehr als Gutmütigkeit von mir. daff ich es nicht gct�an habe. Jetzt bedaure ich es! Hier geniere ich einen jeden und fühle mich selbst im höchsten Grade geniert! Diese abscheulichen Waggons sind so niedrig, daß ein mittelgroßer Mann kaum aufrecht..." (In diesem Augenblick wirft ein plötzliches Schwanken des Zuges die Reisenden über- und durcheinander.) Der apoplektische Herr(auf die massiv gebaute Dame fallend):„Ah! Pardon, Madame!" Die massiv gebaute Dame:„Sie haben mir meinen Hut total zerdrückt!" Der apoplektische Herr:„Ich bin untröstlich." Die massiv gebaute Dame:„Untröstlich oder nicht — mein Hut ich kaput! Wären Sie nicht ins Coupe gestiegen, wäre so etwas nicht passiert! Eine Idee, im Coupe zu stehen!" Der apoplektische Herr:„Na. wissen Sie.ich hätte absolut nichts dagegen, mich zu setzen." Die massiv gebaute D a n: e:„Tie hätten bleiben sollen, wo Sie waren, das Coupe war voll.(Ihm halb den Rücken zukehrend.) Wirklich, es giebt Leute, die sehr wenig Bildung bc- sitzen!" Der apoplektische Herr:„Aber Madame l" Die massiv gebaute Dame(dreht ihm vollends den Rücken zu). (Pause.) Die massiv gebaute Dame:„Gerechter Gott!" Alle:„Was haben Sie?" Die massiv gebaute Dame:„Wir sind ja... Dreizehn!" Ploussot:„Sie glauben au Unglücközahlen?" Die massiv gebaute Dame:„Ja, mein Herr. Sie thun sehr unrecht, darüber zu lächeln." Der dekorierte Herr:„Ich glaubte, die Zahl 13 bringt nur bei Tisch Unglück?" Die massiv gebaute Dame:„Sie bringt überall Un- glück!... Wegen dieses Herrn da muß einer von uns in diesem Jahre sterben." Der apoplektische Herr:„Meinetwegen? Aber Madame!..." Die massiv gebaute Dame:„Allerdings, Ihretwegen I Sie ungebildeter Mensch!... DerapoplektischeHerr:„Erlauben Sie. Madame... Sie waren dreizehn, bevor ich ins Coupe stieg. Jetzt sind wir vierzehn." Die massiv gebaute Dame:„???" Der apoplektische Herr:„Ganz einfach: Sie zählen für zwei!" Die massiv gebaute Dame(wütend):„Unverschämt- heitl"(Sic dreht ihm wieder den Rücken zu und vertieft sich in die Betrachtung der Landschaft. Unterdrücktes Gelächter. Dann Schweigen, das während der weiteren Fahrt nicht mehr unterbrochen wird. Endlich hält der Zug in Paris.) Das ganze Coupe:„Na natürlich! 32 Minuten Ver- spätung! Eine nette Gesellschaft!" (Jeder bemüht sich, möglichst als erster Coupe und Bahnsteig zu verlassen.) Madame Ploussot(im Augenblick, da sie ihr Billct an der Kontrolle abgeben soll):„Ohl Mein Gott! Man hat mir das Portemonnaie gestohlen!" Ploussot:„So machst Du's immer!" Madame Ploussot:„Ist das vielleicht meine Schuld?" Der Beamte:„Ihr Billet, Madame?" Madame Ploussot:„Mein Herr, ich hatte es in meinem Portemonnaie, und das hat man mir gestohlen." Der Beamte:„Tut mir leid, aber Sie müssen zahlen." Madame Ploussot(entrüstet):„Das ist aber doch zu stärkt Wie?l Man bcstiehlt mich und ich soll noch.. 1— Ploussot(sehr würdig):„Streite Dich nicht mit diesem Menschen.(Zum Beamten.) Da! Hier haben Sie Ihre 9 Sous. Wir kommen aus Bois-des-Champs." MadamePloussot:„Eine nette Gesellschaft, das muß ich sagen! Wir wollen uns beschweren." Ploussot(bitter):„Was nützt das?(Zu den Umstehen- den. welche aufmerksam werden.) Was kann man von einer Gesell- schaft erwarten, die in ihren Coupes Gauner duldet? Das Beste ist— man schweigt." (Nach diesen pathetischen Worten bietet Herr Plouffot seiner Gattin den Arm, und das Paar entfernt sich würdevoll.), kleines femUetcm. — Die Glarner Frcibcrgc. Der„Frankfurter Zeitung" wird aus der Schweiz geschrieben: Wenn die Schweizer Alpen noch ziemlich stark mit Gemsen bevölkert sind, so hat man das nicht etwa den für die Tiere günstigen Jagdverhältnisscn oder dein Mangel an Wilderern zu verdanken. Gewildert wird im Schweizer Hochgebirge nicht weniger als in Tirol und in den bayrischen Alpen, und dieses Jagd- system ist für eine schrankenlose Ausrottung unsres Hochwildes wie geschaffen. Die Schweizer Alpen waren denn auch heute wahrschein- lich so ziemlich des Wildes entblößt, wenn man nicht beizeiten durch die Bestimmung von Freibergen und.Bann- gebieten dem Hochwilde gesetzlich geschützte Zufluchtsstätten dereitet hätte. Wir haben eine größere Zahl derartiger Bann- bezirke im schweizerischen Hochland und eine im großen und ganzen tüchtige Aufsicht sorgt dafür, daß in diesen Freibergen nicht gejagt wird. So herrscht denn in allen Freibergen ein starker Wildstand, der viel zur Wiedcrbcvölkerung umliegender Jagdgebiete beiträgt. In erster Linie gebührt dem Kanton Glarus die Ehre, dem Hoch- wilde in seinen Grenzen eine sichere Heimstatt geschaffen zu haben. Der große Glarner Freiberg im Gebiete des K ä r p f st o ck S ist daS älteste Banngebiet der Schweiz. denn er ist schon im Jahre 1260 gesetzlich und urkundlich sestgcstellt worden und seither hat die Landgemeinde jeden Versuch, das Kärpfgebiet für die Jagd zu öffnen, konsequent zurückgewiesen. Heute leben denn auch im Glarner Freiberg nach neuester Schätzung 1200 Gemsen und über 1000 Murmeltiere. Der Freiberg hat auch seine interessante kulturgeschichtliche Seite. Durch obrigkeitliche Verordr.ng ivar früher festgesetzt, daß jedem Hochzciter aus dem Freiberge zwei Gemsen als Hochzeitsgeschenk gegeben werden müssen; diesem Brauche wurde sehr eifrig nachgelebt und die Hochzeiten fanden denn auch in» Glarnerlandc»ul Vorliebe im Herbste statt. Ferner hat auch der Land- atnmann und sein Stellvertreter, der Landesstatthalter, jedes Jahr An- spruch auf eine Gemse aus den» Freiberg und das gleiche Recht besaß aus nachbarlicher Freundschaft der Bürgernicister von Zürich.„Jedem Hoch- zeiter", heißt eS in einer alten Urkunde,„der vor Rar anhaltet, werden zwei Gamstier aus dem Frctcherg gegeben, der Schiit; hat das Fell. Ein Landammann und Stalthalter haben jeder das Recht, jährlich o"ch eines schießen zu lassen. Frehbergschiitzen sollen acht sein, seops evangelische und zwei katholische". Diese„Freibergschützen" mußten vor versammeltem Rate feierlich versprechen und schwören, nicht mehr zu schießen, als ihnen erlaubt war, und„in Summa den Nutzen deS Freybcrgs zu fördern, dessen Schaden zu wehrnen und zu wenden, bestmöglichst treu und ungefährlich". Auf die Wilderei waren strenge Strafen gesetzt:„So jemand in den Freybergen gefährlicher- weise fehlbar erfunden wurde, der soll ein Tag und Nacht in die böse Gefangenschaft gelegt und mit Wasser und Brot gespiessen werden, auch sein Leben lang keine Büchs mehr in das Gebirg tragen beim Eid und 20 Kronen zur Büß geben." So streng geht man heute allerdings nicht mehr ins Zeug; aber hohe Geldstrafen werden auch in unsrer Zeit ausgesprochen jedem gegenüber, der mit der Büchse im Freiberggebiet angetroffen wird. Die Wildhüter zahlt der Staat und der Kanton läßt alljährlich durch die Wildhiiter L0— 100 Gemsen abschießen. NeuestenS hat nun ein Konsortium von reichen Glarner Jägern der Regierung eine jährliche Entschädigung von 4000 Frank angeboten für daS Reckrt, unter der Aufsicht der Wildhüter 20 bis 60 Gemsen im Jahr waidgerecht abschießen zu dürfen. Aber in der Lokalpreffe regt sich ein�ewaltige Opposition gegen eine derartige „Herrenjagd",' die Regierung inuß die Sache vor die Landsgemeinde bringen und dort wird das Volk von den 4000 Frank wahrscheinlich nichts wissen wollen.— Theater. K I c i n e s T h e a t e r:„Mutter L a n d st r a ß e Schauspiel in drei Aufzügen von Wilhelm Schmidt- Bonn.— Der junge Dichter ist den Lesern aus einigen ausgezeichnet anschaulichen. in der„Reuen Welt" veröffentlichten Erzählungen und Skizzen be- kannt. Wer auch nur seine Schilderung des Eistreibens auf dem Rheine gelesen, wird ihn nicht vergessen. Ob auch die Bühne, die so sehr des frischen Nachwuchses bedarf. Bedeutendes von diesem kraftvollen Talente erwarten darf, wird die Zu- kunst zeigen.„Mutter Landstraße" ist ein erster tastender Versuch, der an sich noch nichts entscheidet. Man hat den Eindruck einer rasch zugreifenden� Entschlossenheit, die den offenbar mit starker Empfindung erfaßten Konflikt bis zur äußersten Spitze forttreiben will; aber dem temparamentvollen Wollen gebricht e-3 einstweilen noch an der Beherrschung der so unendlich schwer zu meisternden dramatischen Form, so daß die Zuspitzung nicht als ein notwendiges Resultat der Charaktere, wie wir sie vor uns sehen, sondern mehr als von außen Hineingetragenes, als Konseguenzenmacherei des Dichters erscheint. Als letztes 5tapitcl eines Romanes, der den vielfach verschlungenen seelischen EntWickelungen im einzelnen nachgeht, hätten die Scenen zwischen Vater und Sohn vielleicht tief und überzeugend wirken können, so aber, abgetrennt vom Rumpfe der Vergangenheit, verlieren sie den Schein des Lebens. Man versteht den Groll und die maßlose Härte des Alten nicht; die Gründe, die er selbst zur Motivierung an- führt, huschen wie ein wesenloses Schattenspiel, ohne eine Nachempftndnng in uns auszulösen, vorüber. Es fehlt die Jbsenkunst, die, eine Katasttophe dramatisch gestaltend, im Bilde des gegenwärtig sich Vollziehenden uns zugleich auch das Vergangene, aus dem es wurde und werden mußte, schauen und fühlen läßt. Der erste Akt spielt auf der staubigen Landstraße, die an einen: wohlhäbigen oberbayrischen Gutshofe vorbeiführt. Ein Spielmann nimmt von seinen Wandergesellen Abschied und klopft an die Thür, um Sophie, die gern spendende, freundliche Nichte des alten Hofherrn, vorzubereiten auf die Fremden, die den Berg hinaufziehen. Regungslos starrt sie den Kommenden entgegen und stürzt dann in das Haus zurück. Eine armselig-dürstige Gnippe erscheint: Hans, der heimkehrende, ver- lorene Sohn mit einem Kinde auf dein Arm und hinter ihm er- schöpft vom Gange seine junge Frau. Ihr ahnt Schlimmes vor der ungastlich verschlossenen Pforte, er aber liebevoll und zart wärmt ihr Herz mit seiner eignen frohen Hoffnung, daß sie hinter dieser Schwelle endlich das ersehnte neue Leben finden werden. Nichts deutet in den Reden auf Zweifel oder banges Schuldbewußtsein hin. Ganz unerwartet konrmt so die große Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn a>n Abend in dem altmodischen, friedlichen Familienzimmer mit der niedrigen Balken- decke und dem mächtigen, luftig prasselnden Ofen. Der Hofherr thnt, als überhöre er den Gruß. Schweren Schrittes, die Hände in den Taschen geht er auf und ab.„Rühr' mich nicht an." Sein Groll scheint wohl verletztes Bauern-Ehrgcfühl, ein Zorn, daß der Junge, der vor zehn Jahren so schmuck und zukunftssicher auszog, um Offizier zu werden, es in der Welt zu nichts, zu gar nichts hat bringen können. Das Elend des Sohnes empfindet er als Schimpf. „Deine 5Aeider da sind billig und abgetragen, der Schuh da ist zer- rissen. Und Dein Angesicht hat Backenknochen wie der HuirgeV.... Will das dieser Sohn sein?" Hans, tief und tiefer sich dcmüttgcnd, nicht nur aus Not, sondern auch in dem Gefühl kindlich-ehrfürchnger Liebe, beschwört ihn, wenigstens doch seine Rechtfertigung zu hören. Doch höhnisch verweist ihn der Vater an die leeren Wände.„Du bist ihnen nicht gleichgültiger, wie mir." Dann aber klingen tiefere Töne an, als zürne er noch mehr als dem Elende der Selbstsucht des Sohnes: Hans habe sich versündigt an Sophie, der er den Treu- schwur gebrochen, an der Mutter, die aus Gram über den Ungeratenen starb, an ihm. dem vor der Zeit gebeugten Vater, an dem Mädchen, das er leichtsinnig, unfähig, sich auch nur selber zu erhalten, zu seiner Frau gemacht. Aber obenhin, wie alle diese Momente gestreift werden, bleibt es unklar, wie dieser Alte zu so sinnloser Starrheit sich verhärten konnte, daß er, als Richter seines eignen Fleisches und Blutes sich fühlend, den letzten Rcttnngsweg dein Sohn vertritt und ihn zu sicherem Verderben hinausstößt. Nicht eine Nacht soll ihn das Haus beherbergen. Umsonst alles Flehen, alle Erniedrignngen, umsonst, daß Hans sein Kind dem Alten ent- gegenhält. Ruhig verzehrt der iin Angesicht der Hungernden und Erschöpften sein Abendbrot, als sähe und höre er nichts. Noch weniger überzeugen die letzten Scenen in der Scheune, wo Hans mit den Seinen ein Obdach für die Nacht gesucht hat. Der Vater sucht sie auf, das Mitleid regt sich, er will die arme Frau und das Kleine bei sich aufnehmen, denn sie sind unschuldig, aber der Sohn soll fort. Die Fieberkranke jammert, lieber möchte sie sterben mit ihrem Manne, als daß er von ihr gehe. Der Alte bleibt starr. Hans, durch die höhnischen Drohungen des Vaters zur Wut gepeitscht, will sich mit der Peitsche auf ihn stürzen, aber zwingt dann die Erregung nieder. Da erscheiin Sophie, den Verstoßenen zu trösten und ihn, den sie uoch immer liebt,— als Schwester auf der einsamen Fahrt zu geleiten I Entsagend bittet er sie, zu bleiben, und seiner Frau eine helfende Freundin'zu sein. Draußen ertönt lockend das Lied des Spielmanns, der Ruf der Mutter Landstraße, und Hans fühlt sich auf einmal frei und leicht. Der Vater. dem er zuletzt noch— warum, ist ziemlich rätselhaft— gestanden, daß er gestohlen und gefälscht hat, verlangt, daß er sich seinem Richter stelle, und ruft vergebens die Knechte herbei, daß sie den Verbrecher halten sollen. Hans zieht ins Weite, nach seiner wunderlichen Logik, viel- leicht durch den Verzicht auf seine Frau und auch Sophie, gereinigt und gesühnt. Ihm ist„nach dieser Stunde so fromm und rein, tuie einem Kinde, das gebetet hat". Alles wirrt sich in diesem Schlüsse bunt durcheinander. So vortrefflich die Ausführnng war(Reinhardt gab den Alten, W i n t e r st e i n den Sohn, L u c i e H ö f l i ch und Gertrud E y s o l d t die beiden weiblichen Rollen), die der Dichtung fehlende JllusionSkraft ließ sich auch durch die beste Darstellung nicht ersetzen. Der nicht laute Beifall hatte mit einer ziemlich energischen Oppo- fitton zu kämpfen.— dt. Berantwortl. Redakteur: JulinS Kaliski, Berlin.— Druck und Verlag: Kunst. e. s. Ausstellung im Kupfer st ich-Kabinett. Zeichnungen von niederländischen Meistern des 15. und 16. Jahr- Hunderts und von holländischen Meistern des 17. Jahrhunderts sind hier ausgestellt. Sie bilden den Inhalt der angekauften Sammlung Ä. von Beckeraths. Dieses kleine Zimmer— der Ausstellungsraum des Kupferstich-Kabinetts— birgt meist sehr feine Sachen. Immer ist es eine geschmackvoll gesichtete Auswahl, die man hier zu sehen bekommt, und die Kenntnis, das Wissen dient nur dazu, dem künstlerischen Reichtum zu dienen. Nichts erfreut und überrascht so sehr, wie das Bewußtsein, Plötz- lich unter geschichtlichen Wichtigkeiten den Lebensfaden zu verfolgen, der Entwicklung heißt. Und plötzlich sieht man Werke, die so sehr den Stempel der Notwendigkeit im Verlauf des Werdenden, Ganzen» tragen, daß sie wie Krystallisationen eines ganzen Zeitempfindens erscheinen. Es sind die Stationen der Entwicklung. Aus tausend Versuchen ergeben sich nun, fertig wie Ucberraschungen, die Resultate« Und wieder andre treten rätselhaft und beinahe ohne Zusammenhang auf. Eine unergründbare Kraft wird offenbar in einem Menschen. Jeder Sttich ist ein Muß. Es ist an der Hand dieser Ausstellung möglich, drei Jahrhunderte schnell zu überschauen. Gerade die Zeichmmg, diese schnelle, impulsiv-momentane Niederschrift des Künstlers, interessiert rmsere Zeit ja besonders. So kann man sich vor diesen praktischen Beispielen allerlei Anmerkungen machen für unsre Zeit. Wir sehen, wie immer mehr der Kreis des Darstellbaren sich erweitert. Hier sind es nur Holland und die Niederlande. Aber die Entwicklungswege sind nicht so sehr zeitlich und örtlich beschränkt. Man spürt ordentlich den Drang, die Natur zu beherrschen und bor allem den Raum perspektivisch vertieft zu erfassen. Ehrliches Streben überall. Kein hohles, akademisches Bramarbasieren. Dieses praktische Volk kann es nicht anders. Ich mache besonders auf- merksam auf die Zeichnungen von Buyteuweg(Soldatentypen). Cuyp(Landschaften), Köninck, Adrian van de Velde (Tierstudien), Adrian van Ost ade(Bauerntypcn). Von allen giebt es hier Schönes und in echtem Sinne Vorbildliches zu sehen. Und am Ende dieser Entwicklung steht das geradezu un- glaubliche Genie: Rembrandt. Es ist fabelhaft, wie er sich heraushebt. Eine märchenhafte Kraft beinahe. Man weiß nicht, wo sie herkommt. Sie steht allein da. Jeder Strich eine Meister- schaft. Und das höchste technische Können dient nur der innerlich Ivirkcndcn Seele, das sie offenbart. Das alles geht zusmnmen in beinahe unnennbar schönem Reiz. Er ist wie ein Märchen unter uns. Er ist das Leben. Eine Offenbarung. Daß wir den haben, diesen Rembrandt, da können wir unbändig stolz darauf sein. Unbedingt und ohne jede Klausel l— Humoristisches. — Protektion. Student zu seiner Mutter:„Na, ich will mal sehen, was sich für Papa thun läßt. Mein CorpSbrudcr ist gestern Minister geworden."— — Der S ch c n k k e l l n e r:„So a Krieg is scho' recht! Do haben d' Leut wieder a Unterhaltung und Jstm nöt so intressiert l Seit dö Kriegserklärung da is, paßt loa Mensch mehr aus mei schlechte Einschenkerei aufl"—(„Simplicissimus".) Notizen. — Unter dein Gesamttitel„Die Dichtung" giebt Paul R e»n e r im Verlage von Schuster u. Löfiler(Berlin) Dichter- Monographien heraus, die mit Kunstbeilagen und Brichschmuck von dem Worpöweder Maler Vogeler ausgestattet sind; diese Mono- graphien werden nur von schaffenden Dichtern, nicht von Litteraturhistorikern, geschrieben werden. Im Mai erscheinen die ersten vier Bände. Der Preis des gehefteten Exemplars ist auf 1,50 M.. der des gebundenen auf 2,60 M. angesetzt.— — Im Wiener Burgtheater wurde Gerhart Haupt- nr a n n s„Rose B e r n d t" nach sechs ausverkauften Vorstellungen auf„höheren Wunsch" und ans„stofflichen Gründen" von» R e- p e r t o i r e abgesetzt.— Nach andern Mitteillingen hat das Stück überhaupt nichts„gemacht".— � In der Dresdener Alfftadt wird im Frühjahr 1905 mit dem Ball eines neuen königlichen Schauspielhauses begonnen werden.— � Die Architekturabteilung der diesjährige» Großen Berliner Kunstausstellung soll erweitert werden. Die preußische Staatsbauvcrwaltung wird eine Ausstellung von Enttvürfcn in einem besonderen Saale veranstalten. An die Architekttlrabteilung soll sich, lvie in den letzten Jahren, eine kleine Gruppe künstlerisch durch- gebildeter Jnnenräumc anschließen.— c. Eine kostspielige I n s c e n i e r u n g. Aus London lvird berichtet: Das Londoner Daly-Theater wird am 5. März mit einer neuen Posse mit Musik von JameS T. Tanner und Lionel Monckton,„Der Tinghalese" eröffnet. Die Vorbereitungen zur Jnsccnierung des Stückes dauerten viele Monate; man hat für die Aufführung nicht weniger als 28l>(XX1 M. ausgegeben. Die künst- lichcn Blumen, die für die Dekoration der ersten Scene gebraucht werden, kosten allein 10000 M.— VorwärtoBuchdruckerci u.VerlagsanstaltPaul Singer LeCo.BerlinLIV.